Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Wilhelm Middendorff in Keilhau v. 12.12./13.12./14.12.1841 (Hildburghausen)


F. an Wilhelm Middendorff in Keilhau v. 12.12./13.12./14.12.1841 (Hildburghausen)
(BN 566, Bl 30-38, Brieforiginal 4 ½ B 8° 18 S. - Wenn es sich um F.s neunten Brief aus Hildburghausen an Middendorff handelt, heißt das, daß zwei nach dem 30.11. geschriebene Briefe verlorengegangen sind.)

No IX
Hildburghausen am 12 Decbr 1841 (Sonntags)


  Guten Morgen lieber Middendorff.

Erlaube mir daß ich Dich gleich in die Mitte meines gegenwärtigen Denkens
einführe.- Überall wo in der Natur ein neues Ergebniß, Produkt, ein
Ganz neues, ein Erzeugniß entsteht, geschieht es - unter Mitwirkung der ge-
sammten Naturthätigkeit - durch Zusammenwirken zweyer, jedes für sich
in sich ganz einigen, allein unter sich entgegengesetzt gleichen Schaffenden (Factoren)[.]
Es muß also auch nothwendig die darzustellende neue Entwickelungsstufe
der Menschheit auf eine gleiche Weise in die Erscheinung treten. Nun sind
wir aber längst darüber gegenseitig klar und einstimmig, daß die neue
Entwickelungsstufe der Menschheit vom Bewußtsein ausgehen die mit Be-
wußtseyn erstrebt und durch Bewußtseyn errungen, d.i[.] dargestellt werden
muß; sowohl nach der Bestimmung des Menschen und der Menschheit im Allge-
meinen als nach der besonderen Forderung der jetzigen Entwickelungsstufe
derselben. Nun wirst Du aus meinen jüngsten Mittheilungen, sowohl an
Dich als auch an Barop, wie überhaupt aus der Gesammtheit meiner letzte-
ren Thätigkeit leicht erkennen, vielleicht auch schon erkannt haben wie ich
mich mit großer Bestimmheit bemühe jenes oben erwähnte In-sich-ei-
nige-und-doch-entgegengesetzt-Gleiche der Menschenerziehung, Menschheit[s-]
entwickelung zu finden und es zur Erringung und Erreichung, zur Dar-
stellung der neuen Bildungsstufe der Menschheit in Verbindung zu bringen.
- Das Gleiche des gegenwärtigen Menschen und Menschheitsstrebens dünkt
mich nun ist in den verschiedensten Stufen des Unbewußtseyns und der Ahnung: - Darstellung und Behauptung der Menschwürde des Menschenwesen, also auch der
Selbststän-
digkeit, der Persönlichkeit, also darum somit auch des unabhängigen leib-
lichen Bestehens und selbst in einer gewissen Beziehung des leiblichen Gewi-
ßens, welches vielleicht nur die materielle Form u Erscheinung jenes gei-
stigen Strebens ist. Das Ungleiche dagegen schaue ich in dem ganz ver-
schiedengradigen Bewußtseyn über jenes über die Menschenwürde und
das Menschenwesen welches sich zuletzt in zwey ganz entgegengesetzte
Endpunkte, Pole (Extreme) sich endet, woran der (das) Eine das Menschwesen /
[30R]
die Menschenwürde klar erkennt (lebenvoll von derselben durchdrungen ist)
und es demgemäß darzustellen sich bemühet
und der Andere aber dasselbe auf verschiedenen Stufen und in verschiedenen
Stufen dunkel ahnet, allein darüber eigentlich, nach Maaßgabe seiner
Bildung und Einsicht sich, von außen her erst belehrt seyn will, Belehrung
sucht, daher nachahmet (die Moden z.B:) wo er darüber größere Ein[-]
sicht vermuthet. (:Den letzteren geht es z.B[.] in den Moden, bey und in einem
an sich in seinem innersten ursprünglichsten Wesen reinen und guten
Streben wie es so häufig den Menschen in den Abirrungen des Geschlechts-
triebes und der Gefallsucht geschiehet[.]:)
Daß nun wirklich eine Ahnung der Menschenwürde und der Hoheit des Men-
schenwesen sich durch das G ganze Leben hindurch ziehet wirst Du in
jeder mehr oder minder stark hervortretenden Zeiterscheinung lesen
können; die politischen Kämpfe gar nicht zu erwähnen; allein nicht minder in
den religiösen, j Jeder und Jedes nimmt für sich den Besitz und das Eigenthums-
recht des Höchsten und Besten in Anspruch, dünkt sich des höchsten und besten
im Wahn oder im Bewußtseyn, oder im Glauben - würdiger. Und um ganz
auf unser Gebiet zu treten so sind doch die Kleinkinderbewahranstalten
rein ein Ergebniß entweder der größeren oder geringeren Ahnung oder
des mehr- oder minder lebenvollen Durchdrungenseyns von der Menschen-
würde, von der Menschheit in der Kindheit, dem Menschen im Kinde pp.
Hast Du Dir nun nach diesen Andeutungen recht klar gemacht was ich un[-]
ter den [sc.: dem] (polarisch rein) entgegengesetztgleichen Streben des leben-
den Menschengeschlechtes, oder der Menschheit auf ihrer gegenwärtigen
Entwickelungsstufe verstehe (:gleichsam ein Stehen auf der entgege-
gesetzten Stufe der Mannbarkeit:) so wirst Du mich auch verstehen
was ich meine was zu thun sey um die Menschen auf die ihr bestimmte
neue Entwickelungsstufe zu erheben, oder die Menschheit auf der
reinen Kindheitsstufe und somit verjüngt aus sich selbst zu erzeugen
aus sich selbst hervorgehen zu machen: - Ich bin nemlich in mir
bey klarem Blicke über das Leben, wie es in seinem Lauf und Erschei-
nungen ist klar und fest überzeugt: - wollen wir als Erzieher be- /
[31]
sonders als Kinder- und Kindheitserzieher unser Ziel erreichen, so müssen
wir die Menschen allgemeiner mindestens zu einer lebenvolleren, be-
stimmteren Ahnung des Wesens und der Würde des Kindes, der Ahnung der
Menschenwürde und des Menschenwesens als in Gott ruhend, aus Gott
hervorgegangen und in Gott sein Leben und Bestehen habend, erheben.
