Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Stangenberger in Schalkau v. 18.1./22.1.1851 (Marienthal)


F. an Johannes Stangenberger in Schalkau v. 18.1./22.1.1851 (Marienthal)
(BN Anh. 43, Bl LC 158 - LC 168, Abschrift 5½ B 8° 22 S., Handschrift unbekannt. - Der Abschreiber gibt als Vorlage das Original im Besitz eines Redakteurs Richard Lorenz, Coburg, an und merkt an, daß das Original eine wohl später angebrachte grüne Numerierung: 25 trägt, eventuell gemeint: 25. Brief ?.)
(Verhältnis Originalzeile : Transkriptionszeile nicht 1 : 1)

Marienthal ohnweit BadLiebenstein am 18n Januar 1851.
Sie schreiben mir, mein sehr geschätzter, lieber Stangenberger schon so beglückt zum Neuenjahre, dass ich Ihnen gar nicht erst Glück dazu zu wünschen brauche; nun aber das wünsche ich Ihnen, dass das Glück welches so mehrfach bei Ihnen zum Neujahr bei Ihnen eingesprochen ist; möge es Ihnen nun auch in diesem ganzen Jahre - welches ich mit Ihnen auch mit "Glück auf!" begrüsse, unausgesetzt treu bleiben - und, mein theurer Stangenberger, dazu, dass das Glück uns treu bleibe, dazu können wir wesentlich beitragen; ich habe sie [sc.: es = das Glück ?] leider erst spät kennen gelernt und erst nach vielen [sc.: vielem] Kampf und missver- /
[LC 158b]
standenem Leben und doch wollte mich schon als Knaben mein, mir wohlwollendes Geschick darauf aufmerksam machen; allein ich verstand noch nicht die Sprache der Geschickes zu lesen ob ich gleich schon im reifenden Knabenalter stand. Ich bekam nemlich dortmals ein kleines Calenderbildchen in meine Hand (wie überhaupt gute Bilder sehr auf meine Selbstbildung eingewirkt haben) - auf diesem Bilde schwebte, gleich einem Genius eine weibliche Figur durch eine offene Thür in ein Zimmer aber auch gerade wieder auf ein ganzgeöffnetes Fenster zu, in der Stube war ein Jüngling mit halb abgewandten [sc.: abgewandtem] Gesicht /
[LC 159]
geringfügig beschäftigt, ohne die durchschwebende Gestalt zu bemerken. Unter dem Bildchen standen die Worte:
"Das Glück kommt zur Thür herein
Und fliegt durch's Fenster wieder hinaus."
Ich sehe das Bildchen noch, es war ein schöner kleiner Kupferstich, das Bildchen hatte für mich einen ganz eigenthümlichen Reiz und Anziehungskraft; ich muss es jahrelang unter meiner kleinen Knabenbildersammlung gehabt haben. Da Warum das Bildchen solche Anziehung für mich hatte, das wusste ich lange nicht; doch folgte ich instinktiv und vom Naturtriebe geleitet seiner Lehre und das Glück gieng mir lange, lange zur Seite /
[LC 159b]
doch das Glück schwand und schwant schwand, wie ich aus den Jünglings-Jahren in die Mannes Jahre trat, und ich wunderte mich dessen da ich mich doch nicht verändert zu haben schien; ich schalt das Schicksal ungerecht und wunderlich und erst nach langem schmerzlichen Kampf begann ich es zu verstehen, und noch später verstand ich es ganz: - das Glück gieng mir zur Seite nicht um dessen willen, was ich schon war, sondern um dessen willen was ich meinem Wesen nach konnte und somit wusste, desshalb verliess mich das Glück zeitweilig und oft auf Lange gleichsam zu mir sagend: "ich zeigte dir was du kannst /
[LC 160]
und die Kraft wodurch du es kannst, ich übergebe dich dir und deiner Kraft, schaffe aus dir dein Glück und nicht weicht es von dir." So ist es lieber Stangenberger! wenn uns in unsrer Jugend und in unsern Jünglingsjahren das Glück und Schicksal hold ist, so sollen wir weise diese Zeit nützen unsere Kräfte auszubilden uns Kentnisse zu sammeln, damit uns das Glück treu bleibe, nun nicht mehr um dessen willen was wir werden können, sondern um dessen willen was wir thun und leisten können ja das Glück gleichsam in der Hand haben, nicht mehr als etwas Zufälliges, sondern als etwas Gewisses, und Bleibendes wie die Freude und der Froh- /
[LC 160b]
sinn der Jugend; welche beide wieder Freude und Frohsinn wecken damit sie nur entliches Eigenthum der Menschheit werden; denn des Menschen wahres Glück kommt nur aus seiner eigenen Brust.
