Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Direktor Hiecke in Greifswald v. 7.3.1851 (Marienthal)


F. an Direktor Hiecke in Greifswald v. 7.3.1851 (Marienthal)
(GNM Bl 99-101; Brieforiginal 1½ B 8° 6 S. ohne Adressat, Bl 101 liegt falsch: 101R kommt vor 101V, Adressatort geht aus 100V u. 101V hervor; Adressat lt. Abschrift in BN Anh. 29, aufgrund Adressatort plausibel.)

[Lithographie mit Ansicht von Marienthal]


Bildungsanstalt Marienthal.
für allseitige Lebenseinigung.



Hochverehrter Herr.

Wie sehr mich nach unserm nur eben begonnenen Briefwechsel, be-
sonders nach Eingang Ihres lieben ermuthigenden Briefes vom 7en
Mai vorigen Jahres, also nun beinahe seit einem Jahre, das Leben
gepackt und herum geschüttelt haben muß, geht daraus hervor, daß
Ihr lieber theilnehmender Brief seit fast einem Jahre - wer sollte es
für möglich halten - unbeantwortet blieb; obgleich, in vollster
Wahrheit des Wortes mir dessen Beantwortung wirkliche Herzens- und Lebensangelegen-
heit war und der Brief seit jener Zeit täglich unter meinen zu beant-
wortenden Briefen vor mir auf dem Schreibetische liegt. Den Grund da-
von muß ich mit darin finden, daß Ihre gütig theilnehmende Zuschrift
eine solche Fülle von Ideen und Gedanken in mir weckte, die ich als
durch Ihre warme Theilnahme auch alle gern mit Ihnen besprochen
mindestens Ihnen mitgetheilt hätte, zu welcher umfassenden Mitthei-
lung mir aber, durch die laufenden Geschafte, welche wie ein Strom
durch mein Leben fließen, natürlich nie die Zeit kommen wollte, und so
 /
[99R]
unterblieb, selbst bis jetzt was ich doch mehrfach selbst so sehr er-
sehnte.
Doch damit Sie doch endlich ein Zeichen des Dankes für Ihren
lieben theilnehmenden Brief von mir erhalten, will ich auch jetzt
noch Mittheilungen aus der geistigen Entwicklung des Ganzen,
so sehr mich dazu wohl das Leben drängt zurück- und mich zunächst
blos an Vorführung äußerer Lebensthatsachen halten.
Seit meinem ersten und letzten Brief an Sie hat die Sache der
Kindergärten mehrfach Ausbreitung gewonnen. In Hamburg
allein sind wieder seit dem ersten Bürgerkindergarten 2-3
neue dergleichen aufgeblüht. In Breslau wurde einer von der
dasigen freien Gemeinde gegründet. In Cassel einer von ei-
nem Frauenverein. Der Ihnen bekannte Kindergarten in
Merseburg, besonders durch die Mitwirkung unseres ehrwürdigen
Weiß. Durch einen Verein von Bürgern ein Kindergarten in
Schmalkalden. Als Privatunternehmen ein Kindergarten in
Göthingen. Nordhausen gründete einen als Werk der gesamm-
ten freien Gemeinde. Ebenso rief der Frauenverein in Nürn-
berg
einen ins Leben, welchem jetzt bald ein zweiter, vielleicht
dritter folgen soll. Also in einem Zeitraum von weniger als
einem Jahre 9 bis 10 neue Kindergärten. Beinahe ebenso
viele sind jetzt schon von Posen an bis nach Bad[en] Baden für das
laufende Jahr vom Frühling ab in Anregung zum Theil schon
im Unternehmen.
Außerdem hat sich die Presse sehr bei der Sache, ja in der
Führung der Sache betheiliget hier namentlich durch den ge-
wesenen Seminardirektor Dr Diesterweg in Berlin, dessen
Rheinische Blätter jetzt vollständig den Gegenstand vielseitig
vertreten, wie er nun neuerdings noch besonders in seinem
Jahrbuch für 1851, welches eine große Darlegung meiner
Bestrebungen enthält, dann in der Zueignung zur 4en und neue-
sten Auflage seines Wegweisers, welche eine besondere Hin- /
[100]
weisung auf meine Bestrebungen enthält. Diesterwegs Toch-
ter
selbst sucht sich zu einer gediegenen Vertreterin der Sache
herauf zu bilden, wie sie nun im verflossenen Sommer sich
zum zweitenmale während eines ganzen Cursus sich der
Aneigung und des Studiums des Gegenstandes widmete
