Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Emilie Barop in Keilhau v. 27.12.1834 (Willisau)


F. an Emilie Barop in Keilhau v. 27.12.1834 (Willisau)
(KN 49,11, Brieforiginal 1 B 4° 4 S. mit Ansicht Zürichs im Briefkopf)

Willisau am 27en Tage des Christmonats 1834.·.


Gottes Friedensgruß Dir Emilie u. allen in Deiner Liebe und durch D.[eine] Liebe Lebende.

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Als ich heute zum 3n Festtage Eure jüngste Briefsendung empfing und öff-
nete war Dein Briefchen es, welches mir zuerst in das Auge fiel und wel-
ches ich darum auch zuerst las; und so sey es denn auch mit vollem
Rechte der erste welcher von mir beantwortet werde, überdieß
war er mir auch eine hohe, liebe Festgabe und wahres Weyhnachtsgeschenk;
denn in meinem einsam in sich zurück gezogenen Gemüthe, welchem die umgebende Welt, das Leben u
Streben der umgebenden Welt der eigenste Sinn derselben wenig entspricht, gieng dadurch ein wahrer
Weyhnachtsstern und Lebenssonne auf, welche mein Gemüth und Leben so sanft erleuchtete, als die Erschei-
nung der Himmlischen in der heiligen Nacht das Gemüth und die ganze Umgegend der Hirten.
   Was ich eben schrieb entspricht genau dem was ich Dir darüber zu schreiben habe: o, beachte es Emilie!
Mein Gemüth war in diesen Tagen der Weyhnachtsfeyer und da ich Deinen lieben Brief erhielt so in sich versunken, daß nachdem ich
ihn gelesen hatte, ich nicht zusammen hängende Worte finden konnte um zu bezeichnen was während dem Lesen desselben
in meiner Seele vor gegangen war und doch war dieß so viel, so lebendiges, ein so innig zusammen hängendes Ganzes
Du Emilie, durch Gottes Güte und Seegen nun schon zweyfache, seyende und hoffende Mutter kannst wohl, auch in Deiner vollen
unverkürzten und ungetrübten, ich darf darum wohl sagen heiligen Lebenseinigung fühlen wie es mir in meinem Gemüthe zu Muthe
seyn muß das nun schon so lang ausdauernd nun nach so vielen Beziehungen hin erziehend gerichtet ist, wenn immer eine seiner
Hoffnungen und Erwartungen nach der andern dahin sinkt, wenn immer wieder das von neuem von ihm gerodete Land und der von neuem von
ihm ausgestreute bestgewählte Saame mindestens leichtsinnig zertreten wird, wenn weder das Hinwenden zu und Pflegen der
noch wenig jährigen Kinder- Mädchen- und Knabenwelt noch zu dem lebenvollen Gemüthe der Jugend, noch zu der reifen Er-
kenntniß, als auch zu der reichen Lebenserfahrung zu keinem Ziele führt; nie zu einem Ziele zu führen gleichsam mit Ent-
schiedenheit geklärt – Du liebende und nun auch schon zu Zeiten leise sprechende Mutter kannst Dir da nun wohl denken
mindestens ahnend fühlen wie es unter solchen Umständen einem Gemüthe wie dem meinen zu Muthe seyn muß
welches sich nicht von der Überzeugung trennen kann: - Die Menschen müssen, das MenschenGeschlecht muß in und durch
den einzelnen Menschen dem Ziele der Menschheit entgegen, muß zum Ziele der Menschheit erzogen werden. Du
Emilie! kannst nun wohl empfinden wie ein solcher Mensch ein frey Gemüthe, wenn es nicht allein in sich versinken will
immer von neuem zu dem Gedanken und Vorsatz kommt, immer ganz von neuem strebt: das Übel von der Wurzel
aus zu heben; denn als Mensch ist er Glied der Menschheit und trägt als solches sie in ihrer Einheit wie in ihren Einzeln-
heiten in sich. Du kannst Dir wohl denken, mindestens kannst Du es wohl lebhaft empfinden und fühlen , wie ein solcher
Mensch ein solches Gemüthe sich zuletzt von allem schon Daseyenden, von allem ihm schon als ein Wirkliches Umgebende
sich gänzlich hinweg und zu dem noch nicht Daseyenden, ihm noch nicht als ein Wirkliches Umgebenden hinwenden
