Schon hatte ich dieses Blättchen zu
einem Brief an Dich
zurecht gelegt und eben war ich im Begriff
die Feder
zu ergreifen um denselben zum Bothen meiner
Liebe
zu Dir wie zum Ausdruck meiner Sehnsucht nach Dir
zu
machen als der Postbothe ins Zimmer tritt und mir
Deinen lieben,
lieben Brief vom 14
en bringt. Wie
innig freue
ich mich, daß er schon heut eingetroffen
und so dieser Brief
nicht vor Eingang desselben ab-
gegeben ist, denn er würde Dich
sehr unbefrie-
digt gelassen und mir dessen Abgang ein
sehr
unangenehmes Gefühl hervorgebracht haben
und siehe da
nun ist Alles klar und schön geord-
net. Siehe mein liebes,
theures Leben, ob ich nun
gleich erkennen muß, daß ich als Person
in
dem großen, innig einigen Leben, und in und für
dessen
Einheit ein Urwinziger, weniger noch
als der kleinste
microscopische Punkt in Be-
ziehung auf unsere Erde bin, und die
in mir
lebende Kraft sich zur Einheit aller Kraft und
alles
Lebens sich kaum verhält; wie die Kraft
in dem kleinsten
Saamenkorne sich zur Kraft
der Sonne verhält, siehe so muß ich
dennoch in /
[228R]
solchen Lebenserscheinungen und
Thatsachen, die Sag[-]
beweise der liebend leitenden Huld des
Lebens- eines, der Lebensquelle, des Seyns alles
Daseyenden
des Wesens aller Wesen finden, obgleich dieß
kaum
zu begreifen, noch weniger nachzumachen
und am allerwenigsten es
zu beweisen scheint;
doch die Natur giebt uns dazu Fingerzeige
genug.
Ja Du mein Herz, mein Engel, sendest Du mir
nicht
selbst Andeutungen und Anschauungen dieser
Wahrheit in
der Natur?- Hat die ferne Sonne,
gegen welche das Knöspchen des
V: m: wohl ein
Nichts ist hat diese Sonne nicht das Blümchen
aus
ihm entwickelt mit welchem Du einen Namen an-
deutest,
durch welchen ich, indem er mein Name ist,
mich hochbeglückt
fühle. Und - hast Du nicht in
Deinem Blumentopf gesehen, haben
wir nicht
in K. [sc.: Keilhau] es in meinem Zimmer zum öftern
bemerkt
wie das kleinste unbedeutendste Pflänzchen
doch
liebend, pflegend, seiner
Natur
nach; es entwickelnd
ja
anziehend
von ihm, angezogen wird; siehest Du,
meine Liebe, so meine ich
sind auch wir der ewigen
Quelle der
Liebe, wie dort der <irdischen> Quelle
des Lichtes, nicht
zu geringe daß sie uns liebend,
unserer Natur
unserm Seyn und
Wesen
nach entwickelt und erzieht, /
[229]
d.h. liebend unsere
Schicksale leitet, zur
Entwicke-
lung
unseres eigensten nun geeinten Wesens
im großen
Lebenszusammenhang also zur per- sönlichen wie zur
allseitigen Harmonie führt,
wenn wir nur nicht selbst durch
unsere Einzeln-
wünsche störend in die große Harmonie
aller
Lebensentwickelung eingreifen. Weißt Du nicht
daß oft
die schönen Buchen- und Eichenzweige sogar
im Frost erstarren und
dann wie vom Feuer ge-
brannt schwarz werden, wenn sie sich zu
früh
heraus wagten, kennst Du nicht die drey gestren[-]
gen
Herrn, welche selbst der vieleserregende
Friedrich ehren mußte,
anerkennen mußte
als er gegen allgemeine, wenn auch noch
nicht
erforschte Naturgesetze, die zarten, süßen
duft[ige]
und goldene Früchte versprechenden
Blüthenknos[-]
pen der ewiggrünenden Südbäumen zu früh
der
allgemeinen Natureinwirkung Preis gab.
Ungesucht führt mich diese
Betrachtung nun zu
einem zweyfachen: erstlich wie Du
selbst
in Deinem jüngsten Handeln; mir wieder ei-
nen so
sprechenden Beweis gegeben hast,
daß Du selbst Dich bemühest und
es erstrebest
in diesem hohen allgemeinen Lebenseinklange /
[229R]
zu handeln und zu wirken; zweitens, daß wir uns
hü-
ten sollen die zarten Knospen unserer süß duftige
Blüthen
und goldene, ja Himmelsfrüchte (wie Dein Ge-
müth ganz wahr ahnt)
- versprechenden innigen Lebens-
einigung zu früh den frostigen,
erkaltenden, ja tödten-
den gestrengen Herrn der äußerlichen,
oberflächlichen, en-
gen und selbstsüchtigen Beurtheilung Preis
zu geben[.]
