Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 12.10.1837 (Blankenburg)


F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 12.10.1837 (Blankenburg)
(UBB 41, Bl 133-135, Brieforiginal 1 ½ B 8° 5 ½ S., durchnummerierte Blätter)

1/
Blankenburg bey Rudolstadt am 12· Oktbr 1837.


Unwandelbares Festhalten des Einmal-Erkohrenen
auch in Sturm und Grauß, auch bey Spott und Hohngelächter
auch gegen Witz und Schmähsucht u. wie Herkules am Scheidweg
das ist des Mannes Gruß.


*
Ich und meine Frau waren und sind gar hoch erfreut aus Deinen beyden letzten
Briefen zu ersehen, daß es mit Deiner Gesundheit doch sich während einer guten
Hoffnung geht; während ich jetzt sitze und schreibe bist Du auf Deiner schönen
Reise im Welschland und am Genfersee und – wenn Du diesen Brief erhältst
bist Du vielleicht schon von dieser schönen Reise zurückgekehrt und Gott Gebe auch mit
der Dir erfüllten Hoffnung – einer Reise Dir zu völliger Genesung
Gott wolle Dir und uns diese Gnade geben. Du siehst aber daraus, mein theurer
Langethal, und möchte man es doch allen kräftigen und gesunden jungen Männern
welche zugleich ein hohes menschenwürdiges Streben aussprechen und an die Seele
legen können, wie sehr man die Zeit der Kraft und des Jugendmuthes zur Erstreb-
ung des Höchsten zur Darstellung des Besten benutzen muß, denn die Zeit der hemmen-
den Schwächung kommt nur gar zu leicht und gar zu unerwartet. Wer hätte
als ich die Schweiz verließ denken sollen daß Du eine so ernstliche und critische
Krankheit durchmachen müßtest? – Und irre ich nicht, so war es Anfangs ver-
flossenen Sommers als es dem Barop in Keilhau auch so gieng und er mehrere Tage
wegen Brustanfällen das Zimmer hüten und die Stunden aussetzen mußte. Der Zustand
Barops erschreckte mich dortmals auch recht wie er mich überraschte denn ich hatte die Gesund-
heit von Barop von solcher Festigkeit geglaubt daß ihm gar nichts zustossen könnte.
Darum pflege jeder der sich einer guten Gesundheit erfreut dieselbe sorglichst und versäume
nicht die Zeit ihrer Dauer zum Wohle der Menschheit zu benutzen. – Auch unsern Spieß
mache ja darauf aufmerksam, wie Leid sollte es mir thun wenn dessen so stark
erscheinende Gesundheit auch früh schon einen so erschütternd starken Stoß bekommen sollte.
Selbst dem Ferdinand ob er wohl gleich mehr phlegmatischer Natur aber doch auch oft stark
in seine Gesundheit eingreifend ist namentlich durch Reiseanstrengung möchte ich große
Pflege empfehlen, wahrlich in seiner jetzigen Stellung wäre es ein wirklicher Schlag wenn
eine ernstliche Krankheit ihn für längere Zeit seinem Wirken entziehen sollte. Übrigens
wünschte ich dem Ferdinand daß er seine große Jugend- und Manneskraft mehr zur Fest-
haltung und Bearbeitung durchgreifender Gedanken des Menschheitlebens als wie es mir
scheint zu collectiv Thätigkeit verwendete. Daß es, wie Du ganz recht in Deinem
jüngsten Briefe an mich l. Lgthl sag[s]t der Geist es ist welcher den Menschen in der Ge-
stalt fesselt, daß [sc.: das] dünkt mich könnte doch Ferdinand klar in Deinem Leben und
Wirken in Burgdorf lesen; nimm den Geist weg welcher Dich in all Deinem Wirken
leitete, und sey aufrichtig und sage, wie würde dann Deine Stellung wie Dein Wirken
in Burgdorf seyn [?] – Würde Willisau den rechten Geist des entwickelnden und
einigenden, des eigentlich lebendigen, erziehenden Unterrichtes mehr gepflegt und
nochmehr, würde es den Geist dieser Unterrichts- und Erziehungsweise auf eine
kräftigere, durchgreifende, feste, männliche beharrliche Weise gepflegt haben – wahr-
lich es wäre mit Willisau nicht dahin gekommen wo es jetzt steht. – Ich bitte Dich
Langethal sage aufrichtig habe ich Recht oder Unrecht? – und habe ich Recht, so
suche doch den Ferdinand aus seinem behaglichen Lebensschlummer zu wecken,
da Du doch so manchem, auch nach Deinem jüngsten Briefe wieder, ein Lebens-
wecker seyn kannst. – Das Schlafen des einen u Träumen des andern im eignen Kreise ist doch nicht gut.
