Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Luise Levin in Rendsburg v. 15.1./16.1./17.1./18.1./19.1./20.1.1849 (Dresden)


F. an Luise Levin in Rendsburg v. 15.1./16.1./17.1./18.1./19.1./20.1.1849 (Dresden)
(BlM XXIII,30, Bl 107-116, Brieforiginal 5 B 8° 20 S. - Der 4.Bogen [113R] trägt links oben ein eingekreistes Wasserzeichen mit Text: Der Seele Gruß Dir!)

Dresden Liliengasse No 19. Am 15 Januar 1849.
- Wie weißt Du doch m. th. G. Freude, mir heu-
te zu machen und wie freue ich mich daß Du
sie selbst kannst, wie Du mir schreibst, beim
Empfange meiner ersten Zeilen in diesem Jahre schon
selbst empfunden hast, nun kannst Du mich recht verstehen
wenn ich Dir sage, daß mich Dein l. Brief, welchen ich heut
Vormittags also am 5en Tage des Abgangs von Rends[-]
burg (Montags) recht freudig überrascht hat; ich hatte
ihn wohl still in mir ersehnt; allein heut und auch wohl
morgen hatte ich ihn noch nicht erwartet. Er war mir
aber auch und ist es noch schon seiner blosen Erscheinung
wievielmehrnoch seinem freundlichen, klaren offenen
Inhalt nach eine recht sehr liebe, theure Gabe. Er hat mich
aber nicht nur freudig überrascht, sondern recht im Innern
Herzpunkt erquickt. Du bist m. l. L. in Deiner Einfachheit
eine sehr klare Jungfrau, ein sehr edles Weib. Ich beab-
sichtige durch dieses Aussprechen keinesweges wie man
es so nennt etwas Angenehmes zu sagen; nicht im Minde[-]
sten, allein ich freue mich, um meiner selbst willen, was
ich so tief in meinem Herzen als wahr empfinde. Offen
will ich es Dir darum nur gestehen, ich habe meine Wor[-]
te, wie ich es immer thue, etwas auf die Goldwage
gelegt und mich gefragt: "Du sagst doch auch nicht zu
viel?"- Denn das könnte Dich in Deiner Bescheidenheit
verletzten [sc.: verletzen], Dich mindestens trüben; aber nein! das
Ergebniß des freien Geistesschauen stimmt ruhig bei;
und so wollen wir uns denn recht innig unserer frohen
Lebens- unserer uns beglückenden SeelenEinigung freuen, /
[107R]
wie Du dieß in Deinem lieben Briefe so schön aussprichst.
Nun zu den Einzelnheiten desselben. Zuerst will ich Dir
sagen wie ich mich freue, daß Du nicht mehr Rens burg,
sondern mit dem neuen Jahre gleich Rendsburg schreibst:
es war mir dieß eine Unvollständigkeit, welche ich nicht
gern Dein Thun begleiten sage [sc.: sahe]. Und wie erhebend ist mir
Deine Anrede die mir sagt: daß gegen die Treue meines We[-]
sens kein Zweifel in Dir ist, daß Du es weißt, die Treue ist
eine Grundeigenschaft meines Wesens. Auch nochmals muß
[ich] es aussprechen, wenn ich es auch schon gethan habe, daß mir
Deine Schrift Freude macht; es ist mir immer als wenn ich
zwei Aussagen darinn lesen sollte, wovon mich jede gleich
viel erfreut:- Siehst Du Lieber, Dein Unterricht ist an mir
nicht fruchtlos gewesen - und, wie es Dir Freude macht mich
dadurch zu erfreuen. Siehe, so hast Du ganz recht was Du
auch in diesen freundlichen Zeilen so bestim[m]t aussprichst: -
die reinsten und edelsten Freuden können von dem der es versteht
mit Wenigem erkauft werden.
Um Deiner Sorge um mich zu genügen sage ich Dir, daß sich
meine Zimmer sich leicht heitzen lassen; allein mein Wohn[-]
zimmer hat aber auch Doppelfenster; außerdem habe ich 3 Flü-
gel mit Papier verkleben lassen und für Abends u Nachts
habe ich überdieß noch Läden. Die Öfen dürfen hier gar nicht
zugedreht werden, weil größtentheils mit Kohlen geheizt wird[.]
Daß das Schlimme oder Fehlerhafte Anderer, wie Dir das fa-
tale Kartenspiel, uns oft zu Gute kommt habe ich sehr mehrfach
empfunden und man wird dann versucht den Andern ihre
Fehler zu lassen, welche Du im vorliegenden Falle, so nicht
bessern kannst, darum was Andere verbringen, nütze Du.- /
[108]
Der Gedanke Deiner Frau Kammerherrin Sterne u. daraus
Sternbilder zu legen ist mir erziehlich u. zur Belehrung
gar lieb, ich werde ihn bestimmt benutzen, wie ich Dir für
dessen Mittheilung danke, so kannst Du, wenn Du willst,
der Fr.: K[ammer]herrin gelegentlich etwas Freundliches darüber sagen
und daß ich mich darin gern als ihren Schüler erkenne.
