Herr Professor Dr. Karl
Hagen in Heidelberg.
Keilhau bei Rudolstadt, am 2.
Febr. 47.
Hochgeehrtester, teurer Freund!
Sie
haben mir nicht nur erlaubt, sondern in Ihrem jüngsten
lieben
Brief sogar gewünscht, ich möchte Ihnen wieder einmal
ausführliche
Kunde von meinen erziehenden Bestrebungen besonders
für die noch
nicht schulpflichtigen Kinder und namentlich von dem
Fortgang der
Kindergärten geben. Je erfreulicher nun die
steigende Anerkenntnis,
welche beide bisher gefunden haben, um so
mehr war es mir Forderung
meines Herzens, Ihre treue Teilnahme
durch einen möglichst ausführ-
lichen Bericht von dem Fortgang
meiner Bestrebungen zu erwidern:
allein eben dieser Fortgang und
dessen Forderungen waren es, welche
mich an der Erfüllung meines
eigenen Wunsches bisher hinderten. Jetzt
nun aber, wo Alles zu
einem bestimmten Abschluß gekommen ist, von
wo aus die Sache mit
erneuter Kraft, geklärteren und vermehrten Mit-
teln in
vielseitigerer Richtung einer erweiterten Entwicklung
entgegen-
geht, jetzt soll es aber auch mein erstes sein, Ihnen
möglichst ausführ-
lichen Bericht zu erstatten; denn ich muß gar
sehr wünschen, daß Sie /
[36]
mit Ihrer wahren und warmen
Teilnahme in der tätigen förderlichen
Weise der Sache der Kinder
gewogen bleiben, welche Ihrer Vertretung
schon so viel
verdankt.
Am besten, glaube ich, erfülle ich meinen Wunsch und
Ihre Er-
wartung, wenn ich Ihnen meine Mitteilungen in einer Art
von Chronik-
form gebe; Sie verarbeiten dann die einzelnen
Tatsachen am besten zu
einem Ganzen, denn daß ich gar sehr
wünschen muß, Sie möchten so-
wohl in den konstitutionellen
Jahrbüchern wie in Ihren vielgelesenen
Zeitfragen wieder einmal
auf den Gegenstand zurückkommen, das liegt
wohl sehr in der
Sache. Meine jüngsten Mitteilungen an Sie waren durch
den
Lehrer Herrn
Lohse und gingen so bis zur Mitte des Sommers
und so
bis nahe zu der Zeit der Beendigung meines vorigen Kurses;
die
nach demselben in gewisser Hinsicht für mich eintretende
Freizeit war
zu einer Reise nach der Saale, Elster, Mulde und so
in eine Gegend der
Elbe bestimmt.
Ich wählte den Weg über
Gotha, um dort den am 3.September
1845
gegründeten Kindergarten, an welchem Fräulein
Christiane
Erd-
mann Vorsteherin und Gärtnerin ist, zu besuchen.
Ich hatte, wie ich
Ihnen auch wohl in meinem vorigen Briefe schon
mitgeteilt habe, so
viel Erfreuliches von dem Fortgange dieser
Anstalt, selbst in dem All-
gemeinen Anzeiger der Deutschen,
gehört, die Kleinen hatten mir
schon so manche ihrer hübschen
Arbeiten mit kindlichem Gruße zu-
geschickt, daß ich recht
begierig war, diesen so lieblich als frisch und
gesund
heraufwachsenden Kindergarten in seiner Blüte zu sehen. Und
ich
wurde in keiner Hinsicht in meiner Erwartung getäuscht:
Zufrieden-
heit, Heiterkeit, ja Kinderglück in den nahe 50
Kleinen, welche diesen,
man möchte sagen blumig duftigen
Kindergarten besuchen; Zufrieden-
heit, Heiterkeit und
Seelenglück in dem Herzen der Kindergärtnerin;
wahre
Zufriedenheit und viel Freudigkeit an dem guten Fortgange
dieser
Anstalt bei allen denen, welche auf irgend eine Weise
Anteil an ihr
nehmen: bei den Eltern, bei Kinderfreunden, bei den
Lehrern der Stadt,
wie bei den städtischen und Schulbehörden. Ich
gestehe Ihnen, hochgeehr-
tester Freund, es war mir auffallend,
wie ein noch so junges und so ein-
faches Mädchen (sie ist die
Tochter eines verstorbenen Landschullehrers,
zwischen 19-20 Jahre
alt) sich eine so allgemeine Teilnahme und Zu-
friedenheit
erwerben konnte; allein das macht die naturgetreue Pflege /
[37]
der Kindheit und deren Erfolg: Ich höre, daß, wenn die
Menschen an
dem Hause des Kindergartens vorübergehen, - er ist
mitten in der
Stadt - sie oft stille stehen, um den lieblichen
Gesang der Kinder bei
ihren frohen Spielen zu hören. - Kinder,
welche dem Kindergarten
schon entwachsen sind und nun schon die
ordentliche Schule besuchen,
freuen sich, mittwochs und
sonnabends nachmittags sich wieder in dem
ihnen so lieb
gewordenen Kindergarten beschäftigen zu dürfen. – Wie
nun aber
Kinder und Eltern mit dem Erfolge dieser Kinderführungs-
weise
zufrieden sind, so sind es auch die Lehrer, welche aus dem
Kinder-
garten Nachwuchs in ihre Schulen erhalten haben.
Am Schlusse des vorigen Jahres schreibt mir diese liebe
Kindergärtnerin:
„Sie werden gewiß gern auch wieder etwas von
unserm Gärtchen hören
wollen. Manche Bäumchen sind erstarkt, die
werden nun in kräftigeren
Boden verpflanzt; aber auch neue sind
wieder dazu gekommen. Besonders
sind die Handwerker recht dafür
begeistert. In der letzteren Zeit haben
wir mit dem großen
Baukasten (der fünften Gabe) gebaut; da gibt’s
Freude! Aber ganz
merkwürdig ist: Manche ziehen immer ihre kleinen
Klötzchen vor;
Andere wieder wollen immer einen großen Kasten.
‚Ach!’ sagte
neulich die kleine sechsjährige
Helene
Schott , ,Bitte,
bitte gib mir nur einen großen Kasten, ich
will gewiß recht artig sein !'
Die baut nun köstlich. Anfangs war
es eine unbekannte Masse, da gabs
viel zu tun, zumal beim
Einpacken; jetzt sind sie schon vertraut damit.
Eine wahre Lust
ist es zu sehen, was die kleinen Händchen erschaffen ;
welche
Belebung sie ihren Bauten geben und wie ihre Ansichten
der-
selben immer klarer, hervortreten. Es ist ein ewig reiches
Feld für
jeden aufmerksamen Beobachter. Es ist einer der
schwersten, aber wohl
auch der schönste Beruf, den es geben kann,
Kindergärtnerin zu sein !
Zu Weihnachten mußte es ein Liedchen
geben, da half alles nichts. Eine
Melodie fand sich bald, und
siehe, nach und nach kam auch ein Lied-
chen zustande. Und wenn
nun in Erwartung des Christkindchens das
Herzchen der Kinder vor
Freude hüpfte, da wurde jubelnd das Liedchen
angestimmt. Mit
welcher Begeisterung sangen die kleinen Kehlchen das
Lob Gottes!
,Kein Konzert', versicherte mir neulich ein Kinder-
freund, ,hat
mich so angesprochen!' Einige neue Beschäftigungen und
Spiele
haben sich auch gefunden usw. usw. Aber was sagen Sie
dazu, daß
wir Kanons singen? – Ich wundere mich oft selbst, wie die /
[38]
Kleinen ihre Stimme halten. Der kleine Kanon, welchen ich
Ihnen hier
beilege: ,Rein und helle muß des Sängers Stimme sein',
wird von den
Kleinen besonders gern gesungen. Wissen Sie aber,
was ich, lieber Herr
Fröbel, sehr wünschte?, daß Sie wieder ein
ähnliches Blatt, ,wie das
Sonntagsblatt, herausgäben; in diesem
besitzen wir wirklich einen
wahren Schatz. Ich sollte nicht
meinen, daß solches in der jetzigen Zeit
unbeachtet bliebe, und
wie bildend ist es, wenn man seine Ansichten aus-
tauschen kann!
Ach, wenn es doch nur zu Stande käme! Dann ständen
unsere
Kindergärten gewiß nicht mehr so vereinzelt da, sondern
sie
würden ein großes Ganzes bilden. Nun, ich hoffe das Beste."
So dies junge Mädchen,
Christiane Erdmann. - Jetzt hat
ihr
Kindergarten über 60 Kinder. Zwei meiner Schülerinnen des
vorigen
Kursus,
Anna Hesse aus Annaburg bei Torgau und
Amalie
Krüger
aus Halle, hatten mich nach Gotha, wo wir
einige Tage verweilten, be-
gleitet, und ich war hoch erfreut,
daß diese ein so schönes Lebensbild
gesehen hatten. Mit welchen
Gefühlen
ich Gotha verließ, daß
können
Sie sich wohl sagen!
Nun ging es nach
Halle, wo eben Fräulein A.
Krüger zu Hause.
Hier hatte, wie Sie
sich aus der früheren Mitteilung wohl erinnern,
schon in der
Pfingstzeit vorigen Jahres sich besondere Teilnahme für die
Sache
der Kindheit geweckt, welche auch durch einen praktischen
Vortrag
von mir über diesen Gegenstand genährt worden war. Jetzt
wünschte
man, da sich durch meine Begleiterinnen so gut
Gelegenheit dazu zeigte,
auch Ausführungen der Spiele mit den
Kindern selbst. Die Bewahr-
anstalt Nr. 1 an der Promenade und
die Kinder derselben wurden dazu
ausersehen. Ein sehr gewähltes
Publikum, viele Lehrer des Waisen-
hauses sowie selbst der
Direktor desselben,
Niemeyer, mehrere Lehrer
und andere Männer
und Frauen aus der Stadt waren Zeugen dieser
Ausführung; und die
allgemeine Stimme sprach aus: daß alle An-
wesenden durch die
sich dadurch frei machenden Erscheinungen in der
Kinderwelt für
die Sache wahrhaft begeistert geworden wären. Ich
glaube auch
ganz gewiß, daß es mehrfach auch zu einer bestimmten
Fortwirkung
gekommen sein würde, wenn nicht die in Halle so stark
herrschende
religiöse Meinungsverschiedenheit dazwischen getreten wäre.
Doch
traten einige achtbare Männer aus der Stadt mit dem Vorsatz
und
Streben hervor, gemeinsam dahin zu wirken, daß mit dem nun
kom- /
[39]
menden Frühling ein Kindergarten in Halle
ausgeführt werde. Vor-
läufig wurde schon Fräulein
Amalie
Krüger (eben Schülerin des
vorigen Kursus) dafür als
Kindergärtnerin in Anspruch genommen. -
Doch ein
Hauptzielpunkt meiner jetzigen Reise war
Quetz, ein Dorf
jenseits Halle, in der Nähe
von Stumsdorf, an der Hallisch-Magdeburgi-
schen Eisenbahn
rechts. Ich zweifle nicht, Ihnen in meinem jüngsten
Briefe
mitgeteilt zu haben, wie durch meinen Vortrag zu
Pfingsten
vorigen Jahres veranlaßt der dasige
Pfarrer Hildenhagen , ein sehr
eingehender
Freund und tätiger Beförderer der Kindergärten, wie über-
haupt
der in ihnen angestrebten Kinderführungs- und
Beschäftigungs-
weise geworden war. Schon zu Pfingsten lud er
mich ein, mein Stand-
quartier für meine in Halle zu machenden
Mitteilungen bei ihm in
Quetz, welches auf der Eisenbahn nur 1 ½
Stündchen von Halle ent-
fernt ist, zu nehmen, und schon dort war
sein Entschluß, tätigst und
durch unmittelbare Ausführung in
seinem Dorf für die Verbreitung der
Kindergärten zu wirken, so
entschieden, daß er mich ersuchte, ihm im
Laufe des Sommers eine
bei mir gebildete Kinderführerin zu besorgen,
um zunächst mit der
von mir angebahnten Kinderbeachtungs- und Be-
tätigungsweise bei
seinen eigenen 2, 3 lieben Kindern (in dem Alter der
lieben
Ihrigen, als ich die Freude hatte, mich vor einigen Jahren
zu
Zeiten mit ihnen zu beschäftigen) den Anfang zu machen und
von
da aus dann die eigentliche Ausführung eines Kindergartens in
Quetz
zu beginnen. Dies war nun geschehen. Seit einigen Wochen
war Fräu-
lein
Ida Weiler, welche mit
Fräulein Erdmann den früheren
Bil-
dungskursus bei mir gemacht hatte, im Hause des Herrn
Pastor, aber
zunächst als die Führerin seiner eigenen Kinder
eingetreten. Mit diesen
und einigen anderen dazu eingeladenen,
noch nicht schulpflichtigen
Kindern des Ortes wurde nun der
Anfang entwickelnder Spiele gemacht.
