Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop in Willisau v.25.4./28.4.1833 (Ulm)


F. an Johannes Arnold Barop in Willisau v.25.4./28.4.1833 (Ulm)
(KN 45,7, Brieforiginal 1 B 4° 2 ½ S. Der Mittelteil des dreiteiligen Briefs
ist von Wilhelmine F. geschrieben.)

Ulm, Donnerstag am 25ten April 1833


Gott zum Gruß,
Lieber Barop!

Gestern Abend sind wir Gott sei Dank! nach 6tägiger Reise so gut als es unter den
körperlichen Umständen der treuen Frau möglich war hier angekommen; damit die Reise die-
selbe jedoch nicht zu stark angreife, werden wir heute hier Rasttag halten, ich hoffe dann
in zwei Tagen, also Sonnabends Abend in Schaffhausen einzutreffen und dann wie ich
glaube Montags Abend oder Dienstags Vormittags in Willisau anzukommen. Über Zürich werde
ich nicht gehen, sondern ich hoffe daß ich einen näheren Weg über Zurzach gehen kann. Über
Aarau werde ich dann jeden Falls wohl kommen; ob aber weiter über Sursee oder
Zofingen nach Willisau weiß ich noch nicht; über alles dieß hoffe ich in Schaff-
hausen und Aarau Auskunft zu erhalten. Ich dächte man müßte in 1 ½ Tag über Zurzach
nach Willisau kommen, doch wird uns wohl der Rheinfall ½ Tag nehmen, so daß wir
wohl zwey Tage bis Willisau nöthig haben werden; freylich wünschte ich nicht gern
zu spät Abends anzukommen. Das Bette für mich und meine Frau, und das Bett für Ludo-
wika bringen wir sogleich mit jedoch ohne Matrazzen. Für Gläser, Tassen,
Teller und Leuchter usw. wirst Du wohl einstweilen Sorge tragen. Messer Gabel
Löffel bringen wir auch mit. Da die alten und neuen Lebenserfahrungen uns sehr
zu beachtende Lehren geben auch das Leben überhaupt jetzt eine wundersame Ge-
stalt zu gewinnen beginnt, so wird unsere treu sorgende Mutter noch einen
besonderen Wunsch an Dich und an die jetzt mit Dir in Willisau schon Vereinten
aussprechen welchen ich wie nun einmal das wirkliche Leben vor mir liegt und
um uns nicht in ein neues Labyrinth zu verstricken u.s.w. nicht anders als
billigen kann. Wir müssen bedenken daß wir nur sehr wenige sind die uns ganz verstehen
und die wir uns gegenseitig ganz auf uns verlassen können. Von andern dieß reine Verständniß
unserer zu fordern ist – zu viel gefordert. Mündlich bald mehr von Euren treusorgenden FrFr.
Ferdinanden – Langguth – Gnüge u.s.w. meinen, unsern herzlichen Gruß. -

[Wilhelmine Fröbel:]
Meine herzlich lieben jungen Freunde Langgut Gnüge und unser
treuer Neffe Ferdinand!

Daß ich jetzt schon des Pflegvaters und Oheims Worte ehe ich Euch
noch selbst so glücklich bin wieder zu sehen –einige hinzufüge,
geschiehet um einer Bitte willen, die ich nach meiner Überzeugung
nothwendig an Euch voran schicken muß, und die Ihr mir gewiß aus
eben so reinem vertrauensvollen Herzen als ich sie an Euch thue -
nicht verargen werdet. Hinlänglich genug hat der Vater uns alle schon
in Keilhau auf den großen Gegensatz des Lebens der uns in Beziehung
auf unser bisheriges unbefangenes Leben in K. dort in W. erwartet auf-
merksam gemacht – und so muß ich die sorgliche Mutter in dieser Be-
ziehung hinsichts meiner Tochter auch eine Bitte an Euch thun, die
ich vielleicht dort, wo ein so reines Familien-Leben uns alle von
allen Seiten schützend umgab nie nöthig gehabt hätte an Euch zu thun.
Bei der Verständigkeit und Gediegenheit Eures Characters und der
Reinheit Eures sittlichen Strebens weiß ich zu wohl daß ich hinsichtlich
des Umgangs mit den Töchtern Edelsinn, Vorsicht und Behutsamkeit
überhaupt völlig von Euch versichert bin – Aber oft ist es gerade der
arglosere und edelere Mensch der bei Beobachtung der äußeren Formen
und Verhältniß gerade im Bewußtsein seiner Reinheit sich nicht so
streng beachtet oder gebunden glaubt – und hier ist es wo ich Euch
herzlich bitten muß gleich von Anbeginn unsers Eintritts an die
möglichste Vorsicht zu brauchen – ohne dadurch im geringsten der
Unbefangenheit der Jugend nachtheilig werden zu wollen mit der sie recht
wohl bestehen kann. So muß ich Euch zum Beispiel bitten gleich von
Haus ein das gewohnte vertrauliche Du gegen Ludowika einzustellen,
die jetzt ein[e] in ihr 15. Jahr gehende Tochter ist, unnatürlich wäre
es wollte ich das bei Kindern unter 14 Jahren die uns etwa anver-
traut wurden verlangen – aber die aufblühende Jungfrau ist einer
Sinnpflanze zu vergleichen die weder innerlich noch äußerlich zu oft
und zu stark berührt werden darf – soll sie anders glücklich gedeihen,
milden Ernst – ernste Freundlichkeit – der in jedem Augenblick be-
reit das Höhere ruhig bildend in ihm zu pflegen bereit ist – ist was
das reine weibliche Gemüth in diesem Alter bedarf – und über alles
dankbar anerkennend aufnimmt – u. zu dieser reinen Kindes[-] u. Men-
schenpflege – die vor allem zum höchsten Beruf das Weibs Herz vor-
bereiten soll – haben wir uns ja denke [ich] so innig als treu verbunden.

[Friedrich Fröbel]
Sonntag am 28. April. Glücklich sind wir Gott sey Dank! hier in Schaffhausen
angekommen. Leider war in Ulm es zur Post zu spät, ob Du nun diesen
Brief vor unserer Ankunft noch bekommen wirst weiß ich auch nicht. –
Eben so wenig weiß ich bis in diesem Augenblick noch welchen Weg wir
von hieraus nehmen werden; wie es jetzt scheint werden wir über
Aarau gehen. Welchen Weg aber weiter von dort kannst Du wohl besser
als ich bestimmen. Ich meyne fast am besten durch das Thal der Sur nach
Sursee. In einer Stunde also gegen 10 Uhr hoffe ich von hier abzufahren,
im Vorbeifahren den Rheinfall zu sehen und so heute noch bis Zurzach
oder Breul zu kommen; so können wir vielleicht morgen zur rechten
Zeit nach Sursee in die Sonne, dort könnte ich vielleicht Dich Barop
oder Ferdinand treffen; sonst ist mein Vorsatz gleich auf das Schloß zu
fahren. Nun Gott befohlen bis auf baldiges freudiges Wiedersehen
die herzlichsten Grüße von uns allen an Euch alle.