Call for Abstracts/Articles »Jahrbuch für Historische Bildungsforschung 33 (2027)«

Für Band 33 des Jahrbuchs für Historische Bildungsforschung (JHB) mit Themenschwerpunkt »Bildung und Eliten. Verhältnisbestimmungen im historischen Wandel« werden Beitragsvorschläge und Beiträge gesucht. +++ Frist: 30.04.2026 bzw. 30.09.2026.

Das Jahrbuch für Historische Bildungsforschung (JHB) wird gemeinsam von der BBF und Sektion Historische Bildungsforschung in der DGfE herausgegeben. Es enthält jeweils einen Teil zu einem defi­nierten Thema sowie nicht-thematische Abhandlungen und eine Quelle mit Kommentar bzw. Interpretation. 

Dies ist ein:

  1. Call for Abstracts für den Themenschwerpunkt (A):
    Die von der Redaktion ausgewählten Beiträge durchlaufen ein Double-blind-Peer-Review.
    Frist für die Einreichung des Abstracts: 30.04.2026.
    Bei Annahme: Frist für die Einreichung des Beitrags: 30.09.2026.
  2. Call for Articles für den nicht-thematischen Teil (B):
    Artikel werden einem Double-blind-Peer-Review, die Quellenkommentare/-interpretationen einem Herausgeberinnen-Review unterzogen.
    Frist für die Einreichung des Beitrags: 30.09.2026.

Wissenschaftler*innen in der Qualifizierungsphase sind besonders aufgefordert, Beiträge einzureichen.

Das JHB erscheint zeitgleich als elektronisches Open-Access-Format und als Printversion. Die elektronische Fassung ermöglicht die dynamische Einbindung von Medieninhalten (neben Bild- auch Video- und Audioformate). Beiträge, die solche medialen Inhalte präsentieren, sind besonders erwünscht.

(A) Call for Abstracts »Bildung und Eliten. Verhältnisbestimmungen im historischen Wandel«

Wie so oft in Zeiten beschleunigter gesellschaftlicher Transformationsprozesse sind gesellschaftliche „Eliten“ heute wieder problematisch geworden. In der aktuellen Elitenkritik artikuliert sich ein Unbehagen an „denen da oben“, denen die Verantwortung für politische, ökonomische und kulturelle Fehlentwicklungen zugeschrieben wird, eine Missachtung der Interessen „des Volkes“ und der „kleinen Leute“, die sich politisch kaum mehr repräsentiert fühlen. Die Kritik betrifft dabei auch ein neues kulturelles Selbstverständnis heutiger Eliten, die sich nicht mehr, wie bis weit ins 20. Jahrhundert hinein, als konservativ und traditionsverbunden verstehen, sondern als Teil einer progressiven, die Potentiale entgrenzter Märkte und Kulturen für ihre individuelle und kollektive expressive Selbstdarstellung nutzenden globalen Klasse, die das Gemeinwohl – so der Vorwurf – missachte.[1] Ob im Kontext des Brexit, der französischen Gelbwesten-Bewegung, von Wahlkämpfen und auch des bundesdeutschen Politikdiskurses (beispielsweise um das anhaltende ‚Ost/West-Gefälle‘) – Elitenkritik ist allgegenwärtig und gehört weltweit zum Arsenal politischer Konflikte.[2]

Über den oftmals populistisch instrumentalisierten Unmut hinaus manifestiert sich in der Elitenkritik bereits seit längerem aber auch eine Krise der Legitimität sozialer Reproduktion sowie von Demokratie und politischer Teilhabe, für deren Gerechtigkeit und Gelingen das nationale Bildungssystem liberaler Staaten eine zentrale Funktion einnimmt. Demnach wurde das für moderne liberale Gesellschaften konstitutive Versprechen, der Einzelne bzw. seine Leistung sei für seine Position in der Gesellschaft verantwortlich, nicht eingelöst.[3] Stattdessen diene die Rede von einer „Leistungselite“ und die Verteidigung des meritokratischen Prinzips nunmehr den Inhabern von Spitzenpositionen und Führungsrollen zur Legitimation ihrer herausgehobenen (Macht-)Positionen – so die neuere Analyse von Michael Sandel.[4] Damit aber geraten die nationalen Bildungspolitiken und -systeme, auch global agierende Agenturen wie die OECD sowie die für die Vergabe von Abschlüssen zuständigen Institutionen in den Blick. Schließlich wurde diesen seit dem 19. Jahrhundert eine zunehmend wichtige gesellschaftliche und politische Rolle in der Verteilung von Positionen und damit als Garant für Gerechtigkeit im Sinne der Meritokratie zugeschrieben; eine Vorstellung, die allerdings bereits seit den 1970er Jahren in einer Vielzahl empirischer Untersuchungen infrage gestellt und deren Folgen für Gesellschaft und Individuum mit dem Aufkommen von PISA & Co. periodisch skandalisiert werden.