muß, denn einem solchen Menschen, einen solchen Gemüthe geht es, eben als lebendiges Glied der Menschheit und so
Eins mit dem Glauben an den Hoffnungen zu Eins der Liebe der Menschheit wie der Ameise; denn „Zerstöre den
Bau der Ameise und das Gewebe der Spinne so oft Du willst: rastlos baut und webt sie es wieder, ja sie setzt ihr Leben
daran.“ – Wie es nun so einem solchen Gemüthe zu Muthe, wie es in ihm, das der umgebenden Verhältnisse halber, auf
jede schon daseyende Wirklichkeit des angestrebten Lebens Verzicht leistet, - beschaffen seyn mußte, als es durch Deinen
Brief und dessen Lebensdarstellungen wieder ins Leben gezogen und ihm das Angestrebte als ein schon Daseyendes
Wirkliches gezeigt wurde, eben als es in tiefster Zurückgezogenheit in sich kaum in grauer Morgendämmerung ein sich
wieder zu gestalten strebendes Menschenleben, wieder neu pflegend in sich trägt - dieß kannst Du, von neuem hoffnungs-
volle Mutter! wohl mit mir fühlen: es war mir, wie ich Dir oben aussprach <-> als wenn sich in die
kaum graue Morgendämmerung meines Gemüthes hohe hehre Lichterscheinungen niedersenkten und sie
(kaum graue DenkensZeit meines Gemüthes) leben- und bedeutungsvoll zu einer Wohnung des Friedens und der
Freude erhelleten. Deine Liebe, Emilie! hat ihren Wunsche erreicht; er ist Dir erfüllt Dein Wunsch: „mir in den weni[gen]
Worten Deines Briefes zum Christfest eine wahre Christfreude zu machen. Aber wodurch ist es Dir gelungen
wodurch ist und wurde Dir Dein Wunsch erfüllt? – War es durch die wenigen Worte, oder war es durch die Dar-
stellung eines einigen Lebens aus dem und von dem schon wenige Worte der Mittheilung Friede und Freude,
gleich den Sternen und der Sonne Licht und Leben verbreiten? – Allein Emilie, theure geliebte Emilie! halte es nicht
nur fest dieses Leben, pflege es nicht nur treu nur sorgsam in Dir und um Dir, nein! bringe es Dir nach Möglichkeit zur
klaren Einsicht, mindestens zu einer lebenvollen Alldurchdringung, einer klaren Alldurchlebung. Denn nur etwas
was mann klar durchschaut oder allseitig durchlebt, nur ein solches Leben ist man wahrhaft sorgsam zu pflegen
im Stande O! glaube es mir. Was ich Dir hier sage liegt in den wenigen Worten die uns Marias Lebensbeschreiber von ihrem Leben
aufbewahrt haben: - „und sie bewegete all diese Worte in ihrem Herzen.“ Was heißt dießs an-
ders, als sie durchdachte und überdachte viel das Wesen,viel das Leben und die Bedeutung, viel die allseitigen Beziehungen
und die Bestimmung ihres Himmelsgeschenkes, ihrer Gottesgabe Ihres Jesus. Ja Emilie, meine Emilie! Es ist dieß der einzige Keim-
und Quellpunkt eines neuen, des wahren Menschheitslebens, daß der Mensch seine Liebe, daß er die Gestaltung und /
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die Frucht seiner Liebe als ein Göttliches, nicht nur als eine Redensart und
vergleichungsweise, sondern dem Wesen nach finde; die Kinder, die uns geschenkten
Kinder als umleibte Licht- und Lebensfunken aus Gott, als umleibtes Licht
und Leben aus Gott, aus der Einheit und aus der Quelle alles Lichtes und alles
Lebens erkenne. Glaube es mir Emilie! Von jedem Leben was reinen liebenden Seelen-
blicken entquillt, von dem Leben jedes dadurch reinen Menschgebornen
kann darum in Wahrheit gesagt werden: - Dieses Leben wurde in Ewigkeit und
vor Ewigkeit aus Gott geboren. Wäre es nicht wahr, würde ich es Dir
sagen, seyende und hoffende glückliche Mutter, um Dich zu bethören? – Wäre
es nicht wahr, würde ich es Dir sagen, Du glückliche Gattin, da Du in jedem