und sie dieses Studium um denselben ganz freithätig zu behan-
deln im nächsten Sommer noch fortzusetzen gedenkt.
Auch noch andere namhafte Männer und deren Federn sind
für die Sache gewonnen so zuerst Gustav Kühne, der
Herausgeber der Europa. Ich wünschte daß diese Zeitschrift
bis nach Greifwalde hinauf bekannt wäre, dann würden
Sie gewiß in No. 79, 80, 81 u 82 derselben eine recht anregen-
de Darstellung meiner Bestrebungen gelesen haben, welche
auch wirklich vielfach sehr angesprochen und dem Gegenstande
Freunde gewonnen hat.
Eduard Baltzer ist in einer neuen Zeitschrift, "Die freie
Gemeinde Halle
" No.1. welche in Nordhausen bei Förstemann
herauskommt als Vertreter derselben aufgetreten.
Dr Ludwig Storch, welcher im vorigen Jahre einige Zeit hier
zubrachte und in diesem Sommer einige Monate hier zu
leben gedenkt, dessen Frau, aus inniger Liebe zur Sache und
ihrer Pflegetochter (meiner Schülerin im jüngsten Bildungscursus)
jetzt Führerin des Kindergartens in Nordhausen mit schönstem
Erfolge ist; bearbeitet jetzt den Gegenstand in einer volks-
thümlichen umfassenderen Darstellung.
Ein gewisser Lehrer Pösche in Nordhausen, welcher auch schon
mit ein paar recht guten Worten in der oben gedachten 1en
No. der freien-Gemeinden-Halle für den Gegenstand auf-
getreten ist, hat denselben in der Bearbeitung einer schwei-
zerischen pädagogischen Preißaufgabe auch dort nun wie-
der neuerdings zur Sprache gebracht, so wie derselbe
die Idee, als Redacteur meiner "Zeitschrift" (Lange hat die /
[100R]
Redaction, als Director einer eigenen Schulanstalt in
Hamburg, abgegeben) künftig ausschließend vertreten
wird.
Frau von Mahrenholz, welche im Anfang vorigen Jahres
durch einen eigenen Aufruf an die deutschen Frauen aber-
mals für die Idee auf- und eintrat, lebte im vorigen Sommer
bis spät im Herbste hier und wirkte mit einem nicht zu ermü-
denden, aber auch fruchtbringenden Eifer für die Anerkennung
nicht nur, sondern besonders für die Begründung und Darstel-
lung derselben. Durch ihre rastlose Bemühung kam eine Gaben-
Verloosung zusam[m]en, welche Rth 75 Thaler trug und welche
die Grundlage zur Ausführung eines Musterkindergarten
in dem nahebei liegenden Bad Liebenstein wurde, welcher
vielleicht schon im Laufe dieses Monats, nachdem durch Fr: v[on] M[arenholtz']
anregende Thätigkeiten auch unsere beiden Hoheiten, die reg.
Fr: Herzogin
und deren Schwägerin die Fr: Herzogin Ida zu
Sachsen Weimar
(welche während des Sommers in Bad Liebenstein
lebt) für die Sache gewonnen wurden - eröffnet wird.
Eine Dresdner noch junge, wenn auch schon eine 16jährige
Tochter besitzende Dame widmet sich ganz aus freier innerer
Selbstbestimmung, getrieben vom Geiste der Sache, der Ver
breitung derselben und gedenkt zu diesem Ende einen Muster-
Kindergarten in Hamburg oder Kiel in Gemeinsamkeit
mit ihrer Tochter (es ist dieß wie Sie sich erinnern müßten der
2. Fall) auszuführen. Fr: Ottilie Schmieder, so heißt diese
begeisterte Vertreterin der Sache wollte für dieselbe erst in
Wien auftreten, deshalb schrieb sie eine kleine Schrift an die
Frauen Wiens. Doch die neuen Constellationen in Wien bestimmten
sie diesen Plan aufzugeben.
Es ist recht merkwürdig daß seit einem Jahre u. etwas mehr gegen
sechs unglücklich verheirathete Frauen in den besten und schönsten
selbst erst 2te[n] Lebensjahren an in dem Kindergarten Berufe /
[101R]
Frieden des Herzens und Freudigkeit des Lebens u.s.w erhalten
haben. Dasselbe findet selbst bei mehreren meiner übrigen
Schülerinnen als vom Leben stiefmütterlich behandelten Jung-
frauen statt.
Sie sehen hier, verehrtester Herr Director, eine noch äußer-
lich hinzukommende Frucht der Kindergärten, welche wegen