Neben den eingangs aufgerufenen elitenkritischen oder elitenfeindlichen Positionen lassen sich in der öffentlichen Debatte aber „auch zahlreiche Stimmen ausmachen, die das ‚Eliten-Bashing‘ als Gefahr für die Demokratie darstellen, weil komplexe Gesellschaften ohne Eliten nicht funktionieren könnten“.[5] Im Umfeld des gesamten Diskursspektrums soll im geplanten Themenschwerpunkt die Frage vertieft werden, wie Genese, Rekrutierung, Charakter und Funktion von Eliten mit Vorstellungen, Praktiken und Prozessen von Erziehung, Bildung, Ausbildung und Sozialisation historisch verbunden und welche Kontinuitäten und Wandlungen feststellbar sind. Im Sinne historischer Heuristik legen wir einen weiten Begriff von „Elite“ zugrunde, der es ermöglicht, Diskursverschiebungen und Wandlungsprozesse des Zusammenhangs zwischen Eliten, Demokratie und Bildung über politische Herrschafts- sowie soziale und ökonomische Ordnungssysteme hinweg zu rekonstruieren. „Elite“ ist ein soziokulturell und historisch veränderlicher Begriff, dessen Komposita (Positionselite, Traditionselite, Funktionselite, Wertelite) nur mit Methoden historischer Semantik, also in ihren jeweiligen soziokulturell und historisch spezifischen Entstehungs- und Verwendungsfeldern analysiert werden können.[6] Wir folgen hier einem Verständnis, wonach es sich bei einer Elite (von lat. eligere: auswählen, auslesen) um eine Gruppe von Menschen handelt, die sich von einer größeren sozialen Gemeinschaft abhebt, und zwar unabhängig davon, auf welchen Kriterien (Fähigkeiten, ‚Tugenden‘, soziale Position, Verfügungsgewalt über Ressourcen o.Ä.) dieser exklusive Status beruht.[7] In der Regel handelt es sich um Menschen, „deren Handlungsvollzüge, Realitätsdeutungen und Entscheidungen aufgrund privilegierter Handlungschancen für größere Personenkreise meinungsbildend, handlungsrelevant oder mittelbar lebenssituationsverändernd sind.[8] Ausgehend von einer solchen Definition wäre jeweils genauer zu rekonstruieren, wie sich der Elitenbegriff in einem spezifischen soziokulturellen Kontext zu anderen sozialen Kategorien sowie (bildungs-)politischen Konstellationen verhält.

Willkommen sind Beiträge, die sich mit dem Zusammenhang von Bildung, Demokratie bzw. Politik, Eliten (sowohl im Sinne der Heraus- wie der Ausbildung von Eliten) und Elitenkritik in einer bildungshistorischen Perspektive beschäftigen. Der Elitenbegriff kann als soziale oder soziologische Kategorie, aber etwa auch als Schlagwort bzw. Kampfbegriff mit utopischen und ideologischen Bedeutungsdimensionen gefasst werden. Dabei interessieren Zusammenhänge zwischen Prozessen der Konstituierung, Etablierung, Stabilisierung oder auch des Austausches und der Delegitimierung von Eliten einerseits und spezifisch historischen Bildungspolitiken, -institutionen, -praktiken und -diskursen andererseits. Das Spektrum an theoretisch-methodologischen Zugängen reicht dabei von der Sozial- über die  Kultur- bis zur Diskurs- und Geschlechtergeschichte sowie praxeologische Ansätze etc. Zu den dabei ins Blickfeld geratenden Institutionen von Bildung, Erziehung und Sozialisation gehören – neben der vor- und frühkindlichen Erziehung – die verschiedenen allgemeinen und beruflichen, privaten und öffentlichen, nationalen und internationalen Schulformen und -typen bis zu Universitäten oder berufsbezogenen Akademien. Aber auch Sozialisationsinstanzen und -kontexte wie die Familie, Peer-Groups, Parteien, Jugendorganisationen können ins Blickfeld geraten. Zeitlich und räumlich bestehen keine Eingrenzungen, erwünscht sind ausdrücklich auch Beiträge aus inter- und transnationalen Kontext.