Doch wohin habe ich mich denn nur verlaufen? Ja, für die höchsten Lebens-
und Menschheitszwecke wirken mögen und gehemmt in der Körperkraft seyn;
und ungeschwächte Körperkraft besitzen und nicht für die höchsten Interessen
der Menschheit zu erregen seyn, dafür gerad zu nicht wirken mögen, das war
die Gegensatz-Verknüpfung welche mich dahin brachte.
Nun aber ganz vor allem zur Beantwortung Deines lieben Briefes und zwar
Deiner Sorge wegen Wilhelm Clemens. Mein l. Lthl. Carl Clemens war ganz
falsch berichtet. Die Anknüpfung mit Oldenburg war früher als die mit der Schweiz
und schon abgebrochen als ich mit Dir deßhalb in Verbindung trat. Wilhelm
Clemens wird gewiß eintreten; zwar schreibe ich ihm heut erst und theile
ihm Deinen Brief mit und schreibe ihm daß ich ohne seinen abzuwarten
die Stelle für ihn angenommen hätte, ob ich Recht habe, Urtheile selbst
denn zugleich mit Deinem Briefe habe ich folgenden Brief von ihm erhalten: /
[133R]
”Eisenach den 6n Oktober 1837.
      Lieber Pflegevater
Deinen letzten Brief habe ich auch erhalten und ich danke Dir recht für den-
selben, er brachte mir mannige erfreuliche Nachricht. Sehr freue ich mich dar-
auf den 10 November in der Schweiz seyn zu müssen. Wenn es dabey bleibt
und es der nächste Brief nicht anders bestimmt, so bin ich am nächsten Freytag über
acht Tagen oder am nächsten Sonntag über acht Tagen in Blankenburg
wenn Du mich sonst noch einmal dort sehen willst.
Meine Sachen sind bis nächsten Sonntag über acht Tagen alle im Stand
damit ich gleich abreisen kann, wenn die Entscheidung kommt.
Ich freue mich ganz unaussprechlich mich Dir wieder in die Arme
zu stürzen und die liebe Mutter zu begrüßen.
Wenn es nur schon so weit wäre, die Zeit wird mir bis dahin noch gar mannig-
mal lang werden.
Lebe recht wohl und behalte lieb Deinen Dich aufrichtig liebenden Sohn
Wilhelm Cl[emens.]”
Freytags den 9n Oktober werde ich nun dagegen wieder Deinen Brief so-
weit er den Wilhelm betrifft demselben abschriftlich mittheilen zugleich dann auch
ihm aussprechen, daß ich schon an Dich geschrieben und die Stelle bestimmt für ihn
angenommen habe
.
Dir nun dieß zu melden ist die Hauptursache meines heutigen Briefes
an Dich. –
Daß Du bey Abgang Deines jüngsten Briefes vom 5 Oktober meine Drucksachen
die ich wie ich Dir schon schrieb, am 9n Septber über Gotha und durch das
Frachtgüter Speditions Bureau von Valentin Meidinger in Frankfurt a/m
an Dich abgesandt habe, noch nicht bey Dir angekommen waren [sc.: erhalten hast] thut mir gar
sehr leid, sie sind doch nun schon 4 Wochen unterweges; möchtest Du sie nun er-
halten haben.
Herrn Spieß den ich auf das herzlichste grüße sage, daß ich ihn ganz fest bey
seinem Versprechen halte und daß ich schon daran gedacht hätte einen jungen
Zeichner zu diesem Zwecke nach Burgdorf zu senden, daß ich mich sogar schon
nach einen solchen umgethan und von einem – (: unsern Schüler u Zögling Unger)
gehört, aber darüber noch keine Antwort (: von unserm Wetzstein :) erhalten habe.
In Beziehung auf Herrn Lohmann habe ich Dir mehreres zu sagen wenn ich es nur
gleich in ein Paar <Wichte> zusammenbringen könnte.
