Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 18.11./19.11./20.11./23.11./24.11.1838 (Blankenburg)


F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 18.11./19.11./20.11./23.11./24.11.1838 (Blankenburg)
(Rekonstruktion des Briefs aus zwei Dokumenten: UBB 66, Bl 214-217; Reinschriftfragment 2 B 8° 8 S. + KN 55,12, Abschriftfragment, foliiert E 826 - E 833, 8 S., Handschrift Otto Wächter; zit. Prüfer 1911, 128 [aus 217R].- Die beiden Bögen in UBB sind nur scheinbar ein vollständiger Brief. In KN 55,12 liegt das anschließende Abschriftfragment, von dem die Vorlage offenbar verlorengegangen ist. Im Brieflistennachtrag zu 1838 und in KN-Katalog S. 74 wird das Original v. 24.11.1838 irrig in UBB lokalisiert und als eigener Brief aufgefaßt. Der Beginn des Abschriftfragments gibt aber deutlich zu erkennen, daß es sich um eine Wiederaufnahme des Briefs handelt.- Die acht Seiten des Reinschriftfragments umfassen etwas mehr als das vierfache der Zeichen des Abschriftfragments; daraus ist zu folgern, daß die verlorengegangene Handschrift F.s zwei bis drei Seiten umfaßt haben dürfte.
F. irrt am Briefanfang: Der am Mittwoch, den 14.11.1838 abgesandte Brief muß der vom 11.11.-14.11.1838 sein, dieser wurde aber nicht (nur) am Dienstag, 13.11. geschrieben, sondern bereits am Sonntag, 11.11.1838 begonnen.)

[UBB, 214]
Blankenburg am 18e Novbr 1838.


Klarheit der Lebenseinheit
zum Gruß Dir lieber Langethal und durch Dich für all die l. Deinen.

Heut, es ist Sonntag Abend, heut hast Du vielleicht meinen am Dienstage an Dich
geschriebenen und am Mittwoch abgesandten Brief erhalten, was würdest Du
nur sagen wenn Du um mich seyn oder wenigstens aus der Ferne bemerken
könntest daß ich jetzt schon wieder einen Brief an Dich beginne, doch was wür[-]
dest Du dann erst sagen, daß es eigentlich mein Vorsatz war Dir heut schon, nicht erst
einen folgenden Brief an Dich schreiben sondern sogar schon an Dich absenden wollte;
ich glaubte nemlich bestimmt Middendorff würde Dir auf Deinen jü[n]gst empfa[n]ge-
nen Brief antworten und dann wollte ich auch wieder einige Zeilen beylegen;
allein Middendorff fand es nicht für nöthig und so verschob sich auch mein Schrei[-]
ben da andere Geschäfte die Zeit in Anspruch nahmen, doch jetzt drängt es mich
so an Dich zu schreiben, daß ich noch beginne ob es gleich schon bald Zeit zum Schlafen[-]
gehen ist. Und was ist denn das mich zum Schreiben an Dich drängt?- Es sind
im Gefühle inniger und ächter Lebenseinigung mit Dir und gegenseitigen
Verständnisses die Folgen und Wirkungen des Gedankens: es muß doch ge-
rad jetzt in der Zeit in welcher ich und wir leben Etwas seyn, was gerad
jetzt geschehen muß wenigstens gerad jetzt geschehen geschehen sollte, durch
das ganze Weltall hindurch überall wirkt und webt das Gesetz, in den heil[i]g[en]
Büchern selbst heißt es: da die Zeit erfüllet war. Nun hat Dich ja selbst das
Spiel mit dem Balle gelehrt und Du sprichst es wieder in Deinem so schönen Auf[-]
satze: ["]Mittheilung über den schöpferischen Lebenstrieb" uns und andern aus: wenn
wir nach den Gesetzen der Natur von der Natur etwas fordern so erfüllt
sie unsere Forderungen; Also: - wenn wir nach den Gesetzen des Lebens
der Entwickelung von dem Leben, der Entwickelung etwas fordern, so muß
um so nothwendig auch das Leben und die Entwickelung unsere Forderung
erfüllen. Seit sehr langer Zeit beschäftigt mich nun die Frage: was ist
denn nun der Zeit in der ich und zunächst weiter wir die wir uns als
ein Einiges erkennen das absolut Nothwendige, was sich jetzt zeigt was
erkannt werden kann?- Denn würde ich, würden wir dieses Nothwen-
dige erkennen und im Einklange und Selbstbestimmung mit demselben handeln
so müßten wir nothwendig mit allseitiger Freudigkeit zum Ziele kommen.
Also war erst die Erkenntniß eines Nothwendigen!- Und habe ich haben
wir dieß nicht gefunden nicht erkannt indem ich dieß mir und uns aus-
spreche?- Das Nothwendige in jeder Zeit, also auch in der unsrigen ist:
daß es etwas Nothwendiges giebt, was nothwendig gerad jetzt geschehen
sollte. Ein Nothwendiges habe ich darum gefunden auf dem ich sicher fußen
kann, es ist dieß daß jetzt nothwendig nach dem gesammten Stande
der Weltalls-, der Natur- und der Lebens-, darum auch nach dem Stand-
Punkte der Menschheitsentwickelung jetzt ein Nothwendiges geschehen soll, wenigstens ge[-]
schehen sollte. Wenn nun diese erste erkannte Nothwendigkeit klar und
nothwendigkeit ist, so folgt daraus mit Nothwendigkeit für mich als Glied- /
[214R]
Ganzem der Menschheit, daß ich jenes Nothwendige aufzufinden suche, mich
bemühe es auf zufinden und zwar so gewiß d.i. so nothwendi[g] als ich selbst
Gliedganzes der Menschheit bin und als die Folgen sind, welche daraus
hervorgehen.