Mögliche Perspektiven und Anknüpfungspunkte sind:

Wandel und Beharren von Eliten: Welchen Einfluss hatten und haben Systemumbrüche – wie z.B. Reformen im Übergang von der feudalen zur bürgerlichen Gesellschaft, die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts, Transformationsprozesse seit 1989 – auf den Zusammenhang von Bildung und „Eliten“ sowie dessen Theoretisierung und Diskursivierung? Welche Effekte habe ‚schleichende‘, für die deutsche und westeuropäische Zeitgeschichte typische Strukturbrüche (Bildungsreform-Ära, sozioökonomischer Strukturwandel, Neue Steuerung/Ökonomisierung/Internationalisierung im Bildungswesen seit den 1990er Jahren)?

Bildungseliten – Elitenbildung: Welche Rolle spielen Institutionen, Begriffe oder Theorien von Bildung, Kompetenzen, (schulische) Leistungen und Bildungsabschlüsse etc. im Kontext der Entstehung, Rechtfertigung und Kritik von (Leistungs-)Eliten? Welche Zusammenhänge wurden diskursiv mit welchen Absichten hergestellt?

Eliten, Bildung und Demokratie(kritik): Welche Spannungen und Konflikte ergeben sich zwischen Annahmen eines Zusammenhangs zwischen Demokratie, Bildung und Partizipation einerseits und uneingelösten Versprechen von sozialer Mobilität? Welche politischen Folgen ergeben sich daraus und wie reagiert die Politik darauf?

Verhältnis zwischen Bildungsinstitutionen und Elitenbildung, -rekrutierung sowie deren Wandel: Welche Bildungsinstitutionen, -programme und -reformen (z.B. Eliteuniversitäten, Exzellenz-Initiative) wurden in Zusammenhang mit Eliten gebracht oder allenfalls gefordert? Welche Verbindungen bestehen historisch zwischen Elitenbildung und Schulformen, schulischen Profilen und inhaltlich-curricularen Schwerpunktsetzungen (z.B. den deutschen Schulformen Gymnasium bzw. Realgymnasium, Gesamtschule, private und staatliche Schulen)? Wie bilden sich Konflikte zwischen um Einfluss konkurrierenden Eliten in Bildung und Erziehung ab? Inwiefern lassen sich Wandlungsprozesse von pädagogischen Institutionen, Diskursen und Praktiken als Aushandlungsprozesse zwischen Elitegruppen und als Wandlungsprozesse von Elitekonzepten verstehen?

Elitendiskurse und -semantiken: Welche argumentative Kraft und diskursive Wirkung kommt dem Begriff der „Elite“ im Kontext von Bildung, Bildungskritik und -reform in unterschiedlichen Epochen zu? Wie arbeiten (in Medien und Öffentlichkeit, in Wissenschaft, Lehrer*innenbildung und Bildungsinstitutionen geführte) pädagogische Diskurse mit an der Vorstellung dessen bzw. der Frage danach, wer in spezifischen soziohistorischen Konstellationen zur Elite gezählt wird und welche Kriterien für diese Zugehörigkeit angelegt werden?

Elitenbildung und Geschlecht: Wie spiegelt sich die männliche Konstruktion von „Elite“ in Bildungsinstitutionen, -diskursen und konkreten Rekturierungspraktiken? Welche Prozesse und Praktiken der Netzwerkbildung, der Ein- und Ausgrenzung sowie der Selbst- und Fremdkonstruktion kennzeichnen deren Stabilisierung oder Infragestellung?

