Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 25.4./27.4.1835 (Willisau)


F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 25.4./27.4.1835 (Willisau)
(UBB 5, Bl 9-10, Brieforiginal 1 B 4° 2 S. + Adresse, tw. ed. KG 1883, 108-111 - Es handelt sich um Briefliste Nr. 643 und 646; Nr. 643 [KN 51,15] ist lediglich Abschriftfragment bzw. Inhaltsangabe dieses Briefs und kein eigener Brief. Die Standortangabe in KN-Katalog des Originals [L, Erfurt] ist veraltet. In Heiland 1982, Nr. 331 wird für KG 1883 S. 108-112 genannt. Der F.-Text "Zur gemeinsamen Feier des 11. Juli 1834" ist aber kein Briefbestandteil mehr. Die Verwechslung kommt wohl zustande durch den eigenartigen Briefaufbau unter Einschluß des Briefs Barops. Die Nachbemerkung vom 27.4. ist nicht ediert.)

Willisau am 25 April 1835.


Grüße Dich Gott lieber Langethal und Euch alle insgesammt.

Gegen 9½ Uhr kam ich und Titus verflossenen Dienstag Mittwoch glücklich hier in W. an.
Gleich bey meiner Ankunft gab mir Ferdinand einen Brief aus K.- welchen ich Dir nachher
mittheilen werde. Hier traf ich alles wohl an.- Am Donnerstag trat hier ein junger 16 
jähriger Mensch als Zögling ein Josef Haber der Sohn des Wirthes zu Krienz. Französisch
und Deutsch sind seine Hauptforderungen. Er lebte 1½ Jahr in Italien und spricht italiänisch.
Langguth hat bey seiner Anwesenheit in Willisau das Schloß nicht besucht. Von den hier im
Hause wohnenden sind die Berner und Moritz zurück gekehrt. Moritz geht am 1n May
zu Wechslers.
Heut Morgen 6 Uhr ist Titus nach Keilhau abgereist. Karl begleitet ihn bis Münster [sc.: Beromünster]. Titus
reist über Zürich, Constanz, Stuttgard, Nürnberg, Bayreuth, Veilsdorf Königse[e]. Ich habe ihm
Briefe an seinen Vater, seinen Bruder Johannes, an die Keilhauer Anstalt einige Zeilen, Ferdin:
an Barop einen Brief mitgegeben. Ich [gab] ihm weil er es wünschte von der Anstalt aus ein
Zeugniß als Elementarlehrer und 36 Schwzrfrk. Reisegeld. Ich wollte es ihm nicht zu knapp zu zählen.
In 15 Tagen - also ohngefähr heute über 14 Tagen denkt er in K. zu seyn.-
Im Berner Beobachter vom 23' Apr. steht unter dem Artikel Bern folgendes: - ["]Die aus den bedeu-
tenden Mitteln des christlichen Volksbildungsvereines zu Bättwyl bei Burgdorf nach Wehrlischer Art errichte-
te Armenerziehungsanstalt, der die Regierung in einem ehemaligen Zöglinge der Wehrli-Schule einen tüchtigen
Vorsteher gegeben hat, wird sich, wie man aus Burgdorf meldet, bald ohne fernere Zuschüsse, aus eigenen Mit-
teln zu erhalten im Stande seyn. Ein ermunternder Thatumstand für ähnliche Anstalten in andern Gegenden des Cantons.["]
Fällt Dir dabey l. L. nicht gar Manches auf?- z.B. die Regierung hat und zwar einen Vorsteher gegeben. Auch daß
man gleich im ersten Ausschreiben das Führen der Anstalt nach Wehrli forderte und nun einen Zögling aus der
Wehrli-Schule anstellt. Mir ist es als wäre das Ausschreiben für den Anzustellenden gemacht worden. Noch
ist in dieser Notiz merkwürdig daß die Anstalt, welche factisch noch gar nicht ins Leben getreten ist, - schon bald
ohne fernere Zuschüsse sich aus ihren eigenen (?) Mitteln zu erhalten im Stande seyn soll rc. Ich freue mich immer
mehr daß wir uns aus dieser Sache so früh und so still zurück gezogen haben. Aus dieser Anzeige kann ich
mir nun auch H. M. Rede und die Unzufriedenheit in B[ur]gd[o]rf über Bern in dieser Sache erklären.
Du Langethal wirst nach alle diesen auf die Führung des Waisenhauses in B.- die größte Sorgfalt wenden[.]
Folgendes ist der aus Keilhau eingegangene Brief. Keilh. d 15 Apr 1835. "Unsern Gruß zuvor"
"Am Montage erhielt ich Deinen Brief. An demselben Tage ist H.  Lzm: [sc.: Leitzmann] von hier fort.- Auch hier ist die Zeit der äußern
"Auflösung und der innern Reinigung und Einigung. Da ich nicht weiß, wie diese Erscheinungen auf die Entwickelung unseres Lebens