Nächsten Sonntag wurden auch
die Schulkinder dazu eingeladen; selbst
sämtliche noch nicht
konfirmierten Kinder der Gutsherrschaft, des Orts-
und
Kirchenpatrons, fanden sich dazu ein; da gab es denn ebenso
all-
gemeine Freude unter den als Zusehauer erschienenen Eltern
und Er-
wachsenen wie unter den Kindern und der Jugend; mit
Einigungs- und
Anfangsliedern wurde begonnen wie mit Eintrachts-
und Schlußliedern
jedesmal geendigt. So ging es mehrere Wochen
nacheinander fort: jeden
Tag in der Woche wurde nachmittags mit
den noch nicht schulpflichtigen /
[40]
Kindern und
sonntags nachmittags mit den sämtlichen Schul- und- klei-
neren
Kindern des Ortes in dem Hofe und geschützten Raume der
Pfarr-
wohnung gespielt, Das Endergebnis nun vom Ganzen war eine
so all-
gemeine Zufriedenheit mit dem Erfolge dieses Versuches,
daß der
Herr Pastor den Ankauf eines eigenen Grundbesitzes zur
Ausführung
eines Kindergartens schon im September verflossenen
Jahres möglich
machte: eines Grundbesitzes außer einem zu
verkaufenden oder zu ver-
pachtenden Acker, bestehend in einem
entsprechenden Hofe, worauf ein
einstöckiges Wohnhaus nebst einer
Scheuer mit Stallung, dann noch ein
Garten von 73 Fuß Breite und
120 Fuß Länge und im Ankaufspreis von
Reichstaler 1000 pr. Cour.
Diese Lokalitäten sind nun nach dem Plane
des Herrn Pastors,
damit die Ortsschulwesen ein Ganzes werde, wie zu
einem
Kindergarten für die noch nicht schulpflichtigen Kinder so
zu
einem Übungs- und Spielplatz für die Schulkinder in täglichen
oder
wöchentlichen Freizeiten und zu einer Fortbildungsschule für
die Jugend
nach beendigten Schuljahren bestimmt. Mit dem
Frühlinge werden die
Gebäulichkeiten zu diesen 3 Zwecken
hergestellt werden, bis dahin wird
das Ganze diesen Winter
hindurch, so wie es eben sich machen läßt, für
die Zwecke des
Kindergartens benutzt. Daß der Herr Pastor durch seine
gesamte
Wirksamkeit Eintracht in der Gemeinde und mit sich, mit
der
Gerichtsherrschaft wie mit der Schule zu erreichen gewußt hat
durch
gewecktes und genährtes Vertrauen usw., das geht wohl
sattsam aus dem
Ganzen hervor; allein er trägt auch das Ganze
stets allseitig pflegend in
seinem Herzen, und er läßt keine
Gelegenheit vorübergehen, demselben
die Pflege auch äußerlich
angedeihen zu lassen. So z. B. veranlaßte er
bei Gelegenheit
einer während meiner Anwesenheit bei ihm stattfinden-
den
Pastoralkonferenz ungesucht eine Mitteilung und Vorführung
des
Gegenstandes nach verschiedenen Seiten hin, wodurch gerade
einige der
denkendsten und strebendsten Pastoren der Umgebung für
die Sache
gewonnen wurden.
Da er wußte, daß eben in dieser
Zeit meines Aufenthaltes zu Quetz in
dem benachbarten Städtchen
Zörbig die Ausführung einer
Kinder-
bewahranstalt besprochen werden sollte, so veranlaßte er
weiter, daß ich
von dem Vorstande derselben zu einer
Schlußberatung eingeladen wurde.
Dies geschah und hatte zunächst
für die von mir vertretene Idee den
Gewinn, daß ich mit den im
Obigen gedachten Schülerinnen
Anna /
[41]
Hesse und
Amelie Krüger (wovon die letztere
die Schwägerin des
Herrn
Pastor
Hildenhagen ist), die sich nebst
einer dritten gerade
mit mir zum Besuche in Quetz befanden,
weiter zu der Eröffnung der
Kleinkinderbewahranstalt eingeladen
wurde, um mit diesen einige un-
serer Spiele und
Beschäftigungsweisen auszuführen. – Allein an dem
Tage der
Eröffnung hatten sich wohl der Vorstand und andere den
Plan
teilende Personen, aber aus den wunderlichsten Ansichten der
eigentlich
teilnehmen sollenden Eltern keine Kinder eingefunden;
zwei kleine nur
waren es, die wir grabend in einem hergerichteten
Sandhaufen vor-
fanden; was war da zu tun? - Etwas mußte doch
geschehen. – Ich
fragte: "Sind denn gar keine Kinder in der
Nähe?" –„Ach, Kinder
genug", hieß es, "allein keine zur Teilnahme
an der Bewahranstalt!" -
"Nun", sagte ich, "laßt sie
herbeikommen! Ich will Ihnen zeigen, wie
es die Kinder in einer
zu einem Kindergarten erhobenen und herauf-
gebildeten
Bewahranstalt treiben!" Und bald hatten sich so viele Kinder,
da
es hieß, es solle gespielt werden, um mich und um uns
versammelt,
daß der Raum zum Spiele jetzt nicht mehr genügen
konnte; da hieß es
denn ferner: "Laßt uns in den Schloßgarten
unter die schönen schatti-
gen Linden gehen!" - Und mit einer
Schar spiellustiger Kinder jedes
Alters fand sich denn auch,
außer den Männern ex officio noch eine
große Anzahl Erwachsener
beider Geschlechter, besonders der Hono-
ratioren des Städtchens
ein. - Wie unser Spiel aus dem Stegreif so bald
und allgemein
bekannt wurde, begreife ich selbst nicht - genug, es wurde
mit
einer Anzahl von wohl 50 und mehr Kindern einige Stunden in
Ab-
wechslung zur Freude der Alten wie der Jungen bis gegen
Mittag gespielt.
Ohne daß man es merkte, führte ich ein
Spielganzes vom Einfacheren
und gleichsam Vorübungspiel bis zum
verbundeneren und freieren Spiele
und Bewegungen vor, suchte auch
Alles, soweit es die Zeit erlaubte,
durch Wort dem Verständnis
und der Einsicht in die Bedeutung wie
durch Melodie und Lied dem
Gemüte näherzubringen, was die Freude
Aller erhöhete und zu einer
wie geistigen so gemütvollen erhob. Denn
meine sing- und
spielfertigen Schülerinnen ließen es durch ihren
frischen
belebenden Gesang nicht daran fehlen, das schon an sich
Wohltuende
solcher Spielweise noch zu steigern. - Als ich eben
schließen wollte,
trat ein schon hochbejahrter Mann mit einem
ebenso bejahrten Mütter-
chen am Arme herbei und bat mich, ich
möchte doch mehreres von /
[42]
Neuem beginnen, indem
seine Frau, die eine große Kinder- und Spiel-
freundin derselben
sei, nicht früher hätte kommen können. Da ich ihm
durch die Sache
selbst wie durch die vorgerückte Zeit die Unmöglichkeit
davon
zeigte, so erhoben sich Stimmen und sagten: es seien wohl
noch
gar manche, besonders unter den Frauen, in dem Städtchen,
welche gern
von dem Erfolge solcher Spiel- und
Beschäftigungsweise Zeugen ge-
wesen, die aber teils durch die
Vormittagsarbeiten an ihrer Gegenwart
verhindert, teils aber auch
von dem, was vorgehe, gar nicht unterrichtet
worden wären; ob wir
uns daher nicht geneigt finden lassen und nach-
mittags nochmals
mit den Kindern spielen wollten: es würde dies gewiß
von
mehrfachem Nutzen sein. Nach Zustimmung meiner wackern
Ge-
hilfinnen sagte ich es zu, und nun wurden unter der laubigen
Baumhalle
die Tische zu einem einfachen Mittagsmahl
zusammengeschoben, an
welchem viele der Anwesenden Anteil
nahmen.
Einige Stunden verflossen schnell unter den mancherlei
Mitteilungen,
welche das Ganze hervorrief, teils auch durch
Ergänzung und Erweite-
rungen, und ehe ich es vermutete, sahen
wir uns schon wieder von einer
Schar spiellustiger Kinder mit
Freude strahlenden Augen umgeben, und
schon fanden sich auch
wieder Erwachsene ein, die Freude der Kinder
zu teilen. War nun
die Zahl der teilnehmenden Erwachsenen und
Kinder schon am Morgen
groß gewesen, so war diese Zahl nachmittags
wenigst doppelt so
groß; denn die Vorsteherin einer weiblichen Ar-
beitsschule kam
mit der Gesamtheit ihrer Schülerinnen und bat mich
nach dem
Wunsche derselben, daß sie auch an dem Spiel Anteil
nehmen
könnten. So groß nun aber auch der Spielraum war, so war
er doch zu
klein, um alle Kinder als Spielende zugleich zu
fassen; da mußte ihre
Zahl geteilt werden, und sie traten nun
abwechselnd in den Spielkreis.
Dies gab aber dem Spiel wieder ein
neues Interesse, indem nun immer
wieder frische Kräfte bei jedem
neuen Spiele eintraten. Ob wir gleich
noch fast 2 Stunden von
Zörbig bis Quetz zu gehen hatten, so endigte
sich das Spiel doch
erst spät, welches ich, gleich wie in einem schon
bestehenden
Kindergarten, mit einem Einzugsliede begonnen und
einem
Eintrachtsliede geschlossen hatte, so daß alle Anwesende,
Kinder und
Erwachsene, ein klares geschlossenen Bild vom Ganzen
mit sich fort-
nahmen. Einmütig bis auf Einen wurde nun
ausgesprochen: nicht eine
beschränkte Bewahranstalt, sondern ein
alle Kinder umfassender Kinder- /
[43]
garten sollte
ausgeführt werden. Und nun das Ergebnis vom Ganzen?
Die
Ausführung dieses schönen Gedankens scheiterte an der
hierarchi-
schen Halsstarrigkeit dieses Einen, eines sonst wohl
achtbaren Geistlichen,
welcher ein ausgeprägtes Bild einer
gewöhnlichen Bewahranstalt in sich
trug, welches so mit seinem
Entschlusse, dasselbe auch auszuführen, ver,-
wachsen war, daß er
sich zuletzt auf das ihm als Schulinspektor des
Ortes zustehende
Recht berief. Ob ihm nun gleich die Ausdehnung dieses
Rechtes bis
auf die Einrichtung einer Bewahranstalt oder eines respek-
tiven
Kindergartens mehrseitig streitig gemacht wurde, so mochte
sich
doch niemand mit ihm in einen Kompetenzstreit einlassen, und
so unter-
blieb die Ausführung eines Unternehmens, welches unter
allgemeiner
Teilnahme begonnen hätte und dem ein einziger Mann,
wenn es un-
gehemmt als reiner Kindergarten ins Leben träte, der
Kreisphysikus
Dr.
