Blankenburg bey Rudolstadt am
14en Oktober 1840.
Innig hochgeschätzte, liebste
Muhme.
Wenn die Menschen nur wüßten, welche
reine Seelenfreuden und welcher klare Lebensfrieden
aus der
innigen Einigung für Lebensentwickelung und Lebenspflege hervorgehe
und welche
bleibenden Seegnungen sich damit verbinden, sie würden
gewiß diesen köstlichen Preis auf-
richtigen und wahren
Lebensverständnisses und hohen Lebenseinklanges sich zu
verschaffen
suchen. Welche schönen Blüthen und gewürzigen Früchte
bringt mir in dieser Beziehung,
theure Muhme, wieder Ihr jüngster
Brief. Wohl fühlte ich mich schon längst durch Ihren
weiblichen,
mütterlichen und Gattensinn Ihnen und Sie mir nahe; wie ganz anders
aber
belebt und klärt sich dieses Lebensverständniß und erhebt
sich zu wahrem hohen Lebens-
einklang, wenn ich Sie liebe Muhme
mit Ihrem hochachtbaren Gatten im Kreise Ihrer
lieben Kinder, wie
Sie alle als ein Ganzes, Einiges mir Ihr jüngster Brief so
schön
zeigt - Leben, Kindheit, Kinderleben weckend, in dasselbe
ein- und demselben
nachgehend, d.i[.] wahrhaft spielend
entwickeln, erstarken uns es zum Bewußtseyn
bringen sehe. O, es
giebt unter der Sonne nichts kostbareres und lieblicheres,
aber
auch nichts ehrwürdigeres und erhebenderes als mit ihren
Kindern spielende Eltern,
besonders eine mit ihren Kindern
wahrhaft spielende Mutter. Wie tritt
mir nun in diesen Ihren
gütigen Mittheilungen wieder Ihre liebe Großtante
nahe, wie innig
dankbar fühle ich mich ihr geeint, warum?- wodurch?- was
weiß ich
von ihr?- Nichts weiß ich von ihr, als daß Sie [sc.: sie] Ihr Leben
als Kind
auf kindlichweibliche, mütterliche Weise, daß sie
überhaupt auf ächte Weise
anknüpfend an Natur und Leben und das
Gemüth verstehend und erfassend,
Leben zu wecken, Leben zu
entwickeln und so es zum Selbstbewußtseyn zu er-
heben verstand.
So greift Ihre liebe Großtante nun wohl längst dahin
geschieden,
auch noch in mein Leben entwicklend zum Bewußtseyn,
zur Klarheit und Sicherheit
es erhebend, ein, und so fühle ich
mich ihr innig nahe, innig geeint, und wodurch?-
durch
Lebensentwickelung, Lebenspflege!- Doch Ihr lieber, lieber Brief
einigt mich /
[1R]
noch mehr mit Ihren lieben
Freundinnen; "auch ihnen wird", sagen Sie, "daraus
Etwas
hervorgehen, was ihr Leben mit und unter den Kindern nur
beglücken und beseeligen
kann." So sind und erscheinen auch Sie
wieder hier Leben pflegend für Lebenspflege
und wer möchte sich
dafür nicht mit Ihnen und durch Sie da geeint fühlen wo Sie
es
sind. Sehen Sie theure Muhme und Freundin es giebt keine
unmittelbarere,
reinere, würdevollere, genügendere und Sie haben
ganz Recht, nur beglückende und
beseeligende Geistes- und
Seeleneinigung, als die für, durch und in Lebensent-
wickelung
und Lebenspflege. Lassen Sie uns darum dieses kostbare
Lebens-,
Geistes- und Seelegut, welches uns mit der Menschheit
und durch diese mit der
Gottheit, mit Gotte eint, nicht nur uns
und all unseren Lieben und Theuern
zu verschaffen und zu
erhalten, sondern auch immer mehr zu verallgemeinern
suchen; dann
wird den einzelnen Menschen und der ganzen Menschheit
erscheinen,
was sein Herz ersehnet und sein Gemüth ahnet; dann
wird in den einzelnen Fa-
milien wie in den größeren
Lebensvereinen wohnen was der Mensch so sinnreich
als schön
bezeichnet.-
Ich will Ihnen darum ohne Umschweif und gleich zu
Eingang einen Gedanken,
freylich zunächst nur zur Berathung mit
Ihrem hochachtbaren lieben Manne,
mittheilen, welcher mir durch
die vielfachen Beziehungen, welche Ihr lieber Brief
in mir
anregte kam; Ihr leicht eingehender, gütiger Sinn wird bald
finden
wie er aus denselben hervorkeimte und in denselben
wurzelt.-
Immer größere Verallgemeinerung erzogener und
gebildeter, d.h. ganz na-
mentlich in Beziehung auf
Kinderbehandlung und Kinderpflege unterrichtete[r]
Mütter, und,
wo sich diese schon finden, die Erziehung und Bildung von, ihnen
nach
den bestehenden Lebensverhältnissen so oft nöthigen
Gehülfinnen (Dienenden) zu
nächst in ihren eigenen
herangewachsenen Töchtern, Schwestern oder Verwandtin-
nen
selbst, dieß muß in der jetzigen Zeit wohl eine der größten Sorgen
und zu
lösenden Aufgaben seyn. Wer steht aber diesem
Wirkungskreise, ja oft bald
als eigene Mütter, wenigstens aber
als liebende und Hand biethende Ver- /
[2]
wandtinnen
näher als die Töchter der öbern Bürger- der höheren Töchterschulen,
der aus-
schließenden Erziehungs- und Bildungsanstalt für
herangewachsene Töchter und Jungfrauen.
