Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an >Keilhauer Gemeinschaft< v. 18.12.1833 (Willisau)


F. an >Keilhauer Gemeinschaft< v. 18.12.1833 (Willisau)
(KN 46,9, Brieforiginal 1 Bl 8° 2 S./1 B 4° 3 S. Briefkopf mit Stadt Luzern und Umgebung. Der zweite, ebenfalls auf 18.12. datierte Briefteil 2V-3V ist größtenteils erst nach den Festtagen geschrieben und zusammen mit dem ersten Briefteil abgeschickt worden.)

Meinen Geliebten in Keilhau die herzinnigsten Grüße zum 1. heil[igen] Christfeste,
aus Willisau im Kanton Luzern am 18n des Christmonats 1833.·.

FriedeFreude!
Das liebe heilige Christfest nahet,

ist Euch schon genahet, Ihr seit [sc.: seid] im vollsten reinsten Besitze des hohen stillen Lebens
wenn Ihr diese Zeilen von mir empfanget; was ist es nun was
ich zur sinnigen seegensreichen Feyer dieses Eures
Festes hinzu bringe? – Der hohen, in sich und in der
Erdenmitte ruhenden, felsenbegründeten Berge
der hohen großartigen Natur, und des stillen
aber gewaltigen, heiligen GottesGeistes
Gruß, welcher in derselben ewig jung, ewig
schaffend, erhaltend, verjüngend, erneuend lebt;
dieses Gottes milden, väterlichen Geistes Gruß, bringe
ich Euch wie schon zweymal so auch in diesem Jahre wieder
zu des ewig jungen, ewig schaffenden, erhaltenden, verjüngenden alles erneuenden lieben
heiligen Christfestes Gruß. Die Rigi, mit all dem herrlichen und sinnigen welches sie in
sich birgt, ist ihren großartigen Bruder, den Felsenberg, treu in Auge wie treu zur Seite
wieder wie früher die Bothin und Gesandtin dieser Grüße.
Doch noch ein anderer Grüße und Leben bringender Gesandte ist an Euch abgegangen und die bestimmte
Nachricht davon wird Euch allen und allen Groß und Klein, Alt und Jung, redend und lallend
der lieblichste schönste Fest- und Weihnachtsgruß seyn. Euer und unser aller J.A. Barop
ist gestern Morgens nach 9 Uhr wirklich aus Willisau ab[-]; und Euch entgegen gereiset.
Ein Vater und ein Oheim zweyer uns lieben Zöglinge, der Doktor J. Barth Mitbegründer der hiesigen
Anstalt und dessen Bruder der hiesige Postmeister haben ihn in einem Wägly bis nahe Aar-
burg
, also wohl etwas weiter als von Keilhau bis Arnstadt begleitet, und daß er von dort
seinen Weg fröhlich weiter fortgesetzt habe ich heute vernommen.
Allein auch noch einen freundlichen Weyhnachtsgruß sende ich Euch hier, wenn Ihr in der Form
den Geist und durch die Rinde das Leben wahrnehmen wollt; es ist die Abschrift zweyer un-
scheinbarer Briefe oder Schreiben, erstl.[ich] eines des Erziehungsdepartements der Rep. Bern
dann ein dasselbe an mich begleitender Brief unseres Herrn Pfarrer Stähli von ächtem Stahl.
Diese Briefe machen eigentlich den Schlußstein, die Grenze, das heißt den Abschließungs- wie Fortentwickelungspunkt alles dessen aus was ich Euch in den jüngsten Tagen zu freundlichen
Festgrüßen, wenn auch mit Schwarz auf Weiß gesandt habe und Ihr nun schon erhalten
haben, ja Euch vielleicht schon damit bekannt gemacht haben werdet.
Ohne jetzt die geringste Zeit zu haben, darauf auch nur etwas eingehen zu können sage ich Euch
allen und allen blos: Ihr werdet nun einsehen daß Barop’s Sendung von Euch hierher völlig /
[1R]
