Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Karl Hagen in Heidelberg v. 2.2.1847 (Keilhau)


F. an Karl Hagen in Heidelberg v. 2.2.1847 (Keilhau)
(Autograph nicht überliefert, ed. Hermann Hagen 1882, Nachdruck Hoffmann 1948, 35-66, Seitenangaben nach Hoffmann)

Herr Professor Dr. Karl Hagen in Heidelberg.
Keilhau bei Rudolstadt, am 2. Febr. 47.


Hochgeehrtester, teurer Freund!
Sie haben mir nicht nur erlaubt, sondern in Ihrem jüngsten lieben
Brief sogar gewünscht, ich möchte Ihnen wieder einmal ausführliche
Kunde von meinen erziehenden Bestrebungen besonders für die noch
nicht schulpflichtigen Kinder und namentlich von dem Fortgang der
Kindergärten geben. Je erfreulicher nun die steigende Anerkenntnis,
welche beide bisher gefunden haben, um so mehr war es mir Forderung
meines Herzens, Ihre treue Teilnahme durch einen möglichst ausführ-
lichen Bericht von dem Fortgang meiner Bestrebungen zu erwidern:
allein eben dieser Fortgang und dessen Forderungen waren es, welche
mich an der Erfüllung meines eigenen Wunsches bisher hinderten. Jetzt
nun aber, wo Alles zu einem bestimmten Abschluß gekommen ist, von
wo aus die Sache mit erneuter Kraft, geklärteren und vermehrten Mit-
teln in vielseitigerer Richtung einer erweiterten Entwicklung entgegen-
geht, jetzt soll es aber auch mein erstes sein, Ihnen möglichst ausführ-
lichen Bericht zu erstatten; denn ich muß gar sehr wünschen, daß Sie /
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mit Ihrer wahren und warmen Teilnahme in der tätigen förderlichen
Weise der Sache der Kinder gewogen bleiben, welche Ihrer Vertretung
schon so viel verdankt.
Am besten, glaube ich, erfülle ich meinen Wunsch und Ihre Er-
wartung, wenn ich Ihnen meine Mitteilungen in einer Art von Chronik-
form gebe; Sie verarbeiten dann die einzelnen Tatsachen am besten zu
einem Ganzen, denn daß ich gar sehr wünschen muß, Sie möchten so-
wohl in den konstitutionellen Jahrbüchern wie in Ihren vielgelesenen
Zeitfragen wieder einmal auf den Gegenstand zurückkommen, das liegt
wohl sehr in der Sache. Meine jüngsten Mitteilungen an Sie waren durch
den Lehrer Herrn Lohse und gingen so bis zur Mitte des Sommers
und so bis nahe zu der Zeit der Beendigung meines vorigen Kurses; die
nach demselben in gewisser Hinsicht für mich eintretende Freizeit war
zu einer Reise nach der Saale, Elster, Mulde und so in eine Gegend der
Elbe bestimmt.
Ich wählte den Weg über Gotha, um dort den am 3.September 1845
gegründeten Kindergarten, an welchem Fräulein Christiane Erd-
mann
Vorsteherin und Gärtnerin ist, zu besuchen. Ich hatte, wie ich
Ihnen auch wohl in meinem vorigen Briefe schon mitgeteilt habe, so
viel Erfreuliches von dem Fortgange dieser Anstalt, selbst in dem All-
gemeinen Anzeiger der Deutschen, gehört, die Kleinen hatten mir
schon so manche ihrer hübschen Arbeiten mit kindlichem Gruße zu-
geschickt, daß ich recht begierig war, diesen so lieblich als frisch und
gesund heraufwachsenden Kindergarten in seiner Blüte zu sehen. Und
ich wurde in keiner Hinsicht in meiner Erwartung getäuscht: Zufrieden-
heit, Heiterkeit, ja Kinderglück in den nahe 50 Kleinen, welche diesen,
man möchte sagen blumig duftigen Kindergarten besuchen; Zufrieden-
heit, Heiterkeit und Seelenglück in dem Herzen der Kindergärtnerin;
wahre Zufriedenheit und viel Freudigkeit an dem guten Fortgange dieser
Anstalt bei allen denen, welche auf irgend eine Weise Anteil an ihr
nehmen: bei den Eltern, bei Kinderfreunden, bei den Lehrern der Stadt,
wie bei den städtischen und Schulbehörden. Ich gestehe Ihnen, hochgeehr-
tester Freund, es war mir auffallend, wie ein noch so junges und so ein-
faches Mädchen (sie ist die Tochter eines verstorbenen Landschullehrers,
zwischen 19-20 Jahre alt) sich eine so allgemeine Teilnahme und Zu-
friedenheit erwerben konnte; allein das macht die naturgetreue Pflege /
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der Kindheit und deren Erfolg: Ich höre, daß, wenn die Menschen an
dem Hause des Kindergartens vorübergehen, - er ist mitten in der
Stadt - sie oft stille stehen, um den lieblichen Gesang der Kinder bei
ihren frohen Spielen zu hören. - Kinder, welche dem Kindergarten
schon entwachsen sind und nun schon die ordentliche Schule besuchen,
freuen sich, mittwochs und sonnabends nachmittags sich wieder in dem
ihnen so lieb gewordenen Kindergarten beschäftigen zu dürfen. – Wie
nun aber Kinder und Eltern mit dem Erfolge dieser Kinderführungs-
weise zufrieden sind, so sind es auch die Lehrer, welche aus dem Kinder-
garten Nachwuchs in ihre Schulen erhalten haben.
Am Schlusse des vorigen Jahres schreibt mir diese liebe Kindergärtnerin:
„Sie werden gewiß gern auch wieder etwas von unserm Gärtchen hören
wollen. Manche Bäumchen sind erstarkt, die werden nun in kräftigeren
Boden verpflanzt; aber auch neue sind wieder dazu gekommen. Besonders
sind die Handwerker recht dafür begeistert. In der letzteren Zeit haben
wir mit dem großen Baukasten (der fünften Gabe) gebaut; da gibt’s
Freude! Aber ganz merkwürdig ist: Manche ziehen immer ihre kleinen
Klötzchen vor; Andere wieder wollen immer einen großen Kasten.
‚Ach!’ sagte neulich die kleine sechsjährige Helene Schott , ,Bitte,
bitte gib mir nur einen großen Kasten, ich will gewiß recht artig sein !'
Die baut nun köstlich. Anfangs war es eine unbekannte Masse, da gabs
viel zu tun, zumal beim Einpacken; jetzt sind sie schon vertraut damit.
Eine wahre Lust ist es zu sehen, was die kleinen Händchen erschaffen ;
welche Belebung sie ihren Bauten geben und wie ihre Ansichten der-
selben immer klarer, hervortreten. Es ist ein ewig reiches Feld für
jeden aufmerksamen Beobachter. Es ist einer der schwersten, aber wohl
auch der schönste Beruf, den es geben kann, Kindergärtnerin zu sein !
Zu Weihnachten mußte es ein Liedchen geben, da half alles nichts. Eine
Melodie fand sich bald, und siehe, nach und nach kam auch ein Lied-
chen zustande. Und wenn nun in Erwartung des Christkindchens das
Herzchen der Kinder vor Freude hüpfte, da wurde jubelnd das Liedchen
angestimmt. Mit welcher Begeisterung sangen die kleinen Kehlchen das
Lob Gottes! ,Kein Konzert', versicherte mir neulich ein Kinder-
freund, ,hat mich so angesprochen!' Einige neue Beschäftigungen und
Spiele haben sich auch gefunden usw. usw. Aber was sagen Sie
dazu, daß wir Kanons singen? – Ich wundere mich oft selbst, wie die /
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Kleinen ihre Stimme halten. Der kleine Kanon, welchen ich Ihnen hier
beilege: ,Rein und helle muß des Sängers Stimme sein', wird von den
Kleinen besonders gern gesungen. Wissen Sie aber, was ich, lieber Herr
Fröbel, sehr wünschte?, daß Sie wieder ein ähnliches Blatt, ,wie das
Sonntagsblatt, herausgäben; in diesem besitzen wir wirklich einen
wahren Schatz. Ich sollte nicht meinen, daß solches in der jetzigen Zeit
unbeachtet bliebe, und wie bildend ist es, wenn man seine Ansichten aus-
tauschen kann! Ach, wenn es doch nur zu Stande käme! Dann ständen
unsere Kindergärten gewiß nicht mehr so vereinzelt da, sondern sie
würden ein großes Ganzes bilden. Nun, ich hoffe das Beste."
So dies junge Mädchen, Christiane Erdmann. - Jetzt hat ihr
Kindergarten über 60 Kinder. Zwei meiner Schülerinnen des vorigen
Kursus, Anna Hesse aus Annaburg bei Torgau und Amalie Krüger
aus Halle, hatten mich nach Gotha, wo wir einige Tage verweilten, be-
gleitet, und ich war hoch erfreut, daß diese ein so schönes Lebensbild
gesehen hatten. Mit welchen Gefühlen ich Gotha verließ, daß können
Sie sich wohl sagen!
Nun ging es nach Halle, wo eben Fräulein A. Krüger zu Hause.
Hier hatte, wie Sie sich aus der früheren Mitteilung wohl erinnern,
schon in der Pfingstzeit vorigen Jahres sich besondere Teilnahme für die
Sache der Kindheit geweckt, welche auch durch einen praktischen Vortrag
von mir über diesen Gegenstand genährt worden war. Jetzt wünschte
man, da sich durch meine Begleiterinnen so gut Gelegenheit dazu zeigte,
auch Ausführungen der Spiele mit den Kindern selbst. Die Bewahr-
anstalt Nr. 1 an der Promenade und die Kinder derselben wurden dazu
ausersehen. Ein sehr gewähltes Publikum, viele Lehrer des Waisen-
hauses sowie selbst der Direktor desselben, Niemeyer, mehrere Lehrer
und andere Männer und Frauen aus der Stadt waren Zeugen dieser
Ausführung; und die allgemeine Stimme sprach aus: daß alle An-
wesenden durch die sich dadurch frei machenden Erscheinungen in der
Kinderwelt für die Sache wahrhaft begeistert geworden wären. Ich
glaube auch ganz gewiß, daß es mehrfach auch zu einer bestimmten
Fortwirkung gekommen sein würde, wenn nicht die in Halle so stark
herrschende religiöse Meinungsverschiedenheit dazwischen getreten wäre.
