Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 13.11.1837 (Blankenburg)


F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 13.11.1837 (Blankenburg)
(UBB 47, Bl 152-156, Brieforiginal 2 ½ B 8° 10 S. Das Blatt 156 ist falsch foliiert: Die Seite, die rechts oben als "156" gezählt ist, ist nach der jetzigen Rückseite zu lesen. Dafür spricht der Inhalt, aber auch, daß F. 152V, 154V und jetziges 156R als Beginn eines Bogens bzw. Blatts durchnumeriert hat.)

1)
Blankenburg am 13en Novbr. 1837.


Klarheit im Leben
Gesundheit, Kraft und Ausdauer Dir, und durch Dich
Euch allen zum Lebensgruß.

  *
*  *
Dein lieber am 4 Novbr zur Post gegebener Brief l. Lgthl hat
uns alle gar hoch erfreut und war wie gewöhnlich eine theure
Sonntagsgabe für uns. Als ich am Sonnabend, wo die Bothin Deinen
Brief gebracht hatte, nach Hause kam, rief mir meine Frau noch auf der Treppe ent-
gegen: "Wir haben schon wieder einen schönen Sonntagsgruß für morgen
aus der Schweiz, <aus> Burgdorf erhalten!"- Ich will es Dir aber auch
offen gestehen es ist für mich, für meinen Geist, mein Gemüth und ge-
sammtes Leben und Wirken auch ein gar hohes, ein erhebendes und immer
von neuem bekräftigendes und ermuthigendes Geschenk, was ich aber
auch in jeder Hinsicht gar sehr bedarf. Du hast ganz recht l. L. es
kostet jetzt nicht den Todessieg sondern den "Sieg des Lebens". Du wirst
Dich aber auch erinnern daß ich Dir und Middendorff es schon früher
ausgesprochen habe als wir von den Opfern sprachen was jedesmal
die Erkämpfung und Erringung einer neuen Menschheitsentwickel[u]ngs
Stufe kostet. Jetzt ist dem Menschen äußeres und sinnliches, wenn auch
sehr veredelter und vergeistigter Lebensgenuß <auf - >
< ---- > das Höchste und der muß geopfert werden.
Oft möchte ich ermattet unter der Last der Durchdringung des äußeren
Lebens welche jetzt meine Wirksamkeit fordert erliegen; da ist es denn
ein wahres Himmelsgeschenk, wenn einem Briefe wie die Deinen,
welche das thatsächlich fortschreitende Leben und
sey es auch noch so klein, in Mittheilungen der Lebens-
thatsachen selbst
als Blüthen und Früchte des hinopfernden angestrengten Lebenskampfes
wieder ermuthigen und erheben. Trägst Du nun die Überzeu[g]ung in Dir,
daß mein Leben und Wirken für das G[an]ze der Menschheit wohlthätig
und seegensreich sey, so wirkst auch Du durch Deine Lebensmittheilungen
an mich auch wieder für Dein menschheitliches Lebensziel.- Ein
gewisser Schmid, Bruder des Joseph Schmid, schrieb mir vor nun fast
30 Jahren als ein Jüngling von 17-18 Jahren ins Stammbuch:
"wenn Sie je ermatten sollten, so denken Sie an Vater Pestalozzi"[.]
Er starb bald darauf ein Opfer seines Strebens, doch dortmals glaubte
ich nicht daß eine solche Aufforderung an mich je nöthig seyn würde. Jetzt
ist sie mir oft stärkend, als der Zuruf eines Verstorbenen, welche
Zurufe mir immer, als durch den Tod besiegelte Wahrheiten viel gelten. -
Aber man sieht auch daraus wie ein leiser, einfacher Ausspruch wenn
er von einem eingehenden kräftigen Gemüthe im Leben und für Leben fest
gehalten wird, viel wirken kann und dieß tröstet mich wenn ich jetzt
da und dort sehe wie doch manches meiner Worte auch Keime schlägt.
Siehe nun mein L. Lgthl so kommen wir denn wieder auf unsere Re- /
[152R]
formationen. Siehe mein theurer Langethl der welcher mir jene Worte schrieb
war wie ich sagte ein Jüngling ich glaube kaum 17 Jahre ein Mensch ohnge-
fähr wie Dein Antonen. Er schrieb es mir als er auch einem Berufe welcher
Muth u Ausdauer kostete, ohngefähr wie Dein Antonen bey Dir jetzt hat
entgegen gieng. Er sprach es vielleicht sich im Geiste aus, als er es mir
aussprach, kurz er dachte nicht an Reformation, noch sah er sich als
einen Reformator an. Nun siehe aber auf den Geist und die Richtung
dessen was er mir aussprach heißt es anders, als:
halte ausdauernd, mit Muth und Entschlossenheit zur Ausführung
und Anwendung im Leben fest was Dir Gott ins Herz, Gemüth
und Geist gelegt hat, was Du als Mitgabe Gottes für Deinen
Erdenberuf für Dein Erdenwallen in Dir fandest[.]
