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Gemeinschaft und soziale Heterogenität in Eingangsklassen reformorientierter Sekundarschulen (GemSe)

Gemeinschaft und soziale Heterogenität in Eingangsklassen reformorientierter Sekundarschulen (GemSe)

Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Verbundvorhaben „GemSe – Gemeinschaft und soziale Heterogenität in Eingangsklassen reformorientierter Sekundarschulen. Ethnographische Fallstudien zu Anerkennungsverhältnissen in individualisierenden Lernkulturen“ untersuchte, wie pädagogische Praktiken im individualisierten Unterricht (Leistungs-) Differenzen erzeugen, reproduzieren und transformieren, und welche Prozesse der Gemeinschaftsbildung mit unterschiedlichen individualisierten Unterrichtsformaten einhergehen.

Projektbeschreibung

In dem Projekt wurden ethnographische Daten in acht Eingangsklassen von vier Sekundarschulen gesammelt (je zwei Schulen in Berlin und in Bremen). Neben offenen und fokussierten teilnehmenden Beobachtungen wurden ethnographische Interviews und Gruppendiskussionen mit Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern durchgeführt und ausgewertet. Darüber hinaus wurden schulische Dokumente gesammelt und analysiert. Zusätzlich wurden ausgewählte Unterrichtssequenzen videografiert und detailliert ausgewertet.

Als zentrale schulische Differenzdimension stellt sich die Leistung heraus. Welche Leistungen im Unterricht gefordert werden, ist wiederum davon abhängig, wie individualisiert Lehrkräfte den Unterricht gestalten. Das wiederum variiert in den reformorientierten Sekundarschulen stark. Zum Teil werden nur einzelne Stunden so gestaltet, dass die Schülerinnen und Schüler in individuellem Tempo arbeiten können. Hier haben sie häufiger die Möglichkeit, in Gruppenarbeiten besondere Aufträge zu bearbeiten. Es gibt jedoch auch Beispiele, in denen feste Lerngruppen gänzlich aufgelöst werden. Die Schülerinnen und Schüler arbeiten dann alle an unterschiedlichen Aufgaben und treffen sich nur, um „Gemeinschaftsfragen“ zu besprechen – wie etwa Probleme in der Klasse, anstehende Feste oder Fahrten.

In Bezug auf die Leistungsdifferenzen zeigt sich: Wird der Unterricht standardisierter gestaltet, können individuelle Leistungen in einem Unterrichtsgespräch besser dargestellt werden, beispielsweise durch konkrete Nachfragen zu behandelten fachlichen Inhalten. Je individueller in den einzelnen Klassen gearbeitet wird, desto stärker werden die Leistungen daran gemessen, wie die Arbeitsergebnisse präsentiert werden und wie jeweils der Lernweg von den Schülerinnen und Schülern reflektiert wird. Gute Leistungen erzielen diejenigen Schülerinnen und Schüler, die sich als „kompetente Darsteller“ und „Organisatoren“ des eigenen Lernprozesses präsentieren. Hier erweist es sich als schwieriger, die fachlichen Inhalte zu berücksichtigen. Dies hat zur Folge, dass das, was als Leistung überhaupt ins Gewicht fällt beziehungsweise fallen kann, differenzierter wird und sich gegenüber einer vor allem kognitiven Leistung ausweitet.

Die unterschiedlichen Formen des individualisierten Lernens wirken sich darauf aus, wie der Unterricht in seinem fachlichen Bezug gestaltet wird und wie Leistungsbewertungen durch Lehrkräfte zustande kommen. Schulen, die keinen individualisierten Unterricht anbieten, strukturieren den schulischen Ablauf typischerweise nach Fächern. Anhand des Unterrichtsfaches legen Lehrkräfte fest, was abschließend bewertet und wie dies abgeprüft wird. Je individualisierter der Unterricht gestaltet wird, desto weniger wird der Tagesablauf entlang der Unterrichtsfächer strukturiert. Die Lehrkräfte bewerten hier nicht nur die fachliche Qualität der Aufgabenbearbeitung, sondern zum Beispiel auch, wie schnell und selbstständig Schülerinnen und Schüler arbeiten.

In welcher Weise sich die Schülerinnen und Schüler gemeinschaftlich aufeinander beziehen, ist zum einen davon abhängig, wie die jeweiligen Lerngruppen (jahrgangshomogen oder gemischt) organisiert sind, zum anderen, wie im Einzelnen der individualisierte Unterricht gestaltet ist. Je individualisierter der Unterricht, desto stärker bilden sich Leistungsdifferenzen zwischen Schülerinnen und Schülern entlang der Differenzen „Alter“, „Reife“ und ihrer Zugehörigkeit zu einer Clique. Dies kann bei der Beurteilung durch die Lehrkräfte häufiger zu Diskriminierungen führen.

Lehrkräfte sind aufgrund der bildungspolitischen Hochkonjunktur des Begriffes „Heterogenität“ besonders sensibel für dieses Thema. Sie haben mitunter verfestigte Ansichten darüber, wie sich ihre Schülerinnen und Schüler unterscheiden, und erklären diese Unterschiede – oft problematisch – zur Grundlage pädagogischen Handelns. Wichtig ist es, Lehrerinnen und Lehrer dabei zu unterstützen, verfestigte Vorstellungen über Differenzen (wieder) aufzuweichen. Lehrkräfte sollten animiert werden, bewusst zu reflektieren, ob ihre Vorstellungen über Schülerinnen und Schüler mit ihren Ansichten zu deren Leistungspotenzial verknüpft sind. Nur wenn solche Zuschreibungen vermieden werden, sind Lehrkräfte in ihren Handlungsmöglichkeiten freier. In der Praxis sollte hier nach geeigneten Wegen gesucht werden, wie dies vermittelt werden kann. Offen ist dabei auch die Frage, inwieweit Lehrkräfte in individualisierten Unterrichtsformaten „Sachvermittler“ sind und wie das fachliche Lernen von Schülerinnen und Schülern besser unterstützt werden kann.

Finanzierung

Der Forschungsverbund wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Bereich „Chancengerechtigkeit und Teilhabe. Sozialer Wandel und Strategien der Förderung“ gefördert.

Kooperationen

Projektleitung

Einzelprojekte

  • Prof. Dr. Till-Sebastian Idel und Anna Schütz (Universität Bremen)
  • Prof. Dr. Kerstin Rabenstein und Julia Steinwand (Georg-August-Universität Göttingen)
  • Prof. Dr. Sabine Reh (BBF) und Anne Breuer (BBF)
  • Prof. Dr. Norbert Ricken und  Anna Welling (Universität Bremen)

 

Projektdaten

Projektart: Drittmittelprojekt
Status:
Abgeschlossene Projekte
Laufzeit:
07/2010 – 07/2014
Forschungsfeld: Ethnographische Bildungsforschung
Kontakt: Sabine Reh
zuletzt verändert: 20.07.2017