Marienthal ohnweit BadLiebenstein am 18n Januar 1851.
Sie
schreiben mir, mein sehr geschätzter, lieber Stangenberger schon so
beglückt zum Neuenjahre, dass ich Ihnen gar nicht erst Glück dazu zu
wünschen brauche; nun aber das wünsche ich Ihnen, dass das Glück
welches so mehrfach bei Ihnen zum Neujahr bei Ihnen eingesprochen
ist; möge es Ihnen nun auch in diesem ganzen Jahre - welches ich mit
Ihnen auch mit "Glück auf!" begrüsse, unausgesetzt treu bleiben -
und, mein theurer Stangenberger, dazu, dass das Glück uns treu
bleibe, dazu können wir wesentlich beitragen; ich habe sie [sc.: es =
das Glück ?] leider erst spät kennen gelernt und erst nach vielen
[sc.: vielem] Kampf und missver- /
[LC 158b]
standenem
Leben und doch wollte mich schon als Knaben mein, mir wohlwollendes
Geschick darauf aufmerksam machen; allein ich verstand noch nicht die
Sprache der Geschickes zu lesen ob ich gleich schon im reifenden
Knabenalter stand. Ich bekam nemlich dortmals ein kleines
Calenderbildchen in meine Hand (wie überhaupt gute Bilder sehr auf
meine Selbstbildung eingewirkt haben) - auf diesem Bilde schwebte,
gleich einem Genius eine weibliche Figur durch eine offene Thür in
ein Zimmer aber auch gerade wieder auf ein ganzgeöffnetes Fenster zu,
in der Stube war ein Jüngling mit halb abgewandten [sc.: abgewandtem]
Gesicht /
[LC 159]
geringfügig beschäftigt, ohne die
durchschwebende Gestalt zu bemerken. Unter dem Bildchen standen die
Worte:
"Das Glück kommt zur Thür
herein
Und fliegt durch's Fenster wieder hinaus."
Ich
sehe das Bildchen noch, es war ein schöner kleiner Kupferstich, das
Bildchen hatte für mich einen ganz eigenthümlichen Reiz und
Anziehungskraft; ich muss es jahrelang unter meiner kleinen
Knabenbildersammlung gehabt haben.
Da
Warum das Bildchen solche Anziehung für mich hatte, das wusste ich
lange nicht; doch folgte ich instinktiv und vom Naturtriebe geleitet
seiner Lehre und das Glück gieng mir lange, lange zur Seite /
[LC 159b]
doch das Glück schwand und
schwant schwand, wie ich aus den
Jünglings-Jahren in die Mannes Jahre trat, und ich wunderte mich
dessen da ich mich doch nicht verändert zu haben schien; ich schalt
das Schicksal ungerecht und wunderlich und erst nach langem
schmerzlichen Kampf
begann ich es zu
verstehen, und noch später verstand ich es ganz: - das Glück gieng
mir zur Seite nicht um dessen willen, was ich schon war, sondern um
dessen willen was ich meinem Wesen nach konnte und somit wusste,
desshalb verliess mich das Glück zeitweilig und oft auf Lange
gleichsam zu mir sagend: "ich zeigte dir was du kannst /
[LC 160]
und die Kraft wodurch du es kannst, ich übergebe dich dir
und deiner Kraft, schaffe aus dir dein Glück und nicht weicht es von
dir." So ist es lieber Stangenberger! wenn uns in unsrer Jugend und
in unsern Jünglingsjahren das Glück und Schicksal hold ist, so sollen
wir weise diese Zeit nützen unsere Kräfte auszubilden uns Kentnisse
zu sammeln, damit uns das Glück treu bleibe, nun nicht mehr um dessen
willen was wir werden können, sondern um dessen willen was wir thun
und leisten können ja das Glück gleichsam in der Hand haben, nicht
mehr als etwas Zufälliges, sondern als etwas Gewisses, und Bleibendes
wie die Freude und der Froh- /
[LC 160b]
sinn der Jugend;
welche beide wieder Freude und Frohsinn wecken damit sie nur
entliches Eigenthum der Menschheit werden; denn des
Menschen wahres Glück kommt nur aus seiner eigenen Brust.
