Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 29.12./30.12./31.12.1833/2.1.1834 (Willisau)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 29.12./30.12./31.12.1833/2.1.1834 (Willisau)
(KN 46,11, Brieforiginal 4 B 8° 16 S. Laut dem Brief Langethals an F. v. 28.1.1834 ist dieser Brief erst am 28.1.1834 in Keilhau angekommen. Der Brief hat keine Unterschrift –ein Indiz, daß er erst mit einem der späteren Briefe nach Keilhau versandt wurde.)

Willisau am Sonntage nach dem heiligen Christfest 1833.


Am 29en des Christmonats.


Mein lieber Bruder, meine theure Schwägerin und lieben Nichten
meine geliebte Großnichte und Pathe, meine lieben Großneffen, meine
theuren Freunde und Freundinnen, meine geliebten Pflegesöhne und
Pflegetöchter meine lieben Kinder, Euch allen Groß und Klein
Jung und Alt einem Jeden einzeln und namentlich allen zuvor
den schönsten und frohesten Christfestgruß!-

Die beglückende Feyer des seegensreichen Festes ist vorüber, ist vorüber
für Euch für uns für mich; ich sitze und übersinne die Gaben die es
brachte und die es vorenthielt ich sitze und vergleiche die Christfestfeyern
in Willisau und Keilhau, denn so verschieden diese beyden Feyern nur seyn
können so verschieden waren wohl die Feyern dieses Festes dieß Jahr hier
in Willisau und bey Euch in Keilhau; ob sich gleich unser Leben nach
und nach auch einem sinnigen stillen häuslichen Leben nähert; so ist
jetzt indem ich dieß schreibe fast alles in stiller Selbstthätigkeit
in der allgemeinen Wohnstube um mich versammelt:
Ferdinand und Gnüge spielen ein Duett für Pianoforte und Flöte
Frankenberg bereitet sich zur Geschichte vor
Langguth besorgt die Bücher für seine nächste Schreibstunde
Titus schreibt mir einen Plan für unsern He. Pfarrer in Hutwyl ab
Karl lieset in einer Reisebeschreibung nach Amerika
die treue Hausmutter besorgt das Nöthige zum Vieruhrbrod
Luise lieset in Dudens Reisebericht nach Amerika
Ludowika welche bis jetzt nähet setzt sich an einen, schon seit mehr-
reren Tagen begonnen Briefe zu schreiben.
Anton der älteste Zögling im Hause spielt in einer der hinteren Stuben
Guittarre, Heinrich und Georg ebenfalls Zöglinge im Hause sind
in der nächsten Stube bey mehreren anderen Zöglingen welche häufig
Sonntags hierher zum Arbeiten, Lesen und Spiel kommen.
Unsere Fenster sind gegen Regen und Sturm durch Doppelfenster ge-
schützt zwischen welchen Blumenäsche mit blühenden Geranien
den feuerrothen, mit knospenden Rosen, keimenden Hyazinthen
und herrlich blühenden Maasliebchen welche ich mir zum Christ-
geschenk auf dem schönen Festanfangspaziergang von einer unserer
schönsten Anhöhen wir in Keilhau müßten sagen Berge mitzurück-
brachte. Der Himmel ist mit einer einzigen lichtgrauen Regendecke be-
deckt; die Fenster gehen 2 gegen Mitternacht und durch das linker Hand /
[1R]
sieht man den Thurm und das Dach der Stadtkirche und über die letz[t]ere
sieht man die gegen überliegenden waldigen Anhöhen, ohngefähr
wie man über Biebers Haus und das des Hänoldt nach den waldigen
Anhöhen des Kirschbergs schaut; die Aussicht durch die Fenster
nach Westen ist den ähnlich durch die Fenster in dem Stübchen Middendorff[s]
hinter der großen Lehrstube; Ferdinand und Gnüge spielen eben
das Duett von Wilhelm Carl für Flöte und Pianoforte, wenn Ihr nun
das erstere Euch ausmahlt und das letztere wieder hört wie Ihr es
früher so oft oft hörtet so habt Ihr ein treues Bild der äußeren
Umgebungen unter welchen ich Euch dieses schreibe und Eurer
gedenke. Es ist überdieß die Zeit kurz vor 4 Uhr Nachmittags welche
uns so oft in Keilhau an Sonn- und Festtagen zum Lebensaustausch und Lebenseinigung zusam-
menrief. Und so möge sie es denn auch
jetzt thun wenn auch dem Körper nach durch einen Erden- und Länder-
raum von fast 150 Stunden getrennt.
Also die Feyer Eures oder die der Keilhauer Christfeste überhaupt
und die Feyer des ersten Willisauer Christfestes waren es welche
mich von Beginne dieses Briefes beschäftigte; die Austauschung
beyder Feyern gegen einander sollten der Zweck dieser Zeilen an Euch
seyn. Vielleicht sitzt oder saß schon heute einer von Euch auch in der Ab-
sicht an seinem Schreibtische um mir und uns Kunde von Eurer
dießjährigen Weyhnachtsfeyer zu geben.
