Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Friederike Schmidt in Gera v. 14.10.1840 (Blankenburg)


F. an Friederike Schmidt in Gera v. 14.10.1840 (Blankenburg)
(BN 634, Bl 1-5, Brieforiginal 2 B+1/2 Bl 4°, zit. Prüfer 1909, 35. zit. Prüfer 1920, 66)

Blankenburg bey Rudolstadt am 14en Oktober 1840.


Innig hochgeschätzte, liebste Muhme.

Wenn die Menschen nur wüßten, welche reine Seelenfreuden und welcher klare Lebensfrieden
aus der innigen Einigung für Lebensentwickelung und Lebenspflege hervorgehe und welche
bleibenden Seegnungen sich damit verbinden, sie würden gewiß diesen köstlichen Preis auf-
richtigen und wahren Lebensverständnisses und hohen Lebenseinklanges sich zu verschaffen
suchen. Welche schönen Blüthen und gewürzigen Früchte bringt mir in dieser Beziehung,
theure Muhme, wieder Ihr jüngster Brief. Wohl fühlte ich mich schon längst durch Ihren
weiblichen, mütterlichen und Gattensinn Ihnen und Sie mir nahe; wie ganz anders aber
belebt und klärt sich dieses Lebensverständniß und erhebt sich zu wahrem hohen Lebens-
einklang, wenn ich Sie liebe Muhme mit Ihrem hochachtbaren Gatten im Kreise Ihrer
lieben Kinder, wie Sie alle als ein Ganzes, Einiges mir Ihr jüngster Brief so schön
zeigt - Leben, Kindheit, Kinderleben weckend, in dasselbe ein- und demselben
nachgehend, d.i[.] wahrhaft spielend entwickeln, erstarken uns es zum Bewußtseyn
bringen sehe. O, es giebt unter der Sonne nichts kostbareres und lieblicheres, aber
auch nichts ehrwürdigeres und erhebenderes als mit ihren Kindern spielende Eltern,
besonders eine mit ihren Kindern wahrhaft spielende Mutter. Wie tritt
mir nun in diesen Ihren gütigen Mittheilungen wieder Ihre liebe Großtante
nahe, wie innig dankbar fühle ich mich ihr geeint, warum?- wodurch?- was
weiß ich von ihr?- Nichts weiß ich von ihr, als daß Sie [sc.: sie] Ihr Leben als Kind
auf kindlichweibliche, mütterliche Weise, daß sie überhaupt auf ächte Weise
anknüpfend an Natur und Leben und das Gemüth verstehend und erfassend,
Leben zu wecken, Leben zu entwickeln und so es zum Selbstbewußtseyn zu er-
heben verstand. So greift Ihre liebe Großtante nun wohl längst dahin geschieden,
auch noch in mein Leben entwicklend zum Bewußtseyn, zur Klarheit und Sicherheit
es erhebend, ein, und so fühle ich mich ihr innig nahe, innig geeint, und wodurch?-
durch Lebensentwickelung, Lebenspflege!- Doch Ihr lieber, lieber Brief einigt mich /
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noch mehr mit Ihren lieben Freundinnen; "auch ihnen wird", sagen Sie, "daraus Etwas
hervorgehen, was ihr Leben mit und unter den Kindern nur beglücken und beseeligen
kann." So sind und erscheinen auch Sie wieder hier Leben pflegend für Lebenspflege
und wer möchte sich dafür nicht mit Ihnen und durch Sie da geeint fühlen wo Sie
es sind. Sehen Sie theure Muhme und Freundin es giebt keine unmittelbarere,
reinere, würdevollere, genügendere und Sie haben ganz Recht, nur beglückende und
beseeligende Geistes- und Seeleneinigung, als die für, durch und in Lebensent-
wickelung und Lebenspflege. Lassen Sie uns darum dieses kostbare Lebens-,
Geistes- und Seelegut, welches uns mit der Menschheit und durch diese mit der
Gottheit, mit Gotte eint, nicht nur uns und all unseren Lieben und Theuern
zu verschaffen und zu erhalten, sondern auch immer mehr zu verallgemeinern
suchen; dann wird den einzelnen Menschen und der ganzen Menschheit erscheinen,
was sein Herz ersehnet und sein Gemüth ahnet; dann wird in den einzelnen Fa-
milien wie in den größeren Lebensvereinen wohnen was der Mensch so sinnreich
als schön bezeichnet.-
Ich will Ihnen darum ohne Umschweif und gleich zu Eingang einen Gedanken,
freylich zunächst nur zur Berathung mit Ihrem hochachtbaren lieben Manne,