Doch traten einige achtbare Männer aus der Stadt mit dem Vorsatz und
Streben hervor, gemeinsam dahin zu wirken, daß mit dem nun kom- /
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menden Frühling ein Kindergarten in Halle ausgeführt werde. Vor-
läufig wurde schon Fräulein Amalie Krüger (eben Schülerin des
vorigen Kursus) dafür als Kindergärtnerin in Anspruch genommen. -
Doch ein Hauptzielpunkt meiner jetzigen Reise war Quetz, ein Dorf
jenseits Halle, in der Nähe von Stumsdorf, an der Hallisch-Magdeburgi-
schen Eisenbahn rechts. Ich zweifle nicht, Ihnen in meinem jüngsten
Briefe mitgeteilt zu haben, wie durch meinen Vortrag zu Pfingsten
vorigen Jahres veranlaßt der dasige Pfarrer Hildenhagen , ein sehr
eingehender Freund und tätiger Beförderer der Kindergärten, wie über-
haupt der in ihnen angestrebten Kinderführungs- und Beschäftigungs-
weise geworden war. Schon zu Pfingsten lud er mich ein, mein Stand-
quartier für meine in Halle zu machenden Mitteilungen bei ihm in
Quetz, welches auf der Eisenbahn nur 1 ½ Stündchen von Halle ent-
fernt ist, zu nehmen, und schon dort war sein Entschluß, tätigst und
durch unmittelbare Ausführung in seinem Dorf für die Verbreitung der
Kindergärten zu wirken, so entschieden, daß er mich ersuchte, ihm im
Laufe des Sommers eine bei mir gebildete Kinderführerin zu besorgen,
um zunächst mit der von mir angebahnten Kinderbeachtungs- und Be-
tätigungsweise bei seinen eigenen 2, 3 lieben Kindern (in dem Alter der
lieben Ihrigen, als ich die Freude hatte, mich vor einigen Jahren zu
Zeiten mit ihnen zu beschäftigen) den Anfang zu machen und von
da aus dann die eigentliche Ausführung eines Kindergartens in Quetz
zu beginnen. Dies war nun geschehen. Seit einigen Wochen war Fräu-
lein Ida Weiler, welche mit Fräulein Erdmann den früheren Bil-
dungskursus bei mir gemacht hatte, im Hause des Herrn Pastor, aber
zunächst als die Führerin seiner eigenen Kinder eingetreten. Mit diesen
und einigen anderen dazu eingeladenen, noch nicht schulpflichtigen
Kindern des Ortes wurde nun der Anfang entwickelnder Spiele gemacht.
Nächsten Sonntag wurden auch die Schulkinder dazu eingeladen; selbst
sämtliche noch nicht konfirmierten Kinder der Gutsherrschaft, des Orts-
und Kirchenpatrons, fanden sich dazu ein; da gab es denn ebenso all-
gemeine Freude unter den als Zusehauer erschienenen Eltern und Er-
wachsenen wie unter den Kindern und der Jugend; mit Einigungs- und
Anfangsliedern wurde begonnen wie mit Eintrachts- und Schlußliedern
jedesmal geendigt. So ging es mehrere Wochen nacheinander fort: jeden
Tag in der Woche wurde nachmittags mit den noch nicht schulpflichtigen /
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Kindern und sonntags nachmittags mit den sämtlichen Schul- und- klei-
neren Kindern des Ortes in dem Hofe und geschützten Raume der Pfarr-
wohnung gespielt, Das Endergebnis nun vom Ganzen war eine so all-
gemeine Zufriedenheit mit dem Erfolge dieses Versuches, daß der
Herr Pastor den Ankauf eines eigenen Grundbesitzes zur Ausführung
eines Kindergartens schon im September verflossenen Jahres möglich
machte: eines Grundbesitzes außer einem zu verkaufenden oder zu ver-
pachtenden Acker, bestehend in einem entsprechenden Hofe, worauf ein
einstöckiges Wohnhaus nebst einer Scheuer mit Stallung, dann noch ein
Garten von 73 Fuß Breite und 120 Fuß Länge und im Ankaufspreis von
Reichstaler 1000 pr. Cour. Diese Lokalitäten sind nun nach dem Plane
des Herrn Pastors, damit die Ortsschulwesen ein Ganzes werde, wie zu
einem Kindergarten für die noch nicht schulpflichtigen Kinder so zu
einem Übungs- und Spielplatz für die Schulkinder in täglichen oder
wöchentlichen Freizeiten und zu einer Fortbildungsschule für die Jugend
nach beendigten Schuljahren bestimmt. Mit dem Frühlinge werden die
Gebäulichkeiten zu diesen 3 Zwecken hergestellt werden, bis dahin wird
das Ganze diesen Winter hindurch, so wie es eben sich machen läßt, für
die Zwecke des Kindergartens benutzt. Daß der Herr Pastor durch seine
gesamte Wirksamkeit Eintracht in der Gemeinde und mit sich, mit der
Gerichtsherrschaft wie mit der Schule zu erreichen gewußt hat durch
gewecktes und genährtes Vertrauen usw., das geht wohl sattsam aus dem
Ganzen hervor; allein er trägt auch das Ganze stets allseitig pflegend in
seinem Herzen, und er läßt keine Gelegenheit vorübergehen, demselben
die Pflege auch äußerlich angedeihen zu lassen. So z. B. veranlaßte er
bei Gelegenheit einer während meiner Anwesenheit bei ihm stattfinden-
den Pastoralkonferenz ungesucht eine Mitteilung und Vorführung des
Gegenstandes nach verschiedenen Seiten hin, wodurch gerade einige der
denkendsten und strebendsten Pastoren der Umgebung für die Sache
gewonnen wurden.
Da er wußte, daß eben in dieser Zeit meines Aufenthaltes zu Quetz in
dem benachbarten Städtchen Zörbig die Ausführung einer Kinder-
bewahranstalt besprochen werden sollte, so veranlaßte er weiter, daß ich
von dem Vorstande derselben zu einer Schlußberatung eingeladen wurde.
Dies geschah und hatte zunächst für die von mir vertretene Idee den
Gewinn, daß ich mit den im Obigen gedachten Schülerinnen Anna /
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Hesse
und Amelie Krüger (wovon die letztere die Schwägerin des
Herrn Pastor Hildenhagen ist), die sich nebst einer dritten gerade
mit mir zum Besuche in Quetz befanden, weiter zu der Eröffnung der
Kleinkinderbewahranstalt eingeladen wurde, um mit diesen einige un-
serer Spiele und Beschäftigungsweisen auszuführen. – Allein an dem
Tage der Eröffnung hatten sich wohl der Vorstand und andere den Plan
teilende Personen, aber aus den wunderlichsten Ansichten der eigentlich
teilnehmen sollenden Eltern keine Kinder eingefunden; zwei kleine nur
waren es, die wir grabend in einem hergerichteten Sandhaufen vor-
fanden; was war da zu tun? - Etwas mußte doch geschehen. – Ich
fragte: "Sind denn gar keine Kinder in der Nähe?" –„Ach, Kinder
genug", hieß es, "allein keine zur Teilnahme an der Bewahranstalt!" -
"Nun", sagte ich, "laßt sie herbeikommen! Ich will Ihnen zeigen, wie
es die Kinder in einer zu einem Kindergarten erhobenen und herauf-
gebildeten Bewahranstalt treiben!" Und bald hatten sich so viele Kinder,
da es hieß, es solle gespielt werden, um mich und um uns versammelt,
daß der Raum zum Spiele jetzt nicht mehr genügen konnte; da hieß es
denn ferner: "Laßt uns in den Schloßgarten unter die schönen schatti-
gen Linden gehen!" - Und mit einer Schar spiellustiger Kinder jedes
Alters fand sich denn auch, außer den Männern ex officio noch eine
große Anzahl Erwachsener beider Geschlechter, besonders der Hono-
ratioren des Städtchens ein. - Wie unser Spiel aus dem Stegreif so bald
und allgemein bekannt wurde, begreife ich selbst nicht - genug, es wurde
mit einer Anzahl von wohl 50 und mehr Kindern einige Stunden in Ab-
wechslung zur Freude der Alten wie der Jungen bis gegen Mittag gespielt.
Ohne daß man es merkte, führte ich ein Spielganzes vom Einfacheren
und gleichsam Vorübungspiel bis zum verbundeneren und freieren Spiele
und Bewegungen vor, suchte auch Alles, soweit es die Zeit erlaubte,
durch Wort dem Verständnis und der Einsicht in die Bedeutung wie
durch Melodie und Lied dem Gemüte näherzubringen, was die Freude
Aller erhöhete und zu einer wie geistigen so gemütvollen erhob. Denn
meine sing- und spielfertigen Schülerinnen ließen es durch ihren frischen
belebenden Gesang nicht daran fehlen, das schon an sich Wohltuende
solcher Spielweise noch zu steigern. - Als ich eben schließen wollte,
trat ein schon hochbejahrter Mann mit einem ebenso bejahrten Mütter-
chen am Arme herbei und bat mich, ich möchte doch mehreres von /
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Neuem beginnen, indem seine Frau, die eine große Kinder- und Spiel-
freundin derselben sei, nicht früher hätte kommen können. Da ich ihm
durch die Sache selbst wie durch die vorgerückte Zeit die Unmöglichkeit
davon zeigte, so erhoben sich Stimmen und sagten: es seien wohl noch
gar manche, besonders unter den Frauen, in dem Städtchen, welche gern
von dem Erfolge solcher Spiel- und Beschäftigungsweise Zeugen ge-
wesen, die aber teils durch die Vormittagsarbeiten an ihrer Gegenwart
verhindert, teils aber auch von dem, was vorgehe, gar nicht unterrichtet
worden wären; ob wir uns daher nicht geneigt finden lassen und nach-
mittags nochmals mit den Kindern spielen wollten: es würde dies gewiß
von mehrfachem Nutzen sein. Nach Zustimmung meiner wackern Ge-
hilfinnen sagte ich es zu, und nun wurden unter der laubigen Baumhalle
die Tische zu einem einfachen Mittagsmahl zusammengeschoben, an
welchem viele der Anwesenden Anteil nahmen.
Einige Stunden verflossen schnell unter den mancherlei Mitteilungen,
welche das Ganze hervorrief, teils auch durch Ergänzung und Erweite-
rungen, und ehe ich es vermutete, sahen wir uns schon wieder von einer
Schar spiellustiger Kinder mit Freude strahlenden Augen umgeben, und
schon fanden sich auch wieder Erwachsene ein, die Freude der Kinder
zu teilen. War nun die Zahl der teilnehmenden Erwachsenen und
Kinder schon am Morgen groß gewesen, so war diese Zahl nachmittags
wenigst doppelt so groß; denn die Vorsteherin einer weiblichen Ar-
beitsschule kam mit der Gesamtheit ihrer Schülerinnen und bat mich
nach dem Wunsche derselben, daß sie auch an dem Spiel Anteil nehmen
könnten. So groß nun aber auch der Spielraum war, so war er doch zu
klein, um alle Kinder als Spielende zugleich zu fassen; da mußte ihre
Zahl geteilt werden, und sie traten nun abwechselnd in den Spielkreis.
Dies gab aber dem Spiel wieder ein neues Interesse, indem nun immer
wieder frische Kräfte bei jedem neuen Spiele eintraten. Ob wir gleich
noch fast 2 Stunden von Zörbig bis Quetz zu gehen hatten, so endigte
sich das Spiel doch erst spät, welches ich, gleich wie in einem schon
bestehenden Kindergarten, mit einem Einzugsliede begonnen und einem
Eintrachtsliede geschlossen hatte, so daß alle Anwesende, Kinder und
Erwachsene, ein klares geschlossenen Bild vom Ganzen mit sich fort-
nahmen. Einmütig bis auf Einen wurde nun ausgesprochen: nicht eine
beschränkte Bewahranstalt, sondern ein alle Kinder umfassender Kinder- /
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garten sollte ausgeführt werden. Und nun das Ergebnis vom Ganzen?