Also statt einer, hatte ich nun zwey Nothwendigkeiten gefunden
Erstlich: es giebt nothwendig ein Nothwendiges, oder eine Nothwendigkeit
Zweytens: Es ist für mich und für jeden als Glied der Menschheit nothwendig
sie zu suchen[.]
Geht daraus nicht aber sogleich eine dritte Nothwendigkeit hervor die:
daß ich mich als Glied der Menschheit, also in Einigung mit derselben
nicht nur fühle, nicht nur erkenne, d.i[.] denke, sondern auch als solches
handle, überhaupt lebe; darum auch jenes erste Nothwendige in Einigung mit ihr suche?-
Die dritte Forderung der Nothwendigkeit wäre also: Einigung der einzel-
nen Menschen im und mit Bewußtseyn als Gliedganze der Menschheit
zur Erfüllung der gegenwärt[i]gen Bestimmung und Forderung der Menschheit das erste Nothwendige zu suchen.
Diese Forderung sehen wir nun aber auch die Menschen zwar in gewisser
Unvollkomm[en]heit, Äußerlichkeit und wir möchten fast sagen instinkt-
artig die Menschen erfüllen; allein sie erfüllen sie doch, und wir für
uns sehen dadurch wenigstens doch, daß wir den rechten und richtigen
Weg zur Erkenntniß des Wahren, zur Erkenntniß dessen was jetzt
dem Einzelnen und dem Ganzen Noth thut: eingeschlagen und betreten
haben. Wenn aber etwas mit Nothwendigkeit und Allseitigkeit, All-
erfassenheit geschehen soll (wie dieß die Forderung an jedes Gliedga[n]ze
als solches ist) so muß es von der Einheit vom Anfa[n]gspunkt ausgehen
darum sagen viele Erwachsene: ich wollte ich könnte jetzt nochmals
in die Schule gehen, jetzt wollte ich besser lernen, jetzt weiß ich
welchen Werth u welche Bedeutung die Schulzeit hat. Viele, welche ihr
Triennium auf Universitäten absolvirt haben und nun Candidaten sind sag[en]:
könnte ich jetzt nochmals auf Universitäten gehen, jetzt weiß ich wie
ich und was ich studiren soll.- Also in allen Lebenserscheinungen auf der
Stufe des Bewußtgewordensey[n]s und dem Streben des Bessermachens zugl. d[a]s
Streben zur Rückkehr in den Anfangs- und Ausgangspunkt; also
au[c]h umgekehrt die gleiche Forderung und Nothwendigkeit, wer etwas
richtig von neuen und mit Bewußtseyn dur[c]su[c]hen will, kehre zum
Anfa[n]gs- und Ausgangspunkt zurück, deßhalb die Forderung Jesu:
Werdet wie die Kinder - wenn ihr nicht werdet wie die Kinder pp.
Auch dieser vierten Nothwendigkeit: Rückkehr zur Kindheit - Vereinte
Rückkehr zur Kindheit scheint die Menschheit gleichsam als Natur-
forderung und instinktartig zu erfüllen.
So, mein theure[r] Lgthl hätte ich also als Nothwendigkeit u[n]d Muß
nicht eine sondern Vier Nothwendigkeiten gefunden. Es scheint
also wirklich h als hätten wir durch unsere Fragen und Suchen einen
sicher zum sicheren Ziele führenden Weg gefunden und betreten.
Nun aber die entgege[n]gesetzte Betrach[t]ung von einzelnen Lebenser-
scheinungen aus. Doch diese[n] Morgen schon geht es stark auf 12 Uhr[.]
Gute, gute Nacht.- /

[215]
Am 19en Nov. Guten, guten Morgen Lgethl. Suchen wir ehe wir weiter gehen das
gestern Abend Gefundene als ein Ganzes zusammen zu fassen: Also, Es giebt
ein Nothwendiges das von dem einzelnen Menschen als Gliedganzen der Menschheit
folglich im Vereine mit dem Menschen und der Menschheit, in menschlicher Einigung mit Bewußtseyn
gesucht und gethan werden soll und zwar von dem ersten Anfa[n]gs-
und Ausgangspunkte der Menschheit, also vom ersten Erscheinen des Lebens- und des
Lebenstriebes des Menschen, also von der Kindheit des Menschen, von der ersten Pflege
seines Lebens, seines Lebenstriebes d.i. seines schöpferischen, schaffenden Lebenstriebes aus.
Ich bitte Dich Langethal! ehe Du weiter gehest den Ausgangspunkt und die Folge dieser
Nothwendigkeit recht klar zu machen.
Nun die entgegengesetzte Betrachtung von dem Einzelnen von der Erscheinung aus.
Dein jüngster Brief an Middendorff leitet auch dazu ein: Du sprichst aus: dem
obgleich so großen und kräftigen Lthr habe doch ein Gedankern [sc.: Gedanken] gefehlt, also ein immer
bestimmendes Nothwendiges von dem all sein Handeln ausgegangen wäre; ((wie
denn in einem Kerne (:einen mit Selbstkraft K aus sich hervorstrebenden Er
mit Bejahung; Affirmation N so ei = ein:) alle Entwi[c]kelung, ja die Auffassung Umwandelung und
Aneignung alles Umgebenden mit Nothwendigkeit geschiehet;)) wie
Du nun aus diesem Mangel in Luther das Wesentlichste der jetzigen Entwickelungs[-]
stufe nicht des Protestantismus allein, so auch der Menschheit ableitest. Wie Du
nun den Luther ins Auge faßtest, so fasse einmal alle Erzieher ins Auge faßte
die Ergebnisse der Wirksamkeit aller, besonders ausübend erziehenden Herren
ins Auge, was bemerkst Du?- Sie gehen größtentheils in ihrem Streben unter,
sie selbst gestehen daß sie am Ende trotz aller Anstrengung wenig gewirkt haben - (:
so spricht der 72jährige Wilberg aus dessen SelbstLebensbeschreibung jetzt vor mir li[e]gt:)-
was aus ihrer Wirksamkeit hervorgeht, geht mehr daraus hervor wie solche
die Menschen erfassen und benutzen, als daß es ein[e] stete in Einigung fortgehende
Entwickelung ihres Wollens, ihres Strebens, des Strebens zu und nach ihrem Ziele sey;
Genug es erscheint unter den Menschen in ihrem Bewußtseyn statt einem
Einigen und Stetigen Einzelnes und Vereinzeltes. Nimm Comenius Leben, nimm Basedow
nimm selbst Campe, ohngeachtet seiner und seiner Freunde Revision der Erziehung, er selbst wurde
zuletzt kindisch, ebenso nimm Salzmann, man kann nicht sagen daß sein Sohn u Schnepfenthal eine
V Fortbildnerin u Pflegerin seines Lebensgedankens sey. Von Pestalozzi muß man sogar sagen
daß er rein untergie[n]g, <Bannister> starb in Amerika in größter Armuth u[n]d verlassen.