Heine, gleich zum Beginne 50
Reichsthl. Unterstützung zusicherte.
So fanden sich noch einige
und, ich glaube, bedeutendere Unterstützungen,
welche aber unter
einem gewissen Rechtstitel der Pastor für die Bewahr-
anstalt in
Anspruch nahm. Genug, Sie sehen, was ein Mann und nament-
lich
ein Geistlicher, ein Pastor, mit seinem hierarchischen Willen
hem-
men, ja zerstören kann, wie Sie umgekehrt an dem
Pastor XH7den-
hagen in Quetz wieder sehen,
was ein humaner Geistlicher in Einklang
mit seiner Gemeinde und
im Zusammenwirken mit seinen Verhältnissen
zum Wohle nicht allein
seiner Gemeinde, sondern durch diese als Bei-
spiel für das ganze
liebe Vaterland wirken kann. Von einer solchen (pro-
testantisch)
hierarchischen Halsstarrigkeit, welche auch nicht einmal
auf die
vernünftige Vorführung der Sachlage seiner Amtsbrüder hört,
kann
man sich gar keinen Begriff machen, wenn man sie nicht
erlebt
hat. Die aber, welche es mit erlebten, sagen: der Grund
seines Wider-
streitens sei nicht etwa eine Überzeugung, daß, was
er wolle, das Bessere
sei, sondern der eigentlich im Innersten
wirkende Grund sei der, daß
der Gedanke der Ausführung eines
Kindergartens in Zörbig nicht von
ihm ausgegangen sei. Als ich
später, nach Monaten, wieder nach Zörbig
kam, sagte man mir, dass
die Spiele und Lieder einen so tiefen Ein-
druck auf die Kinder
gemacht hätten, dass sie beide noch unter sich
übten, besonders
auch einzeln viele der Liedchen sängen. Was hätte hier
werden
können, besonders da auch die Lokalität einen schönen Garten-
und
Spielraum im Freien bot, wie denn auch schon Beetchen für die /
[44]
Kinder im ersteren hergerichtet waren! Und das Spiel
im Schlossgarten,
war es nicht der Anfang von Jugendvolksspielen?
-
Ich teile Ihnen dies so ausführlich mit, um Ihnen zu zeigen,
daß der
Grund der geringen Fortschritte, welche die Sache macht,
nicht in dem
Wesen, Geiste und der Wirkung derselben, sondern in
dem eigensinnigen
Widerstreben Einzelner liegt. Wovon ich noch
gar manches Beispiel
aufführen könnte! -
Von Quetz aus
begleitete ich die eine meiner Schülerinnen des letz-
teren
Kursus, die schon genannte
Anna Hesse, nach
Annaburg
bei Torgau, um sie dort in ihren
neue Beruf, in den dort neu zu er-
richtenden Kindergarten
einzuführen. Unter ähnlichen Umständen wie
in Quetz wiederholte
sich Ähnliches. Mit unserer Ankunft daselbst er-
öffneten wir
Spiele mit freier Teilnahme. Durch die Eintracht, die
aber auch
hier wieder zwischen dem Pastor des Ortes, dem Herrn
Dr.
Sey1er und der Gemeinde herrscht, durch
das fernere einträchtige Zu-
sammenwirken der Glieder einer
Gesellschaft, der Harmonie (so, glaube
ich, heißt sie), war bald
alles in Ordnung: Eltern hatten sich mit ihren
Kindern zur
Teilnahme unterzeichnet, die Beiträge bestimmt, ein pas-
sendes
Lokal war gemietet, der Gehalt der Kindergärtnerin
festgesetzt,
die sonstigen Unkosten gedeckt,
so daß der Kindergarten zu
Annaburg nun seit
Monat August seinen gesegneten Fort-
Gang hat. Hier in
Annaburg ist es besonders der Prediger und Schul-
inspektor an
der königlich preußischen Militär-Waisen-Erziehungsanstalt,
Herr
Wöpke,
welcher namentlich in jener Gegend für die Verbreitung
und
Ausführung der Kindergärten tätig ist. -
Seit mehreren Jahren
von dem regen Männer-, besonders auch Lehrer-
und Turnerleben im
sächsischen Voigtlande, namentlich in
Plauen und
der Umgebung angezogen und durch
Wechselbeziehungen bestimmt,
wozu noch eine besondere Einladung
von
Adorf aus an mich kam,
führte ich
nun den längst gehegten Wunsch aus, die ebengedachte Ge-
gend des
sächsischen Voigtlandes und zuerst Adorf zu besuchen, um
dort
persönlich für die Aus- und Einführung von Kindergärten zu
wirken.
Zwei Männer waren und sind es besonders, welche hierin
gleiches Streben
mit mir teilen: es sind dies die
Gebrüder Lohse, von denen einer Ihnen
auf
seiner Reise nach der Schweiz meinen Gruß brachte und der
ältere
Rektor zu Adorf ist. Dieser letztere war es denn auch,
welcher mich /
[45]
gastfreundlich zu sich eingeladen
hatte, wie denn auch Adorf mit seinen
Männern des Fortschritts,
Todt usw., der Mittelpunkt des
Wirkens für
die Sache werden sollte und auch wirklich wurde.
Im September kam ich nach Adorf und fand schon seit Monat
Juli
die Kinder- und Jugendfreunde durch einen durch zwei Nummern
des
Adorfer Wochenblattes (Nr. 28, 29 vom 15. und 22. Juli 1846)
hin-
durch gehenden Aufsatz, überschrieben: "Fröbel im
Voigtlande“, auf
meine Ankunft, ohne daß ich davon eine Ahnung
hatte, vorbereitet. Nun
aber konnte ich, als ich es erfuhr, mir
den freundlichen Willkommen,
mit welchem man mir überall
entgegenkam, erklären. Und so war es
nun auch bei den
Spielvorführungen wie den Sachmitteilungen, welche
ich teils, wie
sich eben die Aufforderung und Gelegenheit dazu fand,
teils in
den dazu bestimmten Orten und Zeiten gab. Immer fand ich
eine
rege Teilnahme unter einfachen Bürgern wie unter
wissenschaft-
lich gebildeten Männern, Lehrern, Geistlichen und
besonders bei den
städtischen Behörden. Des
Rektor Lohses
Schwester, welche im jüng-
sten Kursus meine Schülerin
gewesen war, unterstützte mich, da sie, wie
es bestimmt war, in
der gleichen Zeit ihren Bruder, den Rektor, be-
suchte. Endlich
nach verschiedenen solchen teils gelegentlichen,
teils
absichtlichen Mitteilungen und Spielvorführungen wohl mit
nahe 80,
vielleicht mehr Kindern, auf dem dasigen
Schießhausplatze wurde end-
lich am 16ten September zu einer
Vorführung des Ganzen eingeladen.
Ich lege Ihnen diese Einladung,
welche von
Rektor Lohse ist, hier bei
( s. unten,
Beilage A ).
Noch nie bei einer meiner Mitteilungen, die erste
dieser Art in Dresden
abgerechnet, hatte sich eine so zahlreiche
Zuhörerschaft und noch nie ein
Publikum aus solcher Entfernung
eingefunden. Denn nicht nur aus den
benachbarten Orten und
Städtchen, wie z. B.
Neukirchen,
Schöneck,
sondern auch aus dem noch
entfernteren
Oelsnitz waren
Superintendent
und Lehrer eingetroffen, ja sogar mehrere Lehrer
aus dem doppelt so weit
entfernten
Plauen waren da. Und eine wirklich allgemeine
Begeiste-
rung war das Ergebnis dieser Mitteilungen; nach fast
jedem der benach-
barten Städtchen wurde ich zu Mitteilungen
eingeladen, um dort auch
den Boden zur Aussaat für Kinderglück,
Familienheil und Volkswohl
aufzulockern. So folgte ich einer
solchen Einladung nach
Neukirchen.
Ohne
viel Zubereitung, wie sich eben die Gelegenheit fand, machte ich /
[46]
dort Mitteilungen, und gerade diese wirkten auch
hier wieder wahrhaft
begeisternd, wie Sie vielleicht aus den
Zeilen ersehen, welche mir bald
darauf ein Stadtrat schrieb:
"Sie danken mir für meine warme Teil-
nahme an Ihrem
Streben. Wohl, ich nehme diesen Dank zu unserer
beiderseitigen
Ehre an, als Erkennungszeichen edlen Wirkens. Wollte
Gott, es
gelänge mir, bald, baldigst auch dem hiesigen Orte einen
Kinder-
garten beschert zu sehen! Ich werde das Meinige dafür tun
und Ihnen
dann weitere Nachricht davon geben. Und wissen Sie, was
den gestrigen,
hier verlebten Abend, der auch Ihnen eine so frohe
Erinnerung gibt, so
würdig auszeichnet? Für meine Person nicht
nur, wohl für alle streb-
samen Gegenwärtigen kann ich es
bekennen, es war die Gewißheit der
Überzeugung,
dass Ihr Streben ein volkstümliches, für
alle
Klassen des Menschengeschlechts ausführbares ist.
Von
diesem allgemeinen Standpunkte aus reiche ich Ihnen gern den
herz-
lichsten Händedruck meiner tätigen Teilnahme" usw.
"Neukirchen, am
24. September 1846.
Gottlieb Adolf Glier."
Für Adorf selbst
würde das Ergebnis dieser Mitteilung sogleich die
Ausführung
eines Kindergartens gewesen sein, wenn sich auch sogleich
eine
Führerin, eine Gärtnerin für denselben gefunden hätte; allein
Fräu-
lein
Lohse war von ihren Brüdern
zur Ausführung eines Kindergartens
in dem Wohnort des
jüngsten Bruders - in Milau -
bestimmt, wovon
nachher. Nach meiner Abreise soll eine weitere
Mitteilung über mein
Wirken - wie ich aus Dresden höre - in dem
Adorfer Wochenblatt
erschienen sein, welche mir aber nicht zu
Gesicht gekommen ist, mir
aber doch Zeugnis gibt, daß die Sache
dort noch fortlebt.
Unterm 8. November verflossenen Jahres
schreibt mir der Bürger-
meister (und Landtagsabgeordnete)
Todt :
" Vom Stadtrate ist schon
vor mehreren Wochen der
Beschluß gefaßt worden, mit einem Kinder-
garten für hiesige
Stadt den Versuch zu machen und die Kosten dazu,
wenn die
Stadtverordneten ihre Zustimmung dazu geben, aus der Stadt
kasse
zu entnehmen. Da jedoch die Stadtverordneten schon seit
langer
Zeit abgehalten wurden, Sitzung zu halten, so hat ein
definitives Resultat
leider bis jetzt noch nicht erlangt werden
können. ..Dazu kommt aber
auch noch, daß es immer wünschenswert
ist, dem Publikum eine prak-
tische Anschauung von der Sache
sofort zu verschaffen".
