Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an das Erziehungsdepartement der Republik Bern in Bern v. 22.2.1835 (Willisau)


F. an das Erziehungsdepartement der Republik Bern in Bern v. 22.2.1835 (Willisau)
(StAB: BB IIIb 1928, Brieforiginal 4 ½ B fol 18 S., ed. Geppert 1976, 73-85; tw. ed. Lück 1953, 6f.)

An das Tit. Erziehungsdepartement der Republik Bern zu Bern.


Hochgeachtete Herren!

Es ist keineswegs leere Wortentschuldigung und eitle Vorklage, wenn ich aus-
spreche, daß ich seit dem letzten Monate des vorigen Jahres durch die gesammten
Lebenserscheinungen in der Vielseitigkeit meines Wirkens für das augenblickliche
und persönliche Schaffen und Thun so ganz in Anspruch genommen wurde, daß es mir
völlig unmöglich war, mich der doch täglich mahnenden Verpflichtung gegen ein
Tit. Erziehungsdepartement der Republik Bern zu entledigen, nemlich der
Verpflichtung: von einer mir von hochdemselben so vertrauensvoll über-
tragenen Wirksamkeit für die Aus- und Fortbildung einiger jungen Schul-
männer, von deren Weg und erreichtem Ziele Rechenschaft zu geben.
Da sich nun die für diese Wirksamkeit mir gegebene Zeit schnell zu seinem
Ende neigt, so halte ich auch das jetzt auf mich Eindringende mit Gewalt zurück,
um wenigstens in einer kurzen Uebersicht von meinem Thun und seinem Er-
folge Rechenschaft zu geben. So sehr ich nun aber auch blos das Wesentlichste
hervorheben möchte, so muß ich doch vorher die Umstände und Verhältnisse
in einem einzigen Gesichtspunkt zusammenfassen, unter welchen das zu erreichen
mir möglich wurde, was sich als wirkliches Ergebniß zeigen wird; und ich muß
das Tit. Erziehungsdepartement ergebenst ersuchen, dieß einer beachtenden
Prüfung und Aufmerksamkeit zu unterziehen.
Aus Gründen, welche mir in dem Wesen einer erziehenden Unterrichts-
weise und in der nur dadurch endlich zu erreichenden wahren Volksbildung
liegen, gieng ich mit großer Freudigkeit in den mir gewordenen ver-
trauensvollen Antrag in Beziehung auf die Ausbildung von vier jungen /
[1R]
Schulmännern ein. So groß nun auch meine Freudigkeit zu diesem Unter-
nehmen wirklich war, so mußte ich doch bey der Schwierigkeit und Wich-
tigkeit der Aufgabe im Vergleich mit der mir zu Gebote stehenden Zeit und
Kraft zwey nothwendige Grundbedingungen machen:
1, daß die Zöglinge sämmtlich zu gleicher Zeit, und
2, daß sie bald, zu Anfange des verflossenen Jahres eintreten möchten.
Keine von beyden Bedingungen aber, welche mir, um das vorgesteckte
Ziel in Jahres Frist so klar und vollständig, als es in meiner Seele lag,
zu erreichen, unerläßlich schienen, machten die Umstände auszuführen möglich.
Mit dem letztern begreifend, so konnten von den jungen Männern erst
welche gegen Ende des Winterhalbjahrs eintreten; der mir zu ihrer
persönlichen Führung damals besonders Zeit und Maße gebende Winter
war verflossen. Was jedoch die Hauptsache war, statt vier traten
nur zwey und auch diese nicht einmal ganz gleichzeitig ein. Dieß ver-
nichtete den in mir zur Bildung dieser jungen Männer gemachten Plan
so ganz, daß ich mich, wie meine schriftlichen Mittheilungen darüber
dem Tit. Erziehungsdepartement vorliegen, nur sehr schwierig end-
lich entschließen konnte, die beyden andern jungen Männer nach
einem Zwischenraum von beynahe acht Wochen noch zu den ersten
in dem Unterrichte aufzunehmen; denn es liegt wohl nur zu offen
vor, welcher Nachtheil durch solche Zerstückelung hervorgehen mußte.
Ungeachtet dessen begann ich doch nun mit gesteigerter Kraft, in
mir und um mich das Ziel festhaltend, nach dem dem Tit. Er-
ziehungsdepartement unterm 16. Decbr 1833 im Allgemeinen
vorgelegten Plane dieses Wirken.
Kaspar Scheidegger aus Huttwyl trat am 7. März v. J. in die hiesige
Anstalt ein; He Schäfer aus Sumiswald am 1. April; und die beiden
Schullehrer Straub und Lehner dagegen erst am 25. May. Der Bildungs-
grad des ersten geht aus seiner eignen Eingabe bey dem Tit. Erziehungs-
departement vom 1. März v. J. hervor. Die Bildungsstufe des Herrn /
[2]
Schäfer, dessen Beschäftigung bis dahin die Verfertigung von Blase-
instrumenten war, eben so wie die, auf welcher Herr Staub und
Lehner in die hiesige Anstalt eingetreten sind, werden dem
Tit. Erziehungsdepartement zur Vergleichung mit den gemachten
Fortschritten klar vorliegen. Ungeachtet dieser ihrer verschiedenen
Bildungsstufen (unter welchen sich die des Hrn Staub und Lehner
am nächsten stehen) wurde es mir durch den Unterrichtsgang
doch möglich, sie sowohl ihrem Einzelnstandpunkt nach als gemein-
sam zu beschäftigen. Ich begann den Unterricht
1, mit der Außenweltsbetrachtung. Während meiner Abwesenheit
von Willisau und Anwesenheit in Burgdorf wurde dieser Unter-
richtsgegenstand von Herrn Langethal, Mitarbeiter an der hiesigen
Anstalt, fortgeführt und beendiget. Dieser Unterricht, - in seiner
unmittelbaren Verknüpfung mit dem Kinde, Zögling und Schüler,
in seinem innern Leben, in seiner organischen Verknüpfung
und in dem in ihm liegenden, alle Erkenntnißgegenstände und
alle Bildungsstufen ergreifenden Lebensprinzipe erfaßt, -
ist uns gleichsam das Saamenkorn, aus welchem sich später der
ganze Baum der menschlichen Erkenntniß und so der des Unter-
richts seiner gegenseitigen Bedingung und Aufeinanderfolge nach
entwickelt. Er schließt mit Erfassung des Menschen in der Ge-
sammtheit seiner einfachen und ursprünglichen Lebensverhältnisse
und führt ihn so unmittelbar in die erste Menschengeschichte ein.
