Leipzig, den
13en Juny
1836.·.
Mein lieber
Langethal.
Deiner und Deiner lieben Frau
treuen Theilnahme an dem Fortgange unserer Reise gewiß
komme ich
jetzt Dir mein Wort zu lösen und Dir von hier aus zu schreiben. Eine
Reise-
beschreibung erwarte nicht, sondern nur die einfache
Anzeige wo und wie wir jetzt
leben. Ich hätte freilich wohl
recht gut damit bis nach Berlin warten können, allein
Du
bekämest dann doch den Brief wohl 8 Tage später und da uns diese in
sehnsuchts[-]
voller Erwartung wohl zu 18 Tagen werden können, so
eile ich Dir zu melden, daß
wir unsern Vorsatz ausgeführt und
sogleich von Gotha aus nach Berlin gereiset
sind ohne auf diesem Wege über Keilhau zu gehen und dort einige
Zeit zu ver-
weilen. Viele Gründe die Du Dir eigentlich aber alle
sagen kannst bestimmten dazu
hauptsächlich daß ich das Gemüth
unserer theuern Mutter nicht zu viel erregen
und ihrer schwachen
Gesundheit nicht zu viel zu tragen aufbürden wollte: jetzt
ist
ihr Gesundheitszustand, ich möchte fast sagen etwas an das Reisen
gewöhnt;
wir haben einen guten verschlossenen Wagen; sie braucht
auch nicht einmal ihren ein[-]
mal gewohnten Platz zu wechseln,
alles dieß ist ihrer, von Gott zwar zu dieser Reise
mit
besonderer Ausdauer beschenkten; allein doch immer schwachen
Gesundheit sehr
zuträglich.-
In Frankfurt reiseten wir
Mittwoch Morgens 6 Uhr ab. Der Weg gieng über Hanau
Gelnhausen. Hier wurde Mittag gemacht. Ich
besuchte die Überreste der in den
Jahren 1150-1190 im
byzantinischen Geschmack erbauten Burg oder vielmehr des
Pallastes Kaiser Friedrich des Rothbartes mit einem Grundriß von
Hundeshagen (eines gewesenen
Forstbeamten) in der Hand, und die sehr interessante im gleichen
Ge-
schmacke im 14
n u 15
n Jahrhundert erbauten Kirche, wunderlicher Weise mit
einem
wie man mir sagte mit Absicht zum Theil schief gebauten
[*Zeichung: schiefer Turm*] mit Schiefer gedeck[t]en, also wohl
neuerer Zeit angehörigen Thurme.
E Sie hatte noch 2 solche allein senkrecht
kegelförmig
in die Höhe gehende Thürme [*Zeichung: Kirche mit 2
senkrechten Türmen*] .- In Schlüchtern war Nachtquartir.- Donnerstag
giengs /
[1R]
von 5½ Uhr morgens über Fulda, Hünfeld, wo
Mittag gemacht wurde, nach
Buttlar. Hier
kamen wir noch so zeitig an daß ich noch auf die Höhe der schön
gelegenen Skt[.] Michels[-]
kirche steigen
und mich dort eines her[r]lichen,
klaren Sonnenunterganges umgeben
von einer kräftigen frischen
und grünen Gegend erfreuen und mich allen meiner
Lieben in allen
Himmelsgegenden zerstreut lebend, liebend u dankbar erinnern konnte.
Die liebe Mutter genoß während dem der so sehr bedürfenden
Ruhe.- Am folgenden
Tage, also Freytags giengs von 5 Uhr Morgens
über <
Nach>,
Marktsuhl u
Eisenach
wo
Mittag gemacht wurde,
nach Gotha.
In Eisenach wurde unser
Wilhelm Clemens in
der Carthause,
dem herzogl. Garten aufgesucht. Wir trafen ihn in seinem Geschäfte;
er zeigte
sich als der alte herzliche treusinnige Knabe und
Jügl, war hoch erfreut uns und die
Mutter zu sehen wie diese
ihn. Er war gesund, war Pfingsten in Keilhau u in Weimar gewesen,
und versprach uns nach Keilhau zu kommen sobald wir dort
eintreffen würden. Auch seinen
Lehrherrn den He. Hofgärtner sahe
ich; er war im Ganzen zufrieden nur klagte er über
Mangel an
Ausdauer und - persönlichem Zutrauen, Fehler welche mir bey diesen
Brüdern
fast als Familienfehler erscheinen. Ich sprach darüber
mit dem Gärtner und empfahl
den jungen Menschen möglichst seiner
vätterlichen u männlichen Sorgfalt. Der Mann gefiehl
mir; und
was mir von Wilh. lieb war, er hält mit
Liebe doch seinen Beruf fest was
doch immer ein gutes Zeichen ist. Er suchte uns durch Vorzeigen
seiner Gewächse u Pflanzenzeich[-]
nungen Freude zu machen. Wir
hielten uns dad[urc]h so auf, daß auch unser Wagen (wir reiseten
in einer Gesellschaft von 16 Person[en] nebst 3 Kindern in
3 großen Reisewagen:) schon vom Gasthof
abgefahren war und uns
vor dem Thore erwartete.- Abends spät in Gotha angek[o]mmen
suchte ich meinen Neffen
Heinrich
Müller auf traf ihn mit den Seinen gesund, doch ist der
kleine Ferdinand, Ferdinands in Willisau Pathe noch immer
Rückfällen früherer Krankheit ausgesetzt.