mittheilen, welcher mir durch die vielfachen Beziehungen, welche Ihr lieber Brief
in mir anregte kam; Ihr leicht eingehender, gütiger Sinn wird bald finden
wie er aus denselben hervorkeimte und in denselben wurzelt.-
Immer größere Verallgemeinerung erzogener und gebildeter, d.h. ganz na-
mentlich in Beziehung auf Kinderbehandlung und Kinderpflege unterrichtete[r]
Mütter, und, wo sich diese schon finden, die Erziehung und Bildung von, ihnen nach
den bestehenden Lebensverhältnissen so oft nöthigen Gehülfinnen (Dienenden) zu
nächst in ihren eigenen herangewachsenen Töchtern, Schwestern oder Verwandtin-
nen selbst, dieß muß in der jetzigen Zeit wohl eine der größten Sorgen und zu
lösenden Aufgaben seyn. Wer steht aber diesem Wirkungskreise, ja oft bald
als eigene Mütter, wenigstens aber als liebende und Hand biethende Ver- /
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wandtinnen näher als die Töchter der öbern Bürger- der höheren Töchterschulen, der aus-
schließenden Erziehungs- und Bildungsanstalt für herangewachsene Töchter und Jungfrauen.
Irre ich nun nicht so haben Sie in Gera eine solche höhere Töchteranstalt, ob als Privatunter-
nehmen oder als Sache der Öffentlichkeit, das thut zunächst und wesentlich nichts zur
Sache. Sie sprechen nun hochgeschätzte Muhme in Ihrem jüngsten lieben Briefe an mich
Ihre tiefste, es als Ihre tiefste Überzeugung wie Kinderspiele und Kinderbeschäftigung
recht erkannt und recht geleitet eine der wichtigsten und wesentlichsten Seiten der Kin-
derpflege und Kindererziehung sey. Nun spielen aber größere Mädchen und Jungfrauen
entweder aus tiefliegenden Naturtrieb oder höherer Gemüthsahnung auch noch gern
besonders lebenvolle, gemütherhebende und geistesbildende Spiele. Überdieß sind den
oft schon während des Tages und der Woche nur zuviel sitzenden erwachsenen Mädchen
wohl während des Tages einige eine oder während der Woche einige Stunden zu freyeren
geistigen und leiblichen Bewegung zu gönnen. Wie wäre es denn nun, meine gütige
in alles gern so förderlich eingehende Muhme! wenn an dieser Ihrer höheren Töchter-
oder Bürgerschule zu Gera wöchentlich und wären es auch nur 2 oder 2 mal 2
Spielstunden eingeführt würden? In Rudolstadt wird jetzt gar sehr daran gear-
beitet, es für mehrerer der höheren Familien und selbst für die erwachsenen Töchter
auszuführen, ja die Mütter sprachen mir aus, wir wollen selbst daran Antheil nehmen.
Wenn nur erst meine theure Muhme, der Gedanke unter den betheiligten Familien
Müttern, Eltern und Töchtern Ihrer Stadt wirklich eingehenden Anklang fände und findet,
so ließe und läßt sich dann schon das Weitere berathen und die Mittel zur Ausführung
finden. Ich würde gern dazu nach Möglichkeit die Hände reichen, Sie und der liebe Vet-
ter reichen mir die Ihrigen, da hätten wir denn 6 Hände und dreyfachen guten Willen
da ließe sich denn wohl schon etwas machen. Sie haben mir beyderseits die schöne Er-
laubniß gegeben einmal einige Tage in Ihrem lieben Kreise zu verleben, ich möchte
mir wohl diese Freude gönnen. Da benutzte ich denn jede Stunde meines Aufenthaltes
bey Ihnen die fähigsten Töchter der Anstalt oder auch sonst Frauen und Mütter wenigstens mit dem
Spielgang und Spielgeiste bekannt zu machen. Wäre es nur erst mit Lust und Liebe
angebahnt, /
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so würde es sich schon frisch und kräftig fortentwickeln. Nun es ist ein Gedanke, ein mir
gleich in seinem Entstehen lieber Gedanke, sollte er sich durch Mangel an sonstigen nicht gün-
stigen Verhältnissen nicht verwirklichen lassen, so sehen Sie wenigstens mein Streben und
meinen guten Willen, nicht auf halben Wege stehen zu bleiben. Ließe es sich aber aus-
führen, so würde Gera in dieser Beziehung bald musterhaft vorangehend dastehen, und Sie