Wegen der Wichtigkeit dieses Unterrichts ist es nun noch nöthig, ihn den
Schullehrerzöglingen vor ihrem Austritte in einer kurzen und
klaren Uebersicht und mit dessen Eingreifen in die verschiedenen
Unterrichtsgegenstände nochmals vorzuführen.
An diesen Unterricht schlossen sich an
2, die Sprachübungen. Wie jener Unterricht mehr
die äußere Anschauung und richtige Erfassung und die Verhältnisse /
[2R]
der Gegenstände im Auge hat, so schließt sich dieser mehr an das innere
Leben, so weit es sich äußerlich kund thut, und besonders an die
Bezeichnung desselben durch die Sprache an.- Diesen Unterricht
hat während meiner Abwesenheit von hier Herr Langethal
begonnen und zu Ende geführt. Durch diese Sprachübungen soll
der Schüler und Zögling befähigt werden, für alles im Leben zu
Bezeichnende den richtigen Sprachgebrauchausdruck, das rechte Wort
zu finden, in ihm also Sprachgewandtheit entwickelt werden.
An diesen Unterricht schlossen sich ferner
3, die Sprechübungen an. Auch sie wurden von Hrn Langethal
begonnen und durchgeführt. An sie schließt sich nach unserm Lehrgange
der Schreibunterricht und durch diesen hindurch der Unterricht im Lesen.
Die Sprechübungen beabsichtigen, wie das Wort sagt, das klare
Aussprechen der Wörter als solcher, sowohl in Beziehung auf ihre
Glieder als auch ihre einzelnen Bestandtheile. Dadurch daß sie das
Wort in ihre Bestandtheile auflösen, und diese klar und bestimmt
auffassen und benennen laßen, machen sie es möglich, diese Bestandtheile
an bestimmte Zeichen zu knüpfen und so den Schreibunterricht daran
anzuschließen.
Dieser Unterrichtsgang wurde ihnen jetzt nur mehr historisch
mitgetheilt, und könnte erwartet werden, daß diese Lese- und Schreib-
lehrweise - welche sich übrigens in ihrer Eigenschaft, daß Schüler
früher dadurch angeleitet werden, Selbstgedachtes schriftlich darzu-
stellen, immer mehr bewährt, - in den Schulen werde angewandt
werden; so müßten dazu diese jungen Männer sich erst noch mehr
praktisch einüben. Was den ausführenden Leseunterricht be-
trifft, welcher in die verschiedenen Stufen a, des Rhytmischen oder
Tactischen, b, des Melodischen, c, des Dynamischen und d, des
gesamten ausdrucksvollen Lesens fällt; so müssen sie noch für die
Anwendung in Schulen eingeübt werden. /
[3]
Hieran schließt sich nun dem innern Wesen nach:
4, der Unterricht zur Auffassung der Sprachgesetze, der eigentliche Sprachunterricht.
Da es aber hiezu nöthig ist, daß der Zögling und Schüler vorher fertig lesen
und schreiben könne, so tritt dieser Unterricht erst später ein. Auch wir haben
ihn erst später begonnen. Der Gegenstand dieses Unterrichts ist der Umfang,
das Gebiet alles dessen, was die Sprache zu bezeichnen hat; wir nennen ihn darum
Anschauung des Sprachgebiets, oder kurz Sprachanschauung. Wir sind jetzt bis gegen
das Ende dieses Unterrichts vorgerückt.
An die Anschauung der Sprache und ihrer Gesetze schließt sich weiter:
5, die Kenntniß der Formen, welche die Sprache zur Bezeichnung ihrer Ver-
hältnisse u.s.w. bedarf, die Formenlehre der deutschen Sprache.
Sie beschäftigt sich mit der Auffassung der verschiedenen Sprachformen und
ihrer Bezeichnung, und besonders, von meiner Sprachansicht aus, mit der Ueber-
einstimmung, welche zwischen der Bezeichnungsform und dem zu Bezeichnenden
stattfindet.- Wir sind mit diesem Gegenstande bis ungefähr gegen die Mitte gekommen.
Nach diesen beyden letzten Unterrichtsgegenständen und eigentlich fast mehr
gleichlaufend mit denselben hätte eigentlich ein anderer Unterrichtsgegenstand
folgen müssen, welchen wir mit dem Ausdrucke Sprachdarstellung bezeichnen,
und aus welchem a, die Satzlehre oder die Lehre von den Gliedganzen, und später
b, die Stylübungen hervorgehen. Auf die Durchführung dieses rein elementaren
Gegenstandes, der Sprachdarstellung, welche sich in ihrem ersten Element eigentl[ich]
unmittelbar an das Schreiben als schriftliche Darstellung (siehe oben 3,) an-
schließt, mußte ich jedoch gänzlich Verzicht leisten; weil mir jetzt mehr daran
gelegen seyn mußte, besonders einige der jungen Männer mehr
6, in schriftlichen Aufsätzen selbst zu üben, in welcher Beziehung sie,
so lange es ihre Zeit gestattete, unter der besondern Leitung von Hrn Langethal
Unterricht empfingen.- Als das zunächst Wichtigere hob ich nun:
7, die Satzlehre hervor, mit welcher wir jetzt fast bis zur Lehre von
den Perioden vorgerückt sind.
