Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Luise Levin in Bad Liebenstein v. 2.11.1849 (Hamburg)


F. an Luise Levin in Bad Liebenstein v. 2.11.1849 (Hamburg)
(BlM XXIV,3, Bl 7-8, Brieforiginal 1 B 8° 4 S.)

Hamburg, Adresse Herr W. Beit, Lehrer, Vorsteher
eines Kindergartens, hohe Bleiche No 19.
Am 2 Novbr 49.


Meine theure Luise.

Einen Tag später als ich erwartete erhältst Du meinen herzinni[-]
gen Gruß aus dem Orte meiner neuen Wirksamkeit; denn nicht
Donnerstags den 1n Novbr. sondern erst Freitags Nachmittags zwischen
3 und 4 Uhr bin ich hier in Hamburg angekommen. Herr Beit
Herr u Frau Traun, Herr u. Fr. Ehlers, Christiane Erd[mann] erwarteten
und empfingen uns in [sc.: im] Augenblick des Bah Aussteigens auf dem
Bahnhof. Der freundliche Herr Beit besorgte sogleich unserer [sc.: unsere] Sache[n]
auf das Schönste. In meiner mit grünen Gewinden und Blumen
Platten; = (:gleich der mir von Deiner Liebe so oft zu meiner
stillen Freude geordneten:) - geschmückten Stube erwarteten
mich Herr u Frau Goldschmidt, Herr Hoffmann, Emilie Stieler und
die gefällige Hausfrau Frau Beit; noch andere Frauen hatten mich
erwarten wollen, allein ihre Geschäfte hatten sie vor meiner
etwas verspäteten Ankunft nach Hause gerufen. Der freund[-]
lich eindringlichen Einladung der Fr: Goldschmidt folgend, speist[e]
ich um 5 Uhr mit ihnen zu Mittag und blieb dann noch bis Abends
gegen 10 Uhr.- In der kindlichen Anna Goldschmidt der 16jäh[-]
rigen Tochter des Hauses wurde mir eine zu erwartende
liebe Schülerin vorgestellt unter noch zu hoffender Guthei-
ßung des Vaters - welche zur Freude des natürlich einfachen
frohen Mädchens heut erfolgt ist.- Heut sah ich in Gesellschaft
von Luise Hertlein einen Augenblick Allwina - Fr Lütkens
Fr Dr. <Jarl>, - dann eine gewisse Mad[ame] Besser ein[e] Buchhändler-
Frau - Weiter He. Cand Ernst u Frau - unsere Amalie M. [sc.: Mattfeld]
(welche seit einigen Wochen sehr am Husten leidet, was man ihr
noch ansieht) - dann eine meine[r] künftigen Schülerinnen, ich
glaube <Demmer> , einer früheren Lehrerin Ernstes.- Auch Mme
Traun
sahe ich (sie war etwas leidend) zugleich führte sie mir /
[7R]
Eine einfache Jungfrau Frl. Sattler - die Schwester der blon-
den Fr: Schwarzenberg; dann eine Verwandte mit klaren
geistvollen Augen und Ihre sinnige Schwester, welche
wir schon in Liebenstein sahen, als künftige Schülerinnen vor,
so daß ich deren nun schon fünf habe kennen lernen 20 sollen
unterzeichnet seyn; künftigen Montag Dienstag 9 Uhr Vormittags
beginne ich, dann geht die Folge der Stunden wie in Liebenstein
fort, so daß Du mich in jeder begleiten kannst, wenn Dein
Geist dazu frei ist. Auch Herr Friedmann empfing mich am
Bahnhofe.
- Heut Abends werde ich bei Mde Traun dem ganzen Frau-
envereine vorgestellt werden d.h. dem von welchem die
Fr: Goldschmidt Vorsteherin ist.
- Dienstag Abends 8 Uhr wird der größere allgemeinere
Vortrag beginnen; später vielleicht schon 7 Uhr.
- Morgen Mittag 3 Uhr werde ich mit Luisen Härtlein u Herrn
Friedmann bei Frau Ehlers speisen; um 2 Uhr vorher einen
Luftballon aufsteigen sehen.-
- Um 10 Uhr werde ich zu Weigelt in die Predigt gehen und
dann Allwinen und Christianen [sc.: Erdmann] sehen.
- Zu Mittag werde ich gewöhnlich um 3 Uhr speisen.
Meine Wohnung ist sehr bequem und nett. Links von meiner
Wohnstube (A) mit 2 Fenstern ist mein Schlafzimmer (B) mit einem
Fenster; dann kommt die Stube für den Vortrag u die Unter-
richtsstunden der Schülerinnen des Cursus mit 2 Fenstern (C)
dann Emilien Stielers Wohn- u Schlafzimmer D; endlich die Spiel[-]
stube für den Kindergarten E. mit ich glaube 3 Fenstern. Thüren
stoßen auf Thüren
[*Zeichnung mit
  Legende*:]
A B C D E 1            ste Stock oder 1 Treppe hoch
Corridor oder Gang
Untere Hausflur
F
So weißt Du denn vollen Bescheid von
meinem Hamburger Leben bis auf dem
heutigen Tag.
Nun zur Reise. In Gotha traf ich auf dem Bahnhofe /
[8]
Marie u Eliese Drescher, dann meinen Neffen Heinrich
Müller
den Tischler - und empfing Briefe. In Erfurt