Nun was meynst Du wohl theurer Langethal wenn wir und unsere
Kinder, wenn nun der größere, ja nur ein kleiner Theil der Menschen
dieß in sich wahrhaft von ihrem ersten Bewußten Lebensmoment
durch Ihr ganzes Leben hindurch festhielten, würde dadurch nicht eine
ganze Umgestaltung des ganzen Menschenlebens, aller menschlichen
Verhältnisse herbey geführt werden?- Würde so der der diesen Aus[-]
spruch that, ihn lebte, ihn durch Leben u Tod besiegelte u bewährte - nicht
ein Reformator des ganzen menschlichen Lebens werden?- Wir Wenn
Wir, Du und ich und wir alle in Keilhau, Burgdorf, Willisau rc nun
diesen Ausspruch als einen Schmidschen festhielten, ihn im Leben einzuführen
suchten u wirklich einführten, könnten wir Schmid nicht zu einem Lebens
Reformator erheben?-
Daß das Größte in dem Kleinsten ruhe, daß aber das Größte nicht dasjenige
ist was räumlich sich am weitesten ausdehnt, am meisten Raumfüllend
ist, sondern dasjenige ist, was nach allen Richtungen hin am vollkommen-
sten ausgebildet aus sich hervorgetreten ist und in dieser allseitig vollen-
detsten äußeren Erscheinung wieder am weitreichendsten wie am bleiben-
sten wirkt; daß somit das Größte - (als im kleinsten aber in Vollendung pp pp
entwickelter Gedanke, Grundgefühl) in jedes Menschenbrust ruhe: z[.]B[.]
ich habe mich nicht erschaffen,
ich habe mir mein Seyn und mein Daseyn nicht gegeben ich habe mir meine Anlage zum Bewußtwerden dieses Seyns
nicht gegeben, ich habe die Gesammtheit der Bedingungen unter und mit
welchen ich mich entwickeln soll nicht gemacht; Ein Wesen, Ein Seyn, Ein
Leben, Eine Liebe aber ist aus dem dieß alles hervorgieng u besteht also in
Einheit u in Einigung mit diesem Wesen, nur als Gliedganzes des All
welches auch aus dieser Einheit wie ich selbst hervorgieng und in Selbstüber[-]
einstimmung kann ich mich nur entwickeln, u.s.w.
Diese Überzeugung möchte ich in jedes Menschen in jedes Kindesbrust nur
nur [2x] anerkannt nur gepflegt machen, dieser Gedanke, dieses Grundgefühl
kommt gewiß, ganz gewiß in {jedes Menschen / jedes Kindes} Brust nicht allein weil
er Mensch ist, sondern weil wir [sc.: er] schon von bewußt[-]
werdenden u im gewissen Grade von bewußtgewordenen Menschen umge-
ben ist, allein unser Lebens ist zu rauh, zu laut, zu massig, voll von
Vorurtheil, Gewohnheit, so daß der leise zarte Hauchgedanke in des Kindes /
[153]
Gemüthe nicht gepflegt wird, daß er aber gepflegt frühe gepflegt werde, daß [sc.: das] ist alles - alles was ich will. Ich
will den Menschen [nicht] zu Nichts machen, allein ich möchte daß er das
werde, es durch und nach den ewigen Bedingungen aus sich selbst werde
nach welchem er aus dem ewigen Seyn in die Erscheinung und ins Daseyn
getreten ist. Es ist ein höchst nachtheiliges Vorurtheil daß man die Be-
dingung zu allem s Sinnigen, zu allem s Sittigen, Tüchtigen zu allem vom
Menschlichen u menschheitlich[en] immer und immer
nur groß
nennt; schon diese ewig wiederkehrende daß Vorstell[un]g; daß alles
Große auch aus dem Großen hervorgehen müsse (weil wir sinnlich
große Thiere, wieder große Thiere geb und kleine Thiere wieder kleine
Thiere räumlich u sinnlich gebären sehen) schon diese Vorstell[un]g ist herun[-]
derziehend betäubend, vernichtend, schwächend; So selbst die Vor-
stellung Gott ist groß, Groß ist Gott.