Irre ich nun nicht so
haben Sie in Gera eine solche höhere Töchteranstalt, ob als
Privatunter-
nehmen oder als Sache der Öffentlichkeit, das thut
zunächst und wesentlich nichts zur
Sache. Sie sprechen nun
hochgeschätzte Muhme in Ihrem jüngsten lieben Briefe an mich
Ihre
tiefste, es als Ihre tiefste Überzeugung wie Kinderspiele und
Kinderbeschäftigung
recht erkannt und recht geleitet eine der
wichtigsten und wesentlichsten Seiten der Kin-
derpflege und
Kindererziehung sey. Nun spielen aber größere Mädchen und
Jungfrauen
entweder aus tiefliegenden Naturtrieb oder höherer
Gemüthsahnung auch noch gern
besonders lebenvolle,
gemütherhebende und geistesbildende Spiele. Überdieß sind den
oft
schon während des Tages und der Woche nur zuviel sitzenden
erwachsenen Mädchen
wohl während des Tages
einige eine oder während der Woche
einige Stunden zu freyeren
geistigen und leiblichen Bewegung zu
gönnen. Wie wäre es denn nun, meine gütige
in alles gern so
förderlich eingehende Muhme! wenn an dieser Ihrer höheren
Töchter-
oder Bürgerschule zu Gera wöchentlich und wären es auch
nur 2 oder 2 mal 2
Spielstunden eingeführt würden? In Rudolstadt
wird jetzt gar sehr daran gear-
beitet, es für mehrerer der
höheren Familien und selbst für die erwachsenen
Töchter
auszuführen, ja die Mütter sprachen mir aus, wir wollen
selbst daran Antheil nehmen.
Wenn nur erst meine theure Muhme,
der Gedanke unter den betheiligten Familien
Müttern, Eltern und
Töchtern Ihrer Stadt wirklich eingehenden Anklang fände und
findet,
so ließe und läßt sich dann schon das Weitere berathen
und die Mittel zur Ausführung
finden. Ich würde gern dazu nach
Möglichkeit die Hände reichen, Sie und der liebe Vet-
ter reichen
mir die Ihrigen, da hätten wir denn 6 Hände und dreyfachen guten
Willen
da ließe sich denn wohl schon etwas machen. Sie haben mir
beyderseits die schöne Er-
laubniß gegeben einmal einige Tage in
Ihrem lieben Kreise zu verleben, ich möchte
mir wohl diese Freude
gönnen. Da benutzte ich denn jede Stunde meines Aufenthaltes
bey
Ihnen die fähigsten Töchter der Anstalt oder auch sonst Frauen und
Mütter wenigstens mit dem
Spielgang und Spielgeiste bekannt zu
machen. Wäre es nur erst mit Lust und Liebe
angebahnt, /
[2R]
so würde es sich schon frisch und
kräftig fortentwickeln. Nun es ist ein Gedanke, ein mir
gleich in
seinem Entstehen lieber Gedanke, sollte er sich durch Mangel an
sonstigen nicht gün-
stigen Verhältnissen nicht verwirklichen
lassen, so sehen Sie wenigstens mein Streben und
meinen guten
Willen, nicht auf halben Wege stehen zu bleiben. Ließe es sich aber
aus-
führen, so würde Gera in dieser Beziehung bald musterhaft
vorangehend dastehen, und Sie
liebste Muhme! hätten das
freundliche Bewußtseyn es durch Ihr gütiges Eingehen ge-
weckt,
gepflegt und befördert zu haben. Zuförderst überlasse ich es jedoch
Ihrem Er-
messen ob Sie es Zeit-, Ort- und Sachgemäß finden.-
Beykommend erlaube ich mir Ihnen einige Exemplare unserer
Beschreibung des Keilhau-
Blankenburgschen Gutenbergsfestes und
der Gründung des deutschen Kindergartens zu
übersenden. Es wäre
mir eigentlich bey Ihrer seelenvollen und so allseitig fördernden
Theil-
nahme an diesem Unternehmen Pflicht gewesen
es sie Ihnen unmittelbar nach ihrer
Erscheinung
zukommen zu lassen; aber ich fühlte mich da in
gleichem Fall mit Ihnen, ich wollte Ihnen
nicht zu oft mit meinen
Briefen und Beylagen lästig fallen, obgleich dieß nie mit
den,
jederzeit das Werk mehrseitig, wie in mir, so nach Außen hin
fördernden Mittheilungen
von Ihnen der Fall seyn kann[.]