Nun lieber, theurer Langethal! Es waren dieß doch alles edle, treusinnig und hingebend strebende
Menschen, soll es denn ewig so bleiben daß solche Menschen im Lebenskampfe untergehen?-
Das kann doch gewiß nicht Gesetz, nicht Forderung der höhern Lebensentwickelung seyn und muß
endlich aufhören. Worin hat nun diese Erscheinung ihren letzten Grund, worinn muß sie ihren
letzten Grund haben? Konnte uns vielleicht das jährliche Zurücksinken der Blätter, vieler
Stengel, das fruch[t]lose Abfallen vieler doch schöner Blüthen, das fruchtlose Abfallen vielher [sc.: vieler]
halbreifer Früchte zur Antwort führen?- Was li[e]gt darinn?- Was liegt
wohl anders darinn als daß diese Alle das B ganze Wesen des Baumes
nicht in Einheit in Kraft u Fülle in sich aufgenommen haben; dieß also auf unsere
Frage und deren Beantwort[ung] angewandt, so müßten also die Erscheinungen in dem Leben
und Wirken dieser so edlen, vortrefflichen Menschen darinn ihren Grund haben, daß sie
dennoch das Wesen des ganzen Menschheitsbaumes nicht gleich einem
gesunden Kerne in Einheit, Kraft u Fülle in sich aufgenommen, wenigstens /
[215R]
nicht dargelebt hätten. Löse dieß nun l. L. ferner auf so sagt dieß ganz
dasselbe was die 4 oben aufgestellten Nothwendigkeiten fordern, ja
fällt mit denselben g[an]z in Eins zusammen. Als eine 5e Nothwendigkeit, aus
beyden auf gleiche Weise hervorgehend drängt sich aber noch auf:- daß da
wo etwas erkannt als nothwendig geschehen sollend anerkannt wird, daß
es da nothwendig auch geschehen soll. so soll nothwendig, um im Bilde zu r[e]den,
der gesunde, das Wesen des g[an]zen Baumes in sich schließende Kern, seiner
Bestimmung nach, auch das Wesen des g[an]zen Baumes in Gesundheit aus sich entwickeln
und darstellen. Aller Anfang zur Vereinigung der Mehrheit, zur Einigung der
Einzelnseiten li[e]gt aber in der Einigung sich verstehender Zweyer und nun bin
ich da wo ich seyn wollte und Du kannst mich, war ich in dem was ich aussprach
klar, so daß Du mich verstehen und mir folgen konntest - den Schluß des Ganzen
leicht selbst ziehen: - Gott hat uns beyden zunächst gegenseitig anerkennendes Ver[-]
ständniß und so innere und innerste Lebenseinigung geschenkt, es ist darum
nothwendig, daß wir in uns als Gliedganzen derselben zunächst die einige Menschheit darstellen und so
das zu finden streben was sie nothwendig jetzt suchen muß
und finden soll, also als jetzt einige Gliedganze der Menschheit streben
das zu finden, zu erreichen und zu erringen, was ihr zu erreichen (Ei = einem
Ganzen, Ring = einem Ganzen) zu erringen obliegt. Nun thun wir das
zwar durch Schrift u Wort, ja auch durch That u Handlung ehrlich und treu allein
dieß scheint für die Stufe was jetzt und durch uns jetzt für die Menschheit ge-
schehen soll nicht, lange nicht genug zu seyn wir beyde stehen in Volkes- in Landes-
in Orten in Wirkungs[-] oder vielmehr Wirkensverschiedenheit, genug - persönlich
getrennt und dieß scheint der Gesammtforderung des Ganzen, der gesammten Mensch[-]
heit zunächst noch nicht genügend. Es ist noch gar zu viel persönlich zu besprechen,
auszugleichen und zu einigen was kaum schriftlich, und dann was sogleich augen-
blicklich geschehen sollte, was unmöglich ist (ich werde davon sogleich ein Beyspiel
geben) deßhalb denke ich müssen wir mit Ernst an eine persönliche Wiedervereinig-
ung denken.