Durch diese Vorstellung ist gleich Tren[n]u[n]g von Gott gegeben, denn ich fühle
mich klein. Denke Dir nun einmal - denn Du hast Dir Gott nun
schon la[n]g genug Groß u als das Größte gedacht, denke Dir nun aber
Gott einmal klein u als das Kleinste - denn klein muß er seyn indem
sich setze sein Leben sein Wesen als Leben in der kleinsten Mücke in dem kleinsten Infussionsthierchen
im Sonnenstäubchen kund thut. Als mir vor 24 Jahren ohngefähr der
Gedanke kam Gott als das Kleinste zu denken zu empfinden, und somit
auch im Kleinsten, gieng eine ganze Veränderung in meinem Denken Empfinden
und Handeln hervor, jetzt denke ich nicht nur Gott, jetzt fühle u empfinde
ich ihn nicht nur, nein! er ist mir (ich bin ja einmal nach Gottes Willen
ein körperliches u sinnliches Wesen) er ist mir auch räumlich in seinem
Wesen nah: denn ist nicht in der Kugel - im Würfel im Ball – in Jedem
was Du nur anschauest eine in sich einige unsichtbare
Mitte und Einheit das Allbestimmende der ganzen Form u Erscheinung?-
Ist aber Gott nicht in seinem Wesen muß Gott nicht in seinem Wesen
Einig, unsichtbar (nur geistig wahrnehmbar) allbestimmend seyn? -
siehst Du Langethal so schaue ich Gott.
Mein theurer Langethal wenn ich nun diesem meinem Geistes schauen
in allem Umgebenden, wenn ich nun diesem meinem Gottschauen in allem
was ist getreu erzogen, gepflegt, bekräftigt worden wäre, wenn
Vorurtheile, Gewohnheiten mich nicht früh in Fesseln geschlagen hätte[n]
wenn ich nicht mit Menschen wirkte, deren geistig einiges schauendes
Wesen ebenso wie das meine von Jugend auf gepflegt und vor Vor-
urtheil, Gewohnheit gesichert worden wäre. Mein geliebter
Langethal was müßte aus dem Leben nur zweyer, dreyer sogar
vier und mehr solcher Menschen für ein Wirken hervorgehen? -
hervorgegangen seyn und wir sind doch mehr als 12 solch verbundene
Menschen. Mein geliebter Langethal! Was meinst Du welche Früchte
müßten aus dem Leben nur zweyer so in Gott geeinter so Gott
schauender sich darum gegenseitig so vertrauender Menschen für die
Menschheit hervorgehen?-?-?- Seht, Siehe Langethal dahin wollte
ich Kleinster Euch immer erheben. Allein Euer fast unbesiegbares
Vorurtheil: - nur durch das Größte u Großes erhoben werden zu /
[153R]
zu können hat Euch davon abgehalten. Siehe Langethal das ist die Folge
- ich könnte fast sagen der Fluch - (So verkehrt dem Menschen
verkehrte Lebensansicht Gottes seegen in Fluch) - daß [sc.: das] ist die trau[-]
rige Folge daß unsere bis jetzige Erziehung uns von Kindesbeinen u
von Jugend an unsern Geist von dem Leben großer Menschen und
Männer umschwärmt, und unser Gemüthe von den Thaten
großer Menschen drängt; unser Leben gerade zu -- denn das Große
wird erst in der Zeit und durch die Zeit - in Fesseln schlägt. Mein
theurer Langethal, machte man uns dagegen einfach unserm Gemüthe
treu leben befähigte man uns durch Entwickel[un]g unserer Kräfte
und Anlagen dazu, weil so daß wir mit steigender Kraft uns
zur Darstellung und Ausführung unseres Gemüthslebens auch die Mittel
u den Stoff dazu verschaffen, selbst erschaffen mindestens aneignen
K könnten und ließe man allen Plunder von großen Menschen
weg womit man uns wie Hirsche und Hasen zum todtschießen
ins Leben einlappt (Du verstehst doch diesen Jäger- und Jagdausdruck?-[)]
wahrlich Langethal! es würde mehr als große - es würde
gute Menschen geben, und so würden wir wahre Gottes
Kinder werden.