- Was Deine Bemerkung vom leichteren Legen aus Kreisen
und Kreisstücken: Halbkreisen - betrifft, so gebe ich Dir
vollkommen recht; welche Form aber die noch wenig ent-
wickelte Sehkraft leichter und bestimmter erfasse, vor
allem aber mit klarem Bewußtseyn auffasse und wie-
dergeben könne ob das Grade oder Gebogene, dieses
dünkt mich eine andere wesentliche Frage. Ich selbst habe
über die frühe u. frühere Einführung des Runden in die
Spiel- Bethätigungs- und Beschäftigungsweise der Kinder, und
unter ihre Spiel- und Beschäftigungsmittel viel nachgedacht
ich besitze es auch, wohl schon seit 7-8 Jahren; ich dachte auch Du
hättest es bei mir gesehen: es sind Kugeln wo eine in der
andren steckt, also jede in zwei Hälften getheilt werden
kann, ebenso aus Walzen wo eine in der anderen, und
dann ebenso aus Halbwalzen, weiter aus Scheiben, end[-]
lich aus Ringen. Vom [sc.:Von] daher kommt daher ein solches
Spielzeug zu theuer; doch fällt mir eben ein, daß es sich
vielleicht billig von Blei darstellen läßt; ich werde den
Gegenstand so bald ich nun nur kann von Neuem bearbei-
ten. Er ist nicht nur wichtig sondern erfordert es: denn das
Kugliche und Kreisförmige u. Walzige ist immer Ausdruck
des Gemüthes u. Gemüthlichen, des Weiblichen. Was noch
gewiß wesentlich ist wir kommen auf diese Weise dem Küchen- /
[108R]
Koch- und Tischgeräthen, und so dem Mädchenleben u Wir-
ken näher, was ich schon längst vermißt habe. Aber
dieser Gegenstand hat hinsichtlich seiner Umwandlungen
des einen Geräthes und Geschirres in das Andere, wie
dieß bei den Würfeln und allem Geradlinigen leicht
möglich [ist] - seine großen Schwierigkeiten, jedoch soll mich dieß
nicht abhalten ihn recht ernstlich nochmals in Arbeit zu neh-
men. Du hast daher in dem, was in Deinem Ausspruche: -
denn die Kreise sind am Ende wie unser Ball - liegt
ganz recht. Wie gesagt ich fühle diesen Mangel schon seit
Jahren, habe ihn durch Drahtringe, jedoch nur noch halb-
und einseitig abzuhelfen gesucht; aber, mir beachtenswerth
er ist noch [von] Niemand noch so bemerkt u. hervorgehoben
worden wie von Dir. Du siehst aber hieraus, meine Seelen-
und Lebensfreundin, was noch alles zu thun ist, Du siehst a-
ber auch, und dieß bitte ich Dich besonders zu erwägen, wie
der Gegenstand - um ihn in Vollkommenheit darzustellen [-],
fordert, daß man ihm ganz lebe. Dieß erstrebe ich nun
immer mehr u. mit ganzer Seele u. allen meinen Kräften
tief in mir überzeugt, er wird dann mein Bestehen, und
das Bestehen aller derer vollständig sichern, die sich ihm, dem
Gegenstande, ihr der klaren vollständigen Darlebung u.
Darstellung des der Idee ganz widmen. Von diesem Stand-
und Gesichtspunkte aus suche ich nun mein Leben ganz und
mit Bestimmtheit zu ordnen, gestützt auf die Überzeugung,
daß es so wie ein innen und äußerlich freies, so ein friediges
und freudiges werden wird. Dann sollst auch Du, wenn Du
willst, Dich glücklich fühlen mit mir vereint zu seyn u. ist es möglich,
Dich im Kreise geistesverwandter Wesen Dich zu bewegen und zu wirken.- /

[109]
Montag am 16' Nachts. Du wirst jetzt ruhen und ich wünsche Dir
süßen Schlaf. Es ist nahe 11 Uhr und eben erst sind die letzten
Schüler meiner Stunde von 8-10 fortgegangen. Ich eile zur
Erholung zu Dir und fahre in der Beantwortung Deines l. B. fort.
- Das Wort Visite wird nicht mit F. Fisite sondern mit V.
geschrieben. Es ist lateinischen Ursprungs und heißt so viel
als Schauengehen = Besuchen, oder näher ist es französischen
Ursprungs.
Die Sucht sich immer oder viel erzählen zu lassen ist ebenso
nachtheilig als die Sucht des vielen Lesens, der Mensch ist da-
bei zu unthätig; es ist leichter Geschehenes u. Gethanes zu hören
als selbst etwas zu T thun u. geschehen zu machen. Du mußt
darum Augusten bei dem Erzählen nach Möglichkeit thätig
machen z.B. das ihr Erzählte von ihr wieder erzählen lassen.
Gieb ihr Bilder und lasse ihr [sc.: sie] nach Maaßgabe der Darstel[-]
lung auf dem Blatte entsprechende Geschichtchen machen
und erzählen, dadurch können zu einem und ebendemsel-
ben Bilde, nach Maßgabe seiner verschiedenen Auffassung
ganz verschiedene Geschichtchen entstehen. Ich nehme dazu große
Bilderbogen, wie solche, wie ehemals in Leipzig Nürnberg, so jetzt ganz
besonders auch in Berlin herauskommen. Die kleinen
Kinder lasse ich zuerst alle Gegenstände auf dem Bilde sehen
und nennen, dann sie zählen; dann sie zusammenordnen d.h[.]
Gleiches zu Gleichen auch jedes davon wieder zählen; dann
ihre Handlungen, ihre Thätigkeiten. Auch verknüpfe ich so
2, 3 und mehrere Bilder zusammen, so daß ich auch Abwe[-]
sendes, Vergangenes und Folgendes sehen mache u. lasse.
- Was sonst Deine Geschichtchen als Lebens- und Spiegelbilder /
[109R]
betrifft, so find ich solche passend und schön. Die biblischen
Geschichten dünkt mich müssen erst durch die Selbst-, die
Menschen- und Lebenskenntniß etwas vorgearbeitet
werden, dann durch die Kenntniß der Zeitfolge im
Allgemeinen, wie im Allgemeinen durch die Länderrich-
tung und Lage. Land nach der Morgen- oder Abendgegend;
nach der Vormittags- oder Nachmittags-, nach der Vor-
mitternachts- oder Nachmitternachtsgegend u.s.w.
