Willisau am 4 7en Tage im Monat
des erstarkenden Lebens / VI. / 34.
Mein theurer Middendorff.
Zuförderst meinen herzinnigen Dank Dir für die heute von Dir und
durch Dich erhaltenen
Briefe für den blauen wie für den weißen.
Ich meyne von jeher das Verständniß ist
um so gewisser u.s.w. als
zum Verständniß wenig also auch Nichts gesprochen zu
werden
braucht; darum wird die Sprache der Seeligen und Heiligen ein
Nichtspre-
chen seyn und es ist dieß jetzt schon mehr und minder
die Sprache der Seeligen und
Heiligen die uns etwa auf der Erde
begegnen z.B. einer im Anschauen ihres Kindes
glücklichen,
seeligen Mutter wenn sie sieht wie dessen reinstes
Seelenleben
mit dem wahren Geistesleben des Vaters in Eins
zusammen fließt.
Welche Zeit zum Handeln wird dann gewonnen,
welche Zeit dazu besitzen solche schon.-
Der heute von
Dir erhaltene Brief ist doch einmal wieder zur rechten Zeit von
Euch
zur Post gekommen: am 30en v. M. v. Euch
geschr[ie]ben, gieng er am 31en von
Rud. ab
und kam heute also am 8en Tage oder v. K[ei]lhau aus am 9en hier an. Ich bitte Dich l. M.
darum nochmals
den rechten Zeitpunkt zur Briefaufgabe zu beachten.
Ernestinens endlichen Entschluß
kann ich stets nur recht finden. Ihr werdet ihre Über-
kunft
gewiß aufs beste ordnen; ich freue mich sehr daß es sich auch in
pecuniärer
Hinsicht alles angemessen fügt. Da ich glaube daß
dieser Brief sie noch findet, so
wünsche ich ihr vom Herzen
glückliche Reise, sie soll nur Muth fassen, und der
Mutter hier
gedenken, welche obgleich oft seelenmatt doch wie eine rüstige
Haus-
frau das Haus und die Küche für etliche 20 Personen alle
ausgewachsen, die meisten
schon junge Männer, z.B. gestern, heute
und morgen mit der schwachen Hilfe
L-s allein besorgt indem die
Frankenb[e]rg auf 3 Tage nach
Luzern gereist ist.-
Mit Deinem Brief l. M. habe ich zugleich
noch 2 andere bekommen einen von
Veilsdorf, einen von Hanau, dort
schreibt der Vater daß er wünsche sein Sohn
bleibe und das
Verhältniß finde sich wieder.- Von meiner Seite steht der
Er-
füllung dieses Wunsches nichts entgegen und von
Langguth Seite scheint
es
dessen Benehmen nach auch gewünscht zu werden. So wäre also
vielleicht wie[-]
der einmal ein Lebenswetter überstanden bis
sich neuer Stoff dazu häuft.
Frankenb[e]rg[s] Freunde aus H.-
schreiben auch als edle Männer daß sie ihren
bisherigen Director
nicht verlassen würden, weil sonst noch vor dessen Tode
seine
Anstalt sich auflössen, ja ihr Weggang sogar wohl dessen
Tod befördern würde.
Beyde sind aber auch nun als Mitdirectoren
eingetreten. Sie bitten aber deß-
halb nicht das Verhältniß für
weitere Entwickelungen für abgebrochen zu halten. /
[1R]
Du und Ihr werdet in Ernestinens Brief ihrer Schwester Äußerung in
Beziehung
auf das Begleiten nach der Schweiz gelesen haben. Ich
kann darauf jetzt nur sagen:
ist es denn durch die
Gesammtverhältnisse nothwendig daß Ulrika gerad in
den nächsten
Wochen nach Spandau zurück kehre, oder wäre es nicht für
sie so
wie für das Gesammte gut wenn sie nicht so mit der Abreise
eilte?
Der Grund dieser fragende[n] Äußerung ist in mir ein zwey
ja dreyfacher; einmal
ihre wünschende Äußerung, dann daß die
Verhältnisse eben im Entwickeln sind
drittens daß mir Langethal
sagte sie habe Liebe zu den Kindern rc.- doch ich
gebe diesen
Gedanken nur hin.- Ihr späteres Nachkommen würde kein Hinder-
niß
seyn.- So gutwillig und sonst mehrseitig brav Fr[an]k[e]nb[e]rg[s]
Schwester ist, so
hat das eigentliche Haus und besonders die
Küche wohl nie große Hilfe von ihr zu er-
warten. In meinen Augen
ist das Verhältniß wenigstens als häusliche Gehülfin
auch nicht
weniger als ein festes, indem es bis jetzt schon nicht einmal
besteht, sie
auch überhaupt hier ihrer eigenen besonders
erzieherischen Ausbildung zu leben wünscht.
Ferdinand läßt in Beziehung auf
die vom Vater an ihn geschehenen Anfragen
sagen: die
Duetten für Flöte und Violoncello von
Danzi, dann noch die
mehreren
Stimmen zu
Romberg's Quintetten, welche bey den früheren
Sendungen in Keilhau
zurück geblieben seyen wünsche er zu
haben.
Eben lese ich Langethals Br. an Ernestine und finde
wieder daß er Möglichkeiten
als große
Bestimmtheit schreibt, dieß ist
nicht mein Wille. Was hier
die
Hausfrauen und so auch Ernestine als erste Erforderniß
bedürfen sind oder
ist eine gute Haus- und eine dergleichen
Küchenmagd oder vielmehr Köchin[.]
Begegnete Ernestinen ein
solcher Fund und könnte sie ihn mitbringen, so brächte sie
sich
der Mutter und dem Ganzen etwas Werthes mit.
Den 15en d. M. werde ich nach Burgdorf gehen.
Lebet recht wohl alle, alle grüßen wir alle besonders grüßt
Dich und Eu[ch]
Dein und
Euer
FrFröbel.