[Lithographie mit Ansicht von
Marienthal]
Bildungsanstalt
Marienthal.
für allseitige
Lebenseinigung.
Hochverehrter Herr.
Wie sehr mich
nach unserm nur eben begonnenen Briefwechsel, be-
sonders nach
Eingang Ihres lieben ermuthigenden Briefes vom 7en
Mai vorigen Jahres, also nun beinahe seit
einem Jahre, das Leben
gepackt und herum geschüttelt haben muß,
geht daraus hervor, daß
Ihr lieber theilnehmender Brief seit fast
einem Jahre - wer sollte es
für möglich halten - unbeantwortet
blieb; obgleich, in vollster
Wahrheit des Wortes mir dessen
Beantwortung wirkliche Herzens- und Lebensangelegen-
heit war und
der Brief seit jener Zeit täglich unter meinen zu
beant-
wortenden Briefen vor mir auf dem Schreibetische liegt.
Den Grund da-
von muß ich mit darin finden, daß Ihre gütig
theilnehmende Zuschrift
eine solche Fülle von Ideen und Gedanken
in mir weckte, die ich als
durch Ihre warme Theilnahme auch alle
gern mit Ihnen besprochen
mindestens Ihnen mitgetheilt hätte, zu
welcher umfassenden Mitthei-
lung mir aber, durch die laufenden
Geschafte, welche wie ein Strom
durch mein Leben fließen,
natürlich nie die Zeit kommen wollte, und so
/
[99R]
unterblieb,
selbst bis jetzt was ich doch mehrfach selbst so sehr
er-
sehnte.
Doch damit Sie doch endlich ein Zeichen des
Dankes für Ihren
lieben theilnehmenden Brief von mir erhalten,
will ich auch jetzt
noch Mittheilungen aus der geistigen
Entwicklung des Ganzen,
so sehr mich dazu wohl das Leben drängt
zurück- und mich zunächst
blos an Vorführung äußerer
Lebensthatsachen halten.
Seit meinem ersten und letzten Brief
an Sie hat die Sache der
Kindergärten mehrfach Ausbreitung
gewonnen. In
Hamburg allein sind
wieder seit dem ersten Bürgerkindergarten 2-3
neue dergleichen
aufgeblüht. In
Breslau wurde einer von
der
dasigen freien Gemeinde gegründet. In
Cassel einer von ei-
nem Frauenverein. Der
Ihnen bekannte Kindergarten in
Merseburg, besonders durch die Mitwirkung
unseres ehrwürdigen
Weiß.
Durch einen Verein von Bürgern ein Kindergarten in
Schmalkalden. Als Privatunternehmen ein
Kindergarten in
Göthingen.
Nordhausen gründete einen als Werk der
gesamm-
ten freien Gemeinde. Ebenso rief der Frauenverein in
Nürn-
berg einen ins Leben, welchem
jetzt bald ein zweiter, vielleicht
dritter folgen soll. Also in
einem Zeitraum von weniger als
einem Jahre 9 bis 10 neue
Kindergärten. Beinahe ebenso
viele sind jetzt schon von
Posen an bis nach
Bad[en] Baden für das
laufende Jahr vom
Frühling ab in Anregung zum Theil schon
im Unternehmen.
Außerdem hat sich die Presse sehr bei der Sache, ja in
der
Führung der Sache betheiliget hier namentlich durch den
ge-
wesenen Seminardirektor
Dr Diesterweg in Berlin, dessen
Rheinische
Blätter jetzt vollständig den Gegenstand vielseitig
vertreten,
wie er nun neuerdings noch besonders in seinem
Jahrbuch für 1851, welches eine große
Darlegung meiner
Bestrebungen enthält, dann in der
Zueignung zur 4
en und
neue-
sten Auflage seines Wegweisers, welche eine besondere
Hin- /
[100]
weisung auf meine Bestrebungen enthält.
Diesterwegs Toch-
ter selbst
sucht sich zu einer gediegenen Vertreterin der Sache
herauf zu
bilden, wie sie nun im verflossenen Sommer sich
zum zweitenmale
während eines ganzen Cursus sich der
Aneigung und des Studiums
des Gegenstandes widmete
und sie dieses Studium um denselben ganz
freithätig zu behan-
deln im nächsten Sommer noch fortzusetzen
gedenkt.