Hierin liegt auch eine Andeutung wie Du Deine Mitthei-
lung noch mehr als Unterricht benutzen und dadurch ei-
nen Zuwachs von Stoff erhalten kannst. Das Gehen
in die Natur und ins Leben, das Beachten beider mußt
Du besonders zum Sammeln von Stoff benutzen. Viel-
leicht kann Dir die Außenweltsbetrachtung, obgleich dieß
schon ordentliche Vorschule ist, dazu einige Fingerzeige geben;
ich meine in der ["]Menschenerziehung["].
- Du sprichst in Deinem Briefe von Allwinens Bild, hat
sich diese den[n] Z zeichnen lassen?- nun! dann hätte sie mir
es auch als liebe Weihnachtsgabe schenken können.
- Wie innig danke ich Dir [für] die freundliche Mittheilung Deiner
stillen Lebensfreuden. Mögen sie Dir oft wiederkehren[.] -
Auch für die schönen Copien der Lüner Arbeiten danke ich Dir.
Für die liebende Begleitung der Sterne von [sc.:durch] Gruß u Kuß,
einen zugleich mit meinem Danke die meinen.
Deine Grüße habe ich bestellt. A[malie] K[rüger] scheint sich endlich zu finden[.]
Ich glaube die Gegenwart v. C[arl] Fr[öbel] und selbst der Joh[anna] Küstner
ob sie gleich immer mit derselben zusammen war, hatte nicht gut
auf sie gewirkt, seit Hamburgsbestimmung ist sie im Betragen mehr gleich.- /
[110]
Doch auch eine Bemerkung in Hinsicht auf die Recht-
schreibung muß ich machen: Du schreibst:- "Aber
auch welch' ein Glück, daS ich Kindergärtnerin
werden konnte." Dieses daß ist nicht der Artikel oder das
Geschlechtswort daS, sondern es ist das Verbindungswort
daß und muß daher mit daß, geschrieben werden.
Wenn Du daS mit dem Schluß s schreiben willst, so muß
es sich allemal auf einen näher oder ferner stehenden
Gegenstand, auf ein Hauptwort rc sich beziehen, oder aber
in dieses = dieß = das aufgelöset werden können.
Weiter "dies durchfühlen" durchfühlen ein gr D; ebenso des nöthigen
nöthigen ein gr N; u. gewünschten, gewünschten ein gr G.
- Deine Betrachtung beim Sylvester Geschenk u Abend - gut.
- Dein Besuchen der Eisenhütten u. Deine Gedanken dabey - gut.
- Wenn Dein Tischnachbar der hessische Offizier Brüär
- ( wird Bruêre geschrieben) - hieß, - so heißt das Mädchen
von welchem er sprach "Henriette Ackermann" - es ist die,
welche von Darmstadt die schöne Mappe nach Rudolstadt zur
Versammlung sandte.- Daß mit Offizieren u. Jägern
vielfach die Furcht u. besonders der Aberglaube verwach-
sen ist, ist eine bekannte Sache.
Ohngeachtet Deiner Sorge hat unsere Henriette Deinen
Brief an mich gelesen, wäre nun auch ihre Ehrfurcht für
Dich dahin, so glaube ich hat sich ihre Liebe und Achtung Deiner,
wenn es möglich, dadurch noch gesteigert.
- Daß mein Brief an Dich seine Doppelbestimmung erfüllt
und mir durch sein äußeres Erscheinen, wie durch seinen
Inhalt die Freude gemacht hat ist mir sehr lieb. /
[110R]
Auch daß Du meinem Ausspruche: - "Nur in der ganz vollendeten
Erfüllung der Forderung des Augenblickes liegt der Keim zur
ganz gesunden Entwickelung der Zukunft" - Deine Auf[-]
merksamkeit schenkst und ihn im Leben bewährt findest ist
mir hocherfreulich, so wird sich ja, wenn auch ich demselben ge[-]
treu lebe, und nicht etwa blos im Munde führe, auch unser
beiderseitiges Leben, wie ich schon oben von einem andern Punk-
te aus aussprach, in Freiheit als ein friediges u. freudi-
ges entwickeln u. gestalten.
Was Eberhards Fehler oder die Fehler der Kinder u. ihre Ver-
besserung überhaupt betrifft, so meine ich muß die Bestra[-]
fung derselben möglichst eine direkte Folge des Fehlens selbst
seyn, so z.B. bei Eberhards Fehler die Wahrheit zu umgehen,
so meine ich ist die G größte Strafe: - Siehe Du hast mir
dortmals, gestern, vorhin die Wahrheit nicht gesagt, son-
dern Unwahrheit oder gar mit Überlegung Lügen gesagt,
nun kann ich Dich Dir nicht mehr glauben, bis Du mich durchs Leben
überzeugt hast;- daß er dieß auch in Deiner geringeren Herz[-]
lichkeit fühle, dieß glaube ich ist recht gut, wenn er auch schein-
bar Dir für kurze Zeit etwas entfremdet werde, sein guter
Sinn wird bei Deiner gemüthvollen, wenn auch ernsten Aus[-]
dauer, doch zuletzt durchschlagen.- Otto's freue auch ich mich.-
Was Katharinchens Stummseyn betrif[f]t, so möchte ich fast
voraussagen, daß es sich unerwartet lösen wird, sobald
sein Geist mit einer gehörigen Summe von Vorstellungen und
dessen Gemüth von einer hinlänglichen Menge Gefühle erfüllt ist[.]-
- Daß Dir meine Menschenerziehung Nützliches giebt, freut mich,
ich denke dabei für sie an Schillers Worte: "u wär auch nur Eine Seele"[.] /
[111]
Am 17en Abends. Guten Abend meine Theure. Heut hoffte ich recht
lang und viel mit Dir zu sprechen, doch hat sich ein
Theil meiner Zuhörer von 8-10 wieder so lang bei
mir gefallen, daß ich leider wieder nur spät zu Dir komme.