Da nun mehrere Gegenstände gleichzeitig beginnen, so ist es nicht mehr
möglich, in dieser linearen Darstellung den inneren Zusammenhang auch äußerlich /
[3R]
darzustellen; ich schließe darum, was seiner Natur nach der Sprache so nahe
verwandt ist, und mit ihr gleichzeitig gelehrt wird, hier zunächst an:
8, den Gesang. Ob ich gleich in meiner ersten Mittheilung an das
Tit. Erziehungsdepartement über diesen Gegenstand nicht die Hoffnung aus-
sprechen konnte, diesen Gegenstand mit den mir anzuvertrauenden Schul-
lehrerzöglingen in einem strenge[n] elementaren und vollständigen Lehrgange
durchführen zu können; so wurde mir dieß doch durch den spätern Eintritt von
Hrn Langethal in die hiesige Anstalt möglich, und erscheint dieß nun so
als eine wesentliche Ergänzung zu dem von mir zu leisten Versprochenen.
Herr Langethal hat den Lehrgang mit ihnen von seinem ersten Anknüpfungs-
punkte - der durch kleine entsprechende Lieder genährten Singlust der Kinder -
vollständig nach den von uns aufgestellten Grundsätzen und in stetiger Fort-
schreitung bis zur Harmonielehre, bey welcher der Unterricht jetzt noch steht,
durchgeführt. Auf allen Stufen ist sowohl die selbsterfindende und darstellende,
als ausführende Kraft so weit es nur die gegebene Zeit erlaubte, entwickelt
und ausgebildet worden. Und überall sind die sich aussprechende[n] Gesetze nicht
nur an sich selbst, und nicht nur in ihrem stetigen Zusammenhange unter sich,
sondern auch in ihrem lebendigen Zusammenhange mit den allgemeinen Natur-
und Lebgesetzen klar angeschaut und erkannt worden, und werden es fort-
gehend; so daß Herr Langethal die Ueberzeugung hat, die uns anvertrau-
ten Schullehrer auch in dieser Beziehung bis zu einem vollständig in sich
geschlossenen Ganzen durchzubilden.- Außerdem haben sie auch an
den in der Anstalt stattfindenden musicalischen Darstellungen durch
Männerchor wie durch gemischten Chor Antheil genommen.
Einer der ersten Unterrichtsgegenstände, der sich aus der Außenwelts-
betrachtung entwickelt, ist die Kenntniß der Zahl. Sie geht eigentlich zunächst
aus der Betrachtung der Körper, (hervor) der Raumskunde hervor, und
trennt sich erst später von derselben als selbstständige Zahlenlehre,
und zwar zunächst als:
9, reine Zahl. Nach unserm Lehrgange haben wir diese jetzt in
Ganzen und Brüchen vollständig beendigt. Eben so auch das höhere /
[4]
algebraische Kopfrechnen mit positiven und negativen Größen bis zur Be-
rechnung einfacher Reihen. Daß dieser Gegenstand so weit mit ihnen behandelt
wurde, lag in der Entwicklungsstufe der hiesigen Anstalt, weil eben ich und
später Herr Langethal einer so weit heraufgebildeten Schülerklasse
Unterricht gaben, an welchem die jungen Schulmänner wenigstens für sich
als an einer höhern Verstandesübung Antheil nahmen.
10, In der angewandten Zahl, als Lehrgang in vollständiger Stufenfolge
stehen wir jetzt bey der Vergleichung von Raum mit Raum.
Zur Uebung und Gewandtheit im Rechnen hat Scheidegger eine kleine Ele-
mentarclasse der reinen Zahl zu führen übernommen. Staub und Lehner
nehmen an den Rechnungsübungen der ersten Classe und hier ganz namentlich
während wöchentlich 2 Stunden an dem Buchhalten Theil, worin einer kleinen
Anzahl vorgerückter Schüler durch Ferdinand Fröbel Unterricht ertheilt wird.
Das Zifferrechnen im engern Sinn mußte ich wegen des Andrangs andrer
Unterrichtsgegenstände bis jetzt bey ihnen voraussetzen.
11, In der Kenntniß des Körperraums von der Betrachtung des den Schüler und
Zögling zunächst umgebenden Stubenraums, also wie überall vom Nächsten
ausgehend, haben wir die Betrachtung der meisten nach dem Grundgesetze des
Würfels ausgebildeten Körper, sowohl ihrer Form, als ihrer beziehungsweisen Grö-
ße zu einander und den daraus hervorgehenden Verhältnißen nach beendigt.
Dann herabgestiegen bis zur Linie sind wir wieder bis zum Betrachten
geschlossener Figuren in einer Ebne hinaufgestiegen, haben die Betrachtung
der Figuren zwischen gleichlaufenden Linien, so wohl ihrer Form als Größe nach,
beendigt, und stehen jetzt bey der Vergleichung ähnlicher Figuren.
Das Herausheben großer zusammenhängender Bildungsgesetze und das Entwickeln
einzelner Erscheinungen aus dem Ganzen, so wie die Anschauung gleicher Gesetz-
mäßigkeit in verschiedenen Erscheinungen der Form und Größe, besonders auch in
Vergleichung mit der Zahl und deren Gesetze, war mir hier wegen ihrer klaren
Anschaubarkeit und Nachweislichkeit ganz besonders wichtig; um so wohl ihr
äußeres Auge, überhaupt ihren Sinn, zur Auffassung und Auffindung ähnlicher
Reihen und wahrer Lebgesetze, wie in Sprache, Gesang, Zeichnen u.s.w., so /
[4R]
in G Natur, Geschichte und Leben, zu erregen. Dieß war mir eine we-
sentliche Forderung zur Ausbildung für ihren wichtigen Beruf, besonders als
Volksschullehrer einer großen Republik, um die ihnen einst zukünftig an-
vertrauten Schüler zur Anschauung und Erkenntniß der höhern und höchsten
Lebenseinheit in allen Erscheinungen zu führen. Es war mir darum bey
ihrer gesammten Führung stets vor Augen schwebende Aufgabe, diese
jungen Schulmänner zur Auffassung und Darstellung dieser hohen und
höchsten Lebenseinheit fähig zu machen.