- Über diesen Punkt wünschte ich dass alle lebensfrohen und
Jugendmuthigen, Willens- wie Thatkräftigen Jünglinge recht klar
wären, dann wäre bald auch das Leben gewonnen, denn das Mädchen und
die Jungfrau bildet sich nach dem Jüngling und jungen Manne, denn sie
sucht ihrer höheren Menschheitsbestimmung nach demselben zu
gefallen.
- Sie müssen
w mir
nun schon diese Neujahrbetrachtung, /
[LC 161]
mein l.
St. verzeihen, zu der ich nur durch den aufrichtigen stillen
Neujahrwunsch in mir unwillkührlich gekommen: dass Ihnen Ihr heiterer
Jugendmuth, Lebensfrohsinn, des Schaffens Kraft und Muth, Wirken zum
Wohle der Mitmenschen als schöner bleibender Seelengenuss durch Ihr
ganzes Leben bleibe.-
Sie schreiben mir, dass Sie besonders
die Briefe 3er von Ihnen gefeyerten Männer gefreut haben, pflegen Sie
deren Theilnahme und Mitwirkung, sollte solche aber einmal ohne Ihre
Schuld zurück treten, dann verlieren Sie den Muth nicht, sondern
suchen Sie nun um so mehr /
[LC 161b]
Kraft aus eigner Brust, aus eignem Geiste, aus
eignem Thum
Thun zu schöpfen, dahin wollen uns alle
Verluste im Leben führen und selbst, wenn uns das Glück auf Zeiten
verlässt, wie schon gesagt.-
Von
Louis Thomas sind Sie aufgefordert worden etwas zu
dem Sächsischen Lesebuche
Lebensbilder III
besonders für den Anhang und Thüringen betreffend bearbeiten [zu]
sollen.- Sie sagen später in Ihrem Briefe: - "man muss
das Eisen schmieden weil es warm ist" - d.h. doch wohl man muss
die Interessen pflegen weil sie da sind.- Nun geniessen die
Kindergärten jetzt schon ein viel und weit verbreitetes wirkliches
ma- /
[LC 160]
gisches Interesse, wie wäre es wenn
Sie diess Interesse in Ihrem Anhange Thüringen betreffend pflegten.
Jugendschriftsteller und Schriftstellerinnen haben den Gegenstand
schon in ihre Jugendschriften aufgenommen, so z.B[.] die Berliner
Lehrer in
I ihren Kinderfreund von
1850.
Thekla v. Gumpert,
s Sie kennen dieselbe ja von
Rudolstadt her, lässt den Kindergarten eines jungen Mädchens eine
wesentliche Rolle in ihrer Kinderschrift "der kl. Auswanderer"
spielen. Ein gewisser
Gustav
Kühne D
r in Leipzig führt in seiner
Zeitschrift
Europa in seinen Wanderungen
durch Thüringen auch den Kindergarten zu /
[LC 162b]
Marienthal auf. Anknüpfungspunkte könnte Ihnen auch der
Kindergarten zu
Rudolstadt geben welcher
trefflich von einer gewissen
Emma Habicht einer Tochter des
Kirchen- und SchulInspector
Habicht in Schmalkalden geführt wird[.]- Selbst der
Kindergarten in Schmalkalden könnte einen Anknüpfungspunkt geben
[(]Herr
Cantor Straube Vorstd[)] - so der in Eisenach;
Kinderk Kindergärtnerin
Julie Traberth - Vorzüglich aber
der Kindergarten zu Gotha, dessen Vorsteherin und Kindergärtnerin
(Sprach- und Versgewand[t]) Frau
Bernhardine Herold Ihnen schöne
Notizen z.B[.] von der jetzigen Weihnachts- /
[LC 163]
ausstellung der kleinen Arbeiten der Gartenpfleglinge
geben könnte.- Der Gegenstand ist noch zu wenig unter
den dem Volke bekannt, und -
Kinderschriften sind ja auch Volksschriften; oder nehmen Sie einen
Ausgang von
dem Kinder[-] und
Jugendspielfeste auf dem
Altenstein (gehört
ja auch zum thüringer Walde) darinne auf auch stellen Sie zugleich
Ihr Meiningen als Kindergartenpfleger hin. Die Wochenschrift kann
Ihnen dabei leitend seyn und Ausschmückungen sind leicht
anzubringen.-
Auch der bekannte Volksschriftsteller
Auerbach (Berthold) hat den Gegenstand vor einigen
Jahren schon in seinen
S Volks- /
[LC 163b]
calender aufgenommen.