- In Beziehung auf eine meiner jetzigen Schülerin[nen] und somit
einer Deiner Berufsgenossin[nen] komme ich nun anfragend und
bittend zu Dir. Sie heißt Rosalie Reinhard ist eine hohe 20-
zigerin, hat früher einen sehr guten Unterricht genossen,
ist Dresdnerin, lebt unter schön geordneten häuslichen Ver-
hält[nissen], zeigt in ihrem Betragen ruhigen festen Charakter, ist
von strenger Sittigkeit und ernstem Sinne, wie sie jedoch
etwas Angenehmes und Klares aber eben Bestimmtes in
ihrem ganzen Wesen hat. Seit ihrem 15en Jahre spricht sie
französisch wie sie auch englisch spricht. Ihre guten Schulkennt[-]
niß[e] habe ich schon erwähnt.- Um sich mit Erfolg u. Segen
der Erziehung zu widmen theilt sie meinen jetzigen Bildungs-
cursus. Nebenbei giebt sie aber wie bisher schon so auch
jetzt noch Unterricht. In dem Hause einer ihrer Schwestern
welche noch jüngere Kinder und selbst einige jüngere Zöglinge
hat ist sie zum Öfteren und beschäftigt sich mit den Kindern
und diese scheinen sie sehr lieb zu haben. In dem Unterricht
ist sie sehr eifrig und sinnig achtsam. Diese mir daher liebe
Schülerin sucht nun im Frühling also mit Anfang Mai
nach Beendigung meines hiesigen Bildungscursus eine
Wirksamkeit zunächst als begründende Erzieherin in
einer Familie oder auch wohl als Führerin eines K. Gtn [sc.: Kindergartens].
Da mir nun aus Deinen lieben Briefen hervorgeht, daß
Deine Frau Cammerherrin wohl im Schleßwig-Hollsteinschen /
[111R]
gar manche Familie ihres Standes kennt und unter den[-]
selben sich vielleicht eine finden sollte, welche eben in
dem Falle wäre für ihre Kinder eine Erzieherin von
den angegebenen Eigenschaften und mit den bezeichneten
Fertigkeiten zu bedürfen, so theile ich Dir das Vorsteh-
ende mit um gelegentlich mit der Frau Cammerher-
rin darüber zu sprechen, wenn Du es anders Deiner
eigenen Stellung halber für gut findest. Ich werde jedoch
in derselben Angelegenheit mich in meinem nächsten
Briefe auch [an] Allwinen nach Hamburg u. an Mme L. [sc.: Lütkens] wenden.
Auch ist Frl. R[osalie] R[einhard] das Clavierspielen nicht ganz fremd, wie
sie auch ein Wenig singt.- Also sieh was in d[er] Sache z[u] thun ist.
- Nun will ich Dir doch noch, wie ich mir gleich beim ersten
Lesen desselben vorsetzte Dir Middendorffs ersten Brief in
diesem Jahre mittheilen, damit Dir das innere Leben wie es
überall zu stehen scheint, ebenfalls ganz klar werde.
"Keilhau den 8 Jan: 1849.
"Gesundheit, Friede u. freudigen Muth zum neuen Jahr.
"Dein Brief vom 30 Dcbr 48 aus Bergedorf hat mir u. uns gro-
"ße Freude u. eine vertrauensvolle Eröffnung des neuen Jah-
"res gebracht. Die Nachrichten v. Allw. welche mit ihm verbun-
"den waren haben diese Hoffnung bestärkt. Ich habe mir recht
"lebhaft denken können, was das für eine Feyer des Christfestes
"für sie seyn mußte, daß Du nach Deinem plötzlich umgeänderten
"Entschlusse, statt nach Annaburg z[u] gehen, nach H[a]mb[u]rg reisest u. mit
"ihr, oder sie vielmehr mit Dir mit Luisen u. den Verwandten in
"Be[r]ged[o]rf beglückt zusammendtraf. Kann man schon in einigen
"Stunden viel erfassen, habt Ihr doch einige Tage zusammen gelebt /
[112]
"u. nicht müßig, sondern vielmehr durcharbeitend. Wie muß ihr
"die Wahrheit die ihr schon mehrmals entgegen getreten ist, in
"dem Glanze des Weihnachtslichtes hell aufgeleuchtet haben,
"die Wahrheit: mit dem Einzelgeiste ist d. Gesammtgeist im Bun-
"de, oder: strebe, ringe, arbeite nur u. vertraue dann, was
"Du brauchst, kommt Dir, wie der alte ehrwürdige Dichter uns schon
"aus den Kindheitwahrnehmungen zu singt: - "Die Milch, die wir
"schon nahmen, war da schon als wir kamen." Wie brauchte
"sie solche Muttermilch, solches Vaterbrod, da sie in den nächsten
"Tagen selbst tränken u. nähren soll, nicht blos kleine sondern
"große Kinder. Nun das lebendige Dankgefühl leuchtet ihr auch
"aus d. Augen u. Worten, wie ich das bei allen finde, die ich diese
"Zeit aus dem Fels lebendigen Wassers habe trinken sehen. Der
"Geist welcher Trotz Winter u. Stürmen, dennoch mit seinem war-
"men leichten Odem d. Welt der Menschen durchweht als ein Früh-
"lingsathem neuen Lebens, möge den Keim, welcher Kraft, Liebe
"u. Wahrheit wachgerufen, auch in ihr zur Blüthe u. segenbrinen-
"den Frucht erwachsen, ihr zum Frieden u. Vielen zur Freude.