12, Durch dieses nur einigermaßen lebensvolle Aneinanderreihen
der Gegenstände des Unterrichts hat sich mir ein Unterrichtsgegenstand
bis hieher zurückgedrängt, welcher seiner Ausführung, seiner vielseitig be-
gründenden einfachen Wirksamkeit nach gewiß einer der allerwichtigsten,
und in seiner Anwendung in den Volksschulen gewiß in Beziehung auf die all-
seitige und harmonische, bekräftigende und bethätigende Ausbildung des
Zöglings hinsichtlich seines Herzens, seines Geistes und seiner schaffenden
Thatkraft einer der einflußreichsten ist. Es ist dieß das Zeichnen in sei-
nem ganzen Umfange. Die mir anvertrauten jungen Schulmänner
haben alle mit Sorglichkeit die ersten elementaren Vorübungen
durchgearbeitet. Die an sie sich anschließenden Erfindungen führte
Herr Schäfer, welcher wirklich von Natur eine nicht gemeine Anlage zum
freyen Handzeichnen, selbst zu freythätigen Compositionen besitzt, nicht
durch, obgleich ich es für ihn wegen der darin still verborgen liegenden, bilden-
denden Kraft sehr gewünscht hätte. Ihn jedoch durch meinen bestimmten Willen
dazu anzuhalten, hielt ich für unangemessen, indem dann doch durch seine innere
Entgegnung der eigentlich[e] Geist und das Leben dieser Uebungen für
ihn verloren gegangen seyn würde. Sein Talent zum Zeichnen wird
ihn jedoch, wenn er sonst das Ganze treu in sich festhält, diesen Mangel
ersetzen lassen. Die andern drey hingegen, keineswegs mit besondern
Anlagen zum Zeichnen begabt, haben den Lehrgang vollständig durchge-
arbeitet, und zwar a, Elementarzeichnen im Netz mit geraden
und krummen Linien, sowohl den Vorübungen als auch den freythätigen /
[5]
Erfindungen nach; dann das Abzeichnen im Netz, und hier wieder so wohl geradlinicht
als krummlinicht begrenzter Gegenstände nach der Natur, und in einfacher wie
in zusammengesetzter Verknüpfung.- b, Zeichnen im Freyen. Hiebey stehen
sie, nach Beendigung der Elementarübungen in geraden Linien, bey freyen
und selbstthätigen Erfindungen von Gestalten. Hier ist also noch übrig:
das Abzeichnen geradlinichter Gegenstände nach der Natur, ohne Netz, auf freyer Fläche;
die Vorübungen zu krummen Linien auf freyer Fläche;
das Erfinden von Gestalten aus krummen Linien;
das Abzeichnen krummlinichter Gegenstände nach der Natur auf freyer Fläche; und
die Licht- und Schattenlehre.- Ich werde mich bemühen, ihnen für
alles dieses wenigstens die Andeutung zu geben.
Als sich der Sache nach am meisten anschließend will ich hier
13, der Farbenübungen gedenken. Alle drey, außer Hr Schäfer, der
schon an sich ein sehr lobenswerther Miniaturmaler ist, haben dieselben als
eine Sonntagsbeschäftigung begonnen; doch stehen sie noch bey den Vorübungen,
werden aber vor ihrem Abgange wenigstens noch einige Bedingungen in Erfindung
von Farbengebilden lösen. Den ganzen Lehrgang durchzugehen, ist die Zeit zu kurz.
14, Den Unterricht im deutschen Schönschreiben haben sie ganz durchge-
gangen, und ihre Hand selbst möglichst danach gebildet. Herr Schäfer, sich durch
seine gute Handschrift auszeichnend, wünschte in diesem Unterrichte einige
Uebung zu bekommmen, und hat deßhalb auch während einiger Zeit in der obersten
Schönschreibeclasse der Anstalt Unterricht ertheilt.
15, Außer dem, was die Außenweltsbetrachtung und die Sprachübung selbst
darreicht, konnte ihnen wegen gänzlichem Mangel an Zeit, und wegen der in der
Natur der Sache liegenden Verhältnisse kein eigentlicher N naturhistorischer Unterricht
und noch weniger in einer vollständigen Stufenfolge ertheilt werden. Jedoch
haben sie sämmtlich im verflossenen Sommer an dem Unterrichte in der
Pflanzenkunde theilgenommen, welchen im Anfange des Sommerhalbjahres
ich, und während meiner Abwesenheit Herr Langethal gab. Der Gesichtspunkt
dabey war: erstlich das einfache Gesetz und die gesetzmäßige Entwicklung /
[5R]
desselben in jeder einzelnen Pflanzengattung, und dann in ganzen Pflanzen-
familien u.s.w. zu entwickeln, und von da aus sowohl zu natürlichen
Zusammenstellungen, als künstlichen Zusammenordnungen, und hier zur
Bekanntmachung mit dem Linneischen System fortzuschreiten. Jedoch
ist das Erste, besonders in Verknüpfung mit der Raumkunde immer das
Wichtigste.- Wenn der naturgeschichtliche Unterricht hätte elementarisch durch-
geführt werden sollen, so hätte er sich von der Raumkunde aus an die
Steinkunde anschließen, und von [dort] aus wieder sich sowohl nach der allgemein phy-
sicalischen und chemischen Seite, als nach der Seite der Pflanzen und Thiere
hin verzweigen müssen. Eine solche Durchführung konnte hier nicht Zweck seyn.