Da ich
nun dazu keine Person vorschlagen konnte, so ist leider die /
[47]
Ausführung eines Kindergartens in Adorf bis jetzt
unterblieben, ich
hoffe aber, daß sie mit kommendem Frühling ins
Leben treten wird,
weil an dem jetzigen Bildungskursus einige
Jungfrauen mit schöner
Vorbildung und Liebe zu diesem Berufe
Anteil nehmen, welche für ihre
einstige Wirksamkeit noch keine
bestimmten Stellen haben. -
Der Herr Superintendent
Zapff in
Oelsnitz war es besonders, wel-
cher durch die zuletzt
gedachte, ausführliche Mitteilung in Adorf ganz
für die Sache
gewonnen war. Seinen warmen Sinn für die Sache wünschte
er nun
bei mehreren seines Städtchens zu wecken, und so lud er mich
so
herzlich als dringend ein, bei meiner Rückreise, welche über
Oelsnitz
führte, bei ihm einzusprechen und geeigneten Ortes über
den Gegenstand
einen Vortrag zu halten, was ich denn auch tat,
nämlich, wie gewöhn-
lich, in einer doppelten Vorführung, einmal
einer geordneten Mehrheit
von Spielen mit den Kindern selbst und
dann einer Darstellung der Spiel-
mittel, ihres Wesens, ihrer
Wirkung und ihres Zweckes. Die Teilnahme
war, wie in Adorf, eine
warme, lebenvolle, und das nächste Ergebnis,
daß der Lehrer
F.
Schilbach sogleich die Anwendung an und mit
seinen
Kindern, ihnen vielleicht noch einige andere zugesellend,
be-
ginnen wollte und sich zu diesem Ende sogleich mit dem dazu
nötigen
Apparat, d. i. den nötigen Spielmitteln und Schriften,
versah. -
War nun die Teilnahme in den drei genannten Städten
schon eine
lebenvolle gewesen, so war doch die, welche der
Gegenstand in
Plauen
- der Hauptstadt
des Kreisdirektions-Distriktes "sächsisches Voigtland" -
fand,
eine noch viel regere, eben weil natürlich hier ein
größeres
Lehrerpersonal und ein größerer Kreis mehrseitig
gebildeter Menschen
sich findet. Ich kann Ihnen darum auch gar
nicht alle die Männer und
Familien nennen, welche sich ganz
besonders bei der Sache beteiligten;
ich nenne bloß die Familie
des Bürgermeisters
Gottschalk , den
Advokaten und
Landtagsabgeordneten
Braun , den Direktor der
Bürger-
schule
Caspari, den Kantor
Fink , einen ganz
besonderen Kinder-
und Waisenfreund und wirklichen Vater
derselben; Kaufmann
Heinig
,
den Apotheker [Lücke], einen seltenen teilnehmenden
und von der Sache
tief ergriffenen Mann, und ganz vor allem den
Lehrer Rascher. Durch
die Vermittelung
nicht nur dieser, sondern noch mehrerer anderer kam
bald eine
Vorführung, besonders der Spiele in der Bürgerschule zu-
stande.
Auch hier hatten sich Teilnehmende aus der Umgegend, sogar /
[48]
einige Stunden entfernt, eingefunden. - Der Grund dieser
regen und
allemeinen Teilnahme lag auch hier in einer, wenige
Tage vorher in
einem Plauenschen Lokalblatte stattgefundenen
Einführung in die Sache.
Diese Einführung stand in dem in Plauen
bei
August
Wieprecht herauskommenden
"Wochenblatt für Mühltruff, Pausa, Elsterberg und
die Umgegend"
und geht durch drei Nummern hindurch. Nr.40 vom
3. Oktober
enthält: "Fröbel und sein System der Kindererziehung",
erster
Artikel 4 1/4 Spalten; Nr. 41 vom 10. Oktober: "Fröbel"
etc., zweiter
Artikel 6 Spalten mit dem Motto: "Lasset die
Kindlein zu mir kommen"
usw.; Nr. 42 vom 17.Oktober: "Fröbel"
etc., dritter Artikel 4 ½ Spalten.
Über die Quelle zu dieser
Darstellung sagt der Verfasser: "Der Gewährs-
mann für unsere
Darstellung ist der treffliche Geschichtsforscher
Pro-
fessor Dr.
Karl Hagen in Heidelberg (siehe
dessen "Zeitfragen",
2ter Band).
Bei dieser Gelegenheit
will ich nur mit dem herzlichsten Dankgefühl
und aufrichtig
dankendem Händedruck aussprechen, dass dieser Ihr Auf-
satz die
Sache sehr gefördert hat; überall und ganz allgemein hat er
wegen
seiner Ruhe, Klarheit und überzeugenden Kraft gar sehr
gefallen.
Es ist mir dies mehrfach ausgesprochen worden. Ich habe
mich gar sehr
gefreut, zu finden. wie weit Ihre Schriften, auch
Weils
konstitutio-
nelle Jahrbücher, auch in Norddeutschland herauf
gelesen werden.
Doch nach diesen Dankesworten nach Plauen
zurück! Unter den
vielen, welche sich hier durch warmes,
kräftiges Wort und rege, förder-
liche Tat für die Ausführung der
Sache bemühten, war und ist besonders
der schon genannte Lehrer
an der Bürgerschule Herr
Rascher. Nach
meiner Abreise
von Plauen schreibt er mir hinsichtlich des Ergebnisses
seiner
Tätigkeit unterm 3. November vorigen Jahres schon folgendes
nach
Halle a. d. S. : "Der Entschluß, welchen ich Ihnen in
Bezug auf die
Einführung eines Kindergartens in Plauen aussprach,
so viel ich nämlich
mit meinen schwachen Kräften dazu beitragen
kann, wird in Ausführung
kommen. Nachdem ich nun durch unsern
gemeinsamen Freund, den
Rektor
Lohse, vorläufig einigen
Spielapparat empfangen habe und
mehrere Vorbereitungen getroffen,
werde ich kommenden 6. November
die erste Aussaat und zwar nach
drei Seiten hin beginnen. Der Herr
wird seinen Segen dazu geben,
daß der gute Erfolg nicht ausbleiben
wird. Ich werde nämlich
wöchentlich vier Stunden in der Bürgerschule /
[49]
mit
30 Kindern (die Anzahl wird sich noch vermehren), in der
Be-
schäftigungsanstalt 2 Stunden mit 80 Kindern und im
Waisenhause
wöchentlich 2-4 Stunden mit 20 Kindern mich
beschäftigen und gewiß
eifrig bemüht sein, die Kleinen in das
Heiligtum Ihres großen Strebens
und Wirkens einzuführen, und so
einen kleinen Anfang machen zu
einem großen, umfangreichen,
vielleicht sämtliche Pflanzen Plauens
umfassenden Kindergarten,
gegründet und geschützt von großen, mäch-
tigen und
einflußreichen Personen. ,Klein anfangen und groß auf-
gehört,
ruhig, stetig und gewiß!’ ist in allem, also auch hier in
diesem
heilbringenden Werke mein Wahlspruch. Herr Kantor Fink
läßt hoffent-
lich die Angelegenheit mit Fräulein R. auch nicht
fallen". Ich teile
Ihnen, teurer Freund, diesen Brief so
ausführlich mit, damit Sie auch
die Männer ganz kennen lernen,
welche für die Sache arbeiten und
wie sie tätig sind.
Sie
sehen, ich habe mich mit meinem Vertrauen in das kräftige
Voigt-
land und Plauen nicht getäuscht. Möchte doch ebenso auch
recht bald
mein hohes Vertrauen in Heidelberg und in die dortigen
Männer des
Fortschritts eines solchen Erfolges sich zu erfreuen
haben! Doch wir
sind ja noch im Voigtlande! Um Ihnen nun ein
lebendiges Bild der
sich dort aussprechenden regen Teilnahme zu
geben, will ich Ihnen
doch auch nachträglich den Brief des Herrn
Superintendenten
Zapff in
Oelsnitz noch mitteilen, worin er mich zu einem
Vortrag in Oelsnitz
aufforderte: "Es wird mir recht lieb sein,
wenn Ihre Zeit es Ihnen ge-
stattet, bei Ihrer Durchreise durch
Oelsnitz auch hier in einer öffent-
lichen Gesellschaft einigen
Samen der heiligen Idee, welcher Sie Ihr
Leben gewidmet haben und
von der Ihre ganze Seele erfüllt ist, zur
künftigen Reife
auszustreuen. Da meine Herrn Lehrer und ich schon
in Adorf Ihre
aufmerksamen Zuhörer gewesen, so verspreche ich Ihnen,
daß Ihr
Wort an uns nicht vergebens ergangen sein soll!"
Die
teilnehmenden Freunde in Plauen wünschten nun gar sehr, daß
ich
auch nach
Reichenbach gehen und dort einen
Vortrag halten
möchte, weil auch dort für die Sache sehr
empfängliche Männer seien,
deren einer der
Oberlehrer Weinhold
sei. Da Reichenbach auf meinem
Wege lag, so erfüllte
ich gern der Freunde Wunsch. - Durch die Vor-
führung in der
dasigen Schule mit einer großen Anzahl von Kindern
am
Nachmittage, wobei sich wie am Abend bei Erläuterung der Spiel- /
[50]
mittel selbst auch ein namhaftes Publikum
Erwachsener einfand, wurde
Herr
Weinhold bestimmt, sogleich mit seinen im
entsprechenden
Alter sich befindenden Kindern einen Anfang der
Ausführung zu machen
und zur weiteren Verbreitung nach und nach
einige Freundeskinder
hinzuzunehmen. Gar sehr gern wäre ein
mehrseitig dafür begabtes Mäd-
chen, die Tochter eines Dr. med.,
als Schülerin in meinen jetzigen Bil-
dungskursus eingetreten, um
sich für diese Kinderführungs- und Be-
schäftigungsweise
auszubilden, wenn es deren pekuniäre Mittel erlaubt
hätten. Doch
ist zunächst schon viel gewonnen, wenn der Sinn für
solche
Kinderpflege nur mehrfach in den Gemütern der Jungfrauen
angeregt
wird.
Ganz dicht bei
Reichenbach liegt das Städtchen
Milau , wo der
Ihnen bekannte
junge Lohse Lehrer und jüngst Kantor geworden
ist.
Er hat besonders den Zweck, mit seiner
Schwester, die jetzt bei ihm
lebt
und mit welcher er an dem vorigen Bildungskursus zugleich in
dieser
Absicht Anteil nahm, einen Kindergarten in Milau
auszuführen. Er er-
suchte mich nun, weil ich so nahe sei, durch
Spielvorführung und Sach-
mitteilung den Gegenstand auch dort
einzuführen, was ich gern tat, er-
steres wie gewöhnlich
nachmittags und das zweite unmittelbar am darauf
folgenden Abend.
Unter den daran Teilnehmenden wurde ganz be-
sonders der Pastor
des Ortes, Herr
Heubner (Glied einer im
Voigt-
lande wegen ihres allgemeinen Sinnes und Strebens auch
allgemein hoch-
geachteten Familie) und der Kaufmann und
Landtagsreputierte
Metz-
ner oder
Metzler
für die Sache gewonnen, und wie ich höre, soll sie
in gutem
Fortgange sein. -
Fast von allen Seiten aufgefordert, doch ja
an dem lebensregen
Zwickau nicht
vorbeizugehen, nahm ich, obgleich dies ein wenig aus
dem Wege
lag, meine Rückreise über Zwickau. Mit vielen
freundlichen
Briefen von Adorf, Oelsnitz, Plauen und
Milau versehen und besonders
aus dem
erstgenannten Orte mit einem Briefe vom
Bürgermeister Todt an
seinen Schwager, den Direktor der Bürgerschule, ich glaube
Möckel,
kam ich in Zwickau an. So
eingeführt, kamen auch bald in dem schönen
Saale des stattlichen
Bürgerschulgebäudes die gewöhnlichen Spiele und
fast fixierten
Mitteilungen zustande, beide vor einem sehr gewählten
und
namhaften Auditorium. Genannter Herr
Direktor Möckel und
der
Stadtrat Oberländer (Landtagsabgeordneter) waren
es ganz beson- /
[51]
ders, welche dem Gegenstande von
Anfang bis zu Ende ihre ungeteilte,
wirklich gespannte
Aufmerksamkeit bis ins Kleinste und Prüfendste hin
schenkten. Der
Herr Direktor M. sagte mir: "Offen will ich es Ihnen
gestehen,
wir haben viel erwartet, aber es freut uns, wir haben doch
noch
mehr gefunden und erhalten, und seien Sie versichert, es wird
nun
nicht locker gelassen, bis auch Zwickau seinen Kindergarten
besitzt. Schade,
daß eben unser Herr Bürgermeister krank ist",
sagte der Herr Direk-
tor
Möckel zu
mir, "sonst würde die Sache durch ihn sogleich mäch-
tigen
Vorschub gewinnen". Auch der Herr
Archidiakonus Heubner,
der Bruder des Herrn
Pfarrers in Milau, nahm sich der Sache sehr an.