Mit dem heiligen Abend hatte ich eine der unangenehmsten Ar-
beiten welche mir zum Schluß dieses Jahres noch übrig war und deren
Nothwendigkeit mir seit Langem wie eine Krankheit in den Gliedern
lag - einen Brief offener Erklärung an Madame Amberg beendigt -
Am heiligen Abend selbst machten unsere Musiker - Herr Gnüge,
Ferdinand - Langguth - unser Herr Amtsschreiber (Violoncellist)
und der älteste unserer Zöglinge Anton Brunner: Quardett, Quin-
tet und Gesang Musik. Spät am Abend wurde geendigt und
später als selbst die letzteren die Gute Mutter und ich zu Bette ge-
gangen waren; denn Langgut[h] und Ferdinand wollten mit
dem Herrn Amtsschreiber um 12 Uhr Mitternacht in die Christ-
mette gehen und sie gingen dahin. Kerzenlicht, Glockengeläut
und Orgelklang drangen von der nahen Kirche dicht am Fuße
des Schloßhügels in unsere Schlafstube herein, doch mich
vermochte es nicht die Lust zu erwecken die Christmette zu
besuchen, meine Gedanken dagegen waren bey Euch, wie Ihr jüngsten
und jüngeren Euch schon längst in froher freudiger Erwartung auf
den nächsten Morgen Euch zu Bett gelegt und jetzt ruhigen Schlafes, /
[2]
vielleicht durch heitere Träume verschönt den nächsten Morgen entge-
gen schlummert und wie dagegen Ihr älteren und besonders Ihr
väterlichen und mütterlichen Freunde und Freundinnen in froher freudiger
Thätigkeit jetzt sorglich beschäftigt seyd die kindlichen Hoffnungen und frohen
Erwartungen jener, so viel als Euch durch die einzelnen und gesamten
Verhältnisse möglich ist, zu erfüllen. Ich gedachte der Zeit und der Zeiten
wo ich gleich und ähnlich Euch gewesen war, ich dachte dessen
was ich in diesen Zeiten gereicht, was ich dadurch gewollt, was ich damit
erreicht hatte; ein tiefer Seufzer preßte sich aus meiner Brust,
wie er sich jetzt in derselben wiederholt, denn ich fühlte tief und mußte
mir klar gestehen wie so sehr schwierig es sey von der einen Seite in der
Gabe die Gesinnung in der Sache den Geist und in der Form den Zweck kund
zu thun und von der andern Seite alles dieses zu empfinden zu lesen,
wahrzunehmen. Ich dachte mit Trauern wie weit wir Erwachsenen
doch schon aus und von dieser geistigen Welt entfernt seyen und wie
so sehr nahe sie doch dem Kindes[-], dem kindlichen Gemüth läge
und wie so sehr wenig es für dieses bedürfe um es zu erfreuen zu beglücken
das heißt die Nähe und die Wirksamkeit, das Leben des Geistigen zu
empfinden wahrzunehmen. Es ist merkwürdig gewiß auf das Höchste
belehrend merkwürdig daß dieß, diese Geistes Wahrnehmung, diese
Lebens Empfindung dem Menschen leichter viel leichter in dem Klei-
nen und Wenigen als in dem Großen und Vielen wird. Ich ge-
dachte des Vaters welcher sein Kind hoch dadurch beglückte als er ihm
vom muschelreichen Seeufer ein Paar farbige glänzende Muscheln
mitbrachte, als er aber um es recht hoch zu erfreuen, das Kind selbst
zum muschelreichen Meerufer führte, dieß nur Übersättigung, Leere
Langeweile ja Überdruß bewirkte.- Wie so oft habe ich dieß unter
Euch und mit Euch, wie so oft haben wir dieß gemeinsam empfunden
O! wie so tief, geistig tief begründet ist der Ausspruch

den Armen ist das Himmelreich
die an äußeren Gütern ärmsten können die an geistigen Gütern
Reichsten seyn
O! die Erforschung dessen was uns und andere reich macht ist noch we-
nig bearbeitetes, wenigstens wenig durcharbeitetes Feld.
Als ich wenig sehr wenig reichte ja ich darf es sagen da machte ich viele
und oft sehr glücklich und reich, da ich dagegen viel, da ich das Höchste das Beste <aus / von> dem
was ich besaß, <da ich es> reichte, da wurde es um mich kalt,
leer ja ich muß sagen arm, oft um so ärmer als ich Bedeutsam-
keit und Fülle reich machen wollte. Ja groß und klein, alt und jung
alle im lieben Keilhau die Ihr durch Gaben, welcher Natur sie auch /
[2R]
immer seyen glücklich machen, glücklich werden wollt merket Euch nicht
nur die Erzählung der Muschelgeschenke, beachtet nicht nur die Erfahrungen
die tief ergreifenden Lebenserfahrungen Eures väterlichen Freundes, son-
dern laßt Euch durch das alles und Eure eigenen Lebenserfahrungen
zur Lösung der Frage hinführen; - wie wird der Mensch durch
Gaben wahrhaft glücklich und welche Gaben machen ihn glücklich
wie macht der Mensch durch Gaben wahrhaft glücklich ja seelig und
durch welche Gaben und durch welches Geben erreicht er dieses?-
--- Ich gedachte ferner der Gabe welche die Menschheit in dieser
Nacht in dem Kinde Jesu em-
pfangen und wie sie es em-
pfangen habe; ich hatte ge-
wünscht daß dieser Gedanke,
ihn aus und durchzudenken
den Schlaf verscheuchen möchte
doch - ich entschlief --

Es schlug 6 Uhr und ich erwachte. Wie
gestern meine letzten Gedanken bey und
mit Euch gewesen waren, so waren
es jetzt gleich wieder meine ersten.
Alle sind sie jetzt in Keilhau nun
wach sagte ich mir, die einen er-
wartungsvoll der Gaben die sie
empfangen werden, die anderen
erwartungsvoll wie die Gaben von jedem einzelnen empfangen
werden - denn so wenig es auch sey so wußte ich doch jedem wird
etwas gereicht, jeder empfängt etwas! Anders war es in mir und
um mich, denn ich hatte nichts zu empfangen wie ich nichts zu geben hatte
indem auch nicht eine von den kleinen Gaben die zum Theil doch schon
früh genug bestellt hatte angekommen war. Ich war unschlüssig ob
ich etwas darüber sagen wollte oder nicht, doch entschied ich für das
letzte denn dachte ich: - was und wie du es auch sagst so versteht
man dich doch nicht oder will dich nicht verstehen und so schwieg
ich.
Die sorgliche Hausmutter hatte uns nach schweizerischer Weise Birnwecken
nach deutscher Keilhauer Weise die bekannten Brezeln gebacken und diese er-
warteten uns nun beym gemeinschaftlichen Frühstück als Festgabe.
Doch bald erschienen verschiedene Zöglinge aus der Stadt und brachten
allen lehrenden Gliedern mir und der Hausmutter nach schweizer Weise
sogenannte Honigkuchen runde Scheiben Lebkuchen ähnlich von
6 Zoll an Durchmesser und 1 guten Zoll Dicke. Nun hatte so der Tag
auch seine äußere Bedeutung seinen äußeren Charakter: Gaben
wie Empfangen bekommen. Kurz vorher hatte ich ihm seine
innere Bedeutung zu geben gesucht. Ich hatte uns alle, was
ich bisher in Willisau noch nie ich muß wohl sagen gewagt
hatte - ich hatte uns alle zu einer gemeinsamen Festbetrach-
tung, welche ich vorlas - versammelt. Das wiederkehrende /
[3]
(Regenwetter hatte nemlich uns sämtlich verhindert in die fast 3 Stunden
weit entfernte Evangelische Kirche - Hutwyl - zu gehen. Das Bedürf-
niß kirchlicher, religiöser gemeinsamer Sammlung war wohl im
Kreise ganz allgemein und lebhaft und so schien dieser erste Versuch
jedem willkommen und wurde mit Ruhe und Sammlung so weit mir
es erkennbar war, aufgenommen. Der Tag hatte nun auch seine innere
Weyhe und mir erschien es, als wirkte es auf die Stimmung des ganzen
Tages über.-
Nach Tische brachte eine Schülerin aus einem der nächsten Thalgehöfte
außerhalb dem Städtchen dem allgemeinen ein Christkindchen
wie sie sagte bestehend aus Honigkuchen, Birnwecken und gebrann-
ten Wasser, wie alles dieß Schweizersitte ist. Nun wurden auch
die Christtagsfreuden reger und lauter. Nach dem Vieruhrbrot trat
der Männerchor das ist alle jungen Leute und Lehrer des eigenen häuslichen
Kreises zu allgemeinem Gesange zusammen und gar manche der schönen
Gesänge aus dem Orpheus u.s.w. die Euch alle bekannt sind wurden ge-
sungen und so wurden wir alle recht in unser altes Keilhau und dessen
sinnigen stillen eigenen Leben versetzt. So wurde denn auch beschlossen
Abends nach Tische das alte bekannte Festtagsspiel "Schimmel" zu spielen.