in sich und äußerlich abgeschlossen und wahrhaft vollendet war und ist; wie eine reife Frucht
ist er von hier abgefallen oder wenn Euch dieß Bild nicht recht, sondern ein anderes lieber ist,
da die Sache ja in sich immer die bleibt die sie ist: - wie eine bey leiser Berührung leicht in
die Hände gefallene frische, volle, gesunde schönfarbige Frucht – wie mir dieß zum öfteren
bey denen Euch im vorigen Jahre mitgebrachten rosigen Pfirsischen [sc.: Pfirsichen] begegnet ist – nimmt
er das hiesige Leben mit sich und überbringt er es Euch, oder da Ihr es schon besitzet, deutet
er es Euch als die volle Frucht seiner Sendung von Euch hierher. – Ich habe ihn darum so ruhig
ziehen lassen, als ich ihn wohl sonst nach Luzern oder selbst nur zu Spaziergängen aus-
wandern sahe, ob es gleich jetzt sehr wohl möglich wäre, daß wir uns im Leben nie per-
sönlich wieder sehen, und doch hatte ich am Tage seiner Abreise ihm nichts mehr zu sagen als:
“Du hast, Du trägst den Lohn Deines Handelns in Dir; grüße Deine Frau Deinen Sohn, grüße alle.”
Durchs Wort und im Worte hätte ich noch hinzufügen können was ich dachte und empfand: - Deine
Kinder und Kindeskinder u.s.w. werden Dir diesen Lohn mannigfach gestaltet wie schöne duftige
Blumen ewig jung im Leben entgegen bringen.
Wenn Euch nun Barop das Leben so als eine reife Frucht seiner Sendung vorführt, dann
vergeßt aber auch ja nicht, darum bitte ich Euch - Euch ins Gedächtniß zurück zurufen mit
welcher Mühe, Gewalt mit welchem Ernste ja Strenge ich Euch die Pflege des schweizerischen
Leben[s] (so will ich es wegen seiner nächsten Erscheinung nennen) zur Pflicht machen ja von Euch fordern
mußte. Ohne einen Mißlaut in die ruhige Feyer des die Erde und den Himmel verknüpfen[den] Einklangs
zu bringen so bitte ich Euch doch um der Folgen willen endlich wohl zu beachten, daß unter
und hinter der Mühe, Gewalt, wie unter dem Ernste ja der Strenge, wie unter der Muße
der freyen Lebenspflege, der Liebe wie der Treue des ächten Mannes und Menschen mehr als persön-
liche Willkühr, eigennützige Selbstsüchteley und Lebensspielerey enthalten ist. Laßt Euch nun
das Leben in seiner neuen Gestalt lehren d.h. in der Gestalt, wo es nun endlich durch sich
spricht, selbst Sprache zur Rede gewonnen hat, meiner Rede u Sprache nicht mehr bedarf. – Vergeßt
am hohen Christfest der hohen Lehre desselben nicht: - nur für diese Güter die wir von andern
empfangen danken wir ihnen – die wir von ihnen nicht erkämpfen erringen müssen,
die eine liebe freye Gabe von ihnen sind - die andern machen uns sogar wenn wir sie nöthig
haben, keine Freude, und lieber entbehrten wir sie, als daß wir sie besitzen müssen. Was ist die
Allgewalt der Religion Jesu? – Fragt Euch was ist sie? – Das[s] alles darinne eine freye
Gabe ist!!! – Aber mich, auch wollten darinn weder meine Freunde, noch meine Familie,
noch mein Geschlecht, mein Volk, noch meine Zeit verstehen! - Doch nun Stille, Ruhe Friede
es war, es ist natürlich: - solche Menschen, solche Wesen, die so geben sind sellten [sc.: selten], wie sollten
sie darum bald und leicht verstanden werden, und – wenn Ihr dieses Blatt erhaltet feiern wir alle einsinnig
das liebe heilige Christfest! -
           Fr. Fr.