Augenblick wenn Du willst die Wahrheit oder nicht Wahrheit davon in dem Blick
und Gemüthe eines, Deines, das Leben in seinem Ernste kennenden Würdevollen
Gattin [sc.: Gatten] in Deinem und seinem Blick und Herzen lesen kannst? – Hat das
Leben um uns eine oder mehrere Quellen? – Hat es mehrere Quellen,
wo ist einer jeden Urborn? – Hat es eine Quelle? – Gut! ist sie dann
anders als in Gott d. h. heißen wir dann nicht eben diese nur eine einige und einzige Quelle alles Guten und
alles Lebens Gott? – Ist dann nicht auch alles aus ihr hervorfließende Leben, alles aus und von Ewigkeit
aus ihr hervorgeflossene Leben und so also auch das Leben des Menschen, und das aus ihm hervorfließende Leben,
seine Liebe und dessen Gestaltung ist es etwas anders als das nur eine einige und einzige aber als ein
einzelnes, ein Sonderwesen erschienenes Göttliches, Gotteswesen? – Von allen, zu allen Zeiten haben dieß die
denkenden die tief fühlenden und die lebendig empfindenden Menschen und Männer erkannt. So eben lese ich von einem Manne
der die Welt umseegelte, der die Menschen fast auf allen Entwickelungsstufen kennen lernte, von Georg Forster: -
“Der göttliche Funke im Menschen macht ihn die Geheimnisse Gottes theilhaftig.“ – Darum meyne und
erkenne ich: der Mensch der sein Wesen, der sich in seinem Wesen erkennt und demselben getreu leben kann und getreu
lebt, der Mensch ist sich selbst wiedergegeben, der Mensch ist und lebt als wahrer Mensch, er ist und lebt frey,
er lebt nur einzig der Stimme Gottes in sich gehorchend; deßhalb dünkt mich und bin ich fest überzeugt: Den Menschen
erziehen heißt: - ihn frühe die Stimme Gottes in sich hören und ihn, befähigen durch Kräfte, Wege u Mittel darnach
leben machen; also heißt auch den Menschen sich selbst geben, also wahrhaft frey machen: - den Menschen die
Gottesstimme in sich hören und ihn darnach leben machen. – Allein dieß muß ohngeachtet es so wichtig, über alles
wichtig, ja eigentlich nur das einzig Wichtige im Leben ist, deßhalb aber muß es fast im Nichts und mit dem Nichts be-
ginnen: im ersten Begegnen, im ersten Seelenblick der Liebenden hat es seinen Anfang; darum die hohe Wichtigkeit nun der
Treue in der Liebe, in aller Liebe. Sollte mich des Lebens Schicksal wieder einmal auf längere oder kürzere Zeit in Deine Nähe
führen ,<-> sollten sich die Lebensgespräche nach diesem Gegenstand hinwenden und würde ich Dir in dieser Beziehung etwas
den Lebensvorhang öffnen, Du würdest erstaunen über die Wirkung von Liebestreue und Lebens[treue]}und Untreue; und Wie in letzter Bezieh-
ung ganze Geschlechter absterben und abfallen, wie vom Wurm gestochene Blüthen und Früchte. -
Aber nicht etwa nur auf äußeres bürgerliches und physisches Bestehen, sondern auf die innerste und höchste Erhebung unseres
ganzen Wesens hat solche Lebens- und Liebestreue, solche Treue an sich , den höchsten bedeutendsten Einfluß. So las
ich kurz vorher ehe ich Deinen Brief empfing und schrieb es mir als Lebensdenkwort nieder: “Was für ein
göttlicher Mensch müßte der nicht werden, der sich entschlösse immer treu zu seyn“. Ein Deutscher, Friedrich
Heinrich Jacobi
sagt dieß. Ja Emilie! allein wir müssen auch unsern Kindern, unsern Mitlebenden möglich ma-
chen, ihnen Kräfte, Wege und Mittel entfalten, daß sie treu, sich treu seyn können. Emilie! was ist es aber auch für eine
Erhebung, nur in eine solche Lebenstreue wie in einen krystallenen Spiegel, wie in einen klaren See zu schauen. Ich halte
dieß für eine der höchsten und schönsten Lebensgaben, welche wir unsern Kindern geben können; denn auch diese Lebenstreue ist eine Gottesgabe, und so
