Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Luise Levin in Rendsburg v. 16.6.1849 (Bad Liebenstein)


F. an Luise Levin in Rendsburg v. 16.6.1849 (Bad Liebenstein)
(BlM XXIII,60, Bl 228-233, Brieforiginal 3 B 8° 12 S.)

Bad Liebenstein bei Eisenach, am 16 Juni 1849.


Meine liebe, theure Luise.

Schon hatte ich dieses Blättchen zu einem Brief an Dich
zurecht gelegt und eben war ich im Begriff die Feder
zu ergreifen um denselben zum Bothen meiner Liebe
zu Dir wie zum Ausdruck meiner Sehnsucht nach Dir
zu machen als der Postbothe ins Zimmer tritt und mir
Deinen lieben, lieben Brief vom 14en bringt. Wie
innig freue ich mich, daß er schon heut eingetroffen
und so dieser Brief nicht vor Eingang desselben ab-
gegeben ist, denn er würde Dich sehr unbefrie-
digt gelassen und mir dessen Abgang ein sehr
unangenehmes Gefühl hervorgebracht haben
und siehe da nun ist Alles klar und schön geord-
net. Siehe mein liebes, theures Leben, ob ich nun
gleich erkennen muß, daß ich als Person in
dem großen, innig einigen Leben, und in und für
dessen Einheit ein Urwinziger, weniger noch
als der kleinste microscopische Punkt in Be-
ziehung auf unsere Erde bin, und die in mir
lebende Kraft sich zur Einheit aller Kraft und
alles Lebens sich kaum verhält; wie die Kraft
in dem kleinsten Saamenkorne sich zur Kraft
der Sonne verhält, siehe so muß ich dennoch in /
[228R]
solchen Lebenserscheinungen und Thatsachen, die Sag[-]
beweise der liebend leitenden Huld des Lebens-
eines, der Lebensquelle, des Seyns alles Daseyenden
des Wesens aller Wesen finden, obgleich dieß
kaum zu begreifen, noch weniger nachzumachen
und am allerwenigsten es zu beweisen scheint;
doch die Natur giebt uns dazu Fingerzeige genug.
Ja Du mein Herz, mein Engel, sendest Du mir nicht
selbst Andeutungen und Anschauungen dieser
Wahrheit in der Natur?- Hat die ferne Sonne,
gegen welche das Knöspchen des V: m: wohl ein
Nichts ist hat diese Sonne nicht das Blümchen aus
ihm entwickelt mit welchem Du einen Namen an-
deutest, durch welchen ich, indem er mein Name ist,
mich hochbeglückt fühle. Und - hast Du nicht in
Deinem Blumentopf gesehen, haben wir nicht
in K. [sc.: Keilhau] es in meinem Zimmer zum öftern bemerkt
wie das kleinste unbedeutendste Pflänzchen doch
liebend, pflegend, seiner Natur nach; es entwickelnd
ja anziehend von ihm, angezogen wird; siehest Du,
meine Liebe, so meine ich sind auch wir der ewigen
Quelle der Liebe, wie dort der <irdischen> Quelle des Lichtes, nicht
zu geringe daß sie uns liebend, unserer Natur
unserm Seyn und Wesen nach entwickelt und erzieht, /
[229]
d.h. liebend unsere Schicksale leitet, zur Entwicke-
lung unseres eigensten nun geeinten Wesens
im großen Lebenszusammenhang also zur per-

sönlichen wie zur allseitigen Harmonie führt,
wenn wir nur nicht selbst durch unsere Einzeln-
wünsche störend in die große Harmonie aller
Lebensentwickelung eingreifen. Weißt Du nicht
daß oft die schönen Buchen- und Eichenzweige sogar
im Frost erstarren und dann wie vom Feuer ge-
brannt schwarz werden, wenn sie sich zu früh
heraus wagten, kennst Du nicht die drey gestren[-]
gen Herrn, welche selbst der vieleserregende
Friedrich ehren mußte, anerkennen mußte
als er gegen allgemeine, wenn auch noch nicht
erforschte Naturgesetze, die zarten, süßen duft[ige]
und goldene Früchte versprechenden Blüthenknos[-]
pen der ewiggrünenden Südbäumen zu früh
der allgemeinen Natureinwirkung Preis gab.
Ungesucht führt mich diese Betrachtung nun zu
einem zweyfachen: erstlich wie Du selbst
in Deinem jüngsten Handeln; mir wieder ei-
nen so sprechenden Beweis gegeben hast,
daß Du selbst Dich bemühest und es erstrebest
in diesem hohen allgemeinen Lebenseinklange /
[229R]
zu handeln und zu wirken; zweitens, daß wir uns hü-
ten sollen die zarten Knospen unserer süß duftige
Blüthen und goldene, ja Himmelsfrüchte (wie Dein Ge-
müth ganz wahr ahnt) - versprechenden innigen Lebens-
einigung zu früh den frostigen, erkaltenden, ja tödten-
den gestrengen Herrn der äußerlichen, oberflächlichen, en-
gen und selbstsüchtigen Beurtheilung Preis zu geben[.]