Der Knabe geht jetzt
in die Schule. Heinrich schenkte uns einige Stunden am Abend; er
sagte uns daß
in Döllstädt alles gesund und daß Luise Willens
sey, diesen Sommer in Gesellschaft der Frau
Ritter von <
Fahnern>,
Augusten
in Bergedorf zu besuchen. Auch von hier hörten wir gute
Nach-
richt.-
Sonnabends früh wieder 5½
giengs von Gotha über Erfurth, Weimar nach
<Eckardsberga>[.] /
[2]
In Erfurth wurde im
Fluge, weil der Kutscher im Schlehendorn hielt, Dein Bruder besucht
und von der
Frau ein Schu[h]einkauf gemacht. Deinen Bruder nebst
Frau trafen wir sogleich beym Eintritt ins
Haus, umgeben von
ihren beyden gesunden, frischen und lebenvollen Jungen. Das Mädchen,
ich glaube
Caroline heißt sie war in der Schule, doch sahe ich
an ihrem Schreibebuche daß es auch ein wackeres
Kind sein muß.
Später komme ich vielleicht noch einmal darauf zurück. Dein Bruder,
welcher im Gesicht
bedeutend stärker geworden ist, erschien mir
jetzt Deinem Vater sehr ähnlich. Er war vor 8 oder 14
in Keilhau
gewesen wo er alles gesund verlassen hatte. Triest war abgereiset
aber in Jena
wieder so krank geworden, dass er in das dortige
Krankenhaus hatte gebracht werden müssen.
Man zweifelt gänzlich
an seinem Aufkommen. Von
Leizmann sagte er mir daß er in Petersburg sey,
aber auch von dort wieder wegwolle, er könne nirgends
ausdauern.- Albertine war, was
mir sehr leid that zu hören,
schon bey seiner Anwesenheit in Keilhau damit beschäftigt
gewesen in das
U untere Haus zu
ziehen; doch hatten er Gottlob gesagt sie möchten sich damit
doch nicht übereilen, weil Du ihm geschrieben habest wir würden
erst Ende May oder An-
fangs Juny von Burgdorf abreisen. Ich war
sehr erfreut dieß von ihm zu hören.- Nach-
tragen will ich daß
der Herr Pfarrer Bäh[rin]g kürzlich mit Laura d[urc]h Gotha nach
Anroda gereiset war.
Von Eckardtsberge giengs über
Kösen,
Naumburg,
Weißenfels (wo Mittag gemacht wurde) über Lützen
(beym Denkstein
des Falles G. A. v. Schweden vorbey) nach Leipzig wo wir gestern
Abends
(Sonntags) 7 Uhr ankamen.
Heute
haben wir endlich, auf der ganzen Reise den
ersten ganzen
Rasttag. Morgen Dienstags den 14
n soll es früh
5 Uhr nach Berlin von
hier nach Berlin gehen wo wir nach einer
2tägigen Reise also Mittwoch
den 15
en
einzutreffen hoffen.- Da ich nun zu Gott erwarte, daß wir nach so
viel
Seegnung von Ihm auch gesund in Berlin ankommen und dort
alles nach Umständen
wohl antreffen werden, so werde ich Dir von
Berlin aus nun nicht eher wieder schreiben
als bis sich wegen
meiner nächsten Zukunft, d.h. wegen der Zeit meines und unseres
Aufenthaltes in Berlin sich irgend etwas bestimmtes entwickelt
hat. Von Dir und
Euch Ihr Lieben in der Schweiz hoffe ich aber
dorthin möglichst bald Briefe u Nach-
richten zu erhalten wie
sich alles in der Schweiz nach meiner Abreise entwickelt
hat,
ebenso habe ich nach Keilh. geschrieben mir die von Euch dahin
abgesandten Briefe
möglichst bald nach Berlin nachzuschicken.
Meine Adresse in Berlin ist. Abzugeben
in der Wohnung der Madame
Hanige.
Alte
Schönhäuser Straße No 46.
Nun von
meiner Frau und mir an alle in Burgdorf und Willisau die herzlichsten
Grüße. Was
aus diesem Briefe in Willisau interessiren kann
theile dahin mit.- Die Burgdorfer Blumen haben
uns blühend und
duftend bis Frankfurt und weiter im Wagen begleitet. Mareylis
Myrthen-
stöckchen ist nicht nur ganz frisch, sondern treibt
sogar viele Zweige; wir gedenken ihrer also oft
dankbar. An Alle
Spieß, Groschvetter rc, rc, an
alle die Kinder <jeden> namentlich unsere Grüße. So
eben
kommen wir aus einem Spaziergang in einer sehr schönen Anlage vor
Leipzigs Thoren zurück. Lebe recht
wohl und erfreue bald, recht
bald in Berlin mit einigen Zeilen Deinen und Euern
FriedrichFröbel.
(Nachschrift
am Rand von 2V/1R:)
Am Tage meiner Abreise habe ich durch
Mareily auf meine Uhr bei Steiner ein Glas machen lassen; in Eile ist
das äußere Gehäuse bey <ihr / ihm>
zurück geblieben, ich
bitte Dich Dir es geben zu lassen und mir es mit erster Gelegenheit
zu schicken.- /
[2R]
[Adresse:]
Herrn
Langethal,
Vorsteher
der Waisenerziehungsanstalt
zu
Burgdorf
Kanton
Bern.
Schweiz.
Über
Zürich.