Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Luise Levin in Rendsburg v. 12.4./13.4.1849 (Leipzig / Dresden)


F. an Luise Levin in Rendsburg v. 12.4./13.4.1849 (Leipzig / Dresden)
(BlM XXIII,44, Bl 171-173, Brieforiginal 1 Bl 8° 2 S. + 1 B 8° 3 S. - 171V hat eine Rahmenverzierung.)

Auf dem Leipzig-Dresdner Bahnhofe zu Leipzig
Am 12 April Nachmittags 3 3/4 Uhr


Meine einzige Herzensfreundin.

Du wirst Dich gar sehr gewundert haben in diesem
Monat an welchem ein ewig gütiges und lieben-
des Geschick Dich mich [sc.: mir] geboren werden ließ noch
keine ausführlichen Lebensmittheilungen von mir
erhalten zu haben ja kaum ein liebend-freundliches
Wort als Beilage in dem Briefe unserer R[osalie] Reinh[ard]
allein Gründonnerstags den 5n reisete ich nach Lie-
benstein um dort wegen unserer Übersiedelung ernst-
liche Vorkehrungen zu treffen. In dieser Absicht aber
war ich genöthigt nach Meiningen zu reisen, von
wo ich erst gestern Mittag nach Liebenstein zu-
rück kehrte u. heut Abend 9 Uhr in Dresden wie[-]
der einzutreffen hoffe. Von dort erhältst Du als[-]
bald ausführlichere Nachricht von mir, heut von
hier nur ein Bild unseres künftigen Wirkungsortes
als Zeichen der herzinnigsten Theilnahme an Deinem
und meinen, unseren und für viele Andere see-
gensreichen Lebensfeste. Gott erhalte Dich uns allen
in Lebensfreudigkeit, Seelenfrieden und der that- /
[171R]
kräftigsten Geistesfreiheit, des Lebens-, aller Wahrheit-
Güte- und Liebe-, aller Kraft und Macht Quelle mit
Dir und uns allen.
Du erhältst hier in vielen Blättern und in vier
Sprachen das angedeutet, was wir innig einig und
geeint, geeint mit Gleichgesinnten mit Gott, Na-
tur und Menschheit in dem dem Geiste zugeführten
Orte auszuführen gedenken. Behalte und gebrauche
davon so viel Dir beliebt, die andere sende wenigstens
zu einstweiliger Kunde an unsere Allwina.
Daß ich in diesen Tagen des wunderbarsten Kriegsge[-]
schickes vielfach Deiner und Eurer aller mit der
seelenvollsten Theilnahme gedacht habe, kannst Du
Dir wohl denken; was könnte ich Dir weiter sagen
als Gott bitten daß er Euch allen Kraft und Muth
gebe das Lebensverhängnisse standhaft zu ertragen.
Jetzt aber muß ich eiligst schließen.
Auch den Worten E. M. Arndts
"Welche Mittel suchen sie?"
schenke Deine Aufmerksamkeit auch wir als Erzieher
können daraus zwischen den Zeilen für uns viel, sehr
viel lesen. Grüße meine künftige l. Kinder[-]
gärtnerin Auguste, und sage ihr daß ich mich innig
freue daß sie ein edles Mädchen werden wolle, so
rein als thatkräftig; auch Deine übrigen Pflänzchen
grüße, so wie unsere Allwina.
D.G.Fr.Fr. /