An diesem Mangel mindestens an kräftigem Gefühl und Durchdrungenseyn
von der Menschenwürde und dem Menschenwesen und am Mangel an
Erkenntniß der angemessenen Pflege dieser Würde u dieses Wesens, da-
rin liegt selbst bey sonst, selbst im Unterrichts[-] und Bildungswesen Einsich[-]
tigen, das eigentliche Hinderniß des nicht Vorwärtsdringens: Und
dieß ist denn nun der Punkt warum ich brieflich zu Dir komme[.]
Siehe ich meyne, selbst ruhend in der Quelle des Lebens, sie in sich
fließen, sich von derselben durchströmen zu lassen, in ihr zu leben
und durch sie zu wirken soll man in hohem begeisterten und begei-
sterndem Gesange allein in einfacher Sprache und Dichtung gleich einem
Eichen- und Buchenkranze, gleich einer Myrthen- und Lorbeerkrone
daß [sc.: das] in Gott ruhende und aus Gott hervorgegangene, stetig in Gott
lebende Wesen der Menschheit und ihre Würde, und so das Wesen
und die Würde der Kindheit und des Kindes - verständlich der
Menge besingen aber wohl im E epischen Tone. Siehe lieber Middendorff
auf diesem dichterischen, auf diesem gläubig-poetischen Grunde d.h. die Sache
um die es sich handelt in äußerer Gestalt angeschaut, (:innerlich und dem
Wesen nach auf diesem regiliösen [sc.: religiösen], gotteinigen Fundamente) muß die
Erziehung, muß die Menschenbildung ruhen wenn sie <in> sich feste Basis
in sich haben soll und das Wirken in derselben und für dieselbe zum Ziele haben soll.
Siehe wohin wir blicken ruht jedes ächte menschheitliche Wirken und dessen
Erfolg auf solchem Fundament nimm nur gleich den deutschen Freyheitskrieg
mit seinen Liedern u Gesängen. Ist nicht ein einziger Ruf in denselben:
"erkennt eure [sc.: Eure] Würde, Euer Wesen handelt demselben getreu!"-
Ruht nicht die ganze Israelitische oder Jüdische Bildung auf diesem Funda-
ment?- Ist es nicht die Ahnung die Durchglühung von der Menschenwürde /
[31R]
die seit in dem ewig denkwürdigen Pfingstfeste die Grundlage der begei-
sternde[n] Rede und seit jener Zeit die Grundlage des Christenthums
ausmacht; ist es nicht eigentlich immer die Würde und das hohe
Wesen, um die es sich dreht und das Gefühl, diese Würde zu er-
halten:- wäre ich würdig sein Kleid anzurühren - ich bin nicht würdig
daß Du bey mir eingehest; heut wirst Du würdig seyn mit mir
im Paradies zu seyn Du bist würdig zu nehmen. Ist nicht das
Gefühl höherer Würdigkeit bey aller Demuth die Grundlage des
Christenthumes?- Ruht nicht die ganze griechische Geschichte u
deren Entwickelung in Homer, daher sein Absingen und Vortragen bey
öffentlichen Feyerlichkeiten gleich unsern heiligen Büchern u Gesängen
und sind es nicht Götter welche die Menschen würdigen an ihrem
Schicksale Antheil zu nehmen?- Ist es mit unserer deutschen
Urgeschichte so sehr sie auch im Dunkeln liegt anders?-
Also lieber Middendorff die einzig sichere Grundlage zu ächter
Menschenerziehung, der einzige gute und ächte Saame aus welchem
eine neue Menschheit hervorkeimen kann und wird ist die
Menschen durchdrungen begeistert zu machen von ihrer Würde
als Glieder der Menschheit welche ewig in Gott ruht ewig aus
ihm gezeugt ist wie Jesus und die stetig in Gott u Gott stetig in ihr
lebt schafft und wirkt.- Eine[r] neue[n] Begeisterung bedarf es
für die Menschheit, nicht als ob die alte in ihrem innern Werth ver-
loren, nein sie hat nur für uns ihren Reiz (:durch ihre Mittel-
barkeit:) verloren was Jesus verkündigt hat ist nun eingetreten
Gottes Geist, Liebe u Güte hat sich auch unmittelbar wie von Jesu, so
von ihm, Gott, selbst aus der Menschheit geoffenbart, die Menschheit
kann auch durch Gottes Geist der Liebe, der Vaterführung nun un-
mittelbar am Gottesherzen ruhen, und kann sich so ihrer unmittel[-]
baren Kindschaft erfreuen. Dieß alles nur als Andeutung für
Dich und wenn er will auch Barop, damit Du und Ihr auch ver-
stehest, doch vor allem Du, mit welchem ich es in der Ausführung zu /
[32]
thun habe, (doch kann und wird uns Barops Beystimmung auch wirksam
seyn:)-. Siehe Middendorff Begeisterung sucht die Menschheit, die
Europäische, die deutsche, daher das immer wiederkehrende Auf[-]
legen ihrer geistreichsten und genialsten Schriften, daher die Sucht
und die Beförderung Denkmale zu stiften und Statuen zu erich-
ten, ja selbst das Streben auch vorübergehender berauschender
Begeisterung durch plastische und Tonkunst.-
Auf dieß hier angedeutete nun gestützt trage ich die Überzeug[-]
ung in mir, wir beyde und wer sich sonst in unserm Kreise daran