‚Elitäre‘ Kulturen und Ausdrucksformen im Kontext von Bildung: Welche (Veränderungen von) schulischen Elitenkulturen lassen sich auf der Ebene von ästhetischen Repräsentationen und Ausdrucksformen (Objekte, Symbole, Architekturen u.Ä.) festmachen?

Von der ‚Gelehrtenrepublik‘ zur transnationalen Elite: Welche Rolle spielen (und spielten!) Mobilität, Austausch, und Zirkulation von Bildung und Wissen über räumliche (z.B. staatliche) Grenzen Hinweg für die Bildung von Eliten?

Anmerkungen:

[1] Vgl. Boltanski, L. & Esquerre, A. (2019). Bereicherung. Eine Kritik der Ware. Frankfurt a.M.

[2] Vgl. Norris, P. & Inglehart, R. (2020). Cultural Backlash. Trump, Brexit. and Authoritarian Populism. Cambridge University Press; Rieger-Ladich, M. (2022). Das Privileg. Kampfvokabel und Erkenntnisinstrument. Ditzingen; Hartmann, M. (2025). Mehr Kontinuität als Wandel. Die deutschen Eliten vom Kaiserreich bis heute. Berliner Journal für Soziologie 35, S. 187-212. https://doi.org/10.1007/s11609-025-00557-4; Sauer, H. (2025). Klasse. Die Entstehung von Oben und Unten. München.

[3] Vgl. Hartmann, M. (2002). Der Mythos von den Leistungseliten. Spitzenkarrieren und soziale Herkunft in Wirtschaft, Politik, Justiz und Wissenschaft. Frankfurt/New York: Campus.

[4] Sandel, M.J. (2020). The Tyranny of Merit. What´s Become of the Common Good? London: Allen Lane. Vgl. Mijs, J.J.B. & Savage, M. (2020). Meritocracy, Elitism and Inequality. The Political Quarterly 91(2), 397-404. https://doi.org/10.1111/1467-923X.12828.

[5] Kroll, Th. (2021). Eliten und Elitenkritik als Forschungsfeld der Sozialgeschichte vom 19. bis zum 21. Jahrhundert. Archiv für Sozialgeschichte 61, S. 9-30, S. 11.

[6] Vgl. ebd.

[7] Vgl. Edinger, M. (2021). Eliten. In: U. Andersen et al. (Hg.), Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. Wiesbaden, S. 247-251; Reitmayer, M. (2022). Eliten. Version: 2.0. Docupedia-Zeitgeschichte, URL: http://docupedia.de/zg/Reitmayer_eliten_v2_de_2022.

[8] Vgl. Hoffmann-Lange, U. (1992). Elite, Macht und Konflikt in der Bundesrepublik Deutschland. Opladen, S. 19.


Die beiden Herausgeberinnen bitten um Einreichung eines Abstracts (nicht mehr als 300 Wörter) bis 30. April 2026 per E-Mail an: 

Die zur Veröffentlichung ausgewählten Artikel (in einer Länge von maximal 60.000 Zeichen einschließlich Leerzeichen und Fußnoten, auf Deutsch oder Englisch) müssen bis 30. September 2026 eingereicht werden und durchlaufen dann ein Peer-Review-Verfahren.

(B) Call for Articles »Nicht-thematische Beiträge und Quellen«

Für den nicht-thematischen Teil können bis 30.09.2026 Beiträge eingereicht werden. Dabei sind alle historischen Themenfelder erwünscht. Beiträge, die den Zeitraum vor dem 18. Jahrhundert betreffen, sind besonders willkommen. Zudem soll möglichst jedes Jahr eine markante Quelle publiziert und in ihrem Kontext interpretiert werden.

Senden Sie Ihre Abhandlung bzw. Ihren Quellenvorschlag bitte an:
Katharina Vogel (E-Mail: amhiQGRpcGYuZGU=)

Termine im Überblick

Einreichungsfrist für die Abstracts zum thematischen Teil: 30.04.2026.
Einreichungsfrist für die Texte (thematischer und allgemeiner Teil): 30.09.2026.

Richtlinien zur Manuskriptgestaltung

Die Richtlinien für die Manuskriptgestaltung finden sich unter:

https://www.jb-historische-bildungsforschung.de/editorial/guidelines-de.xml

Call als PDF-Datei

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Bildquellen:

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