Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 13.6.1836 (Leipzig)


F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 13.6.1836 (Leipzig)
(UBB 12, Bl 22-23, Brieforiginal 1 B 4° 3 S.+Adresse, ed. KG 1883, 159-161. Im Briefkopf: Lithographie mit Ansicht Leipzigs mit Angabe der Himmelsrichtung: "Südwest")

Leipzig, den 13en Juny 1836.·.


Mein lieber Langethal.

Deiner und Deiner lieben Frau treuen Theilnahme an dem Fortgange unserer Reise gewiß
komme ich jetzt Dir mein Wort zu lösen und Dir von hier aus zu schreiben. Eine Reise-
beschreibung erwarte nicht, sondern nur die einfache Anzeige wo und wie wir jetzt
leben. Ich hätte freilich wohl recht gut damit bis nach Berlin warten können, allein
Du bekämest dann doch den Brief wohl 8 Tage später und da uns diese in sehnsuchts[-]
voller Erwartung wohl zu 18 Tagen werden können, so eile ich Dir zu melden, daß
wir unsern Vorsatz ausgeführt und sogleich von Gotha aus nach Berlin gereiset
sind ohne auf diesem Wege über Keilhau zu gehen und dort einige Zeit zu ver-
weilen. Viele Gründe die Du Dir eigentlich aber alle sagen kannst bestimmten dazu
hauptsächlich daß ich das Gemüth unserer theuern Mutter nicht zu viel erregen
und ihrer schwachen Gesundheit nicht zu viel zu tragen aufbürden wollte: jetzt
ist ihr Gesundheitszustand, ich möchte fast sagen etwas an das Reisen gewöhnt;
wir haben einen guten verschlossenen Wagen; sie braucht auch nicht einmal ihren ein[-]
mal gewohnten Platz zu wechseln, alles dieß ist ihrer, von Gott zwar zu dieser Reise
mit besonderer Ausdauer beschenkten; allein doch immer schwachen Gesundheit sehr
zuträglich.-
In Frankfurt reiseten wir Mittwoch Morgens 6 Uhr ab. Der Weg gieng über Hanau
Gelnhausen. Hier wurde Mittag gemacht. Ich besuchte die Überreste der in den
Jahren 1150-1190 im byzantinischen Geschmack erbauten Burg oder vielmehr des
Pallastes Kaiser Friedrich des Rothbartes mit einem Grundriß von Hundeshagen
(eines gewesenen Forstbeamten) in der Hand, und die sehr interessante im gleichen Ge-
schmacke im 14n u 15n Jahrhundert erbauten Kirche, wunderlicher Weise mit einem
wie man mir sagte mit Absicht zum Theil schief gebauten [*Zeichung: schiefer Turm*] mit Schiefer gedeck[t]en, also wohl
neuerer Zeit angehörigen Thurme. E Sie hatte noch 2 solche allein senkrecht kegelförmig
in die Höhe gehende Thürme [*Zeichung: Kirche mit 2 senkrechten Türmen*] .- In Schlüchtern war Nachtquartir.- Donnerstag giengs /
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von 5½ Uhr morgens über Fulda, Hünfeld, wo Mittag gemacht wurde, nach Buttlar. Hier
kamen wir noch so zeitig an daß ich noch auf die Höhe der schön gelegenen Skt[.] Michels[-]
kirche steigen und mich dort eines her[r]lichen, klaren Sonnenunterganges umgeben
von einer kräftigen frischen und grünen Gegend erfreuen und mich allen meiner
Lieben in allen Himmelsgegenden zerstreut lebend, liebend u dankbar erinnern konnte.
Die liebe Mutter genoß während dem der so sehr bedürfenden Ruhe.- Am folgenden
Tage, also Freytags giengs von 5 Uhr Morgens über <Nach>, Marktsuhl u Eisenach wo
Mittag gemacht wurde, nach Gotha. In Eisenach wurde unser Wilhelm Clemens in
der Carthause, dem herzogl. Garten aufgesucht. Wir trafen ihn in seinem Geschäfte; er zeigte
sich als der alte herzliche treusinnige Knabe und Jügl, war hoch erfreut uns und die
Mutter zu sehen wie diese ihn. Er war gesund, war Pfingsten in Keilhau u in Weimar gewesen,
und versprach uns nach Keilhau zu kommen sobald wir dort eintreffen würden. Auch seinen
Lehrherrn den He. Hofgärtner sahe ich; er war im Ganzen zufrieden nur klagte er über
Mangel an Ausdauer und - persönlichem Zutrauen, Fehler welche mir bey diesen Brüdern
fast als Familienfehler erscheinen. Ich sprach darüber mit dem Gärtner und empfahl
den jungen Menschen möglichst seiner vätterlichen u männlichen Sorgfalt. Der Mann gefiehl
mir; und was mir von Wilh. lieb war, er hält mit Liebe doch seinen Beruf fest was
doch immer ein gutes Zeichen ist. Er suchte uns durch Vorzeigen seiner Gewächse u Pflanzenzeich[-]
nungen Freude zu machen. Wir hielten uns dad[urc]h so auf, daß auch unser Wagen (wir reiseten
in einer Gesellschaft von 16 Person[en] nebst 3 Kindern in 3 großen Reisewagen:) schon vom Gasthof
abgefahren war und uns vor dem Thore erwartete.- Abends spät in Gotha angek[o]mmen