entschließen könnte und wollte, doch als ein fester geeinter Stamm
wir zwey ganz bestimmt, sollten in einer Reihe[n]folge von zusam-
menhängenden Gesängen oder Dichtungen - wie Du es am liebsten
bezeichnen willst - das Wesen und die Würde der Menschheit und der
Menschen darzustellen uns bemühen, für das Wesen und die Würde
der Menschheit schon in der Kindheit und im Kinde zu begeistern
suchen; also vor allem erst uns selbst von derselben ganz durch[-]
dringen und begeistern lassen, für das Wesen und die Würde der
Menschheit u so der Kindheit u des Kindes als aus in Gott ruhend und
aus Gott hervorgegangen. Auch dadurch daß man das Wesen
und die Würde namentlich der Kindheit auch im kindlichen Leben
in kindlichen Äußerungen und Erscheinungen zeige.- Wäre es so
möglich höhere "- Einsicht in das Wesen u die Würde der Menschheit
zu verbreiten und dafür zu begeistern" d.h. die leisen Ahnungen
zu beleben, die zerstreuten Äußerungen und Erscheinungen derselben in
einem leuchtenden und erwärmenden Ganzen zu vereinen, so müßte
es auch möglich seyn für ächte Kindheitpflege zu begeistern. Ohne
eine solche Begeisterung ist es aber auch ganz unmöglich wahre Kindheit-
pflege allgemein zu machen. Beckers Gr[un]dsatz sich mit dem Guten und
Wahren nach der Neigung und Ansicht der Menschen zu accomodiren
ist gewiß ganz falsch, der Mensch muß erhoben und gleichsam aus
sich selbst herausgerissen werden. Allein - man muß nur Muth haben /
[32R]
es zu wollen,- Kraft es zu können,- und Mittel es auszuführen
- die Darstellung der Menschenwürde müßte sich gründen auf das
Hervorgegangenseyn der Menschen aus Gott auch aus göttlichen H[an]dl[un]gen der Menschen z.[B.] David u Jonathan - die Beweise
der "Würde der Menschheit im Kinde" müßten besonders hervorgehen
aus Darstellungen aus dem Kindheitleben worin sich dieses aus[-]
spricht z.B[.] auch der Herkules in der Wiege wie er die Schlange
tödtet, wie ja auch Tiedge "Herkules am Scheidewege" in seine
Urania aufnimmt. In dieser ganzen Darstellung müßte sich
dann bald stillschweigend, bald in Worten (der Refrain) Aufforderung ausspre-
chen: "Alles dieß liegt im Menschen, im Kinde, sollten wir uns nicht be-
eifern es hervorzuziehen es herauszubilden!?["]-
Wäre uns das Ganze nach Plan und Ausführung gelungen (:viel[-]
leicht in einer Sprache wie die an vielen Stellen leicht verständliche
Urania oder in einer noch einfacheren kräftigeren Sprache wie z.B[.]
die von Arndt:) so könnte man es dem Meyer zur Verbreitung
übertragen vielleicht daß es derselbe mit Kunstblättern aus[-]
stattete.- Du sagst: aber das ist keine kleine, ja es ist in vieler
Beziehung eine gewaltige Aufgabe; ja l. M. das wäre es
nun wohl aber ihr strahlte auch ein herrliches Ziel, und ein
hoher Preis winkt ihr, wenn es ihr gelänge, die Menschen die Menschheit
derr Kindheit und der Kinder Würde thatsächlich
anerkennen zu machen. Wenn ich von Tiedges Urania als
einem Vorbilde rede, so meyne ich nicht in der gesammten
Form, vielleicht halte ich es für das Beste, wenn das
Ganze gleich einem Kranze aus einzelnen Darstellungen bestehe.
- Dieß war es denn was ich Dir heut zur Sonntags-
feyer zur Prüfung vorlegen, mit Dir besprechen wollte.-
= Weil gestern 8 Tage um waren seit ich Deinen letzte-
ren Brief empfing, so erwartete ich heut gestern und noch mehr
heut bestimmt einen Brief von Dir; wie kommt es, daß
ich keinen bekommen habe?-- /

[33]
Hildburghausen am 13. Decbr 1841. Montags Abends 9 Uhr.
Heut Morgen 9 Uhr bekam ich Deinen l. Brief mit dem Postz. Rud. 12 Xbr. No V.
Ehe ich fortfahre Dir über den (Schnecken-) Verlauf des hiesigen Lebens Mitthei-
lung zu machen will ich lieber zuerst Deinen Brief beantworten, zuvor aber
Dir doch aussprechen, daß ich mich gar sehr freue, daß ich vorstehendes
schon vor Empfang Deines Briefes niedergeschrieben habe, worauf ich
jedoch später, im Verlauf der Beantwortung Deines Br: zurück kommen
werde.
1. Ich freue mich zwar herzlich mit Dir über den Wiedergebrauch Deiner
Augen; allein ich bitte Dich doch gar sehr sie so viel als möglich
zu schonen. Leider habe ich keine andere Zeit als spät Abends und
Nachts, sonst würde ich es auch nicht thun; auch bin ich mir we-
gen meiner kleinen und oft kritzlichen Schrift bös; aber es ist
merkwürdig auch in dieser Hinsicht kann man nicht wie man
will, und wenn im[m]er so vieles drängt nieder zu schreiben, da wird
die Handschrift unwillkürlich klein und kritzlich. Also schon Dich!!