Daß wir uns verstehen, daß Du mich verstehst, daß Du im Wesen und in der Ford[er]ung
des jetzt aufgestellten Grundgedankens lebst dafür hast Du mir jetzt in Deiner
Mittheilu[n]g über den schöpferischen Lebenstrieb des Menschen, da wo Du die Bewegung
der Kugel aus dem innern Wesen denselben entwickelst u als Darstellung ihres inne[r]en
Wesens außer sich darstellst - einen klaren unzweydeutigen Beweis gegeben
denn Du hast gefunden was ich so lange suchte, und mir in mir so ein[e] Lücke ausgefüllt
die ich längst fühlte, eine Totalität u Einheit gegeben die ich lange schon vermißte
allein nun sollten wir sogleich auch persönlich geeint unmittelbar darauf
fortbauen, was unmögl[ich] ist. Dieß ist das Eine woraus die Nothwendigkeit
unseres persönlichen Zusammenwirkens hervorgeht, doch ein Zweytes trat mir
gestern Entgegen: - Meine Frau machte mich auf die in den 6n Band der Stunden
der Andacht (Gott in der Natur) stehenden Betrachtungen "über die Naturen in dem Menschen["]
aufmerksam, da stellt nun die zweyte Betrachtung - (ich bitte Dich sie nachzulesen)
die Seele den Menschen als eine Einigung von Leib, Seele u Geist hin, die Seele in
gewisser Selbstständigkeit und Geschiedenheit zwischen Leib u Geist und doch vermit-
telnd zwischen Leib u Geist hin. Ebenso wirst Du Dich erinnern daß Burchdach
"der Mensch" die Seele mit eigener Selbstständigkeit, d.i[.] eigenthümlicher Wirksamkeit
hinstellt.- /
[216]
Z[w]eytens. Auch I. M. Sailer im Thomas a Kempis III' Buch 34 H[au]ptabschnitt S. 336
unterscheidet Leib, Seele u Geist indem er sagt:
"Weise unterscheidet der Verfasser das Reich des Geistes u das Reich der
"Seele ..... Das war die älteste Rangord[n]ung: Geist, Seele, Leib. Und
"die wird auch bleiben." Auch Dr A. H. Ch. <Galpte> in seiner Betrachtung
des menschlichen Körpers und über den Geist u die Seele des Menschen unterscheidet
in der 1en Betrachtung: S[.] 4 u 5. den Geist, die Seele und die Hülle des Menschen oder d. Körper
daraus würde aber, besonders nach der 2en der genannten 4 Betrachtungen in den St u A.
die ich nochmals bitte Dich zu lesen, namentlich in Hinsicht auf Nachahmen u Gewöhnung,
Gewohnheit und so in Beziehung auf die Erziehung des Menschen ganz eigenthümlich
bestimmendes hervorgehen. Es müßte hiernach ganz wesentlich seyn, die Unterschei-
dung von Leib, Seele und Geist in der Erziehung aufzustellen und festzuhalten. Erkennen
wir nun Leib (Körper) und Geist als absolute Gegensätze, so stände dann fr[e]ylich die
Seele mit Nothwendigkeit als vermittelnd da. Ich gestehe offen daß ich dieß
noch nicht klar erkannt und noch weniger klar angewandt habe, so bestimmt ich auch
z.B. im S. Bl. wieder von Gewöhnung, Gewohnheit, von Nachahmung und Nachahmen
spreche. Du siehst mein theurer Lgthl. wie so wichtig es für unsern Zweck und uns
wäre, daß wir uns über diesen Punkt recht schnell und recht ausführlich also
persönlich mittheilten. Denn dadurch entdeckten wir vielleicht einen tiefen, durch[-]
greifenden bedeutenden Mangel u Lücke, welche unsere bisherigen Pflegeansicht des
Menschen nach gehabt hätte, d.h. noch nicht mit Klarheit hervorgetreten ist ob
wir gleich z.B. im Zeichnen auch früh das Nachahmen aufgestellt haben[.]
Aus all diesem geht nun hervor, daß wenigstens zunächst wir beyden zwey
rein und ganz dem Erziehungsgrundgedanken und dessen Pflege und nicht noch einem
Zweyten einen besondern Erziehungs- und Lehrberuf, nicht einen eigenen Er-
zieher u Lehreramt angehören sollten, sondern rein dem Dienste u der Pflege
des Erziehungsgrundgedankens; denn endlich soll und muß doch wohl die Mensch-
heit über diesen wichtigsten Lebenspunkt ihre[r] Selbsterziehung ins Klare kommen und
nicht mehr im Dunkeln herum tappen. So eben lese ich nun auch im Wilbergs Leben S. 173 das Her-
bart
sagt: ["]das Anschauen und Auffassen der Formen
"diese breiteste, feste[s]te Brücke zwischen Menschen und Natur verdient
"gewiß, sofern es nur irgend einer Kultur durch Kunst fähig ist (:diese
"Fähigkeit aber zeigen wir und stellen wir dar führen wir aus:) - daß ihm
"ein Haupttheil des pädagogischen Bemühens gewidmet werde."- Hier[-]
durch wären wir also wieder auf die Wichtigkeit unserer Bestrebu[n]gen hingewiesen.-
Ein bestimmtes Amt, ein bestimmter Beruf ist aber auch als ein Zwingendes, Zwängendes
Drängendes u. Forderndes von Außen bey der Pflege u Bearbeitung eines Gedankens und besonders Lebensgedanken[s] so lang nöthig, als man das Zwingende und Fordernde
zur Pflege und Fortbildu[n]g des Gedankens noch nicht in dem Gedanken, in der Idee
selbst gefunden hat; wir beyde dächte ich könnten nun aber die Überzeugung haben daß
wir dieß Fordernde in der Sache selbst gefunden hätten und keines Drängens und Trei-
bers mehr von Außen her bedürften.- Nun bin ich wieder im wesentlichen mit meiner
Mittheilung an Dich fertig ließ damit Du mich verstehst die genannte 2e Betrachtung in den S. u A.