- Über diesen Punkt wünschte ich dass alle lebensfrohen und Jugendmuthigen, Willens- wie Thatkräftigen Jünglinge recht klar wären, dann wäre bald auch das Leben gewonnen, denn das Mädchen und die Jungfrau bildet sich nach dem Jüngling und jungen Manne, denn sie sucht ihrer höheren Menschheitsbestimmung nach demselben zu gefallen.
- Sie müssen w mir nun schon diese Neujahrbetrachtung, /
[LC 161]
mein l. St. verzeihen, zu der ich nur durch den aufrichtigen stillen Neujahrwunsch in mir unwillkührlich gekommen: dass Ihnen Ihr heiterer Jugendmuth, Lebensfrohsinn, des Schaffens Kraft und Muth, Wirken zum Wohle der Mitmenschen als schöner bleibender Seelengenuss durch Ihr ganzes Leben bleibe.-
Sie schreiben mir, dass Sie besonders die Briefe 3er von Ihnen gefeyerten Männer gefreut haben, pflegen Sie deren Theilnahme und Mitwirkung, sollte solche aber einmal ohne Ihre Schuld zurück treten, dann verlieren Sie den Muth nicht, sondern suchen Sie nun um so mehr /
[LC 161b]
Kraft aus eigner Brust, aus eignem Geiste, aus eignem Thum Thun zu schöpfen, dahin wollen uns alle Verluste im Leben führen und selbst, wenn uns das Glück auf Zeiten verlässt, wie schon gesagt.-
Von Louis Thomas sind Sie aufgefordert worden etwas zu dem Sächsischen Lesebuche Lebensbilder III besonders für den Anhang und Thüringen betreffend bearbeiten [zu] sollen.- Sie sagen später in Ihrem Briefe: - "man muss das Eisen schmieden weil es warm ist" - d.h. doch wohl man muss die Interessen pflegen weil sie da sind.- Nun geniessen die Kindergärten jetzt schon ein viel und weit verbreitetes wirkliches ma- /
[LC 160]
gisches Interesse, wie wäre es wenn Sie diess Interesse in Ihrem Anhange Thüringen betreffend pflegten. Jugendschriftsteller und Schriftstellerinnen haben den Gegenstand schon in ihre Jugendschriften aufgenommen, so z.B[.] die Berliner Lehrer in I ihren Kinderfreund von 1850. Thekla v. Gumpert, s Sie kennen dieselbe ja von Rudolstadt her, lässt den Kindergarten eines jungen Mädchens eine wesentliche Rolle in ihrer Kinderschrift "der kl. Auswanderer" spielen. Ein gewisser Gustav Kühne Dr in Leipzig führt in seiner Zeitschrift Europa in seinen Wanderungen durch Thüringen auch den Kindergarten zu /
[LC 162b]
Marienthal auf. Anknüpfungspunkte könnte Ihnen auch der Kindergarten zu Rudolstadt geben welcher trefflich von einer gewissen Emma Habicht einer Tochter des Kirchen- und SchulInspector Habicht in Schmalkalden geführt wird[.]- Selbst der Kindergarten in Schmalkalden könnte einen Anknüpfungspunkt geben [(]Herr Cantor Straube Vorstd[)] - so der in Eisenach; Kinderk Kindergärtnerin Julie Traberth - Vorzüglich aber der Kindergarten zu Gotha, dessen Vorsteherin und Kindergärtnerin (Sprach- und Versgewand[t]) Frau Bernhardine Herold Ihnen schöne Notizen z.B[.] von der jetzigen Weihnachts- /
[LC 163]
ausstellung der kleinen Arbeiten der Gartenpfleglinge geben könnte.- Der Gegenstand ist noch zu wenig unter den dem Volke bekannt, und - Kinderschriften sind ja auch Volksschriften; oder nehmen Sie einen Ausgang von dem Kinder[-] und Jugendspielfeste auf dem Altenstein (gehört ja auch zum thüringer Walde) darinne auf auch stellen Sie zugleich Ihr Meiningen als Kindergartenpfleger hin. Die Wochenschrift kann Ihnen dabei leitend seyn und Ausschmückungen sind leicht anzubringen.-
Auch der bekannte Volksschriftsteller Auerbach (Berthold) hat den Gegenstand vor einigen Jahren schon in seinen S Volks- /
[LC 163b]
calender aufgenommen.
