Meinen Geliebten in
Keilhau die herzinnigsten Grüße zum 1. heil[igen]
Christfeste,
aus Willisau im Kanton
Luzern am 18n des Christmonats
1833.·.
FriedeFreude!
Das liebe heilige Christfest
nahet,
ist Euch schon genahet, Ihr
seit [sc.: seid] im vollsten reinsten Besitze des hohen stillen
Lebens
wenn Ihr diese Zeilen von mir empfanget; was ist es nun
was
ich zur sinnigen seegensreichen Feyer dieses Eures
Festes hinzu bringe? – Der hohen, in sich und in der
Erdenmitte ruhenden, felsenbegründeten Berge
der hohen
großartigen Natur, und des stillen
aber gewaltigen, heiligen
GottesGeistes
Gruß, welcher in derselben ewig jung, ewig
schaffend, erhaltend, verjüngend, erneuend lebt;
dieses
Gottes milden, väterlichen Geistes Gruß, bringe
ich Euch wie
schon zweymal so auch in diesem Jahre wieder
zu des ewig jungen,
ewig schaffenden, erhaltenden, verjüngenden alles erneuenden lieben
heiligen Christfestes Gruß. Die Rigi, mit all dem herrlichen und
sinnigen welches sie in
sich birgt, ist ihren großartigen
Bruder, den Felsenberg, treu in Auge wie treu zur Seite
wieder wie früher die Bothin und Gesandtin dieser
Grüße.
Doch noch ein anderer Grüße und Leben bringender
Gesandte ist an Euch abgegangen und die bestimmte
Nachricht
davon wird Euch allen und allen Groß und Klein, Alt und Jung, redend
und lallend
der lieblichste schönste Fest- und Weihnachtsgruß
seyn. Euer und unser aller
J.A.
Barop ist gestern Morgens nach 9 Uhr wirklich aus
Willisau ab[-]; und Euch entgegen gereiset.
Ein Vater und ein
Oheim zweyer uns lieben Zöglinge, der
Doktor J. Barth Mitbegründer der hiesigen
Anstalt und dessen Bruder der hiesige Postmeister haben ihn in
einem Wägly bis nahe
Aar-
burg, also
wohl etwas weiter als von Keilhau bis Arnstadt begleitet, und daß er
von dort
seinen Weg fröhlich weiter fortgesetzt habe ich heute
vernommen.
Allein auch noch einen freundlichen Weyhnachtsgruß
sende ich Euch hier, wenn Ihr in der Form
den Geist und durch
die Rinde das Leben wahrnehmen wollt; es ist die Abschrift zweyer
un-
scheinbarer Briefe oder Schreiben, erstl.[ich] eines des
Erziehungsdepartements der Rep. Bern
dann ein dasselbe an mich
begleitender Brief unseres Herrn
Pfarrer Stähli von ächtem
Stahl.
Diese Briefe machen eigentlich den Schlußstein, die
Grenze, das heißt den Abschließungs- wie
Fortentwickelungspunkt alles dessen aus was ich
Euch in den jüngsten Tagen zu freundlichen
Festgrüßen, wenn auch
mit Schwarz auf Weiß gesandt habe und Ihr nun schon erhalten
haben, ja Euch vielleicht schon
damit bekannt gemacht haben werdet.
Ohne jetzt die geringste
Zeit zu haben, darauf auch nur etwas eingehen zu können sage ich Euch
allen und allen blos: Ihr werdet nun einsehen daß Barop’s
Sendung von Euch hierher völlig /
[1R]
in sich und
äußerlich abgeschlossen und wahrhaft vollendet war und ist; wie eine
reife Frucht
ist er von hier abgefallen oder wenn Euch dieß Bild
nicht recht, sondern ein anderes lieber ist,
da die Sache ja
in sich immer die bleibt die sie ist: - wie
eine bey leiser Berührung leicht in
die Hände gefallene frische,
volle, gesunde schönfarbige Frucht – wie mir dieß zum öfteren
bey denen Euch im vorigen Jahre mitgebrachten rosigen
Pfirsischen [sc.: Pfirsichen] begegnet ist – nimmt
er das
hiesige Leben mit sich und überbringt er es Euch, oder da Ihr es
schon besitzet, deutet
er es Euch als die volle Frucht seiner
Sendung von Euch hierher. – Ich habe ihn darum so ruhig
ziehen
lassen, als ich ihn wohl sonst nach Luzern oder selbst nur zu
Spaziergängen aus-
wandern sahe, ob es gleich jetzt sehr wohl
möglich wäre, daß wir uns im Leben nie per-
sönlich wieder sehen,
und doch hatte ich am Tage seiner Abreise ihm nichts mehr zu sagen
als:
“Du hast, Du trägst den Lohn Deines
Handelns in Dir; grüße Deine Frau Deinen Sohn, grüße alle.”
Durchs Wort und im Worte hätte ich noch hinzufügen können was
ich dachte und empfand: - Deine
Kinder und Kindeskinder u.s.w.
werden Dir diesen Lohn mannigfach gestaltet wie schöne duftige
Blumen ewig jung im Leben entgegen bringen.