Darum lieber Langethal, laß uns klein seyn und das kleine pflegend er-
fassen. Selbst nicht einmal im Raum ist das räumlich große auch
das wirkend große. Der Deutschen Baum war die 1000jährige Eiche
mit ihrem Laube bekränzten sich Priester u Helden. Die Blume
der Griechen so lasen wir vorgestern (Dir wird es längst
bekannt seyn) die Blume der Griechen war das Veilchen bey ihren
Festen kränzte Jugend u Alter, Priester u Held in Veilchen-
Kränzen, selbst im Lorbe[e]rkranz mußten damit er seine ächte
Weyhe u Bedeutung erhielt Veilchen eingewunden werden, und wurden
nicht die Griechen in ihren Veilchenkränzen der Deutschen Vorbild in ihren Eichenkränzen ja
Musterbild?- Ich und wir erheben das Gänse-
blümchen - das Maasliebchen u wie Du es nennen willst zur Familien-
zur neuen Menschheitsblume - und was sagt nicht alles dieß
Blümchen dieß kleine durch seine hundert Familien im schönsten
Verein und durch seine Sonnenähnlichkeit alles dem Menschen
dann durch seine Ausdauer, seine Farbe selbst seinen Duft rc rc
rc. Giebt die Eiche die große - ein so schönes, so umfassendes
Lebensbild als dieses kleine sinn- und bedeutungsvolles Marien[-]
blümchen?- Ist dieß Blümchen nicht unter den Blumen eine stets "Gott-
gewärtige Maria"[?]
Und Langethal! Wir sind Christen, nennen uns wenigstens so (Du wirst
Dich erinnern ich habe mich viel über dieses Christen nennen ausgesprochen)
sagt denn Jesus welcher ewig auch der Große genannt wird zu seinen Jüngern: wenn ihr nicht werdet
wie ich, so pp pp, oder
sagt er: - wenn ihr nicht werdet wie dieß (kleine) Kindlein
so könnet ihr nicht in das Himmelreich kommen?- Warum sagte
Jesus wohl so?- Mich dünkt er trug das Bewußtseyn in sich: - /
[154]
2) [2. Bogen] in meiner Kindheit, in meiner Jugend kam mir meine Menschener-
lösende, Menschenbeglückende, Menschenerziehende Bestimmung; Wird
nun so jeder Mensch seine Kindheit, seine Jugend, sich in seiner Kindheit
seiner Jugend wahrhaft erfassen wie Kinder stets noch in sich
ruhen, mindestens in sich ruhen sollten, so wird überhaupt die allge-
meine Menschenerlösung, die allgemeine Menschenbeglückung und
so allgemein eine wahrhafte Menschenerziehung kommen. Jesus
der so oft so genannte große Meister, weißt [sc.: weist] immer aufs
Kleinste hin: Senfkorn, Lilie, Haar, Sperling rc[.] Siehest Du l. L.
wie ich recht habe daß wir noch weit entfernt sind ehe wir wahre
Christen sind?- Wir erwarten das Heil vom Großen u weißen [sc.: weisen]
immer auf Große u Größte in jeder Beziehung hin: Langethal, Lgthl!
möchten wir uns nur endlich über diesen Punkt recht klar verstehen
denn ich werde vom heißen Lebenskampfe, ja Lebenskriege müde,
müde und matt.
Weil meine Person und mein Erscheinen ein so harter Lebensanstoß ist in
dieser Beziehung noch etwas über sie, zwar ist es Dir und Euch bekannt doch
vielleicht nicht ganz erinnerlich. Ich wollte als 15jähriger Jüngling
Landwirth werden (:über die Lebensbedeutung: ["]Naturpfleger" habe ich mich
schon ausgesprochen[:)]. Da es mir einerley war wo ich anfing, ergriff
ich das Forstwesen zuerst weil sich ebendazu Gelegenheit fand. Ich kam
zu einem gewissen Förster Witz zuerst nach <Niedlareuth> als Forstlehrling, dann nach
Hirschberg; mein Lehrer überließ mich da, wo nicht meine Wirksamkeit
z.B. als Kettenzieher (der Meßkette) ihm Gewinn brachte mich selbst;
doch hatte er das Gute daß er mir die wenigen aber einige gute Bücher
die er hatte mir zum Gebrauch gab mein Vater kaufte mir auch 2 "von
Gerstenbergk” u "Voigt" Professoren in Jena. So benutzte ich meine
Zeit aufs möglichst beste zwar für mich (auch Du Hamel und
Escher bekam ich in Bezieh[un]g auf Naturgeschichte zur Benutzung) allein
von dem was mir Herr Witz hätte lehren sollen, lernte ich
eben nicht viel; dieß fühlte später Herr Witz um so mehr als er
nicht wußte was ich durch mich aus Schriften und Umständen ge-
lernt und nicht gelernt hatte und um sich bey meinem Vater zu recht-
fertigen warf er alle Schuld auf mich. Doch schenkte ich meinem Bruder