Gehe, meine theure Luise, diesem Bilde nach, es wird Dich
sicher leiten, vertraue auch hier dem, welcher Deine
Liebe so gern mit seinem Namen nennt und dessen ern-
stestes Bestreben ist in und mit den mit ihm zu einem
LebensGanzen Geeinten ein Reich des Friedens und so
mit der Freude u.s.w. herzustellen; wie könntest
Du ihm nicht nur Deine Hand und Dein Herz reichen;
nein! Dein ganzes Leben und alles was Du bist
Dein Glück und Deinen eigenen Frieden weihen,
könntest und müßtest Du Dich nicht überzeugt halten,
daß er als Mann im Stande ist ein solches Leben in
seinen zartesten Keimen zu pflegen zu schützen.
Darum brauchst Du gar nicht mit einem unbestimm-
ten Gefühl zu Deiner lieben Mutter zu den lieben
Deinen zu treten denn Du trittst hier in kein schwan-
kendes unbestimmtes Verhältniß; Du wirst und bist
schon mehrfach als der weibliche Mittelpunkt, die Führerin /
[230]
Leiterin, als die Vorsteherin des Ganzen eingeführt,
als solche erwartet man Dich auch. Rosalie wird Dir dieß
wenn es für Dich nöthig wäre noch besonders bezeugen
als solche kannst Du klar u bestimmt erklären, daß Du
eintrittst, wie dieß auch ebenso Rosalie in Deinem Kreise
und wie sie darüber gefragt werden sollte, aussprechen
wird. Jedermann nun, welcher mich und mein Wirken
nur einigermaßen kennt, wird darinn den Ausdruck
des hohen persönlichen Vertrauens, der innigsten Achtung
und der wahren Lebenseinigung finden, in welchem dieß
nur seinen Grund haben kann; Du bist also keineswe-
ges genöthigt mir kalt und fremd gegenüber zu
treten. Wir wissen recht gut, daß sich ächter u wahrer
Geist in allen Formen, daß sich reines Leben in den
verschiedensten Gestalten wieder geben läßt, nun
wer zunächst noch an Formen hängt und Wörtern, nun
dem kann man sie geben u. lassen, wir halten uns an
den Geist und das innere Leben. Was nun nochmals Dei-
ne lieben Verwandten und namentlich Deine gute Mut-
ter betrifft, so werden wir beide nur dadurch nur in
ihrer Achtung steigen, wenn wir übereilte Schritte mei-
den, denn solche von einem Gliede der Familie gethan,
treffen mehr oder minder, doch am Ende alle Glieder.
Übrigens treten solche Verzögerungen in der jetzigen /
[230R]
Zeit unerwartet in Verhältnissen ein, wo man sie
am wenigsten erwart[et]. So z.B. kennst Du die
junge Habicht aus Schmalkalden welche mit in R.
war, aber den Plan Kindergärtnerin zu werden
aufgab weil sie gerad in jener Zeit unvorhergesehen
sich verlobte. Später trat dann ihre Schwester Emma
in Dresden bei mir als Schülerin ein. Jetzt sollte die
Hochzeit seyn und schon war ihre Schwester aus Dres-
den dazu geladen, als der Bräutigam aus West-
preußen schreibt: dem Glück der Verbindung müsse
er in diesem Jahre noch entsagen, weil sein Leben
sich noch nicht so entwickelt habe, wie jenes es fordere.
Deine sanften Klagen, so süß sie mir sind indem
sie mir Deine ächt weibliche, jungfräuliche innige
Liebe beurkunden, thun mir dennoch um Deinet[-]
willen recht leid; allein ich bin in mir tief über-
zeugt, sie werden sich in ebenso innige, als blei-
bende Freuden umwandeln. Nicht wahr mein l. [sc.: liebes]
Leben nun braucht es darüber kein Wort mehr?-
Nun zu Deinem schönen Handeln hinsichtlich des
Antrags der Lütkens, dadurch hast Du mir
wieder ein zweyfaches bewiesen: erstlich daß
der reine, in sich klare, selbstständige Mensch eben
immer auch in ächten Lebenseinklange handle, dann /
[231]
daß Du es werth bist die selbstständige Führerin
einer Bildungsanstalt, die Vorsteherin derselben
zu seyn; Du hast mir durch dieß Dein Handeln einen
sprechenden Beweis gegeben wie sehr Du mein ganzes
Vertrauen verdienst, denn Du hast mich in Beziehung
auf Frau Lütkens von dem möglichen Verdacht einer
ungeeigneten Einwirkung meiner frei erhalten;
ich danke Dir dafür.
