Auf dem Leipzig-Dresdner Bahnhofe zu
Leipzig
Am 12 April Nachmittags 3 3/4 Uhr
Meine einzige
Herzensfreundin.
Du wirst Dich gar sehr
gewundert haben in diesem
Monat an welchem ein ewig gütiges und
lieben-
des Geschick Dich mich [sc.: mir] geboren werden ließ
noch
keine ausführlichen Lebensmittheilungen von mir
erhalten
zu haben ja kaum ein liebend-freundliches
Wort als Beilage in dem
Briefe unserer
R[osalie]
Reinh[ard]allein Gründonnerstags den 5
n reisete ich nach Lie-
benstein um dort wegen
unserer Übersiedelung ernst-
liche Vorkehrungen zu treffen. In
dieser Absicht aber
war ich genöthigt nach Meiningen zu reisen,
von
wo ich erst gestern Mittag nach Liebenstein zu-
rück
kehrte u. heut Abend 9 Uhr in Dresden wie[-]
der einzutreffen
hoffe. Von dort erhältst Du als[-]
bald ausführlichere Nachricht
von mir, heut von
hier nur ein Bild unseres künftigen
Wirkungsortes
als Zeichen der herzinnigsten Theilnahme an
Deinem
und meinen, unseren und für viele Andere
see-
gensreichen Lebensfeste. Gott erhalte Dich uns allen
in
Lebensfreudigkeit, Seelenfrieden und der that- /
[171R]
kräftigsten Geistesfreiheit, des Lebens-, aller
Wahrheit-
Güte- und Liebe-, aller Kraft und Macht Quelle
mit
Dir und uns allen.
Du erhältst hier in vielen Blättern
und in vier
Sprachen das angedeutet, was wir innig einig und
geeint, geeint mit Gleichgesinnten mit Gott, Na-
tur und
Menschheit in dem dem Geiste zugeführten
Orte auszuführen
gedenken. Behalte und gebrauche
davon so viel Dir beliebt, die
andere sende wenigstens
zu einstweiliger Kunde an unsere
Allwina.
Daß ich in
diesen Tagen des wunderbarsten Kriegsge[-]
schickes vielfach
Deiner und Eurer aller mit der
seelenvollsten Theilnahme gedacht
habe, kannst Du
Dir wohl denken; was könnte ich Dir weiter
sagen
als Gott bitten daß er Euch allen Kraft und Muth
gebe
das Lebensverhängnisse standhaft zu ertragen.
Jetzt aber muß
ich eiligst schließen.
schenke Deine Aufmerksamkeit auch wir als
Erzieher
können daraus zwischen den Zeilen für uns viel,
sehr
viel lesen. Grüße meine künftige l. Kinder[-]
gärtnerin
Auguste, und sage ihr daß ich mich innig
freue daß sie ein edles
Mädchen werden wolle, so
rein als thatkräftig; auch Deine übrigen
Pflänzchen
grüße, so wie unsere Allwina.
[172]
Dresden, Mitternacht vom 12en zum
13 April.
Um wo möglich Dir am Tage Deines, mir
so theuern Lebens-
festes wenigstens ein kleines Zeichen meiner
herzinnigen, innig
zugleich hochbeglückenden Theilnahme an
demselben zu geben,
benutzte ich in Leipzig die Stunden der
Bahnzugsrast, d.h.
dessen Aufenthalt daselbst, Dir eine Zeichnung
unseres ge-
meinsamen Wirkungsortes "Liebenstein" mit
Andeutungen
einiger der reizenden Umgebungen desselben zu senden
und
ein paar Worte seelenvoller Antheiles und treuer
Liebe
dazu zu schreiben. Jetzt nun hier in Dresden
angekommen
(um 9 Uhr Abends) und mich sogleich des Anblickes
Deines l. Brie-
fes erfreuend, muß ich dadurch veranlaßt zugleich
zu meinem
wahren Leide die Bemerkung machen, daß ich in der
großen
Eile der Besorgung indem es schon zum Abgange des
Bahnzuges
geläutet hatte die zur Begleitung und Deutung
geschriebenen
Zeilen beizulegen vergessen habe. Allein so
unangenehm
es mir auf den ersten Augenblick war, so freue ich
mich des-
sen jetzt, indem ich mich dadurch aufgefordert finde,
Dir
sogleich antwortend auf Deinen
lieben Brief von hier aus
zu schreiben um eine nicht ungerechte
Trübung von Deinem
Gemüthe zu nehmen, welche durch ein
Mißverständniß
unserer treusinnigen Henriette in Dir
hervorgerufen wor-
den ist. Die Sache verhält sich so: eine
gewisse
Frau Gold-
schmidt, geborene Schwab aus Hamburg hat
wirklich, wie sie
sich unterschreibt im Auftrage mehrerer
Jungfrauen und
Frauen Hamburgs bei mir angefragt: ob und wann
ich
wohl geneigt wäre einen Bildungscursus in Hamburg
zu
geben u.s.w. Da ich nun keinen Grund kenne einen
solchen Antrag
nicht pflegend und beachtend aufzunehmen, /
[172R]
als
eine
vorübergehende Sache und somit
unbeschadet
des festen und bleibenden Lebensplanes und dessen
unver-
kürzten Ausführung und da überdieß des Lebens
Verhält-
nisse jetzt so wechselnd sind, so habe ich darauf
geant-
wortet, daß ich einen solchen Cursus zunächst
keinesweges
von der Hand weise, daß ich aber
erstlich denselben
vor künftigen Winter
nicht auszuführen für möglich erachte
und
zweitens, daß ich dann Bedingungen setzen
müsse, von
welchen ich schwerlich glaube daß sie die Hamburger
mir
gehen [sc.: geben] werden nemlich
Deckung aller Ausgaben der
Wohnung, der
Kost u.s.w. und
monatlich noch einen
reinen Ertrag oder Überschuß von
Einhundert Rth prCt.