Unter mehreren
Städten Sachsens, wohin man wünschte, daß ich noch
klare
Mitteilung über das Wesen der Kindergärten bringen möchte,
wählte
ich die gerade auf meinem Rückwege liegende
Fürstlich-Schön-
burgische Stadt Glauchau,wohin mich ebenfalls mehrere
freundliche
Briefe, z.B. an den Herrn Bürgermeister, an den
Kaufmann und Land-
tagsabgeordneten Ziegler und an den Direktor der Schule
begleiteten.
Wie ich für den Gegenstand willige Ohren und Herzen
fand, so auch
einen ernsten beachtenden Sinn. Und mit
Bestimmtheit wurde der Ge-
danke festgehalten, beim Ankauf eines
Grundstückes zur Erbauung eines
neuen Schulgebäudes, welches in
diesem Jahre ausgeführt werden soll,
mit Hof-, Garten- und
Spielraum wie mit den anderen Lokalitäten auf
die Ausführung
eines Kindergartens Rücksicht zu nehmen.
Auch hier fanden die
schon mehrmals erwähnten zwei Vorführungen,
die einzelner Spiele
mit den Kindern selbst und später die des Spiel-
ganzen usw.
statt.
Dies der ausgestreute Same zu einer zeitgemäßen,
entwickelnd er-
ziehenden Kinderpflege, von dessen weiterem
Keimen, Wachsen, Blühen
und Früchten nun Kunde zu geben der
Folgezeit überlassen bleibt. Im
Keimen, ja im Wachstum befindet
sich schon die Aussaat in Anna-
burg, Quetz und
Plauen. Ich hoffe, Ihnen jedoch, teurer
Freund,
im Laufe dieses Jahres von den anderen Städten noch das
Gleiche zu
berichten.
Ich eilte nun nach Keilhau zurück,
um den mehrfach angekündigten
Bildungskursus für Kindergärtner
und Kindergärtnerinnen zu beginnen.
Von Halle aus begleitete mich
zur weiteren Teilnahme daran Fräulein
Amalie Krüger wieder nach
Keilhau. In Halle schloß sich an uns /
[52]
noch ein
junger Schulamtskandidat aus Torgau an, um sich gleichfalls
in
diesem bevorstehenden Kursus für diese Wirksamkeit
auszubilden, mit
Namen
Seiffert. Am 8. November kamen wir
gemeinsam in Keilhau an, und gleich in
den nächstenTage darauf
begann der neue Bildungs- und Lehrkursus.
Die Teilnehmer an
diesem Bildungskursus nun sind, außer den beiden
soeben
genannten, Frl.
A. Krüger und Herrn
Seiffert, noch Fräu-
lein
Auguste
Steiner vom Thüringer Walde, Fräulein
Auguste
Michaelisaus Gotha, ein junges
Landmädchen aus der Nähe [
Friederike
Breternitz], eine
junge Schullehrer- Witwe
[Amalie Gerber] aus
Hildburghausen und Fräulein
Amalie
Beatusaus Köstritz, also im
ganzen sieben Personen. Wie sie nun alle
viel Lust und Freude zu
dem Berufe zeigen, welchen sie sämtlich aus
Neigung und Liebe zu
den Kindern gewählt haben, so machen sie
auch alle nach Maßgabe
ihrer eigentümlichen, persönlichen Anlagen
gute Fortschritte. Und
ich hoffe von ihrer aller einstigen Wirksamkeit
denselben Segen,
welchen jetzt schon die einiger Kindergärtnerinnen
bringt. -
Jetzt trat nun die Festzeit und mit dieser für mich eine kleine
Frei-
zeit von den Tagen vor Weihnachten bis zu denen nach dem
Neujahr
ein. Aber auch diese sollte für mich nicht ohne
unmittelbare Tätigkeit
für die weitere Anerkenntnis und
Verbreitung des Gegenstandes vor-
übergehen. Deshalb folgte ich
einer Einladung zu einer Familie aufs
Land, zu der Familie des
Salinen-Ispektors Glenk nach
Heinrichshall,
in welcher schon seit einem
Jahre die Spiele und Spielweisen durch den
sehr wackern
Hauslehrer, den Herrn
Kandidat
Härter, heimisch
waren. Es wurde
dort mehreres zur Förderung der Spiele in jener Ge-
gend
besprochen, wie denn Herr
Härter sehr zur
Fortbildung der
Sache lebt.-
Doch galt die Reise ganz
besonders
Altenburg und dort
nament-
lich dem
Schulkollaborator
Lützelberger, welcher, selbst
glücklicher
Gatte und Vater einer zarten Kinderdrei, ein Pfleger
dieser Kinderfüh-
rungsweise ist und deshalb unsere persönliche
Zusammenkunft wünschte.
Und so waren denn auch wirklich die
wenigen Tage unseres Zusammen-
seins die Grundlage einer
weiteren, tief begründeten Fortentwickelung
und Verallgemeinerung
der Sache der Kindheit. Bestimmte Pläne waren
es, welche er in
dieser Hinsicht verfolgte. /
[53]
Im Beginne dieser
Festzeit zog auch abermals eine Jungfrau von uns
fort, welche als
Gärtnerin an dem neugegründeten Kindergarten zu
Lünen in der Grafschaft Mark, preußische
Provinz Westfalen, einen
Wirkungskreis erhalten sollte. Dieser
Kindergarten sollte anfangs des
neuen Jahres eröffnet werden und
wurde es wirklich am 12. Januar,
also als gutes Zeichen an
Pestalozzis Geburtstage. Ich
habe mir erlaubt,
in Auszügen aus Briefen, welche teils sie
selbst, teils eine Mutter von
drei Kindern, die den Kindergarten
besuchen, über diesen und die Wirk-
samkeit des Fräulein
Marie
Christ, so heißt die Führerin, ge-
schrieben hat,
hier beizulegen, damit Sie ein klares und lebendiges Bild
von
ihrer Tätigkeit erhalten mögen (Beilage B).
Marie Christ ist
eine Schülerin aus dem
vorigen Kursus und lebte zur Aneignung von
Ausführungsfertigkeit
einige Zeit als freitätige Gehilfin am Kindergarten
zu Gotha.
Auch einen Auszug aus den Statuten, wie den Vertrag, lege ich
bei
(Beilage C).
Das Jahr 1847 hat sonach für die Verbreitung der
Kindergärten gün-
stig begonnen: möge in dieser Art dessen
Fortgang und Ende sein.
Hierzu gibt nun besonders das
benachbarte
Meiningische Land
und
vorzüglich das
Hildburghausische
bestimmte Hoffnung. Der Doktor
und
Oberkonsistorialrat Nonne,
der Herausgeber der Dorfzeitung, wie
der Schulrat und
Landesschulinspektor
Dr. Peter sind der Sache sehr
zugetan.
Ersterer hat einem jungen, so einsichtsvollen als
strebsamen
Schulmann, welcher jüngst die hiesige Bildungsanstalt
für Kinderpflege
prüfend besuchte, aufgegeben, deshalb einen
Reisebericht an das Herzog-
liche Konsistorium einzusenden. Der
zweite hat ausgesprochen, daß
in drei Meiningischen oder vielmehr
Hildburghäusischen Städtchen -
Sonneberg,
Heldburg,
Römhild - Kindergärten
ausgeführt
werden sollten. Der junge Schullehrer wird die Sache
sowohl bei ein-
zelnen Ephorie-Schullehrer-Konferenzen wie bei
der allgemeinen Schul-
lehrer-Konferenz des Landes zur Sprache
bringen. Aber auch in Hild-
burghausen selbst hat die Sache guten
Fortgang. So schreibt mir der
Stadtdiakon Wölfing, einer
aus dem Vorstande bei dem dasigen
Frauenvereine: "Auch unter uns
wird in Ihrem Sinne und nach Ihrem
Vorbilde fortgewirkt, und
unsere Anstalt gedeiht mit jedem Jahre mehr
(sieheDorfzeitung).
Unsere Führerin
Amalie Henne
gibt sich viele
Mühe und hat auch in diesem Jahre wieder gute
Früchte ihres Fleißes /
[54]
eingeerntet. Ich hoffe, daß
bei Gelegenheit des Regierungsjubiläums un-
seres Herzogs einige
neue Kindergärten in unserem Lande entstehen
werden“ .
Auch in öffentlichen Blättern, außer den schon genannten, und
in
kleinen Schriften, auch in einem größeren Werkchen ist der
Gegenstand
wieder mehrfach behandelt worden. So z. B. in der
Sächsischen Schul-
zeitung Nr. 27, Juli 1846, wurde der
Bestrebungen gelegentlich in dem
Aufsatze: "II. Über Reform des
Schulwesens" S. 315, 317, 318 und
319 gedacht. Weiter hat ein
gewisser
Leidesdorf in Berlin,
welcher
1845 einige Wochen hier lebte und sich sehr ernstlich und
prüfend mit
den Grundsätzen, den Mitteln und Wegen meiner
Kinderführungsweise
bekannt machte, jüngst ein Schriftchen unter
dem Titel: "Betrachtungen
und Vorschläge zur Förderung der
sittlichen Erziehung und Tugend, so
wie der sozialen
Verhältnisse“ geschrieben. In der zweiten Abteilung
des
Schriftchens " Vorschläge" usw. kommt der Verfasser nun
besonders
auf meine Ansicht von der Erziehung überhaupt, wie von
der früheren
insbesondere zu sprechen. S. 62-65 unter der
Überschrift: ,,4. Be-
schäftigung der Kinder". S. 65-74: "A.
Fröbels Grundideen der Er-
ziehung".
Wie der Verfasser selbst sagt: teils aus meinen Schriften,
teils
aus mündlichen und teils aus brieflichen
Mitteilungenzusammengestellt.
S. 74-84 : "B. Eine kurze
Darstellung der
Fröbelschen
Klein-Kinder-
spiele". Hier sucht der Verfasser
Dr. Curtmanns teils hämische,
teils
irrige Behauptungen über meine Bestrebungen zu berichtigen.
Wichtiger
jedoch als alles dies ist mir die Einführung der
Kindergärten in das
Volk, in den Kern desselben durch unsern
Berthold
Auerbach,
in dessen diesjährigem
Gevattersmann. Ich gestehe offen, ich war recht
freudig
überrascht, ganz unerwartet unter der Überschrift:
"Deutscher
Briefsteller" und unter den Mitteilungen über die
Fortschritte in Dorf
und Gemeinde S. 76- 77 des Volksbuches, 3te
Auflage, auch die Kinder-
gärten als einen solchen Fortschritt
vorgeführt zu sehen. Zu wahrhaft
warmem, herzlichem Dank fühle
ich mich dadurch gegen den Verfasser
verpflichtet, ob man gleich
nie die Förderung einer Idee persönlich
nehmen sollte. Allein sie
wird ja doch eigentlich nur durch Personen
wie getragen und
gefördert so ausgeführt und gestaltet. Ob ich nun
gleich nicht
zweifle, daß Sie die Stelle, in welcher auf eine so einfache
als
warme Weise die Kindergärten in das Volk eingeführt und in ihrer /
[55]
"unsäglichen Wohltätigkeit" hingestellt sind, schon
im Volksbuche selbst
gelesen haben, so lege ich selbige um der
Vollständigkeit willen hier doch
in einem Abdruck bei, welcher in
dem Thüringer Vaterlandsfreunde er-
schienen ist (Beilage D).