2. Die beyden Güntherschen Schwestern grüße herzlich von mir be[-]
sonders sage Frl. meine innige Theilnahme an ihrer wiedergekehr-
ten Unpäßlichkeit wie der Fr. Pastorin meine freudige Theilnah[-]
me an ihrer, wie ich vermuthen müßte dauernden und festen
Gesundheit; sage Ihnen [sc.: ihnen], wenn Du glaubst daß es gut ist, d.h. daß
sie solche Sprache vertragen können; daß ich mit der Fortentwik-
kelung Blankenbergs recht auf sie zähle als mir treu verbundene
ausdauernde Schwestern. Wie ich nach Blankenburg zurück käme
würde ich mit dem größten Eifer die Erweiterung d.i[.] Vervoll-
kommnung des Blankenburger Kindergartens betreiben. Ich samm[le]
mir jetzt nur Erfahrungen und Thatsachen im Kleinen. Suche S sie in
in die höhere und höchste Bedeutung Ihrer [sc.: ihrer] Wirksamkeit als Mit-
arbeiterinnen am Wohle der Menschheit einzuführen. Nicht die
Gewalt der Kraft sondern die Güte, Treue, Innigkeit u Ausdauer derselben
macht es. Sag Ihnen [sc.: ihnen] daß man durch solches Handeln unfehlbar meine Achtung
mein Herz und meine Liebe gewänne.- /
[33R]
3. Du schreibst mir daß sich Barop über das von mir in irgend einem Br[ie]fe
über den Anfang der Religion in den Kindern geschriebene gefreut
habe; es ist mir lieb; allein offen gestehe ich Dir, daß ich mich dessen
gar nicht mehr mit Bestimmtheit erinnere; es wird mir gar sehr lieb
seyn von Dir nur mit einigen Worten wieder daran erinnert zu
werden, damit es mein bleibendes Eigenthum werde; doch komme ich
unten auf den Relig: Unterricht, oder vielmehr das religiöse Le[be]n
zurück. Jetzt im Augenblick glaube ich mich des Gesagten zu erinnern, daß
man nemlich dabey das zu starke Versinnlichen u Personificiren ver[-]
meiden solle. Nun wie gesagt ich komme unten darauf zurück. Bemerken
will ich doch gleich bey dieser Gelegenheit daß ich bey meiner kleinen Laura
hier glaube beachtet [sc.: beobachtet] zu haben: daß das Kind an alles seine[n] kindlichen
oft kindischen Maaßstab legt; so das höchste u größte kirchlich Bedeu-
tungsf tungsvolle ihm kindlich bedeutungsvoll ist so z.B. Sünde in seiner stärk[-]
sten Bedeutung "Nicht-gutseyn" (Also ein wirklich rein zu Sühnendes[).]
Merkwürdig war es mir als dasselbe Mädchen bey der stärksten
kirchlichen Zeichnung der Hölle (in einem Liederverse) davon wie von einer
Höhle sprach (wo also der Begriff mehr der Dunkelheit (dunkle Kammer
Stube hier im Hause Boden) einspielte [sc.: anspielte], keineswegs der Begriff einer
vom Feuer erfüllten Hölle (Hölle, Halle, Hülle, Hohl, Höhle.).
4. Daß Du es in Keilhau besonders unter den Frauen nicht zu einer
gemeinschaftlichen Theilnahme bringen kannst, das scheint mir
zwar in Mehreren, doch hauptsächlich in Deiner Persönlichkeit zu liegen.
Darüber aber läßt sich nicht schreiben, denn dieser Punkt gehört zu
denen das innerste geheimste Leben des Menschen ergreifenden, doch
nach einer anderen Seite scheinst Du dabey einen Fehler mit mir
in Beziehung auf mein Wollen gemein zu haben. Du legst den Menschen
d.i[.] den Frauen vielleicht auch zu nahe drückst zu gewaltig auf
Dein Ziel hin. Vielleicht sagen sich die Frauen auch mit mehr oder we-
niger Klarheit: Du und ihr [sc.: Ihr] fordert eine Theilnahme, die ihr uns
nicht beweiset. Die Frauen dünkt mich haben sehr viel mit der Kindes[-] /
[34]
Natur gemein; was ihnen gehört soll ihnen ganz angehören. So sagte
z.B. der 5 Jahr und ein paar Tage alte Max zu seiner Mutter: "Mutter
Du sollst mir ganz aber auch ganz allein angehören nicht der Laura
und nicht dem Wilhelm und nicht dem Vater.["] "Aber wie kann ich das[?]
Siehe Laura u Wilhelm sind auch meine Kinder und der Vater gehört auch
ihnen wie ich.["]- "Nun so soll der Rudolph, aber auch ganz allein mein
seyn rc." Etwas, wenn auch ganz eigenthümlich Wahres liegt gewiß dar-
inn!- Glauben wir nicht auch wenn wir zu Gott beten, daß gleichsam
seine Aufmerksamkeit auf uns persönlich z[.] B. bey "Vater hilf mir!"
gerichtet sey. Mein theurer Middendorff. Das Leben hat viele Geheim-
nisse, schwierig löst sie der Einzelne auf. Lieber Middendorff ein Blick
ein Wort, eine Hand[-] und Körperbewegung, ja eine ungegründete <Meynung / Neigung>
von Dir kann Dir im Nu vernichten woran Du Jahrzehnte arbeitetest und im
entgegengesetzten Fall blühend machen woran Du zehn Jahre vergeblich
pflegtest. Darum sage ich Dir immer läßt uns das Leben ein Gemeingut
seyn, wenigstens zunächst unter uns Männern. Wir arbeiten uns sonst
mehr oder minder zu Nichte und Du hast ja selbst gesagt, daß Bewußt-
werden und Bewußtseyn die Zeit fordere. Es giebt Menschen die für
das Erwähnte einen angeborenen oder was hier gleich ist angewöhnten Tact haben, allein verlassen sie einmal
diesen Weg, so können auch sie im [Nu]
verlieren was ihr Wandeln auf demselben ihnen gebracht hatte.-
5. Löhn soll nur immer 3-6 Kästen 5e Gabe 2e Größe in Arbeit
nehmen. Sie sind nicht so leicht gemacht und könnten vielleicht noch
zum Weyhnachtsfest von Rudolstadt aus vielleicht auch von hier gefordert
werden.