Aus der Außenwelts- und besonders Naturbetrachtung geht:
16, die Erdkunde hervor. Innerhalb der gegebenen Zeit konnte sie sich nur
auf die Erdoberflächenkunde, und zwar hier wieder, wie überall, nach dem
Grundsatze des Unterrichts an das Nächste sich anschließend, auf die Erd-
kunde der nächsten Umgebung, des Cantons Luzern, und dann der Schweiz
beschränk erstrecken; und die vier Schullehrerzöglinge haben nach unserm
Lehrgange zuerst den vorbereitenden Unterricht bey mir, dann die Karte
von der nächsten Umgegend und dem Kanton Luzern freythätig nach
einfachen geographisch mathematischen Bestimmungen, unter der Leitung
des Herrn Langethal, und die Karte von der Schweiz unter Herrn Lang-
guth
gefertiget. Und so sind sie mit den gesammten erdkundlichen Ver-
hältnissen des Cantons Luzern und der Schweiz ganz genau bekannt gemacht
worden. Sie gingen hiebey von den Flüssen aus, stiegen zu den Gebirgen
empor, gingen zu den Städten und Wohnorten über, bezeichneten
die Hauptstraßen, zogen die politischen Grenzen der einzelnen
Cantone, entwarfen sich sogenannte transparente Höhenkarten
der Gebirgszüge, und vollendeten das so vollständige als klare Bild
ihres Vaterlandes sowohl in ihrer innern Anschauung und Uebersicht,
als äußerlich durch die Karte. Sie stehen eben noch beym Schluß, indem
nemlich der zur Hülfe der Anschauung nöthigen Farbengebung der Schweizerkarte. 
[6]
Da dieser Unterricht Herrn Schäfer besonders zuzusagen schien; so wünschte
er beym Anfange des Winterhalbjahres eine Classe elementarisch darin herauf-
zuführen. Umstände, auf welche ich weiter unten zurückkommen muß, brachten
aber diesen Vorsatz nicht zur völligen Ausführung.
17, In der Geschichte nahmen sie an dem allgemeinen Unterrichte
der Anstalt Theil. Scheidegger, als noch wenig damit bekannt, trat
in die zweyte Classe, in der Herr Frankenberg Schweizergeschichte vortrug.
Die drey übrigen hingegen nahmen an dem Unterrichte der ersten Geschichts-
klasse Theil, deren Lehrer Ferdinand Fröbel ist. Sie traten bey dem Punkte
ein, wo eine zusammenfassende und wiederholende Uebersicht der Schweizergeschichte
gegeben wurde, um nach völliger Abschließung derselben zur allgemeinen
Geschichte überzugehen. Ich ging gern in ihren Wunsch, daran Antheil zu
nehmen, ein, weil ich in mir überzeugt war, daß sich dadurch auch ihr Blick
und ihre Uebersicht für ihre Vaterlandsgeschichte klären und erweitern würde.
Auch mußte es noch besonders wichtig für sie seyn zur klaren und richtigen
Auffassung der biblischen Geschichte zur klaren in erdkundlicher und geschicht-
licher Beziehung; denn auch
18, die biblische Geschichte erkenne ich als eines der ersten Bildungsmittel
und als einen der wichtigsten Unterrichtsgegenstände in allen Schulen, der
jedoch am allerwenigsten in einer Volksschule fehlen darf. Sie schließt sich,
wie schon oben bemerkt, natürlich und nothwendig an die Außenweltsbe-
trachtung an, welche mit Erfassung des Menschen in seinen nothwendigen ein-
fachen Lebensverhältnissen schließt. Da die Zöglinge mit Beendigung der
Außenweltsbetrachtung im Leben schon so weit vorgeschritten seyn müssen, daß sie
die Elementarbücher für das Lesen durch sind; so tritt nun an deren
Stelle das Lesen der biblischen Geschichte ein. Durch die Außenweltsbetrachtung
auf die innere Bedeutung des Lebens, auf das Wesen und die Bestimmung des
Menschen hingeführt, versetzt die biblische Geschichte den Zöglinge und
Schüler recht eigentlich in die innerste Mitte alles Lebens. Durch die bis-
herige allseitige Betrachtung von der Einheit auf die Einzelheit und Vielheit, /
[6R]
von da, von der Aeußerlichkeit, wieder auf das Innerste, auf die Einheit
zurückgegangen, hat der Zögling nun mindestens alle Bedingungen
der Selbst-, der Natur- und der Weltbetrachtung in sich, welche
zum Verständniß der biblischen Geschichte, als der in jedem einzelnen
Menschen wiederkehrenden Entwicklungsgeschichte, erforderlich sind.
Er kann nun die ihm so gekommene Ahnung Gottes und des Wesens Gottes
durch dessen Sichkundmachung (Offenbarung) in der Natur und im All,
in der Entwicklung und Führung des Menschengeschlechts, der Menschheit,
und an der fortgehenden Kundmachung in seinem eigenen Innern und
überhaupt in seinem Leben, immer mehr klären und ausbilden.
Wegen dieser hier nur eben angedeuteten Wichtigkeit der biblischen Geschichte,
als in welcher der Mensch sich sonach als ein leben- und würdevolles Glied-
ganzes findet; hielt ich es für nothwendig, sie auch mit diesen Schul-
lehrerzöglingen zu lesen. Ich legte hiebey die weitverbreitet in
deutschen Schulen und in den Schulen des Cantons Luzern eingeführten,
auch von mir selbst in meinem erziehenden und lehrenden Wirken
seit ihrem Erscheinen benutzten "Biblischen Geschichten von Christoph
Schmid
" zum Grunde. Wir haben jetzt den ersten großen Abschnitt
bis auf die Erscheinung Jesu beendigt. Es war mir dabey besonders wichtig,
sie vielseitig auf die Uebereinstimmung und das Gleichgesetzige in der Israelit[ischen]
und in der Schweizergeschichte aufmerksam zu machen, um sie sowohl von
der hohen Würde als tiefen Bedeutung dieser zu überzeugen.