Die Ausführung dieses schönen Gedankens scheiterte an der hierarchi-
schen Halsstarrigkeit dieses Einen, eines sonst wohl achtbaren Geistlichen,
welcher ein ausgeprägtes Bild einer gewöhnlichen Bewahranstalt in sich
trug, welches so mit seinem Entschlusse, dasselbe auch auszuführen, ver,-
wachsen war, daß er sich zuletzt auf das ihm als Schulinspektor des
Ortes zustehende Recht berief. Ob ihm nun gleich die Ausdehnung dieses
Rechtes bis auf die Einrichtung einer Bewahranstalt oder eines respek-
tiven Kindergartens mehrseitig streitig gemacht wurde, so mochte sich
doch niemand mit ihm in einen Kompetenzstreit einlassen, und so unter-
blieb die Ausführung eines Unternehmens, welches unter allgemeiner
Teilnahme begonnen hätte und dem ein einziger Mann, wenn es un-
gehemmt als reiner Kindergarten ins Leben träte, der Kreisphysikus
Dr. Heine
, gleich zum Beginne 50 Reichsthl. Unterstützung zusicherte.
So fanden sich noch einige und, ich glaube, bedeutendere Unterstützungen,
welche aber unter einem gewissen Rechtstitel der Pastor für die Bewahr-
anstalt in Anspruch nahm. Genug, Sie sehen, was ein Mann und nament-
lich ein Geistlicher, ein Pastor, mit seinem hierarchischen Willen hem-
men, ja zerstören kann, wie Sie umgekehrt an dem Pastor XH7den-
hagen
in Quetz wieder sehen, was ein humaner Geistlicher in Einklang
mit seiner Gemeinde und im Zusammenwirken mit seinen Verhältnissen
zum Wohle nicht allein seiner Gemeinde, sondern durch diese als Bei-
spiel für das ganze liebe Vaterland wirken kann. Von einer solchen (pro-
testantisch) hierarchischen Halsstarrigkeit, welche auch nicht einmal
auf die vernünftige Vorführung der Sachlage seiner Amtsbrüder hört,
kann man sich gar keinen Begriff machen, wenn man sie nicht erlebt
hat. Die aber, welche es mit erlebten, sagen: der Grund seines Wider-
streitens sei nicht etwa eine Überzeugung, daß, was er wolle, das Bessere
sei, sondern der eigentlich im Innersten wirkende Grund sei der, daß
der Gedanke der Ausführung eines Kindergartens in Zörbig nicht von
ihm ausgegangen sei. Als ich später, nach Monaten, wieder nach Zörbig
kam, sagte man mir, dass die Spiele und Lieder einen so tiefen Ein-
druck auf die Kinder gemacht hätten, dass sie beide noch unter sich
übten, besonders auch einzeln viele der Liedchen sängen. Was hätte hier
werden können, besonders da auch die Lokalität einen schönen Garten-
und Spielraum im Freien bot, wie denn auch schon Beetchen für die /
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Kinder im ersteren hergerichtet waren! Und das Spiel im Schlossgarten,
war es nicht der Anfang von Jugendvolksspielen? -
Ich teile Ihnen dies so ausführlich mit, um Ihnen zu zeigen, daß der
Grund der geringen Fortschritte, welche die Sache macht, nicht in dem
Wesen, Geiste und der Wirkung derselben, sondern in dem eigensinnigen
Widerstreben Einzelner liegt. Wovon ich noch gar manches Beispiel
aufführen könnte! -
Von Quetz aus begleitete ich die eine meiner Schülerinnen des letz-
teren Kursus, die schon genannte Anna Hesse, nach Annaburg
bei Torgau, um sie dort in ihren neue Beruf, in den dort neu zu er-
richtenden Kindergarten einzuführen. Unter ähnlichen Umständen wie
in Quetz wiederholte sich Ähnliches. Mit unserer Ankunft daselbst er-
öffneten wir Spiele mit freier Teilnahme. Durch die Eintracht, die
aber auch hier wieder zwischen dem Pastor des Ortes, dem Herrn Dr.
Sey1er
und der Gemeinde herrscht, durch das fernere einträchtige Zu-
sammenwirken der Glieder einer Gesellschaft, der Harmonie (so, glaube
ich, heißt sie), war bald alles in Ordnung: Eltern hatten sich mit ihren
Kindern zur Teilnahme unterzeichnet, die Beiträge bestimmt, ein pas-
sendes Lokal war gemietet, der Gehalt der Kindergärtnerin festgesetzt,
die sonstigen Unkosten gedeckt, so daß der Kindergarten zu
Annaburg nun seit Monat August seinen gesegneten Fort-
Gang hat
. Hier in Annaburg ist es besonders der Prediger und Schul-
inspektor an der königlich preußischen Militär-Waisen-Erziehungsanstalt,
Herr Wöpke, welcher namentlich in jener Gegend für die Verbreitung
und Ausführung der Kindergärten tätig ist. -
Seit mehreren Jahren von dem regen Männer-, besonders auch Lehrer-
und Turnerleben im sächsischen Voigtlande, namentlich in Plauen und
der Umgebung angezogen und durch Wechselbeziehungen bestimmt,
wozu noch eine besondere Einladung von Adorf aus an mich kam,
führte ich nun den längst gehegten Wunsch aus, die ebengedachte Ge-
gend des sächsischen Voigtlandes und zuerst Adorf zu besuchen, um dort
persönlich für die Aus- und Einführung von Kindergärten zu wirken.
Zwei Männer waren und sind es besonders, welche hierin gleiches Streben
mit mir teilen: es sind dies die Gebrüder Lohse, von denen einer Ihnen
auf seiner Reise nach der Schweiz meinen Gruß brachte und der ältere
Rektor zu Adorf ist. Dieser letztere war es denn auch, welcher mich /
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gastfreundlich zu sich eingeladen hatte, wie denn auch Adorf mit seinen
Männern des Fortschritts, Todt usw., der Mittelpunkt des Wirkens für
die Sache werden sollte und auch wirklich wurde.
Im September kam ich nach Adorf und fand schon seit Monat Juli
die Kinder- und Jugendfreunde durch einen durch zwei Nummern des
Adorfer Wochenblattes (Nr. 28, 29 vom 15. und 22. Juli 1846) hin-
durch gehenden Aufsatz, überschrieben: "Fröbel im Voigtlande“, auf
meine Ankunft, ohne daß ich davon eine Ahnung hatte, vorbereitet. Nun
aber konnte ich, als ich es erfuhr, mir den freundlichen Willkommen,
mit welchem man mir überall entgegenkam, erklären. Und so war es
nun auch bei den Spielvorführungen wie den Sachmitteilungen, welche
ich teils, wie sich eben die Aufforderung und Gelegenheit dazu fand,
teils in den dazu bestimmten Orten und Zeiten gab. Immer fand ich
eine rege Teilnahme unter einfachen Bürgern wie unter wissenschaft-
lich gebildeten Männern, Lehrern, Geistlichen und besonders bei den
städtischen Behörden. Des Rektor Lohses Schwester, welche im jüng-
sten Kursus meine Schülerin gewesen war, unterstützte mich, da sie, wie
es bestimmt war, in der gleichen Zeit ihren Bruder, den Rektor, be-
suchte. Endlich nach verschiedenen solchen teils gelegentlichen, teils
absichtlichen Mitteilungen und Spielvorführungen wohl mit nahe 80,
vielleicht mehr Kindern, auf dem dasigen Schießhausplatze wurde end-
lich am 16ten September zu einer Vorführung des Ganzen eingeladen.
Ich lege Ihnen diese Einladung, welche von Rektor Lohse ist, hier bei
( s. unten, Beilage A ).
Noch nie bei einer meiner Mitteilungen, die erste dieser Art in Dresden
abgerechnet, hatte sich eine so zahlreiche Zuhörerschaft und noch nie ein
Publikum aus solcher Entfernung eingefunden. Denn nicht nur aus den
benachbarten Orten und Städtchen, wie z. B. Neukirchen, Schöneck,
sondern auch aus dem noch entfernteren Oelsnitz waren Superintendent
und Lehrer eingetroffen, ja sogar mehrere Lehrer aus dem doppelt so weit
entfernten Plauen waren da. Und eine wirklich allgemeine Begeiste-
rung war das Ergebnis dieser Mitteilungen; nach fast jedem der benach-
barten Städtchen wurde ich zu Mitteilungen eingeladen, um dort auch
den Boden zur Aussaat für Kinderglück, Familienheil und Volkswohl
aufzulockern. So folgte ich einer solchen Einladung nach Neukirchen.
Ohne viel Zubereitung, wie sich eben die Gelegenheit fand, machte ich /
[46]
dort Mitteilungen, und gerade diese wirkten auch hier wieder wahrhaft
begeisternd, wie Sie vielleicht aus den Zeilen ersehen, welche mir bald
darauf ein Stadtrat schrieb: "Sie danken mir für meine warme Teil-
nahme an Ihrem Streben. Wohl, ich nehme diesen Dank zu unserer
beiderseitigen Ehre an, als Erkennungszeichen edlen Wirkens. Wollte
Gott, es gelänge mir, bald, baldigst auch dem hiesigen Orte einen Kinder-
garten beschert zu sehen! Ich werde das Meinige dafür tun und Ihnen
dann weitere Nachricht davon geben. Und wissen Sie, was den gestrigen,
hier verlebten Abend, der auch Ihnen eine so frohe Erinnerung gibt, so
würdig auszeichnet? Für meine Person nicht nur, wohl für alle streb-
samen Gegenwärtigen kann ich es bekennen, es war die Gewißheit der
Überzeugung, dass Ihr Streben ein volkstümliches, für alle
Klassen des Menschengeschlechts ausführbares ist
. Von
diesem allgemeinen Standpunkte aus reiche ich Ihnen gern den herz-
lichsten Händedruck meiner tätigen Teilnahme" usw. "Neukirchen, am
24. September 1846. Gottlieb Adolf Glier."
Für Adorf selbst würde das Ergebnis dieser Mitteilung sogleich die
Ausführung eines Kindergartens gewesen sein, wenn sich auch sogleich
eine Führerin, eine Gärtnerin für denselben gefunden hätte; allein Fräu-
lein Lohse war von ihren Brüdern zur Ausführung eines Kindergartens
in dem Wohnort des jüngsten Bruders - in Milau - bestimmt, wovon
nachher. Nach meiner Abreise soll eine weitere Mitteilung über mein
Wirken - wie ich aus Dresden höre - in dem Adorfer Wochenblatt
erschienen sein, welche mir aber nicht zu Gesicht gekommen ist, mir
aber doch Zeugnis gibt, daß die Sache dort noch fortlebt.
Unterm 8. November verflossenen Jahres schreibt mir der Bürger-
meister (und Landtagsabgeordnete) Todt : " Vom Stadtrate ist schon
vor mehreren Wochen der Beschluß gefaßt worden, mit einem Kinder-
garten für hiesige Stadt den Versuch zu machen und die Kosten dazu,
wenn die Stadtverordneten ihre Zustimmung dazu geben, aus der Stadt
kasse zu entnehmen. Da jedoch die Stadtverordneten schon seit langer
Zeit abgehalten wurden, Sitzung zu halten, so hat ein definitives Resultat
leider bis jetzt noch nicht erlangt werden können. ..Dazu kommt aber
auch noch, daß es immer wünschenswert ist, dem Publikum eine prak-
tische Anschauung von der Sache sofort zu verschaffen".