den ältesten, reinen Wein ein dieß war der erste Act meiner Selbstständigkeit und so war ich vor meinem Vater gerechtfertigt
allein er meynte, es sey
doch auch nöthig sich im Publicum zu rechtfertigen, wenn es etwa zur
Sprache käme daß ich bey ihm Wenig gelernt habe. Dieß fühlten auch
seine Verwandten besonders einer sein Schwager (? Friedrich) Volk
in Oberweißbach ein Weber, jetzt in Pohlen; in einem achtbaren Hause
wohin mein Vater zum öftern kam sprach er daher aus:
Ich sey so dumm, sein Schwager habe nichts mit mir anfangen
können besonders fügte er zur Bekräftigung hinzu; man würde
sehen, wenn aus mir noch etwas würde, so würde ["]aus
jedem dummen Jungen etwas." Dieß in Beziehung auf meinen
Kopf, meinen Verstand.- In Hinsicht auf mein Herz u Ge- /
[154R]
müth gieng es mir nicht besser, wer mich als Knaben mittleren Alters
einen "Teufelsbraten" hieß weißt Du, mein Vater war es nicht, meine
Mutter war ja längst todt und alle ihre Kinder meine Geschwister
waren ja dortmals aus dem elterlichen Hause. Genug Langethal
wahrlich nichts Großes im Knaben- u Jünglingsleben.
Nun aber lieber Langethal giebt es es noch gar viele Kinder u Knaben deren
Leben so klein wie das meine dasteht, das heißt ich höre um
mich im Leben noch viel den Zuruf zu Kind, Mädchen und Knabe
"Du dummes Kind, du dummes Mädchen, du dummer Junge.["]
Was meynst Du nun wohl, wenn ich in Betracht der vielen Dummen
die ich wie ich höre es giebt und geben soll den Vorsatz faßte und
oder gefaßt hätte, daß in menschheitlicher in moralischer
und geistiger ja auch Lebensbeziehung mindestens Etwas aus mir
würde, hätte ich dadurch Langethal nach dem Ausspruch eines
gewissen Herrn "Volk"
nicht zunächst alle Dummen von Ihrer [sc.: ihrer] Fessel der Dummheit er-
löst, indem ich - dadurch daß ich d nein, nicht einmal ich,
dadurch daß nur aus mir (und durch mich) Etwas geworden sey
ich so den schlagenden Beweis gegeben hätte, daß nun
auch aus Dummen, aus dummen Kindern, Knaben u Jünglingen
noch Etwas werden könnte.
Nun höre ich aber, wie gesagt, daß die Anzahl derer die dumm
genannt werden nicht gering ist, was meynst Du nun, welche eine Ver-
änderung im Familien-, im Bürgerlichen ja im Volks- und Menschheits-
Lebens es werden würde wenn
die Dummheit bis auf einen gewissen Grad verschwände.
Aber würde man darum einen so und dafür Wirkenden einen Refor-
mator nennen?; denn er hätte ja nur dadurch, daß er selbst als
Dummer noch Etwas wurde, nur Dir gezeigt, daß auch andere
die dumm genannt werden, die Möglichkeit nach Anlage, Kraft
u Festigkeit in sich tragen, auch aus sich noch Etwas zu werden.
Wenn ich nun zwar überdieß die Mittel mittheile, wie ich, als
ein ursprünglich Dummer, zu etwas kam
nehmlich durch Selbstbeobachtung, Einblick
durch Natur[-] u Lebensanschauung, Umblick
[u]nd d[urc]h Vergleich der Ergebnisse beyder, Doppelblick
so kann natürlich ein solches Wirken auch ein Reformatorisches genannt
werden indem es sich nicht auf Ächte Änderung äußerer Menschlicher
Verhältnisse z.B. bey der Reformation, von Deutschland zum Pabste
bezieht; wenn es ein solches Wort gäbe und es darum Sinn hätte
so möchte ich es höchstens ein Formatorisches nennen,
d.h. ein solches welches es nicht damit zu thun hat eine
schon bestehende Form umzuformen, sondern vielmehr
blos einzig damit, gleich von vorn herein die rechte Form
die ursprüngliche Form, Gestalt des Lebens festzuhalten und
darzuleben, darzustellen.- /
[155]
Allein auch selbst in dieser Beziehung mache ich Forderungen die
man keinem Reformator erlaubt denn ich sage
zur Natur, so zum Menschen wie zu Gott:
ohne Dich bin ich es nicht und kann und vermag ich es nicht
ein Reformator soll aber alles aus sich und eigener
Machtvollkommenheit thun; ich fordere
Einklang des Lebens
ich will diesen Einklang aber nicht machen, nicht wieder machen
sondern ich setze ihn gerad zu voraus und fordere, daß man
ihn nur nicht zu Mißklang mache, sondern gleich als ur-
sprünglichen Einklang beachte und pflegend festhalte[.]