liebste Muhme! hätten das freundliche Bewußtseyn es durch Ihr gütiges Eingehen ge-
weckt, gepflegt und befördert zu haben. Zuförderst überlasse ich es jedoch Ihrem Er-
messen ob Sie es Zeit-, Ort- und Sachgemäß finden.-
Beykommend erlaube ich mir Ihnen einige Exemplare unserer Beschreibung des Keilhau-
Blankenburgschen Gutenbergsfestes und der Gründung des deutschen Kindergartens zu
übersenden. Es wäre mir eigentlich bey Ihrer seelenvollen und so allseitig fördernden Theil-
nahme an diesem Unternehmen Pflicht gewesen es sie Ihnen unmittelbar nach ihrer Erscheinung
zukommen zu lassen; aber ich fühlte mich da in gleichem Fall mit Ihnen, ich wollte Ihnen
nicht zu oft mit meinen Briefen und Beylagen lästig fallen, obgleich dieß nie mit den,
jederzeit das Werk mehrseitig, wie in mir, so nach Außen hin fördernden Mittheilungen
von Ihnen der Fall seyn kann[.]
Von dem beyliegenden zweyten Exemplare machen Sie den Ihnen zur weiteren Fortentwickelung
des Ganzen am zweckmäßigsten erscheinenden Gebrauch, vielleicht in Ronneburg bey
den meinen Bestrebungen theilnehmend geneigten Ihnen so warm befreundeten drey Schwe-
stern <Reimschussel>. Da es Ihnen vielleicht auch förderlich erscheinen könnte, nach mehreren
Punkten besonders zur Erweckung weiterer Theilnahme darlegen zu können, wie weit
und durch wen die Unterzeichnung bis jetzt vorgeschritten sey, so erlaube ich mir noch
eine Anzahl einzelner Listen der bis gegen Mitte vorigen Monats eingegangenen Unter-
zeichnungen beyzufügen. Seit dieser Zeit sind noch einige Unterzeichnungen erfolgt, welche ich we-
nigstens einstweilen abschriftlich beylege, damit Sie in Übersicht über das Ganze bleiben bis heut sind der Unterzeichnungen 89.-
Daß Sie dem Gedankenfunken Herrn Prof Lindner in L[ei]pz[i]g über diesen Gegenstand zu schreiben
gefolgt sind, hat mich sehr gefreut; der Herr Prof: hat sich schon gegen zwey meiner durch Lpzg
gereisten Freunde sehr theilnehmend für die Sache geäußert, und ich bin bey dessen höchst /
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achtbaren Charakter in mir überzeugt, daß er wesentlich zur Förderung des Unternehmens
würde wirken können, wenn er bey Andern weniger streng in der Festhaltung der äußern
religiösen Form, sondern mehr auf den religiösen Geist und das religiöse Leben sehen wollte.
Ich habe bey meiner Anwesenheit in Leipzig im Winter 1839 viel mit ihm verkehrt und wir
waren sehr herzlich gute Freunde, darum ist es gar schön, daß er auch von einer seiner ehema-
ligen lieben Schülerin[nen] wieder auf den Gegenstand aufmerksam gemacht worden ist. Wie ge-
sagt bey der sehr hohen Achtung, in welcher er noch bey seinen früheren wie auch wieder bey seinen
gegenwärtigen Schülerinnnen stehen soll, könnte er gewiß sehr förderlich unter den gebildeten
Frauen Leipzigs für die Sache wirken. Sie sehen daraus theure Freundin, wie viel im Leben
nicht sowohl von dem innern Geiste sondern von der äußern Erscheinung bey der augenblicklichen
Förderung eines Unternehmens abhängt, nun daß jener in dem Laufe der Zeit durchdringt
und den Sieg erhält; dieß ist es denn auch was mich ganz beruhigt, in einiger Zeit, minde-
stens nach meinem Tode kommt ganz gewiß, was ich erstrebe. Denn es ist zu tief in dem Wesen
des Menschen, in der Natur des Frauengemüthes und in den Forderungen der Menschheit und
Kindheit bedingt, wenn auch in einer andern Form. Die Zeit kommt ganz gewiß auf der Erde,
daß man die Familien als einen Gottesgarten beachten und pflegen und die Veranstaltungen
zur vereinten und gemeinsamen frühen Kinderpflege selbst für die edelsten, gebildetsten und wohl-
habenden Familien als in der Kindernatur und der Menschenbestimmung für nöthig erkennen
und diese Veranstaltung mit den bezeichnenden Namen: Kindergarten belegen wird.