Da ich nun dazu keine Person vorschlagen konnte, so ist leider die /
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Ausführung eines Kindergartens in Adorf bis jetzt unterblieben, ich
hoffe aber, daß sie mit kommendem Frühling ins Leben treten wird,
weil an dem jetzigen Bildungskursus einige Jungfrauen mit schöner
Vorbildung und Liebe zu diesem Berufe Anteil nehmen, welche für ihre
einstige Wirksamkeit noch keine bestimmten Stellen haben. -
Der Herr Superintendent Zapff in Oelsnitz war es besonders, wel-
cher durch die zuletzt gedachte, ausführliche Mitteilung in Adorf ganz
für die Sache gewonnen war. Seinen warmen Sinn für die Sache wünschte
er nun bei mehreren seines Städtchens zu wecken, und so lud er mich so
herzlich als dringend ein, bei meiner Rückreise, welche über Oelsnitz
führte, bei ihm einzusprechen und geeigneten Ortes über den Gegenstand
einen Vortrag zu halten, was ich denn auch tat, nämlich, wie gewöhn-
lich, in einer doppelten Vorführung, einmal einer geordneten Mehrheit
von Spielen mit den Kindern selbst und dann einer Darstellung der Spiel-
mittel, ihres Wesens, ihrer Wirkung und ihres Zweckes. Die Teilnahme
war, wie in Adorf, eine warme, lebenvolle, und das nächste Ergebnis,
daß der Lehrer F. Schilbach sogleich die Anwendung an und mit
seinen Kindern, ihnen vielleicht noch einige andere zugesellend, be-
ginnen wollte und sich zu diesem Ende sogleich mit dem dazu nötigen
Apparat, d. i. den nötigen Spielmitteln und Schriften, versah. -
War nun die Teilnahme in den drei genannten Städten schon eine
lebenvolle gewesen, so war doch die, welche der Gegenstand in Plauen
- der Hauptstadt des Kreisdirektions-Distriktes "sächsisches Voigtland" -
fand, eine noch viel regere, eben weil natürlich hier ein größeres
Lehrerpersonal und ein größerer Kreis mehrseitig gebildeter Menschen
sich findet. Ich kann Ihnen darum auch gar nicht alle die Männer und
Familien nennen, welche sich ganz besonders bei der Sache beteiligten;
ich nenne bloß die Familie des Bürgermeisters Gottschalk , den
Advokaten und Landtagsabgeordneten Braun , den Direktor der Bürger-
schule Caspari, den Kantor Fink , einen ganz besonderen Kinder-
und Waisenfreund und wirklichen Vater derselben; Kaufmann Heinig ,
den Apotheker [Lücke], einen seltenen teilnehmenden und von der Sache
tief ergriffenen Mann, und ganz vor allem den Lehrer Rascher. Durch
die Vermittelung nicht nur dieser, sondern noch mehrerer anderer kam
bald eine Vorführung, besonders der Spiele in der Bürgerschule zu-
stande. Auch hier hatten sich Teilnehmende aus der Umgegend, sogar /
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einige Stunden entfernt, eingefunden. - Der Grund dieser regen und
allemeinen Teilnahme lag auch hier in einer, wenige Tage vorher in
einem Plauenschen Lokalblatte stattgefundenen Einführung in die Sache.
Diese Einführung stand in dem in Plauen bei August Wieprecht
herauskommenden "Wochenblatt für Mühltruff, Pausa, Elsterberg und
die Umgegend" und geht durch drei Nummern hindurch. Nr.40 vom
3. Oktober enthält: "Fröbel und sein System der Kindererziehung", erster
Artikel 4 1/4 Spalten; Nr. 41 vom 10. Oktober: "Fröbel" etc., zweiter
Artikel 6 Spalten mit dem Motto: "Lasset die Kindlein zu mir kommen"
usw.; Nr. 42 vom 17.Oktober: "Fröbel" etc., dritter Artikel 4 ½ Spalten.
Über die Quelle zu dieser Darstellung sagt der Verfasser: "Der Gewährs-
mann für unsere Darstellung ist der treffliche Geschichtsforscher Pro-
fessor Dr. Karl Hagen
in Heidelberg (siehe dessen "Zeitfragen",
2ter Band).
Bei dieser Gelegenheit will ich nur mit dem herzlichsten Dankgefühl
und aufrichtig dankendem Händedruck aussprechen, dass dieser Ihr Auf-
satz die Sache sehr gefördert hat; überall und ganz allgemein hat er
wegen seiner Ruhe, Klarheit und überzeugenden Kraft gar sehr gefallen.
Es ist mir dies mehrfach ausgesprochen worden. Ich habe mich gar sehr
gefreut, zu finden. wie weit Ihre Schriften, auch Weils konstitutio-
nelle Jahrbücher, auch in Norddeutschland herauf gelesen werden.
Doch nach diesen Dankesworten nach Plauen zurück! Unter den
vielen, welche sich hier durch warmes, kräftiges Wort und rege, förder-
liche Tat für die Ausführung der Sache bemühten, war und ist besonders
der schon genannte Lehrer an der Bürgerschule Herr Rascher. Nach
meiner Abreise von Plauen schreibt er mir hinsichtlich des Ergebnisses
seiner Tätigkeit unterm 3. November vorigen Jahres schon folgendes
nach Halle a. d. S. : "Der Entschluß, welchen ich Ihnen in Bezug auf die
Einführung eines Kindergartens in Plauen aussprach, so viel ich nämlich
mit meinen schwachen Kräften dazu beitragen kann, wird in Ausführung
kommen. Nachdem ich nun durch unsern gemeinsamen Freund, den
Rektor Lohse, vorläufig einigen Spielapparat empfangen habe und
mehrere Vorbereitungen getroffen, werde ich kommenden 6. November
die erste Aussaat und zwar nach drei Seiten hin beginnen. Der Herr
wird seinen Segen dazu geben, daß der gute Erfolg nicht ausbleiben
wird. Ich werde nämlich wöchentlich vier Stunden in der Bürgerschule /
[49]
mit 30 Kindern (die Anzahl wird sich noch vermehren), in der Be-
schäftigungsanstalt 2 Stunden mit 80 Kindern und im Waisenhause
wöchentlich 2-4 Stunden mit 20 Kindern mich beschäftigen und gewiß
eifrig bemüht sein, die Kleinen in das Heiligtum Ihres großen Strebens
und Wirkens einzuführen, und so einen kleinen Anfang machen zu
einem großen, umfangreichen, vielleicht sämtliche Pflanzen Plauens
umfassenden Kindergarten, gegründet und geschützt von großen, mäch-
tigen und einflußreichen Personen. ,Klein anfangen und groß auf-
gehört, ruhig, stetig und gewiß!’ ist in allem, also auch hier in diesem
heilbringenden Werke mein Wahlspruch. Herr Kantor Fink läßt hoffent-
lich die Angelegenheit mit Fräulein R. auch nicht fallen". Ich teile
Ihnen, teurer Freund, diesen Brief so ausführlich mit, damit Sie auch
die Männer ganz kennen lernen, welche für die Sache arbeiten und
wie sie tätig sind.
Sie sehen, ich habe mich mit meinem Vertrauen in das kräftige Voigt-
land und Plauen nicht getäuscht. Möchte doch ebenso auch recht bald
mein hohes Vertrauen in Heidelberg und in die dortigen Männer des
Fortschritts eines solchen Erfolges sich zu erfreuen haben! Doch wir
sind ja noch im Voigtlande! Um Ihnen nun ein lebendiges Bild der
sich dort aussprechenden regen Teilnahme zu geben, will ich Ihnen
doch auch nachträglich den Brief des Herrn Superintendenten Zapff in
Oelsnitz noch mitteilen, worin er mich zu einem Vortrag in Oelsnitz
aufforderte: "Es wird mir recht lieb sein, wenn Ihre Zeit es Ihnen ge-
stattet, bei Ihrer Durchreise durch Oelsnitz auch hier in einer öffent-
lichen Gesellschaft einigen Samen der heiligen Idee, welcher Sie Ihr
Leben gewidmet haben und von der Ihre ganze Seele erfüllt ist, zur
künftigen Reife auszustreuen. Da meine Herrn Lehrer und ich schon
in Adorf Ihre aufmerksamen Zuhörer gewesen, so verspreche ich Ihnen,
daß Ihr Wort an uns nicht vergebens ergangen sein soll!"
Die teilnehmenden Freunde in Plauen wünschten nun gar sehr, daß
ich auch nach Reichenbach gehen und dort einen Vortrag halten
möchte, weil auch dort für die Sache sehr empfängliche Männer seien,
deren einer der Oberlehrer Weinhold sei. Da Reichenbach auf meinem
Wege lag, so erfüllte ich gern der Freunde Wunsch. - Durch die Vor-
führung in der dasigen Schule mit einer großen Anzahl von Kindern
am Nachmittage, wobei sich wie am Abend bei Erläuterung der Spiel- /
[50]
mittel selbst auch ein namhaftes Publikum Erwachsener einfand, wurde
Herr Weinhold bestimmt, sogleich mit seinen im entsprechenden
Alter sich befindenden Kindern einen Anfang der Ausführung zu machen
und zur weiteren Verbreitung nach und nach einige Freundeskinder
hinzuzunehmen. Gar sehr gern wäre ein mehrseitig dafür begabtes Mäd-
chen, die Tochter eines Dr. med., als Schülerin in meinen jetzigen Bil-
dungskursus eingetreten, um sich für diese Kinderführungs- und Be-
schäftigungsweise auszubilden, wenn es deren pekuniäre Mittel erlaubt
hätten. Doch ist zunächst schon viel gewonnen, wenn der Sinn für solche
Kinderpflege nur mehrfach in den Gemütern der Jungfrauen angeregt
wird.
Ganz dicht bei Reichenbach liegt das Städtchen Milau , wo der
Ihnen bekannte junge Lohse Lehrer und jüngst Kantor geworden ist.
Er hat besonders den Zweck, mit seiner Schwester, die jetzt bei ihm lebt
und mit welcher er an dem vorigen Bildungskursus zugleich in dieser
Absicht Anteil nahm, einen Kindergarten in Milau auszuführen. Er er-
suchte mich nun, weil ich so nahe sei, durch Spielvorführung und Sach-
mitteilung den Gegenstand auch dort einzuführen, was ich gern tat, er-
steres wie gewöhnlich nachmittags und das zweite unmittelbar am darauf
folgenden Abend. Unter den daran Teilnehmenden wurde ganz be-
sonders der Pastor des Ortes, Herr Heubner (Glied einer im Voigt-
lande wegen ihres allgemeinen Sinnes und Strebens auch allgemein hoch-
geachteten Familie) und der Kaufmann und Landtagsreputierte Metz-
ner oder Metzler für die Sache gewonnen, und wie ich höre, soll sie
in gutem Fortgange sein. -
Fast von allen Seiten aufgefordert, doch ja an dem lebensregen
Zwickau nicht vorbeizugehen, nahm ich, obgleich dies ein wenig aus
dem Wege lag, meine Rückreise über Zwickau. Mit vielen freundlichen
Briefen von Adorf, Oelsnitz, Plauen und Milau versehen und besonders
aus dem erstgenannten Orte mit einem Briefe vom Bürgermeister Todt
an seinen Schwager, den Direktor der Bürgerschule, ich glaube Möckel,
kam ich in Zwickau an. So eingeführt, kamen auch bald in dem schönen
Saale des stattlichen Bürgerschulgebäudes die gewöhnlichen Spiele und
fast fixierten Mitteilungen zustande, beide vor einem sehr gewählten und
namhaften Auditorium. Genannter Herr Direktor Möckel und der
Stadtrat Oberländer (Landtagsabgeordneter) waren es ganz beson- /
[51]
ders, welche dem Gegenstande von Anfang bis zu Ende ihre ungeteilte,
wirklich gespannte Aufmerksamkeit bis ins Kleinste und Prüfendste hin
schenkten. Der Herr Direktor M. sagte mir: "Offen will ich es Ihnen
gestehen, wir haben viel erwartet, aber es freut uns, wir haben doch
noch mehr gefunden und erhalten, und seien Sie versichert, es wird nun
nicht locker gelassen, bis auch Zwickau seinen Kindergarten besitzt. Schade,
daß eben unser Herr Bürgermeister krank ist", sagte der Herr Direk-
tor Möckel zu mir, "sonst würde die Sache durch ihn sogleich mäch-
tigen Vorschub gewinnen". Auch der Herr Archidiakonus Heubner,
der Bruder des Herrn Pfarrers in Milau, nahm sich der Sache sehr an.