Anderer kleineren Erwähnungen des Gegenstandes in dem
Allgemeinen
Anzeiger der Deutschen, der Dorfzeitung; der
Didaskalia und der Darm-
städtischen Zimmermannschen
Schulzeitung, in [sc.: ich] glaube in der Nummer
vom 26.
September vorigen Jahres, gar nicht zu erwähnen. Doch war
diese
letztere besonders einfach und, irre ich nicht, sich bloß auf
Tat-
sachen stützend.
In der Sächsischen Schulzeitung
soll auch ein entgegnender Aufsatz
von einem gewissen
Loof erschienen sein, mir ist er aber nicht
zu
Gesicht gekommen. Ebenso sollte nach
Gräfes
in Cassel mündlicher
Äußerung in seiner pädagogischen Zeitung im
verflossenen Jahre auch
wieder ein entgegnender Aufsatz
erscheinen; ob es aber geschehen ist,
weiß ich nicht. Da nur die
Wirkungen der Sache selbst als unleugbare,
feststehende Tatsachen
für dieselbe sprechen können, so lasse ich mich
besonders mit so
schief sehenden Menschen, wie
Curtmann und
Gräfe, gar nicht in Wortstreit ein; die
Wahrheit in ihrer tatsächlichen
Wirksamkeit wird siegen, und ihr
Sieg wird Heil, Segen und alles Gute
dem Volke bringen. Auch ein
Herr
Johannes
Ramsauer ("Buch
der Mütter", Elberfeld und Mörs,
Verlag der Rheinischen Schulbuch-
handlung 1846, 304 S. auch
unter dem Titel: "Die Liebe in Unter-
richt und Erziehung" usw.,
mit 27 Tafeln in Steindruck) erscheint
unter den Gegnern; S. 19
sagt er als Entgegnung gegen mein Streben:
"Da
veränderungsfähige Spielsachen besser sind als die nur einer
ein-
zigen Gestaltung fähigen, so werden die Spiele, welche der
Pädagog
Fröbel empfiehlt und die er an
mehreren deutschen Höfen vorzeigt
und mit Kindern damit gespielt
hat, nie recht in der Kinderwelt hei-
misch werden und den Nutzen
und die Unterhaltung gewähren, die
Fröbel sich davon verspricht, so sinn- und
lehrreich diese auch an
und für sich sind".
Was sagen
Sie zu einer solchen Wendung und dem darin liegenden
Widerspruch?
Spricht das wahrhaft Sinnreiche nicht die Kinder an?
Fühlen sie
sich nicht dadurch wie mit magnetischer Kraft angezogen?
Be-
weisen meine Spiele dies nicht bei all denen Kindern, welche
nur dies /
[56]
Sinnreiche derselben empfunden haben? Ja,
beweisen sie es nicht bei
allen
Kindern fast augenblicklich, weil eben die Kinder Sinn,
reichen
Sinn für das Sinnreiche haben? Und dann: wo gibt es
veränderungs-
fähigere und der Phantasie ( der Innenbildungskraft
und Fähigkeit, aus
dem Innern herauszubilden) des Kindes mehr
Freitätigkeit, eigentlich
wahren Spielraum gebende Spiele als
eben die meinen? Selbst den so
einförmig erscheinenden Würfel
nicht ausgenommen, welcher in der
Hand des Kindes ruhend oder
beweglich, an der Schnur oder an dem
Stäbchen ein wahres
Kaleidoskop wird. Bald ist er ein Altar, bald ein
Ambos, eine
Kiste verschlossen, ein Warenballen, ein viereckiger Kübel
für
einen Orangenbaum, bald ein Haus, dann wieder ein Wagen,
ein
Schlitten, eine Egge, ein Pflug, erscheint gedreht als
Körbchen, Mühlrad,
Walze usw., ein Grenzstein, ein Grundstein,
eine Schaukel, ein Hack-
klotz und noch 20 andere Sachen mehr,
alle aus der Phantasie des
Kindes hervorgegangen, es
unterhaltend, mit Freude erfüllend wie ge-
legentlich, gleichsam
zufällig, belehrend. Der vielen Hunderte von Dar-
stellungen mit
der 3ten und 4ten Gabe und des Phantasiereichtums der-
selben gar
nicht zu gedenken. Bauernkinder, in die Schule und noch
nicht in
die Schule gehend, kommen zu allen Tageszeiten zu mir und
bitten
sich Würfelkästchen aus, um damit auf Stühlen meines
Zimmers
(stehend) damit zu spielen, ob sie gleich herumlaufen
könnten, wie sie
wollten, oder zu Hause sich untätig in die Ecke
oder an den Ofen setzen
könnten. In dem Pfarrdorfe Eichfeld,
wohin ich doch, wie gesagt, alle
Wochen einige Male gehe, um mit
den Kindern mit Würfeln, Klötzchen
oder sonst einfach zu spielen,
hat der Schullehrer bemerkt, daß an diesen
Tagen, ob sie nun
gleich eine Stunde länger und mehr in der Schule
bleiben müssen,
auch nun an einer geregelten Tätigkeit festhalten müssen,
daß da
gerade die Kinder am wenigsten die Schule versäumen usw. Siehe
da
die
Fröbelschen Kinderspiele recht im Leben
und Bedürfnis der
Kinder heimisch!
Doch hören wir Herrn
Ramsauer weiter: "Diese Spiele
sind näm-
lich Kugel, Würfel, Ringe“. Warum bricht der
Verfasser die Reihe der
Spielmittel gerade da ab, wo sie am
reichsten, ich will aber keineswegs
hervorheben, anziehender
werden? „Unter diesen aber kann sich das
Kind nicht
leicht etwas anderes denken, als was sie wirklich sind und
kann
sie auch nicht sehr verschieden zusammensetzen. Beim Spielen /
[57]
nicht absichtlich belehren und das Lernen nicht
spielend treiben, muß
stets einHaupt grundsatz bleiben. - Ganz
unpädagogisch und eine Sünde,
die man an der Jugend begeht, ist
es, wenn man kleine, noch nicht schul-
fähige Kinder so, wie
Fröbel es will, bei diesen Spielen förmlich
unter-
richten will: da hört alles Natürliche und Freie auf“.
Wo will denn dies
aber
Fröbel? Er will
nur, daß das Kind wahrhaft gemüt- und sinn-
voll, also nicht
stumpf- und dumpfsinnig oder gar gedankenlos spielen
soll: es
soll menschlich fühlen und wissen, daß und was es spielt.
Haben
Sie nun Gelegenheit, so bitte ich Sie mit diesen Vorwürfen,
welche der
Verfasser mir macht und gleichsam in die Tasche
schiebt, das zu ver-
gleichen, was und wie er es in seinem Buche
gibt (Beilage E).
Auch in der Schweiz wird noch die Sache der
Kindergärten wacker
vertreten. Der diesem Gegenstande ganz
gewidmeten kleinen Schrift:
"Christliche Kindergärten" vom
deutschen Pfarrer des Münstertales im
Kanton Bern,
Rudolf
Stooß, Bern 1845 bei
Chr.
Fischer, habe
ich gewiß schon in meinen jüngeren
Mitteilungen an Sie erwähnt. Der-
selbe hat nun im November
verflossenen Jahres in Nr. 48 und 49 der
Berner Schulzeitung vom
27. November und 4. Dezember wieder einen
Aufsatz für die Sache
abdrucken lassen, wie er denn dafür zu wirken
sucht, wie und wo
er nur kann. Er hat deshalb selbst ganz erfassende
Vorschläge
unmittelbar an den Erziehungsrat getan: ob er zu einem
Ziele
kommen wird, muß die Zukunft zeigen. Genug, es wird in der
Sache
und für dieselbe gewirkt. Zwei Briefe vom Herrn Pfarrer
Stooß liegen
vor mir, welche mir seine stetige Wirksamkeit für
die Sache beweisen:
der erste vom 13. September, der zweite vom
6. Dez. vorigen Jahres.
Daß außer in der Schweiz auch in
Ungarn und namentlich in Pest
durch
den Direktor
Dr. Teichengräber die Sache ihre
warmen
Vertreter hat, habe ich Ihnen wohl schon in meinem
jüngsten Briefe ge-
meldet.
Auch aus
Triest fordert eine Buchhandlung sämtliche
Spiele mit
dem Beisatze, daß sie mit großer Zuversicht in Zukunft
auf einen grö-
ßeren Absatz der Spielmittel rechnen usw. So haben
sich auch bei der
Durchreise des Herrn
Lohse durch Heidelberg besonders
zwei Stud.
theol. aus Triest, welche er zufällig, ich weiß nicht
wo, getroffen, und,
ich weiß nicht wie, auf diesen
Gesprächsgegenstand gebracht hat, gar
sehr und warm für die Sache
geäußert, und einer von beiden hat sogar /
[58]
den
Entschluß ausgesprochen, Keilhau - um sich genauer von der
Sache
zu unterrichten - im Laufe dieses Sommers zu besuchen.
Ehe ich diese Mitteilungen aus nahe und fern schließe, muß ich
doch
noch eines Briefes und einer Mitteilung über die Fortwirkung
eines im
Februar 1845 ergangenen Aufrufes zur Bildung von
Erziehungs-
vereinen (vgl. Beilage F),
welcher Ihnen vielleicht noch erinnerlich
ist, gedenken, deren
ich mich in
Dresden erfreue. Ein ohnlängst
aus
Dresden hier eingegangener Brief sagt wörtlich darüber
folgendes: "Wir
haben jetzt endlich hier auch einen
Erziehungsverein bleibend ins
Leben
gerufen.
Fröbel wird Dir erzählt haben, daß
er schon bei
seinem Hiersein in der letzten Osterzeit sich sehr
dafür bemühete. Ich
habe auch nach seiner Abreise diese Bemühung
fortgesetzt, habe die damals
gewonnenen Mitglieder regelmäßig zu
mir eingeladen, und wir haben uns
über das Nötige besprochen und
namentlich ein Grundgesetz, welches
ich vorher entworfen hatte.
Dann kam aber der Sommer dazwischen,
und so wurde die Versammlung
bis zum Winter ausgesetzt. Kurz, die
Sache ruhete. Jetzt im
November lese ich in dem hiesigen Anzeiger eine
Einladung zu
einer Gesellschaft, um die Idee eines "Erziehungsvereins"
zu
besprechen. Dort hielt ein Dr.
Munde einen
Vortrag, worin er einen
Plan zu einem Erziehungsvereine
mitteilte. Da derselbe sehr vernünftig
war, so schlossen sich
alsbald 38 Mitglieder zu einem solchen Vereine zu-
sammen. Dazu
sind seit jener Zeit mehrere Frauen und noch andere ge-
kommen,
so daß der Verein jetzt 50 Glieder zählt. Die Gesellschaft
hat
ihre Gesetze beraten und angenommen, wie sie
Munde entworfen
hatte, und sich einen
Vorstand und Vereinsrat gewählt. Wir haben uns
darüber geeinigt,
daß
Munde zuerst von den Mängeln und
Fehlern
unserer Erziehung spricht, und dann andere, wie es besser
zu machen
sei. Als dies geschah, wurde nun auch das Bedürfnis
ausgesprochen, die
Kinder auch außer der Schulzeit zweckmäßig zu
beschäftigen. Ich habe
den Garten unseres "Kindergartens" dazu
angeboten, welches Anerbieten
dankbar angenommen wurde. Mit dem
Eintritte des Frühlings nun
werden die Kinder, unter mehrerer
Eltern Aufsicht, in unserem Lokale
spielen und sich beschäftigen.