An Äpfeln und Nüssen dazu fehlte es nicht der hand- und fingerfertige
Ferdinand, welcher schon kürzlich ein Schachspiel geschnitzt hatte, schnitzte
und bezeichnete uns schnell die Würfel und geschriebenen Wörter
mußten uns die mangelten [sc.: mangelnden] Bilder ersetzen. So ausgerüstet wurde
froh bis gegen Mitternacht gespielt. Zwey große zu einem großen
Gevierttisch durch Zusammenstellung der Längsseiten gebildet, ver-
einigten uns schön zu einem Ganzen die Hausmutter und ich wir alle
spielten schön zusammen. Ich hatte so Ursache mich mehrseitig den heutigen
Festtagserscheinungen selbst herab bis zum frohen freudigen gemein-
samen Spiele zu erfreuen. Und so schieden wir froh und freudig
jeder zur Ruhe.-
Der zweite Festtag begann wie der erste. Leicht versammelten wir
uns alle zu gemeinsamer religiöser Betrachtung desselben da uns
gemeinsame kirchliche Feyer nicht vergönnt war. Franken-
berg
und Langguth hatten sie in der Stadtkirche gesucht, waren
aber ebenso wenig befriedigt worden als in der Mette in der
Christnacht.
Unser Emmerich war es welcher uns heute erbaute. Der Text war
Luc. 2 13-14 der Lobgesang der Engel: "Ehre sey Gott in der Höhe" und
er zeigte uns nun, daß wir dadurch wüßten "Himmel und Erde sind
ein versöhntes Ganze", denn /
[3R]
in der höhern Geisteswelt wird Sorge für uns getragen. Dieß zeigt
uns das Herabkommen des Heilandes
in der höheren Geisterwelt ist Freude über Heil der Menschen: dieß
lehrt uns der Lobgesang der himmlischen Heerschaaren.
Auch die Erde und unsre menschliche Natur vermag das ewige und göttl[iche]
Leben in sich zu fassen und darzustellen: dieß lehrt uns die Erscheinung
des Gottes Sohnes auf Erden und mit menschlicher Natur bekleidet.
Was konnte uns in all unsern Verhältnissen und in unserm Berufe
und Streben willkommener und beruhigender ja erhebender seyn
als der Gedanke die Wahrheit welche uns diese Betrachtung ans Herz legte.
Und so schien sie denn auch wirklich allgemein erhebend und sammelnd
zu wirken und dem ganzen übrigen Tag wieder einen Festtags-
charakter zu geben. Überdieß war heute ein schöner sonniger und
wahrer Frühlingstag - es war am 2en Weyhnachtstag - wir
machten einen Spaziergang nach einer der schönsten Anhöhen (Berge)
im Nordwesten des Schlosses, wir: Frankenberg - Ferdinand - Karl
Titus, Anton und ich, gingen erst nach Norden, wo wir eine
reizende Ansicht unseres, Euch gewiß schon viel genannten Wasser-
falles, des Falles der Wigger hatten. Der Fall war durch das
häufige Regenwasser besonders groß und wie blitzende
Silberstreifen im Sonnenglanz glänzten die verschiedenen
Wasserbänder um ihn her - die Vögel hatten einen wahren
Frühlingsruf und selbst die so hohen Berge wie die Rigi und der
Pilatus waren fast schneelos. Nun zog sich der Weg bald
durch dichten Wald ähnlich wie auf dem Dissau, aber statt
Kiefern hier Tannen und Fichten von beträchtlicher Höhe und Um-
fang zur Rechten und zur Linken, der Waldboden wie ein
grüner sammtner Teppich von dem frischesten grünen Brom-
beerlaub wie mit frischem Weinlaub überranket.
So ging es auf unsere sich uns zum Ziele gesetzte Höhe - meine
Maasliebchen Höhe - dieselbe von der ich schon einmal schrieb
wie wir Allwinens Geburtstag feyerten, und von welcher
Euch Barop meine Festgrüße auf Bergpalmenblättern mit-
bringen wird. Auch heut bewährt sich mir der schöne Berg
frisch und lieblich blühende Maaslieblichen Familien begrüßten
mich und jetzt blühen so mir Eure Festgrüße in den Fenstern
es sind die Maasliebchen von welchen ich Euch am Eingang dieses
Briefs schrieb. Und alle die vielen und schönen Maasliebchen-
stöcke welche ich <ja / je> von Euch in Keilhau bekommen habe blühen
mir von neuem in denselben auf und entgegen.- /
[4]
Diese lieben Blumen und die vielfachen lieblichen Gaben und sinnvollen Geschen-
ke durch die dieselben hatte mir der gestrige Tag recht lebhaft ins Gedächt-
niß zurück gerufen. Ich habe nemlich vorhin oben durch Besuchsunter-
brechungen vergessen, Euch meine Feyer des hohen gestrigen Festtags
und [sc.: und]
nach der Festbetrach-
tung und zwischen
dieser und dem
Vieruhrbrod zu-
beschreiben und
der vielen Gaben und Geschenke zu beschreiben
gedenken welche ich dann noch von Euch empfing.
Es war nemlich am ersten Festtag, weil er auf
den Mittwoch fiel unser Posttag. Doch aber eben
weil es strenger Festtag war wurden die Briefe
erst nach der Kirche welche erst gegen 11 Uhr beendigt war ausgegeben.