Wenn Euch
nun
Barop das Leben so als eine
reife Frucht seiner Sendung vorführt, dann
vergeßt aber auch ja
nicht, darum bitte
ich Euch - Euch ins
Gedächtniß zurück zurufen mit
welcher Mühe, Gewalt mit welchem
Ernste ja Strenge ich Euch die Pflege des schweizerischen
Leben[s] (so will ich es wegen seiner
nächsten Erscheinung nennen) zur Pflicht machen
ja von Euch fordern
mußte. Ohne einen Mißlaut in die ruhige
Feyer des die Erde und den Himmel verknüpfen[den] Einklangs
zu
bringen so bitte ich Euch doch um der Folgen willen endlich wohl zu
beachten, daß unter
und hinter der Mühe, Gewalt, wie unter dem
Ernste ja der Strenge, wie unter der Muße
der freyen
Lebenspflege, der Liebe wie der Treue des ächten Mannes und Menschen
mehr als persön-
liche Willkühr, eigennützige Selbstsüchteley und
Lebensspielerey enthalten ist. Laßt Euch nun
das Leben in seiner
neuen Gestalt lehren d.h. in
der Gestalt,
wo es nun endlich durch sich
spricht,
selbst Sprache zur Rede gewonnen hat,
meiner Rede u Sprache nicht mehr bedarf. – Vergeßt
am hohen Christfest der hohen Lehre desselben nicht: - nur für
diese Güter die wir von andern
empfangen danken wir ihnen – die
wir von ihnen nicht erkämpfen erringen müssen,
die eine liebe
freye Gabe von ihnen sind - die andern machen uns sogar wenn wir sie
nöthig
haben, keine Freude, und lieber entbehrten wir sie, als
daß wir sie besitzen müssen. Was ist die
Allgewalt der Religion
Jesu? – Fragt Euch was ist sie? – Das[s] alles darinne eine freye
Gabe ist!!! – Aber mich, auch wollten darinn weder meine
Freunde, noch meine Familie,
noch mein Geschlecht, mein Volk,
noch meine Zeit verstehen! - Doch nun Stille, Ruhe Friede
es
war, es ist natürlich: - solche Menschen, solche Wesen, die so geben
sind sellten [sc.: selten], wie sollten
sie darum bald und
leicht verstanden werden, und – wenn Ihr dieses Blatt erhaltet feiern
wir alle
einsinnig das
liebe heilige Christfest! -
[2]
Willisau am 18en
Christmonats 1833.
Zu bemerken müßte ich bey der
heutigen Sendung nicht viel.
1. Erschienen ist in öffentlichen
Blättern weiter nichts als eine Erwähnung
des Ganzen nun auch in
dem vielgelesenen und weitverbreiteten, auf-
richtigen und
wohlerfahrenen Schweizerboten (Aarau von
Zschokke)
Im wesentlichen
enthält dieser Aufsatz nichts neues, doch ist die Auffassung
eigenthümlich und wohl auch anziehend, spätestens wird Euch
Barop welcher ein Blatt
davon mitgenommen hat Euch die Sache selbst mittheilen.
Auch
durch die Aufnahme und Verbreitung der Sache in diesem und durch
dieses Blatt würde das Ganze zu Barops Abreise noch mehr und
für die Schweizerische Öffentlichkeit völlig abgerundet,
abgeschlossen.
2. Zu den Euch im Vorigen gegebenen Notizzen
über den Gebrauch
der Euch zugesandten nun wohl bey Euch schon
eingegangen[en] Schriften
bemerke ich noch
a) Ist der Brief
an die Mutter nach Berlin noch nicht abgegangen, so
bemerkt
darinn, daß sie die Druckschriften auch HE.
Blumberg mittheilen mögte.
Auch die übrigen beyliegenden Packete bitte Ihr die liebe Mutter
zu besorgen.
b. Könntet Ihr dem HE.
Leibmedicus Hohnbaum ein Ex: der Schriften, auch
der Grundzüge überschicken so wäre es wohl gut; ich wollte zu
diesem Zwecke
ein Paar Zeilen von mir beylegen kann aber keine
Zeit dazu gewinnen.
c. Habe ich Herrn v.
Wedemeyer und so von Bischofshausen schon in
meinen
frühern [Briefen] erwähnt? – (: Unserm
Frankenberg und seiner Familie
sind auch diese
Familien nicht unbekannt :).
d. Theilt Ihr
Euch wohl noch an
Wetzstein und durch diesen an W. Bock in
Schwein-
furt mit? - Auch an letzteren
wollte ich Briefe an Euch einlegen allein
es geht mir wie mit
Hohnbaum.
e. Vergeßt doch unsern, uns
sonst in den Festzeiten so viel gebenden
Herrn Pfarrer <
Buderstadt> in <Cahla> nicht; nebst
herzl[ichen] Grüßen von mir!
3.