"Dein Brief war mir aber nicht nur lieb in Bezug auf m. Kind, son-
"dern auch wegen d. frohen Botschaft die er weiter enthielt, daß die
"Sonne d. Menschheitsbeglückung durch reine Pflege d. Kindheit wieder
"einen Keim hervortreibt, wie das durch die von Dir genannten
"beiden Männer, Beit u. Hoffmann aus H[a]mb[u]rg in Aussicht steht.
"Dein ehrwürdiger 79jähriger Br[u]d[e]r hört diese Nachrichten ich möchte
"sagen verjüngender Weihnacht, wie ein Simon mit zwar äu-
"ßerl[ich] dunkeln aber innerl[ich] hellen Augen, die darüber v[or] Freuden[-]
"thränen erglänzten. Ich bringe Dir hier frisch aus seinem tr[euen] Bruder-
"munde sein Wort, daß ihn hochbeglücke, wie das Werk, das Du /
[112R]
"treibest, so fortgehe u. läßt Dich von Herzen grüßen; worinne ich ein
"Gebet fühle, um fernern Schutz für Dich u. Segen dazu v. Himmel
"von dem, der Thau u Fruchtbarkeit auf die Erde sendet, der aber
"durch die Freiheit und über der Willkühr der Menschen durch
"seines Geistes Walten, der, als ein einiges Alles durchdringt,
"den Boden der menschlichen Herzen lockert u. tragbar macht.-
"- Dein Brief freut mich aber auch darum, weil er hoffend[en], seh-
"nenden Herzen Trost u. Erfüllung bringt. Denn mit ihm zusammen
"erhielt ich zugleich einen Brief aus Fulda von Frl. Emma Bothmann[.]
"Als Cousine der Mde Köllner aus Möhla b. Eisenach, (welche,
"wie Du Dich vielleicht erinnerst einen Sohn hier erziehen läßt) war
"sie mit derselben vergangenen Sommer z. Besuch hier. Ihre
"Einfachheit u Wahrheit, so wie ihre Sinnigkeit und Achtung für Er-
"ziehung, veranlaßte mich über den letzten Gegenstand, so weit es
"die Zeit gestattete, näher in ein Gespräch einzugehen. Diese schreibt
"mir: "Damals erweckten Sie die Idee in mir, mich zu einem
"schönen erhabenen Berufe zu bilden, nämlich einem Kindergar-
"ten vorzustehen. Ich habe mich seit dieser Zeit geprüft, ob ich mich ganz
"dazu eigne, u. ich fühle immer mehr Lust u. Verlangen darnach,
"mich auf diese Weise den Menschen nützlich zu machen. Schon
"früher hätte ich mich mit der Bitte an Sie gewandt, mir doch
"dabey behülflich u. mir gefälligst anzugeben, welche Schritte ich
"zu thun habe, um zu meinen Zweck zu gelangen; allein ich war
"lange bey meinen Verwandten, u. mußte doch erst genaue Rück-
"sprache mit m. Eltern nehmen. Nachdem ich nun seit 4 W[ochen] wieder
"zu Hause bin u. m. Angehörigen mit mir darüber einver-
"standen sind, ersuche ich Sie mir m: Bitte nicht abzuschlagen u. mich
"in m. Vorhaben mit Ihrem g[eneigten] Rathe unterstützen zu wollen."- /
[113]
Was sollte ich hierauf antworten? so sehr, ich könnte sa-
gen, mir das Herz gebrannt hatte, diesem Verlangen ent-
sprechend Befriedigung geben zu können. Da kommt Dein
Brief u. bringt mir die rechte Antwort, indem Du schreibst: ["]ich
"werde mit der Mitte dieses Monats (Jan) einen neuen soge-
"nannten Halbcursus beginnen, an dem He Hoffmann v. Hbg,
"der die Sache um der Sache willen meint, Antheil nimmt." Ich
"habe ihr also gestern gleich geschrieben, diese frohe Aussicht er-
"öffnet u. sie ersucht sich unverzüglich in ihrer Sache an Dich zu wenden.
"- Ich habe hierdurch veranlaßt noch an zwei andere Jungfr.
"geschrieben; wenn ich auch keine Hoffnung fassen darf u. Dir
"keine weisen will, so habe ich es doch gethan, weil ich es gehei-
"ßen fühlte und - "daß sie keine Entschuldigung haben."-
"- Aber eines will ich noch berühren, wenn es auch noch nicht
als Thatsache gewiß ist. Wir haben uns wie über Dein Zu-
"sammentreffen zu Weihnachten mit Allw[ina] so[wie] über Dein beab-
"sichtigtes Zusammenkommen mit Wilhelm zu Neujahr im
"Voraus gefreut. Der Großvater, wie er dieses hörte, sag-
"te freudig: wie paßt das u. wie wird ihn meines Bruders
"Ankunft dort glücklich überrascht haben. Denn Wilhelm schreibt
"uns in seinem letzten Briefe, daß er an Dich vor Neujahr nicht ge-
"schrieben, weil er durch Allw. erfahren, daß Du zu Weihnacht
"nach Bergedorf reisen wolltest. Er hat Dir nun selbst ausspre-
chen können, warum er an Dich schreiben wollte. Er schrieb
"darüber an uns in seinem Letzten: - "Ich thue das sehr gern,
"da mir der Oheim sagte als ich abging, wenn ich etwas, meine
"geistige Entwickelung Betreffendes hätte, worüber ich ungewiß
"wäre, so möchte ich ihm schreiben, er wolle mir stets ein treuer /
[113R]
"Rathgeber seyn. Ich freue mich der Gelegenheit die mir erlaubt
"von diesem Anerbieten Gebrauch zu machen." Du hast wohl
"nun von ihm, und zurück gekommen; durch meine Mittheilungen
"das Betreffende erfahren. Du hast auch wohl mit ihm schon gesprochen
"über die Anwendung seiner Zeit von Ostern, welche, da Dein Cursus
"erst im Herbst beginne, noch zu bestimmen ist. Mir ist seitdem,
"nachdem ich gehört, daß ihm der fernere Aufenthalt in Wittenberg
"zur Ergänzung seiner Studien im Hebräischen zu wider ist, ein
"Anderes eingefallen: ob es nicht zweckmäßig seyn könne, da er
"sich doch die Kindersache, so wie er mir schreibt: ["]bey Dir gründlich an-
"eignen will" daß er sich in dieser Vorzeit zu Ostern, neben den
"andern noch zu ergänzenden Studien für den Morgen, Nachmit-
tags sich im Tischlern und Drehen übe, um auch das Materiel[l]e
"der Beschäftigungen selbst anschaffen zu lernen. Wie gesagt,
"es ist nur ein Gedanke, der mir aber doch nicht unpassen[d] erscheint.