Von Euch das wußte ich da konnte ich keinen Brief erwarten; auch
sonst durfte ich keine Ewartungen heegen; aber einen Brief, ein Fest-
geschenk empfing ich doch es war ein Brief von unsern Gesandten
Barop aus Freyburg im Breisgau vom 20en des Christmonats, kurz vor seiner
Weiterreise nach Carlsruhe und Heidelberg ge-
schrieben. Dieser Brief nun war mir schon an sich eine wahre Fest-
gabe auch seinem sonstigen Inhalte nach sehr wert, besonders wegen
der Bestätigung von Barops sich befestigten Gesundheit, so daß ich gar
nicht sagen kann wie lieb mir dieser Brief war. Dieser Brief vom
treuen Barop war mir wie ein thautropfenheller Diamant in der
Einfassung des Tages, da aber weder das Schöne noch das Gute gern
allein steht sondern jemehr es schön und gut ist um so mehr das Gute
und Schöne um sich her versammelt und so sollte denn auch der heutige
Tag und diese ganze Festzeit eine rechte Zeit der Versammlung hoher Fest-
gaben um mich seyn und was war nun natürlicher als daß ich alle
Fest- und Christgaben früherer Zeiten und so zunächst die Fest- und Christ-
gaben des vorigen Christfestes, des letzteren vielleicht für immer
des letzten Christfestes in Keilhau hervorsuchte und so vor allem
mit der Lesung des vieldeutigen und vielsinnigen Festgeschenkes vorigen
Jahres, des FestJahres 1831 begann; wozu sich mir bisher immer
noch keine ruhige Zeit gefunden hatte. Frankenberg theilt, schätzt
und liebt unser Leben, trägt es pflegend und fortrankend in sich wie
ich keinen weiter kenne und was war natürlich daß ich ihm der
so gern und so treu das Leben theilt, auch gern die Freude mit ihm
theilte welche die verschönte - (den[n] der Widerspiegel verschönt ja
immer alles) Darstellung des schon an sich so schönen und lieblichen Fest-
jahres mir wiederkehrend brachte; denn getheilte Freude ist ja
verdoppelte Freude. Und so theilte ich ihm neben mir sitzend Bogen
für Bogen des Festjahres mit wie ich solche gelesen hatte, und das
tiefe Atmen aus gehobener Brust beym Lesen zeigte mir daß ich /
[4R]
das was ich gegeben hatte keinem Antheilnehmenden mitgetheilt
hatte.
Nach Tische knüpfte sich daran der Wunsch auch die anderen Fest-
gaben und Geschenke der Keilhauer Söhne und Töchter zu sehen. Ich
hielt es für gut hier mit den ältesten zu beginnen welche ich von
dieser Art und Allgemeinheit hier hatte. Es waren dieß die
Gaben der Farben und der Formen und die Briefe welche ich in
Frankfurt a/m 1831 empfangen hatte als ich vergeblich in Keilhau
erwartet worden war.
Die Betrachtung dieser schönen Gaben na[h]men nun den Nachmittag
bis zum Vieruhrbrot ein und die schönen Farbengebilde mußten
doch wegen Dunkelheit bis zum folgenden Tage zum großen Theil
verspart werden.
Dieß also noch zur wesentlichen Ausfüllung der reichen und vielge-
benden Feyer des ersten Christfestes.
Nun fahre ich in der Beschreibung der Feyer des zweiten Christfestes
fort wo ich oben geblieben bin.
Unter vielfach verschlungenen Blumengesprächen mit Frankenberg
wurde nun von der Maasliebchenhöhe zur Eichenhöhe, dem schein-
baren Spitzberge des hiesigen Thales (von unseren Fenstern nach
Westen zu geschaut) gestiegen, von da zurück ins Thal und her-
auf in's nun bald heimatliche Schloß.
Hier wurde da begonnen wo gestern aufgehört
worden war mit Betrachtung und Vorführung der früheren Geschenk-
und besonders Christgaben in Farben und Formen. Titus er-
klärte viele mit dem Beysatz: - ["]Der oder diese hat sich dabey
viele Mühe gegeben". Und wie freute es mich dieser Zeugschaft
daß sich meine geliebten Kinder bey Geschenken für mich ihren
treu sorgenden Vater auch sorgliche Mühe gegeben hatten.
Andere begleitete Titus wieder mit den Worten: ["]Der oder
die macht seine Sache jetzt viel schöner" Wie freute auch dieses
wieder denn ein braver Sohn eine <wache / wacke[re]> liebe Tochter bleibt
nie stille stehen. Noch sagte er dieser hat mich gesagt gefragt
Sage was würdest du thun würdest du die Farbenübungen noch
einmal beginnen und da ich ja sagte, gleich hat er frisch be-
gonnen und ist schon wieder wacker fortgeschritten. Was
konnte mir erfreulicher seyn als zu vernehmen wie der
junge Freund gern den Rath des wenn auch wenig älteren
doch in der oder jener Sache erfahreneren Freundes höret
und ihm rüstig und ohne Zaudern und mit Ausdauer folgt.
Solches Handeln führt einst zur Erreichung des schönen Menschheits Zieles nach dem
wir alle streben. Sehet so und hier die Richtung die Größe und die Bedeutung meiner dießjährigen Christgaben, /
[5]
wir ja alle streben.- Sehet so und hier die Richtung, die Größe und
die Bedeutung meiner dießjährigen Christgaben [2x]. Der Christgaben
abermals wenn Ihr auch gar nichts davon wußtet von und durch Euch.
Ihr könnet daraus, wir alle können daraus die tröstliche und beruhigende
Erfahrung abnehmen: daß wenn auch unsere Handlungen, die Ergebnisse,
Früchte unserer Gesinnung unseres Denkens in der Zeit ihrer Erzeugung
und lange noch gleichsam vergessen erscheinen, dennoch eine Zeit kommt,
wo sie dann um so schöner ihre Anerkenntniß und nun ihre um so eingrei-
fendere fortbildende Wirkung im Leben erhalten.