19, Ob nun gleich die hiesige Anstalt ihrer ganzen Stellung nach keinen
Religionsunterricht als stehenden Lehrgegenstand von uns aus möglich macht;
so nahmen dieselben doch während des ganzen ersten Halbjahrs nebst anderen
an einem zusammenhängenden evangelischen Religionsunterricht Antheil,
welcher zur Vorbereitung für die Admission an einen evangelischen Zögling
in der Anstalt durch Herrn Langethal gegeben wurde; und so blieb ihnen
auch von dieser Seite nicht fremd, wie die Gesammtheit unsrer Erziehungs-
und Unterrichtsweise auch mit diesem Unterrichtsgegenstande zusammenhängt, /
[7]
wie sie darin ihre eigentliche Wurzel und Quelle, wie sie durch denselben
ihre lebensvolle Fortentwicklung hat.
Eben so nahmen sie auch als Glieder des Ganzen an dem allgemeinen
religiösen Morgen- und Abendgesange der Anstalt Antheil; so wie ganz
besonders auch an der sonntäglichen Andacht des engern Kreises, welche
sich an das Vorlesen einer mit dem augenblicklichen Bedürfnisse des Ganzen
im Zusammenhange stehenden religiösen Betrachtung anschloß.
20, Doch nicht nur ihre geistige Ausbildung lag uns am Herzen;
auch ihren Körper suchten wir insoweit zu entwickeln, als es ihr vor-
gerücktes Alter und ihr dadurch schon weniger biegsamer Körper es
möglich machte. Sie nahmen deßhalb an dem allgemeinen Turnunterricht
vollständigen Antheil; wo denn auch besonders Scheidegger so bedeutende
Gewandtheit entwickelte, daß er unter den Größern fast der beste Turner
der Anstalt war. Auch nahmen sie gern an den kleineren und grö-
ßeren Spatziergängen Antheil; und machten sowohl zur allgemeinen
Entwicklung ihres Körpers, als auch im Zusammenhange mit der hier
stattfindenden Behandlung des erdkundlichen Unterrichts einige Reisen
nach den benachbarten Bergen mit; mit welchen Gesinnungen dieß geschah,
geht aus den Reisebeschreibungen hervor, die sie als Aufgabe in den
Stylübungen niederschrieben. Auch die allgemeinen Erholungsspiele
theilten sie; doch machte es die Zeitbeschränkung unmöglich, sie mit dem
in das eigentliche Spielen mit Kindern, deren Mannigfaltigkeit und
Bedeutung, welches uns in der Gesammtheit unsrer Erziehungsansicht zur
vielseitigen Entwicklung des Zöglings so wesentlich ist, einzuführen.
Eben so wenig machten es die hier stattfindenden Verhältnisse, so wie die
Zeitbeschränkung möglich, sie mit dem eigentlich schaffenden, werkthätigen
erziehenden und unterrichtenden Leben, mit dem bildenden Hand-
arbeiten bekannt zu machen; welches freylich nach unsrer Ansicht
noch eine wesentliche Lücke in ihrer wahrhaft erziehenden Lehrer-
bildung läßt.- Eben so wenig blieb uns zur persönlichen Einübung und
und [2x] gewandten Anwendung der Unterrichtsgegenstände die nöthige Zeit übrig; /
[7R]
weil ihnen und mir vor allen jetzt daran gelegen seyn mußte, erst eine
möglichst klare Uebersicht über den Umfang und Zusammenhang des Ganzen
zu erhalten, so daß sie also wohl zur Vervollständigung ihrer Ausbildung
eigentlich noch einige Zeit bedürften, worauf ich am Schluß zurückkommen werde.
Endlich und zuletzt
21, nahmen sie gleich von ihrem Eintritte an zuerst sämmtlich, später jedoch
wegen Zeitbeengung mit Ausschluß Scheideggers, auf ihren Wunsch an dem
französischen Unterrichte Theil, welcher in der Anstalt gegeben wird.
Ich fand in mir keinen Grund, diesem entgegen zu seyn, da selbst im
Canton Bern auch die französische Sprache Volkssprache ist. Seit Weyh-
nachten haben sie bey einem jungen Waadtländer Unterricht, welcher
als Lehrer der französischen Sprache in die hiesige Anstalt trat.
Sie sind in der zweyten Classe.
Außerdem hat sich auch Herr Staub mit Erlernung des Claviers, und
Herr Lehner seit kurzem mit der Erlernung der Violine beschäftigt.
Somit ist nun die Darlegung dessen, was von unsrer Seite zur Erfüllung der
von mir übernommenen Pflicht in Betreff der vier Schullehrerzöglinge wirklich
geschehen und in welchem Geiste es geschehen ist, beendigt; und ich bitte es mit
dem zu vergleichen, wozu ich mich in meinem Schreiben an das Tit. Erziehungsdeparte-
ment vom 16. Decbr 1833 verpflichtet hatte.- So wenig mir nun in Beziehung auf die
Gesammtleistungen innerhalb dieser Zeit ein Urtheil auszusprechen erlaubt ist; so darf ich
doch sagen, daß die vier jungen Schulmänner sämmtlich, bis auf die Einschränkung bey
einem von ihnen, welche unten auszusprechen mir Pflicht seyn wird, ihre Zeit hier mit
großer Achtsamkeit und Treue benutzt haben; ja ich darf in einigen Punkten meine besondere
Zufriedenheit ihnen [sc.: Ihnen] nicht vorenthalten. Ob aber das Gesammtergebniß den unter den stattge-
fundenen Verhältnissen möglichen Erwartungen entspricht, muß ich einerseits dem Berichte
der bey der letzten hiesigen Schul Prüfung anwesenden Herren Commissarien des Tit.