"Sage mir gelegentlich was Du davon denkst."
"- Ich eile, weil diese Zeilen u. Inlagen, wozu ich noch die an d.
"Frl. v. Gumpert fügen will, durch unsern Wiener Hrn Alba,
"schon früher Dir zugedacht, senden will; der Mann hat merk-
"würdige Ansichten über Erziehung, besonders d. Wichtigkeit der
"Frauenbildung. Ich dachte er könne Vermittler werden zu einem
"Kindergarten in Wien. Erinnere ihn an Deine Schriften zum Selbst-
"bilden u. für Kinder durch den Kindergarten. Nun wüßte ich
"nichts nothwendiges mehr. Drum Gottbefohlen Dich, die Sache und
"alle ihr treuen Diener u. Pflegerinnen, mit Herzensgruß an alle
"die treuen Arbeiter u. Arbeiterinnen in diesem Garten
"u. Gottes Seegen fürs neue ErndteJahr. Von Albertinen und
"dem Kindern Gruß u Liebe DWM." - (Dieß Mdffs Brief.) /

[114]
Am 18en Abends spät. Ich habe Dir, wie im vorigen Briefe, m. th. G.
Elisens Brief so jetzt den von Middendorff aus mehrfachen
Rücksichten ganz mitgetheilt: einmal, daß Du daraus ohn-
gefähr die Stimmung Keilhaus im Ganzen - jetzt, da es den An[-]
schein hat als wolle sich die Sache gut entwickeln - abnehmen
kannst; dann wie sich Middendorff zu seinen Kindern Allw. und
Wilhelm und besonders zu deren Lebensplänen stellt, endlich
Dich mit einigen Personen bekannt zu machen, welche vielleicht
auch bald namhaft in unsern Wirkekreis eintreten, wie
Frl: Bothmann aus Fulda und Herr Alba aus Wien.
In letzterem habe ich ganz den von Middendorff bezeichne-
ten und für die Sache der Kindheit nicht nur kindisch sondern
förderlich-thätigen Mann gefunden; so nahm er z.B.
sämtliche Lehr- und Spielmittel im Ganzen für Rth 10
und mehr mit. Er hat versprochen bald nach seiner
Rückkehr nach Wien zu schreiben; ich bin zwar begierig
ob er es thun wird, jedoch habe ich in mir die Überzeugung
daß er es thun wird.
Hast Du Gelegenheit und willst dieß und und [2x] das vor[-]
hergehende Blatt nach Hamburg an Allwinen senden, so habe
ich gar nichts dagegen, so habe ich gar nichts dagegen [2x], denn
sie bekommt dann doch von gar Manchem Kunde was ihr
lieb seyn wird, besonders auch wie sich ihr Vater über
ihr Verhältniß zur Sache ausspricht.- Denke Dir, von All-
winen wie auch von Hrn Hoffmann habe ich seit meiner Heim-
kehr von H[a]mb[u]rg noch keine Zeilen. Hr: Beit hat heute geschrie-
ben und erwartet Amalie K[rüger] am 1n Februar am Bahnhof in Hbg.
Auch von Marius ist der verspr[ochene] Brief noch nicht eingegangen. /
[114R]
Ich beginne das neue Blatt blos um Dir gute, gute, gute Nacht
zu sagen. Es ist Mitternacht. Möchten unsere Seelen sich
im Traume finden und einen. Stets Deiner in L[iebe] gedenkend.

Am 19n Nachmittags. Nun will ich Dir doch auch einmal freundlichen
Guten Tag u. guten Ap[p]etit zu Deinem Mittagsmahl wünschen;
es ist zwischen 3 u 4 Uhr und Du wirst wohl zu Tisch sitzen
und hoffentlich gut schmecken lassen, was mir lieb ist. Mei-
ne Schülerinnen haben mich sämtlich verlassen, indem ihr
Singmeister Hr Krell ausgegangen ist um selbst erst Schüler
und Lehrling zu seyn.
Beiliegend empfängst Du nun von meiner Liebe und
Treue und dem Wunsche inniger, sich klar verstehender Lebens-
einigung das Buch, welches ich schon im vorigen Briefe an
Dich mein Herz erwähnte: - "Deutschlands Wiedergeburt"-[.]
Ich sende es Dir weil ich wirklich wünsche, daß Du es lesen,
und wenn es Dir auch nicht gleich klar, wieder lesen möchtest[.]
Denn der Hauptgedanke eine naturwüchsige Entwicke-
lung unseres Volkes wie der Menschheit zu erhalten ist
ja auch der Grundgedanke unseres Lebens, Wirkens u.