Ich freue mich über diese
Erweite-
rung
des Kindergartens. In der Sächsischen Schulzeitung war schon
eine
anerkennende Mitteilung über den Verein und eine
Aufforderung,
auch an anderen Orten für Ausführung von
Erziehungsvereinen zu /
[59]
wirken" usw. Soweit der
Brief. Sie sehen aus dieser Mitteilung, teurer
Freund, welche
Zeit es kostet, ehe eine, selbst bei ihrem ersten Aus-
sprechen
als wahr und in ihrer Ausführung als segensreich erkannte
Idee
und ein solcher Gedanke, selbst in einem Wohnorte der
Intelligenz, in
Anwendung und ins Leben tritt, die Idee
allgemeiner deutscher
Erziehungsvereine, wozu ich den ersten Aufruf zuerst in
der
Didaskalia, ich glaube in Nr. 45 (oder 54) im Februar 1845
abdrucken
ließ, welcher dann auch noch in mehreren andern
Blättern, z. B. dem
Allgemeinen Anzeiger der Deutschen usw.,
erschien. Die Idee, der
Gedanke dieses Vereines in echt deutschem
Sinne und Streben, wurde
1844 während meiner Reise und während
meines Aufenthaltes an den
drei deutschen Flüssen Neckar, Main
und Rhein geboren. Ich erkannte
dort die unerläßliche
Notwendigkeit solcher Einrichtungen, sah, daß ohne
solche
Vereine, ohne das vielseitige Inslebentreten derselben
schlechter-
dings nichts Ersprießliches, Durchgreifendes und
Genügendes für deutsche,
echt deutsche Erziehung zu tun sei, und
bis zu diesem Augenblick be-
währt sich dies, bewährt sich in
solch einer intelligenten Stadt wie
Dresden. Und auf welch eine
wirklich niedrige Weise hat
Gräfe in
seiner pädagogischen Zeitung
meinen Gedanken und Aufruf zur Bildung
von Erziehungsvereinen
behandelt! Dennoch bis auf die Dörfchen unseres
Pfarrspieles hat
sich das Wohltätige dieser Erziehungsvereine bestätigt ;
ohne
einen solchen in unserer Pfarrgemeinde hätte ich keinen
schönen
Spielplatz nächst unserer Schule im Pfarr- oder
Mutterdorfe, hätte bei
derselben keine kleine Turnanstalt, hätte
keine Spiel- und Beschäftigungs-
stunden selbst mit den Kindern
der Schule nach zweimaliger Beendigung
der Schulen mittwochs und
sonnabends, - hätte, was mir das Wich-
tigste von allem ist,
keinen Garten mit nahe hundert Beetchen für jedes
meiner
Schulkinder! O! diesen echten Garten der Kinder, von
Kindern
besäet, bepflanzt, gepflegt; diesen hätten Sie noch im
Herbste in seiner
Schönheit sehen sollen! (S. Allgem. Anzeiger
der Deutschen, Nr. 176,
1846, Beilage G.) Und welche pflegende
und verschönernde Tätigkeit
während des Sommers, welch
einträchtiges, friedliches Zusammenwirken!
Sehen Sie da,
hochgeschätzter Freund, die Wirkung eines Erziehungs-
vereins! O!
Sie müssen durch Ihre so viel wie gern gelesenen und darum
gewiß
ins Leben vielseitig eingreifenden Schriften für deren
möglichste
Verbreitung und Erfolg, letzteren ganz besonders durch
ordentliche Teil- /
[60]
nahme der Frauen und der Mütter
an denselben wirken! Bedenken Sie
nur zu Ihrer Aufmunterung,
wieviel Ihr doppelt abgedruckter Aufsatz:
„Über nationale
Erziehung" für die Verbreitung der Idee entwickelnder
Betätigung
und so Erziehung der Kinder gewirkt hat! Wie oft ist dieser
Ihr
Aufsatz benutzt und ausgeschrieben worden, so z. B. auch im
Leip-
ziger Repertorium. Sie müssen recht bald in einer
Fortsetzung dieses
Aufsatzes durch eine eingreifende Darlegung
des Wesens und der Wir-
kung allgemein deutscher
Erziehungsvereine den Grund und Boden für
Ausführung echt
nationaler, durch entsprechende Betätigung entwickeln-
der
Erziehung legen!
In dem Vorstehenden habe ich mich bemüht,
Ihnen den Stand der
äußeren Entwickelung, Ausbildung und
Ausführung des Gedankens, so-
weit mir solche selbst bekannt
geworden ist, wenigstens im wesentlichen
darzulegen. Eben aber
sehe ich, daß ich Süddeutschland noch gar nicht
erwähnt habe.
Hier hätte ich nun ganz vor allem
Darmstadt
nament-
lich hervorheben sollen, wo als Privatanwendung die Idee
und der Ge-
danke entwickelnder Erziehung durch entsprechende,
frühe Kinder-
betätigung immer tiefere Wurzel faßt. So ganz
neuerlich wieder durch
die jüngst ausgeführte Kinderpflegeanstalt
eines gewissen
W.
Schwal-
bach. Doch dies ist Ihnen ja näher als mir,
und vielleicht hat Ihnen
Herr
von Leonhardi darüber
Mitteilungen gemacht. So hat auch die
Anstalt der
Madame Bruère, wo
Henriette Ackermann,
auch
eine Schülerin von mir, Gehilfin ist, guten Fortgang. Nicht
nur Madame
Bruère ist mit den Leistungen der
Henriette Ackermann sehr zu-
frieden,
sondern sie wirkt auch wieder lehrend und mitteilend nach
außen;
so unterrichtet sich z. B. die Erzieherin des Herrn
Schwal-
bach bei derselben in
entsprechender Kinderbetätigung. Die Wirksam-
keit der früher
schon so oft erwähnten
Ida See1e , Kinderführerin an
der
Kleinkinderschule daselbst, ist nach dem sprechend Vorliegenden
ausgezeichnet. Und dennoch, dennoch keine allgemeine Anwendung
der
Sache bei der öffentlichen Erziehung! Alles dies ist nur
vereinzelt stehende Privatsache! Die
Menschen scheinen gar keinen in sich einigen
Gedanken, gar keine
in sich selbst ruhende Idee erfassen und sie in
ihrer
Mannigfaltigkeit entfalten zu können. Wie notwendig wäre da
ein Er-
ziehungsverein und wie wirksam könnte er da sein, wenn er
die Idee
nationaler Erziehung erfaßte und durchführte! Die
Kindergärten in /
[61]
Frankfurt a. M. und Homburg auf
der Höhe haben auch ihren bekannten
Fortgang.
Doch nun
endlich nach dieser abermaligen Ablenkung von der Dar-
legung der
Idee und der Ausführung des Gedankens im Äußeren zu
dem Nachweis
der inneren Fortbildung der Idee, der
inneren Aus-
bildung des Gedankens
selbst.
Wie so gar sehr wünschte ich, daß ich Ihnen davon
wieder einmal
persönlich und mündlich eine Darlegung geben
könnte! Täglich ent-
wickelt sich das Ganze steigend in immer
größerer Einfachheit, Einig-
keit und Stetigkeit, in immer
größerer wirklicher Allumfassendheit und
Allgenugsamkeit, ja, ich
darf dies ohne die mindeste Überhebung aus-
sprechen, täglich
zeigt sich immer unbeschränktere, allgemeine Anwend-
barkeit für
jedes Lebensverhältnis, jede Bildungsstufe und jedes Be-
dürfnis.
Der Bildungsstoff wird immer, dem Geldbetrage nach, ein
ge-
ringerer, während er in Hinsicht seiner entwickelnd
erziehenden Wirk-
samkeit und Bedeutung ein gleich geistiger
bleibt, ja ich möchte sagen,
in dem Maße noch mehr wird, als der
pekuniäre Wert des Spielmaterials
geringer wird. Fast wertloses
Papier und wenig kostende Holzstäbchen
können wie Strohhalme die
ersten und gründlichst entwickelnd-erziehen-
den Bildungsmittel
werden, durch alles, was Geist und Gemüt leicht an
ihnen und
durch sie darstellen, wie Geist und Gemüt das so
Dargestellte
erfassen und in dem Äußern das Innere, in dem
Besondern das All-
gemeine, in dem Vergänglichen das ewig
Bleibende, in dem scheinbar
augenblicklich wieder Vernichteten
doch das unvergänglich Lebende an-
schauen, ja sich aneignen
kann. Überdies, und dies ist als Waffe gegen
Armut von
unberechenbarer Wichtigkeit, lernt man dem geringsten
Stoff den
höchsten geistigen Wert zu geben, nicht durch äußere Politur
und
Glanz, also nicht durch Schein, sondern durch innere
Bedeutung
und das Sein. Dies setzt den schaffenden menschlichen Geist wieder
in
seine Rechte ein und macht ihn fähig, allseitig das leibliche Be-
stehen menschlich zu sichern,
menschlich so zu sichern, daß er auch
seines Wesens froh werden
kann.
Was helfen mir aber alle die Worte hier auf weiß mit
schwarz, welche
doch nur bedeutungslos als vereinzelte Wörter
dastehen, indem ich
Ihnen nicht zugleich die lebenvolle
Sachanschauung, die ihr Wurzel-
boden sind, hinzufügen, bei- und
mitgeben kann? /
[62]
Ja, hochgeschätzter Freund, ich
habe den Gedanken, in welchem die
Idee entwickelnd-erziehender
Kinderbetätigung ruht, jetzt durch alle
Stufen in allen
Richtungen der menschlichen Tätigkeit und
Bestrebungen,
eigentlich des menschlichen Strebens, durchgeführt,
und es ist keine
Richtung, welche nicht dadurch ihre Bedeutung,
kein Streben, welches
nicht dadurch seine Lösung, nichts
Vereinzeltstehendes, was nicht da-
durch seine richtige Stelle im
Ganzen, seine Wurzel erhielte, darin er-
kannt und anerkannt
würde. Es ist dies alles ja auch so ganz natürlich
und notwendig;
in der ersten und richtigen Erfassung und Betätigung
und so
stetig entwickelnden Erziehung des Kindes als Gottes-Menschen
und
Naturkindes bis zum mannhaften Alter jedes Geschlechts lösen
sich
alle religiösen, politischen, industriellen, überhaupt
sozialen Wirren und
müssen sich lösen. Sie, teurer Freund, müssen
als Geschichts- und
Lebensforscher dies erkennen und einsehen,
und Sie sehen es ein, sonst
hätten Sie nicht die Abhandlung über
nationale Erziehung mit Rück-
sicht auf meine erziehenden
Bestrebungen schreiben können. Helfen Sie
mir, oder wenn Sie
lieber wollen, der Idee nun auch durch Ihre klare
und einfache
und darum auch so überzeugende Sprache, dies alles auch
den
Menschen einsichtig machen, damit es nun endlich dahin komme,
daß
unter den Augen stets prüfend beachtender und dazu durch
ihre
Ein- und Umsicht wie ihre praktische Lebenserfahrung
berechtigter
Männer und Menschen ein echter deutscher
Kindergarten in möglichster
Vollkommenheit ausgeführt werde. Nur
einen einzigen solchen
Kindergarten
wünsche ich in Deutschland, nur einen einzigen!