Unter mehreren Städten Sachsens, wohin man wünschte, daß ich noch
klare Mitteilung über das Wesen der Kindergärten bringen möchte,
wählte ich die gerade auf meinem Rückwege liegende Fürstlich-Schön-
burgische Stadt Glauchau,wohin mich ebenfalls mehrere freundliche
Briefe, z.B. an den Herrn Bürgermeister, an den Kaufmann und Land-
tagsabgeordneten Ziegler und an den Direktor der Schule begleiteten.
Wie ich für den Gegenstand willige Ohren und Herzen fand, so auch
einen ernsten beachtenden Sinn. Und mit Bestimmtheit wurde der Ge-
danke festgehalten, beim Ankauf eines Grundstückes zur Erbauung eines
neuen Schulgebäudes, welches in diesem Jahre ausgeführt werden soll,
mit Hof-, Garten- und Spielraum wie mit den anderen Lokalitäten auf
die Ausführung eines Kindergartens Rücksicht zu nehmen.
Auch hier fanden die schon mehrmals erwähnten zwei Vorführungen,
die einzelner Spiele mit den Kindern selbst und später die des Spiel-
ganzen usw. statt.
Dies der ausgestreute Same zu einer zeitgemäßen, entwickelnd er-
ziehenden Kinderpflege, von dessen weiterem Keimen, Wachsen, Blühen
und Früchten nun Kunde zu geben der Folgezeit überlassen bleibt. Im
Keimen, ja im Wachstum befindet sich schon die Aussaat in Anna-
burg, Quetz und Plauen. Ich hoffe, Ihnen jedoch, teurer Freund,
im Laufe dieses Jahres von den anderen Städten noch das Gleiche zu
berichten.
Ich eilte nun nach Keilhau zurück, um den mehrfach angekündigten
Bildungskursus für Kindergärtner und Kindergärtnerinnen zu beginnen.
Von Halle aus begleitete mich zur weiteren Teilnahme daran Fräulein
Amalie Krüger wieder nach Keilhau. In Halle schloß sich an uns /
[52]
noch ein junger Schulamtskandidat aus Torgau an, um sich gleichfalls in
diesem bevorstehenden Kursus für diese Wirksamkeit auszubilden, mit
Namen Seiffert.
Am 8. November kamen wir gemeinsam in Keilhau an, und gleich in
den nächstenTage darauf begann der neue Bildungs- und Lehrkursus.
Die Teilnehmer an diesem Bildungskursus nun sind, außer den beiden
soeben genannten, Frl. A. Krüger und Herrn Seiffert, noch Fräu-
lein Auguste Steiner vom Thüringer Walde, Fräulein Auguste
Michaelis
aus Gotha, ein junges Landmädchen aus der Nähe [Friederike Breternitz], eine
junge Schullehrer- Witwe [Amalie Gerber] aus Hildburghausen und Fräulein Amalie
Beatus
aus Köstritz, also im ganzen sieben Personen. Wie sie nun alle
viel Lust und Freude zu dem Berufe zeigen, welchen sie sämtlich aus
Neigung und Liebe zu den Kindern gewählt haben, so machen sie
auch alle nach Maßgabe ihrer eigentümlichen, persönlichen Anlagen
gute Fortschritte. Und ich hoffe von ihrer aller einstigen Wirksamkeit
denselben Segen, welchen jetzt schon die einiger Kindergärtnerinnen
bringt. -
Jetzt trat nun die Festzeit und mit dieser für mich eine kleine Frei-
zeit von den Tagen vor Weihnachten bis zu denen nach dem Neujahr
ein. Aber auch diese sollte für mich nicht ohne unmittelbare Tätigkeit
für die weitere Anerkenntnis und Verbreitung des Gegenstandes vor-
übergehen. Deshalb folgte ich einer Einladung zu einer Familie aufs
Land, zu der Familie des Salinen-Ispektors Glenk nach Heinrichshall,
in welcher schon seit einem Jahre die Spiele und Spielweisen durch den
sehr wackern Hauslehrer, den Herrn Kandidat Härter, heimisch
waren. Es wurde dort mehreres zur Förderung der Spiele in jener Ge-
gend besprochen, wie denn Herr Härter sehr zur Fortbildung der
Sache lebt.-
Doch galt die Reise ganz besonders Altenburg und dort nament-
lich dem Schulkollaborator Lützelberger, welcher, selbst glücklicher
Gatte und Vater einer zarten Kinderdrei, ein Pfleger dieser Kinderfüh-
rungsweise ist und deshalb unsere persönliche Zusammenkunft wünschte.
Und so waren denn auch wirklich die wenigen Tage unseres Zusammen-
seins die Grundlage einer weiteren, tief begründeten Fortentwickelung
und Verallgemeinerung der Sache der Kindheit. Bestimmte Pläne waren
es, welche er in dieser Hinsicht verfolgte. /
[53]
Im Beginne dieser Festzeit zog auch abermals eine Jungfrau von uns
fort, welche als Gärtnerin an dem neugegründeten Kindergarten zu
Lünen in der Grafschaft Mark, preußische Provinz Westfalen, einen
Wirkungskreis erhalten sollte. Dieser Kindergarten sollte anfangs des
neuen Jahres eröffnet werden und wurde es wirklich am 12. Januar,
also als gutes Zeichen an Pestalozzis Geburtstage. Ich habe mir erlaubt,
in Auszügen aus Briefen, welche teils sie selbst, teils eine Mutter von
drei Kindern, die den Kindergarten besuchen, über diesen und die Wirk-
samkeit des Fräulein Marie Christ, so heißt die Führerin, ge-
schrieben hat, hier beizulegen, damit Sie ein klares und lebendiges Bild
von ihrer Tätigkeit erhalten mögen (Beilage B). Marie Christ ist
eine Schülerin aus dem vorigen Kursus und lebte zur Aneignung von
Ausführungsfertigkeit einige Zeit als freitätige Gehilfin am Kindergarten
zu Gotha. Auch einen Auszug aus den Statuten, wie den Vertrag, lege ich
bei (Beilage C).
Das Jahr 1847 hat sonach für die Verbreitung der Kindergärten gün-
stig begonnen: möge in dieser Art dessen Fortgang und Ende sein.
Hierzu gibt nun besonders das benachbarte Meiningische Land und
vorzüglich das Hildburghausische bestimmte Hoffnung. Der Doktor
und Oberkonsistorialrat Nonne, der Herausgeber der Dorfzeitung, wie
der Schulrat und Landesschulinspektor Dr. Peter sind der Sache sehr
zugetan. Ersterer hat einem jungen, so einsichtsvollen als strebsamen
Schulmann, welcher jüngst die hiesige Bildungsanstalt für Kinderpflege
prüfend besuchte, aufgegeben, deshalb einen Reisebericht an das Herzog-
liche Konsistorium einzusenden. Der zweite hat ausgesprochen, daß
in drei Meiningischen oder vielmehr Hildburghäusischen Städtchen -
Sonneberg, Heldburg, Römhild - Kindergärten ausgeführt
werden sollten. Der junge Schullehrer wird die Sache sowohl bei ein-
zelnen Ephorie-Schullehrer-Konferenzen wie bei der allgemeinen Schul-
lehrer-Konferenz des Landes zur Sprache bringen. Aber auch in Hild-
burghausen selbst hat die Sache guten Fortgang. So schreibt mir der
Stadtdiakon Wölfing, einer aus dem Vorstande bei dem dasigen
Frauenvereine: "Auch unter uns wird in Ihrem Sinne und nach Ihrem
Vorbilde fortgewirkt, und unsere Anstalt gedeiht mit jedem Jahre mehr
(sieheDorfzeitung). Unsere Führerin Amalie Henne gibt sich viele
Mühe und hat auch in diesem Jahre wieder gute Früchte ihres Fleißes /
[54]
eingeerntet. Ich hoffe, daß bei Gelegenheit des Regierungsjubiläums un-
seres Herzogs einige neue Kindergärten in unserem Lande entstehen
werden“ .
Auch in öffentlichen Blättern, außer den schon genannten, und in
kleinen Schriften, auch in einem größeren Werkchen ist der Gegenstand
wieder mehrfach behandelt worden. So z. B. in der Sächsischen Schul-
zeitung Nr. 27, Juli 1846, wurde der Bestrebungen gelegentlich in dem
Aufsatze: "II. Über Reform des Schulwesens" S. 315, 317, 318 und
319 gedacht. Weiter hat ein gewisser Leidesdorf in Berlin, welcher
1845 einige Wochen hier lebte und sich sehr ernstlich und prüfend mit
den Grundsätzen, den Mitteln und Wegen meiner Kinderführungsweise
bekannt machte, jüngst ein Schriftchen unter dem Titel: "Betrachtungen
und Vorschläge zur Förderung der sittlichen Erziehung und Tugend, so
wie der sozialen Verhältnisse“ geschrieben. In der zweiten Abteilung
des Schriftchens " Vorschläge" usw. kommt der Verfasser nun besonders
auf meine Ansicht von der Erziehung überhaupt, wie von der früheren
insbesondere zu sprechen. S. 62-65 unter der Überschrift: ,,4. Be-
schäftigung der Kinder". S. 65-74: "A. Fröbels Grundideen der Er-
ziehung". Wie der Verfasser selbst sagt: teils aus meinen Schriften, teils
aus mündlichen und teils aus brieflichen Mitteilungenzusammengestellt.
S. 74-84 : "B. Eine kurze Darstellung der Fröbelschen Klein-Kinder-
spiele". Hier sucht der Verfasser Dr. Curtmanns teils hämische, teils
irrige Behauptungen über meine Bestrebungen zu berichtigen. Wichtiger
jedoch als alles dies ist mir die Einführung der Kindergärten in das
Volk, in den Kern desselben durch unsern Berthold Auerbach,
in dessen diesjährigem Gevattersmann. Ich gestehe offen, ich war recht
freudig überrascht, ganz unerwartet unter der Überschrift: "Deutscher
Briefsteller" und unter den Mitteilungen über die Fortschritte in Dorf
und Gemeinde S. 76- 77 des Volksbuches, 3te Auflage, auch die Kinder-
gärten als einen solchen Fortschritt vorgeführt zu sehen. Zu wahrhaft
warmem, herzlichem Dank fühle ich mich dadurch gegen den Verfasser
verpflichtet, ob man gleich nie die Förderung einer Idee persönlich
nehmen sollte. Allein sie wird ja doch eigentlich nur durch Personen
wie getragen und gefördert so ausgeführt und gestaltet. Ob ich nun
gleich nicht zweifle, daß Sie die Stelle, in welcher auf eine so einfache
als warme Weise die Kindergärten in das Volk eingeführt und in ihrer /
[55]
"unsäglichen Wohltätigkeit" hingestellt sind, schon im Volksbuche selbst
gelesen haben, so lege ich selbige um der Vollständigkeit willen hier doch
in einem Abdruck bei, welcher in dem Thüringer Vaterlandsfreunde er-
schienen ist (Beilage D).