Erziehungsdepartements; und andrerseits einer von Hochdemselben nach Ablauf des Bildungs-
jahres zu verfügenden besondern Prüfung überlassen. Vor allem aber muß ich, gegründet
auf das Bewußtseyn, nichts von dem versäumt zu haben, wozu ich mich verpflichtet,
auf die Früchte ihrer Lehrerwirksamkeit hinweisen, welche sich gewiß schon in der
ersten Zeit derselben zeigen werden.- In besondrer Beziehung auf diese ihre künftige
Wirksamkeit, und ganz namentlich, wenn dieselbe, wenigstens für einige von ihnen, nicht
in einer gewöhnlichen Schullehrerthätigkeit, sondern vielmehr in einem mehr vereinten
Lehrerwirken im Geiste des betretenen Weges, bestehen sollte, so wäre es wohl sehr zweck- /
[8]
mäßig, wenn diesen zur Aneigung der dazu nöthigen Uebersicht und Gewandtheit, und be-
sonders der werkthätigen Beschäftigung von Zöglingen und Schülern in Stube und Garten
die noch nöthige Zeit gestattet werden könnte. Es würde dann (was in der bisherigen Zeit
wegen der dringenden Forderung einzelner Unterrichtsgegenstände nicht möglich wurde,)
eine in den ersten Monaten begonnene Uebersicht über das gesammte Erziehungs- und
Unterrichtsgeschäft, über dessen Grundsätze und Ausführung fortgesetzt werden können.
Eben so würde sich dann (was der stets streng fortschreitende Unterricht gleichfalls
nicht gestattete,) zu einer gemeinsamen übersichtlichen Wiederholung und zur weitern
Vollendung des noch Mangelnden angemessene Zeit finden. Ich spreche dieß jedoch
nur aus, um in meiner schuldigen Darlegung keinen wesentlichen Punkt zu übersehen.
Nun noch wenige Bemerkungen über die Einzelnen, wie sie jedoch ohne
Zweifel dem Tit. Erziehungsdepartement selbst vorliegen werden.
Staub und Lehner sind wohl als praktische Schulmänner unter diesen vieren die
ausgebildetsten. Wie beyde jedoch in dieser Beziehung sich im Einzelnen zu einander
verhalten, glaube ich nicht nöthig zu haben, besonders hervorzuheben, da dieß bey
ihrer persönlichen Vergleichung leicht hervortritt. Treue und Fleiß haben sie mit ein-
ander gemein. Die Verschiedenheit der Naturanlagen kann hier nicht in Betracht kommen; sie
scheinen sich in dieser Hinsicht gegenseitig zu ergänzen; stehen sich wohl darum auch in ihrem
Leben und Wirken überhaupt freundlich und vertrauend nahe; und es wäre von dieser
Seite wohl zu wünschen, daß ihnen in Zukunft eine gemeinsame Wirksamkeit möglich
werden möchte, was (wie ich glaube) ihnen nicht nur lieb, sondern auch einem gemeinsamen
Erziehungszwecke angemessen seyn möchte.
Kaspar Scheidegger stand natürlich seiner Vorbildung den obigen beyden schon
praktisch erfahrenen Schullehrern weit zurück; in welcher Hinsicht ich mich hiermit noch-
mals auf seine eigne Eingabe beym Tit. Erziehungsdepartement beziehe. Was seine
Anlagen betrifft, so haben sie zwar wohl eine glückliche Ebenmäßigkeit, aber doch
wohl nur eine mittlere Kraft. Dennoch hat er sich wirklich außerordentliche Mühe
gegeben, um ungeachtet der Verschiedenheit seiner Vorbildung mit den andern
gleichen Schritt zu halten; und er hat wirklich in Einigem, z.B. im Bezeichnen,
besonders nach der Natur, die ersten Aufgaben zu meiner Freude gelöst. Auch
hat er einen gewissen mathematischen Blick, so daß er mich in dieser Hinsicht
wirklich manchmal überrascht hat. Seine Fassungskraft ist überhaupt nur lang-
sam, dagegen (wie ich glaube) seine Fortschritte sicher und gediegen. Bey
diesem hätte ich nun ganz namentlich gewünscht, daß seine wirklich ruhig und
solid begonnene Bildung, besonders auch in Beziehung auf das praktische Leben /
[8R]
mit den Kindern, zu einem bestimmten Resultat hätte geführt werden können.
Vor allem bedarf er noch gar zu sehr sowohl einer Uebersicht über das Ganze, als
auch der Uebung zur freythätigen Anwendung. Ob seine eigne Ansicht von sich und
s meine Wünsche für ihn mit den seinen übereinstimmen, kann ich jedoch nicht sagen,
gleichwohl sehe ich nicht ein, wie es anders seyn kann. Zunächst ist er wenig-
stens darin mit mir übereinstimmend, daß das Tit. Erziehungsdepartement ihm
hochgeneigt vergönnen und dazu die bestimmte Erlaubniß ertheilen möchte, bis
zum Austritt der beyden Schullehrer Staub und Lehner noch mit ihnen gemeinsam
hier seiner Fortbildung leben zu können; er müßte auch sonst aus dem gemein-
samen Lehrcurs, in welchem jetzt alle auf gleicher Stufe stehen, und den ich
auf das Ende des Bildungsjahres von Staub und Lehner berechnen mußte,
unvollendet austreten.