6. Hierbey will ich denn gleich erwähnen, daß ich glaube es wäre recht
gut wenn zur Weyhnachtszeit d.h. jetzt augenblicklich eine Anzeige
ins Rudolst. Wochenbl. käme ohngefähr der Art: - "Weil sich jetzt
die bisher in dem Kindergarten zu Blankenburg angewendeten Kinderspiele
und Beschäftigungsmittel überall wo sie dem kindlichen Bedürfniß ange[-]
messen angewandt worden wären nahe u fern als ein so bildendes /
[34R]
als belehrendes, wie nützliches und angenehm unterhaltendes Spiel
Zeug bewährt hätten, so erlaubte man sich das verehrliche Publick[um]
darauf aufmerksam zu machen daß solche stets vorräthig in
der unterzeichneten Anstalt wie vorstehend zu bekommen seyen[.]
Als 1e Gabe mit Text à 38 44 Xr.
   2e Gabe mit Text à 14 1 fl ohne Text à 8 gl 26 Xr [Kreuzer] u.s.w.
NB es muß alles in fl. (Gulden) angegeben werden[.] Also 10 gl [Silbergroschen] = 44 Xr
   1 rth Ct = 1 fl. 45 Xr / 8 gl = 35 Xr. / 12 gl = 52 Xr / 6 gl = 27 Xr. [/] 4 gl = 18 Xr
NB 3e 4e u 5' Gabe immer mit Lithographischen Tafeln
   5e Gabe in beliebter 2e Größe 2 fl. 36 Xr.
Es ist gut wenn die Zahl der lithographischen Tafeln immer angegeben wird.
Für die beygesetzten Preise auch zu haben bey BuchbinderMeister Herrn
Stroh in Rudolstadt. Diesem könnte man 1/5 oder 20% Rabbat zu sichern
wenn er das nehmende sogleich bezahlen und was er nicht verkaufte
und unbeschädigt wäre nach den Feyertagen wieder ebenso zurück
nehme.- Theile die aufgesetzte Anzeige ist mögl. Brp zur Einsicht mit.
Doch ich sehe eben daß ich mit dieser Sache etwas post festum komme,
denn wenn dieser Brief nicht Mittwochs Abend in Deine Hand kommt
und so die Anzeige nicht zum Donnerstage in die Exped: des Wchbls
kommen kann, so ist die Sache zu spät. (So vergißt man eine Sache.)
7. Es mangeln die Kästen 2' Gabe. 12 Ex. so in Amtgehren; ich
weiß gar nicht warum der Mann Dir die Sache nicht sendet.
8. Willst Du nun noch Kästen 2. Gabe haben zum Gebrauch in dieser
Zeit, dann würde Löhn wohl die eben bestellten Baukästen
V' Gabe 2e Größe nicht machen können, sondern sich gleich über eine Anzahl die
Kästchen zur 2n Gabe machen müssen. Nun
Du wirst ja selbst alles aufs beste einrichten.-
9. Die Kästchen zur 2n Gabe liegen in dem braunen Kasten unter
Deinem Schreibepult rechts im Gefach (bey Löhns).
10. Die Schilder (Etiquetten nicht Vignetten welches ja Bildchen sind)
liegen in demselben Gefach; so wohl die Schilder auf den Kästen /
[35]
als auf die Köcher der 2n Gabe. Die letzteren hatte ich noch bey mei[-]
ner Abreise in der Hand und von den ersten hoffe ich auch, daß
sie da sind.
11. Die weißen Litzen sind leider ausgegangen und müssen in ange[-]
messener Stärke und Qualität von Henning oder einem an-
deren Posamentirer besorgt werden. Ich würde Dir solche von
hier zu senden suchen, allein noch sind die Kleinigkeiten welche ich von
der Kesselringsche[n] Buchhandlung gefordert habe noch nicht aus Leipzig da,
auch weiß ich wirklich nicht ob solche hier zu bekommen sind. Eure
Probe mußt Du jeden falls mit schicken.
12. August soll aber diese Litzen mit weißem Wachs schön zuspitzen.
Ich glaube es ist am besten wenn die Spitzen der Litzen in heißes
Wachs getaucht werden, dann wird das überschüssige Wachs mit
dem Wasser abgenommen und die Litze indrin[ne] zugespitzt. Die Litze
blos mit Handwarmen Wasser zu wichsen und so zuzuspitzen
geht vielleicht auch, doch weiß ich's nicht, August kann's versuchen[.]
Allein zum Einfädeln spitz müssen die Litzen zu gespitzt seyn.
13. Ich habe zwar nichts dagegen daß Du Mengern 8 gl für den Schneider
gegeben hast; allein Du weißt daß er nun für sich selbst sorgen
soll und was er auch wenn er o[r]dentlich wäre gewiß kann, so hat
er gewiß kurz vor meiner Abreise und ohne Zweifel seit dieser Zeit
von der Miß u der Fr. Past: einige Thaler für seine Arbeiten erhalten[.]
Doch dem sey wie ihm wolle, ich will ihn nicht controlliren. Gut
wird es also seyn wenn Du ihn [sc.: ihm] abschläglich auf seine Forderung
von den beykommenden Rth 5.- prCt. Einen Thaler zu kleinen
Ausgaben giebst.