Strebens. Weder wenn Dir darinn auch Mehreres Unklar
wenn Du in Manchem anderer Ansicht bist, lege das Buch
nicht zur Seite, arbeite Dich durch, sein Inhalt soll uns ein
Mittel wahrer Lebensverständigung werden, wie ich daher
das Laienbrevier Dir, Allwinen, Henrietten u früher schon
Middendorffen gegeben habe, so habe ich auch schon dieß Büch-
lein an M[iddendorff] an A[llwine] M[iddendorff] gesandt u ich werde es auch an
Wilhelm M[iddendorff] nach W[ittenberg] senden u Henrietten B[reymann] zu lesen geben.
Siehe meine th. G. ich arbeite nun in uns außer uns hier /
[115]
durch Beachtung der äußern Lebensentwickelungen, Verhältnisse
Umstände, Forderungen und Bedingung[en], hier durch innere
Lebensklärung, Einigung und Sicherheit wie Festigkeit an dem
Aufbau oder vielmehr oder vielmehr [2x] an der schönen Entfaltung und
klaren Gestaltung des eigenen innern Lebens und dessen Darstel-
lung in möglichster irdischer Vollkommenheit u menschlicher Vollen-
dung. Eine strenge Lebens[-] u. Erkenntniß Prüfung zeigt mir nun, daß
ich, wenn ich dem Leben in seiner einfachen Entwickelung und sicheren
Gesetzen vertrauend nachgehend bin, ich auch im Besitze all der
Mittel, Wege, Weisen, Fähigkeiten, Fertigkeiten u Kräften
innerhalb meiner selbst bin, welche zum Beginn dieses Unter[-]
nehmens nöthig sind; und so werde ich mich denn auch zuerst
darauf beschränken das Ganze innerhalb meiner eigenen Kraft
zu begründen zu entfalten; allein es wird mir ebenso sehr
Bedürfniß als Beruhigung seyn das Ganze nach allen Seiten hin
recht klar mit Dir durchzudenken wie durchzuprüfen. Dabei
müssen wir aber gleich von ganz gleichen in sich selbst gegründeten
Bestimmungen und Bedingungen ausgehen und zwar zuallererst von
der, - daß zwar Alles vom Kleinen u. Einfachen ausgehen muß; allein
daß aber dieses Kleine u Einfache gleich in seiner ersten Grundanlage
ein Verschiedenes ist: Die Eiche und der Haselstrauch gehen in ihrer
Entfaltung und Darlebung vom gleich Kleinen u gleich Einfachen, ja
auch in der äußeren Erscheinung vom fast ganz Gleichen aus; allein
ganz anders ist die Anlage in der Eichel, als in der Haselnuß; das
Gewächs jener [hat] Jahrhunderte vielleicht Jahrtausende, dieser kaum
einige Jahrzehnte; aus dem Gewächs, dem Baum jener kön-
nen Schiffe und sie führende Masten erbaut werden, welche wie
Leander die Länder verbinden; aus dem Gewächs, dem Strauche die-
ser kaum Gerthen oder Ruthen um Faßdauben zu einigen.
So also auch mit dem Kleinen was in des Menschen Brust u Kopfe
keimt; anders muß darum obgleich bei beiden, der Wahrheit des
oben ausgesprochenen Satzes getreu, der Anfang und Ausgang
mit dem Kleinen Beginnt, doch die Wahl des Ortes und Raumes für
die /
[115R]
Eichel ein anderer seyn als für die Haselnuß, denn wo die letztere
mit oberflächlichen Wurzeltrieben sich genügt bedarf jene noth-
wenig einen Grund und Boden welcher das Treiben einer Pfahlwur[-]
zel und die Entwickelung der stammähnlichen Äste und haushohe
Kronenspitzen möglich macht. Darum meine ich sollen wir auch
bei der Entwickelung im Kleinsten sey es also wirklich zunächst nur
in uns selbst die Entfalten [sc.: Entfaltung] und Ausbreitung nach der Tiefe, wie
nach der Höhe u Breite und die Dauer dieser Entwickelung durch Jahr-
hunderte und zu stammähnlichen Ästen im Auge haben. So meine
ich denn so klein auch mein Wirken im Anfange immer beginnen
möge, so fordert es als wesentlich 1) zu d einem vollständigen
Bildungscursus 2) nothwendig einen Kindergarten also auch zu[-]
forderst die nöthige Localität dazu 3) Muß mit der Bildung von
Pflegerinnen d.h. Kindergärtnerin[nen] nothwendig auch das Streben
nach Begründung und Ausführung von Kindergärten unabweislicher
Weise verbunden seyn. Dieses fordert aber ganz unerläßlich die
Anfertigung der nothwendig[en] Spiele und Be[le]hrungsmittel, also 4ns
die Industrielle Beschaffung derselben in einer eigens dafür wirkenden
Industrie Anstalt. Dieß bedingt aber nothwendig den schriftlichen
und liberarischen oder Buchhändlerverkehr. Dieß macht aber 5) die
Ausführung einer Verlagsbuchhandlung oder wenigstens die Ver-
bindung mit derselben unerläßlich nothwendig. Je Geschäftserfahre-
ner nun aber diejenigen sind, welche ein solches Unternehmen beginnen
um so mehr wird es sich in und durch sich sichern. Nun ist es mir als habe
ich einmal gehört Deines Bruders Geschäfte in Elbingen [sc.:Elbing] stocke[n]; ists
wahr oder teusche ich mich?- Vielleicht könnte es ihm nun lieb seyn
wenn sich ihm andere Verhältnisse zur Prüfung vorlegten.
- Du siehst wenigstens daraus daß es mir eine erst ernste Aufgabe
ist das Leben allseitig mit Dir zu besprechen.