Anderer kleineren Erwähnungen des Gegenstandes in dem Allgemeinen
Anzeiger der Deutschen, der Dorfzeitung; der Didaskalia und der Darm-
städtischen Zimmermannschen Schulzeitung, in [sc.: ich] glaube in der Nummer
vom 26. September vorigen Jahres, gar nicht zu erwähnen. Doch war
diese letztere besonders einfach und, irre ich nicht, sich bloß auf Tat-
sachen stützend.
In der Sächsischen Schulzeitung soll auch ein entgegnender Aufsatz
von einem gewissen Loof erschienen sein, mir ist er aber nicht zu
Gesicht gekommen. Ebenso sollte nach Gräfes in Cassel mündlicher
Äußerung in seiner pädagogischen Zeitung im verflossenen Jahre auch
wieder ein entgegnender Aufsatz erscheinen; ob es aber geschehen ist,
weiß ich nicht. Da nur die Wirkungen der Sache selbst als unleugbare,
feststehende Tatsachen für dieselbe sprechen können, so lasse ich mich
besonders mit so schief sehenden Menschen, wie Curtmann und
Gräfe, gar nicht in Wortstreit ein; die Wahrheit in ihrer tatsächlichen
Wirksamkeit wird siegen, und ihr Sieg wird Heil, Segen und alles Gute
dem Volke bringen. Auch ein Herr Johannes Ramsauer ("Buch
der Mütter", Elberfeld und Mörs, Verlag der Rheinischen Schulbuch-
handlung 1846, 304 S. auch unter dem Titel: "Die Liebe in Unter-
richt und Erziehung" usw., mit 27 Tafeln in Steindruck) erscheint
unter den Gegnern; S. 19 sagt er als Entgegnung gegen mein Streben:
"Da veränderungsfähige Spielsachen besser sind als die nur einer ein-
zigen Gestaltung fähigen, so werden die Spiele, welche der Pädagog
Fröbel empfiehlt und die er an mehreren deutschen Höfen vorzeigt
und mit Kindern damit gespielt hat, nie recht in der Kinderwelt hei-
misch werden und den Nutzen und die Unterhaltung gewähren, die
Fröbel sich davon verspricht, so sinn- und lehrreich diese auch an
und für sich sind".
Was sagen Sie zu einer solchen Wendung und dem darin liegenden
Widerspruch? Spricht das wahrhaft Sinnreiche nicht die Kinder an?
Fühlen sie sich nicht dadurch wie mit magnetischer Kraft angezogen? Be-
weisen meine Spiele dies nicht bei all denen Kindern, welche nur dies /
[56]
Sinnreiche derselben empfunden haben? Ja, beweisen sie es nicht bei
allen Kindern fast augenblicklich, weil eben die Kinder Sinn, reichen
Sinn für das Sinnreiche haben? Und dann: wo gibt es veränderungs-
fähigere und der Phantasie ( der Innenbildungskraft und Fähigkeit, aus
dem Innern herauszubilden) des Kindes mehr Freitätigkeit, eigentlich
wahren Spielraum gebende Spiele als eben die meinen? Selbst den so
einförmig erscheinenden Würfel nicht ausgenommen, welcher in der
Hand des Kindes ruhend oder beweglich, an der Schnur oder an dem
Stäbchen ein wahres Kaleidoskop wird. Bald ist er ein Altar, bald ein
Ambos, eine Kiste verschlossen, ein Warenballen, ein viereckiger Kübel
für einen Orangenbaum, bald ein Haus, dann wieder ein Wagen, ein
Schlitten, eine Egge, ein Pflug, erscheint gedreht als Körbchen, Mühlrad,
Walze usw., ein Grenzstein, ein Grundstein, eine Schaukel, ein Hack-
klotz und noch 20 andere Sachen mehr, alle aus der Phantasie des
Kindes hervorgegangen, es unterhaltend, mit Freude erfüllend wie ge-
legentlich, gleichsam zufällig, belehrend. Der vielen Hunderte von Dar-
stellungen mit der 3ten und 4ten Gabe und des Phantasiereichtums der-
selben gar nicht zu gedenken. Bauernkinder, in die Schule und noch
nicht in die Schule gehend, kommen zu allen Tageszeiten zu mir und
bitten sich Würfelkästchen aus, um damit auf Stühlen meines Zimmers
(stehend) damit zu spielen, ob sie gleich herumlaufen könnten, wie sie
wollten, oder zu Hause sich untätig in die Ecke oder an den Ofen setzen
könnten. In dem Pfarrdorfe Eichfeld, wohin ich doch, wie gesagt, alle
Wochen einige Male gehe, um mit den Kindern mit Würfeln, Klötzchen
oder sonst einfach zu spielen, hat der Schullehrer bemerkt, daß an diesen
Tagen, ob sie nun gleich eine Stunde länger und mehr in der Schule
bleiben müssen, auch nun an einer geregelten Tätigkeit festhalten müssen,
daß da gerade die Kinder am wenigsten die Schule versäumen usw. Siehe
da die Fröbelschen Kinderspiele recht im Leben und Bedürfnis der
Kinder heimisch!
Doch hören wir Herrn Ramsauer weiter: "Diese Spiele sind näm-
lich Kugel, Würfel, Ringe“. Warum bricht der Verfasser die Reihe der
Spielmittel gerade da ab, wo sie am reichsten, ich will aber keineswegs
hervorheben, anziehender werden? „Unter diesen aber kann sich das
Kind nicht leicht etwas anderes denken, als was sie wirklich sind und
kann sie auch nicht sehr verschieden zusammensetzen. Beim Spielen /
[57]
nicht absichtlich belehren und das Lernen nicht spielend treiben, muß
stets einHaupt grundsatz bleiben. - Ganz unpädagogisch und eine Sünde,
die man an der Jugend begeht, ist es, wenn man kleine, noch nicht schul-
fähige Kinder so, wie Fröbel es will, bei diesen Spielen förmlich unter-
richten will: da hört alles Natürliche und Freie auf“. Wo will denn dies
aber Fröbel? Er will nur, daß das Kind wahrhaft gemüt- und sinn-
voll, also nicht stumpf- und dumpfsinnig oder gar gedankenlos spielen
soll: es soll menschlich fühlen und wissen, daß und was es spielt. Haben
Sie nun Gelegenheit, so bitte ich Sie mit diesen Vorwürfen, welche der
Verfasser mir macht und gleichsam in die Tasche schiebt, das zu ver-
gleichen, was und wie er es in seinem Buche gibt (Beilage E).
Auch in der Schweiz wird noch die Sache der Kindergärten wacker
vertreten. Der diesem Gegenstande ganz gewidmeten kleinen Schrift:
"Christliche Kindergärten" vom deutschen Pfarrer des Münstertales im
Kanton Bern, Rudolf Stooß, Bern 1845 bei Chr. Fischer, habe
ich gewiß schon in meinen jüngeren Mitteilungen an Sie erwähnt. Der-
selbe hat nun im November verflossenen Jahres in Nr. 48 und 49 der
Berner Schulzeitung vom 27. November und 4. Dezember wieder einen
Aufsatz für die Sache abdrucken lassen, wie er denn dafür zu wirken
sucht, wie und wo er nur kann. Er hat deshalb selbst ganz erfassende
Vorschläge unmittelbar an den Erziehungsrat getan: ob er zu einem Ziele
kommen wird, muß die Zukunft zeigen. Genug, es wird in der Sache
und für dieselbe gewirkt. Zwei Briefe vom Herrn Pfarrer Stooß liegen
vor mir, welche mir seine stetige Wirksamkeit für die Sache beweisen:
der erste vom 13. September, der zweite vom 6. Dez. vorigen Jahres.
Daß außer in der Schweiz auch in Ungarn und namentlich in Pest
durch den Direktor Dr. Teichengräber die Sache ihre warmen
Vertreter hat, habe ich Ihnen wohl schon in meinem jüngsten Briefe ge-
meldet.
Auch aus Triest fordert eine Buchhandlung sämtliche Spiele mit
dem Beisatze, daß sie mit großer Zuversicht in Zukunft auf einen grö-
ßeren Absatz der Spielmittel rechnen usw. So haben sich auch bei der
Durchreise des Herrn Lohse durch Heidelberg besonders zwei Stud.
theol. aus Triest, welche er zufällig, ich weiß nicht wo, getroffen, und,
ich weiß nicht wie, auf diesen Gesprächsgegenstand gebracht hat, gar
sehr und warm für die Sache geäußert, und einer von beiden hat sogar /
[58]
den Entschluß ausgesprochen, Keilhau - um sich genauer von der Sache
zu unterrichten - im Laufe dieses Sommers zu besuchen.