tritt sie ungeahnet und unerwart[et] aus dem Innern aus dem Gemüth hervor. – Schon einige-
mal habe ich mir erlaubt Dir Züge, aus meinem Leben mitzutheilen; verstatte mir Dir einen solchen wiederkehrend
u aus diesem eben angedeuteten Gesichtspunkt vorzuführen: - Es war in meinem 19en Jahre, als meine erste Liebe
wenn ich sie anders so nennen darf oder kann, an Lebens<wirre> untergieng, denn ich wurde mich [sc.: mir] derselben eigentlich
erst bewußt, als sie untergegangen war. Was aber hieher gehört und was mich jetzt fast selbst in Verwunde-
rung setzt, und mit dem das so eben oben Ausgesprochene zusammenhängt ist dieß: - daß in derselben Zeit, ja ich glaube sagen
zu dürfen in demselben Augenblick als ich mir eigentlich erst meiner Personenliebe und deren Untergegangen seyn
bewußt wurde, sogleich auch der Gedanke in meiner Seele aufstand, der Entschluß: mein Leben nun dem Ganzen
mit bestimmten Wortausdruck, der Menschheit zu weyhen. Dieser Gedanke ist – soweit ich mich dessen bewußt bin -
ohne alleVorbereitung und gleichsam wie im Nu in meiner Seele, meinem Gemüthe entstanden, sogleich an bestimmte
Zeichen geknüpft und von da an in verschiedenen Stufen der Klarheit in meinem Leben festgehalten worden und
dann immer in höherer Klarheit hervorgestiegen. Ich habe dieß alles selbst erlebt und durchlebt, dennoch ist es mir, als
wenn ich es jetzt bedenke, innerlich und äußerlich betrachte, auf das höchste beachtenswerth, denn ich stand mit meinem
Leben so ganz allein abgerissen, in nichts außer und um mir konnte ich einen Spiegel desselben finden, und doch sind es
Lebenserscheinungen, die, wie ich nun weiß , allgemeinen Lebensgesetzen unterworfen sind; wie klar hätte mein Leben
werden können, hätte ich es in einem großen klaren Spiegel ächter Lebenstreue schauen können; so mußte ich mir die
Lebensklarheit erst an der Lebensunklarheit, ja ich darf fast sagen die Lebenstreue an der Lebensuntreue erst schmerzlich
und schwer erkämpfen; denn noch fast bis jetzt herauf verfolgte das heiligste, reinste und höchste meines inneren Lebens
der Spott des äußeren Lebens. Doch keinesweges nur das Leben des Einzelnen, das Einzelleben sondern das Leben ganzer
Familien und Geschlechter erhebt veredelt, vergöttlichet sich durch jene Lebenstreue und Liebestreue, wie das Leben
nicht nur Einzelner sondern ganzer Familien und Geschlechter durch Lebens- und LiebesUntreue untergeht; darum
bin ich so unerbittlich streng wo sie im Leben leichtsinnig oder gar mit Vorbedacht und mit Selbstbestimmung sich
sich zeigt. Siehe Emilie lasse Dir, damit Du mich verstehst, Dir noch ein Pröbchen von Lebens –und Liebestreue, aber
auch von den Folgen ihrer nicht Achtung und Nicht Anerkennung zeigen. damit Du mich verstehst: - Du wirst oft gehört haben
daß mein Schwager in Döllstädt meine Schwester als 10 oder 11jähriges Mädchen ich glaube in Osthausen sahe, dort
den Entschluß faßte, wenn er einst eine Frau suchen würde, diese zu wählen und daß er dann nach wohl länger als
10 Jahren diesen Entschluß, ohne meine Schwester in der Zwischenzeit gesehen zu haben, ausführte, und - daß /
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diese beyden Menschen im Leben und nachdem er seine Geliebte als Gattinn heimgeholt hatte, sehr glücklich lebten
obgleich er, ich glaube 20 Jahre älter war als sie, und sie nun doch schon seit wohl 20 Jahren ihm in das Land der Liebe
und Treue vorangegangen ist. Siehe Emilie! in dieser Lebens- und Liebestreue der Eltern finde ich nun auch die Lebens- und
Liebestreue der Kinder dieser Ehe und namentlich auch der Töchter zu unserm Leben und Streben ihren Grund geGründet.