Nun zurück zur Feyer des zweyten Festtages: Wir kamen früher als
wir erwarteten von unserm Spatziergang zurück, und noch war Zeit bis
zum Vieruhrbrod. Es wurden dafür die gestern Abend wegen Dunkelheit zurück-
gelassenen Farbengebilde in ihrer Schönheit zuerst betrachtet, und dann zur
Wiederbetrachtung der Gaben des Weyhnachtsfestes 1831 fortgeschritten. Doch
auch hier setzte die einbrechende Dunkelheit und das aufgetragene Vieruhr-
brot wieder die nothwendige Grenze.- Nach dem Vieruhrbrot erfreuten
uns unsere Euch oben namentlich vorgeführten Musiker wieder mit ihren
musikalischen Darstellungen. Unsern alten ehrwürdigen, aber noch sehr
jugendlichen Herrn Sextar Hecht hatte Ferdinand dazu heraufgeholt, weil
er Musik sehr liebt, uns dabey dur gleich vom ersten Anfange an durch viele
Gefälligkeiten sehr unterstützt und längst gewünscht hatte, wie schon früher
wieder an einer musikalischen Unterhaltung Antheil zu nehmen. Mehrere
der Zuhörenden beschäftigten sich mit Bret[t]spielen. Herr Frankenberg der mich
gehörig in die Enge getrieben hatte machte mich endlich matt nachdem ich vorher
geglaubt hatte ihn zu besiegen würde mir keine zu schwere Aufgabe seyn. Es
ist mir dieß, so mußte ich mir gestehen, oft im Spiel wie im Leben geschehen;
nie sollte der Mensch eine Entgegnung zu gering und zu schwach, zu leicht
zu beseitigen achten. Eine Vernachlässigung von unserer Seite schwächt uns
stärkt überdieß die Entgegnung, und oft kann darum durch doppelt und
dreyfach entwickelte Kraftanstrengung das Vernachlässigte wieder gut ge-
macht werden. Unsere Erziehung und Ausbildung für das Leben ist noch
furchtbar einseitig und getrennt, noch immer will sich Geist und Körper,
Körper und Geist, That und Einsicht, Einsicht und That schwierig zu einem
Leib zu einem Leben durchdringen und doch ist dieß die höchste Aufgabe
fürs Leben, denn auch die klarste Hinstellung der Einzelthat kann ohne minde-
stens die Ahnung des Zusammenhangs mit dem Ganzen nach und auf der
jetzigen Stufe der Menschheitsentwicklung, etwas wesentliches fördern
ebenso wie der schönste bearbeite[te] Baustein nur dann wahrhaft nützt wenn
er mit Übersicht des Baues an der richtigen Stelle eingefügt wird, oder
der bestgezogene Baum nur dann die meisten und besten Früchte bringt und
die schönste Zierde der Pflanzung wird, wenn er seine rechte Stelle erhält.- /
[5R]
Mittheilungen von unserm würdigen Greis zeigten mir wieder wie so noth-
wendig es bey einem Streben wie das meine und unsere sey, sich von
Einzelzwecken und vor allem von politischen und überhaupt Meinungsparthei-
ungen frey zu enthalten, sonst ist an gar keine sich stetig fortentwickelnde
Wirksamkeit zu denken.- Der Abend wurde von der Gemeinsamkeit
d.h. die Zeit nach dem Abendtisch wieder zum Schimmelspiel bestimmt. Karl
hatte heut die Gesellschaft mit kunstreich gemalten Blättern dazu beschenkt;
der Schimmel sprang in so zierlichen Setzung der Füße und Haltung des ganzen
Körpers daß man meinte er sey bey einem französischen Tanzmeister
in die Stunde gegangen.
Ich hatte mich gleich vom Anfang des Spieles heute davon losgesagt, es
war ja der 26 Decbr und so wollte ich mich recht mit Muße der Beachtung der
heutigen totalen Mondfinsterniß hingeben. Es war der bestimmte Gedan-
ke welcher mich lebhaft dazu antrieb war: daß unsere Blicke jetzt zu
einer Zeit an und auf einem Gegenstand sich begegneten, daß gleiche
Beobachtungen also in gewißer Beziehung immer verwandte Gedanken uns
zu gleicher Zeit beschäftigten; es war doch etwas tief erregendes und hoch
erhebendes den doch nicht ganz kleinen Weltenkörper in seiner grünlich
gelbrötlichbraunen durchscheinenden Färbung als vollkommene Kugel
im Weltenraume schwimmen zu sehen. Wie freute ich mich gleiche
Anschauungen bey Euch zu wissen gleiche Empfindungen Gefühle und Gedan-
ken in Euch zu ahnen, mit Euch gemeinsam gegen das Schützthal zwischen
den Dissau und Uhu, mehr jedoch eigentlich gegen und über den Uhu zu schauen.
Auch die Eurer Aller stets in Liebe und Sehnen gedenkend sprach aus:
Wäre es doch öfterer im Leben wo der Mensch mit den entfernten
Befreundeten in gleicher Zeit denselben betrachtenden Gegenstand
habe!- Aber kann dieß der Mensch wenn er nur fest und treu
in Vorsätzen ist nicht zum öfteren haben? bietet der Himmel in
seinen leuchtenden festen Erscheinungen nicht Gelegenheit genug da-
zu dar?- O! der Mensch ist viel reicher als er wähnt wenn er
nur in der Beachtung des Kleinen sorgsam und in der Zeitanwendung
treu ist und sorglich wahrnimmt die Wirkung der äußern Erscheinung auf das
innere Leben. Auch die Blicke unseres Reisenden, Barops, nun schon nahe
dem mütterlichen Hause hatten wohl wie seine Gedanken an diesem Abend
und in dieser Nacht mit uns oft einen und ebendemselben Gegenstand.-
Der nun gekommene Freytag der 27e hatte für Frankenberg und mich mit
den beyden letztverflossenen Tagen am Vormittag noch gleichen Gegen-
stand der Beschäftigung, theils die Lesung des Festjahres, theils die Betrach-
tung der Festgaben.-
Das schöne Wetter rief am Nachmittag wieder mehrere zu einem
größeren Spatziergang ins Freye. Frankenberg, Ferdinand, Titus, ich /
[6]
und unsere drey Euch nun schon zum öftern genannten Zöglinge Anton (Brunner)
Heinrich (Weber) und Georg (Rüegger) gingen zu der Euch auch nun schon
vielbekannten Alpe: Oberlehen, wo wir nach 2½ bis 2 3/4 Stunden wohl höher
und mehr über der Meeresfläche erhaben waren als auf allen Bergen
welche wir bisher in Deutschland gemeinsam bestiegen haben; höher als
auf dem Inselsberg, Bl Brocken und den Bergen des Fichtelgebirges. Ob-
gleich die Aussicht nach den Schneebergen des Berneroberlandes, nach der
Euch nun auch schon oft genug genannten Jungfrau, dem Mönch, der Eiger
der Vischer oder Wilscher und den Wetterhörnern (von Westen aus gegangen)
sehr hinter Grau verschleyert war so war doch die Aussicht von
Südsüdost bis Nordost, also zwischen dem Pilatus und der Rigi und
von da bis zum hohen Sentis (im Appenzellerlande?) um so schöner
der verschiedene Stand der Sonne, die verschiedene Lichtbrechung
zeigt die hohen Alpen und Schneeberge immer in neuer Gestalt und so
oft man sie siehet immer zeigen sie Neues. Ihr könnt Euch dieß recht
deutlich vorstellen, denn unsere in ihren Formen und Abwechselungen
so einfachen Hügel und Anhöhen um Keilhau und selbst unser so
einfach geformter Thüringer Wald, welche Abwechselung und Ver-
schiedenheit zeigt er doch in verschiedenen Jahreszeiten bey ver-
schiedenen Lichtbrechungen!- Wie vielmehr also die so wunder-
bar und vielgestaltigen hohen Schweizer Alpen!- Heute zeigte
sich mir der Glärnisch an der Grenze von Schwiz und im Kanton
Glarus (?) in seiner halbmondförmigen Gestalt so schön und
klar wie ich noch nie gesehen hatte. In Südost bemerkte ich eine schnee-
weiße fast senkrechte und wa[a]grechtrückige Bergwand - Ferdi-
nand sagte sie hieße die Scheibe. Ob es uns gleich wegen Verspätung
nicht möglich geworden war bis zur höchsten Höhe zum Kreuz
hinter Oberlehen zu gelangen, so kehrten wir doch befriedigt zu-
rück. Was sagt ihr dazu daß wir in solcher Höhe am 3en Weyh-
nachtsfest Schaafe im Freyen auf der Weide trafen?-
Auf dem Rückweg drängte sich noch der Mond hinter dunkeln Wolken
zur [sc.: zum] freundlichen Gruß und gleichsam zum Dank für seine gestrige
treue Beachtung feuerleuchtend hervor.