Auch noch andere namhafte Männer und deren Federn
sind
für die Sache gewonnen so zuerst
Gustav Kühne, der
Herausgeber
der Europa. Ich wünschte daß diese Zeitschrift
bis nach
Greifwalde hinauf bekannt wäre, dann würden
Sie gewiß in N
o. 79, 80, 81 u 82 derselben eine recht
anregen-
de Darstellung meiner Bestrebungen gelesen haben,
welche
auch wirklich vielfach sehr angesprochen und dem
Gegenstande
Freunde gewonnen hat.
Eduard
Baltzer ist in einer neuen Zeitschrift, "Die
freie
Gemeinde Halle" N
o.1. welche in Nordhausen bei
Förstemann
herauskommt als Vertreter derselben aufgetreten.
Dr
Ludwig Storch, welcher im vorigen
Jahre einige Zeit hier
zubrachte und in diesem Sommer einige
Monate hier zu
leben gedenkt, dessen
Frau, aus inniger Liebe zur Sache und
ihrer
Pflegetochter (meiner Schülerin im jüngsten
Bildungscursus)
jetzt Führerin des Kindergartens in Nordhausen
mit schönstem
Erfolge ist; bearbeitet jetzt den Gegenstand in
einer volks-
thümlichen umfassenderen Darstellung.
Ein
gewisser
Lehrer Pösche in
Nordhausen, welcher auch schon
mit ein paar
recht guten Worten in der oben gedachten 1
enN
o. der
freien-Gemeinden-Halle für den Gegenstand auf-
getreten ist, hat
denselben in der Bearbeitung einer schwei-
zerischen
pädagogischen Preißaufgabe auch dort nun wie-
der neuerdings zur
Sprache gebracht, so wie derselbe
die Idee, als Redacteur meiner
"
Zeitschrift" (
Lange hat die /
[100R]
Redaction, als
Director einer eigenen Schulanstalt in
Hamburg, abgegeben)
künftig ausschließend vertreten
wird.
Frau von Mahrenholz, welche im Anfang vorigen
Jahres
durch einen eigenen Aufruf an die deutschen Frauen
aber-
mals für die Idee auf- und eintrat, lebte im vorigen
Sommer
bis spät im Herbste hier und wirkte mit einem nicht zu
ermü-
denden, aber auch fruchtbringenden Eifer für die
Anerkennung
nicht nur, sondern besonders für die Begründung und
Darstel-
lung derselben. Durch ihre rastlose Bemühung kam eine
Gaben-
Verloosung zusam[m]en, welche Rth 75 Thaler trug
und welche
die Grundlage zur Ausführung eines
Musterkindergarten
in dem nahebei liegenden Bad Liebenstein
wurde, welcher
vielleicht schon im Laufe dieses Monats, nachdem
durch Fr: v[on] M[arenholtz']
anregende Thätigkeiten auch unsere
beiden Hoheiten, die
reg.
Fr:
Herzogin und deren Schwägerin die
Fr: Herzogin Ida zu
Sachsen
Weimar (welche während des Sommers in Bad Liebenstein
lebt) für die Sache gewonnen wurden - eröffnet wird.
Eine
Dresdner noch junge, wenn auch schon eine 16jährige
Tochter
besitzende Dame widmet sich ganz aus freier
innerer
Selbstbestimmung, getrieben vom Geiste der Sache, der
Ver
breitung derselben und gedenkt zu diesem Ende einen
Muster-
Kindergarten in Hamburg oder
Kiel in Gemeinsamkeit
mit ihrer Tochter (es
ist dieß wie Sie sich erinnern müßten der
2. Fall) auszuführen.
Fr:
Ottilie
Schmieder, so heißt diese
begeisterte Vertreterin der
Sache wollte für dieselbe erst in
Wien
auftreten, deshalb schrieb sie eine kleine Schrift an die
Frauen
Wiens. Doch die neuen Constellationen in Wien bestimmten
sie
diesen Plan aufzugeben.
Es ist recht merkwürdig daß seit einem
Jahre u. etwas mehr gegen
sechs unglücklich verheirathete Frauen
in den besten und schönsten
selbst erst 2te[n] Lebensjahren an in
dem Kindergarten Berufe /
[101R]
Frieden des Herzens und
Freudigkeit des Lebens u.s.w erhalten
haben. Dasselbe findet
selbst bei mehreren meiner übrigen
Schülerinnen als vom Leben
stiefmütterlich behandelten Jung-
frauen statt.
Sie sehen
hier, verehrtester Herr Director, eine noch äußer-
lich
hinzukommende Frucht der Kindergärten, welche wegen
ihrer ins
Leben eingreifenden Wichtigkeit nicht minder zu be-
achten
ist.