14. Kannst Du so lege von diesem Geld die, ich glaube 18 bis 24 Xr
für die Neujahrsänger zurück. Du kannst es in ein Papier
einschlagen mit Oblate zumachen und darauf schreiben "Für den Herrn Lauter".- Auch
dem alten Hopf kannst Du für den Monat
Xbr seine 6 Xr und der alten Hanne wöchentl ihre 2 Xr geben pp. /
[35R]
15. Das Milchgeld bey der Wolfram betrug wöchentl, wie Du sehen
wirst ohngefähr 18 gl so könnte denn ihre Forderung nicht viel
über 3 rth. seyn; es müßte denn seyn, daß noch ein Rest gewesen
wäre. Laß Dir das Buch geben, zähle jede Woche für sich zu-
sammen und schreibe soweit bezahlt ist dazu wie Du finden wirst
"bezahlt an den u den und WM." Ich hoffe ja daß Du ihr
von dem beyliegenden wieder 2 rth. bezahlen kannst, so daß Du
ein paar Thaler zu kleinen Ausgaben für Dich behältst; ich habe
aber nicht mehr Papiergeld.
16. Ich sehe jetzt daß der von mir gebrauchte Ausdruck allgemeine
Lieder ganz falsch ist; ich verstand darunter "Wandellieder"
(:dieser Ausdruck ist wohl dem sowohl fremdsprachigem als solda-
tischen Marschlieder vorzuziehen, wenn man nicht Geh- oder Gang-
lieder sagen will:) und die Lieder zu ganz bestimmten größeren
Spielen überhaupt auch einige unserer Natur- und Kinderlieder
darunter so hattest Du eines vom fallenden Laube u pipenden Vögeln. Wäre es möglich so die vollständigen Noten zu dem
Spiele beym jüngsten Concert zu bekommen so wäre es mir lieb
zu dem großen Spiele habe ich sie ja.
Eben sehe ich daß ich die Noten
dazu auch habe, nur fehlen die Chöre, und schön wäre es doch
auch diese zu haben.
17. Deine neuen Spiele kannst Du mir ja erst in Worten mittheilen. Im
Allgemeinen ist durchweg darauf zu sehen daß am Ende immer Lebens[-]
beziehungen, Gemüthsbeziehungen u Erhebungen; Beziehungen auf und zur
Gesittung; auch Gotteinigende, Natur- und Lebensachtende Hin[-]
weisungen, genug überhaupt höhere Beziehungen darinn und dabey
meinethalben in bestimmten Verschen die man gleich Sprüchen lernen
kann vorkommen. Mich dünkt die Worte zum letzteren Spiele
seyen dazu sehr leitend.
18. Auf diese Weise muß [man] wohl auch nach u nach die Bauliedchen
erweitern, wie dieß schon bey einigen z.B. Häuschen, Kirche
Schule der Fall ist. Auch ganz kleine Erzählungen in gebundener Rede
sind dazu anzufügen.- Wer nur Zeit hätte alles durchzuführen[.]- /
[36]
19. Ich habe immer in der Meynung gestanden Dein Wilhelm habe
mich in Rückbeziehung auf meine Frau Pathe genannt. Ist es
nun auch nicht, so soll das was ich gesagt habe darum nicht auf[-]
gehoben seyn.
20. Nach Barops Ansicht stimme ich also bey Menger für einen
Strölertschen Atlas à 1 Rth 8 gl. Giebt es noch ein kleineres geogr:
Handbuch meinetwegen für cca 12 gl so könnte man es noch hinzu
fügen. Ich habe vor einiger Zeit ein derartiges Fragebuch als Brücke
für Examinanten angezeigt gesehen, das wäre wohl zum Selbststu-
dium gut für ihn, worauf er also wie ich sehe in diesem Fache hinge[-]
wiesen ist.
21. Daß Du in die Schenke giengst, war mir gleich unter den mir eben
angedeuteten Umständen weder auffallend noch entgegen;
wie ja auch der Erfolg bestätigte.
22. - "Aber es schien mir als wenn ich selbst als ein unmittelbar
"Betheiligter nicht selbst dahin so sprechen dürfte."- Diese An-
sicht hat mir vielen Schaden gethan und thut es noch immer. Es ist
die Frucht von Einseitigkeit, Unklarheit und Befangenheit, daß man
eben eine Sache die doch eine allgemeine ist, in sich für seine eigene
Sache nur <nimmt> und beachtet. Es liegt - menschlich zu reden - gewiß
im Interesse Gottes daß es viele sich klar bewußte Geister <gebe>
und dennoch wirkt Gott auch dafür z.B. ["]dieß ist mein lieber Sohn"[.]
Wie aber Gott in Beziehung auf sich handelt dürfen wir als seine Kinder
in Beziehung auf das von ihm uns zu erfüllen und zu erreichen Über[-]
tragene auch handeln. So auch dieß wieder in Beziehung auf Jesu
als Vorbild für uns. Lieber theurer Middendorff unsere Unfrey-
heit in der wir hier aufgewachsen sind müssen wir furchtbar
büßen. Wie viele Tage u Wochen habe ich ununterbrochen dagegen ge[-]
kämpft. Komme ich nicht zum Ziele, so gebe ich n Niemanden Schuld
außer mir und einer gutgemeynten aber übelverstandenen
Erziehung; doch auch nicht den letzteren nicht einmal Dein was gäbe /
[36R]
es daß das nicht der festen Überzeugung der festen Zuversicht
"Gott ist mein Vater!" weichen müßte. Aber eben in dem
festen, der Festigkeit liegt es. Wir beugen und schmiegen uns
nach Menschen Meynung, als in Gottvertrauen wandellos
einher zu gehen. Wir gleichen - ich mag gar nicht sagen wann - gegen
das uns anvertraute Gute. Ich wußte von meinem ersten bewußten
Denken aus an, daß mich der Geist auf rechtem Wege zu führen gedachte
allein eine mißverstandene Ansicht der Kindheit u des Kinder[-] und
Knabenlebens brach mir die Flügel, zerschnitt mir die Sehnen. Was
half mir die Gluth im Innern und das Auge des Geistes was das ferne
Ziel klar schaute?- Ich konnte den Bogen nicht spannen, daß er
den Pfeil zum fernen klar geschauten Ziele trug. So verwech-
selte ich die Stärke u Macht der Überzeugung mit der Schwäche der
persönlichen, ich möchte sagen {Willenskraft / leiblichen Kraft[}]
und ging jene herab
in die Fesseln dieser und daß ich so das Persönliche u Vergängliche mit dem Unvergänglichen, Wahren verwechselte. Jetzt müssen uns einfache Gemüther das Rechte
und Wahre zeigen und sagen, wie jener Mann der Dir
gegenüber saß: "Wir wissen recht gut daß Sie nicht für Ihre
eigene Sache sprechen rc." Wie auch die Fürstin M. zu mir sagte:
"So weit haben Sie es gebracht daß man nicht glaubt daß Sie aus
eigennützigen u persönlichen um eigennütziger und persönlicher Absich-
ten willen handeln."- Laß uns Middendorff durch diese und
von dieser Durchschauung einfacher Gemüther ermuthigen
uns über das Niederziehende, Persönliche zu erheben.- Und
dieß um so mehr als ich sehen muß, daß alle mit welchen ich
über die Sache verkehre und welche der Einsicht nach alle mit
mir E einverstanden sind - eigentlich an der ganz gleichen
Krankheit - an Mangel an Willens[-] und Thatkraft leiden[.]