Abends nach Tische war zu einer Generalprobe der Glokke von Schiller
und Romberg, welche jetzt eingeübt wird, bestimmt. Vor und nach-
her wurde nach allgemeiner Beystimmung Dudens Reisebericht
vorzulesen begonnen. Wir haben das Buch von dem Vater einer unserer
Zöglinge, dem Schlosser Steiner nebst einer sehr schönen Generalkarte
der vereinigten Nordamerikanischen Staaten und 3 Spezialkarten
sämtlich in Waimar erschienen - bekommen. Dieser Mann beschäftigt sich
viel mit Übersiedelung nach Nordamerika, man sagt er würde sie ernstlich schon /
[6R]
ausgeführt haben wenn ihn nicht die Ausführung der hiesigen Erziehungsanstalt
und die ihm dadurch möglich gewordene Erziehung seiner noch jüngeren
Kinder davon abgehalten hätte. Man sieht dadurch doch daß das Erziehungs
Interesse auch den einfachsten Mann mit unverdorbenen [sc.: unverdorbenem] natürlich[em] Verstande
zu erfassen im Stande ist.-
Dudens Reisebericht ist sehr anziehend geschrieben, bekommt Ihr ihn einmal zu
lesen so zweifle ich nicht er wird Euch ma[n]chen angenehmen Abend ver-
schaffen, wenn es Euch auch garad [sc.:gerade] nicht wie unserm Frankenberg gehen
sollte welcher das Leben lieber gleich in Amerika selbst lebte als uns hier
die Beschreibung davon vorzulesen. Wir sind jedoch in der Beschreibung
erst bis zu Seite 66 vorgeschritten. Ihr werdet Euch vielleicht wundern
warum ich Euch dieß so weitläufig schreibe einmal weil ich denke es
mögte Euch doch lieb seyn zu wissen welcher Gegenstand der Unterhaltung im Kreise
das mehr allgemeine Interesse habe, dann weil ich denke
Barop lieset doch später wohl auch diesen Brief. So wurde der dritte
Festtag verlebt.
Sonnabends trennten die Einzelbeschäftigungen schon wieder mehr. Ich
setzte mich einen Plan zur Ausführung des Armenerziehungswesens in
dem nächst gelegenen bernschen Amte Trachselwald, für unsern
Herrn Pfarrer Stähli in Huttwyl nieder zu schreiben. Huttwyl
liegt nämlich im Amte Trachselwald. Späte Nachmitternacht wurde
ich Sonnabends oder vielmehr schon Sonntags damit fertig; ich war
so eifrig im Beendigen des Ganzen weil ich hoffte {nächsten Sonntag / den morgenden[}]
das Ganze zu überbringen, doch das schlechte
Wetter hielt uns wieder vom Kirchgang zurück.
Die Feyer des Sonntags nach Weyhnachten.- Nach dem Frühstücke
versammelte ich durch unsern Emmerich wie an den Festtagen wie-
der alle zu gemeinsamer Betrachtung in unserer Wohnstube[.]
Durch ein Morgengebet von Witschel hatten wir uns gesammelt zu der Betrach-
tung über Lucas: 2.41. "Wisset Ihr nicht daß ich seyn muß in dem was
meines Vaters ist" die Betrachtung selbst zeigte nun: die Wohnungen
unseres Vaters findet
der Fromme 1. in den Tempeln, die der Gemeinschaft
der Gläubigen gewidmet sind; er findet sie 2. in der stillen Kammer der ein-
samen Andacht, 3) in dem großen Tempel der Natur 4) an jeglichem
Orte wohin sein Beruf ihn fordert und endlich 5 im häuslichen freundschaft-
lichen Kreise. Denn weil der Keim der Unendlichkeit in jeder wahren
Liebe verborgen ist, so ist auch der Unendliche nahe den liebenden Herzen.-
So vorbereitet und mit diesen Gesinnungen begann ich diesen Brief an Euch
in diesen Gesinnungen lebte ich ihn und schrieb ihn an Euch; damit unser Leben obgleich
durch Raumesstrecken getrennt doch im Geiste und durch den Geist ein einziges bleibe
und Ihr so wirklich einige Tage meines hiesigen Lebens mit mir und uns verlebtet.