Ja man hat ganz recht und ich freue mich darüber, jeder Begriff
und jedes Bild eines Reformators scheidert [sc.:scheitert] an mir: statt daß
man vom Reformator fordert daß er {ein Leben / Etwas anderes} um sich und außer
sich durch Andere und mit Anderen gestalte und forme, so
sage ich: helft mir ein Leben des All-Einklangs auszuführen
ist es nur erst wieder in einem Verhältnisse da, so findet sich das
hervorrufen in anderen Verhältnissen schon von sich selbst; wie
Du sagst wenn nur erst der Gedanke geboren ist.
Langethal laß uns nicht aufblicken, wo ist ein Reformator u
wer ist er? - laß uns fragen:
welches ist jetzt der Grund- und Lebensgedanke der Menschheit?
welches sind die Grundgefühle der jetzigen Menschheit, und was ihre Einheit?
welches ist die Einheit des jetzigen Menschheitlichen Thun[s]?-
Haben wir diese Einheit gefunden, so wollen wir ihr unser
Leben widmen; hast Du sie klar will ich Dir dienen
hab ich sie <klärend> so hilf mir sie klar gestalten. Einen solchen einigen
Beziehungspunkt alles Lebens giebt es aber denn Gott, der Schöpfer Erhalter u
Regierer der Welt ist ein einiger Gott; darum
laßt uns den einigen Welt- und Menschheitsgedanken in der jetzigen
Zeit zu erkennen und ihn auszuführen suchen. Mehr will
ich nicht. Laß uns nur treue Geschöpfe Gottes, treue Kinder
der Natur u treue Söhne der Menschheit seyn. Vergleiche über
das Ganze auch Schefer Novbr' XII. S. 262. 2s Halbjahr.
Das Grübeln von Andern nach Großem statt nach einfachen und
wahren Gedanken hat mir schon oft mein Leben untergraben
wäre es nicht so tief begründet es hätte längst untergehen
müssen, denn weil man meynte nichts großes zu
finden d.h. keinen Eichkern von der Größe einer Eiche
zu einer Eiche, so entriß man mir 100mal die mir
100mal gereichte Hand.
Deine Bemerkungen welche Du theurer Lgthl in den Umschlag schriebst
sind sehr wichtig. Die Richtung[en] der Bestrebungen sollten fest ge-
halten werden allein - sie führen den Menschen noth-
wendig - in sich; - und da ist der Mensch am wenigsten
gerne zu Hause. Weil ich nun auch den Menschen in sich zurück führe
so schilt man mich. /
[155R]
So habe ich schon einmal wieder den ganzen Brief voll geschrieben ohne
das [sc.: daß] ich geschrieben habe was ich wollte[.]
O! Langethal laß uns nicht mehr durch die Welt von der Ausführung
der That entfernen sondern nur einzig diese festhalten; ich fühle
es nur diese ist Noth: Theurer Lgthl wer mag sich mit allen denen
verständigen die sich kluge - weise - erfahren dünken[?]
Langethal der Ausgang, das Ende entscheidet alles.
Lgethl nicht mehr gesprochen nur gethan und das Gethanene be-
richtet.-
Ich habe d[en] He. Gen: Zeh zum erstenmale eine vollständige Anzeige
meines Wirkens gemacht. Er war Se Magnificenz doch als
solche gütig, herablassend und anerkennend genug. Ich legte ihm
erst alles vor durch Sachanschauung selbst (: Barop war auch mit :) zu-
letzt sagte er, es wäre aber recht gut wenn man als Vorläufer
des Ganzen den Plan des Ganzen vorher dargelegt hätte, und
nun gab ich ihm die Probeblätter. Ich hatte ihm vorher gesagt
wie ich die Anstalt nennen würde und gefragt ob und wann ich
deshalb Anzeige machen müßte. Er nannte mir die Regierung
als Behörde und erklärte ganz aus sich, daß ich mich in der
Eingabe darauf berufen könne ihm d[a]s G[an]ze vorgelegt zu haben.-
Mich dünkte dieß sey von ihm schon genug. Weiter legte ich noch
an demselben Tage d[em] He. Diac. Gräf die Sache vor, er war
noch menschlich eingehender als Zeh, was natürlich ist. Zeh
hob von sich aus das Rational[e] der Behandlu[n]g der Spiele hervor
und auch das Mathematische derselben in Beziehung auf den Beyfall
welchen sie sich von Gräf erfreuen würden; so siehest Du, sieht
Jeder u sucht Jeder sich selbst zu sehen.-
Für das Mithalten des S. Bl. haben sich schon 2 Kreise hier
einer in Saalfeld - und einer in <Oberwellenborn> für das
Land gebildet.- Du siehst gleich hier die theoretische Erfassung nun
es ist auch gut. Halte nur Deinen Aufsatz fest u sende ihn mir
für Deutschland wird er glaub ich gerad gut wirken. Du wirst
Deinen Namen oder Namenschiffre darunter setzen, wie Du willst
daß er oder sie gedruckt werde.-
Sendet mir nur auch sonst von Dir oder Euch Materialien z[.]B[.]