Allein dieser Cursus wenn er zu Stande
käme, was ich,
wie gesagt, gar nicht glaube, würde erst nach
fester Be-
gründung und Ausführung des Erziehungsganzen in
Lieben-
stein oder, was ziemlich gleich ist, in Marienthal -
ins
Leben treten und dann eben nur zur sicheren
Mit-
begründung von der Liebensteiner Anstalt. Also
bange
Dich nicht für diese bist Du mir unentbehrliche
Stütze;
auch habe ich
persönlich keine
Neigung und keinen Wunsch
nach Hamburg zu gehen; nur habe ich
mich einmal in den
Dienst der Idee einer allgemeinen und
durchgreifenden
deutschen Erziehung begeben und
muß folgen, das heißt:
ich folge gern
und willig wohin das hehre Geschick zum
Heile meines Volkes u.
der Menschheit mich ruft. Gleich mit
Anfang des nächsten Monats
wird meine Übersiedelung nach
Liebenstein und der Anfang des
Cursus beginnen, da ich nur
schwerlich vor den 1
n Jul[i] mich Deiner Hülfe erfreuen
kann, so
hoffe ich, daß mich
Henriette
Breymann zur /
[173]
Begründung und Ausführung des
eigentlichen Kindergartens
- welchen ich die vollkommenste
Ausbildung zu geben gedenke -
dahin begleiten wird; ist es
nicht, nun gut, so werde ich mich
bis zu Deiner treusinnigen
Überkunft auf irgend eine Weise
zu behelfen suchen. Mit
Allwinen wird es sich ja dann
auch
bald entscheiden. Du siehest, mein Herz, ich vertraue wie Du
der
guten Sache, welche Gott schützen wird, mit
unverrückter
Treusinnigkeit und Mannes Festigkeit, treu meinem
Spruch:-
"Des Mannes Wort ist seine That,
Und alles
was er ist und hat
Gehöret zu eigen der Menschheit;
U.
dieß Bewußtseyn giebt Muth ihm und Freudigkeit."
In der
Kürze denke ich nun auch an Allwina zu schreiben;
Middendorff schreibt mir
wiederkehrend, daß auch
Wilhelmzu mir wolle; hoffentlich wird sich
alles bald entscheiden.
In Liebenstein habe ich für unser
Unterkommen schon Vor[-]
kehrung getroffen; Deine Äußerung, daß
Marienthal
zunächst wenigstens etwas zu entfernt sey, so wie
die
Ansicht Anderer, daß es besser sey Alles mehr dicht
neben
einander zu haben, dieß bestimmt mich zunächst
Liebenstein im
Beginne den Vorzug vor dem 20 Minuten
entfernten Marienthal zu
geben. An Ort und Stelle
wird sich alles dieß leicht ordnen.
Zunächst könnte also vielleicht mein
ganzer Kreis mit
mir aus 6 Personen bestehen. Bald das Nähere
weiter.
- Da es mir nicht möglich wurde die Sendung der
Zeich-
nung respective Rolle von Leipzig aus frei zu
machen,
so liegt der Betrag des Portos hier bei.
Verzeihe.
Nun lebe recht wohl. Ich sehne mich sehr bald
wieder
Nachricht von Dir zu erhalten und noch mehr bald
ganz
mit Dir geeint zu wirken. Mein Herz sagt <mir>
Gottes
Seegen wird auf unserm Wirken ruhen[.]
Wegen der Reise u.s.w.
alles nächstens DFrFr.
So zweige, und laubreich wie die
Beilage, von Eisenach nach Liebenstein gebrochen - sey unser
Lebensbaum. /