vielleicht auch die vorhergehende und folgende, dann was Du sonst über diesen G[e]g[e]nst[an]d
besitzest: Burdach, Thomas a Kempis und dann prüfe alles, gewaltsame Schritte sollen
vermieden aber alles zur rechten Zeit zur rechten Entwickelung vorbereit[et] werden. /

[216R]
Am 20en Novbr. Zuerst habe ich heut auszusprechen, wie mein Gemüth von Dank zu
Gott erfüllt ist, der meiner Frau nach einer angreifenden Nacht und einem fast
noch heftiger ergreifenden Morgen doch einen leidlichen Tag schenkte, so daß sie zu
4 Uhr Nachmittags aufzustehen vermochte und nun in Wilbe[r]g Leben lesend
neben mir sitzt. Ich kann Dir theurer L. nicht sagen was heut alles mein Gemüth
durchkreuzte, doch jetzt Gott sey innigster Dank, jetzt ist die Gewalt des ermatten[-]
den Hustenanfalls und sein krampfhaftes Würgen vorbey, allein die treue Frau war
so durch und durch ermattet, erschöpft daß sie kaum noch sprechen konnte. Die Anfälle s[in]d
wenn sie kommen gleich gar zu heftig; ich mußte es Euch aussprechen, ich konnte nicht
in dem begonnenen fortfahren ehe ich Dir was in mir lebt mitgetheilt habe. Gott
so schenke der geliebten Frau eine gute, mindestens eine weniger angreifende Nacht als
die verflossene[.]—
Nun will [ich] - da ich gleichsam meine erste Pflicht erfüllt habe Dir mittheilen was ich
auf meinem Notizblättchen bemerkt habe.
1., Dein jüngster Brief an Middendorff hat mich hoch erfreut; es ist mit kurzem
Worte der Brief eines ächten Menschen- und Menschheitserziehers und zugleich
eines wahren Seelenarztes.
2. Was Du dem Middendorff über Vaterland und Heymath sagst, ist wie überhaupt
so besonders auch für uns wichtig und der ernstesten Prüfung werth. Eine zwey-
te Heymath ist aber auch die der Einigung des Gedankens und des Handelns[.]
3., Nun kann ich Dir meine Überzeugung klar aussprechen: Laßt uns unsere Kraft eini-
gen. Mache Dich nach und nach frey und komme zu uns, allein immer mit Über-
sicht und so Beachtu[n]g des Ganzen. Wie Ferdinand die Worte Schillers auf sich
und sein Leben anwendet, so lasse sie auf uns und unser Streben anwenden, im
kleinsten Punkte Einigung der höchsten Kraft. Wir haben nun das Erziehungsge-
biet gemessen, der Grundriß zum Aufbau des Erziehungsdomes, des Erziehungs[-]
gartens li[e]gt vor uns, allein laß uns nun den Grund[-] u Eckstein dazu legen.
Komme zu uns! Wir erringen vom Standpunkte des rein Menschlichen, vom allge-
mein Menschheitlichen früher oder später die Schweiz wieder allein dann auch
in ihrer höheren allgemeineren Bedeutung, wie wir sie jetzt nur im Besonderen
besitzen. Denn die allgemein menschheitliche Bedeutung in der ich zu ihnen kam
erkannten nur Pfyffer und Abbé Girard auch wohl Andere, allein diese hielten
sie nicht fest, darum kam es wie es kam.
4., Ferdinand dagegen muß sicherst als Diener des Besondern zum Gehülfen des Allge-
meinen emporarbeiten dann kann er von einem kräftigen MitArbeiter zu einem
tüchtigen Mitkämpfer werden. Ferdinand gehört also dem Allgemeinen noch
durch das Besondere hindurchgehend; wir, Du und ich aber, wir müssen dünkt
mich nun dem Besondern durch das Allgemeine hindurchgehend gehören; dieß
glaube ich bezeichnet wie überhaupt so auch besonders für uns eine wesentliche
Verschiedenheit des Wirkens. Darum meyne ich nochmals komme zu uns, das
deutsche Gemüth wie Du es erprobt, geweckt, erkannt, soll der Acker werden
auf den wir säen, das deutsche Frauengemüth besonders soll das gute Land werden.
Das deutsche Kinder- und Kindheit Gemüthe der gute Boden, auf welchem
der Saame ausgestreuet, gesäet werden soll, wenn auch sonst viel ins
Gestrüb, auf Wege und auf Felsen fällt. Laß uns keinem einzelnen
Nichts Einzelnen angehörn sondern den [sc.: dem] Grundgedanken, wie der Künstler, Dichter, <Verbum> wie die Jünger Jesu und die Apostel. /
[217]
Middendorf[f] ist dann wie durch das Allgemeine so durch si[c]h selbst der dritte; wie
es sich wohl besonders durch di[e]sen klar herausstellt, daß wir dr[e]y zu einem Einigen
Zusammenwirken zusammengehören, denn so wie Middendorff allein steht, zunächst
zwischen zwey gleichsam mit Nothwendigkeit bestimmenden, verliehrt seine Wirksam-
keit an Fruchtbarkeit.
5. Einen hier ganz wesentlichen Punkt muß ich Dir doch zur Beachtung und Bearbeitung vor-
legen, er ist mir zwar schon sehr oft entgegengetreten aber besonders bey
Wilbergs "Erinnerungen aus meinen Leben" (so der eigentl. Titel) Es ist der:
"Ein frühe in der Kindheit bewirktes Gotteiniges (religiöses, frommes) Leben
ist der Quellpunkt aller wahren MenschheitsEntwickelung und Erziehung.["] In
der Mitte und gegen das letztere <¼es> des vorigen Jahrhunderts wohnte und lebte
die Grundlage dazu noch in den deutschen Familien, jetzt scheint sie zerstoben und
selbst in unsern eigenen Familien nicht mehr auf die alte Weise in der alten
Kraft herzustellen zu seyn. Wie ist nun dieser wahr[e] Keim- und Entwickelungs[-]
punkt der Menschheit einig, kräftig, tüchtig, ausdauernd durch die von mir und
uns aufgestellten Entwickelungsmittel zu wecken und zu pflegen daß er wachse
und erstarke gleich einer deutschen Eiche?- Sag findest Du in Hinsicht des re-
ligiösen Gefühles und Lebens eine Verschiedenheit der Grundlage in dem
deutschen Kindesgemüthe und in dem Gemüthe der Schweizer, d.i[.] der Kinder
Deiner Pflege?- Weder in Wartensee noch in Willisau konnte ich dieß
aus zu großer kirchlich religiöser Verschiedenheit nicht prüfen, wie findest
Du es in Burgdorf?-
6. Was ich aussprach ist nur um den Blick offen zu erhalten und keine zu weit
bindende Verhälnisse einzugehen. Ich habe gewöhnlich länger als ein Jahr
Verhältnisse - und sehr sorglich gepflegt - die ich in mir doch fest entschlossen war
zu lösen, so habe ich eigentlich nie einen gewaltsamen Schritt gethan, ja
es lösete sich alles weil ich stets alles für meinen Zweck im Auge hatte,
wie von sich selbst. Meiner Frau Ansicht habe ich oben am Rande an-
gedeutet[.]