Wenn nur erst eine einzige deutsche Kinderpflegeanstalt sich als einen Kindergarten fühlt und
erkennt und als solchen nennt, dieß wird schon Anklang findend, der Name ist gar zu leben-
voll und für das Kind wie für die Erwachsenen einladend. Könnten wir einen solchen
Kindergarten als Frucht der Töchterbildung Leipzigs in Gera ausführen, so wäre dadurch viel-
leicht auf Leipzig selbst zurück zu wirken, daß auch dort zur Ausführung eines solchen geschritten
würde.-
Da Sie dem Sonntagsblatte eine so ernste Aufmerksamkeit schenken, so erinnern Sie sich
vielleicht meiner Mittheilungen über "Krüsis Bedeutende Augenblicke in der Ent-
wickelung des Kindes." Ich halte das Büchelchen zur sinnigen Beachtung des ersten Kindes /
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für Mütter und Kinderpflegerinnen überaus wichtig, indem denselben dadurch der höhere innere Sinn
des äußeren erscheinenden Kindeslebens gedeutet und so ihrem Nachdenken und ihrer Beachtung und
Pflege nahe gebracht wird. Ich wünschte gar sehr, daß dieses Büchelchen mit den erwachsensten Jung-
frauen der höhern Töchterschulen gelesen würde, indem solche nicht allein als Töchter und Schwestern
sondern selbst schon als ihrem weiblichmütterlichen Berufe nahe stehend zur sinnigen Beachtung und
Behandlung der Kinder und überhaupt der Kindheit hingeführt würden. Hier erlaube ich
mir dieses Büchlein mit der Bitte beyzulegen, daß Sie es, wenn Sie solches vielleicht selbst vor-
her einer ernsteren Prüfung unterworfen haben, irgendeiner Ihrer lieben und geachteten Freundin[nen]
welche eben jetzt ein kleines, wo möglich erst noch in dem Säuglingsalter stehendes Kind als Gottes-
geschenk zu pflegen hat, als einen Lebensgruß reichen möchten, wäre es eine Beförderin des d.
Kindergartens oder wohl gar eine Ihr[er] lieben Ronneburger Freundinnen oder Ihrer lieben Schwäge-
rin in Leipzig um so lieber, wenn es nur wo es eintritt als zweckmäßige und liebe Gabe erscheint.
Mögen Sie liebe Muhme nur mir zunächst meine Bitte verzeihen. Wollen Sie es unter meh-
reren Ihrer Freundinnen zum Lesen und Beachten den Kreislauf gehen lassen, so bin ich es auch gern
zufrieden, doch sende ich Ihnen dazu auch gern noch ein zweytes Exemplar.
Sie haben es nicht ungütig aufgenommen, daß ich meiner vorigen Sendung einige abschriftliche
Mittheilungen über den Fortgang meiner Bestrebungen beylegte; ich bin darum so frey, auch
hier wieder einen solchen Auszug anzuschließen. Die Überschrift erklärt ihn. Herr Hochstädter
der Verf: des Berichtes und der Leiter dieser Kinderpflegeanstalt zu Frkft a/M lebte im vorigen Herbste
während mehreren Wochen hier, um sich in dieser höchst sorglich benutzten Zeit mehrseitig prüfend und aneig-
nend mit der von mir angebahnten Kinderbeschäftigungsweise bekannt zu machen. Er ist jetzt glücklicher
Bräutigam und verdankt merkwürdigerweise seine sehr liebenswürdige und gebildete, dabey kindlich
gesinnte Braut den Kinderspielen durch welche er sie kennenlernte, indem sie durch ihre große Auf-
merksamkeit und sinnige Theilnahme an den Kinderspielen seine Aufmerksamkeit auf sich zog
so daß er in ihr seine, ihm von der Vorsehung zu seinem Berufe: Kindheitpflege - beschiedene
Lebensgefährdin erkannte. Die Anstalt wurde am 1 Novbr v. J. eröffnet.
