Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 28.3.1835 (Willisau)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 28.3.1835 (Willisau)
(KN 51,11, Brieforiginal 1 B 16° 4 S. Dieser Brief wurde zusammen mit dem Brief v. 15.3.1835 an die >Keilhauer Gemeinschaft< ["Einladungsbrief"] verschickt, darauf deutet auch die Anfangsbemerkung hin; dabei lag sicher auch der Brief an Elise Fröbel v. 28.3.1835. - Es handelt sich um den Brief, der bei Heerwart 1905, 133 irrig als Brief an Middendorff v. 25.3.1835 tw. referiert wird [Heiland 1982, Nr. 326].)

Willisau am 28en März 1835.


*

Ich bitte Euch diese Zeilen zuerst zu lesen u. zu beachten.
1. Wir danken Dir Middendorff für Deinen Brief vom 21 d. M.
    wir haben ihn heute Vormittags erhalten, und uns der glück-
    lichen Ankunft Gascard's gar sehr erfreut, so wie besonders
    daß er auch Euch mit einem Wohlwollen und Zutrauen er-
    weckenden Eindrucke Euch entgegen getreten ist.-
2. Auch hier hat sich nun das Wichtigste, wie Ihr aus dem Einla-
    dungsbriefe an Euch ersehet - klar entwickelt. Am 13en
    künftigen M. gehet meine Frau und Langethals am 25en
    May gehe ich nach Burgdorf. Wie es scheint kommt man uns
    dort mit Vertrauen entgegen. Genug dieß Wandelstern
    Jahr wird auch für uns ein entscheidendes Jahr werden.
3., Seyd nun so gut uns, wenn es möglich ist mit umgehen[-]
    der Post zu schreiben: Wenn [sc.: Wann] nun Elise und Middendorff
    mit Bestimmtheit von Keilhau abreisen kann und wird;
    dann welchen Weg ihr [sc.: Ihr] zu nehmen gedenkt und wann Ihr
    glaubt daß sie dann hier eintreffen können.
4. Middendorff oder Elise sollen von Tübingen aus eine Zeile
    schreiben, damit wir wegen Middendorff nicht ohne Noth in Sorgen.
5. Ich glaube daß Middendorffen diese Reise, wenn er sie mit Sorge
    macht, wohlthätig seyn wird; so wie besonders auch daß zur
    gemeinsamen gesunden Förderung unseres Lebens wieder
    einmal ein persönliches sich Besprechen höchst nöthig ist.
    Wäre ich nicht so sehr gebunden ich wäre aus dieser Rücksicht schon
    längst zu Euch geflogen.
6. Dein Schmerz l. Middendorff wegen nicht herzustellender Einheit
    ist auch der meine in Beziehung auf hier. Bey nun gleichen Lebens-
    erfahrungen werdet Ihr auch mein Leben in seinen Äußerungen
    und Erscheinungen verstehen. Auch hier findet jetzt dasselbe statt
    was bei Euch in Keilhau statt findet. Es giehrt einmal alles durch
    einander, wie der Wein im Keller giehrt, wenn der Weinstock
    im Berge blühet.- Für Karl Cl. wird Ms Erscheinen gut seyn.- /
[1R]
Ich wünschte daß Middend. in Beziehung auf Karl Cl. mit einer Art
Vollmacht für ihn für Karln hierher käme um dessen Lebenspläne
mit ihm gemeinsam im Sinne der Frau v. Ahlefeld zu besprechen.
7. Wenn [sc.: Wann] denkt Ihr nun daß Johannes Pfeiffer mit Bestimmtheit
    von Keilhau abreisen kann; beantwortet mir ja diesen Punkt
    klar und genau. Titus besorgt jetzt hier schon seinen Paß, wel-
    ches mit großer Weitläuftigkeit verbunden ist[.] - Zwischen 3
    und 4 Wochen gedenkt Titus von hier abzureisen; doch halte
    ich einen längeren Aufenthalt {für / von} ihn in Keilhau fürs Keilhauer
    Jugendleben nicht gerade gut. Doch will ich darüber nicht ent-
    scheiden. Ferdinand und Titus sind hier harte Oppositionen, beson-
    ders findet sich im Frd. eine starke Entgegnung gegen Titus ganzes Seyn.
    Titus reiset, wie mich Frankenberg bestimmt versichert, mit dem Wunsche
    und Vorsatz von hier ab, in unsern Kreis zurück zukehren. Von seinen
    gesammten Verhältnissen aus halte ich es schwer. Was Willisau
    betrifft würde das Erwähnte Hinderniß seyn. Die Burgdorfer rc
    Verhältnisse sind noch unentwickelt. So bliebe nur Keilhau zu
    nächst. Schreibt mir wie Ihr darüber denket und wie Johannes.-
8., Meine Sehnsucht und die Deinige Middendorff zu innigen [sc.: innigem] sowie in
    ner[n] als äußerlichen einigen Lebensverkehr - welche sich glaube ich
    auch noch in andern Gliedern unserer Gemeinsamheit ausspricht ist
    auf das tiefste begründet. Zu einer gesammten äußeren Einigung
    sehe ich nun aber jetzt gar kein Mittel; darum muß uns die immer
    größere innere Einigung des Ganzen über Alles wichtig seyn und dazu
    müssen wir wenigstens mit größter Sorgfalt die wenn auch nur
    temporelle äußere persönliche Einigung Einzelner benutzen.
9.  Leizmann hat an Langethal geschrieben. Er wird zunächst bey Euch bis
    Michaelis bleiben; dann wünscht er in der Schweiz im Allgemeinen aber
    ganz besonders in unserm Kreise eine Wirksamkeit, seine Forderungen
    sind billig. Langethal hat ihm geschrieben wie es in dem Augenblick steht