7. Middendorff scheint durch die Gesammtheit seines Lebens u seiner Verhält-
nisse bestimmt Deutschland u wenn in Keilhau, die Pflege der klei[n]en K[i]nder
fest zu halten[.]
8. Ebenso Frankenbe[r]g, doch war dieser jü[n]gst sehr lebensbedrohend krank
doch ist er jetzt besser.
9. Es ist doch höchst merkwürd[i]g wie die Lebensgefahr immer uns zur Seite geht. /

[215R]
(Randergänzung, chronologisch hierhin gehörend:)
Am 20 Novbr. Abends. Meine Frau die dieses so eben lieset meynet: wir wären ja früher so klar darüber gewesen das Deutschland eines G[e]genpunktes bedürfe. Darum prüfet! /

[217V]
(wieder 217V)
Am 23 Novbr: Dieser Brief sollte gestern früh abgehen allein die Bothin kam nicht, nun wird er
wohl bis zum Sonntag liegen bleiben.- Zuforderst mit meiner Frau geht es in so fern etwas besser
daß der Husten ein wenig nach gelassen hat, sonst ist der Körper unaussprechlich angegriffen
und sie durch und durch schwach -- Möchte es möglich seyn daß ihr allgem: menschl. Sein auf alle
Frauen des Hauses übertragen werden könnte.- Sie sagt oft: ich möchte wohl wissen was
aus mir geworden wäre wenn ich so geführt worden wäre wie ihr anstrebt?- Ich möchte
es auch wissen; allein warum sind dann die Früchte unseres Wirkens doch gar zu gering und warum
erfüllen unser[e] Zöglinge im Ganzen doch so wenig unsere Hoffnungen?- Wird denn der Mensch gar zu früh aus
sich herausgerissen?- Und ist es denn nicht möglich daß wir das, was wir doch in uns als ein höheres
allgemein menschliches Fundament anerkennen müssen, auch in andern pflegen zu können. Statt innige
Einigung zu einem hohen dem wahren menschlichen Zweck ist jetzt alles zerstreut - nicht so wohl per- /
[217R]
sönlich und örtlich als dem Lebenszwecke, der Lebensansicht nach; ich meyne nemlich unserer
Schüler unsere Zöglinge. Welche Kraft schied sich mir schon von um in Deinem Bruder;
und doch kann ich mir in seiner Pflege gar keinen Grund nachweisen, gar keinen Grund
in dem Innersten meiner Gesinnungen und so auch bey den Kindern. Daß ich ein Ziel
fest im Auge hatte, doch das höchst menschliche und menschheitlich[e], war und ist das ein Fehler
ein Fehl- und ein Mißgriff[?] Was sagt denn Dein und Deiner Ernestine Innerstes dazu?- Es
handelt sich um Erringung des Lebenszweckes, Erreichung des Lebenszieles, darum seyd aufrichtig[.]
Hätten denn unsere Erzieher bey uns, hätten unsere Eltern mit uns nicht auch einen festen Zweck.
Ist denn die Zerstreuung in dem menschlichen Gemüthe jetzt so früh gewurzelt, da es doch
scheint als sey Einheit und Ein[i]gu[n]g ein Grundstreben im Menschen. We Zu welchen inneren
Lebensergebniß hätte es kommen müssen wenn nur noch 2, ja nur noch eines der kräftigen
Zöglinge dem Grundgedanken der ihre Erziehung leitete, treu geblieben wäre?— Welch ein
Mangel und doch wie tief und wahr gegründet erscheint jener Grundgedanke, wie in
seinem ersten Entkeimen, wie in der Anerkenntniß welche er doch später so vielseitig
von den verschiedensten Orten wie von den Denkendsten und Edelsten erhielt.- Über das sich
Gestalten und das Entkeimen des Grundgedankens muß ich Dir doch folgendes mittheilen. Unger
ist zu Zeiten sehr eingehend in das Ganze und dann nimmt wohl unser Gespräch einen allgemei[n]en
höhern Gang. So sagte ich vor ein paar Tagen auch durch ein solches Gespräche veranlaßt zu ihm:
"Aber Unger wissen Sie auch wohl, wodurch Sie eigentlich zu mir gekommen sind?["] - Er: "Nein".