Aber leider, leider! wurde und konnte diese Liebes- und Lebenstreue im Leben und in der Liebe nicht fest gehalten werden
und – verzeihe mir, wenn meine Wahrheit Dir vielleicht Schmerz macht – darinn hat vieles Leid was diese Familie
und besonders die Kinder und namentlich jetzt wieder unsere Auguste traf ihren Grund. – Ehe Ritter kam und sie als Gattin heimholte, hatte sie mir während ihres längeren Aufenthaltes in Keilhau mehrmals gestanden
ja mit Bestimmtheit ausgesprochen, wie gern sie ihr Leben mit uns in Keilhau verlebe, wie gern sie ihr und ihres Ritter
Leben mit unserm Keilhauer Leben verknüpft sähe. Sie sprach mir einen eigenen Lebenswunsch aus, und so gieng ich,
so weit es mir nur immer möglich war, pflegend in den ihrigen, d.h. ich theilte mein Leben und meinen Lebenszweck
so weit es mir möglich war ihr für ihren Geliebten mit; wie weit sie davon Gebrauch gemacht hat, weiß ich nicht, doch daß
es geschehen weiß ich, so wie daß von seiner Seite nie eine Rückwirkung darauf erfolgt ist; freylich war ich auch
abwesend als er mit seiner jungen Frau Euch in Keilhau besuchte; doch Papier und Feder ersetzt zur Noth auch persönliche Nähe;
allein Auguste reisete ab und nie habe ich wieder von ihr ein Wort gesehen als jetzt die Zeilen an Ernestinen aus welchen
ich die noch unvernarbte Wunde ihres Herzens und Gemüthes sehe. Ja Emilie! erlaube mir daß ich <-> auch wenn
es sehr schmerzt Dir aussprechen darf – denn wem könnte es tieferes Leid bringen als mir! – Vieles, vieles Leid würde
der armen Auguste erspart worden seyn und ihr Leben in ganz ungestörter Gesundheit sich entfaltet haben, wäre
der Geliebte in das Leben und die Liebe seiner Geliebten später seiner Gattin eingetreten, und leider, leider sind die
Folgen dieser Nichtachtung der Gemüths- und Lebensforderung noch nicht zu Ende; ich fürchte sehr für unsere Auguste; möge
meine Furcht unbegründet sich erweisen. – Wirf mir nicht ein Emilie; wie hätten aber alle diese Menschen hier
in dem kleinen Keilhau unter den beengden Lebensverhältnissen bestehen sollen. – Emilie! alle würden bestanden haben
und noch mehr, wenn man endlich angefangen und mich verstanden hätte, man hätte nur mit mir die Wirkung der
innern Lebenskraft und deren Verknüpfung pflegend mit mir anerkennen sollen, da dagegen der Blick nur immer auf den
äußern Lebensverhältnissen ruhete. Nur noch ein Opfer der nicht anerkannten Liebes- und Lebenstreue will ich nennen; es
heißt Christiana; ob ich gleich seit Jahren nichts von ihr gehört habe; der zerrissenen und zertretenen Liebes- und Lebenstreue
Deines Oheims Christoph gar nicht gedenkend, dessen Folgen ich noch noch nicht absehe. – Blicke dagegen offen und freudig in
Dein Leben, eine Frucht mehrseitiger Liebes- und Lebenstreue! ist es nicht ein frisches und gesundes, ist es nicht ein fried- und
freudvolles Leben? – Ist diese Liebes- und Lebenstreue da sie sich in Deinem und dadurch so immer mehr und mehrseitig in
dem Leben der Unseren als Frucht entwickelt nicht der Fels an welchem das Dosen [sc.: Tosen] und die Wogen aller Lebensstürme
zerschellen? – Darum Emilie! lasse sie uns sorgsam bewahren diese Liebes- und Lebenstreue, lasse Sie uns der
sich ins Unberechenbar[e] fortentwickelnde Schatz seyn welchen wir einst den Unsern hinterlassen; lasse sie sich mit der
Liebes- und Lebenstreue des ganzen Kreises, aller Glieder des Kreises zu einem großen klaren Lebensspiegel vereinigen.
Lasse sie sich vereinigen zu einem großen LebensOzean, welcher die verschiedenartigsten und getrenntesten Lebenstheile
wie die verschiedenartigen und getrennten Erdtheile zu einem lebenvollen Ganzen verbindet; lasse sie sich vereinigen
diese Liebes- und Lebenstreue mit seinen sonnigen Sternen zu einem heiteren klaren sternenreichen Himmelsgewölbe,
daß es und seine Sterne jedem, der dessen Wesen und ihren Lauf kenne ein treuer sicherer Führer während der
Fahrt auf dem großen Lebensmeere sey.