Da seit gestern Abend die Rosalie R. [sc.: Reinhard] und Amalie
Mattfeld
bei mir ist [sc.: sind], so habe ich letzterer vorgeschla-
gen anstatt Deiner zu Frau Lütkens zu gehen;
doch sie hat keine Lust und wird nun noch einige Zeit
bei mir bleiben, so daß Du sie wohl noch hier finden
wirst. Sie läßt Dich grüßen, sie liebt u achtet Dich.
Rosalie R. wird künftigen Montag früh 8 Uhr
von hier nach Eisenach gehen und gedenkt nächsten
Freitag früh 7 Uhr (glaub ich) von Altona nach
Rendsburg mit der Eisenbahn zu fahren; kannst
und willst Du sie dann am Bahnhofe erwarten
so wird sie sich freuen. Laßt Euch nun nur nicht
durch den ersten Eindruck stören, wenn er auch nicht
so günstig seyn sollte als Ihr wünscht; ich denke
dagegen die Zufriedenheit wird wachsen.-
Was nun Deine Abreise von Rendsburg /
[231R]
betrifft, so richte dieß alles nach Deiner Bequem-
lichkeit ein. Da Du nun schreibst - "dann möchte
ich wohl gegen das Ende der Woche nach Eisenach
kommen" - so dachte ich hielten wir vorläufig gleich
fest, daß Du Freitags den 5en Jul[y] Nachmittags
zwischen 2-3, oder Abends zwischen 7-8 nach Eise-
nach kommst; ich nehme hier freilich an daß Du mit
der Eisenbahn von Gotha kommst. Würdest Du
Freitags den 5en Jul. früh 6 Uhr 15 Minuten (6¼ Uhr)
von Harzburg abreisen, so würdest Du um 7 Uhr 25 M.
in Wolfenbüttel seyn. Von da würdest Du 7 Uhr 35 M.
abfahren, um 10 <¼ / Uhr> in Magdeburg und 7¼ Uhr A-
bend[s] in Eisenach seyn. Das Fahrgeld für 51½ M [sc.: Meilen ?]
würde 4 rth 4 Sgr betragen. Ob Du mit der
Post so schnell, so sicher und so billig von Osterode
nach Eisenach kommen kannst, mußt Du in Osterode
hören. Jedenfalls erwarte ich bestimmte Nachricht
von Osterode aus in Liebenstein. Den Dienstag wür[-]
dest Du den Brief in Osterode zur Post geben müssen.
Spätestens Donnerstags Abends würde ich ihn erhalten
so daß ich darnach auf Freitags früh 8 Uhr meine Reise
bestimmen könnte.
Nun zu Deiner Reise von Haarburg (Hamburg)
nach Osterode. Abgang von Haarburg früh 5½ Uhr /
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Ankunft in Lüneburg 6½ Uhr früh. Hier könntest
Du (alles nach dem neuesten Fahrplan bestimmt)
bis 2¼ Uhr Nachmittags verweilen, so kämst Du
7 Uhr 5 M. nach Hildesheim. Abfahrt von da 8 Uhr
Abends, so kommst Du 9 Uhr 35 Min nach Harzburg[.]
Ob es nun noch möglich sey nach Osterode zu kommen
zweifle ich. Hiernach müßtest Du bis Sonnabends
früh 6½ Uhr in Lüneburg bleiben (:Auf diesen Fall
brauchtest Du Freitags früh nicht so zeitig von Haar-
burg abzufahren z.B. erst um 1 Uhr 10 M. dann
kämst Du um 2 Uhr 15 M. nach Lüneburg, über-
nachtest daselbst, daselbst führest Du den andern Tag
Sonnabends 6 Uhr 30 Min: von Lüneburg ab und
kämest 3 Uhr 10 M. Nachmittags nach Harzburg
so, daß Du nun Zeit hättest von da nach Osterode
zu fahren. Sonntags könnte die Taufe seyn, so
blieben für Dich noch in Osterode die Tage vom Sonn[-]
tag bis Donnerstag, also fünf Tage. Überlege nun.
Fahrlohn von Haarburg bis Lüneburg und Hildesheim Braunschweig
1.22 20 Sgr u von Br[au]nschweig bis Harzburg
13 Sgr. Also im Ganzen 2 rth 5 Sgr. Von Oste[ro]de
bis Eisenach 4 rth 4 Sgr also im Ganzen. Von Rends-
b[u]rg bis Altona 46 <?> = cca 3 <?> = 36 Sgr. Ohne
die Zwischenfuhren, also 7 rth 11 Sgr ohngefähr. /
[232R]
Durch R. R. werde ich Dir darum noch 5-10 rth
prCt. senden oder in Hamburg anweisen, da-
mit Dir an Nichts mangle, Du auch Deinem klei-
nen Pathchen nach Sitte etwas kaufen kannst
Taufanzug oder silbernen Löffel rc.