Wollen Sie eine
gewandte Feder für
diesen Gegenstand so
wenden Sie sich an den bekannten Thüringschen Volksschriftsteller
Ludwig
Storch in Gotha, dieser kennt den Gegenstand ganz genau
und liefert Ihnen gewiss einen niedlichen Beitrag in einer kleinen
Kindergartenschilderung für den Thüringschen Anhang in Ihren
Lebensbildern des Sächsischen Lesebuchs.
Überlegen Sie sich die Sache, es wäre auch etwas Neues hat es bis zu
Fastnacht Zeit nun so kann ich Ihnen selbst
Materialien dazu gehen.
- Zu der allseitig günstigen Aufnahme
Ihrer lithurgischen Bestrebungen wünsche ich Ihnen /
[LC 164]
besonders Glück[.] Wenn Sie in der Wahl der Texte und
Worte zeitgemäss und den jetzigen kirchlichen Ansprüchen entsprechen,
so kann Ihre Arbeit wichtig und bedeutend werden.-
- Wo ist
denn unser
Heusinger Cantor? - ist das Neustadt bei
Coburg?- Sie schreiben mir, dass er Sie besuchen wollte, ist diess
geschehen?- Und zeigte auch er noch Interesse für die
Kindergärten?-
- Nun zu Ihrer Gemeinderaths Sitzung. Dass mich
deren Ergebniss hocherfreut hat, können Sie sich denken; Sie haben
aber auch wie ein
Themosthenes
[sc.: Demosthenes] und
Cicero gesprochen wie könnte das
Ergebnis anders seyn! /
[LC 164b]
Nun nur mit festem
Sinn und Muth fortgebaut:
Ich bin begierig zu hören was Maurer
und Zimmermann zu Ihrem Bauvorschlag sagen!
Dass Sie der Sache
gleich eine so bestimmte Form gegeben und dem Gemeinderathe zu
seiner Angelegenheit gemacht haben dadurch
haben Sie die s Sache so wesentlich
gefördert wie fest gegründet.
Nun Ihr Schulconcert wird das
Siegel darauf drücken; es ist doch noch nicht gewesen?- Ich will mir
hier doch erlauben
s Sie auf die neue
4' Auflage von
Diesterwegs Wegweiser aufmerksam zu machen. Er
hat mir diese Auflage zugeeignet.- Lesen Sie doch die /
[LC 165]
Zueig[n]ungsworte und sehen Sie, ob Sie dieselben zur
Förderung Ihrer Angelegenheit benutzen können.
Was nun Ihre
Hauptfrage betrifft: "Woher eine geeignete Kindergärtnerin nehmen?" -
Erstlich will ich Ihnen offnen [sc.: offen] gestehen, dass diess
schon seit der Zeit als der Gedanke einen Kindergarten in Schalkau zu
errichten nur von fern herauf
t
dämmert für mich eine Sorge ist. Zweitens haben Sie es sehr gut
gemacht dass Sie die Sache vor der Hand nur einer Berathung zwischen
Ihnen und dem Vorsitzenden vorbehalten haben. Seyn Sie nur so gut mir
Nachricht zu geben sobald sich irgend etwas über die Eröffnung der
Anstalt /
[LC 165b]
und einer Stellung der
Kindergärtnerin aussprechen lässt Um [sc.: um], so viel als möglich
die sich vorfindenen Umstände zu Gunsten Schalkaus benutzen zu
können.