[172]
Dresden, Mitternacht vom 12en zum 13 April.
Um wo möglich Dir am Tage Deines, mir so theuern Lebens-
festes wenigstens ein kleines Zeichen meiner herzinnigen, innig
zugleich hochbeglückenden Theilnahme an demselben zu geben,
benutzte ich in Leipzig die Stunden der Bahnzugsrast, d.h.
dessen Aufenthalt daselbst, Dir eine Zeichnung unseres ge-
meinsamen Wirkungsortes "Liebenstein" mit Andeutungen
einiger der reizenden Umgebungen desselben zu senden und
ein paar Worte seelenvoller Antheiles und treuer Liebe
dazu zu schreiben. Jetzt nun hier in Dresden angekommen
(um 9 Uhr Abends) und mich sogleich des Anblickes Deines l. Brie-
fes erfreuend, muß ich dadurch veranlaßt zugleich zu meinem
wahren Leide die Bemerkung machen, daß ich in der großen
Eile der Besorgung indem es schon zum Abgange des Bahnzuges
geläutet hatte die zur Begleitung und Deutung geschriebenen
Zeilen beizulegen vergessen habe. Allein so unangenehm
es mir auf den ersten Augenblick war, so freue ich mich des-
sen jetzt, indem ich mich dadurch aufgefordert finde, Dir
sogleich antwortend auf Deinen lieben Brief von hier aus
zu schreiben um eine nicht ungerechte Trübung von Deinem
Gemüthe zu nehmen, welche durch ein Mißverständniß
unserer treusinnigen Henriette in Dir hervorgerufen wor-
den ist. Die Sache verhält sich so: eine gewisse Frau Gold-
schmidt
, geborene Schwab aus Hamburg hat wirklich, wie sie
sich unterschreibt im Auftrage mehrerer Jungfrauen und
Frauen Hamburgs bei mir angefragt: ob und wann ich
wohl geneigt wäre einen Bildungscursus in Hamburg
zu geben u.s.w. Da ich nun keinen Grund kenne einen
solchen Antrag nicht pflegend und beachtend aufzunehmen, /
[172R]
als eine vorübergehende Sache und somit unbeschadet
des festen und bleibenden Lebensplanes und dessen unver-
kürzten Ausführung und da überdieß des Lebens Verhält-
nisse jetzt so wechselnd sind, so habe ich darauf geant-
wortet, daß ich einen solchen Cursus zunächst keinesweges
von der Hand weise, daß ich aber erstlich denselben vor
künftigen Winter nicht auszuführen für möglich erachte
und zweitens, daß ich dann Bedingungen setzen müsse, von
welchen ich schwerlich glaube daß sie die Hamburger mir
gehen [sc.: geben] werden nemlich Deckung aller Ausgaben der
Wohnung, der Kost u.s.w. und monatlich noch einen reinen
Ertrag oder Überschuß von Einhundert Rth prCt.
Allein dieser Cursus wenn er zu Stande käme, was ich,
wie gesagt, gar nicht glaube, würde erst nach fester Be-
gründung und Ausführung des Erziehungsganzen in Lieben-
stein oder, was ziemlich gleich ist, in Marienthal - ins
Leben treten und dann eben nur zur sicheren Mit-
begründung von der Liebensteiner Anstalt. Also bange
Dich nicht für diese bist Du mir unentbehrliche Stütze;
auch habe ich persönlich keine Neigung und keinen Wunsch
nach Hamburg zu gehen; nur habe ich mich einmal in den
Dienst der Idee einer allgemeinen und durchgreifenden
deutschen Erziehung begeben und muß folgen, das heißt:
ich folge gern und willig wohin das hehre Geschick zum
Heile meines Volkes u. der Menschheit mich ruft. Gleich mit
Anfang des nächsten Monats wird meine Übersiedelung nach
Liebenstein und der Anfang des Cursus beginnen, da ich nur
schwerlich vor den 1n Jul[i] mich Deiner Hülfe erfreuen
kann, so hoffe ich, daß mich Henriette Breymann zur /
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Begründung und Ausführung des eigentlichen Kindergartens
- welchen ich die vollkommenste Ausbildung zu geben gedenke -
dahin begleiten wird; ist es nicht, nun gut, so werde ich mich
bis zu Deiner treusinnigen Überkunft auf irgend eine Weise
zu behelfen suchen. Mit Allwinen wird es sich ja dann auch
bald entscheiden. Du siehest, mein Herz, ich vertraue wie Du der
guten Sache, welche Gott schützen wird, mit unverrückter
Treusinnigkeit und Mannes Festigkeit, treu meinem Spruch:-
"Des Mannes Wort ist seine That,
Und alles was er ist und hat
Gehöret zu eigen der Menschheit;
U. dieß Bewußtseyn giebt Muth ihm und Freudigkeit."
In der Kürze denke ich nun auch an Allwina zu schreiben;
Middendorff schreibt mir wiederkehrend, daß auch Wilhelm
zu mir wolle; hoffentlich wird sich alles bald entscheiden.
In Liebenstein habe ich für unser Unterkommen schon Vor[-]
kehrung getroffen; Deine Äußerung, daß Marienthal
zunächst wenigstens etwas zu entfernt sey, so wie die
Ansicht Anderer, daß es besser sey Alles mehr dicht
neben einander zu haben, dieß bestimmt mich zunächst
Liebenstein im Beginne den Vorzug vor dem 20 Minuten
entfernten Marienthal zu geben. An Ort und Stelle
wird sich alles dieß leicht ordnen.
Zunächst könnte also vielleicht mein ganzer Kreis mit
mir aus 6 Personen bestehen. Bald das Nähere weiter.
- Da es mir nicht möglich wurde die Sendung der Zeich-
nung respective Rolle von Leipzig aus frei zu machen,
so liegt der Betrag des Portos hier bei. Verzeihe.
Nun lebe recht wohl. Ich sehne mich sehr bald wieder
Nachricht von Dir zu erhalten und noch mehr bald
ganz mit Dir geeint zu wirken. Mein Herz sagt <mir>
Gottes Seegen wird auf unserm Wirken ruhen[.]
Wegen der Reise u.s.w. alles nächstens DFrFr.
So zweige, und laubreich wie die Beilage, von Eisenach nach Liebenstein gebrochen - sey unser Lebensbaum. /
[173R]
[leer]