Ehe ich diese Mitteilungen aus nahe und fern schließe, muß ich doch
noch eines Briefes und einer Mitteilung über die Fortwirkung eines im
Februar 1845 ergangenen Aufrufes zur Bildung von Erziehungs-
vereinen
(vgl. Beilage F), welcher Ihnen vielleicht noch erinnerlich
ist, gedenken, deren ich mich in Dresden erfreue. Ein ohnlängst aus
Dresden hier eingegangener Brief sagt wörtlich darüber folgendes: "Wir
haben jetzt endlich hier auch einen Erziehungsverein bleibend ins
Leben gerufen. Fröbel wird Dir erzählt haben, daß er schon bei
seinem Hiersein in der letzten Osterzeit sich sehr dafür bemühete. Ich
habe auch nach seiner Abreise diese Bemühung fortgesetzt, habe die damals
gewonnenen Mitglieder regelmäßig zu mir eingeladen, und wir haben uns
über das Nötige besprochen und namentlich ein Grundgesetz, welches
ich vorher entworfen hatte. Dann kam aber der Sommer dazwischen,
und so wurde die Versammlung bis zum Winter ausgesetzt. Kurz, die
Sache ruhete. Jetzt im November lese ich in dem hiesigen Anzeiger eine
Einladung zu einer Gesellschaft, um die Idee eines "Erziehungsvereins"
zu besprechen. Dort hielt ein Dr. Munde einen Vortrag, worin er einen
Plan zu einem Erziehungsvereine mitteilte. Da derselbe sehr vernünftig
war, so schlossen sich alsbald 38 Mitglieder zu einem solchen Vereine zu-
sammen. Dazu sind seit jener Zeit mehrere Frauen und noch andere ge-
kommen, so daß der Verein jetzt 50 Glieder zählt. Die Gesellschaft
hat ihre Gesetze beraten und angenommen, wie sie Munde entworfen
hatte, und sich einen Vorstand und Vereinsrat gewählt. Wir haben uns
darüber geeinigt, daß Munde zuerst von den Mängeln und Fehlern
unserer Erziehung spricht, und dann andere, wie es besser zu machen
sei. Als dies geschah, wurde nun auch das Bedürfnis ausgesprochen, die
Kinder auch außer der Schulzeit zweckmäßig zu beschäftigen. Ich habe
den Garten unseres "Kindergartens" dazu angeboten, welches Anerbieten
dankbar angenommen wurde. Mit dem Eintritte des Frühlings nun
werden die Kinder, unter mehrerer Eltern Aufsicht, in unserem Lokale
spielen und sich beschäftigen. Ich freue mich über diese Erweite-
rung
des Kindergartens. In der Sächsischen Schulzeitung war schon
eine anerkennende Mitteilung über den Verein und eine Aufforderung,
auch an anderen Orten für Ausführung von Erziehungsvereinen zu /
[59]
wirken" usw. Soweit der Brief. Sie sehen aus dieser Mitteilung, teurer
Freund, welche Zeit es kostet, ehe eine, selbst bei ihrem ersten Aus-
sprechen als wahr und in ihrer Ausführung als segensreich erkannte Idee
und ein solcher Gedanke, selbst in einem Wohnorte der Intelligenz, in
Anwendung und ins Leben tritt, die Idee allgemeiner deutscher
Erziehungsvereine
, wozu ich den ersten Aufruf zuerst in der
Didaskalia, ich glaube in Nr. 45 (oder 54) im Februar 1845 abdrucken
ließ, welcher dann auch noch in mehreren andern Blättern, z. B. dem
Allgemeinen Anzeiger der Deutschen usw., erschien. Die Idee, der
Gedanke dieses Vereines in echt deutschem Sinne und Streben, wurde
1844 während meiner Reise und während meines Aufenthaltes an den
drei deutschen Flüssen Neckar, Main und Rhein geboren. Ich erkannte
dort die unerläßliche Notwendigkeit solcher Einrichtungen, sah, daß ohne
solche Vereine, ohne das vielseitige Inslebentreten derselben schlechter-
dings nichts Ersprießliches, Durchgreifendes und Genügendes für deutsche,
echt deutsche Erziehung zu tun sei, und bis zu diesem Augenblick be-
währt sich dies, bewährt sich in solch einer intelligenten Stadt wie
Dresden. Und auf welch eine wirklich niedrige Weise hat Gräfe in
seiner pädagogischen Zeitung meinen Gedanken und Aufruf zur Bildung
von Erziehungsvereinen behandelt! Dennoch bis auf die Dörfchen unseres
Pfarrspieles hat sich das Wohltätige dieser Erziehungsvereine bestätigt ;
ohne einen solchen in unserer Pfarrgemeinde hätte ich keinen schönen
Spielplatz nächst unserer Schule im Pfarr- oder Mutterdorfe, hätte bei
derselben keine kleine Turnanstalt, hätte keine Spiel- und Beschäftigungs-
stunden selbst mit den Kindern der Schule nach zweimaliger Beendigung
der Schulen mittwochs und sonnabends, - hätte, was mir das Wich-
tigste von allem ist, keinen Garten mit nahe hundert Beetchen für jedes
meiner Schulkinder! O! diesen echten Garten der Kinder, von Kindern
besäet, bepflanzt, gepflegt; diesen hätten Sie noch im Herbste in seiner
Schönheit sehen sollen! (S. Allgem. Anzeiger der Deutschen, Nr. 176,
1846, Beilage G.) Und welche pflegende und verschönernde Tätigkeit
während des Sommers, welch einträchtiges, friedliches Zusammenwirken!
Sehen Sie da, hochgeschätzter Freund, die Wirkung eines Erziehungs-
vereins! O! Sie müssen durch Ihre so viel wie gern gelesenen und darum
gewiß ins Leben vielseitig eingreifenden Schriften für deren möglichste
Verbreitung und Erfolg, letzteren ganz besonders durch ordentliche Teil- /
[60]
nahme der Frauen und der Mütter an denselben wirken! Bedenken Sie
nur zu Ihrer Aufmunterung, wieviel Ihr doppelt abgedruckter Aufsatz:
„Über nationale Erziehung" für die Verbreitung der Idee entwickelnder
Betätigung und so Erziehung der Kinder gewirkt hat! Wie oft ist dieser
Ihr Aufsatz benutzt und ausgeschrieben worden, so z. B. auch im Leip-
ziger Repertorium. Sie müssen recht bald in einer Fortsetzung dieses
Aufsatzes durch eine eingreifende Darlegung des Wesens und der Wir-
kung allgemein deutscher Erziehungsvereine den Grund und Boden für
Ausführung echt nationaler, durch entsprechende Betätigung entwickeln-
der Erziehung legen!
In dem Vorstehenden habe ich mich bemüht, Ihnen den Stand der
äußeren Entwickelung, Ausbildung und Ausführung des Gedankens, so-
weit mir solche selbst bekannt geworden ist, wenigstens im wesentlichen
darzulegen. Eben aber sehe ich, daß ich Süddeutschland noch gar nicht
erwähnt habe. Hier hätte ich nun ganz vor allem Darmstadt nament-
lich hervorheben sollen, wo als Privatanwendung die Idee und der Ge-
danke entwickelnder Erziehung durch entsprechende, frühe Kinder-
betätigung immer tiefere Wurzel faßt. So ganz neuerlich wieder durch
die jüngst ausgeführte Kinderpflegeanstalt eines gewissen W. Schwal-
bach
. Doch dies ist Ihnen ja näher als mir, und vielleicht hat Ihnen
Herr von Leonhardi darüber Mitteilungen gemacht. So hat auch die
Anstalt der Madame Bruère, wo Henriette Ackermann, auch
eine Schülerin von mir, Gehilfin ist, guten Fortgang. Nicht nur Madame
Bruère ist mit den Leistungen der Henriette Ackermann sehr zu-
frieden, sondern sie wirkt auch wieder lehrend und mitteilend nach
außen; so unterrichtet sich z. B. die Erzieherin des Herrn Schwal-
bach
bei derselben in entsprechender Kinderbetätigung. Die Wirksam-
keit der früher schon so oft erwähnten Ida See1e , Kinderführerin an
der Kleinkinderschule daselbst, ist nach dem sprechend Vorliegenden
ausgezeichnet. Und dennoch, dennoch keine allgemeine Anwendung der
Sache bei der öffentlichen Erziehung! Alles dies ist nur vereinzelt
stehende Privatsache! Die Menschen scheinen gar keinen in sich einigen
Gedanken, gar keine in sich selbst ruhende Idee erfassen und sie in ihrer
Mannigfaltigkeit entfalten zu können. Wie notwendig wäre da ein Er-
ziehungsverein und wie wirksam könnte er da sein, wenn er die Idee
nationaler Erziehung erfaßte und durchführte! Die Kindergärten in /
[61]
Frankfurt a. M. und Homburg auf der Höhe haben auch ihren bekannten
Fortgang.
Doch nun endlich nach dieser abermaligen Ablenkung von der Dar-
legung der Idee und der Ausführung des Gedankens im Äußeren zu
dem Nachweis der inneren Fortbildung der Idee, der inneren Aus-
bildung des Gedankens selbst.
Wie so gar sehr wünschte ich, daß ich Ihnen davon wieder einmal
persönlich und mündlich eine Darlegung geben könnte! Täglich ent-
wickelt sich das Ganze steigend in immer größerer Einfachheit, Einig-
keit und Stetigkeit, in immer größerer wirklicher Allumfassendheit und
Allgenugsamkeit, ja, ich darf dies ohne die mindeste Überhebung aus-
sprechen, täglich zeigt sich immer unbeschränktere, allgemeine Anwend-
barkeit für jedes Lebensverhältnis, jede Bildungsstufe und jedes Be-
dürfnis. Der Bildungsstoff wird immer, dem Geldbetrage nach, ein ge-
ringerer, während er in Hinsicht seiner entwickelnd erziehenden Wirk-
samkeit und Bedeutung ein gleich geistiger bleibt, ja ich möchte sagen,
in dem Maße noch mehr wird, als der pekuniäre Wert des Spielmaterials
geringer wird. Fast wertloses Papier und wenig kostende Holzstäbchen
können wie Strohhalme die ersten und gründlichst entwickelnd-erziehen-
den Bildungsmittel werden, durch alles, was Geist und Gemüt leicht an
ihnen und durch sie darstellen, wie Geist und Gemüt das so Dargestellte
erfassen und in dem Äußern das Innere, in dem Besondern das All-
gemeine, in dem Vergänglichen das ewig Bleibende, in dem scheinbar
augenblicklich wieder Vernichteten doch das unvergänglich Lebende an-
schauen, ja sich aneignen kann. Überdies, und dies ist als Waffe gegen
Armut von unberechenbarer Wichtigkeit, lernt man dem geringsten
Stoff den höchsten geistigen Wert zu geben, nicht durch äußere Politur
und Glanz, also nicht durch Schein, sondern durch innere Bedeutung
und das Sein. Dies setzt den schaffenden menschlichen Geist wieder
in seine Rechte ein und macht ihn fähig, allseitig das leibliche Be-
stehen menschlich zu sichern, menschlich so zu sichern, daß er auch
seines Wesens froh werden kann.
Was helfen mir aber alle die Worte hier auf weiß mit schwarz, welche
doch nur bedeutungslos als vereinzelte Wörter dastehen, indem ich
Ihnen nicht zugleich die lebenvolle Sachanschauung, die ihr Wurzel-
boden sind, hinzufügen, bei- und mitgeben kann? /
[62]
Ja, hochgeschätzter Freund, ich habe den Gedanken, in welchem die
Idee entwickelnd-erziehender Kinderbetätigung ruht, jetzt durch alle
Stufen in allen Richtungen der menschlichen Tätigkeit und Bestrebungen,
eigentlich des menschlichen Strebens, durchgeführt, und es ist keine
Richtung, welche nicht dadurch ihre Bedeutung, kein Streben, welches
nicht dadurch seine Lösung, nichts Vereinzeltstehendes, was nicht da-
durch seine richtige Stelle im Ganzen, seine Wurzel erhielte, darin er-
kannt und anerkannt würde. Es ist dies alles ja auch so ganz natürlich
und notwendig; in der ersten und richtigen Erfassung und Betätigung
und so stetig entwickelnden Erziehung des Kindes als Gottes-Menschen
und Naturkindes bis zum mannhaften Alter jedes Geschlechts lösen sich
alle religiösen, politischen, industriellen, überhaupt sozialen Wirren und
müssen sich lösen. Sie, teurer Freund, müssen als Geschichts- und
Lebensforscher dies erkennen und einsehen, und Sie sehen es ein, sonst
hätten Sie nicht die Abhandlung über nationale Erziehung mit Rück-
sicht auf meine erziehenden Bestrebungen schreiben können. Helfen Sie
mir, oder wenn Sie lieber wollen, der Idee nun auch durch Ihre klare
und einfache und darum auch so überzeugende Sprache, dies alles auch
den Menschen einsichtig machen, damit es nun endlich dahin komme,
daß unter den Augen stets prüfend beachtender und dazu durch ihre
Ein- und Umsicht wie ihre praktische Lebenserfahrung berechtigter
Männer und Menschen ein echter deutscher Kindergarten in möglichster
Vollkommenheit ausgeführt werde. Nur einen einzigen solchen
Kindergarten wünsche ich in Deutschland, nur einen einzigen!