ausführlichere Darstellungen Deines u Eures Treibens wie Dein
letzter Brief so schön thut. Solche Notizzen werde ich in der Zukunft
immer benutzen damit man auch hier - wenn auch nur mit
Schwarz auf Weiß That sehe.
Vergiß mir doch ja nicht an Stähli in Luzern ein Ex: nebst
Gruß zu schicken und ihn zur Theilnahme aufzufordern besonders
durch Notizzen aus sich selbst hervorgestiegener Menschen, wo
die Schweiz ja so manchen zeigt; zur Anerkennung der spondanen [sc.: spontanen]
Kraft im Menschen.- Vor einiger Zeit schrieb ich Dir von einem sehr
eingehenden Sch Helfer in <Wasen> - er soll jetzt ein sehr tüchtiger
Schulcommissär seyn, suche ihn doch zu erfragen, auch ihm ein Ex. d. S. Bl. /
[156R]
3) [3. Bogen] Nun zur Hauptsache, zum Hauptgegenstand dieses Briefes.
Willisau erscheint mir nach allem was ich höre so untergraben
zu seyn, daß es demnächst entweder versinken oder
in die Luft gesprengt werden wird.
Langethal die größte Sorgfalt muß nun darauf gewandt werden
einen neuen Keimpunkt zu pflegen, oder anders ausgedrückt
die Festung still zu verlegen ehe sie eingenommen rc. wird.
Besitzen wir nun in diesem Augenblick dazu wenig oder viel
Mittel es muß mit dem Wenigen was wir besitzen versucht
werden. Ich meyne so[:]
Siehe doch ob es gar nicht möglich ist einige oder am besten
mehrere Exemplare des S. Bl. nach dem Kanton Luzern zu
bringen: erstlich zum Herausgeber des Eidgenossen; ich glaube
es ist der Schultheiß Schnyder selbst; dann an den Meyer
in Sursee (ich meyne eben den jungen Arzt[)], gieb oder sende ihm
die Blätter als herzlich[en] Gruß und Andenken von mir.- Wie
wäre es denn wenn Du ein Exemplar an d[en] HE Sextar, dann
eines für seinen Bruder in Emmen abgäbest.- Du könntest
es ihm ja so stellen daß mein Entzweck sich auch so aussprechen
lasse, das menschliche u kindliche Gemüth und Geist für die
Aufnahme des <pr[o]t:> Christenthums und dessen Wahrheiten vorzu-
bereiten. Dann schicke doch durch d[en] HE Sextar durch dem Pater
Augustin zu St. Urban ein Ex: - Endlich dünkt mich wären auch
erziehende Männer in Büren und der Umgegend in Hitzkirch.
Vielleicht an Bruno jetzt in Ey zwischen Sursee und Eggenwyl
dann an Vonwyl. Mich dünkt dieß wäre nöthig, wenn auch in
gar keiner andern Beziehung als daß diese Menschen sehen, daß
man noch lebend und wirkend ist. Ihr müßt jetzt ja versuchen
Grund und Boden im Gemüthe einzelner Euch zu verschaffen, ist
Willisau gesprengt so ist es zu spät, damit es dann vielleicht
möglich wäre es irgendwo anders z.B[.] in Büren oder Kaut-
wyl oder Hochdorf oder Hitzkirch erstehen zu machen.- Mich dünkt
es wäre gut so bald Du das Ganze bekommst es den Erziehungsräthen
in Luzern: Schnyder - Bauman[n] - Steiger – Hunkeler  rc, rc
mitzutheilen; es dünkt mich es ist gut wenn sie nur etwas haben
was sie in der Hand halten können.- O, wie wollte ich daß jetzt
noch Baumann lebte, jetzt würde er auch verstehen.
