Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Dr. Rättig in Wittenberg v. 9.2.1843 (Keilhau)


F. an Dr. Rättig in Wittenberg v. 9.2.1843 (Keilhau)
(KN 56,17, Brieforiginal 1 B 8° 3 S.+Adr.)

       Keilhau b. Rudolstadt am 9en Febr 1843.·.


       Hochgeehrtester Herr Doktor.

Aufrichtig will ich es Ihnen gestehen, ich habe mir zum öfteren
geschmeichelt, daß ich die Freude haben würde von Ihnen einige freund-
liche Zeilen zu bekommen; nun ist mir zwar die Erfüllung der,
wirklich mit einiger Sehnsucht in mir getragenen Hoffnung, nicht
erfüllt worden, allein es ist mir doch, zum werthvollen Ersatz
dafür, einigemal die Überzeugung geworden, daß Sie wenigstens
die Sache, um die es sich zwischen uns handelte, nicht nur nicht aus den
Augen, sondern auch nicht aus dem Herzen gelassen, und schon dieß
wird einst segensreich nicht nur für Ihre liebe Familie, sondern sogar für
die Ihrer Freunde werden. In jener Überzeugung komme ich nun
auch jetzt zu Ihnen. Ich habe gehört, daß Sie, im Vereine mit Ihren
Freunden, noch gesonnen sind einen Kindergarten auszuführen, und
dazu eine Führerin oder vielmehr Vorsteherin suchen. Nun kann
ich Ihnen zwar diese zunächst nicht nachweisen, wohl aber eine
Spielführerin, wenn die eigentliche Oberleitung und der eigentliche
geistige Mittelpunkt des Ganzen vielleicht Sie, oder einer Ihrer
Freunde, vielleicht Herr pp Rüdiger seyn könnte und wollte.
Die Person welche ich Ihnen nun in der genannten Qualität vor-
schlagen könnte ist ein gesundes, kräftiges, gesetztes Mädchen
von 18 Jahren, die Tochter eines gewesenen einfachen Bürgers
in einem unserer nächsten Amtstädtchen Stadtilm, welche
seit ohngefähr 6 Monaten auf Kosten unserer fürstlichen
Frauen für Kinderpflege, auf die von mir angebahnte
Weise, ausgebildet worden ist. Um in Erziehung auf
häusliche und engere Kinderpflege gleichsam ihre Probe /
[1R]
zu bestehen, auch sich noch für besondere Kindespflege zu
üben, wird sie in den nächsten Tagen, auf unbestimmte
Zeit, zu einer sehr hochachtbaren mütterlichen Frau, zu
der Frau Hofamtsräthin Hauthal nach Rudolstadt gehen;
und auch dort, mit dem ihr zur Pflege anvertrauten
Kleinen, den dasigen, von der Frau Fürstin Mutter gestifte-
ten Kindergarten, dessen Führer und Vorsteher der junge
Menger ist, welchen bei mir gesehen zu haben Sie sich viel-
leicht erinnern - zu besuchen. Sollten Sie nun auch,
was wohl nicht allein gut, sondern sogar wesentlich seyn
möchte, später eine wirkliche Vorsteherin über das Ganze
anstelllen, so würde eine solche Person, wie die Jgfr: Röhr,
(dieß ihr Name) immer als ausführende Spielführerin pp,
wenn besonders die Anzahl der Kleinen ansehnlich seyn sollte,
von bedeutendem Nutzen seyn. Umgekehrt würde aber auch
unter einer höheren geistigen Leitung (wie ich schon aussprach)
die Jgfr Röhr, wohl eine kleinere Anzahl von Kindern
ganz allein zu beschäftigen im Stande seyn.- Nun ich
wollte Ihnen und Ihren verehrl. Freunden die Sache wenigstens
zur Prüfung vorlegen. Besser ist wenigstens Etwas als Nichts;
auch würde die Jgfr Röhr dem ihr Fehlenden noch entgegen zu
erziehen seyn. Wollten Sie solche aber für Ihre lieben Kinder
allein, oder einer Ihrer Freunde, in Dienste nehmen, ich
meyne als Kindermädchen, Kinderwärterin oder wie Sie
ihre Wirksamkeit bezeichnen wollen, so würde sie sich wohl
auch dazu - wofür sie eigentlich in Blankenburg und hier ge-
bildet wurde - eignen. Man muß jetzt zunächst froh /
[2]
seyn, wenn man für das Geschäft der ersten und frühen
Kinderpflege gesunde, kräftige, dabei sittlich reine u.
Bildung-willige Personen findet, und dieß Zeugniß
glaub ich kann man der Röhr geben, ob ich gleich nochmal
ausspreche, daß sie nur die Tochter eines gewöhnlichen
Bürgers, eines Schneide[r]s ist, und sonst als Vorbildung
nur die einer guten städtischen Mädchenschule besitzt.-
Denken Sie, sie ist unter 5 Mädchen gleichen Alters, welche
sich zugleich demselben Berufe widmeten, die einzige wel-
che zunächst wenigstens Ausdauer hatte. Frauenurtheil
wird nun demnächstens über ihren ausübenden Werth entscheiden.-
Gestern ist ein junger Mann aus Frkfrt a/M
welcher sich durch einen einjährigen Aufenthalt bei
mir, zur Führung eines Kindergartens in Crefeld
am Rhein, ausbilden will angekommen. Er hat die letzte Gymnasial-
bildung und ist sonst für den gewählten Beruf anlagvoll,
ist schon in der Mitte der 20er, so daß ich wohl Hoffnung zu
ihm habe.- Von Eisenach hat der Vorsteher der dasigen Taub-
stummenanstalt Herr Kern, mir auch die Ausführung
eines Kindergartens angezeigt.- Auch in Weißenfels
ist ein gewisser Lehrer Körber und Herr Diac: Naumann
dafür thätig.- In der Coburgschen Marienanstalt
hat der Dr theol: Amthor die Spiele und Beschäftigungen
unter den Kindern eingeführt; so bahnt sich die Sache im
Stillen immer mehr den Weg in die Familien und Gemein-
samkeit.- Die hochachtungsvollsten Grüße Ihnen, Herrn Prof.
Deinhardt
, Herrn Rüdiger u. sonstigen theilnehmenden Freunden.
Erfreuen Sie bald mit einigen Zeilen Erwiederung Ihren
freundschaftlich ergebenen FrFröbel

Verzeihen Sie dieß Briefformat; der Einschluß wollte kein größeres gestatten. /
[2R]
[Adresse:]
        Sr Wohlgeboren
dem Herrn Doctor Rättig
in
        Wittenberg
g. B.