Heute /
[7]
Es sind dieß überdieß die letzten Tage eines gewiß sehr folgenreichen
Jahres. Heute da ich das Vorstehende niederschrieb ist Mondtag
der 30en des Christmonats schon geht es wieder gegen Mitternacht
denn am Abend las uns Frankenberg wieder aus Dudens Reise-
bericht wo wir bis zu der oben bezeichneten Stelle kamen. Heute
während des Tages hatten wir von 8½ Morgens bis 7 Uhr Abend
vollständigen Unterricht; morgen sogar haben wir wieder eben-
falls von Morgens 8½ Uhr bis 4 Uhr Nachmittags Unterricht. Ihr
sehet daß hier das Leben in mancher Beziehung noch strenger als bey Euch
ist, so hatten wir am Christfestheiligen Abend ebenfalls bis 4 Uhr
Nachmittags vollen Unterricht. Doch Gott sey Dank wir Lehrenden waren wäh[rend]
dieser 3/4 Jahre hier fast durchweg gesund; ich, wenn auch
sehr ermattet doch nie eigentlich krank. Was hätte wohl auch wer-
den sollen wenn Gott mich auf mehrere Tage oder gar Wochen auf
das Krankenbett gelegt hätte?- Nochmals darum: Ihm sey Dank und
Preis daß es nicht geschahe!- Gott sey Preis und Dank! der auch Euch
allen zu Eurem schweren Lebensberufe im Ganzen so viele Gesund-
heit, so viel Körper- und besonders Geisteskraft gab.-
Von dem außerhäuslichen Leben und Stehen kann ich Euch gar nichts
neues sagen; alles steht noch so wie Ihr es aus den jüngsten
Mitteilungen von mir und besonders von Barop kennen werdet.
Nur eine Äußerung ist es, wenige Zeilen sind es, (auch Barop
kennt sie natürlich noch nicht) welche der wohlerfahrene aufrichtige
Schweizer Bote in seiner 52sten No. Donnerstag am 26en Decbr
1833 unter der Überschrift "-Ein Rückblick auf die Begeben-
heiten des Jahres 1833 im eidgenössischen Vaterlande
bey Vorfüh-
rung der Begebenheiten im Christmonat["] enthält, es heißt daselbst

"Luzern's Großer Rath rettet die Glaubensfreyheit
"durch Erhaltung des Fröbelschen Instituts."


Mich dünkt der schönste Denkstein meiner Übersiedelung aus Deutschland
nach der Schweiz, aus Keilhau nach Willisau und der schönste
würdigste Schlußstein meines (seit 1816 9br 13) 17en Erziehungs
Jahres, des Jahres 1833.

---x---

Es ist heut der 31e des Christmonats[.] Es ist des kleinsten Wilhelms
Geburtstag heute. Heute da ich diesen Brief im alten Jahr schließen
muß weil es der letzte Tag des Jahres ist ein Geburtstag, des
Sohnes Geburtstag, wie es ein Geburtstag der Mutter Geburts-
tag war als ich diesen Brief begann. Vielleicht hatte irgend einer
von Euch heute den Gedanken: was mag nur der Oheim und Groß-
Oheim in diesen Tagen der Geburtstagsfeste und besonders am heutigen /
[7R]
gedacht und sich gesagt haben?- Was ich mir gesagt und gedacht habe?-
--- In Beziehung auf den ersten Geburtstag habe ich in vielen
Verzweigungen gedacht und mir gesagt: - Es ist doch ein bitter
schmerzliches Leid daß es bey den bisher und bis jetzt noch bestehenden
Menschenverhältnissen auch den wahrsten einfachsten treusinnigsten
Gemüthern es unüberwindlich schwer erscheint sich gegenseitig klar
und durchsichtig einlebig zu werden und doch würde dadurch die Tren-
nung vom Jenseits und Dießseits aufgehoben und der unvertilgba-
re Friede zur Erde kommen.--- In Beziehung auf den zwey[-]
ten und heutigen Geburtstag habe ich gedacht und mir gesagt: -
Möchte das Leben dessen Verwirklichung ich so lange ich denken kann
anstrebe, entgegen arbeite und mit den größten freywilligen
Opfern zu {erkämpfen / erringen} strebe, möchte dieß Leben dem kleinsten
Wilhelm ein wirkliches möchte es sein Leben werden,
Möchte der Himmel welcher in meinem Gemüthe lebt es erfüllt, ihm
ein umgebender, umfließender umlebender werden.- Würden
sich ihm in seinem einstigen Leben, wo ich längst gestorben seyn werde
dazu die entsprechenden Verhältnisse zeigen, so wünschte ich
wohl wieder aus dem Schlafe aufstehen können, um ihn [sc.:ihm] zu[r] Ver-
wirklichung dieses Lebens in Liebe und Treue zu dienen, denn
auch bey den denkbarst glücklichst[en] Menschlichen Verhältnissen, kann
jenes Leben nur in der herzinnigsten Hand und Lebensreichung erreicht
werden! Das habe ich gedacht und mir gesagt, und noch habe ich ge-
dacht und mir gesagt daß dem jungen rüstigen Erdenbürger
dadurch daß sein Geburts- und erster Lebenstag gerad mit dem
letzten dem Sterbetag des Jahres in Eins zusammenfällt - für
sein ganzes Leben ein wichtiger Denk- und Merkstein gegeben
ist welcher ausspricht: Leben und Tod ist unzertrennlich; der Augen-
blick des Todes ist ein Augenblick des Lebens, und jeder Augenblick
jedes Aufblicken eines neuen Lebens leuchtet einen Sterbeblick ins
Grab, also nur Leben, welches Leben kann den Tod besiegen
nur ewiges Leben kann ewig den Tod besiegen. Und eben daß
der Mensch stirbt ist darum der Beweis daß er wahrhaft lebt.
Dieser Merk- und Denkstein wird den künftigen Jüngling und Mann
weise machen; das habe ich gedacht und mir gesagt.-
Es schlägt 12 Uhr Mitternacht das alte Jahr ist gestorben; das
neue ist geboren, mögen darum beydes Jahre ächten unver-
gänglichen Lebens seyn!!!---
Ein Glück- und Seegensreiches Jahr Euch allen, uns allen!-
1834. /

[8]
Der Neujahrstag

wie er von uns hier in Willisau verlebt worden ist, werdet
Ihr gewiß vernehmen wollen, Hier habt Ihr eine Skizze desselben[.]-
Der gewaltige Sturm welcher nun seit fast Monaten abwechselnd
Regen hier, wie gewiß auch bey Euch geherrscht hat, besonders wäh-
rend der Nacht und am Morgen hielt uns heute abermals ab die
Kirche in Hutwyl zu besuchen. Es gieng, wie des Sonntags gewöhnl[ich]
später zum Frühstück, was mir sehr lieb ist, weil ich gern am Sonntag
Morgen meiner stillen ganz ungestörten Sammlung lebe. Unsre ka-
tholischen Hausgenossen frühstücken schon früher weil sie ziemlich frühe
zur Kirche und Messe gehen. Ehe wir uns heute zur gemeinsamen Betrach-
tung sammeln konnten war jedoch die Stadtkirche schon zu Ende ein benachbarter
der Anstalt wohlgesinnter Müller besuchte uns, und katholische Hausgenossen
waren auch zurück gekehrt. Nach Beendigung des Besuches fand sich alles bald zur
Betrachtung zusammen auch der älteste unserer Zöglinge blieb dabey gegenwärtig.