Die Hauptsache aber dünkt mich wäre, daß Du Dich, daß Ihr
Euch mit einer den beyden Buchhandlungen Schnyder in sursee [sc.: Sursee]
und Meyer in Luzern verständigtet; in Sursee durch Petermann[.]
Wenn sich in Willisau oder sonst im Luzernschen eine solche Kinder[-]
Spiel[-] und Beschäftigungsschule durch Anschauungs Unterricht errichten
ließe das wäre gut. Du solltest irgend Jemand aus dem Luzern-
schen wer es auch sey veranlassen Dich einmal zu besuchen; Du
solltest d[en] HE Sextar fragen ob dieß nicht von ihm oder dem
Pater Augustin oder von Jemand der Regierung möglich wäre. /
[156]
Personen Namen sind nur die Anknüpfungspunkte für das Festhalten der
Sache - etwas Neues muß entstehen wenn das Alte untergeht
nicht das Alte aufgewärmt werden; darum müßt Ihr still
alles vorbereiten und durchfühlen ehe das Alte untergeht.
Könntest Du Ferdinand durch und bey dem Fall von Willis-
au, für die Idee und deren Erfassung beleben so wäre dadurch
wieder ein Wesentliches gewonnen, prüfe, prüfe es Lgthl mir
ist es gewiß: - wäre in Willisau die Idee unserer Erziehung
und unseres Unterrichtes mehr rein, so wie das ganze Leben
im Innern der Arbeiter an der Anstalt festgehalten worden
so wäre Willisau nicht so herabgesunken.
Langethal frage Dich habe ich recht oder unrecht: - nur das
möglichst reine Festhalten der Idee hat Dich in Burgdorf
erhalten und erhält Dich dort.

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Mit nächstem [Brief] denke ich Dir auch Ein Hundert Exemplare des S.B. zu
schicken. Auf Deinen jüngsten Brief worin Du mir von 25 Ex. kaum
hinlänglich schreibst, hatte ich schon 50 abzählen lassen. Denke ich
nun noch an Luzern; so könnte man wohl 75 nehmen. Nun
fällt mir aber noch etwas ein. Du schreibst mir von Hundes-
hagens Verhältniß in St. Louis.
Wie wäre es nun wenn Du Dich erkundigtest ob Hundeshagen
in Bern bald etwas dahin an seinen Bruder sendete. Ist dieß
der Fall wie wäre es weiter wenn Du dem Hundeshagen
für seine Buchhandlung oder für sich
6 Exempl. Erziehungskunst "Menschenerziehung"
6 Ex. Über deutsche Erziehung
6 Ex. der Menschenerziehung und dann
25 Ex. des Sonntagsblattes schicktest[?]
Die Menschen sind dort isolirt, es ist Winter; es liest
doch der eine oder der andere gern etwas Ernsthaftes.-
Mir erscheint es wichtig, dieß Verhältniß mit Hundeshagen
fest zu halten; es hat sich wenigstens auch von meiner Seite
ein tieferes inneres Verhältniß als mit E[rnst] Frkb [sc.: Frankenberg] hatte angeknüpft[.]
Kann er mir oder uns für die ersten Schriften einmal etwas
vergütigen so ist es gut, ist es nicht so ist es auch gut.
Langethal! Ich habe jetzt schon einigemal und gestern in Saal[-]
feld wieder die Erfahrung gemacht, daß die Erziehungskunst [(]ich meyne die Menschenerziehung[)] von
Lehrern praktisch g benutzt wird.-
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Besucht Dich einmal Wilhelm Clemens wieder, so schenke ihm doch
in meinen und unsern Namen 1 Ex. Menschenerziehung; dann 1 Ex.
Grundzüge der Menschenerziehung und 1 Ex. über deutsche Erziehung,
damit er später auch sich seines Erziehungszieles bewußt werde.
Meine Frau bittet Dich und Euch um Stundenplan Eures Wirkens
damit sie immer wisse, wo und wie sich [sc.: sie] Euch finde, wenn sie Eurer
Eurer [2x] gedenke, was während des Tages so oft geschähe. Auch ich bitte darum[.] /
[156R]
[Nachschriften:]
Ich grüße Dich und Deine Frau und durch Euch alle namentlich auch die Kinder recht herzlich. Gott stärke uns und lasse uns, lasse
mich stets das beste thun. EFr.Fr.
[155R]
In Keilhau sind Leider Barops Kinder recht krank, Johannes hatte das Fieber, Gertrud das Friesel u Adelheit war mit Husten am kränksten.