Frankenbergs Schwester Luise hat ihm wieder geantwortet, /
[2R]
und es hat große Wahrscheinlichkeit daß sie hierher
kommen und vielleicht
schon in den ersten Monaten des kommenden
Jahres von ihrem ältesten
Bruder hierher begleitet wird. –
Barop wird über
Eddigehausen reisen,
HErr
Schäffer wird, wenn es noch
nicht geschehen ist, auch in der
nächsten Zeit Euch in Keilhau
besuchen. Sein Herz hängt an einer
Pfarrey und zwar einer in
Goslar, welches seine Vaterstadt ist, wie
er sich sagt aus
Vaterlands- und Familienliebe; ich bitte ihn sehr
ruhig aber klar und fest doch sanft zu
behandeln, was er sich vielseitig
schmerzlich gedrückt fühlend,
wohl bedarf.
4). Auch der Maler Brauer aus Cassel hat geschrieben; daß auch der
hier
her käme wäre möglich, doch wird auch er erst Keilhau
besuchen.
Vielleicht macht er die Reise zugleich mit
Frankenbergs. - Barop wird
Euch in alle diese Verhältnisse,
welche er auf seiner jetzigen Reise persön-
lich kennen zu lernen
Gelegenheit haben wird einführen.
5).
Luise Hermann welche schon
Weyhnachten von hier auszutreten gedachte
ist noch immer hier.
Sie scheint sehr schwierig nun ein Unterkommen finden
zu können;
als sie dieß meiner Frau gestand sagte ihr diese blos: Darum
müsse man das Leben zur rechten Zeit beachten
und wahren. –
Doch hat Luise sonst was auch meine Frau gern
anerkennt sehr viel gute
Seiten für das Leben, nur ist sie nicht
für uns, da ihre Lebensansicht
die sie
früher wohl empfangen hat, zu äußerlich und leicht ist. -
Für engere kleine-
re, oder auch wohl größere Verhältnisse aber
weniger führend, weniger vertre-
tend, als dieß hier bey uns seyn
muß, könnte sie wohl sehr tüchtig seyn.
6. Ist Titus Flöte
noch nicht abgeschickt, so wünscht er daß sie zurückbleibe.
7.
Von der
Mutter hier tausend Grüße und sie
könnte nicht zum Schreiben
kommen; sie ist eben mit der Wäsche
beschäftigt. Dem Christianfriedrich
hat sie wollene Strümpfe zum
Christfest gestrickt; leider! wurden sie
bey dem letzten Packet
in der Eile vergessen; so mangelte mir die Zeit
eine kleine
Festgabe, ein Gegenstück zu dem im vorigen Jahre <zu> /
[3]
Weihnacht einpacken zu
können, so mußte auch dieß Blatt [1-1R] zurücke blei-
ben und so erhaltet
Ihr denn eigentlich gar keine Festgaben von
mir. Einen Festbrief
wollte ich Euch allen schreiben, schon stand er
schön und klar
in meiner Seele, aber auch ihn klar und lebenvoll
zu Papier zu
bringen dazu sahe ich weder Zeit noch Gunst der ge-
sammelten
Seelenfreyheit voraus. Bey Übersendung der letzten
Druck[-]
sachen und der späteren Briefe konnte ich nicht einmal
bemerken, daß
die beyden Schriftchen über Volkserziehung von
Girard Dir Langethal und Dir
Middendorff eine kleine Weihnachtsgabe von mir seyn sollte[n].
Das 3
e war Barops Geburtstagsbüchlein; das
4
e besitze ich selbst noch. Mit
den kleinen
Schriftchen mit dem aufgeschlagenen Bibelbuch hatte ich erst
man-
cherley Gedanken doch schienen sie mir ohne deutendes Wort
später dazu nicht dazu geeignet
vielleicht findet ihr sie für
Chrstfr. [Christian-Friedrich] Wilhelm oder selbst Johannes passend;
doch bleibt Euch der Gebrauch gänzlich überlassen.
Hier
wird dieß Jahr noch gar kein ChristAbend oder Christmorgen
oder
Christtag gefeyert; das größte Geschenk was ich meiner Frau
geben konnte war daß ich mit ihr nach der 3 Stunden weit
entfernten
Kirche fahren konnte. -
Zum Schlusse nun noch
Euch allen und jedem einzelnen namentlich meinen
so wahren als
innigen, lebendigen und bleibenden Dank für alle Eure
Liebe und
Treu, Eure Hingabe und Eure Ausdauer mit welcher Ihr
das
gemeinsame Werk im nun bald abgelaufenen Jahre gefördert
für die
Liebe Treue, Hingabe und Ausdauer die Ihr dadurch mir
bewiesen
habt. Mehr kann ich nicht sagen als dieser lebendig und tief
von
mir empfundene Dank möge Euch aus Euern innern und äu-
ßern Leben
vielgestaltig aber immer lieblich und jung entgegen
blühen. Im
Alten Jahre werde ich wohl schwerlich wieder bey Euch
einsprechen. Gott seegne Euch noch das alte Jahr, seegne es Euch
in alle Zukunft und leite Euch väterlich liebend ins neue. Gott
walte im neuen wie im alten Jahr über Euch und mich über
uns.