Herr Schäfer steht unter diesen vieren sowohl in Beziehung auf seine
Bildung, als seinen Lehrerberuf, wie seine häuslichen Verhältnisse am eigen-
thümlichsten da; und sein Gesammtleben bedarf in jeder von diesen Beziehungen
wohl einer sehr sorglichen Erwägung. Er ist am Alter der vorgerückteste,
nemlich über 35 Jahr. Daß nun der Gedanke, ein selbstständiges Haus und
ein Familienleben sich zu schaffen und zu gründen, ihm sehr nahe lag, und
daß dieß auf die Bestimmungen seiner Handlungen und die Wahl seiner seiner Wirk-
samkeit wohl großen Einfluß gehabt hat, läßt sich vermuthen. Ohne in irgend
einem Urtheile demselben im mindesten zu nahe zu treten, so glaube ich doch
nicht, daß man ihm eigentlich den Sinn und Character eines Volksschullehrers
beylegen kann. Darum glaube ich auch, daß er bey der Wahl seiner Berufsbe-
stimmung nicht sowohl die Lehrerwirksamkeit im Allgemeinen, sondern eine ganz
besondere, welche sich ihm in Sumiswald an der zu errichtenden Armenerzie-
hungsanstalt in künftiger Perspective zeigte, vor Augen gehabt haben mag.
Auf dieses Verhältniß nun, in Verknüpfung mit dem ihm nahe liegenden Ge-
danken baldiger häuslicher Einrichtung, mag er nun auch sein ganzes hiesiges
Leben bezogen haben; und ich muß gestehen, wie ich mich herzlich darüber
freue, daß ihm, wie er mir jüngst andeutete, diese Hoffnung wohl erfüllt
werden kann. Herr Schäfer hat zu einer solchen sich unmittelbar im Leben mit
den Kindern beschäftigenden Wirksamkeit gewiß vielseitig gute Anlagen,
besonders auch in Beziehung auf Werkthätigkeit; ob es mir gleich leid thut,
daß er dann für seine schöne zeichnerische Anlage keine zweckmäßigere
und ausgebreitetere Wirksamkeit bekommen würde. Als Zeichen- und vielleicht
auch Schreiblehrer an einer höhern bürgerlichen, besonders polytechnischen Schule
oder Lehranstalt würde er, dünkt mich, die zweckmäßigste Wirksamkeit /
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gefunden haben, was ich ihm auch ganz offen aussprach, indem ich glaube, daß
er sich bey der letzten Wahl seiner Bestimmung selbst noch nicht ganz verstand.
Er hat mir auch gesagt, mit seiner Anlage und Lust zum Zeichnen, noch nicht
so bekannt gewesen zu seyn. Jedoch soll dieses mein Urtheil weder dem seinigen
noch einem fremden vorgreifen; es soll nur die Gründe meiner Lebensansicht
von ihm, und die Bezeichnung dessen, was der hiesige Aufenthalt ihm gab, rechtfertigen.
Durch die nach dem Vorstehenden wohl begründete, aber Herrn Schäfer selbst
wohl zu unerwartet schnell gekommenen Entwicklung seiner häuslichen Ver-
hältnisse - er wurde in der Mitte des vorigen Halbjahres Gatte u. Vater -
konnte es nicht anders seyn, als daß die strenge Benutzung der ihm hier zu
seiner Bildung gegebenen Zeit öfters unterbrochen wurde. So lange mir
sein Verhältniß nicht klar vorlag, wurde die Erlaubniß dazu von meiner Seite
ihm nur schwierig und ungern ertheilt; auch geschahen die Unterbrechungen
gewöhnlich nur vom Sonnabend Nachmittag bis Montag früh, so daß er eigentl[ich]
nur wenig Unterricht versäumte; allein dieß war auch das wenigste; die
Wirkungen davon lagen mehr in der Getheiltheit seines innern Lebens.
In der jüngsten Zeit hat er jedoch einige Wochen ganz und gar in Sumiswald
zugebracht, wie er mir sagte, der Heilung einer in ihrer Wiederherstellung
hartnäckigen Wunde wegen. Es erschien mir Pflicht, dieses auszusprechen,
ob ich gleich dadurch nicht das mindeste Nachtheilige über Herrn Schäfers son-
stige Gesammttüchtigkeit sagen will.
Auch in Beziehung auf Herrn Schäfer müßte ich wünschen, daß er aus
der Gemeinsamkeit des Ganzen; wenn es möglich wäre, nicht früher als
bis zur allgemeinen Beendigung am 25. May austräte. Doch soll auch
dieß wie das früher Ausgesprochene weder die Bestimmungen der Umstände
noch der Entscheidung des Tit. Erziehungsdepartements im mindesten
vorgreifen.-
Schließlich bemerke ich nur noch, daß man allen vier jungen Männern
das Zeugniß der strengsten Sittlichkeit geben muß, und daß mir keine Seite
bekannt ist, von welcher sie nicht in dieser Hinsicht bestimmter Achtung sich /
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würdig gezeigt, und dieselbe auch genossen hätten.
Zugleich mit Scheidegger und auf ähnlicher Bildungsstufe wie auch
mit ähnlichem Bildungszweck trat Benedict Loder, Sohn des Land-
manns gleichen Namens in Gross-Affoltern, in die Anstalt ein, nahm
auch an demselben Bildungscurse wie die vier übrigen Theil, und wird
auch mit Beendigung desselben zugleich mit austreten. Ob nun gleich
dieser auf seine eigne Kosten während dieser Zeit sich in der Anstalt
erhalten, und auch, wie ich vernehme, nach dem Austritt aus der An-
stalt selbstständig eine Art von Familienerziehung im elterlichen
Hause ausführen wird; so muß ich doch aus mehreren Rücksichten
sehr wünschen, daß derselbe mit seinen vier Genossen bey einer etwa
vorzunehmenden Prüfung zur Theilnahme und zum Vorzeigen seiner
Arbeiten eingeladen würde.
Den weitern Bestimmungen eines Tit. Erziehungsdepartements
in Beziehung auf die genannten Schulmänner ehrerbietig entgegen-
sehend, unterzeichne ich mich mit wahrer und ausgezeichneter
Hochachtung
Hochgeachtete Herren
           Ihren
      Willisau
den 22. Februar 1835.
       ganz ergebensten
       Friedrich Fröbel.