Du wirst gleiche Erfahrung haben, wie ja gleich Dein Dich beglei-
tender Pf.
23.) "Noch in der Nacht eilte ich nach Blkbg." Menschenleben ist wichtiger
als man glaubt. Dein Leben ist <wichtiger als d[as] meine>. /
[37]
24. (Dienstag am 14 Xbr:). Es freut mich gar sehr daß also nach Deinem Briefe
die Schneiderschen Sachen schon in den allerersten Tagen d. Mon. abge-
gangen sind ich danke dafür. Die Schmerbersche Buchhandlung forderte
2 Dzzd 4' Gabe, 1 Dzzd 3' Gabe; ich werde sie nun an Schneider ver-
weisen. In Frankfurt scheint die Sache wirklich allgemeiner Wurzel zu
fassen.
25. In Beziehung auf die Fr[.] v. Gl. bleibt es immer merkwürdig daß sie
sich noch nicht zu einer Actienunterzeichunung aus sich bestimmt hat; es
scheint als wollen diese beyden Frauen einmal erst besonders eingela-
den seyn, was mir eben nicht lieb ist. Sollten sie arm seyn?-
26. Daß Du die Einleitung zu den Mittheilungen an die Pivany übernommen
kann mir nur sehr lieb seyn. Ich danke dafür.
27. Was Du dem Unsinn in Lichtstädt in Beziehung auf seine Tochter und Eichfeld aus[-]
gesprochen ist mir lieb. Freylich muß so etwas gepflegt
d.h. unterstützt werden. Ebenso was das gegenseitige Spielbe-
suchen betrifft freylich könnte dieß nur unter Führung geschehen.
Auch geht dabey Zeit verloren. Es müßte so seyn, daß man sich auf
Plätzen träfe welche zwischen den beyden Orten liegen.-
28. Ebenso muß alles Ernstes unterstützt werden daß in Eichfeld
ein Kindergarten entstehe. Ich glaube die Schullehrer-Herren,
<Keitel> pp setzt es eher durch als der Herr Pf.- N. Sie sind dann un-
mittelbar dafür thätig.
29. Von Höhn dem Schulzen in Schaala hörte ich schon öfters Gutes.
30. Was Du mir als Bemerkung Deines Gespräches in dieser Familie wie
in der des pp. Bähring schreibst ist schon längst meine Überzeugung und
ich möchte sagen mein wahres Studium; allein es ist dieß nicht so
leicht zu erreichen wenn man nicht abermals <in dem Hohlen> ver[-]
meiden will welchem ich ja ganz namentlich entgegen arbeite
daß nemlich dem Kinde etwas Positives gegeben wird, was es
sich als ein ihm ganz Fremdartiges eignet, denn man glaubt es
gar nicht wie leicht Fremdartiges an dem Kinde so adherirt als gehöre /
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es zu ihm und es sich aneignet, als verstände es die Sache durch und
durch. Wohl weiß ich, daß ohne das Fundament des Gott- und
Lebenseinigen, der Gott- und Lebenseinigung alle Erziehung keine
Grundlage hat; es muß dieß aber kein gemachtes, Scheinfunda-
ment sondern ein im Innern des Menschen selbst gefundenes
s Selbsterkanntes seyn. Ich wollte mich Dir in dem heutigen Briefe
darüber, wie ich eben andeutete ausführlich aussprechen doch ist
die Zeit dazu heut zu kurz. Doch bleibt es der Ausgangs[-] und der Ziel[-]
punkt meines Wirkens allein um ihn zu erreichen fordert es ein
Mehrfaches.- Genau[e] Kenntniß des Kindes seiner verschiedenen Ent-
wickelungsstufen und deren Äußerungen; dann klares Schauen
des Zieles; weiter genaue Kunde des Mittels und die Beherrschung
desselben; endlich die Verbindung des Kindes und des Mittels zur
Erreichung des vorgesteckten Zieles. Das am Sonntage Niederge-
schriebene soll auch den Weg zum vorgesteckten Ziele bahnen.
- Ebenso weiß ich daß für Kinder unseres Alter[s] das <Intellective>
auch mehr hervortreten muß; allein auch dieß bedarf einer
sehr stetigen Beachtung und Bearbeitung. Für heut darüber genug.