[2]
Willisau am 18en Christmonats 1833.
Zu bemerken müßte ich bey der heutigen Sendung nicht viel.
1. Erschienen ist in öffentlichen Blättern weiter nichts als eine Erwähnung
des Ganzen nun auch in dem vielgelesenen und weitverbreiteten, auf-
richtigen und wohlerfahrenen Schweizerboten (Aarau von Zschokke)
Im wesentlichen enthält dieser Aufsatz nichts neues, doch ist die Auffassung
eigenthümlich und wohl auch anziehend, spätestens wird Euch Barop
welcher ein Blatt davon mitgenommen hat Euch die Sache selbst mittheilen.
Auch durch die Aufnahme und Verbreitung der Sache in diesem und durch
dieses Blatt würde das Ganze zu Barops Abreise noch mehr und
für die Schweizerische Öffentlichkeit völlig abgerundet, abgeschlossen.
2. Zu den Euch im Vorigen gegebenen Notizzen über den Gebrauch
der Euch zugesandten nun wohl bey Euch schon eingegangen[en] Schriften
bemerke ich noch
a) Ist der Brief an die Mutter nach Berlin noch nicht abgegangen, so
bemerkt darinn, daß sie die Druckschriften auch HE. Blumberg mittheilen mögte.
Auch die übrigen beyliegenden Packete bitte Ihr die liebe Mutter zu besorgen.
b. Könntet Ihr dem HE. Leibmedicus Hohnbaum ein Ex: der Schriften, auch
der Grundzüge überschicken so wäre es wohl gut; ich wollte zu diesem Zwecke
ein Paar Zeilen von mir beylegen kann aber keine Zeit dazu gewinnen.
c. Habe ich Herrn v. Wedemeyer und so von Bischofshausen schon in meinen
frühern [Briefen] erwähnt? – (: Unserm Frankenberg und seiner Familie sind auch diese
Familien nicht unbekannt :).
d. Theilt Ihr Euch wohl noch an Wetzstein und durch diesen an W. Bock in Schwein-
furt
mit? - Auch an letzteren wollte ich Briefe an Euch einlegen allein
es geht mir wie mit Hohnbaum.
e. Vergeßt doch unsern, uns sonst in den Festzeiten so viel gebenden
Herrn Pfarrer <Buderstadt> in <Cahla> nicht; nebst herzl[ichen] Grüßen von mir!
3. Frankenbergs Schwester Luise hat ihm wieder geantwortet, /
[2R]
und es hat große Wahrscheinlichkeit daß sie hierher kommen und vielleicht
schon in den ersten Monaten des kommenden Jahres von ihrem ältesten
Bruder hierher begleitet wird. – Barop wird über Eddigehausen reisen,
HErr Schäffer wird, wenn es noch nicht geschehen ist, auch in der
nächsten Zeit Euch in Keilhau besuchen. Sein Herz hängt an einer
Pfarrey und zwar einer in Goslar, welches seine Vaterstadt ist, wie
er sich sagt aus Vaterlands- und Familienliebe; ich bitte ihn sehr
ruhig aber klar und fest doch sanft zu behandeln, was er sich vielseitig
schmerzlich gedrückt fühlend, wohl bedarf.
4). Auch der Maler Brauer aus Cassel hat geschrieben; daß auch der hier
her käme wäre möglich, doch wird auch er erst Keilhau besuchen.
Vielleicht macht er die Reise zugleich mit Frankenbergs. - Barop wird
Euch in alle diese Verhältnisse, welche er auf seiner jetzigen Reise persön-
lich kennen zu lernen Gelegenheit haben wird einführen.
5). Luise Hermann welche schon Weyhnachten von hier auszutreten gedachte
ist noch immer hier. Sie scheint sehr schwierig nun ein Unterkommen finden
zu können; als sie dieß meiner Frau gestand sagte ihr diese blos: Darum
müsse man das Leben zur rechten Zeit beachten und wahren. –
Doch hat Luise sonst was auch meine Frau gern anerkennt sehr viel gute
Seiten für das Leben, nur ist sie nicht für uns, da ihre Lebensansicht die sie
früher wohl empfangen hat
, zu äußerlich und leicht ist. - Für engere kleine-
re, oder auch wohl größere Verhältnisse aber weniger führend, weniger vertre-
tend, als dieß hier bey uns seyn muß, könnte sie wohl sehr tüchtig seyn.
6. Ist Titus Flöte noch nicht abgeschickt, so wünscht er daß sie zurückbleibe.
7. Von der Mutter hier tausend Grüße und sie könnte nicht zum Schreiben
kommen; sie ist eben mit der Wäsche beschäftigt. Dem Christianfriedrich
hat sie wollene Strümpfe zum Christfest gestrickt; leider! wurden sie
bey dem letzten Packet in der Eile vergessen; so mangelte mir die Zeit
eine kleine Festgabe, ein Gegenstück zu dem im vorigen Jahre <zu> /
[3]
Weihnacht
einpacken zu können, so mußte auch dieß Blatt [1-1R] zurücke blei-
ben und so erhaltet Ihr denn eigentlich gar keine Festgaben von
mir. Einen Festbrief wollte ich Euch allen schreiben, schon stand er
schön und klar in meiner Seele, aber auch ihn klar und lebenvoll
zu Papier zu bringen dazu sahe ich weder Zeit noch Gunst der ge-
sammelten Seelenfreyheit voraus. Bey Übersendung der letzten Druck[-]
sachen und der späteren Briefe konnte ich nicht einmal bemerken, daß
die beyden Schriftchen über Volkserziehung von Girard Dir Langethal und Dir
Middendorff eine kleine Weihnachtsgabe von mir seyn sollte[n]. Das 3e
war Barops Geburtstagsbüchlein; das 4e besitze ich selbst noch. Mit
den kleinen Schriftchen mit dem aufgeschlagenen Bibelbuch hatte ich erst man-
cherley Gedanken doch schienen sie mir ohne deutendes Wort später dazu nicht dazu geeignet
vielleicht findet ihr sie für Chrstfr. [Christian-Friedrich] Wilhelm oder selbst Johannes passend;
doch bleibt Euch der Gebrauch gänzlich überlassen.
Hier wird dieß Jahr noch gar kein ChristAbend oder Christmorgen
oder Christtag gefeyert; das größte Geschenk was ich meiner Frau
geben konnte war daß ich mit ihr nach der 3 Stunden weit entfernten
Kirche fahren konnte. -
Zum Schlusse nun noch Euch allen und jedem einzelnen namentlich meinen
so wahren als innigen, lebendigen und bleibenden Dank für alle Eure
Liebe und Treu, Eure Hingabe und Eure Ausdauer mit welcher Ihr
das gemeinsame Werk im nun bald abgelaufenen Jahre gefördert
für die Liebe Treue, Hingabe und Ausdauer die Ihr dadurch mir
bewiesen habt. Mehr kann ich nicht sagen als dieser lebendig und tief
von mir empfundene Dank möge Euch aus Euern innern und äu-
ßern Leben vielgestaltig aber immer lieblich und jung entgegen
blühen. Im Alten Jahre werde ich wohl schwerlich wieder bey Euch
einsprechen. Gott seegne Euch noch das alte Jahr, seegne es Euch
in alle Zukunft und leite Euch väterlich liebend ins neue. Gott
walte im neuen wie im alten Jahr über Euch und mich über uns.
Euer FriedrichFröbel