Aufrichtig will ich es Ihnen
gestehen, ich habe mir zum öfteren
geschmeichelt, daß ich die
Freude haben würde von Ihnen einige freund-
liche Zeilen zu
bekommen; nun ist mir zwar die Erfüllung der,
wirklich mit
einiger Sehnsucht in mir getragenen Hoffnung, nicht
erfüllt
worden, allein es ist mir doch, zum werthvollen Ersatz
dafür,
einigemal die Überzeugung geworden, daß Sie wenigstens
die
Sache, um die es sich zwischen uns handelte, nicht nur nicht aus den
Augen, sondern auch nicht aus dem Herzen gelassen, und schon
dieß
wird einst segensreich nicht nur für Ihre liebe Familie,
sondern sogar für
die Ihrer Freunde werden. In jener Überzeugung
komme ich nun
auch jetzt zu Ihnen. Ich habe gehört, daß Sie, im
Vereine mit Ihren
Freunden, noch gesonnen sind einen
Kindergarten auszuführen, und
dazu eine Führerin oder vielmehr
Vorsteherin suchen. Nun kann
ich Ihnen zwar diese zunächst nicht
nachweisen, wohl aber eine
Spielführerin, wenn die eigentliche
Oberleitung und der eigentliche
geistige Mittelpunkt des Ganzen
vielleicht Sie, oder einer Ihrer
Freunde, vielleicht Herr pp
Rüdiger seyn könnte und wollte.
Die
Person welche ich Ihnen nun in der genannten Qualität
vor-
schlagen könnte ist ein gesundes, kräftiges, gesetztes
Mädchen
von 18 Jahren, die Tochter eines gewesenen einfachen
Bürgers
in einem unserer nächsten Amtstädtchen
Stadtilm, welche
seit ohngefähr
6 Monaten auf Kosten unserer fürstlichen
Frauen für
Kinderpflege, auf die von mir angebahnte
Weise, ausgebildet
worden ist. Um in Erziehung auf
häusliche und engere
Kinderpflege gleichsam ihre Probe /
[1R]
zu bestehen,
auch sich noch für besondere Kindespflege zu
üben, wird sie in
den nächsten Tagen, auf unbestimmte
Zeit, zu einer sehr
hochachtbaren mütterlichen Frau, zu
der Frau
Hofamtsräthin Hauthal nach Rudolstadt gehen;
und
auch dort, mit dem ihr zur Pflege anvertrauten
Kleinen, den
dasigen, von der Frau
Fürstin
Mutter gestifte-
ten Kindergarten, dessen Führer und
Vorsteher der junge
Menger ist, welchen bei mir gesehen zu haben
Sie sich viel-
leicht erinnern - zu besuchen. Sollten Sie nun
auch,
was wohl nicht allein gut, sondern sogar wesentlich seyn
möchte, später eine wirkliche Vorsteherin über das Ganze
anstelllen, so würde eine solche Person, wie die Jgfr:
Röhr,
(dieß ihr Name) immer als
ausführende Spielführerin pp,
wenn besonders die Anzahl der Kleinen ansehnlich seyn sollte,
von bedeutendem Nutzen seyn. Umgekehrt würde aber auch
unter einer höheren geistigen Leitung (wie ich schon aussprach)
die Jgfr Röhr, wohl eine kleinere Anzahl von Kindern
ganz
allein zu beschäftigen im Stande seyn.- Nun ich
wollte Ihnen und
Ihren verehrl. Freunden die Sache wenigstens
zur Prüfung
vorlegen. Besser ist wenigstens Etwas als Nichts;
auch würde die
Jgfr Röhr dem ihr Fehlenden noch entgegen zu
erziehen seyn.
Wollten Sie solche aber für Ihre lieben Kinder
allein, oder
einer Ihrer Freunde, in Dienste nehmen, ich
meyne als
Kindermädchen, Kinderwärterin oder wie Sie
ihre Wirksamkeit
bezeichnen wollen, so würde sie sich wohl
auch dazu - wofür sie
eigentlich in Blankenburg und hier ge-
bildet wurde - eignen. Man
muß jetzt zunächst froh /
[2]
seyn, wenn man für das
Geschäft der ersten und frühen
Kinderpflege gesunde, kräftige,
dabei sittlich reine u.
Bildung-willige Personen findet, und
dieß Zeugniß
glaub ich kann man der
Röhr geben, ob ich gleich nochmal
ausspreche, daß sie nur die Tochter eines gewöhnlichen
Bürgers, eines Schneide[r]s ist, und sonst als Vorbildung
nur die einer guten städtischen Mädchenschule besitzt.-
Denken Sie, sie ist unter 5 Mädchen gleichen Alters, welche
sich zugleich demselben Berufe widmeten, die einzige
wel-
che zunächst wenigstens Ausdauer hatte.
Frauenurtheil
wird nun demnächstens über
ihren ausübenden Werth entscheiden.-
Gestern ist ein junger
Mann aus Frkfrt a/M
welcher sich durch einen einjährigen
Aufenthalt bei
mir, zur Führung eines Kindergartens in Crefeld
am Rhein, ausbilden will angekommen. Er hat die letzte
Gymnasial-
bildung und ist sonst für den gewählten Beruf
anlagvoll,
ist schon in der Mitte der 20
er,
so daß ich wohl Hoffnung zu
ihm habe.- Von Eisenach hat der
Vorsteher der dasigen Taub-
stummenanstalt Herr
Kern,
mir auch die Ausführung
eines Kindergartens angezeigt.- Auch in
Weißenfels
ist ein gewisser Lehrer
Körber und Herr Diac:
Naumann dafür thätig.- In der Coburgschen
Marienanstalt
hat der Dr theol:
Amthor
die Spiele und Beschäftigungen
unter den Kindern eingeführt; so
bahnt sich die Sache im
Stillen immer mehr den Weg in die
Familien und Gemein-
samkeit.- Die hochachtungsvollsten Grüße
Ihnen, Herrn
Prof.
Deinhardt, Herrn
Rüdiger u. sonstigen theilnehmenden
Freunden.
Erfreuen Sie bald mit einigen Zeilen Erwiederung Ihren