Siehe Emilie! ich habe Dich im Laufe dieses Briefes wohl meine Emilie genannt; ich habe es mit Bedacht gethan; es
bedarf keines Wortes wie ich Dein Leben erkenne und anerkenne; allein wie ich schrieb fühlte ich mein Leben von Dir erkannt
Dein Leben mein Leben erhöhend, in seiner Wirksamkeit zu dem meinen gehörend und so nannte ich Dich mein. Ich hätte das
Wort leicht umgehen können, ich brauchte es ja nur nicht zu schreiben, allein ich schrieb es nun mit Bedacht, weil
ich es in mir empfunden und ausgesprochen hatte; und um mir selbst für mich selbst ein Zeugniß zu geben daß es
nicht ein aneignendes, besitzbezeichnendes mein sey. Eben so habe ich Dich geliebte Emilie genannt warum, weil
ich die innere Lebenseinigung Deines Lebens in Beziehung auf mein Lebensziel und meinen Lebenszweck erkannte
ich aber zur Bezeichnung dieser Lebenseinigung für des Lebens und der Menschheit höchsten Zweck kein anderes Wort
kenne als Liebe. Ich habe wohl gar manchmal in meinem Leben gefragt, mich gefragt: ich möchte wohl wissen
wie Dir und die Menschen in ihrem Innersten gestanden haben möchten. Nun haben wir hier beyde das wichtig-
ste und höchste des Lebens mit einander besprochen, haben uns darüber mitgetheilt veranlaßt durch die Liebes- und
Lebenstreue Deines Gatten und des Vaters Deines Geliebten Sohnes der Dich aufforderte mich an seinem, an des Sohnes und so
an Euer aller Leben – zu einer Festgabe Antheil nehmen zu lassen, siehe, darum Emilie wollte ich auch gern
Liebe mit Liebe, Treue mit Treue und Wahrheit mit Wahrheit gegen Euch und ihnen beweisen und mich zeigen wie ich [sc.: es]
im Augenblick des Schreibens in mir stand um so wenigstens in Hinsicht auf Lebenswahrheit Deines Gatten
und Deiner, Eurer aller nicht unwerth zu seyn.
Doch noch eines muß ich Dir und Euch beyden mittheilen, damit Ihr alle wisset was während dem Lesen Deines und dem
Schreiben meines Briefes in meiner Seele vorgieng. Das Leben zeigt viel und oft die Wechsel wo man und wann
man es am wenigsten glaubt – wie hätte sonst Liebes- und Lebenstreue Bedeutung? – könnte Auch Ihr könntet
vielleicht über mich und mein Leben einst noch anders denken, könntet anders darüber denken, wenn schon ein Fuß von mir am Rande meines Grabes stände, und ich sähe nun erst meinen schönsten Lebensbaum durch
den Lebensfrost seiner Früchte beraubt, was würde ich thun? – ich würde thun was die Ameise und Spinne
thut: ich würde die mir zunächst stehenden Liebenden die in ihrem Wechselblick ihre Seelen erkannt und sich wech-
selseitig in Liebe und Treue als Ein Wesen erkannt hätten – ergreifen und einig wie ihre Herzen würde ich
ihre Hände zusammenfügen und sagen: Ihr seyd Menschen das ist, Gottesfunken, und dieses Gotteswesen ließ Euch in Liebe
und Leben finden, seid darum Liebes- und Lebenstreu, * pfleget darum so die Menschheit, denn sie ist ja <-> Gottes-
in Euch und um Euch in Liebes- und Lebentreue; ärndet ihr einst die Früchte davon, findet und schauet ihr das Göttliche
und Gott in Euerm Leben und in dem Leben der Menschheit, denke denket auch in Liebe und Treue meines Lebens
das mit Euerm Leben und dem Leben der Menschheit Eins ist. Und wenn ich dann wie sie sagten, wie ihr liebend
Auge mir blickte: - „was du sagest geschehe“ – ins Grab sänk, so würde ich mit dem festen Bewußtseyn sinken
- Das Menschenleben wird als ein Gottes Leben von neuem geboren und von nun an sich stetig verbrei-
tend, auf der Erde von der Menschheit gelebt werden und das Erdenleben wird so ein Himmelsleben werden. - /
[2R]
Wie ich bey jedem was ich denke und thue immer Eurer und des Ganzen gedenke, und es für Euch alle denke und thue
so habe ich als ich jüngst in einer ganz neuen Beschreibung von Neuseeland folgendes las besonders Deiner und Eurer
Johannes und Wilhelms gedacht: „- Ein Europäer kann neuseeländischen Eltern keine größere Freude machen, als
wenn er sich mit ihren Kindern beschäftiget, sie liebkoset und ihnen einige Kleinigkeiten schenkt [“] (: Ich finde darinn
ein dunkeles Gefühl der Achtung und Anerkennung des allgemein Menschlichen in ihren Kindern; es dünkt mich dieß