suchte ich meinen Neffen Heinrich Müller auf traf ihn mit den Seinen gesund, doch ist der
kleine Ferdinand, Ferdinands in Willisau Pathe noch immer Rückfällen früherer Krankheit ausgesetzt.
Der Knabe geht jetzt in die Schule. Heinrich schenkte uns einige Stunden am Abend; er sagte uns daß
in Döllstädt alles gesund und daß Luise Willens sey, diesen Sommer in Gesellschaft der Frau
Ritter von <Fahnern>, Augusten in Bergedorf zu besuchen. Auch von hier hörten wir gute Nach-
richt.- Sonnabends früh wieder 5½ giengs von Gotha über Erfurth, Weimar nach <Eckardsberga>[.] /
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In Erfurth wurde im Fluge, weil der Kutscher im Schlehendorn hielt, Dein Bruder besucht und von der
Frau ein Schu[h]einkauf gemacht. Deinen Bruder nebst Frau trafen wir sogleich beym Eintritt ins
Haus, umgeben von ihren beyden gesunden, frischen und lebenvollen Jungen. Das Mädchen, ich glaube
Caroline heißt sie war in der Schule, doch sahe ich an ihrem Schreibebuche daß es auch ein wackeres
Kind sein muß. Später komme ich vielleicht noch einmal darauf zurück. Dein Bruder, welcher im Gesicht
bedeutend stärker geworden ist, erschien mir jetzt Deinem Vater sehr ähnlich. Er war vor 8 oder 14
in Keilhau gewesen wo er alles gesund verlassen hatte. Triest war abgereiset aber in Jena
wieder so krank geworden, dass er in das dortige Krankenhaus hatte gebracht werden müssen.
Man zweifelt gänzlich an seinem Aufkommen. Von Leizmann sagte er mir daß er in Petersburg sey,
aber auch von dort wieder wegwolle, er könne nirgends ausdauern.- Albertine war, was
mir sehr leid that zu hören, schon bey seiner Anwesenheit in Keilhau damit beschäftigt
gewesen in das U untere Haus zu ziehen; doch hatten er Gottlob gesagt sie möchten sich damit
doch nicht übereilen, weil Du ihm geschrieben habest wir würden erst Ende May oder An-
fangs Juny von Burgdorf abreisen. Ich war sehr erfreut dieß von ihm zu hören.- Nach-
tragen will ich daß der Herr Pfarrer Bäh[rin]g kürzlich mit Laura d[urc]h Gotha nach Anroda gereiset war.
Von Eckardtsberge giengs über Kösen, Naumburg, Weißenfels (wo Mittag gemacht wurde) über Lützen
(beym Denkstein des Falles G. A. v. Schweden vorbey) nach Leipzig wo wir gestern Abends
(Sonntags) 7 Uhr ankamen. Heute haben wir endlich, auf der ganzen Reise den ersten
ganzen Rasttag. Morgen Dienstags den 14n soll es früh 5 Uhr nach Berlin von
hier nach Berlin gehen wo wir nach einer 2tägigen Reise also Mittwoch
den 15en einzutreffen hoffen.- Da ich nun zu Gott erwarte, daß wir nach so viel
Seegnung von Ihm auch gesund in Berlin ankommen und dort alles nach Umständen
wohl antreffen werden, so werde ich Dir von Berlin aus nun nicht eher wieder schreiben
als bis sich wegen meiner nächsten Zukunft, d.h. wegen der Zeit meines und unseres
Aufenthaltes in Berlin sich irgend etwas bestimmtes entwickelt hat. Von Dir und
Euch Ihr Lieben in der Schweiz hoffe ich aber dorthin möglichst bald Briefe u Nach-
richten zu erhalten wie sich alles in der Schweiz nach meiner Abreise entwickelt
hat, ebenso habe ich nach Keilh. geschrieben mir die von Euch dahin abgesandten Briefe
möglichst bald nach Berlin nachzuschicken. Meine Adresse in Berlin ist. Abzugeben
in der Wohnung der Madame Hanige. Alte Schönhäuser Straße No 46.
Nun von meiner Frau und mir an alle in Burgdorf und Willisau die herzlichsten Grüße. Was
aus diesem Briefe in Willisau interessiren kann theile dahin mit.- Die Burgdorfer Blumen haben
uns blühend und duftend bis Frankfurt und weiter im Wagen begleitet. Mareylis Myrthen-
stöckchen ist nicht nur ganz frisch, sondern treibt sogar viele Zweige; wir gedenken ihrer also oft
dankbar. An Alle Spieß, Groschvetter rc, rc, an alle die Kinder <jeden> namentlich unsere Grüße. So
eben kommen wir aus einem Spaziergang in einer sehr schönen Anlage vor Leipzigs Thoren zurück. Lebe recht
wohl und erfreue bald, recht bald in Berlin mit einigen Zeilen Deinen und Euern FriedrichFröbel.
(Nachschrift am Rand von 2V/1R:)
Am Tage meiner Abreise habe ich durch Mareily auf meine Uhr bei Steiner ein Glas machen lassen; in Eile ist das äußere Gehäuse bey <ihr / ihm>
zurück geblieben, ich bitte Dich Dir es geben zu lassen und mir es mit erster Gelegenheit zu schicken.- /
[2R]
 [Adresse:]
Herrn Langethal,
Vorsteher der Waisenerziehungsanstalt
zu
Burgdorf
Kanton Bern.
Schweiz.
Über Zürich.