Marienthal am
4 August 1851.
Lieber
Barop und Neffe.
Wenn ich so eben einen
Zweiten Brief von Dir empfange
während ein, vor längerer Zeit von
Dir erhaltener noch
unbeantwortet mich stets mahnend vor mir auf
dem Ar-
beitstische liegt, so ist der Grund dieser
Nichtbeantwortung
keinesweges eine Vernachlässigung oder
Hintansetzung der
gesammten Verhältnisse, sondern der wahre Grund
davon
liegt, blank und frank ausgesprochen eben in der hohen
Un-
bestimmtheit in den ununterbrochen Schwankenden
der
großen und gesammten Lebensverhältnisse wovon Keilhau
und
Marienthal jedes einzeln für sich und beide wieder geeint
und
gemeinsam ein integrirender Theil sind, so daß eben
wegen dieser
allgemein schwankenden Ungewißheit des
Lebens es nicht möglich
ist zu einem Entschluß zu kommen.
Um nun aber doch, ohne
selbst durch einen einseitigen
Eingriff eine Entscheidung herbei
zu führen, so habe ich und
in mir in der völligen Überzeugung mit
der ganzen Ge-
meinsamheit und so auch mit Dir in
Übereinstimmung, Deinen
jüngsten (eben von mir noch
unbeantworteten, aus den oben
ausgesprochenen Gründen
unbeantworteten Brief) ganz ein-
fach, ohne irgend eine andere
Hinzufügung als die der Bitte
um Entscheidung an Middendorffen
abschriftlich mitgetheilt.
Middendorff schreibt mir darauf, (und ich kann Dir
auch dieß,
wenn mir dazu Zeit bleibt, wörtlich abschriftlich
mittheilen)
daß er die Sache mit Frau und Schwager besprochen
habe
und daß als das Gerathenste erkannt worden sey, daß
sie
beide - er Middendorff und
Schaffner - das Ganze
zu gemeinsamer Fortführung
gemeinsam übernähmen
indem Du ja erklärt hättest mit Ihnen
beiden, oder mit einem
von Ihnen beiden das Ganze
nicht fortführen
zu können und ebenso wenig
zu wollen. Ob ich nun gleich
einmal
nach diesem Briefe an Middendorff in Betreff
unserer
hiesigen Verloosungsangelegenheit geschrieben
habe,
so habe ich Dich in diesem Briefe, so viel ich mich
erinnere /
[1R]
nichts aus gesprochen was irgend einer
Bestimmung
von meiner Seite mir irgend ähnlich sähe; warum?
-
- weil ich es aus umstehehend [sc.: umstehend] angegebenen
Gründen
nicht kann, und das Ganze nur Eurer
beiderseitigen
Vereinbarung vorliegt.- Aber auch
Middendorff
hat mir seit jener Zeit nicht wieder geschrieben;
(doch
muß es heut von meiner Seite geschehen, um ihn um
die
Zurücksendung der nicht untergebrachten Loose zu
bitten),
deßhalb habe ich geglaubt die Sache sey zwischen Euch
beiden
resp: dreien zur Besprechung und Entscheidung
gekommen;
wodurch ich noch durch ein Gerücht von einer Reise
Mid-
dendorffs bestätigt wurde, welche mir in Verbindung
mit
seinem mir so bestimmt ausgesprochenen Entschlusse
das Ganze zu
übernehmen zu stehen schien. Jedoch ich
persönlich habe weder
schriftlich noch durch mündliche Ver-
mittelung etwas weiteres
von Middendorff gehört als
einzig seine mehrerwähnte briefliche
Mittheilung seines
Entschlusses.
