Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Doris Lütkens in Hamburg v. 31.8.1849 (Bad Liebenstein)


F. an Doris Lütkens in Hamburg v. 31.8.1849 (Bad Liebenstein)
(Brieforiginal nicht überliefert, Abschrift durch Luise Levin in BlM F 1058/56/1, Bl 250-251V, 2 Bl 8° 2½ S.; ed. Pösche 1887, 225-227. Um die glättend-verkürzende Editionstechnik Pösches zu demonstrieren, wird dem unter a) wiedergegebenen Text der Abschrift unter b) der Editionstext gegenübergestellt.)

a) Abschrift

Frau Doris Lütkens Hamburg
Bad Liebenstein am 31sten August 49


Hochzuverehrende Frau

Eine Mehrheit freundlicher u gütiger Briefe von Ihnen
liegt vor mir, welche mir Ihre warme u so thätige als auf-
richtige Theilnahme an meinen erziehenden Bestrebungen
nicht nur, sondern selbst an meinem erziehenden Wirken u was
mir noch mehr ist, Ihr eigenstes inneres Vertrauen zu beiden
so einfach als dauernd aussprechen; dennoch sind diese mir,
so wohl um meinet- als aber ganz besonders um der Sache u um
deren Zweck, um der aufkeimenden Kindheit willen, so lieben Briefe
seit so sehr Langem von mir unbeantwortet geblieben; dieß nun
hochgeehrte Frau, werden Sie sich im Zusammenhange mit dem
so eben von mir Ausgesprochenen kaum denken können, u dennoch ist
der Grund davon ein ganz einfacher: - bei u mit solcher Theilnahme
sich selbst u alles um sich vergessend, das Werk oder vielmehr zunächst Streben
zu einem klaren Ergebniß zu einem sprechenden Werk zu führen;
denn das sehe ich immer mehr: nur mit unverwandtem Blicke nach
dem vorgesteckten Ziel; mit stetem Fortschreiten auf dem Wege zu dem-
selben u mit unausgesetzter Erfüllung der Forderungen die ein
solches Streben macht, kommt man endlich, wenn auch langsam, doch zum
Ziele desselben. - - - Es ist wahr, sehr viel Liebes
und Freundliches was das Leben im Natur- Welt- ja Selbstverkehr
eigentlich leicht giebt, geht uns in solcher Lebensrichtung u Lebens-
thätigkeit verloren, u viel, sehr viel muß ich in dieser Beziehung /
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entbehren gegen andere die leichteren Sinnes u leichteren Strebens
durch die Welt gehen; allein auch vieles Unfreundliche dessen das
Leben, besonders des Strebenden so vieles hat, bleibt einen dadurch
fremd; u erfährt man es endlich, so hat es sich ausgelebt, so abgestumpft
u seine verletzende Kraft verloren. So geht es mir z.B. mit J Fölsings
Schrift - "Die Fröbelschen Kindergärten" - seit ich von ihrem Dasein u
ihren heftigen Ausfällen gegen mich weiß habe ich nie Zeit gehabt mir
nur die Schrift zu verschaffen, geschweige denn sie zu lesen, zumal ich den
Mann in seinem ganzen Wesen durch u durch kenne. Freilich durch
solches sich nicht berühren lassen von dem Unfreundlichen namentlich in
u durch Schriften, wie ich denn nie auf dieselben antworte, sondern
das Leben u die That sprechen lasse; freilich sage ich geht Einem
bei solcher Lebensbehandlung auch gar viel Liebes u Freundliches verloren,
wie ich – werden Sie es glauben – vor ein paar Tagen erst vom Dasein
Ihrer Gegen- u Schutzschrift u deren Inhalt Kunde erhalten habe; ich war
davon wirklich überrascht: so ruhig, so klar, so einfach; alle welche die-
selbe mit anhörten, sie ward im Kreise einer Mehrheit von Erziehungs-
freunden, welche jetzt als Curgäste hier leben z.B. auch der Familie
Diesterweg aus B.[erlin] vorgelesen, freuten sich der eben ausgesprochenen
Eigenschaften, dieses Schriftchens, besonders auch der so gewählten Be-
stimmtheit mit welcher Sie [sc.: sie] bei aller Vermeidung von Persönlichkeit
verfaßt ist.
Ich freue mich daß mein Dank für das, was Sie ver:[ehrte] F.[rau] durch dieß
Schriftchen Förderliches für die Sache gethan haben so spät zu Ihnen kommt
nachdem das Schriftchen längst das Seine gewirkt hat, mein Dank ist
nun um so freier u reiner.
Aber einen Sach- u Realdank hätte ich Ihnen für Ihre treu ausdauernde
Pflege, welche Sie der Idee wie deren Anwendung angedeihen lassen, gewünscht,
die [sc.: den]: daß Sie während einiger Wochen, ja, Monate hindurch hier Zeuge /
[251V]
gewesen wären, ich möchte sagen, von der drängenden Theilnahme
welche sich die Sache der Kindheit in allen Volksklassen bei jedem
Geschlecht wie bei jeder Stufe der Bildung hier in Bad Liebenstein er-
freut hat; ich wüßte kein Alter, kein Geschlecht u keinen Stand welcher
eine Ausnahme machte vom ärmsten Taglöhner an bis zu den königlichen
Hoheiten in Weimar <> hinauf, dessen [sc.: deren] Sommeraufenthalt: Wilhelms-
thal, sie nach Liebenstein u so zur prüfenden Beachtung auch unserer
Kinderführung, Bethätigung u Spielen brachte.
Ich freue mich darauf wenn es noch durch gehen u sich bestätigen sollte,
daß ich nächsten Winter einige Monate in dem, den Kindergarten so
pflegend holden Hamburg leben sollte; es wird mir eine
angenehme Pflicht sein Ihnen persönlich den Dank für Ihre
stetig förderliche Theilnahme zu bethätigen, welchen ich
bisher so ganz still u noch ungestaltet in mir tragen mußte.
Genehmigen Sie aber h.[och] g.[eehrte] F.[rau] jetzt die Versicherung wahrer