Noch gestatte ich mir eine kleine Einladungsschrift eines gewissen He. Karl Schneider zu
einer gleichfalls im hiesigen Geiste errichteten Kinderpflegeanstalt zu Frkft a/M hier beyzulegen. /
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Herr Schneider war wie Herr H. im Beginn dieses Frühjahres mehrere Wochen hier, seine Anstalt eröffne-
te er in der Mitte des Mon. May und sie soll wie ich höre guten Fortgang haben. Vielleicht be-
wirkt seine freundliche Einladungsschrift auch unter Ihren Freundinnen und Müttern Geras einen
freundlichen Verein zu einem Kindergarten. Herrn Schneiders Gattin ist wie Sie aus dem
Unterzeichnungsverzeichniß erfahren werden auch theilnehmende Beförderin des d. K. G..
Seit einigen Wochen ist sie glückliche Mutter eines lieben Kindchens darum hat sie in diesen Tagen
auch Krüsis sinnige Gabe für glückliche Gattinnen und Mütter begrüßt.-
Nun aber auch ein persönliches Wort von mir zu Ihnen theure Muhme. Wie kommen Sie
nur auf den Gedanken, daß Sie mir wehe gethan hätten. Ich will es Ihnen nur offen gestehen,
Anfangs verstand ich gar nicht worauf sich Ihre Entschuldigung bezog, denn Ihr zartes überdieß
so herzinnig gutgemeintes Hinweisen auf das Nahe und Kleine, dieß ist meiner Natur so ange-
messen und wohlthätig gewesen, daß ich mir dabey nur Wohlbefinden nicht aber Wehe oder gar Schmerz
bewußt geworden war. Es ist mein stetes und eifrigstes Gebot daß ich das Nahe und Kleine als mein
höchstes und bestes Ziel nicht auch dem aus den Augen verlieren möge; ich hoffe es auch noch zu erringen,
worauf mich auch meine Freunde mehrseitig hinweisen und ich so immer mehr die Wege und Erscheinungen
der Vorsehung verstehen und Ihnen still nachgehen lerne.
Seyn Sie mir meine liebe Muhme, wenn auch gütige, doch ernste und strenge Freundin; fast
fürchte ich, daß Sie es in der Beurtheilung des Sonntagsblattes nicht sind. Schon daß Sie es
zu ih einem dauernden Gegenstande Ihrer Unterhaltung gemacht hatten überraschte mich, noch
mehr aber daß Sie es genießbar, ja Sie erfreuend gefunden hatten. Alle Welt hat mir
zu[ge]rufen und wenn auch überzuckert doch bittersüß hat man mir gesagt, daß das Blatt schwerfällig
trocken, unverständlich und für Frauen - von welchen ich es doch ich will meine Schwäche Ihnen
gestehen, vorzüglich gern gelesen gesehen hätte - wirklich abschreckend geschrieben wäre. Ich sage
es Ihnen, daß mich dieß zu einer Zeit fast krank gemacht hat, indem ich mich über den Gegenstand
für den Druck nicht anders aussprechen konnte und ich doch in mir die Nothwendigkeit erkannte
dieß Blatt zu schreiben. Und so unterblieb auch darum so lange seine Fortsetzung. Jetzt suche ich
diese Hindernisse zu übersteigen; möge es mir gelingen zum Ziel zu gelangen. Ich hoffe es doch noch, da
mir so freundlich ermuthigend wie von Ihnen die Hand gereicht wird.- /
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Aber auch ein Wörtchen zu den lieben jungen Vettern, die so schön spielen können, so sinnig, daß ich selbst
bey ihnen in die Schule und Spielstunde gehen möchte. Weil sie so allseitig beachtend noch mit dem
kleinsten zu spielen im Stande sind und weil sie so fähig in dem Kleinen und Kleinsten, das Große
und Größte zu ahnen ja schon zu schauen, so will ich mir die Freude machen, denselben beykom-
mend die 4 ersten Gaben des Spielganzen und so selbst den kleinen und unscheinbaren Ball
zu überschicken; dieser wird nun wohl bald für die Hände der nun schon herangewachsenen
Vettern von der lieben Mutter mit größeren vertauscht werden müssen; allein ich wollte
ihm es doch nicht ohne Anfang und Anfangspunkt und also als ein Stückwerk, - was ich nun einmal
nicht liebe, ja wirklich nicht kann - geben und so den Ball zurück lassen. Auch dachte
ich kommt vielleicht ein kleiner Spielgenosse überdieß bekommt auch jedes und selbst ein unschein-
barer kleiner Ball eine hohe Bedeutung, wenn man es als Glied eines größeren Ganzen
sieht und diese höhere Bedeutung wollte ich den lieben Vetterchen gern in dem Balle ahnen und
wirklich finden lassen. Es wird von Ihnen der lieben einsichtigen Mutter abhängen ob sie viel-
leicht die 3e und 4e Gabe ein Wenig später als die ersteren in Gebrauch geben will. Doch macht
unter gewissen Umständen auch die Mehrartigkeit der Spiele nichts aus. In den ersten beyden
Gaben behalte ich den Text zurück, weil er größtenteils in dem S. Bl. enthalten ist, für die
3' und 4' Gabe lege ich die Lithographien bey, weil nur einige derselben dem S. Bl. beyliegen.