von ihnen aus eben so wie es uns erheben würde – und im Leben Jesu wirklich erhebt – wenn höhre Wesen als Achtung
und Anerkennung des göttlichen Wesens in unsern Kindern sich spielend und liebkosend zu ihnen gesellen würden :)
“Die Kinder wachsen still und friedlich unter den Augen ihrer Eltern heran, und in der zarten Jugend wird ihnen weder
durch Unterricht noch durch besondere Leibesübungen auch nur der geringste Zwang angethan. Dieser schrankenlosen Freyheit ungeachtet, sind sie im allgemeinen liebenswürdig und haben niemals Launen. Da sieht man
keine Spur von jenem seltsamen Eigensinn, oder von jenen überspannten Neigungen, die in unsern gebildeten
Kreisen so viele Kinder mürrisch und unausstehlich machen. Sie gewöhnen sich bald an den Anblick von Fremden
und gehen gern mit ihnen um ohne deßhalb unbescheiden oder zudringlich zu werden. Haben sie einmal das
Alter erreicht, wo ihre geistigen und körperlichen Kräfte sich schneller entwickeln, so werden die Mädchen, unter der
Mutter Leitung, nach und nach zu den Arbeiten angehalten, die dort dem Bereiche des weiblichen Wirkungskreises
angehören, die Knaben schließen sich näher an die Gesellschaft ihrer Väter an, sie begleiten diese zu den öffentlichen
Versammlungen, auf die Jagd, und zuweilen sogar in den Krieg. Unter der Väter Augen üben sie sich in dem
Gebrauche der Waffen, und lernen frühzeitig die kriegerischen Tänze und Nationalgesänge.“ – Was sagst Du
Emilie zu dieser Schilderung der Kindererziehung, und doch sind es Heidenkinder, die Kinder von Wilden, wie wir
sagen. Müssen wir nicht endlich auch durch des LebensThatsachen einsehen: Es ruhet das Böse nicht ursprünglich in dem Menschen
sondern durch unnatürliche (: uns oft wohl sehr klug scheinende :) Behandlung unserer Kinder kommt es in dieselben. Darum
halte ich das Verstehen der Kinder das Lesen des Innern der Kinder in ihren äußern Handlungen, für die allerwichtigste
Kunst des Kindererziehers. Die Erkennung des Innern des Wesens in der äußern Erscheinung, dieß Bestreben ist
als Erdner und Erzieher eines meiner hauptsächlichsten Studien. Heller und immer heller, wie eine klare Winterlandschaft
tritt mein ganzes Leben vor meine Seele in seinen äußern Erscheinungen, und ich bin sorgsam mich jedes Ge-
fühles, jeder Empfindung und jedes Gedankens in jedem Zustande und Verhältnisse meines Lebens zu erinnern
und mir besonders jede äußere Erscheinung jeder meiner Handlungsweisen, so weit als möglich vor die Seele in
mein Gedächtniß zurück zu rufen. Jede mir zukommende Äußerung anderer über und während meines Jugendle-
bens ist mir ein wahrer Fund ein reiches Geschenk, denn dadurch wird es mir, verknüpft mit allgemeinen Lebens-
gesetzen möglich wenigstens zunächst zur Ahnung von besondern Gesetzen zur Erkennung des innern Lebens an den und
durch die äußeren Lebenserscheinungen zu gelangen. Es ist dieß zur eigen- und Selbsterkenntniß und zur ander- und Fremderkenntniß des Menschen höchst wichtig. Siehe Emilie in der Nothwendigkeit dieser doppelseitigen Erkenntniß
und in dem Wunsche solche Deinem Johannes einst herbey zu führen ihm wenigstens solche möglich zu machen und
den Weg dazu anzubahnen; darinn hat nun auch der Wunsch und das Streben Deines Barop seinen Grund: so viel
Lebensthatsachen für sich ihm und andere aus seinem Leben zu sammeln, als nur immer möglich ist; und diese ihm
schriftlich auf zu bewahren. Denn nicht[s] richtet leider besonders in der Jugend, in dem Jünglingsalter des Menschen
größern Schaden an als das oft so ganz verkehrte und fehlerhafte Schließen von den äußern Erscheinungen auf
den innern Gemüths- und Seelenzustand. Darum sagt der schon obengenannte F. H. Jacobi, und ich habe es kurz
vor Empfang Deines lieben Briefchens gelesen: - „Ich meyne daß es der Erbschade der Menschheit ist,
den Kern über der Schale, die Sache über dem Scheine zu vergessen.“ - Daher stelle ich zunächst
ein Lebensgesetz und Erkenntniß- oder vielmehr Erkennungsgesetz auf und nenne es „das umgekehrte Schließen“.