Was
Middendorffs gereizten Zustand
betrifft, so hat er
mir gesagt, daß er sich Dir ganz offen und
klar
mitgetheil
ausgesprochen
habe als Du ihm den Kauf des
Schulzengutes
mitgetheilt, Du ihm aber auch Deine Ansicht vom
Ganzen
nicht verschwiegen habest, die ihn aber
keinesweges
befriedigt habe. Daß sich nun aber diese
Gereiztheit rein
in sich steigert, ohne alle anderweitige
Veranlassung,
liegt wohl ganz in der Natur der Sache, wenigstens
bin
ich mir einer solchen Veranlassung nicht bewußt,
was
Albertine geäußert hat,
bezieht sich wohl, und kann sich ein[-]
zig nur auf meine
Mittheilung Deines
M Briefes an
Midden[-]
dorff beziehen. Ich dagegen habe geglaubt, daß, nach
Midden-
dorffs Entschluß, die Sache längst zwischen Euch zweien,
resp.
dreien besprochen sey. Vor mir liegen
alle Lebensverhält[-]
nisse noch
so schwankend und unbestimmt, daß ich in Hinsicht
auf die
Keilhauer Angelegenheit
bis jetzt einzig
nur
indiffe- rent dastehen kann.
Jeder von Euch beiden klagt den andern
an, daß die Angelegenheit
nicht ruhig mit
ihm zu besprechen sey, /
[2]
Du klagst über Middendorffs
Gereiztheit und er über
Deine Heftigkeit, was ist da zu thun?
Mein Vorschlag ist also der: Bis nach Zurückkehr von
Deiner
Reise bleibt das Verhältniß meiner zur Anstalt
und zu dem
Grundbesitz und so auch das Verhältniß der
Glieder des
eigentlichen Keilhauer Kreises unter sich und zu mir
unverändert
das bisherige. Bis zu Deiner Rückkehr werden sich
hof-
fentlich die gesammten Lebensverhältnisse mehr
und
entschiedener entwickelt haben, dann dünkt mich läßt
sich
auch eine entscheidender Beschluß fassen.
Du schreibst, wie im
Großen, so im Kleinen gährt es
zur Reinigung und Klärung; dieß
ist mein Glaube,
und ich sage: in dieser Gährung, ob sie gleich
Kleines wie
Großes umfaßt, handelt sich es doch nicht um ein Jede
um die[-]
ses Kleine, ob es gleich durch dieses Kleine hindurch
geht
und dieses Kleine auch als Glied des großen Ganzen,
oder
als Gliedganzes seine Rechtfertigung und
Befriedigung
findet wie es seine Berechtigung hat - sondern es
handelt
sich eigentlich nur um die Fortentwickelung des
Ganzen;
und der, wie das Einzelne haben nur zu prüfen und
zu
streben ob und wie durch die ihre
seine persönliche Fort-
entwickelung die des Ganzen erreicht
werde, und
wie der oder das Einzelne sich im einigen
Lebenszusammen[-]
hängen mit dem Lebensganzen, denn Leben als
einem
Einigen sich fortentwickeln.
Gott erhalte Dich
gesund.
Wann denkst Du zurück zu kehren?-
Um jede
Zweideutigkeit, und Falschdeutigkeit zu ver-
meiden werde ich
Middendorff blos schreiben,
was
ja auch nur der Fall ist, daß Du mir
geschrieben Deine
Abreise
gemeldet hast.
So viel ist gewiß: - Großes, Gutes, Schönes
Wahres
Edles Zeitliches und Ewiges konnte der K. K.
[sc.: Keilhauer Kreis] erreichen, <bewirken>
konnten sich
die Glieder in jener geistigen Einigung finden und
verständigen -
wo jedes Individuelle wie seine Berechtigung, so
seine
Rechtfertigung u Befriedigung hat. /
[2R]
Mit gleicher
Herzlichkeit wie Du Deinen
d.h. in wahrer aufrichtigen
Herzlichkeit empfängst
Du meine u meiner Frau Grüße zurück
D.Fr.Fr.
Den Empfang der
75 rth. beschein[i]gt
Fr.Fr.