Erstlich hüte Dich in Beziehung auf meine Sache mit alten Pestalozzianern zu ver-
kehren noch mehr aber hüte Dich sie etwas gar in Beziehung auf Ihre [sc.: ihre] Überzeugungen
in Beziehung auf mich zu bekehren, das nützt Dir alles nichts – die Pestalozzi[-]
aner sind von Alters her meine, ich kann es nicht anders als sagen; als natür-
lichen Todfeinde Warum? – Das weiß Gott! Ich weiß keinen andern [Grund] als den
das [sc.: daß] ich mich Fröbel und keinen Pestalozzianer nennen [sc.: nenne]. Nun das kann ich
bey Gott verantworten denn mein Leben lag schon fest als mein Leben ja so gar
seinem höchsten Ziele u Zwecke nach in mir ehe ich eigentlich mit Achtsamkeit
Pestalozzi habe nennen noch mehr ehe ich ihn persönlich gesehen habe. Überdieß
hat mir Pestalozzi Namen und Wirken so groß da gestanden hat, daß ich
mich ein viel zu schwaches Werkzeug gefühlt hätte eines von beyden zu tragen.
Übrigens will ich auch nicht läugnen daß mir 1809 meine Verschiedenheit, wie
ich dieß wohl schon oft ausgesprochen habe, von Pestalozzi wie ich ihn erfaßt
und verstanden habe
ganz klar war: Pestalozzi erfaßt den Menschen [in]
seiner Erscheinung und seinem Bedürfnisse – ich aber seinem Wesen und sei-
ner innern Bestimmung nach. Ich erfasse den Menschen von tief religiöser [Seite]
Pestalozzi scheint mir ihn nur von der moralischen Seite zu erfassen. Pestalozzi
sucht mehr zu unterrichten und durch Unterricht zu erziehen; ich suche mehr
zu erziehen durch d[urc]h [sc.: die] Erziehung für den Unterricht vorzubereiten. Pestalozzi
hat die Methode, das ist einen systematischen Kunst- und künstlichen Weg;
ich suche den Weg der Natur aufzufinden ihn zu betreten und auf ihn mit
meinen Zöglingen dem Ziele der Menschheit entgegen zu gehen.
Meine Erziehungs[-] und Lehrmittel sind alle mit Nothwendigkeit aus
einem Grundgedanken einer Grundidee [entstanden], jedoch jedes nach seinem eigenen
Geiste bearbeitet. Pestalozzi u seine Schüler suchen jedes Lehrmittel auch nach
einer von ihnen aufgestellten und als natürlich und nothwendig erkannten
Weise zu bearbeiten und dann diese Lehrmittel an einander zu reihen, wie /
[134]
3/ ein Paternoster. Warum einige Pestalozzianer mir böse sind mag viel-
leicht seyn daß ich ihnen nicht die Ergebnisse meines Strebens u Prüfens
allerunterthänigst zu Füßen gelegt sie dann ihre Weyhe darüber ausgesprochen
d.h. ausgesprochen, seht hier einen Hasen, der in Pestalozzi[s] Küche gebraten,
und da einen Klos der darinn gekocht worden ist. Nach meiner Meynung
ist es für uns das Beste uns zu hüten weder mit ihnen Cartell zu schließen
noch auf Friedensfuß zu treten, sie stellen einem hinterrücks ein Bein
ehe man sich es versteht. Bringe doch einmal den Prof. H.[ans] Schnell auf
dieses Capitel und frage ihn: ob er Dir nicht sagen könnte wie wohl die
ächten Pestalozzianer zu mir ständen und wie sie sich wohl in Bern benommen
hätten als ich in Burgdorf gelehrt hätte. Frage namentlich auch Weiland
Georg Nägeli, Niederer, Krüsi. Weil ich mich nun vor diesen Männern als
Schülern
Pestalozzis, oder viel[mehr] als Pestalozzianern nicht beuge, oder gar die
Segel streiche ob sie gleich z. Theil z.B. Krüsi gar gemüthliche, gu[t]artige
Menschen sind so sage[n] sie ich sey nicht gemüthlich; ich habe kein Gemüth.
Nun ich will ihnen auch gerad zu nicht wiedersprechen denn wir haben vielleicht
ganz verschiedene Ansichten von Gemüthe: Gemüth ist mir das Göttlichste im Men-
schen was das Göttlichste überall im Menschen und in der Natur achtend u pflegend
anerkennt aber keinesweges – Gutmüthige Schwäche.