Gehe, meine theure Luise, diesem Bilde nach, es wird
Dich
sicher leiten, vertraue auch hier dem, welcher
Deine
Liebe so gern mit seinem Namen nennt und dessen
ern-
stestes Bestreben ist
in und
mit den mit ihm zu einem
LebensGanzen
Geeinten ein
Reich des Friedens und
so
mit der Freude u.s.w. herzustellen; wie könntest
Du ihm
nicht nur Deine Hand und Dein Herz reichen;
nein! Dein ganzes
Leben und alles was Du bist
Dein Glück und Deinen eigenen Frieden
weihen,
könntest und müßtest Du Dich nicht überzeugt
halten,
daß er als Mann im Stande ist ein solches Leben
in
seinen zartesten Keimen zu pflegen zu schützen.
Darum
brauchst Du gar nicht mit einem unbestimm-
ten Gefühl zu Deiner
lieben Mutter zu den lieben
Deinen zu treten denn Du trittst hier
in kein schwan-
kendes unbestimmtes Verhältniß; Du wirst und
bist
schon mehrfach als der weibliche Mittelpunkt, die Führerin /
[230]
Leiterin, als die
Vorsteherin des Ganzen eingeführt,
als
solche erwartet man Dich auch. Rosalie wird
Dir dieß
wenn es für Dich nöthig wäre noch besonders
bezeugen
als solche kannst Du klar u bestimmt erklären, daß
Du
eintrittst, wie dieß auch ebenso Rosalie in Deinem
Kreise
und wie sie darüber gefragt werden sollte,
aussprechen
wird. Jedermann nun, welcher mich und mein
Wirken
nur einigermaßen kennt, wird darinn den Ausdruck
des
hohen persönlichen Vertrauens, der innigsten Achtung
und der
wahren Lebenseinigung finden, in welchem dieß
nur seinen Grund
haben kann; Du bist also keineswe-
ges genöthigt mir kalt und
fremd gegenüber zu
treten. Wir wissen recht gut, daß sich ächter
u wahrer
Geist in allen Formen, daß sich reines Leben in
den
verschiedensten Gestalten wieder geben läßt, nun
wer
zunächst noch an Formen hängt und Wörtern, nun
dem kann man sie
geben u. lassen, wir halten uns an
den Geist und das innere
Leben. Was nun nochmals Dei-
ne lieben Verwandten und namentlich
Deine gute Mut-
ter betrifft, so werden wir beide nur dadurch nur
in
ihrer Achtung steigen, wenn wir übereilte Schritte
mei-
den, denn solche von
einem Gliede
der Familie gethan,
treffen mehr oder minder, doch am Ende alle
Glieder.
Übrigens treten solche Verzögerungen in der jetzigen /
[230R]
Zeit unerwartet in Verhältnissen ein, wo man
sie
am wenigsten erwart[et]. So z.B. kennst Du die
junge
Habicht aus Schmalkalden welche mit in R.
war, aber den Plan
Kindergärtnerin zu werden
aufgab weil sie gerad in jener Zeit
unvorhergesehen
sich verlobte. Später trat dann ihre Schwester
Emma
in Dresden bei mir als Schülerin ein. Jetzt sollte
die
Hochzeit seyn und schon war ihre Schwester aus Dres-
den
dazu geladen, als der Bräutigam aus West-
preußen schreibt: dem
Glück der Verbindung müsse
er in diesem Jahre noch entsagen, weil
sein Leben
sich noch nicht so entwickelt habe, wie jenes es
fordere.
Deine sanften Klagen, so süß sie mir sind indem
sie
mir Deine ächt weibliche, jungfräuliche innige
Liebe beurkunden,
thun mir dennoch um Deinet[-]
willen recht leid; allein ich bin
in mir tief über-
zeugt, sie werden sich in ebenso innige, als
blei-
bende Freuden umwandeln. Nicht wahr mein l.
[sc.: liebes]
Leben nun braucht es darüber kein Wort mehr?-
Rosalie R. wird künftigen Montag früh
8 Uhr
von hier nach Eisenach gehen und gedenkt
nächsten
Freitag früh 7 Uhr (glaub ich) von Altona
nach
Rendsburg mit der Eisenbahn zu fahren;
kannst
und willst Du sie dann am Bahnhofe erwarten
so wird
sie sich freuen. Laßt Euch nun nur nicht
durch den ersten
Eindruck stören, wenn er auch nicht
so günstig seyn sollte als
Ihr wünscht; ich denke
dagegen die Zufriedenheit wird
wachsen.-
Durch R. R. werde ich Dir darum noch 5-10 rth
prCt. senden
oder in Hamburg anweisen, da-
mit Dir an Nichts mangle, Du auch
Deinem klei-
nen Pathchen nach Sitte etwas kaufen
kannst
Taufanzug oder silbernen Löffel rc.
Nun noch einmal d[urc]h
R. R. begrüße ich Dich
in Rendsburg[.]- Schön wäre
es gewesen hätte man
Dir Carl u Katharinen als Pflegekinder
anvertraut.
- Daß Dein Bruder Dir nicht schreibt wundert
mich.
Wenn die Menschen das Leben, sich u mich verstehen
wollt[en]
und die Stimme Gottes in den Schicksalen, so
könnte
sich alles Leben wie Du ahnest himmlisch schön
entwickeln.