Nun ich sage auch mit Ihnen, wenn nur erst der Anfang
gemacht ist; denn während dieses Anfanges wollen wir es dann
versuchen den Grund so tief und sicher als möglich zu legen.-
Zu irgend einer gelegentlichen Benutzung zu Gunsten unserer Sache
lege ich das oben erwähnte Büchelchen von der Frz. [sc.: Frl.]
Thekla v. Gmprt. bei. Sie können
mir es bei Ihrem Besuche zur Fastnachtzeit zurücke bringen; denn Sie
schreiben zu meiner und
Frz.
[sc.: Frl.] Lewin's [sc.: Levin's] Freude, dass /
[LC 166]
Sie dann Urlaub nehmen und uns besuchen wollen. Führen
Sie ja Ihren guten Vorsatz aus wir bitten recht sehr darum. Freilich
müssen Sie nachsichtig mit dem Quartier welches wir Ihnen bieten
können vor lieb nehmen, weil das Zimmer jetzt zugleich Magazin für
die Spiel- und Beschäftigungsmittel ist. Doch diess sind verträgliche
Dinge.
"Sollte ich keinen Urlaub erhalten, dann
könnten wir uns Anfangs März vielleicht in Meiningen finden" -
schreiben Sie. Nun Fastnacht ist ja Anfangs
März - es ist am 4' März[.] - Und dann können wir uns wahrlich noch
leichter hier als in Meiningen treffen. /
[LC 166b]
Zur Eröffnung des K.G. sage ich Ihnen, wenn es nur irgend möglich
meine Gegenwart zu und ich freue mich schon zum Voraus darauf wieder
mit Ihnen auf der zum Soffa erhobenen (irre ich nicht) Gartenbank zu
sitzen; es war ein gemüthliches Eckchen welches sie bot.
Sie
haben zu meiner Wochenschrift 11 Mitleser, das freut mich aber ich
fürchte gar manche werden sagen: - "ach! das ist ja gar nicht zum
geniessen!"- Nun ich will sehen ob ich auch für diese et[was] bringen
kann. Sie erwähnen Herrn
Kost. Grüssen Sie
denselben und sein ganzes gastfreundliches Haus, Frau und /
[LC 167]
Tochter bestens von mir und Frz. Lewin [sc.: Frl.
Levin].- Im Vertrauen eine Frage - wenn ein gesellig gebildetes
Mädchen Kindergärtnerin in Schalkau würde, könnte sich <dann /
denn> in dem geräumig[en]
Kost-schen
Hause nicht ein Stübchen für sie finden?- Es ist diess ein Gedanke
welchen ich jedoch blos Ihnen zur Begutachtung ausspreche. So hätte
ich wohl alles erwähnt, was Ihr lieber Brief fordert.- Ihr Freund
Jacob hat noch
nicht an mich geschrieben.-
Glauben Sie, dass ich in irgend
einer Weise weiter Ihre Sache fördern kann, so schreiben Sie es
mir.
- Eben habe ich auch nochmals /
[LC 167b]
Ihren lieben Brief vom 1 Nov. verfl. J. gelesen. Ihren
Wunsch wegen eines Briefkastens werde ich bei nächstem Jahrgang
beachten.
- Kennen Sie etwas von
Richard Krells Musikalischen Leistungen und wie sind
Sie mit denselben zufrieden[?]
- Doch nun ist auch des
Besprochenen genug!
Halten Sie Wort uns bald zu besuchen,
nochmals sind s Sie recht freundlich
eingeladen.
- Grüssen Sie mir Ihren Herrn Vorsitzenden
Seiffert besonders achtend.
Wie immer
der
Ihrige
FriedrichFröbel /