Von dem beyliegenden zweyten Exemplare machen Sie den Ihnen zur
weiteren Fortentwickelung
des Ganzen am zweckmäßigsten
erscheinenden Gebrauch, vielleicht in Ronneburg bey
den meinen
Bestrebungen theilnehmend geneigten Ihnen so warm befreundeten drey
Schwe-
stern <Reimschussel>. Da es Ihnen vielleicht auch
förderlich erscheinen könnte, nach mehreren
Punkten besonders zur
Erweckung weiterer Theilnahme darlegen zu können, wie weit
und
durch wen die Unterzeichnung bis jetzt vorgeschritten sey, so erlaube
ich mir noch
eine Anzahl einzelner Listen der bis gegen Mitte
vorigen Monats eingegangenen Unter-
zeichnungen beyzufügen. Seit
dieser Zeit sind noch einige Unterzeichnungen erfolgt, welche ich
we-
nigstens einstweilen abschriftlich beylege, damit Sie in
Übersicht über das Ganze bleiben bis heut sind der Unterzeichnungen
89.-
Daß Sie dem Gedankenfunken Herrn Prof
Lindner in L[ei]pz[i]g über diesen Gegenstand
zu schreiben
gefolgt sind, hat mich sehr gefreut; der Herr Prof:
hat sich schon gegen zwey meiner durch Lpzg
gereisten Freunde
sehr theilnehmend für die Sache geäußert, und ich bin bey dessen
höchst /
[3]
achtbaren Charakter in mir überzeugt, daß er
wesentlich zur Förderung des Unternehmens
würde wirken können,
wenn er bey Andern weniger streng in der Festhaltung der
äußern
religiösen Form, sondern mehr auf den religiösen Geist und
das religiöse Leben sehen wollte.
Ich habe bey meiner Anwesenheit
in Leipzig im Winter 1839 viel mit ihm verkehrt und wir
waren
sehr herzlich gute Freunde, darum ist es gar schön, daß er auch von
einer seiner ehema-
ligen lieben Schülerin[nen] wieder auf den
Gegenstand aufmerksam gemacht worden ist. Wie ge-
sagt bey der
sehr hohen Achtung, in welcher er noch bey seinen früheren wie auch
wieder bey seinen
gegenwärtigen Schülerinnnen stehen soll, könnte
er gewiß sehr förderlich unter den gebildeten
Frauen Leipzigs für
die Sache wirken. Sie sehen daraus theure Freundin, wie viel im
Leben
nicht sowohl von dem innern Geiste sondern von der äußern
Erscheinung bey der augenblicklichen
Förderung eines Unternehmens
abhängt, nun daß jener in dem Laufe der Zeit durchdringt
und den
Sieg erhält; dieß ist es denn auch was mich ganz beruhigt, in einiger
Zeit, minde-
stens nach meinem Tode kommt ganz gewiß, was ich
erstrebe. Denn es ist zu tief in dem Wesen
des Menschen, in der
Natur des Frauengemüthes und in den Forderungen der Menschheit
und
Kindheit bedingt, wenn auch in einer andern Form. Die Zeit
kommt ganz gewiß auf der Erde,
daß man die Familien als einen
Gottesgarten beachten und pflegen und die Veranstaltungen
zur
vereinten und gemeinsamen frühen Kinderpflege selbst für die
edelsten, gebildetsten und wohl-
habenden Familien als in der
Kindernatur und der Menschenbestimmung für nöthig erkennen
und
diese Veranstaltung mit den bezeichnenden Namen:
Kindergarten belegen wird.