Ohngeachtet nun dieser mehrfachen Theilnahme fehlt es
den-
noch noch immer an Kindergärtnerinnen; obgleich alle
jetzt
wirksame Kindergärtnerinnen in Lagen sind, welche
dieselben
vollständig befriedigen, welche ihnen im bürgerlichen
und ge-
selligen wie im Familienleben die ehrendste und
anerkennend-
ste Auszeichnung und bei ganz freier Station, nach
Maaßgabe
der gesammten Verhältnisse, von 50 bis 120 Rth. also
im
Mittel 80 Rth Jahrgehalt reichen. Die thörichten
Vorur-
theile sind unter den Müttern und unter den nur an
äußern
leeren LebensTandt gewohnten Töchtern so
eingewurzelt,
daß sie es, bis des Lebens Rosen geknickt sind für
ein Gehen
ins Kloster achten sich der Kindheit - und doch ihrem
Beruf
ihrer Bestimmung gemäß- anzunehmen. Die größte
Schuld
liegt aber hier entweder - an der äußerlichen und
Halbbil-
dung - oder dem übertriebenen einseitigen, mechanischen,
lee-
ren Haushaltungssinn der Mütter. Wohnten Sie
hochverehr-
ter Herr Director nicht so sehr entfernt, so würde
ich Sie
ersuchen wie und wo sich Ihnen Gelegenheit dazu zeigt,
für
Arbeiterinnen in diesen
seegensreichen Lebensgärten thätig
zu seyn. Doch die Eisenbahnen
bringen ja jetzt leicht das Ent-
fernte zusammen; wie man von
Posen und Baden
Baden
Kindergärtnerinnen von mir sieht und für letzteren
Ort eine
welche wie in deutscher, so in
französischer und englischer Sprache
über das Wesen und die
Anwendung der Mittel Erklärung geben kann. /
[101]
Auch
ich selbst war nach Möglichkeit durch den Druck für
die Sache
thätig. Der erste Band der Wochenschrift
ist
geschlossen und durch den Buchhandel - in Leipzig
durch
unsern Commissionär Gebhardt & Rechsland
zu beziehen.
- Da meine Geschäfte mir nicht gestatten die Wochen
und
Tage einzuhalten, so erscheint die Wochenschrift künftig
als
"Zeitschrift"
für Fr Fr. Bestrebungen
u.s.w. wie früher
und in freien monatlichen Heften. Könnten Sie dem Blatte
dort
Theilnahme verschaffen so könnte dieß nur förderlich seyn[.]
Ich
werde Sorge tragen daß Ihnen durch den Buchhandel
entsprechende
Zusendung gemacht wird.
Von der Einführung der Spiele in den
Schulen, worauf
schon Ihr gütiger Brief beachtend hinweist,
konnte ich Ihnen
aus zwei Schulen einer Dorf- und einer
Stadtschule Ergeb-
nisse vorführen, wo
fernvon besonders die aus der
Dorfschule
mich wirklich in Verwunderung gesetzt haben,
besonders
auch durch den Erfolg der
stetigen Heraufbildung; so sagte
und wieß
mir der Lehrer nach, daß die
Arbeiten der
jüng-
sten, welche von den begründenden Beschäftigungen
herauf
und nach strengen
Gesetz herauf
gebildet waren, nicht nur
weit
freier,
sondern auch wirklich schöner und geschmackvol-
ler war. Was
jetzt kleine Kinder mit
Bewußtseyn,
Freudigkeit Freiheit und
Ausdauer
mit Rückwirku[n]g auf
Geist und
Gemüth und das daraus hervorgehende
tägliche und häusliche Leben
leisten, welche in dieser Weise ganz
einfach und still aber
sinnig, denkendhandelnd und handelnd,
schaffend denken leisten,
darüber würden Sie selbst sich wundern
und gewundert haben
wenn Sie gestern gesehen hätten was der
Schullehrer Motschmann aus dem Walddorfe
Steinbach mir in dieser Hinsicht
vorlegte.-
Liese sich in Greifswalde ein Commissions-lager für
unsere Spiele er-
richten würde ich es jetzt gern thun. Kaum habe
ich noch Platz Ihnen meine
Bitte um fernere Geistes[-] u LebensEinigung ans Herz zu legen.
Ganz der Ihrige
Friedrich
Fröbel
[Am linken Rand]
Marienthal, ohnweit Bad Liebenstein b. Eisenach im
Weimarschen am 7. März 1851. /
[100R]
[hochkant:]
Werden Sie wohl so
gütig seyn und um Böses mit Gutem zu vergelten mich bald mit einem
Brief erfreuen? /