Ich begann mit einem Neujahrsgebet aus dem Witschel, woran sich eine Neujahr-
betrachtung aus [sc.: von] unserm {Witschel / Emmerich} knüpfte Text: 1 Corinther 3,21-23[.] Er zeigte wie
das Loos des ächten Christen, bey dem welcher durch Christus Gottes
geworden ist, und durch diese Vereinigung mit Gott in Jesu Christo das ewige
unwandelbare Leben schon hier in der Zeit empfangen hat. Er ist nicht mehr Skla-
ve der Zeit, sondern die Zeit muß ihm dienen, es ist nach dem Ausdruck
des Apostels, Alles seyn es sey Gegenwärtiges oder Zukünftiges, es sey das Leben
oder der Tod, es ist Alles sey[n], denn die Zeit kann ihm 1) nichts Anders brin-
gen als Seegnungen, sie kann ihm 2) nichts Anders bringen als
Seegnungen was er schon jetzt will, und muß seinen Willen
ins Werk setzen und vollenden; sie kann endlich 3) seinen Frie[-]
den nicht stören, sondern muß nur dazu dienen diesen Frie-
den zu befestigen und zu vermehren. Ungestört war die Betrachtung.
Bis zu Tische und die Stunden nach dem Mittagstisch widmete ich dem
Lesen des Festjahres 1831. Ich stand bey meiner Reise nach Frankfurt den Schwie-
rigkeiten welchen der Hochzeit Emilien u Barops sich entgegengestellt hatten
ich erkannte Mdff [sc.: Middendorffs] dabey ausgesprochenen Lebensansichten wahr und freute
mich daß auch der Erfoll [sc.: Erfolg] sie Gott sey Dank gerechtfertigt hat. Besonders ist es wohl
höchst wichtig den dort wiederkehrenden Satz viel im Leben klar zu machen und
lebenvoll ins Leben einzuführen: daß der Mangel oder vielmehr das Vor-
enthalten äußerer Mittel nicht als eine Weisung der Vorsehung angesehen
werden soll, als die Ausführung des völlig Wahr erkannten ganz unter-
bleiben, sondern vielmehr de zur Mahnung der mangelnden äußern Mittel
gänzlich zu entsagen und die Bedingungen dazu durch innere Kraft zu erringen.-
Zwischen 3 und 4 Uhr begann das sehr lebendige Spiel der Lehrer und vieler gegen[-]
wärtigen Zöglinge woran wie gewöhnlich auch einige andere junge Leute aus dem Städt- /
[8R]
chen Antheil nahmen. Mich fesselte der Duden über Amerika nach dem
Vieruhrbrot. Das gemeinsame Spiel dauerte bis gegen 7 Uhr. Festgaben bildeten
unser sonst einfaches Nachtbrot. Unser Bäcker hatte
nämlich zum Neujahr einen Butter- oder Eierkringel geschickt und die
Tochter des Apothekers, auch eine Pflegetochter hatte Mittags ein Päcklchen Schoko-
lade gebracht; Beydes vereint war nun unser Nachtbrot; es wurde
heute früh eingenommen und bald beendigt, denn schon - füllten sich
die Zimmer wieder von Zöglingen, deren Eltern und Freunden der An-
stalt, es wurde nemlich nachdem die ganze Gesellschaft versammelt
war - Schillers Glocke von Romberg - von den musika-
li[s]chen Gliedern der Anstalt aufgeführt. Nach den musikalischen
Kräften und Anlagen der Ausführenden, nach der Zeit welche zu ihrer
Einübung hatte verwandt werden können, war die Ausführung
recht gelungen und erwarb sich allgemeine Zufriedenheit; man
war erfreut in so kurzer Zeit schon so viel an den Zöglingen und durch
dieselben erreicht zu sehen.- Nun hätte eigentlich Quartettmusik
folgen sollen doch der Violoncellist hatte nicht erscheinen können. Zum
Ersatz spielte Herr Gnüge mit einem seiner Schüler ein Violinduett.
Vorher ließ Ferdinand zweyen seiner Flötenspieler ein Duett blasen
dann ließ er einen seiner Flötenspieler den besten das bekannte Notturno
spielen wozu er die Guittare und Gnüge die Viola spielte. Als dazu die
Vorbereitungen gemacht wurden trat ich zufällig in das Nebenzimmer und
sieh ich sehe einen gedeckten mit sogenannten Kringeln, Käse Brot und Wein
besetzten Tisch. Der Vater mehrerer unserer Zöglinge, auch Vater des Flöten-
spielers, Joseph Wechsler, Mitgründer der Anstalt; hatte alles dieß
zur Erfrischung der Musiker gesandt.- Mit dem Ende der Glocke
waren schon viele der Anwesenden gegangen[.]- Im Ganzen können wohl
alles uns und die Kinder eingeschlossen, über 60 Personen gegenwärtig
gewesen seyn. Nach beendigtem Notturno ging alles, nur die Sänger
und Sängerinnen und einige andere blieben so besonders der schenkende
Vater. Jetzt wurde der besetzte Tisch in die Wohn- ebengewesene
Musikstube getragen die Hausmutter hatte noch Äpfel für die Kinder mit hinzugefügt;
alt und Jung darum geordnet und eine
kleine Singtafel für das Männerchor eingerichtet. Laut erschollen
nun frohe Gesellschaftslieder. Freyheit die ich meine, das schöne Lied
machte einen gewissen Abschluß, denn nun ging alles fort was nicht
zum Haus gehörte. Die singende Hausgenossenschaft setzte sich nun
dichter um die allgemeine Tafel. Ferdinand machte seinen Bas als Gesang
führend geltend, und so rief erst die Mitternacht alle zur Ruhe.-
So feyerten wir hier in Wilisau unser erstes Neujahr gebend und em-
pfangend, geistiges gebend leibliches empfangend.- Ich hatte in der Festzeit
mehrmals daran gedacht, einige Flaschen Wein für die Lehrer kommen zu lassen; doch
[8V]
[Briefschluß am Rand:]
schien mir es der ökonomische Stand nicht zu erlauben, und nun erschien es reichlicher als ich es würde haben geben können.-