Wenn nur erst eine einzige deutsche Kinderpflegeanstalt sich als
einen Kindergarten fühlt und
erkennt und als solchen nennt, dieß
wird schon Anklang findend, der Name
ist gar zu leben-
voll und für das Kind wie für die Erwachsenen
einladend. Könnten wir einen solchen
Kindergarten als Frucht der
Töchterbildung Leipzigs in Gera ausführen, so wäre dadurch
viel-
leicht auf Leipzig selbst zurück zu wirken, daß auch dort
zur Ausführung eines solchen geschritten
würde.-
Da Sie
dem Sonntagsblatte eine so ernste Aufmerksamkeit schenken, so
erinnern Sie sich
vielleicht meiner Mittheilungen über "
Krüsis Bedeutende Augenblicke in der
Ent-
wickelung des Kindes." Ich halte das Büchelchen zur sinnigen
Beachtung des ersten Kindes /
[3R]
für Mütter und
Kinderpflegerinnen überaus wichtig, indem denselben dadurch der
höhere innere Sinn
des äußeren erscheinenden Kindeslebens
gedeutet und so ihrem Nachdenken und ihrer Beachtung und
Pflege
nahe gebracht wird. Ich wünschte gar sehr, daß dieses Büchelchen mit
den erwachsensten Jung-
frauen der höhern Töchterschulen gelesen
würde, indem solche nicht allein als Töchter und
Schwestern
sondern selbst schon als ihrem weiblichmütterlichen
Berufe nahe stehend zur sinnigen Beachtung und
Behandlung der
Kinder und überhaupt der Kindheit hingeführt würden. Hier erlaube
ich
mir dieses Büchlein mit der Bitte beyzulegen, daß Sie es,
wenn Sie solches vielleicht selbst vor-
her einer ernsteren
Prüfung unterworfen haben, irgendeiner Ihrer lieben und geachteten
Freundin[nen]
welche eben jetzt ein kleines, wo möglich erst noch
in dem Säuglingsalter stehendes Kind als Gottes-
geschenk zu
pflegen hat, als einen Lebensgruß reichen möchten, wäre es eine
Beförderin des d.
Kindergartens oder wohl gar eine Ihr[er] lieben
Ronneburger Freundinnen oder Ihrer lieben Schwäge-
rin in Leipzig
um so lieber, wenn es nur wo es eintritt als zweckmäßige und liebe
Gabe erscheint.
Mögen Sie liebe Muhme nur mir zunächst meine
Bitte verzeihen. Wollen Sie es unter meh-
reren Ihrer Freundinnen
zum Lesen und Beachten den Kreislauf gehen lassen, so bin ich es auch
gern
zufrieden, doch sende ich Ihnen dazu auch gern noch ein
zweytes Exemplar.
Sie haben es nicht ungütig aufgenommen, daß
ich meiner vorigen Sendung einige abschriftliche
Mittheilungen
über den Fortgang meiner Bestrebungen beylegte; ich bin darum so
frey, auch
hier wieder einen solchen Auszug anzuschließen. Die
Überschrift erklärt ihn. Herr
Hochstädterder Verf: des Berichtes und der
Leiter dieser Kinderpflegeanstalt zu Frkft a/M lebte im vorigen
Herbste
während mehreren Wochen hier, um sich in dieser höchst
sorglich benutzten Zeit mehrseitig prüfend und aneig-
nend mit
der von mir angebahnten Kinderbeschäftigungsweise bekannt zu machen.
Er ist jetzt glücklicher
Bräutigam und verdankt merkwürdigerweise
seine sehr liebenswürdige und gebildete, dabey kindlich
gesinnte
Braut den Kinderspielen durch welche er sie kennenlernte, indem sie
durch ihre große Auf-
merksamkeit und sinnige Theilnahme an den
Kinderspielen seine Aufmerksamkeit auf sich zog
so daß er in ihr
seine, ihm von der Vorsehung zu seinem Berufe: Kindheitpflege -
beschiedene
Lebensgefährdin erkannte. Die Anstalt wurde am
1 Novbr v. J. eröffnet.
Noch gestatte ich mir eine kleine
Einladungsschrift eines gewissen He.