"einwirken, so theile ich sie Dir gleich mit. Wie wunderbar die Vorsehung das Verhältniß mit Lzm. gelöst hat, ist Dir
"von Middend: schon geschrieben. Wir fühlen uns alle durch diese Lösung sehr erleichtert. Wie ich vor einiger Zeit
"Hedwigs fortdauernd schwankenden und trüben Zustand sahe, fragte ich sie nach ihren Wünschen in Beziehung auf die Zukunft
"und forderte sie auf, da sie nach Hause verlangte, ihrer Mutter sich ganz offen auszusprechen. Dieß veranlaßte sie zu der
"Meinung, wir hätten von den Eltern einen Brief erhalten und ich hätte ihr in Folge desselben die Wahl gelassen zu bleiben
"oder zu gehen. Und sie hatte das letztere gewählt und es He. Lzm., der diesen Wunsch besonders bey ihr genährt hatte
"als ganz bestimmt mitgetheilt, dieß war wohl der Hauptgrund ihn zu bestimmen, jetzt schon auszutreten. Er gab vor,
"da seine Classe sich auflöse und seine Wirksamkeit darin überhaupt zu gering sey, so wolle er seine Thätigkeit auf
"wissenschaftl[iche] Studien richten, zu denen er jetzt wieder so stark hingezogen werde. Wir zweifelten nicht daran und so schieden
"wir in Frieden.- Wie einzeln er das Leben aufgefaßt u. wie er von dem eigentlichen Wesen unseres Lebens gar
"keine Ahnung hatte, trat ja zuletzt daraus hervor, daß er seine Wirksamkeit in unserm Kreise nur in der Wirkung
"auf die paar Zöglinge seiner Classe finden wollte. Es wäre freylich gut gewesen, wenn sie sich nicht weiter erstreckt hätte
"hätte [2x], wohl oft nach allgemeinen und an sich wahren Ideen, aber so als wenn im Mährchen zu Zeiten ein halber Mensch
"zum Schornstein herein fällt.- Seine Einwirkung war vernichtend [{]für / in[}] Allem. Wie sich dieß bey Hedwig zeigte, so auch bey
"Felix, der von ihm, - nachdem er ihm sein Vertrauen zu uns und zu seiner Mutter vernichtet hatte und er dann auch von Lzm.
"zurückgestoßen war, - zu einer Grenze geführt wurde, die dem Joh. Schmidt wohl nur zu verstehen möglich ist.-
"Mit Hedwig habe ich nach Lzms Fortgang eine Reinigung vorgenommen und mit glühenden Zangen den Wurm ge-
"packt und heraus gezogen und an den klarsten gestandenen Thatsachen ersehen, daß Lzm: Einwirken auf Hedwig /
[9R]
"in solchem Grade verkehrt und sinnlich gewesen ist, daß ich es gar nicht ausprechen mag. Wie rechtfertigt sich das Urtheil
"der Frauen über ihn. Wir können der Vorsehung nur danken für ihren Schutz an diesem Abgrunde. Bey der Untersuch-
"ung mit Hedwig ergab sich mir, daß ihre Schwäche Wankelmuth pp den sie immer gezeigt in frühzeitiger Störung des
"weiblichen Gemüthes und Unschuld gegründet ist. Alle Keime so wohl der guten als verkehrten Richtungen wollen
"ihren Kreislauf vollenden, wenn sie dem Menschen zum Heil werden sollen. Denn nur so wird der Mensch sich ihrer
"und ihres Verhältnisses zu sich recht bewußt. Und so ist Hedwigs Heilung wohl möglich. Aber es ist merkwürdig
"daß uns die Vorsehung immer deutlicher die ersten Anfangspunkte der verschiedenen Entwickelungen erkennen läßt.
"Weiß man diese nicht und kann sie nicht fördern in dem einen Fall, oder zertheilen oder aufheben im andern, so kann
"man das Übel wohl mindern aber nicht vernichten, das zeigt jedes Geschwür und jeder Leichtdorn.--
"Am Palmsonntage erhielt Triest eine Vorladung von dem Criminalgericht nach Stettin zum 9en May, wegen
"burschenschaftlichen Untersuchungen, wenn er nicht wolle durch Polizei geholt seyn. Er hat darum nachgesucht, schriftlich die
"ihm vorgelegten Fragen beantworten zu dürfen. Er findet sich immer inniger mit uns zusammen und fühlt sich immer glücklicher
"in unserm Kreise. Er ist eine wahre und offene, wenn auch gelehrte Natur. Allein ist jetzt ist sein Geschick nicht mehr in seiner
"Hand."- In diesem Chaos der neuen Gestaltung zeigen sich uns äußere Anknüpfungspunkte: Bernart (oder
"wie sonst der Mann heißen mag) aus Dortmund, ein Präceptor durch He. Pfarrer Korn für die Musik und ein Philo-
"loge. Doch ist von keinem noch die Antwort oder Bestimmtheit da."