Daß Lohmann sagt ich sey kein Reformator dafür müßte ich mich fast bey ihm bedan-
ken wenn er anders mir etwas dankenswerthes dadurch hätte sagen wollen.
Mich dünkt Langethal wir hätten mannigmal über Reformatoren gesprochen
und Du müßtest wissen wie ich darüber denke. Reformatoren haben, so
sehe ich es der Menschheit od[er]der Fortentwickelung der Menschheit He später
Hemmschuhe angelegt; müßte ich einst so etwas mir zu Schulden nachsagen
lassen oder selbst sagen – ich glaube ich drehete mich im Grabe um; ich habe
<nun> zu tiefe Achtung von der Menschheit und dem einzelnen Menschen als daß
ich willkührlich und persönlich bestimmt in die Entwickelung auch nur eines
Menschen noch viel weniger also gar in die der Menschheit einwirken mögte.
Mich dünkt mein theurer Langethal, wenn wir jetzt in die sogenannt prote-
stantische Kirche und ihren Zustand blicken so müssen wir uns gestehen – selbst
unser ehrwürdiger Luther, der Dr. Martin hat der Menschheitsentwickelung einen
Hemmschuh angelegt.
Was suche und will nun ich, ich suche doch auch zu ändern? – ja auf den Weg
und im Laufe der Welt- und Menschheitsentwickelung; ich suche den Gang der
Welt- und Menschheitsentwickelung nachzugehen, wo möglich zu erforschen er-
kennen und so weit es möglich ist mit Bewußtseyn, die Menschheitsentwickelung
ihrem Ziele entgegen zu fördern. Dieß ist nicht das Handeln eines Reforma-
tors im Sinne der Welt, das ist nur ein stilles nothwendiges pflegendes
Nachgehen der nothwendigen in sich bedingten Lebens- und Menschheitsentwicke-
lung. Mich dünkt die Zeit der Reformatoren ist unter den Menschen
vorüber wie die Zeit der alten Helden und andere ehrwürdigen Zeiten.
Siehe lieber Langethal jetzt wird mir gar vieles klar und kann auch Dir und
Euch Ihr übrigen, die Ihr Euch meine Freunde oder Mitarbeiter oder wie Ihr
sonst noch [Euch] nennen wollt, klar werden. Gar viele u gar Manche schon
z.B. gleich Bauer in Berlin haben den Fuß- oder Klafterstock, das Fuß[-]
oder Klaftermaaß eines Reformators an mich gelegt, da sie nun für
mich daran kein Maaß d.h. mich viel zu klein fanden als auch wohl zu störrig
stachlich so haben sie mich weg geworfen und mich verlassen daß ich allein
stehe fast wie ein Wacholderstrauch am Steigerberg. Du mein
Gott und Vater wie will ich Dir danken wenn ich nur eine Wirksam-
keit habe wie ein ächter Wacholderstock; da erzählte mir denn mein
lieber Bruder als ich ihn vor einigen Wochen von hier nach Keilhau begleite-
te und bemerkte wie in der Mitte der am Wege stehenden Wacholder[-]
stöcke, immer junge Fichten oder Kiefern frisch in die Höhe wachsen, Ja Bruder
die Wacholderstöcke sind gegen Schaf Hasen u Wildfraß ein guter Schutz den kleinen hochstrebenden
Fichten. Da haben wir im vorigen Jahre einen großen
Wacholderstock am Diethendorfer Wege beym Streurechen weggemacht
siehe da: einige Duzzend junge Fichtchen hatten im Schutze desselben
gekeimet und waren erstarkt; jetzt ist der dornigte Wacholder[-]
stock weg und sie stehen kräftig wie ein kleiner Wald; so mein Bruder!
Möchte mein Leben und ich selbst doch dem Wacholderstock gleichen! Was
meynst Du Langethal! – Einige Dutzend junge gesunde strebende Menschen! -
wenn ich einst gestorben bin. /
[134R]
4) Ich bin zufrieden dem Kinde den Ball, das Bild des Alls und sein eigenes Gegen-
bild der Vollendung in sich (vergleiche No 4 und 5 des SonntagBlattes) als Vermitte-
lung zwischen ihm, und dem Ball, der Natur in die Hände gegeben zu haben
wie die Natur und das All vermittelnd ist [sc.: sind] zwischen den Menschen und Gott.