Karl Schneider zu
einer
gleichfalls im hiesigen Geiste errichteten Kinderpflegeanstalt zu
Frkft a/M hier beyzulegen. /
[4]
Herr Schneider war wie
Herr H. im Beginn dieses Frühjahres mehrere Wochen hier, seine
Anstalt eröffne-
te er in der Mitte des Mon. May und sie soll wie
ich höre guten Fortgang haben. Vielleicht be-
wirkt seine
freundliche Einladungsschrift auch unter Ihren Freundinnen und
Müttern Geras einen
freundlichen Verein zu einem Kindergarten.
Herrn Schneiders Gattin ist wie Sie aus
dem
Unterzeichnungsverzeichniß erfahren werden auch theilnehmende
Beförderin des d. K. G..
Seit einigen Wochen ist sie glückliche
Mutter eines lieben Kindchens darum hat sie in diesen Tagen
auch
Krüsis sinnige Gabe für
glückliche Gattinnen und Mütter begrüßt.-
Nun aber auch ein
persönliches Wort von mir zu Ihnen theure Muhme. Wie kommen
Sie
nur auf den Gedanken, daß Sie mir wehe gethan hätten. Ich
will es Ihnen nur offen gestehen,
Anfangs verstand ich gar nicht
worauf sich Ihre Entschuldigung bezog, denn Ihr zartes
überdieß
so herzinnig gutgemeintes Hinweisen auf das Nahe und
Kleine, dieß ist meiner Natur so ange-
messen und wohlthätig
gewesen, daß ich mir dabey nur Wohlbefinden nicht aber Wehe oder gar
Schmerz
bewußt geworden war. Es ist mein stetes und eifrigstes
Gebot daß ich das Nahe und Kleine als mein
höchstes und bestes
Ziel nicht auch dem aus den Augen
verlieren möge; ich hoffe es auch noch zu erringen,
worauf mich
auch meine Freunde mehrseitig hinweisen und ich so immer mehr die
Wege und Erscheinungen
der Vorsehung verstehen und Ihnen still
nachgehen lerne.
Seyn Sie mir meine liebe Muhme, wenn auch
gütige, doch ernste und strenge Freundin; fast
fürchte ich, daß
Sie es in der Beurtheilung des Sonntagsblattes nicht sind. Schon daß
Sie es
zu ih einem dauernden
Gegenstande Ihrer Unterhaltung gemacht hatten überraschte mich,
noch
mehr aber daß Sie es genießbar, ja Sie erfreuend gefunden
hatten. Alle Welt hat mir
zu[ge]rufen und wenn auch überzuckert
doch bittersüß hat man mir gesagt, daß das Blatt
schwerfällig
trocken, unverständlich und für Frauen - von welchen
ich es doch ich will meine Schwäche Ihnen
gestehen, vorzüglich
gern gelesen gesehen hätte - wirklich abschreckend geschrieben wäre.
Ich sage
es Ihnen, daß mich dieß zu einer Zeit fast krank gemacht
hat, indem ich mich über den Gegenstand
für den Druck nicht
anders aussprechen konnte und ich doch in mir die Nothwendigkeit
erkannte
dieß Blatt zu schreiben. Und so unterblieb auch darum so
lange seine Fortsetzung. Jetzt suche ich
diese Hindernisse zu
übersteigen; möge es mir gelingen zum Ziel zu gelangen. Ich hoffe es
doch noch, da
mir so freundlich ermuthigend wie von Ihnen die
Hand gereicht wird.- /
[4R]
Aber auch ein Wörtchen zu
den lieben jungen Vettern, die so schön spielen können, so sinnig,
daß ich selbst
bey ihnen in die Schule und Spielstunde gehen
möchte. Weil sie so allseitig beachtend noch mit dem
kleinsten zu
spielen im Stande sind und weil sie so fähig in dem Kleinen und
Kleinsten, das Große
und Größte zu ahnen ja schon zu schauen, so
will ich mir die Freude machen, denselben beykom-
mend die
4 ersten Gaben des Spielganzen und so selbst den kleinen und
unscheinbaren Ball
zu überschicken; dieser wird nun wohl bald für
die Hände der nun schon herangewachsenen
Vettern von der lieben
Mutter mit größeren vertauscht werden müssen; allein ich wollte
ihm es doch nicht ohne Anfang und
Anfangspunkt und also als ein Stückwerk, - was ich nun
einmal
nicht liebe, ja wirklich nicht kann - geben und so den
Ball zurück lassen. Auch dachte
ich kommt vielleicht ein kleiner
Spielgenosse überdieß bekommt auch jedes und selbst ein
unschein-
barer kleiner Ball eine hohe Bedeutung, wenn man es als
Glied eines größeren Ganzen
sieht und diese höhere Bedeutung
wollte ich den lieben Vetterchen gern in dem Balle ahnen
und
wirklich finden lassen. Es wird von Ihnen der lieben
einsichtigen Mutter abhängen ob sie viel-
leicht die 3e und 4e Gabe ein Wenig später
als die ersteren in Gebrauch geben will. Doch macht
unter
gewissen Umständen auch die Mehrartigkeit der Spiele nichts aus. In
den ersten beyden
Gaben behalte ich den Text zurück, weil er
größtenteils in dem S. Bl. enthalten ist, für die
3' und 4' Gabe
lege ich die Lithographien bey, weil nur einige derselben dem S. Bl.