Ich: "Durch den deutschen Freyheitskrieg 1813/14." Er: "Wie so?" - Ich: "Sehen Sie Herr Lgethl. Mff
Wetzstein u.a.: wir lernten uns in jenem Kri[e]ge, ja d[urc]h denselben, d.h. d[urc]h den Zweck
und den Grundgedanken desselben kennen; nicht durch den Grdgedanken alle[i]n, sondern d[urc]h
das unmittelbar persönlich hingegebene Wirken dafür; so war also durch die gleiche That, durch das gleiche Wirken
für den gleichen Gedanken, er mochte sich nun in jedem einzelnen
durchs Wort aussprechen wie er wollte unmittelbar das persönliche Verständniß
bewirkt, was noch durch die gleiche rein menschliche allgemeine Gesinnung in jedem <erhöhrt / erhöhet>
wurde ((:Also That u Thun einte so sage ich jetzt gleiche That für gleich allgemein menschlich
gefühlten Zweck, spreche ich mir jetzt aus; sollte dieß nicht auch (wie in kriegerischer)
so in friedlicher Wirksamkeit z.B[.] jetzt dadurch zu bewirken seyn, daß wir durch
eine gemeinsame That ein gemeinsames Thun, dem allgemeinen Bedürfniß der ersten
Kinderpflege durch unsere Spiele, und so der ursprünglichen Befreyung des ersten Kinderlebens
von dem Zusammenhangslosen rc: rc[.] entgegen kämen?-:)) Genug wir fanden uns später
wieder zusammen erst in Berl. dann in Keilhau. Durch Wetzstein wurde ich mit der Frl. v[.] R[.]
bekannt, die Sie Unger, dann zu uns gab.— So das Gespräch fortgeführt auf die 3 Fröbel[.]
Mein Br[u]d[e]r starb durch jenen Krieg und so wurden seine Kinder d[urc]h ihn Waise u.s.w.
Auch die Osteroder: Mein Br[u]d[e]r wurde d[urc]h die Folgen des Krieges bestimmt einem Rufe von
mir zu folgen u[n]d [nicht] in seine Heymath zurück zu kehren. So kam Dein Bruder d[urc]h Dich; die Johns
durch Deinen Bruder rc[.] alle im Fortgang einer Ideenentwickelung zu uns. Durch den Krieg
kam ich wie gesagt zum 2en male nach Berlin, dort lernte ich meine Frau später kennen, aber als
diese d[urc]h den Gr[un]dgedanken der Einheit alles Lebens; der Krieg war eigentlich das Einigende
von Middendorff, Dir, Ernestin[e] u meiner Frau. So vermittelt kam Barop zu uns; so durch die
nun klare Lösung der Au[f]gabe einer deutschen Erziehung wurde ich mit Prof: Krause, d[urc]h diesen
mit Frkbg bekannt. Die Isis entstand auch in jener, d[urc]h jene Zeit. So hat eigentlich unser G[an]zes
Leben in dem Gr[un]dgedanken des Jahres 1813/14 seine Einigung. Was war aber jener Gedanke: - Darstel-
lung rein menschlichen u menschheitl. Lebens.- Aber jener Gedanke kam mir schon 1805 durch
einges Leben in mir u mit der Natur, so ist er also ein allgemein wahrer Gr[un]dgedanke;
darum muß ihm aber auch treu unser Leben gewidmet bleiben u.s.w. u.s.w.- !!Langethal!!- DFrFr

Am 24sten Nov. Mit m: Frau geht es sehr schwach.- Weder Middendorffen noch Frankenbe[r]g habe ich seit Wochen hier gesehen; doch soll es ihnen besser gehen.- Von beyden also ohne Hülfe.-

[KN 55,12 / (1 = E 826)]
Blankenburg am 24. Novbr. (1838) Abends.
Was würdest Du sagen m. th. Lgethl.
wenn Du mich abermals ein Blatt
ergreifen sähest um noch ferner
an Dich zu schreiben. Doch die Bey-
lage kann es Dir deuten: ein
Brief ist von Leonhardi. Zu diesem
nun von mir einige Bemerkung.
A. Wie Du lesen wirst so fordert
man von mir daß ich von hier
aus einen jungen Mann für
Frkfurt. wählen soll. Du siehst,
da sind nun die Pferde wie-
der hinten angespannt, denn die
hiesigen jungen Leute mögen
gut werden wenn man sie
zwischen zwey Feuer bringt,
ich meyne zwischen mich als Lehren-
den und zwischen aus der Ferne
gesandte Lernende. Das-Aus-der-
Ferne-Kommen, das weckt, das
feuert an, das ist der Sauerteig
der mir nun fehlt.- Doch will
ich sehen was zu thun ist.-
B. Leonhardis Aufforderung zur
Ausfertigung der Preisbestimmung /
[2 = E 287]
kam ganz a tempo. So kam
ich durch Deinen und seinen Brief
auch zwischen 2 Feuer, was zwar
schon gefangen hatte, allein es
waren doch 2 gute Schürer, und
nun endlich bekommst Du auch
ein vollständiges Preisverzeich-
niß. Frankenberg der glaub
ich seit Mich: heut zum ersten
mal wieder hier ist, sitzt
mir gegenüber und schreibt
es für Dich ab; diesen Nachmit-
tag schrieb er es für Frankfurt 
a/Main ab, was nun schon nebst
anderen Sachen heut Nachmit-
tag zur Post gesandt ist, so for-
dert es.
C. Frankenberg sagt er befände
sich wieder ganz wohl.
D. Zu No 3 des S. B. welches Dei-
nen Aufsatz enthält ist heut
die Correktur nach dem Drucker
gegangen. Morgen hoffe ich die
Correktur von No 4 zu bekommen.
E. No 1, 2 und 3 wenigstens soll
noch vor Weynachten abgehen,
ich meyne heut über 8 Tage /
[3 = E 828]
möchte es dann zu Neujahr an
Dich gelangen.
Folgen werden dann noch
50 Ex. Liedchen zum Ball und Be-
wegungsspiele
20 Ex. Schönheitsformen zum Spiel
5. Gabe
12 Ex. Spielkästen 4. Gabe, so
daß Du mit den mitgenomme-
nen 8 Ex. nun 20 Ex. hast.
12 Ex. Lithographie dazu
20 Ex. Schilder an die Spielkästen
9 5t Gabe die [Du] noch anleimen
lassen kannst und dann ist
es doch besser, wenn alles sein
ordentliches Festgewand hat.