Diese unbedeutend scheinende kleine Thatsache ist mir der Schlußstein aller bisherigen
erziehenden Bestrebungen und sie bildet, recht erkannt, den Beginn einer neuen Zeitrechnung
der Menschheitserziehung, denn in ihr und durch sie ist dem Menschen in seinem frühesten
Erscheinen das Bild des Vollendeten, Vollkommenen in sich; das Bild der Einheit und
so gleichsam das Urbild des Menschen u Menschheitsstreben, also dem Menschen das
ideelle Gegenbild seiner selbst gleichsam greifbar in die Hand gegeben. – Nun hat
Erziehung und Unterricht einen sicheren Ausgangs- einen klaren Zurückbeziehungs- und
einen festen genügenden sich stets in steigender Vollkommenheit aus sich selbst ent-
wickelnden Vergleichungspunkt. Nun hat das Streben der Menschen Einheit wie es
Ordnung, Klarheit und Zweck in sich hat. Du wirst mich und kannst mich noch
kaum verstehen allein halte zunächst nur fest und bilde aus womit No 3
des Sonntagsblatt[s] schließt, fasse alles zusammen was ich Dir je über Kugel und
Ball aussprach u mittheilte siehe Dich um in der Natur wo und wie der Ball
und Kugel erscheinet vom Senfkorn bis zum Sonnenball, vom Blutkügelchen
bis zum Sonnenball, vom Bläschen der <Conferren> bis zum <Ein> des Menschen.
Siehe in all diesen Erscheinungen sinnbildlich höhere Beziehungen; denke Dir das [sc.: daß] der
eigentliche Mittelpunkt in der Kugel die doch von Menschenhänden gemacht ist eben so unsichtbar unkörperlich und
doch alles bestimmend ist, wie der
Geist in dem Menschen; denke Dir daß jener unsichtbare Mittelpunkt
ebenso alles bestimmend ist außer sich und alles ordenend und der Grund aller
räumlichen und Gestaltungsformen; wie der Menschliche Geist dieß in Beziehung
auf das Leben des Menschen ist und Du wirst mich verstehen. Genug
mein theurer Langethal ich trage in mir die tiefe Überzeugung, und würde
mit derselben in diesem Augenblick mit derselben ruhig und dankbar gegen
meinen Lebensgeber u Lebensführer sterben, mit der Überzeugung daß ich
wie Herder so schön sagt:
    ”der Labyrinth verirrten Menschheit”
in dem Ball und der Kugel
den ariadnischen Knauel, welchen sie bedurfte und so lange ersehnte,
gegeben habe.
Sollte Dein Gesundheitszustand Dich noch längere Zeit abhalten unmittelbar thätigen
Antheil am Unterrichte zu nehmen, so bearbeite diesen Gegenstand still in Dir, zunächst
ohne alle Mittheilungen nach Außen hin am wenigsten an Spieß, man muß mit einer
Sache erst in sich selbst klar und gewiß seyn ehe man damit hervortritt, sonst
weckt man zu frühe ohne Noth Opposition , wird in sich selbst irre und hindert sich selbst
an der Erkenntniß so wie noch mehr an der einfach seegensreichen Darstellung der
Wahrheit. Das wichtige ist das [sc.: daß] der Ball, die Kugel wie ein Anschauungsmittel, ein Men-
schengebild, wenn Du lieber willst, des in sich geschlossenen Individuellen, Persönlichen,
- der Natur u des All, und so des Allgemeinen – des Räumlichen, des Mathematischen,
des Wahren – weiter sogar des sich daraus entwickelnden Schönen Esthetischen [sc.: Ästhetischen]
- des Sittlichen und Moralischen, Tüchtigen und Harmonischen – und sogar des
Religiösen: = Rückbeziehung aller äußeren Erscheinungen und innern Bedingungen
auf eine absolute und unsicht- und doch alles bestimmbare Einheit giebt.
Die Objectivirung des Sittlichen ohne gebunden zu seyn an das oft todte schwankende
Sittengesetz und an das oft zweydeutige unsichere Beyspiel: - Die Objec-
tivirung des Religiösen ohne gebunden zu seyn an die oft schwankende
und unsichere Wortauslegung, die Mathematische Gewißheit die
so in das ganze Leben, Denken Thun und Empfinden des Menschen kommt
ist wichtig, höchst wichtig – Du siehst selbst ich kann gar nicht davon los
kommen; nun habe ich das Ziel meines Strebens erreicht. In der Vollen-
dung liegt mein Ziel, schrieb ich <ca> 1804/5 an meinen verstorbenen Bruder Christoph[.]