"Lzmann hat seinen Plan nach der Schweiz, wohin er Italiens Nähe wegen wollte, aufgegeben.
"Dr. Hollmann war in Jena in Verruf, als er fortgieng. Wie haben sich gegen uns die Hülfssuchenden
"betragen?-" Ich muß schließen. Unser aller Gruß zu Deinem Lebensfeste. Wir sind alle wohl und die
"zarten Lebenskeime wachsen in Kraft, Muth und Einheit. Dein
JBp.
"Sind doch die Gesetze des Lebens und der Schutz den uns die Vorsehung
"sichtbar macht, auch Gaben, sonst würde es mir doppelt unange-
"nehm seyn diesen Brief und nur diesen jetzt schreiben zu können.
"Diesen Abend beginnen unsere Ferien."
So weit Barops Brief und somit die jüngsten Mittheilungen aus K.
Jüngst las ich folgenden Ausspruch de la Mennais: - "Hat man Vertrauen auf die gute Sache; dann
überwindet sie immer und der rettet sich, der bis ans Ende beharrt."
In dem Berner Schweizerischen Beobachter No 49 lese ich so eben: - "Gewalt und Noth gebieten Eintracht.
"Gutmütigkeit, Eitelkeit und Schwäche predigen sie. Eintracht zu stiften, Friede zu schaffen, vermögen
"nur große, ewige Wahrheiten und Ideen, wie wir am Christenthum und am Ursprung der Bildung und
"Erhaltung aller Nationen sehen".- (:Diese beyden Aussprüche sind wohl auch besonders für uns ge-
schrieben.[:)]
In einer der jüngsten No des Berner Volksfreundes steht ohngefähr: ["]Wie man in Burgdorf erwartete,
"so werde dieses Jahr daselbst wieder ein Schullehrer Wiederholungscurs jedoch in größerer Ausdehnung
"als und länger als der vorige jährige in dem daselbst dazu eingerichteten Schlosse gehalten werden."
Unsere Schullehrerzöglinge hier aber meinen es würden sich wenige Schullehrer dazu einschreiben lassen
weil sie sämtlich mit der Bestimmung des neuen Schulgesetzes höchst unzufrieden seyen.- Du kannst L[an]gethal
diese Meinung und Äußerung gelegentlich immer z.B. gegen H. M. oder dem Pr. H. S. im Allgemeinen aus-
sprechen.
Ich bin in mir wegen meiner Theilnahme daran, wenn sie nach der Äußerung des H. M. gegen Dich u mich ge[-]
wünscht werden sollte, noch keinesweges entschiede[n].- Ohne alle äußeren Rücksichten wünsche und strebe
ich, von nun an nun meine Kräfte auf die wirksamste und angemessendste genug auf die beste Weise
zur endlichen Zielerreichung einer klaren und sichern MenschheitsErziehung an zu wenden. In Einklang und Einigung
mit den allgemeinen Weltentwickelungsgesetzen den sichersten, den richtigsten Weg dazu zu betreten, die wahr-
sten Mittel dazu zu ergreifen, das ist das erste Ziel all meines Str nächsten Streben[s] nichts anders
kümmert mich als daß ich mich bewahren möchte meine Kraft nicht falsch anzuwenden, nicht zu zersplittern
noch weniger zu vergeuden. Wie die Bäume im jetzigen Frühling möchte ich alle meine Kräfte u Säfte nur
zu einem Ziele verbrauchen: Menschheitsblüthen und Früchten.-
Ich habe dir nun zunächst nichts mehr zu schreiben als grüße auf das herzlichste meine Frau und die Deine und
die lieben Kinder. Meiner Frau sage daß Kunigunde hier nichts von einer Kaffeetrommel wissen wolle.
Nie sey ihr während ihren Hierseyn[s] eine zu Gesicht gekommen; sie könne sich auch keinen Platz denken wo sie etwa zu
finden seyn möchte. Auch Euern beiden Lys sagt meinen Gruß dem Ä-ely und dem Bä-ely.
Lebet recht wohl Dein und Euer

Friedrich Fröbel

Weißt Du Langethal daß wir beyde vergessen haben uns von Burgdorf Erbsen für den hiesigen Garten zu besorgen?
Sturms Betrachtung auf alle Tage im Jahre, welche mit nach Burgdorf genommen worden sind gehören dem
Frankenberg zu eigen, Du mußt sie also ja wieder mitbringen wenn Du zum Examen kommst.

Montag am 27en Apr. so eben gehen unsere Lehrstunden an, vom Lande fehlen wegen des schlechten Wetter[s] noch viele[.] /
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[leer] /
[10R]
[Adresse:]
Herrn Heinrich Langethal
Erzieher.
Abzugeben im Waisenhause
in
       Burgdorf
       Kanton Luzern Bern.