- Unser jetziges Herabgestiegenseyn bis zum Bauernstande und
Bauernleben halte ich für einen sehr großen Schritt zum Ziele
der Menschheit wie zu dem uns vorgesteckten.- Du aber noch
bey weitem mehr Barop wird sich erinnern daß eigentlich unser Bestehen und
Fortschreiten in der Theilnahme der Bauern, beson-
ders des Bauern von Wartensee hat; Keilhau scheint jetzt
seine ächte Wirksamkeit, seinen Keimpunkt und Wachsknoten
gefunden [zu] haben; vergesse es aber nicht, daß es durch die Kind-
heit durch die Kinderwelt hindurch gegangen ist; was hätten uns
in Beziehung auf unser 25jähriges Wirken und das fest gehalten
wenn wir nicht auf der Kindheit geruht in den Kindergarten
gewurzelt hätten. Laßt uns dieß vor allem still pflegen[.]
Es pflanzt sich eine Sache leichter von Dorf zu Dorf als von Stadt zu Stadt. /
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31. In letzterer Beziehung nur meyne ich auch daß wir die eigen[en]
Volksblätter zu Mittheilungen benutzen z.B. den Thüringschen
Stadt- und Landbothen (Saalfeld <Nachr[ichten]) die Cahlaschen Nachrichten
(Buchbinder Becker daselbst). In diese Blätter sollte man, (wenn
die Dorfzeitung des Herrn Pfarrers Nachricht nicht aufnimmt) dessen
Anzeige senden, damit die Sache wenigstens zunächst unter dem
Volke besprochen werde. Kannst Dich darübE darüber Barop mittheilen.
In dem Thüringschen Stadt- u Landboten müßte aber die Sache für
den [sc.: das] Januarheft sogleich abgegeben werden.
32. Es ist mir bey d[es] He[rrn] Pfarrers Sendung an die Dorfzeitung besonders
lieb zu sehen wie die Redactoren dieses Blattes gegen uns gesinnt
sind.
33. Herr Hptm v. H. hat keinen Ernst; ich habe persönlich viel mit ihm
verkehrt.
34. Der Einwurf Schwartzens, daß die Eltern den Kindern entzogen
werden ist dem Stande der Sache nach der Gehaltloseste, sie
wissen es selbst, allein da eine gewisse Menschlichkeit durchschim-
mert, so halten sie ihn fest, weil sie nicht wollen.-
35. Was Barop von der Fr. v. B. sagt erkenne ich als wahr, wenn
sie nur nicht in einem gewissen Widerspruch mit der Prinzeß lebte.
36. Dem Aufsatz im allgem: Anz. dem sollte man ohne alle Beziehung
auf ihn stillschweigend einen andern entgegensetzen z:B. Fröbels
Beschäftigungs[-] oder Kindheitspflegende u entwickelnde Mittel und
die bisherigen Unterrichtsmethoden; und darinn zeigen, daß diese
nur Stoff geben um den Geist des Lehrers und Erziehers eben zu
wecken um frey und selbstthätig das Leben des Kindes zu erfassen
indem sie einen Organismus in sich tragen welcher den Gesetzen des
menschlichen Geistes angemessen, und ein Leben entwickeln, welches
in dem Leben und Gemüthe des Kindes wie des Lebens Wiederhall
finde, daß dadurch eben Lehrer Erzieher u Kind von der Fessel der
Methode frey werde[n], indem sie nur die Entwickelungsgesetze des M mensch- /
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[lichen] Geistes und Gemüthes, des geistigen menschlichen Lebens selbst in
Thätigkeit setzten und ihnen zu ihrer Entfaltung und Gestaltung und
so zu ihrer Erkenntniß nur den angemessen[en] Stoff reichen,
einen Stoff welcher wieder durch eben jene innern Eigenschaften
wie das Band zwischen {dem Kinde / dem Menschen} und der Natur, so hinwieder
durch diese mit ihrem Urgrunde u Schöpfer Gott
mache, ja welche sogar wegen ihrer Übereinstimmung mit der
menschlichen Natur für das Kind den Weg zum Christlichen anbah[-]
ne. (Prüfet Du und ihr [sc.: Ihr] selbst diese Andeutungen[.]) Nur wenige[r]
Worte bedürfte es, nur daß die Menschen sähen man läßt sich
nicht gleich im <Rommel> todttreten oder ins <Kehring [sc.: Kehricht]> werfen,
Angeführt könnte noch werden, daß sich diese Beschäftigungs[-]
besser Entwickelungs- und Bildungsmittel in ihrem Geiste und
Wesen am besten dadurch bethätigten, daß sie sich überall
da wo von ihrer sich von selbst ergebenden Gebrauchsart gar
nichts bekannt gewesen sey dennoch bewährt haben eben wo
sie mit Freythätigkeit von dem Erziehenden wie von dem Kinde
angewandt worden seyen. Du könntest diese Zeilen gerad
zu mit WM. unterzeichnet an die Redaction des A. A.
einsenden und zwar selbst als Dankeszeichen, daß er sich
einer wahrhaft in sich gegründeten Sache annehme. Noch
könnte besonders herausgehoben werden daß eben des Erfinders
sich im Leben bewährendes Streben dahin gieng (wovon viele
Beweise vorliegen,) den Geist und die Wirksamkeit seiner
Entwickelgs[-] u Bild[un]gsmittel von seiner Person und seiner
persönlichen Vertretung unabhäng[ig] zu machen.- Dieser
Aufsatz wäre auch für die A. Schulz. zweckmäßig, doch
zunächst für den A. A. wichtig. Ich dächte die Sache ergebe
sich für Dich leicht aus dem Gegensatz u als Gegensatz zu
dem Gegebenem, welches gewiß eine gewisse Entgegnung ist.-
Ich muß endlich schließen es ist 4 Uhr u Postschluß. DFrFr.
Bald mehr über den angeregten wichtigsten Punkt. Gott erhalte Dich u Euch alle.