Ich habe das Vollendete gegefunden [sc.. gefunden] (das Voll Ende te) und habe es dem Kinde
als dem Jüngling als Gegenbild seines Strebens wie dem Kinde in die Hand
gegeben; so habe ich meine Aufgabe gelöst: Dem Menschen sich selbst zu
geben, denn nun kann er sich selbst finden. Nun ist mir die Ahnung klar
als ich in Göttingen die Einheit meiner Lebensanschauungen in den Worten
und der Schrift darzustellen suchte ” σφαιρα [sphaira] das einzige Gesetz in der physischen
psychischen, der Natur und der moralischen Welt.” – Ich freue mich gar sehr
auf Deine Abhandlung; ändere nun ja nichts mehr daran, auch wenn Dir neue Gedanken kommen. /
[135]
5.) NB Eben da ich an Wilhelm Cl. nach Eisenach wegen Besorgung seiner
Sache nach der Schweiz schreibe bemerke ich, daß wir ja gar nicht einmal
den Namen seiner künftigen Principalschaft mit Bestimmtheit und den Ort
und die Lage des Ortes wohin er zu reisen hat noch gar nicht mit Namen
wissen schreibe mir dieß doch ja beydes mit der aller ersten Gelegenheit[.]
Wilhelm Cl. der uns vor seiner Abreise nach der Schweiz hier besuchen
will kann es dann hier erfahren; freylich wegen Besorgung seines Koffers
wäre es auch gut wenn er den Namen und die Lage des Ortes, wie den Namen
der Familie schon in Eisenach wüßte, es wäre vielleicht gut wenn Du ihm
unmittelbar dieß ihm nach Eisenach meldetest; er bekäme doch die Nachricht
wenigstens 6 Tage früher als über hier nach Eisenach zurück, da ich ja
alle Briefe aus der Schweiz über Eisenach bekomme. – [So] Könnte er leicht
seinen Koffer nach Zürich senden da, wenn ich nicht irre die Familie
des Wirkens in Zürich lebt also in das Haus oder in die Wohnung der-
selben; er könnte ihn wohl an Theodor Fröbel schicken, allein ich finde es
nicht gut, gleich eine so nahe und verbindliche Anknüpfung. –
[Zusatz am Rand*-*, Wilhelm Cl. betreffend] [*] Die Adresse an Wilhelm Cl. den Gärtnerey Beflissenen ist: Abzugeben im Großherzoglichen Garten zur Carthause bey Eisenach. Über Frankfurt a/m. [*]
Nun noch einige Punkte in Deinem Briefe.
Wohl liefere ich auch Dreyecke und zwar verschieden[er] Art, und sie werden
Dir mit dem was sie geben jetzt in einem ganz neuen Lichte erscheinen als ein
großes in sich geschlossenes Lebganzes. 50 – 60 Bogen, ganze Bogen mit Zeichnung
in ¾ natürlicher Größe liegen als Original und Manuskript vor mir
und zu wohl noch ebenso vielen sind die Zeichnungen schon erfunden und erwarten
des prüfenden und ordnenden Geistes um sie zu <mundiren>; allein ich
bin allein und noch zu viel beschäftigt. Jetzt eile ich, nur die erste u zweyte
Gabe wie ich sie nenne die Kugel u den Würfel zu vollenden. Auch 4 Zeich-
nungen zu Ausstechbüchern sind schon lithographirt. Ich erwarte sehnlich
hier selbst eine Lithographie errichten zu können. Wenn ich nur bald
Kunde von Wetzstein erhielt.
Wegen des Kartenfertigens oder des ersten Unterrichtes in der Erdkunde.
Ich theile nicht gern Halbes und Unvollständiges mit, doch ist es auch
nicht gut unwichtig, wenigstens ungenügend Eingeführtes wieder zu
zu [2x] verdrä[n]gen. Also Dir aber nur einzig Dir, nicht zu weitere[r]
Verbreitung Folgendes darüber.
Schon lange Zeit erkenne ich das Schwierige unseres Kartenzeichnens
besonders für Volksschulen; allein das Gute desselben ist auch so ein-
leuchtend daß ich es nicht aufgeben mag; also ist mir der Gedanke ge-
kommen unserm Ausstechen eine unterrichtende und Schulbedeutung
zu geben und zwar so: Charten von Fließgebieten z.B. Schaale
Emme, Schwarze, Aar lithographiren zu lassen dann ein 4-6
weiße Bogen mit der Lithographie bedecken und in einen Heft
verbinden und dann – wie unsere Bilder durchstechen zu lassen.