Wollen Sie eine gewandte Feder für diesen Gegenstand so wenden Sie sich an den bekannten Thüringschen Volksschriftsteller Ludwig Storch in Gotha, dieser kennt den Gegenstand ganz genau und liefert Ihnen gewiss einen niedlichen Beitrag in einer kleinen Kindergartenschilderung für den Thüringschen Anhang in Ihren Lebensbildern des Sächsischen Lesebuchs. Überlegen Sie sich die Sache, es wäre auch etwas Neues hat es bis zu Fastnacht Zeit nun so kann ich Ihnen selbst Materialien dazu gehen.
- Zu der allseitig günstigen Aufnahme Ihrer lithurgischen Bestrebungen wünsche ich Ihnen /
[LC 164]
besonders Glück[.] Wenn Sie in der Wahl der Texte und Worte zeitgemäss und den jetzigen kirchlichen Ansprüchen entsprechen, so kann Ihre Arbeit wichtig und bedeutend werden.-
- Wo ist denn unser Heusinger Cantor? - ist das Neustadt bei Coburg?- Sie schreiben mir, dass er Sie besuchen wollte, ist diess geschehen?- Und zeigte auch er noch Interesse für die Kindergärten?-
- Nun zu Ihrer Gemeinderaths Sitzung. Dass mich deren Ergebniss hocherfreut hat, können Sie sich denken; Sie haben aber auch wie ein Themosthenes [sc.: Demosthenes] und Cicero gesprochen wie könnte das Ergebnis anders seyn! /
[LC 164b]
Nun nur mit festem Sinn und Muth fortgebaut:
Ich bin begierig zu hören was Maurer und Zimmermann zu Ihrem Bauvorschlag sagen!
Dass Sie der Sache gleich eine so bestimmte Form gegeben und dem Gemeinderathe zu seiner Angelegenheit gemacht haben dadurch haben Sie die s Sache so wesentlich gefördert wie fest gegründet.
Nun Ihr Schulconcert wird das Siegel darauf drücken; es ist doch noch nicht gewesen?- Ich will mir hier doch erlauben s Sie auf die neue 4' Auflage von Diesterwegs Wegweiser aufmerksam zu machen. Er hat mir diese Auflage zugeeignet.- Lesen Sie doch die /
[LC 165]
Zueig[n]ungsworte und sehen Sie, ob Sie dieselben zur Förderung Ihrer Angelegenheit benutzen können.
Was nun Ihre Hauptfrage betrifft: "Woher eine geeignete Kindergärtnerin nehmen?" - Erstlich will ich Ihnen offnen [sc.: offen] gestehen, dass diess schon seit der Zeit als der Gedanke einen Kindergarten in Schalkau zu errichten nur von fern herauf t dämmert für mich eine Sorge ist. Zweitens haben Sie es sehr gut gemacht dass Sie die Sache vor der Hand nur einer Berathung zwischen Ihnen und dem Vorsitzenden vorbehalten haben. Seyn Sie nur so gut mir Nachricht zu geben sobald sich irgend etwas über die Eröffnung der Anstalt /
[LC 165b]
und einer Stellung der Kindergärtnerin aussprechen lässt Um [sc.: um], so viel als möglich die sich vorfindenen Umstände zu Gunsten Schalkaus benutzen zu können.