    und ihn aufgefordert ruhig die Entwickelung abzuwarten. Von
    Triest schreibt er, daß dieser sein Leben mit dem Eurigen einigen wolle u werde.
10. Die Nachricht der Gesundheit Aller besonders Emiliens mit ihrem
     Engelskinde hat uns alle sehr beglückt. Allen die herzinnigsten
     Grüße von Allen und besonders von Euerm FriedrichFröbel /
[2]
In der Beylage zum Berner Volksfreunde No 22. S. 176 und 177 findet
sich folgender Aufsatz.
** 8 März. Es ist letzthin vor dem Großen Rathe gesagt worden: "Wenn
"auch ein Engel vom Himmel käme - in Münchenbuchsee würden
"wir nie einen guten Seminardirektor bekommen." Der Redner wollte
wahrscheinlich von der Stellung des Directors zum berühmten Stifter
(:So wird nämlich jetzt stets Fellenberg bezeichnet:) - reden; er vergaß aber
daß bey Erwählung des jetzigen Direktors die Stellung des Stifters
nicht gebührend beachtet worden war, woran damals mehr die Um-
stände als Partheisichtabsichten schuld gewesen seyn mögen (:Fellenberg war
nämlich dortmals Mitglied des Erziehungsrathes, wurde
aber bey Besetzung der Direktorsstelle nicht um seine Stimme befragt:)
wie das aber gekommen ist weiß ich nicht:).- Jene Formenumgeh-
ung gab dem Stifter wirklich eine gerechte Ursache zum Zürnen
an die Hand. Dieß und a. m. trieb aber doch eine allzugroße
Hitze in sein Haupt, und diese versengte ihn nicht wenig den Lorbeer-
kranz seines sonstigen Verdienstes. Das ist gar sehr, gar sehr zu
bedauern, so wohl für ihn, als das Vaterland. Man erwartet
nun mit Zuversicht, daß bey der zweyten Direktorwahl keine
Formwidrigkeiten statt finden werden.- (:Weil nämlich Fellen-
berg die Landammamesstelle annahm mußte er aus dem Erziehungs[-]
rathe austreten; und somit kann natürlich bey einer zweyten Wahl
sein Votum nicht umgangen werden:) - Dann aber darf das
Publikum mit aller Gerechtigkeit vom Stifter fordern, daß
er (nach seiner oft ausgesprochenen Lieben [sc.: Liebe] des Menschenwohles)
die Seminaranstalt ungestört leben und gedeyhen lasse. Ja
wir wünschen aufrichtig und herzlich, daß dann sein Lorbeer-
kranz frisch grünen möge; das darf vox populi, vox Dei
von ihm fordern.
Aus des Stifters Munde hat der Gr: Re. vernommen, daß keiner
der Geistlichen, die voriges Jahr Wiederholungscurse hielten, fähig sey
dem Seminar vorzustehen. Dieselbe Meinung waltet auch in
No 10 und 11 des Mittheilungsblattes vor. Nicht daß ich glaube der
Stifter selbst habe dieses verfaßt - ein Herr kann manche Diener
haben die auf einen Wink in seinem Interesse arbeiten....... /
[2R]
Genug! Es geht aus des Stifters Munde und Mittheilungsblättern hervor
daß nur Hofwyl etwas Tüchtiges, ja das wahre Heil für die Volks-
bildung darbringen könne. Es ist hier nicht der Ort, pädagogische
Grundsätze zu erörtern. Nur so viel: l'esprit d'une institu-
tion n'est pas d'enseigner l'enfant beaucoup de chose mais
de ne laisser jamais entrer dans son cerveau que des
idées justes & claires (J. J. Rousseau traité de l'educa-
tion
[sc.: éducation]. I.III. Ob dieses in Hofwyl mit so vielen Lehrgegenst[än]den
binnen so kurzer Zeit möglich gewesen? Ob da wohl von den
analytischen und synthetischen Lehrarten, je nach dem Alter
des Kindes, des Lehrgegenstandes rc etwas gesagt ward?-
Ob auch etwas über das Verhältniß und den innern Zusammenhang
der Lehrgegenstände rc gelehrt wurde?-
Was nun Herrn Pfarrer Lutz zu Därstätten betrifft, so erwarte, ich
noch andere Beweise seiner Untauglichkeit, als die im Volksfreunde
und Mittheilungsblatte gegebenen, die weit entfernt vollgültig
zu seyn, vielmehr ein sonderbares unächtes Gepräge tragen.
Ich rechne mich zwar zu des Angefochtenen Freunden, aber in
solchen wichtigen, vaterländischen Angelegenheiten rede ich nicht
dem Freunde, sondern der Gerechtigkeit das Wort.
Daß mir die Redaction des Mittheilungblattes vorwirft "ich
"wolle die Quelle vergiften, woraus die Gaben für die Kinder-
"welt flossen" - das ist wundersam zu hören! Ich kann über diesen
Vorwurf nur - "die Achsel zucken" - und lächeln. Es stände
mir nun frey, die an mir gerühmte Kunst zu bewähren,
indem ich nämlich den Schlüssel zu solchen Beschuldigungen dem
Publikum in die Hände gäbe.- Ein klein wenig gesunde
Logik könnte das leicht thun. You shall have as Good as You bring
Gamaliel."
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Hieraus geht klar hervor wie es eigentlich zwey Partheien sind welche sich um die
Leitung des Berner volksschulwesens, und so um den entscheidenden Einfluß bey
Wiederbesetzung der Direktorstelle in Münchenbuchsee streiten: - die Geistlichkeit
des Kantons und dann Fellenberg, und wie es scheint wird erstere den Sieg davon
tragen. Pfarrer Lutz wird dem Anschein nach Seminariendirektor werden.