F. Weil Du für das S. Bl. nur 20 Abon-
nent[en] hast, soll ich Dir wohl noch
100 Ex. vom 2n Bande [senden] oder nur
50 Exempl.- wenn ich doch Deine
Meynung wüßte!-
G. Wäre denn die Stelle in Frankfurt a/M
eine Stelle für Wilhelm Clemens?-
Doch nein, nein! er ist doch ja nicht
musikalisch. Wie mir nur jener
Gedanke kommen konnte?-
H. Bekomme ich wohl bald etwas von /
[4 = E 829]
unsern Fröhlich?- Dann wäre ich
fröhlich!-
J. Middendorff sagt mir: Du habest
Liedchen zum Würfel und zum
Ball gesetzt und da er glaubt
daß ich sie schon habe, so forderte
er sie jetzt von mir. Ich bekomme
solche wohl in Deiner versprochenen
Fortsetzung Deiner Mittheilung
über den schöpferischen Trieb Lebenstrieb?-
Nun zum Schluß noch eine freund-
liche, sehr freundliche Gabe.
Ich habe so oft des Dr. Stoy und
der Fr: Pfarr: Richter erwähnt. In der
Art wie sie mein Leben und Wir-
ken erfaßte war es auch natürlich
daß ich sie gern in das Innerste der
Entwickelung meines Lebens einführte
und so kam es dann auch, daß ich
ihnen aussprach wie und worinn ich den
13. Novbr. als den Stiftungstag mei-
ner Anstalt betrachte. Jüngst am
23. Novbr. (Sie hatten und haben
nämlich in sich den 13. und 23. Nobr.
mit einander verwechselt) bringt
mir früh am morgen unser Unger
2 Briefe ich erkannte am Siegel /
[5 = E 830]
den von Dr Stoy und erbrach ihn
zuerst, was ich las war das

Jubellied
zum 23 Novbr.
Ich deutete es mir ohngeachtet der
Irrung im Tage bald, und der Brief
von der Fr. Pastor Richter lehrte mir
bald das Ganze, wie es mich bald
durch dämmert hatte.
Das Jubellied findest Du von
der Güte Frkenbergs, wie den Brief
von Leonhardi hier beyliegend.
Bey dem Liede wird Dir die Bemerk-
ung gewiß nicht entgehen daß es
ganz in dem Geiste des luther-
schen Liedes gedichtet ist. Theile
es abschriftlich unsern Ferdi-
nand
mit, oder noch schöner,
wenn Du er Euch zu Weynachten
besucht so bringe das Gespräch auf
die Gründung Griesheims und
Wartensees, mein Brief an ihm
regt es ja an, und dann singt
ihm vierstimmig das Lied vor
indem Du ihm eine Abschrift je-
doch mit dem berichtigten Tag
(13. Novbr.) überreichst, dieß sey /
[6 = E 831]
dann von dem Geiste des Ganzen,
für ihn sein Christgeschenk. Ist
denn Ferdinand wohltätig wenn
er so das Wirken eines Gastes,
Eures Geistes; Eines Grundge-
dankens
, Eures Grundgedankens
sieht: auch für Spießes wohl wohl-
thätig: auch für Ries; auch für an-
tonen [sc.: Antonen] und Howald, auch für Fröh-
lich
. Genug für Alle, alle welche
treu am Werke arbeiten. An
denselben Tage Abends bekam ich
auch den Brief von Leonhardi,
da sagte meine Frau: "Nun heut
mußt Du Dich recht dankbar gegen
Gott zu Bett gehen!" und ich
habe es gethan. Auch für den
Herrn Pfarrer Stähli ist so etwas.
Auch dem Pfarrer Bitzius kannst
Du es als einen Beweis der freyen
Anerkennung des Grundgedankens
mittheilen. Hoh[e]s glimmt in Deutsch-
land könnte es nur geschürt d.i.
gepflegt von uns gepflegt werden.
Einige Zeilen die ich soeben von
Barop erhalten - Emilie ist näm-
lich in diesen Tagen auch sehr un- /
[7 = E 832]
wohl gewesen und kann jetzt
noch nicht das Innere Zimmer verlassen.
Middendorff muß wieder
das Bett hüten; er befand
sich sehr, sehr wohl, da arbei-
tet er denn wahrhaft unbe-
dacht, ja unverzeihlig vom
Morgen bis zum Abend und nun! -
liegt er wieder und wird
so schwerlich die Reise nach
Dresden mitmachen können,
für die er sich hätte schonen
sollen. Urtheile aus seinen
eigenen Worten.
Heut morgen schreibt er mir: -
Was ich meiner Seits gewußt
habe ich gethan die Krank-
heit zu heben: (Nur höre wie!)
auch mich geschont und in Acht
genommen (höre wie!) und
wie weit es gehen wollte
in das thätige Leben gewor-
fen (ja wahrhaft geworfen)
so daß ich von Morgens 9 Uhr
bis Abends 7 Uhr
ununterbro-
chen dem Kinderleben angehört
habe, wo ich dann gewöhnlich
 /
[8 = E 833]
so müde war, daß ich froh war
wenn ich die Schlafkammer hatte
.
Ist das vernünftig und was
kann ein einziger solcher Tag hel-
fen wenn der Nachhalt fehlt
und die Dauer, der Nachhalt macht
es bey den Kindern. Von Mid-
dendorff
möchte ich beynahe sagen
was Keck Wetzstein von Keck sagt:
Es fehlt ihm das Gleichgewicht
des Lebens; - Nun könnt Ihr
schon bis Weynachten auf ei-
nen Brief von mir warten.
Aber ich bekomme doch bald
einen von Dir?- Künftigen
Mittwoch möchte ich reisen, wenn
ich nur eine treue Pflege bey
meiner schwachen lieben Frau
hätte. Grüße an Alle Dein
Fr Fr.