Dein Barop wird Dir es erklären. – Verstehe mich recht Emilie, denn der Gegenstand ist für jede Mutter, ist aber
besonders für die wichtig welche von dem Wesen und der Würde der Menschheit durchdrungen ist [sc.: sind] : - Ich meyne nicht daß
man durch äußere künstliche Verknüpfungen der Lebenserscheinungen den innern Lebenszustand gleichsam
entziffern soll, sondern ich meine – daß man sich hauptsächlich durch die äußeren Lebenserscheinungen an den inneren
Lebens- Gemüths- und Seelenzustand des Kindes nicht irre machen lassen soll. Laße mir Dir es deutlich machen
an einem meiner Lebensbilder was ich Dir sagen mögte: - Die äußerliche Lebensansicht wurde gar nicht müde
gegründet auf die Erscheinungen meines Jugendlebens ihre Verurtheilung meiner auszusprechen, selbst meines Vaters
Urtheil wurde dadurch getrübt, da trat mein Dir schon oben und oft genannter Bruder Christoph oft, ja bis noch
spät herauf für mich in die Schranken – noch sehe ich ihn in seiner [sc.: seinem] Eifer einst für mich sprechen – und immer mußte
ich und bis in meine hohen zwanziger [Jahre] oft zu meinem großen Erstaunen finden daß mein Leben und Innerstes
ihm so klar vorlag wie in einem heiteren See die ganze oft verworrene Umgebung in voller Klarheit
abgespiegelt vorliegt. Das ist und war ein Durchdringen und Aufnehmen eines Menschen und eines Bruder[s]
Leben wie ich kaum eines kenne. Siehe Emilie dieß war klare Erkenntniß vom reinen Gemüthe aus ohne künstliche Lehrverknüpfung. Maria ist in all diesen Beziehungen auch Musterbild für die Mütter. – Genug! „Je reiner
die Gedanken der Menschen sind, desto mehr stimmen sie zusammen“ sagt Herder. Darum laßt uns reiner
Gedanken und reines Herzens seyn und bleiben und immer mehr werden, laßt uns die Reinheit der Gedanken
Herzen und des Lebens unserer Kinder bewahren, so werden wir und so wird sich die Menschheit bald zu
ächter Lebensverständniß zu ächter Lebenseinigung und Einheit erheben; was alle Weise forderten erstrebten
und als höchstes und schönstes Lebensziel hinstellten. -
Noch schreibst Du mir daß Dein Johannes wohl ½ Stunde lang ein Bild der Ball still anschaue. Ich glaube daß sich in
diesem Augenblick seine äußere leibliche, wie seine innere geistige Sehkraft entfalte. Das Bild was nach unserer
Ansicht als ein fertig gemachtes ruhig vor ihm liegt, mag ihm so ein erst entstehendes sich entwickelndes ist seyn, und
das was so in unsern Augen schon abgeschlossen Gewordenes ist, ist ihm ohne Zweifel erst werdende Handlung
und dieß gleichsam steigende sinnliche Werden begleitet ein geistiges Vergleichen. Gib doch Achtung Wilhe]lm] Emilie
ob er dabey nicht zu Zeiten tiefer aufathmet. Wäre es so würde mir dieß ein Zeichen seiner stetig innern geistigen
vergleichenden Aufmerksamkeit und dann ein Zeichen gefühlter Übereinstimmung der innern und äußern vergleichenden
Beachtung [seyn]. - In jeder Deiner kleinen Einzelbemerkungen liegt mir so ein Allgemeines, worüber ich mich Dir wohl
mitzutheilen erlauben würde verstattete[n] es Raum und Zeit. Lebe wohl Emilie im alten Jahre mit all den Deinen
danke Dir für Eure Liebe u Treu, lebet wohl alle im neuen Jahre, lasset uns lieb-, und lebenstreu bleiben, /
[Rand] so werden wir in uns und außer uns Gottesstimmen hören, und ein neues reines Leben wird uns wahrlich aus Gott geboren werden!!! FrFr.
[Rand 1R]
Ob es sich gleich ganz von selbst versteht, so will ich es Dir doch noch aussprechen daß Dein l. Briefchen besonders an die Base, welche Euch herzinnigst grüßt, mit großer Freude gelesen worden ist.
[Rand 2V]
-* d.h. höret Gottes Stimme in Euch [;] nun ist Dein Gatte der sie in sich wie um sich fügend und schützend anerkannte <minder> ein Mann als die, welche sie mindestens leichtsinnig vernichteten! -