Was unsere Einrichtung in Liebenstein betrifft,
so gedenke ich hier mir einen neuen und bis
zum Ende meines Lebens - wenn es auch so im
Lebensbuche steht - festen und bleibenden Lebens-
punkt zu bilden; mein Gemüth und Geist fordern
dieß. Ich denke nun die Einrichtung so zu machen
daß die Anstalt, wenigstens in einigen Bezieh[-]
ungen während meiner Abwesenheit in H[a]mb[ur]g
hier fort gehe; wie ich das meine und sich ausführen
läßt, wollen wir klar überlegen; es können
und müssen sich auch noch Lebensverhältnisse
entwickeln. Bringst Du Dein Bett mit so ist es schön
und gut. Du weißt daß ich mehrere Bette[n] in Keil-
hau habe, doch sind sie noch nicht hier. Einiges Bett[-]
zeug ist auch gut, doch ist Gesetz, daß jede Schülerin
ihr Besteck u Servietten mitbringe, jedoch sind
meine Tischtücher noch knapp. Liebenstein soll also
auch in meiner Abwesenheit wachsen grünen u.
blühen und Hamburg soll mir, wie ich Dir schrieb, dazu die Mittel geben. Wie ich mich darauf freue, Weihnachten u. /
[233]
Ostern mit Dir in Liebenstein zu feiern kann ich
Dir gar nicht sagen; wie ein Kind aufs Christfest
und die schönen Ostereier, und doch liegt mir der
schöne Sommer erst dazwischen.
Von meiner Häuslichkeit kann Dir R. R. erzählen.-
Frühstück d.h. Kaffee rc und Abendbrot besorgen
wir selbst. Mittags lasse ich das Essen aus dem
Curhause für uns alle kommen. Unser Tisch- und
Kaffeegeschirr und sonstiges Geschirr haben wir
auch schon selbst. Übrigens bleibt die ganze Ein-
richtung Dir vollkommen überlassen. Im Hauswe-
sen werden Dich, so weit es immer der Unterricht
erlaubt zwei junge Mädchen, ein paar Zwillings[-]
schwestern von 22 Jahren aus Sachsen unter[-]
stützen welche dafür ¼ weniger Pension bezahlen.
Die gewöhnliche Pension für 6 Monate mit Kost
Wohnung, Licht, Heizung, Unterricht kostet 100 rth in
Vorausbezahlung nach Belieben monatl oder viertelj[ährlich].
Du wirst hier finden: Henriette B [sc.: Breymann] - Emma Bothmann -
Philippine u Adele Gossel - Amalie Mattfeld
Frl. Drabert aus Eisenach. - Eine Wienerin [sc.: Luise Hertlein] (welche
erst zu Ende dieses Monats kommt)[.] Und vielleicht
noch eine Hamburgerin. Außerdem Wilh. Mid-
dendorff
, welcher jedoch ganz für sich lebt, nur /
[233R]
an dem Unterrichte Antheil nimmt. An den
Spielstunden von 11-12 Vorm: und 5-6 Nachm.
nehmen die Kinder bis jetzt noch willkührlich
und unbestimmt Antheil.
Wenn Du mit dem was Du an Spielzeug
besitzest oder auch selbst mit den Koseliedern
(versteht sich nach Entfer[n]ung meiner Worte [sc.: Widmungsworte])
Jemanden Freude machen willst, so kannst
Du es mit meiner freudigen Zustimmung thun;
ebenso wenn Du das Bild von Liebenstein in
Rendsburg oder bei Deiner Mutter lassen willst
desgleichen auch Keilhau.
So wüßte ich Dir nun nichts mehr zu sagen
als daß sich mein Herz sehr nach Dir sehnt und
sich innig freut einen Tag ganz ruhig und unge[-]
stört einig mit Dir in Eisenach zu verleben, um
das ganze Leben mit Dir zu besprechen.
Nun noch einmal d[urc]h R. R. begrüße ich Dich
in Rendsburg[.]- Schön wäre es gewesen hätte man
Dir Carl u Katharinen als Pflegekinder anvertraut.
- Daß Dein Bruder Dir nicht schreibt wundert mich.
Wenn die Menschen das Leben, sich u mich verstehen wollt[en]
und die Stimme Gottes in den Schicksalen, so könnte
sich alles Leben wie Du ahnest himmlisch schön entwickeln.
Grüße Deine lieben Kinder u ihre l. Mutter DFrFr