beyliegen.
Sollten die l. Vettern neue Formen und Gestalten
oder Schönheitsformen erfinden so wird es
mich freuen, wenn Sie
Lust und Muße hätten solche aufzuzeichnen, welches durch das
Zeichnen
eines mit einem Kantelliniale -, d.i. mit einem Liniale
welches wie ein 4kantiges oder
wie man im gewöhnlichen Leben sagt
viereckiges Stäbchen 4 gleiche Seiten jede von ohngefähr
¼ Zoll
Breite - gezogenes rechtwinklichtes Netz leicht ist. So gehen aus den
Spiel-
übungen wieder Zeichenübungen hervor welche zugleich für
Auge und Hand, für Form und
Größe bildend sind. Wären die
Weyhnachts- und Neujahrsfeste in dem häuslichen Kreise
für Kinder
nicht gar zu schön, so würde ich die lieben Vetterchen in diesen
ihren Freyzeiten
zu mir einladen, dann wollten wir in dieser Zeit
hier einen schönen vollen Spielkranz
winden, durch welchen sie
nach ihrer Rückkehr Eltern und Genossen Freude machen sollten.
Sie erwähnen in Ihrem lieben Brief an mich auch eines [sc.: einen]
Neffen, durch welchen Sie /
[5]
von dem Daseyn des S. Bl.
Kunde erhielten. Ist dieser Ihr lieber Neffe ein Sohn Ihrer
[sc.: Ihres] Herrn
Bruders in Leipzig?- Ist er Buchhändler?- Oder
haben Sie sonst einen Verwandten oder
Bekannten welcher
Buchhändler ist?-
Endlich bin ich mit alle dem was mir auf dem
Herzen lag mit Ihnen, gütig nach-
sichtige Muhme, zu besprechen
zu Ende. Habe ich aber Ihre Güte nicht gemißbraucht?
habe ich
Ihre Nachsicht nicht zu stark herausgefordert?- Seyn Sie in beyden
Fällen
aufrichtig gegen mich. Gar oft während des Schreibens
wollte ich abbrechen, weil
des Besprochenen unter der Feder so
viel wurde und doch hatte das noch zurück und
übrig seyende noch
solches Interesse für mich, daß ich es nicht gern zurück lassen
wollte.
Wenn nun auch Ihre Güte, was ich wohl ersehne mir
wieder Verzeihung ange-
deyhen läßt, so bitte ich doch gar sehr,
daß die Beantwortung mancher Fragen u.s.w.
Ihre gewöhnliche
Lebensordnung, Sie in derselben nicht stören möge. Wer könnte
es
sich und wie könnte ich es mir verzeihen wenn ich auch nur leis
störend in Ihr häusliches
und Familienleben eingriffen.-
Womit soll ich nun diese meine lange Mittheilung beschließen?-
Womit anders
als mit der Überzeugung mit welcher ich sie begann
und von welcher ich wünschte daß
sie der Ausblick jeder Zeile
seyn möchte, daß es nemlich keine höheren Lebensfreuden und
keine
reineren Seelengenüsse giebt, als die der Einigung für
Lebensentwickelung, für
Lebenspflege. Möge dieser Friede und
diese Freude Sie und all die lieben Ihrigen
immer begleiten.
Die Reisenden, die Führer welche mit ihren Schaaren glücklich von
der Reise zurück ge-
kehrt sind und viel Freude mitgebracht
haben, also
Barop und
Middendorff zunächst
mit all
den Ihrigen grüßen Sie theure Muhme, den hochgeschätzten Vetter und
die lieben
Söhne auf das freundschaftlichste, besonders aber mit
inniger Herzlichkeit
Ihr
treugesinnter Vetter
Friedrich Fröbel /
[5R]
[leer]