Nun ich sage auch mit Ihnen, wenn nur erst der Anfang gemacht ist; denn während dieses Anfanges wollen wir es dann versuchen den Grund so tief und sicher als möglich zu legen.-
Zu irgend einer gelegentlichen Benutzung zu Gunsten unserer Sache lege ich das oben erwähnte Büchelchen von der Frz. [sc.: Frl.] Thekla v. Gmprt. bei. Sie können mir es bei Ihrem Besuche zur Fastnachtzeit zurücke bringen; denn Sie schreiben zu meiner und Frz. [sc.: Frl.] Lewin's [sc.: Levin's] Freude, dass /
[LC 166]
Sie dann Urlaub nehmen und uns besuchen wollen. Führen Sie ja Ihren guten Vorsatz aus wir bitten recht sehr darum. Freilich müssen Sie nachsichtig mit dem Quartier welches wir Ihnen bieten können vor lieb nehmen, weil das Zimmer jetzt zugleich Magazin für die Spiel- und Beschäftigungsmittel ist. Doch diess sind verträgliche Dinge.
"Sollte ich keinen Urlaub erhalten, dann könnten wir uns Anfangs März vielleicht in Meiningen finden" - schreiben Sie. Nun Fastnacht ist ja Anfangs März - es ist am 4' März[.] - Und dann können wir uns wahrlich noch leichter hier als in Meiningen treffen. /
[LC 166b]
 Zur Eröffnung des K.G. sage ich Ihnen, wenn es nur irgend möglich meine Gegenwart zu und ich freue mich schon zum Voraus darauf wieder mit Ihnen auf der zum Soffa erhobenen (irre ich nicht) Gartenbank zu sitzen; es war ein gemüthliches Eckchen welches sie bot.
Sie haben zu meiner Wochenschrift 11 Mitleser, das freut mich aber ich fürchte gar manche werden sagen: - "ach! das ist ja gar nicht zum geniessen!"- Nun ich will sehen ob ich auch für diese et[was] bringen kann. Sie erwähnen Herrn Kost. Grüssen Sie denselben und sein ganzes gastfreundliches Haus, Frau und /
[LC 167]
Tochter bestens von mir und Frz. Lewin [sc.: Frl. Levin].- Im Vertrauen eine Frage - wenn ein gesellig gebildetes Mädchen Kindergärtnerin in Schalkau würde, könnte sich <dann / denn> in dem geräumig[en] Kost-schen Hause nicht ein Stübchen für sie finden?- Es ist diess ein Gedanke welchen ich jedoch blos Ihnen zur Begutachtung ausspreche. So hätte ich wohl alles erwähnt, was Ihr lieber Brief fordert.- Ihr Freund Jacob hat noch nicht an mich geschrieben.-
Glauben Sie, dass ich in irgend einer Weise weiter Ihre Sache fördern kann, so schreiben Sie es mir.
- Eben habe ich auch nochmals /
[LC 167b]
Ihren lieben Brief vom 1 Nov. verfl. J. gelesen. Ihren Wunsch wegen eines Briefkastens werde ich bei nächstem Jahrgang beachten.
- Kennen Sie etwas von Richard Krells Musikalischen Leistungen und wie sind Sie mit denselben zufrieden[?]
- Doch nun ist auch des Besprochenen genug!
Halten Sie Wort uns bald zu besuchen, nochmals sind s Sie recht freundlich eingeladen.
- Grüssen Sie mir Ihren Herrn Vorsitzenden Seiffert besonders achtend.
Wie immer
    der Ihrige
        FriedrichFröbel /

[LC 168]
 Hierbei folgt Wochenschrift Nr 37 & 38 sie ist bis Nr 44 gedruckt aber ich habe sie noch nicht empfangen. bis [sc.: Bis] Nr 36 habe ich Ihnen solche doch vor Weihnachten zugesandt?-

Mittwoch am 22en Januar. Ich lege Ihnen noch zwei so eben gefundene Blätter - den Kindergarten in Gotha betreffend - bei. Es würde mich aber sehr freuen, wenn ich die Blätter zurück bekommen könnte, weil sie für mich von wesentlichen [sc.: wesentlichem] Nutzen sind und ich Ihnen solche nur aus meinem Wohlwollen für Schalkau sende 1) Gothaisches Wochenbl. Nr 150. & 151. 26 & 27 Septb. 50. 2) Der Kindergarten zu Gotha; eine beil. [sc.: Beil.] zur Goth[a]schen Zeitg.
[*verschlungenes "D.O."*] /
[LC 168b]
[Adresse, in der Reinschrift wohl als "Umschlag":]
Herrn Johannes Stangenberger
Schalkau.