Bey jedem Fluß müßte der Name stehen und dieser während des aus-
stechens bey jedem Stich ähnlich wie wenn wir Kartenzeichnen vor-
und nachgesprochen werden; auch die einzelnen Richtungen z.B. Richtung
der Emme von der Mündung des Grauchthalbaches bis zur Mündung der kleinen
Emme!! So würde die Aufmerksamkeit auf Lage, Richtung, Name rc.
fixirt wie bey unserm Zeichnen, die Kinder wären dabey aber so thätig
und hätten nicht so viel Ableitung durch Zirkel, Bleystift, Richtungsmesser
Lineal rc rc. Und man bekäme sogleich 4 – 6 Exemplar[e]
eines für die Flüsse – eines für Flüsse, Städte, Berge u Länder-
grenzen – eines für Flüsse, Städte, Berge, Landesgrenzen u Straßen
eines für den Flächeninhalt. Es würde dadurch wie die Sache
vor meinem Geiste liegt gar viel Zeit gewonnen, wäre alles ein[-]
facher, prägte sich tiefer ein, wäre stete Selbstthätigkeit dabey und alles
ein Product der Selbstthätigkeit rc rc. Ich theile Dir diese Idee so unvoll-
kommen sehr ungern mit denn vor meinem Geiste liegt sie sehr schön und
klar ob gleich noch gar manche Schwierigkeiten zu überwinden seyn werden
z. B. wegen der Kleinheit der Linien, und der Größe der Punkte oder Stiche
allein der Versuch muß doch gemacht werden. Ich kann damit nicht ins
Publikum treten bis ich mir dazu durch die Ausstechbücher den Weg gebahnt
habe. Hier hast Du ein Pröbchen wie das Kleinste u Fernstefremdste ins
große Ganze einzugreifen sich bestrebt. – Geht dieß durch so bringt es eine
ganze Reform in den bisherigen Elementarunterricht der Erdkunde in den Volksschulen. - /
[135R]
6/ Unsere Luise Frankenberg hat ein,wie mich dünkt ungewohntes Begegniß
gehabt. Sie ist doch wie ich Dir im letzteren Briefe schrieb nach Michaelis
von Keilhau abgereist um nach dem Wunsche Ihres [sc.. ihres] HErrn Schäfers nach
Lübeck zu einer Verwandten zu gehen um sich dort – als ein denke Dir
verbauertes Landmädchen wie ihr Schäfer meynt, Städtische Sitten anzueignen
um ihm, als einst – aber Gott weis [sc.: weiß] wann und wo – Prediger einer großen
Stadt Ehre zu machen. Luise nun in ihrer Gutmüthigkeit denkend, sie
brauche nur zu schreiben: ich komme, so würde schon alles in Bereitschaft
zu ihrem Empfange seyn, schreibt erst kurz vor Ihrer [sc.: ihrer] Abreise ihr Vorhaben
nach Lübeck. Am Tage ihrer Abreise, kommt nun Abends von dieser ein Brief
welcher die Unmögliche Gewährung ihres Wunsches und ihrer Bitte der Luise meldet.
Luise war aber da schon in Erfurt. Wohin sich nun Luise wenden wird
wissen wir nicht. Es ist uns recht bange das [sc.. daß] Luise von neuem krank werden
mögte wenn sich kein Verhältniß des Aufenthaltes für sie findet der ihrem
gesammten Zustande zusagt. -
Titus Pfeiffer hat gestern an meine Frau geschrieben, daß er gesund
ist und wie es scheint bey seinen Eltern das geht aus dem Briefe hervor,
doch nicht was er treibt. Biennewitz heißt der Ort seines Aufenthaltes.
Nun endlich sey es einmal genug; schreibe uns ja recht bald welche
Folgen, und Gott gebe gute die Reise für Deine Gesundheit gehabt hat.
Der Gesundheit Deiner Frau haben wir uns sehr erfreut.
Meine Frau hat eben Wäsche – Doris Kapp ist helfend hier. Meine
Frau ist, auf ihre Weise recht leidlich wohl.
Dich und Deine Ernestine herzinnig grüßend, wie alle im
Hause.
D u E FrFr.