Am 20n. Freundlichen guten Morgen. Damit der Brief heut abgehe und
Du ihn sicher zum 24n erhaltest schließe ich doch vorher noch die Frage:
hast Du nichts von Marius gehört?- aus Keilhau schreibt man daß
die Rede gehe er sey unter das dänische Militär gesteckt. Mit Kuß u Gruß
Dein FrFr. /

[116]
Vor wenigen Stunden habe ich nachstehenden Brief erhalten; ich theile Dir
denselben wörtlich mit weil ich wünsche, daß Du, wie auch Allwina
so weit als es immer möglich ist, die Glieder unseres großen Wir-
kungskreises kennen zu lernen.- Ich kenne die Frau ebensowenig per[-]
sönlich als ich sonst etwas von Ihr [sc.:ihr] gehört habe. Kurz vor Weihnachten
wurde sie anfragend von Dr. Ludwig Storch in Gotha brieflich bei mir
eingeführt. Der Brief selbst lautet:
"Sehr geehrter H." Obgleich es mit einigen Schwierigkeiten für mich ver[-]
"knüpft ist, die unumgänglich nothwendigen Einrichtungen zu meinem
"Aufenthalte bei Ihnen zu treffen, so bin ich doch mit solcher Liebe für Ihre
"schöne und seegensbringende Schöpfung eingenommen, daß ich mich fest
"entschlossen habe, mit Gottes Beistand bis zum 1 Febr in Dresden zu
"seyn: denn die Liebe überwindet ja Alles. Meine werthesten Freunde
"Hr u. Fr. Dr. Storch haben mir ein so freundliches u. herzgewinnendes Bild
"von Ihrer Wirksamkeit entworfen u. dieses Bild tritt mir aus Ihrem
"Briefe wieder so rein und vertrauenerweckend entgegen, daß ich
"mich innig freue, mich Ihre Schülerin nennen, mich Ihrer persönlichen Führung
"zu einem schönen sittlichen Ziele überlassen zu dürfen. Ich werde mich
"gewiß sehr bemühen Ihre Achtung u. Zufriedenheit zu erwerben.
"An Fr[äu]lein Emma Bothmann in Fulda (:mir durch Hr Middendorff
"in Keilhau zur Schülerin ganz besonders empfohlen:) - habe ich auf Ihre
"Mittheilung geschrieben u. sie zur Mitreise aufgefordert.
Schwabhausen b. Gotha 16/1 49           L. Herold. Wittwe["]
So werde ich denn wenn Hr Hoffmann aus Hamburg nachkommen
sollte mit 1 Febr einen 2n Cursus mit noch einigen andern Theil-
nehmenden beginnen. Siehe mein Herz, so fühle ich mich innig ge-
drungen Dir von jeder meiner Thätigkeit sogleich Kunde zu geben
DFrFr.

Am 20n Mittag. Eben habe ich die Worte des Friedens in unserm L[aien] B[revier]
gelesen, möge darum aus der Beilage auch Dich Friede u Freude begrüßen[.]
Weiter empfing ich so eben einen Brief von Frl. Emma Bothmann
aus Fulda, damit Du mich nun auch in meinen Umgebungen findest /
[116R]
so theile ich Dir denselben auch wörtlich mit. "Fulda am 15 Jan: 49.
"Geehrter Herr! "Ihr werthes Schreiben v. 11. d. M. erhielt ich gestern,
"u. beeile mich Ihnen schnell darauf zu antworten. Da Sie mich in Ihrem näch-
"sten Cursus als Schülerin aufnehmen wollen, so habe ich auch sogleich heut
"an Fr. Herold geschrieben u. derselben meinen Entschluß mitgetheilt. Es
"hängt nun von Ihnen ab, wann Sie mir gefälligst den Tag bestimmen, wo
"ich in Dresden eintreffen soll; nur in dem Fall, wo ein großer Zwischen-
"raum in dem Lehrcursus eintreten soll, würde ich es vorziehen bis zum
"1n Mai zu warten. An Fr. Herold habe ich geschrieben, ob wir für die
"erste Zeit zusammen in einem Zimmer wohnen wollten, u., wenn sie einwilligt,
"hätten Sie die Güte uns ein Zimmer zu miethen, für mich würde dieß von
"großem Gewinn seyn, da ich an eine große Familie gewöhnt bin. In Ihrem
"Briefe erwähnten Sie die Musik; das Piano ist mir ziemlich geläufig, mit dem
"Gesange wird es hoffentlich auch schon gehen. Entschuldigen Sie gefälligst ja meine
"zerstreuten Zeilen: - der Gedanke so bald hier von den Meinen die mich alle
"herzlich lieben, zu scheiden, hat mich angegriffen u. beinahe hätten der Mutter
"Thränen u Klagen meinen Entschluß erschüttert, doch ich werde siegreich
"hervorgehen. Ich bin die Älteste von 7 unversorgten Geschwistern u. möchte
"gern neben meiner großen Liebe zu Kindern u. meinem Wunsche Kinderpfle-
"gerin zu werden, auch gern selbstständig seyn. Angenehm wäre es daher
"für mich, wenn Sie mir in Ihrem nächsten Briefe angeben könnten, wie ei-
"ne Lehrerin an einem Kindergarten gestellt ist, ob sie für sich bestehen kann.
"?- hieran hatte ich noch nie gedacht, doch meine Eltern machten
"mich darauf aufmerksam, und wollten auch gern dieß wissen.
"Meine Eltern so wie ich grüßen Sie mit Achtung.
Mein nächster Brief wird Dir nun sagen wer von diesen
Personen dann wirklich meinen neuen Pflegekreis bildet.-
Henriette hat von ihren Eltern, so wie auch ich einen Brief erhalten.
Der Plan oder vielmehr der Gedanke welchen sie hatte ihre Wirksam-
keit in Mahlum bei ihren Eltern zu beginnen scheint sich ganz aufge-
löst zu haben.- Gott lehre mich u. uns Alle das Rechte [zu] finden.
In Innigkeit DFrFr.