traf ich an der Eisenbahn Gottlob Langenthal [sc.:Langethal], den Schu[h]ma-
cher, von ihm erfuhr ich daß es seiner Schwester Chathari[-]
nen gut gehe und daß sie ein Kleines habe.
In Weimar traf ich im russischen Hof Fr: v. M. [sc.: Marenholtz] durch sie
kam ich zum Minister v. Watzdorf - und Mittwochs Abends
6 Uhr zur reg. Großherzogin.- So weit bei solchen Leuten
ein Eingehen zu hoffen fand ich [es] bei ihr. Ernstlich soll an die
Einführung der Spiele in den Bewahranstalten gedacht werden.
Man wünscht 1 Schülerinn von mir zur zeitweiligen Einfüh-
rung derselben - ich schlug Frl. Amalie Krüger in Halle da-
zu vor höre aber nun zu meinem Leidwesen, daß sie nicht
mehr frei ist, sondern in 14 Tagen hierher nach Hamburg kommen
wird um demnach, ganz gegen ihren letzteren Brief an mich,
doch noch einen Kindergarten hier auszuführen. Karl Fröbel
wird erst im Herb[st] Januar hierher kommen. Du siehest wie alles
im Wechsel und Gährung ist. Es ist auf Nichts als auf sich
d.h. auf die Wahrheit der Idee, des Gedankens, der Sache zu
bauen.
In Weimar sahe und sprach ich dann Donnerstags Vormittag von 10 bis ung[efähr]
11 Uhr den Erbgroßherzog. Aufrichtig muß ich gestehen, daß
mich sein ganzes Benehmen mit ungetrübten Vertrauen
erfüllt hat; wäre er regierend und bliebe sich treu, so
wäre etwas Tüchtiges zu hoffen. Jetzt liegt aber alles in
der Hand seiner Mutter der reg. Frau Gr[o]ßh[er]zogin - eine
Frau die es sehr gut meint, aber auch sehr beschränkte Ansich-
ten vom Ganzen hat, welche [sich] schwer erweitern lassen, was
aber dennoch wohl möglich ist und wozu gewiß die treue
Aufrichtigkeit des Sohnes das Ihrige thun wird. Zunächst
bin ich eingeladen bei meiner Rückkehr im Frühling mehrere
Tage, ja vielleicht wenige Wochen sogar dort zu bleiben und /
[8R]
[zwar] sowohl von der regierenden Fr. Großherzogin als von
dem jungen Erbgroßherzoge.
Was mir aber fast noch wichtiger war, war das uner[-]
wartete Eingehen eines achtbaren Bürgers, des Herrn
Stadtverordneten und Landtagsabgeordneten - Herrn
<Heuß>
. Dieser faßte die Sache mit einem Ernste auf mit
Festigkeit und doch auch wieder Lebendigkeit wie ich es kaum
noch gefunden haben [sc.: habe]. Zwischen ihm und der Fr. v. M. habe
ich einen lebendigen Verkehr eingeleitet. Ich hoffe davon
Gutes. Es thut mir nur sehr leid, daß ich Niemanden
habe um den Weimarschen Freunden der Sache Un-
terstützung zu bieten.
Auch von meiner Heimaths- und Vaterstadt höre
ich Gutes durch Emilie Stieler und ich werde mich deß[-]
halb in der Kürze selbst an den dasigen Magistrat
wenden, indem er geneigt ist und Gelegenheit hat minde-
stens ein Lokal der Sache einzuräumen. Seit [sc.: Seid] nur alle
d.h. bleibt mir alle so treu wie ich Euch alle kenne und
des Himmels Seegen wird auf Euer allem Wirken ruhn
und Euch innere und äußere Zufriedenheit geben. Sage
unserer lieben Allwina besonders meinen Gruß und
sie solle recht bald geistig frisch - rege, kräftig werden
damit ich sie in die Welt senden könnte. Dein[e]Schwester
Doris
sollte auch bald nach Liebenstein kommen, damit man
sie als eine Säefrau aussenden könnte.-
Hier ist schon wieder Mehreres in öffentlichen Blättern erschie-
nen; ich sende es Dir und Euch habt Ihr es gelesen, so lasse es
unsern Manfred [sc.: Renner] an He[rrn] Diaconus Müller nach Meiningen zu
geneigten Gebrauch für sein Blatt senden. Mich dünkt den Auf-
satz von D. L. (Doris Lütkens) könnte er recht gut gebrauchen.
Vielleicht kann auch Manfred, ehe er das Ganze fortschickt, solches im
Curhause namentlich d[em] He Dr. M [sc.: Martini] (den ich grüße) auch unsern lieben
HausWirthen He. u Fr. Müller wie Fr: Inspect. M. vorlesen. Bald mehr von
DFrdFrFr.

[7V]
[Nachwort am Rand von 7V/7R/8V:]
Sei so gut und sage dem He. Postmeister meine Haus No - No 19. Auch ihm, der Frau u den Kindern meinen Gruß[.] /
[7R]
Alle im Hause: Adele, Philippine, Allwina, Chatharinen, Margarethe, Luisen u Gotthold Fr:Gläser grüße ich[.] /
[8V]
Ebenso grüße ich Herrn <Motschmann> u Herrn Meurer. Marius [sc.: Bendsen] ist noch nicht hier.