H[ochachtung]       Fröbel.

b) Edition

Bad Liebenstein, den 31. August 1849.

Hochzuverehrende Frau!
Eine Mehrheit freundlicher und gütiger Briefe von Ihnen liegt vor mir, welche mir ihre warme und so thätige Teilnahme an meinen erziehenden Bestrebungen und Ihr inneres Vertrauen zu denselben aussprechen. Dennoch sind diese, um meinet wie um der Sache der Kindheit willen mir so lieben Briefe unbeantwortet geblieben, was kaum zu verstehen ist, und doch ist der Grund dieser Vernachlässigung /
[226]
ein sehr einfacher: solche Teilnahme läßt mich alles vergessen und weckt das Streben, nun endlich ein klares Ergebnis, ein sprechendes Werk auszuführen; denn ich erkenne immer mehr: nur mit unverwandtem Blicke nach dem vorgesteckten Ziel, mit stetem Fortschreiten auf dem Wege zu demselben und mit unausgesetzter Erfüllung der Forderungen, die ein solches Streben macht, kommt man endlich, wenn auch langsam, doch zum Ziele desselben.
Es ist wahr, sehr viel Liebes und Freundliches, was das Leben in Natur-, Welt-, ja, Selbstverkehr eigentlich leicht giebt, geht uns in solcher Lebensrichtung und Lebensthätigkeit verloren, und viel, sehr viel muß ich in dieser Beziehung entbehren gegen andere, die leichteren Sinnes und leichteren Strebens durch die Welt gehen; allein auch vieles Unfreundliche, dessen das Leben, besonders des Strebenden, vieles hat, bleibt einem dadurch fremd; und erfährt man es endlich, so hat es sich ausgelebt und seine verletzende Kraft verloren. So geht es mir z.B. mit Fölsings Schrift: "Die Fröbelschen Kindergärten"; - seit ich von ihrem Dasein weiß, fand ich noch keine Zeit, sie mir zu bestellen, noch weniger, sie zu lesen.- Freilich geht durch solches Sich-nicht-berühren-lassen von dem Unfreundlichen, namentlich durch Schriften, wie ich diese auch nie beantworte, sondern das Leben und die That sprechen lasse, - bei solcher Lebensbehandlung auch vieles Liebes und Freundliches verloren. Ich habe erst vor einigen Tagen von Ihrer Gegen- und Schutzschrift Kunde erhalten. Ich war davon wirklich überrascht: so ruhig, klar und einfach! Alle, welche dieselbe mit anhörten, - sie ward im Kreise von Erziehungsfreunden vorgelesen, - freuten sich der eben ausgesprochenen Eigenschaften dieses Schriftchens, besonders auch der so gewählten Bestimmtheit, mit welcher sie bei aller Vermeidung von Persönlichkeit verfaßt ist.
Mein Dank für das, was Sie, verehrte Frau, durch dies Schriftchen Förderliches für die Sache gethan haben, kommt leider etwas spät zu Ihnen.
Aber einen Sach- und Realdank hätte ich Ihnen für Ihre treu ausdauernde Pflege, welche Sie der Idee und deren Anwendung angedeihen lassen, gewünscht, nämlich den: daß Sie während einiger Wochen, ja, Monate hindurch, hier Zeuge gewesen wären von der regen Teilnahme, welcher sich die Sache der Kindheit in allen Volksklassen bei jedem Geschlecht, wie bei jeder Stufe der Bildung, hier in Bad Liebenstein erfreut hat. Ich wüßte kein Alter, kein Geschlecht und keinen Stand, welcher eine Ausnahme machte vom ärmsten /
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Taglöhner an, bis zu den königlichen Hoheiten in Weimar hinauf, deren Sommeraufenthalt in Wilhelmsthal, sie nach Liebenstein und so zur prüfenden Beachtung unserer Kinderführung, Bethätigung und Spiele brachte.
Ich freue mich darauf, daß ich nächsten Winter einige Monate in dem, den Kindergarten so pflegend, holden Hamburg verleben werde; es wird mir eine angenehme Pflicht sein, Ihnen persönlich den Dank für Ihre stetig-förderliche Teilnahme auszusprechen, welchen ich bisher ganz still in mir tragen mußte.
Genehmigen Sie aber jetzt die Versicherung wahrer
Hochachtung!

Fr. Fröbel.