Dutzende von ¼, ½, 1/3, 2/3 und
3/4 Kindergärten können mir nichts
helfen, sie bilden alle
zusammen doch nicht einen in sich einigen,
ganzen. Bei diesem
Gedanken kann ich meinen Blick und meine Hoff-
nung nie von
Heidelberg wenden; wie ein Magnet zieht es
meine
Hoffnung an. Ich finde dort und muß dort für möglichst
vollendete
Ausführung der Idee alles finden; eine entsprechende
Natur wie ent-
sprechende Menschen, entsprechende Verhältnisse
wie entsprechende
Forderungen und Bedürfnisse. Prüfen Sie noch
einmal die ge-
samten Umstände Heidelbergs, treten Sie doch mit
den vielen dem
Fortschritte ergebenen wissens- und lebensreichen
Männern Ihrer Nähe
prüfend und beratend zusammen, ob nicht mit
nächstem Frühling end-
lich auch ein Kindergarten in Heidelberg
ausgeführt werden könne!
[63]
Sechs Jungfrauen,
darunter für diesen Beruf vorgebildete und lebens-
erfahrene,
teilen den jetzigen Bildungskursus; sollte sich darunter
nicht
eine finden, welche den Heidelberger Verhältnissen
entsprechend wäre?
Könnte dies nicht durch einen Verein und
Unterschriften ermöglicht
werden, wie dies in Annaburg und in
Lünen möglich wurde? Ich bitte
Sie selbst, bei Ihren eigenen
lieben Kleinen und um derselben willen:
bieten Sie alles auf, um
die Ausführung eines Kindergartens in Heidel-
berg möglich zu
machen. Sollte denn nächst Ihrem Worte und Urteile
das von
Berthold
Auerbach nichts vermögen? Hat er nicht auch
demselben
vertrauende Freunde in Heidelberg? Es sind doch jetzt
sieben wirkliche Kindergärten der
verschiedensten Leistungen
und Früchte zu Frankfurt a. M.,
Homburg a. d. H., Gotha, Annaburg,
Quetz, Lünen, Dresden, welche
für die Sache sprechen? Das, was hier
und in nächster Nähe unter
meiner unmittelbaren Leitung und in
anderen Anstalten, welche
starr an den alten beengenden Namen hangen
geblieben sind wie zu
Darmstadt, Hildburghausen, Koburg, Saalfeld,
Niederingelheim,
Gaisberg geschieht, gar nicht mitgerechnet. Sollte dies
in
Beziehung auf Heidelberg nicht dahin wirken, die unbestimmte
An-
sicht des Dagegen zu einer ganz bestimmten des Dafür
umzuwandeln?
Ich würde alles anwenden, um dort das Tüchtigste
auszuführen, und ich
glaube auch, daß ich jetzt imstande wäre,
Ihnen eine entsprechende
Kindergärtnerin zuzuweisen, und dann -
so wären Sie ja auch gar
nicht gebunden. Denn es finden sich
jetzt von Jahr zu Jahr immer mehr
vorgebildete Jungfrauen, welche
sich diesem Berufe widmen; also mit
steigender Ausbildung der
Anstalt ließe sich auch hoffen, eine immer
mehr ausgebildete
Gärtnerin für den Garten zu finden. Doch sie selbst
würde sich
innerhalb ihres Berufs und durch denselben immer mehr
so
ausbilden, daß man keinen Wechsel wünschen würde. Aber auch
für
den nächsten Anfang glaube ich Ihnen eine recht wackere
Führerin
unter meinen jetzigen Schülerinnen vorschlagen zu
können, doch dürfte
sich eine, wenn auch nur zuerst vorläufige
Nachricht nicht zu weit
hinausschieben, weil es verhältnismäßig
mehr Orte sind, welche zu
nächstem Sommer oder vielmehr Frühjahr
Führerinnen ihrer Kinder-
gärten bedürfen, als ich jetzt
Schülerinnen habe.
Sie sind, hochgeschätzter Freund, wie
öffentliche Blätter sagen, Mit-
arbeiter, vielleicht selbst
Mitbegründer der "Deutschen Zeitung", welche /
[64]
von
mehreren namhaften Männern Heidelbergs in diesem Jahre
heraus-
gegeben werden soll, an deren Spitze
Gervinus
steht. Ich kann
Ihnen gar nicht aussprechen, wie hoch mich die
Nachricht von Ihrer
Teilnahme an dieser Zeitung erfreut hat; ich
wurde ordentlich durch
und durch warm, als ich es las. Aber
sogleich stand auch eine Bitte
an Sie fest in meiner Seele:
lassen Sie, teurer, lieber Freund, die natio-
nale Erziehung der
Deutschen auf den Grundlagen Ihrer Abhandlung
in den
"konstitutionellen Jahrbüchern" und den "Zeitfragen"
einen
stehenden Artikel dieses Blattes sein und bleiben!
Wahrlich, ohne das
feste Fundament einer deutschen Volks- und
Nationalerziehung auf
den Grundlagen, welche in dem Wesen und der
Forderung der Sache
selbst liegen, kommen wir nicht aus dem Netze
der religiösen, politischen
und sozialen Wirren heraus, welches
uns umgarnt hält. Vor einem
Vierteljahrhundert sprach ich es in
einem Schriftchen aus: "Durch-
greifende Erziehung ist das Grund-
und Quellbedürfnis unseres Vol-
kes". Ein Bedürfnis, von dessen
Befriedigung auch die übrigen Be-
dürfnisse ihre Lösung erhalten
und, wenn wir dieser ersten aller Forde-
rungen nicht nachgehen
und zwar jetzt nicht nachgehen, so werden wir
nach einem neuen
Vierteljahrhundert noch ebenso sprechen und fordern
müssen. Denn
das Volk, die Masse, man sage was man will, muß erst
der
künftigen bessern Zeit, der Herbeiführung einer bessern Zeit
ent-
gegen erzogen werden. Der intelligenten und besonders der
charakter-
vollen Menschen sind noch zu wenige; was hilft es, daß
wir uns eines
andern schmeicheln?! Die, welche heute noch im
Polröckchen im deut-
schen Kindergarten spielen, sind in einem
Vierteljahrhundert Männer
oder Frauen, Jünglinge oder Jungfrauen,
welche deutsche Gedanken in
ihrem Geiste bearbeiten, deutsche
Gesinnung in ihrem Busen tragen und
für deutsches Handeln die
Arme erheben und die Füße gebrauchen. Und
wie schnell sind 25
Jahre vergangen! Wer erfährt das nicht? Hätten
mich Deutsche als
Deutsche vor 25 Jahren, wie ich hoffte und hoffen
zu dürfen
glaubte, verstanden, manches Hundert, ja durch die
Zweig-
anstalten in den verschiedenen Gauen Deutschlands, manches
Tausend
mannhafter deutscher Jünglinge, Männer, Jungfrauen und
Frauen sollte
Deutschland jetzt mehr haben! Also nochmals, lassen
Sie nationale Er-
ziehung, lassen Sie das echt deutschsinnige und
deutschkräftige Institut
der Kindergärten, wie es ein deutscher
Mann im Allgemeinen Anzeiger /
der Deutschen, 1844, Nr. 172
nennt (Beilage H) einen stehenden Ar-
tikel in Ihrer echt
deutschen Zeitung sein! Komme ich einst wieder nach
Heidelberg,
so suchen Sie einen Kreis stimmfähiger und stimmberech-
tigter
Menschen, Männer und Frauen, zu vereinen, welchen ich das
Ganze
zur Prüfung und Entscheidung vorzulegen habe, zu der Prüfung
und
Entscheidung, ob denn auch wirklich diese Kinderführungsweise
so
erfassend und so allseitig zum Ziele leitend sei, als ich solche
hinstelle.
Lassen Sie dann einen Kindergarten hinzukommen,
welcher das Wort
an der Ausübung und an dem Erfolge prüfe; lassen
Sie dann den Er-
gebnissen dieser Prüfung durch ein politisches
Blatt wieder Worte geben,
damit das
pädagogische Ergebnis in seiner
politischen Wichtig-
keit erkannt
werde! Welch' ein Fundament, welch' eine Einheit soll dann
die
deutsche Erziehung bekommen! Die Stückelei und Bröckelei
soll
aufhören, auch die dadurch hervorgebrachten zerstückelten
und zer-
bröckelten Menschen, auf die wir überall so in Masse
stoßen, sollen da-
durch beseitigt werden, wir sollen wieder
charaktervolle Ganz-
und Vollmenschen
im einigen Denken, Fühlen und Handeln be-
kommen! Und welcher
weitere Segen für die Hunderte und Tausende
von Jünglingen,
welche die Hochschule besuchen, die Allumfassende,
wenn diese nun
auch die erste Pflege der Kindheit in sich schließt und
aufzeigt
und wenn wirklich jeder Studierende während jedes Semesters
nur
einmal den Kindergarten besucht, aber ein Ganzbild deutscher
Kind-
heit und Kindererziehung mit nach Hause nimmt! Welcher
Segen!
Darum in Heidelberg ein "Kindergarten"!
Doch, wie
ich höre, wird auch leider Ihre Zeitung noch nicht so bald
ins
Leben treten. Wie wäre es, wenn Sie sich da für den Zweck
der
Ihrigen vorläufig durch eine andere Zeitung den Weg bahnten?
Ich
meine einstweilen in einer andern Zeitung, z. B. in der
Bremer,
welche ich mehrseitig dazu für
zweckmäßig halte, einen Aufsatz über
die Wichtigkeit der
Kindergärten veröffentlichten, sei es auch wirklich
nur als
Hebung des häuslichen und Familienlebens? Überlegen Sie es!
Herr
von
Leonhardi hat seit undenklicher Zeit nichts von sich
bei
uns hören lassen, und so habe ich weder gehört, daß er in
irgendein
öffentliches Blatt etwas über die Kindergärten oder
über die Spiele hat
einrücken lassen, was Ihre Güte mir von Herrn
von Leonhardi als
dessen Entschluß
schrieb. Ebenso habe ich zweitens noch nicht das min- /
[66]
deste von dem Material zurückerhalten, welches Sie ihm, wie
Sie mir
auch gütigst meldeten, zur Absendung an mich übergeben
haben. Drit-
tens aber auch das Buch nicht, nämlich die
"Zeitfragen", zugesendet er-
halten, welches Ihre Güte mir
zugedacht hat. Ob ich es nun gleich noch
nicht erhalten habe, so
sage ich Ihnen dafür doch den herzlichsten Dank.
Die "Zeitfragen"
habe ich mir selbst bald als Eigentum durch den Buch-
handel
verschafft. So lieb es mir gewesen wäre, von Stuttgart die
er-
betenen Abdrücke zu bekommen, so ist doch nichts bei mir
eingegangen.
Beiliegendes Briefchen bitte ich an Herrn v. L.
gütigst bald zu besorgen,
um ihn zu vermögen, mir bald zu
schreiben.
Ich bitte Sie wegen der Länge dieses Briefes um
Nachsicht. Sie hat
einen doppelten Grund, erstlich wollte ich
Ihnen alles gern als Tatsache
mitteilen, damit Sie nur bei der
Bearbeitung des Gegenstandes hinläng-
liche Belege haben.
Zweitens erhielt aber auch der Brief dadurch Weit-
schweifigkeit,
weil ich ihn großenteils niedergeschrieben habe, während
meine
Schülerinnen noch unter meiner Leitung sich beschäftigten
oder
als ich nach Beendigung der Stunden abgespannt war. Grüßen
Sie Ihre
lieben Kinder und wer sich sonst meiner gütig erinnert.
Lassen Sie
gütigst recht bald, und sei es nur in zwei Worten,
etwas von sich hören
Ihrem ergebenen
Freunde
Friedrich Fröbel.
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A-H