Dutzende von ¼, ½, 1/3, 2/3 und 3/4 Kindergärten können mir nichts
helfen, sie bilden alle zusammen doch nicht einen in sich einigen,
ganzen. Bei diesem Gedanken kann ich meinen Blick und meine Hoff-
nung nie von Heidelberg wenden; wie ein Magnet zieht es meine
Hoffnung an. Ich finde dort und muß dort für möglichst vollendete
Ausführung der Idee alles finden; eine entsprechende Natur wie ent-
sprechende Menschen, entsprechende Verhältnisse wie entsprechende
Forderungen und Bedürfnisse. Prüfen Sie noch einmal die ge-
samten Umstände Heidelbergs, treten Sie doch mit den vielen dem
Fortschritte ergebenen wissens- und lebensreichen Männern Ihrer Nähe
prüfend und beratend zusammen, ob nicht mit nächstem Frühling end-
lich auch ein Kindergarten in Heidelberg ausgeführt werden könne!
[63]
Sechs Jungfrauen, darunter für diesen Beruf vorgebildete und lebens-
erfahrene, teilen den jetzigen Bildungskursus; sollte sich darunter nicht
eine finden, welche den Heidelberger Verhältnissen entsprechend wäre?
Könnte dies nicht durch einen Verein und Unterschriften ermöglicht
werden, wie dies in Annaburg und in Lünen möglich wurde? Ich bitte
Sie selbst, bei Ihren eigenen lieben Kleinen und um derselben willen:
bieten Sie alles auf, um die Ausführung eines Kindergartens in Heidel-
berg möglich zu machen. Sollte denn nächst Ihrem Worte und Urteile
das von Berthold Auerbach nichts vermögen? Hat er nicht auch
demselben vertrauende Freunde in Heidelberg? Es sind doch jetzt
sieben wirkliche Kindergärten der verschiedensten Leistungen
und Früchte zu Frankfurt a. M., Homburg a. d. H., Gotha, Annaburg,
Quetz, Lünen, Dresden, welche für die Sache sprechen? Das, was hier
und in nächster Nähe unter meiner unmittelbaren Leitung und in
anderen Anstalten, welche starr an den alten beengenden Namen hangen
geblieben sind wie zu Darmstadt, Hildburghausen, Koburg, Saalfeld,
Niederingelheim, Gaisberg geschieht, gar nicht mitgerechnet. Sollte dies
in Beziehung auf Heidelberg nicht dahin wirken, die unbestimmte An-
sicht des Dagegen zu einer ganz bestimmten des Dafür umzuwandeln?
Ich würde alles anwenden, um dort das Tüchtigste auszuführen, und ich
glaube auch, daß ich jetzt imstande wäre, Ihnen eine entsprechende
Kindergärtnerin zuzuweisen, und dann - so wären Sie ja auch gar
nicht gebunden. Denn es finden sich jetzt von Jahr zu Jahr immer mehr
vorgebildete Jungfrauen, welche sich diesem Berufe widmen; also mit
steigender Ausbildung der Anstalt ließe sich auch hoffen, eine immer
mehr ausgebildete Gärtnerin für den Garten zu finden. Doch sie selbst
würde sich innerhalb ihres Berufs und durch denselben immer mehr so
ausbilden, daß man keinen Wechsel wünschen würde. Aber auch für
den nächsten Anfang glaube ich Ihnen eine recht wackere Führerin
unter meinen jetzigen Schülerinnen vorschlagen zu können, doch dürfte
sich eine, wenn auch nur zuerst vorläufige Nachricht nicht zu weit
hinausschieben, weil es verhältnismäßig mehr Orte sind, welche zu
nächstem Sommer oder vielmehr Frühjahr Führerinnen ihrer Kinder-
gärten bedürfen, als ich jetzt Schülerinnen habe.
Sie sind, hochgeschätzter Freund, wie öffentliche Blätter sagen, Mit-
arbeiter, vielleicht selbst Mitbegründer der "Deutschen Zeitung", welche /
[64]
von mehreren namhaften Männern Heidelbergs in diesem Jahre heraus-
gegeben werden soll, an deren Spitze Gervinus steht. Ich kann
Ihnen gar nicht aussprechen, wie hoch mich die Nachricht von Ihrer
Teilnahme an dieser Zeitung erfreut hat; ich wurde ordentlich durch
und durch warm, als ich es las. Aber sogleich stand auch eine Bitte
an Sie fest in meiner Seele: lassen Sie, teurer, lieber Freund, die natio-
nale Erziehung der Deutschen auf den Grundlagen Ihrer Abhandlung
in den "konstitutionellen Jahrbüchern" und den "Zeitfragen" einen
stehenden Artikel dieses Blattes sein und bleiben! Wahrlich, ohne das
feste Fundament einer deutschen Volks- und Nationalerziehung auf
den Grundlagen, welche in dem Wesen und der Forderung der Sache
selbst liegen, kommen wir nicht aus dem Netze der religiösen, politischen
und sozialen Wirren heraus, welches uns umgarnt hält. Vor einem
Vierteljahrhundert sprach ich es in einem Schriftchen aus: "Durch-
greifende Erziehung ist das Grund- und Quellbedürfnis unseres Vol-
kes". Ein Bedürfnis, von dessen Befriedigung auch die übrigen Be-
dürfnisse ihre Lösung erhalten und, wenn wir dieser ersten aller Forde-
rungen nicht nachgehen und zwar jetzt nicht nachgehen, so werden wir
nach einem neuen Vierteljahrhundert noch ebenso sprechen und fordern
müssen. Denn das Volk, die Masse, man sage was man will, muß erst
der künftigen bessern Zeit, der Herbeiführung einer bessern Zeit ent-
gegen erzogen werden. Der intelligenten und besonders der charakter-
vollen Menschen sind noch zu wenige; was hilft es, daß wir uns eines
andern schmeicheln?! Die, welche heute noch im Polröckchen im deut-
schen Kindergarten spielen, sind in einem Vierteljahrhundert Männer
oder Frauen, Jünglinge oder Jungfrauen, welche deutsche Gedanken in
ihrem Geiste bearbeiten, deutsche Gesinnung in ihrem Busen tragen und
für deutsches Handeln die Arme erheben und die Füße gebrauchen. Und
wie schnell sind 25 Jahre vergangen! Wer erfährt das nicht? Hätten
mich Deutsche als Deutsche vor 25 Jahren, wie ich hoffte und hoffen
zu dürfen glaubte, verstanden, manches Hundert, ja durch die Zweig-
anstalten in den verschiedenen Gauen Deutschlands, manches Tausend
mannhafter deutscher Jünglinge, Männer, Jungfrauen und Frauen sollte
Deutschland jetzt mehr haben! Also nochmals, lassen Sie nationale Er-
ziehung, lassen Sie das echt deutschsinnige und deutschkräftige Institut
der Kindergärten, wie es ein deutscher Mann im Allgemeinen Anzeiger /
der Deutschen, 1844, Nr. 172 nennt (Beilage H) einen stehenden Ar-
tikel in Ihrer echt deutschen Zeitung sein! Komme ich einst wieder nach
Heidelberg, so suchen Sie einen Kreis stimmfähiger und stimmberech-
tigter Menschen, Männer und Frauen, zu vereinen, welchen ich das
Ganze zur Prüfung und Entscheidung vorzulegen habe, zu der Prüfung
und Entscheidung, ob denn auch wirklich diese Kinderführungsweise
so erfassend und so allseitig zum Ziele leitend sei, als ich solche hinstelle.
Lassen Sie dann einen Kindergarten hinzukommen, welcher das Wort
an der Ausübung und an dem Erfolge prüfe; lassen Sie dann den Er-
gebnissen dieser Prüfung durch ein politisches Blatt wieder Worte geben,
damit das pädagogische Ergebnis in seiner politischen Wichtig-
keit erkannt werde! Welch' ein Fundament, welch' eine Einheit soll dann
die deutsche Erziehung bekommen! Die Stückelei und Bröckelei soll
aufhören, auch die dadurch hervorgebrachten zerstückelten und zer-
bröckelten Menschen, auf die wir überall so in Masse stoßen, sollen da-
durch beseitigt werden, wir sollen wieder charaktervolle Ganz-
und Vollmenschen
im einigen Denken, Fühlen und Handeln be-
kommen! Und welcher weitere Segen für die Hunderte und Tausende
von Jünglingen, welche die Hochschule besuchen, die Allumfassende,
wenn diese nun auch die erste Pflege der Kindheit in sich schließt und
aufzeigt und wenn wirklich jeder Studierende während jedes Semesters
nur einmal den Kindergarten besucht, aber ein Ganzbild deutscher Kind-
heit und Kindererziehung mit nach Hause nimmt! Welcher Segen!
Darum in Heidelberg ein "Kindergarten"!
Doch, wie ich höre, wird auch leider Ihre Zeitung noch nicht so bald
ins Leben treten. Wie wäre es, wenn Sie sich da für den Zweck der
Ihrigen vorläufig durch eine andere Zeitung den Weg bahnten? Ich
meine einstweilen in einer andern Zeitung, z. B. in der Bremer,
welche ich mehrseitig dazu für zweckmäßig halte, einen Aufsatz über
die Wichtigkeit der Kindergärten veröffentlichten, sei es auch wirklich
nur als Hebung des häuslichen und Familienlebens? Überlegen Sie es!
Herr von Leonhardi hat seit undenklicher Zeit nichts von sich bei
uns hören lassen, und so habe ich weder gehört, daß er in irgendein
öffentliches Blatt etwas über die Kindergärten oder über die Spiele hat
einrücken lassen, was Ihre Güte mir von Herrn von Leonhardi als
dessen Entschluß schrieb. Ebenso habe ich zweitens noch nicht das min- /
[66]
deste von dem Material zurückerhalten, welches Sie ihm, wie Sie mir
auch gütigst meldeten, zur Absendung an mich übergeben haben. Drit-
tens aber auch das Buch nicht, nämlich die "Zeitfragen", zugesendet er-
halten, welches Ihre Güte mir zugedacht hat. Ob ich es nun gleich noch
nicht erhalten habe, so sage ich Ihnen dafür doch den herzlichsten Dank.
Die "Zeitfragen" habe ich mir selbst bald als Eigentum durch den Buch-
handel verschafft. So lieb es mir gewesen wäre, von Stuttgart die er-
betenen Abdrücke zu bekommen, so ist doch nichts bei mir eingegangen.
Beiliegendes Briefchen bitte ich an Herrn v. L. gütigst bald zu besorgen,
um ihn zu vermögen, mir bald zu schreiben.
Ich bitte Sie wegen der Länge dieses Briefes um Nachsicht. Sie hat
einen doppelten Grund, erstlich wollte ich Ihnen alles gern als Tatsache
mitteilen, damit Sie nur bei der Bearbeitung des Gegenstandes hinläng-
liche Belege haben. Zweitens erhielt aber auch der Brief dadurch Weit-
schweifigkeit, weil ich ihn großenteils niedergeschrieben habe, während
meine Schülerinnen noch unter meiner Leitung sich beschäftigten oder
als ich nach Beendigung der Stunden abgespannt war. Grüßen Sie Ihre
lieben Kinder und wer sich sonst meiner gütig erinnert. Lassen Sie
gütigst recht bald, und sei es nur in zwei Worten, etwas von sich hören
Ihrem ergebenen Freunde
Friedrich Fröbel.
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