Sollten die l. Vettern neue Formen und Gestalten oder Schönheitsformen erfinden so wird es
mich freuen, wenn Sie Lust und Muße hätten solche aufzuzeichnen, welches durch das Zeichnen
eines mit einem Kantelliniale -, d.i. mit einem Liniale welches wie ein 4kantiges oder
wie man im gewöhnlichen Leben sagt viereckiges Stäbchen 4 gleiche Seiten jede von ohngefähr
¼ Zoll Breite - gezogenes rechtwinklichtes Netz leicht ist. So gehen aus den Spiel-
übungen wieder Zeichenübungen hervor welche zugleich für Auge und Hand, für Form und
Größe bildend sind. Wären die Weyhnachts- und Neujahrsfeste in dem häuslichen Kreise
für Kinder nicht gar zu schön, so würde ich die lieben Vetterchen in diesen ihren Freyzeiten
zu mir einladen, dann wollten wir in dieser Zeit hier einen schönen vollen Spielkranz
winden, durch welchen sie nach ihrer Rückkehr Eltern und Genossen Freude machen sollten.
Sie erwähnen in Ihrem lieben Brief an mich auch eines [sc.: einen] Neffen, durch welchen Sie /
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von dem Daseyn des S. Bl. Kunde erhielten. Ist dieser Ihr lieber Neffe ein Sohn Ihrer [sc.: Ihres] Herrn
Bruders in Leipzig?- Ist er Buchhändler?- Oder haben Sie sonst einen Verwandten oder
Bekannten welcher Buchhändler ist?-
Endlich bin ich mit alle dem was mir auf dem Herzen lag mit Ihnen, gütig nach-
sichtige Muhme, zu besprechen zu Ende. Habe ich aber Ihre Güte nicht gemißbraucht?
habe ich Ihre Nachsicht nicht zu stark herausgefordert?- Seyn Sie in beyden Fällen
aufrichtig gegen mich. Gar oft während des Schreibens wollte ich abbrechen, weil
des Besprochenen unter der Feder so viel wurde und doch hatte das noch zurück und
übrig seyende noch solches Interesse für mich, daß ich es nicht gern zurück lassen wollte.
Wenn nun auch Ihre Güte, was ich wohl ersehne mir wieder Verzeihung ange-
deyhen läßt, so bitte ich doch gar sehr, daß die Beantwortung mancher Fragen u.s.w.
Ihre gewöhnliche Lebensordnung, Sie in derselben nicht stören möge. Wer könnte
es sich und wie könnte ich es mir verzeihen wenn ich auch nur leis störend in Ihr häusliches
und Familienleben eingriffen.-
Womit soll ich nun diese meine lange Mittheilung beschließen?- Womit anders
als mit der Überzeugung mit welcher ich sie begann und von welcher ich wünschte daß
sie der Ausblick jeder Zeile seyn möchte, daß es nemlich keine höheren Lebensfreuden und
keine reineren Seelengenüsse giebt, als die der Einigung für Lebensentwickelung, für
Lebenspflege. Möge dieser Friede und diese Freude Sie und all die lieben Ihrigen
immer begleiten.
Die Reisenden, die Führer welche mit ihren Schaaren glücklich von der Reise zurück ge-
kehrt sind und viel Freude mitgebracht haben, also Barop und Middendorff zunächst
mit all den Ihrigen grüßen Sie theure Muhme, den hochgeschätzten Vetter und die lieben
Söhne auf das freundschaftlichste, besonders aber mit inniger Herzlichkeit
Ihr
treugesinnter Vetter
Friedrich Fröbel /
[5R]
[leer]