ihrer ins Leben eingreifenden Wichtigkeit nicht minder zu be-
achten ist.
Ohngeachtet nun dieser mehrfachen Theilnahme fehlt es den-
noch noch immer an Kindergärtnerinnen; obgleich alle jetzt
wirksame Kindergärtnerinnen in Lagen sind, welche dieselben
vollständig befriedigen, welche ihnen im bürgerlichen und ge-
selligen wie im Familienleben die ehrendste und anerkennend-
ste Auszeichnung und bei ganz freier Station, nach Maaßgabe
der gesammten Verhältnisse, von 50 bis 120 Rth. also im
Mittel 80 Rth Jahrgehalt reichen. Die thörichten Vorur-
theile sind unter den Müttern und unter den nur an äußern
leeren LebensTandt gewohnten Töchtern so eingewurzelt,
daß sie es, bis des Lebens Rosen geknickt sind für ein Gehen
ins Kloster achten sich der Kindheit - und doch ihrem Beruf
ihrer Bestimmung gemäß- anzunehmen. Die größte Schuld
liegt aber hier entweder - an der äußerlichen und Halbbil-
dung - oder dem übertriebenen einseitigen, mechanischen, lee-
ren Haushaltungssinn der Mütter. Wohnten Sie hochverehr-
ter Herr Director nicht so sehr entfernt, so würde ich Sie
ersuchen wie und wo sich Ihnen Gelegenheit dazu zeigt, für
Arbeiterinnen in diesen seegensreichen Lebensgärten thätig
zu seyn. Doch die Eisenbahnen bringen ja jetzt leicht das Ent-
fernte zusammen; wie man von Posen und Baden Baden
Kindergärtnerinnen von mir sieht und für letzteren Ort eine
welche wie in deutscher, so in französischer und englischer Sprache
über das Wesen und die Anwendung der Mittel Erklärung geben kann. /
[101]
Auch ich selbst war nach Möglichkeit durch den Druck für
die Sache thätig. Der erste Band der Wochenschrift ist
geschlossen und durch den Buchhandel - in Leipzig durch
unsern Commissionär Gebhardt & Rechsland zu beziehen.
- Da meine Geschäfte mir nicht gestatten die Wochen und
Tage einzuhalten, so erscheint die Wochenschrift künftig als
        "Zeitschrift"
für Fr Fr. Bestrebungen
        u.s.w. wie früher
und in freien monatlichen Heften. Könnten Sie dem Blatte
dort Theilnahme verschaffen so könnte dieß nur förderlich seyn[.]
Ich werde Sorge tragen daß Ihnen durch den Buchhandel
entsprechende Zusendung gemacht wird.
Von der Einführung der Spiele in den Schulen, worauf
schon Ihr gütiger Brief beachtend hinweist, konnte ich Ihnen
aus zwei Schulen einer Dorf- und einer Stadtschule Ergeb-
nisse vorführen, wofernvon besonders die aus der Dorfschule
mich wirklich in Verwunderung gesetzt haben, besonders
auch durch den Erfolg der stetigen Heraufbildung; so sagte
und wieß mir der Lehrer nach, daß die Arbeiten der jüng-
sten, welche von den begründenden Beschäftigungen herauf
und nach strengen Gesetz herauf gebildet waren, nicht nur
weit freier, sondern auch wirklich schöner und geschmackvol-
ler war. Was jetzt kleine Kinder mit Bewußtseyn, Freudigkeit
Freiheit und Ausdauer mit Rückwirku[n]g auf Geist und Gemüth
und das daraus hervorgehende tägliche und häusliche Leben
leisten, welche in dieser Weise ganz einfach und still aber
sinnig, denkendhandelnd und handelnd, schaffend denken leisten,
darüber würden Sie selbst sich wundern und gewundert haben
wenn Sie gestern gesehen hätten was der Schullehrer Motschmann
aus dem Walddorfe Steinbach mir in dieser Hinsicht vorlegte.-
Liese sich in Greifswalde ein Commissions-lager für unsere Spiele er-
richten würde ich es jetzt gern thun. Kaum habe ich noch Platz Ihnen meine
Bitte um fernere Geistes[-] u LebensEinigung ans Herz zu legen. Ganz der Ihrige
Friedrich Fröbel
[Am linken Rand]
Marienthal, ohnweit Bad Liebenstein b. Eisenach im Weimarschen am 7. März 1851. /
[100R]
[hochkant:]
Werden Sie wohl so gütig seyn und um Böses mit Gutem zu vergelten mich bald mit einem Brief erfreuen? /