Ulm, Donnerstag am 25ten April
1833
Gott zum
Gruß,
Lieber Barop!
Gestern Abend sind
wir Gott sei Dank! nach 6tägiger Reise so gut als es unter den
körperlichen Umständen der treuen Frau möglich war hier
angekommen; damit die Reise die-
selbe jedoch nicht zu stark
angreife, werden wir heute hier Rasttag halten, ich hoffe dann
in zwei Tagen, also Sonnabends Abend in Schaffhausen
einzutreffen und dann wie ich
glaube Montags Abend oder
Dienstags Vormittags in Willisau anzukommen. Über Zürich werde
ich nicht gehen, sondern ich hoffe daß ich einen näheren Weg
über Zurzach gehen kann. Über
Aarau werde ich dann jeden Falls
wohl kommen; ob aber weiter über Sursee oder
Zofingen nach
Willisau weiß ich noch nicht; über alles dieß hoffe ich in
Schaff-
hausen und Aarau Auskunft zu erhalten. Ich dächte man
müßte in 1 ½ Tag über Zurzach
nach Willisau kommen, doch wird
uns wohl der Rheinfall ½ Tag nehmen, so daß wir
wohl zwey Tage
bis Willisau nöthig haben werden; freylich wünschte ich nicht gern
zu spät Abends anzukommen. Das Bette für mich und meine Frau,
und das Bett für Ludo-
wika bringen wir sogleich mit jedoch ohne
Matrazzen. Für Gläser, Tassen,
Teller und Leuchter usw. wirst Du
wohl einstweilen Sorge tragen. Messer Gabel
Löffel bringen wir
auch mit. Da die alten und neuen Lebenserfahrungen uns sehr
zu
beachtende Lehren geben auch das Leben überhaupt jetzt eine
wundersame Ge-
stalt zu gewinnen beginnt, so wird unsere treu
sorgende Mutter noch einen
besonderen Wunsch an Dich und an die
jetzt mit Dir in Willisau schon Vereinten
aussprechen welchen
ich wie nun einmal das wirkliche Leben vor mir liegt und
um uns
nicht in ein neues Labyrinth zu verstricken u.s.w. nicht anders als
billigen kann. Wir müssen bedenken daß wir nur sehr wenige sind
die uns ganz verstehen
und die wir uns gegenseitig ganz auf uns
verlassen können. Von andern dieß reine Verständniß
unserer zu
fordern ist – zu viel gefordert. Mündlich bald mehr von Euren
treusorgenden FrFr.
Ferdinanden – Langguth – Gnüge u.s.w.
meinen, unsern herzlichen Gruß. -
Daß ich jetzt
schon des Pflegvaters und Oheims Worte ehe ich Euch
noch selbst
so glücklich bin wieder zu sehen –einige hinzufüge,
geschiehet
um einer Bitte willen, die ich nach meiner Überzeugung
nothwendig an Euch voran schicken muß, und die Ihr mir gewiß aus
eben so reinem vertrauensvollen Herzen als ich sie an Euch thue
-
nicht verargen werdet. Hinlänglich genug hat der Vater uns
alle schon
in Keilhau auf den großen Gegensatz des Lebens der
uns in Beziehung
auf unser bisheriges unbefangenes Leben in K.
dort in W. erwartet auf-
merksam gemacht – und so muß ich die
sorgliche Mutter in dieser Be-
ziehung hinsichts meiner Tochter
auch eine Bitte an Euch thun, die
ich vielleicht dort, wo ein so
reines Familien-Leben uns alle von
allen Seiten schützend umgab
nie nöthig gehabt hätte an Euch zu thun.
Bei der Verständigkeit
und Gediegenheit Eures Characters und der
Reinheit Eures
sittlichen Strebens weiß ich zu wohl daß ich hinsichtlich
des
Umgangs mit den Töchtern Edelsinn, Vorsicht und Behutsamkeit
überhaupt völlig von Euch versichert bin – Aber oft ist es
gerade der
arglosere und edelere Mensch der bei Beobachtung der
äußeren Formen
und Verhältniß gerade im Bewußtsein seiner
Reinheit sich nicht so
streng beachtet oder gebunden glaubt –
und hier ist es wo ich Euch
herzlich bitten muß gleich von
Anbeginn unsers Eintritts an die
möglichste Vorsicht zu brauchen
– ohne dadurch im geringsten der
Unbefangenheit der Jugend
nachtheilig werden zu wollen mit der sie recht
wohl bestehen
kann. So muß ich Euch zum Beispiel bitten gleich von
Haus ein
das gewohnte vertrauliche Du gegen
Ludowika einzustellen,
die jetzt ein[e] in ihr 15. Jahr gehende
Tochter ist, unnatürlich wäre
es wollte ich das bei Kindern
unter 14 Jahren die uns etwa anver-
traut wurden verlangen – aber
die aufblühende Jungfrau ist einer
Sinnpflanze zu vergleichen
die weder innerlich noch äußerlich zu oft
und zu stark berührt
werden darf – soll sie anders glücklich gedeihen,
milden Ernst –
ernste Freundlichkeit – der in jedem Augenblick be-
reit das
Höhere ruhig bildend in ihm zu pflegen bereit ist – ist was
das
reine weibliche Gemüth in diesem Alter bedarf – und über alles
dankbar anerkennend aufnimmt – u. zu dieser reinen Kindes[-] u.
Men-
schenpflege – die vor allem zum höchsten Beruf das Weibs
Herz vor-
bereiten soll – haben wir uns ja denke [ich] so innig
als treu verbunden.
[Friedrich Fröbel]
Sonntag am 28. April. Glücklich sind wir Gott
sey Dank! hier in Schaffhausen
angekommen. Leider war in Ulm es
zur Post zu spät, ob Du nun diesen
Brief vor unserer Ankunft
noch bekommen wirst weiß ich auch nicht. –
Eben so wenig weiß ich
bis in diesem Augenblick noch welchen Weg wir
von hieraus nehmen
werden; wie es jetzt scheint werden wir über
Aarau gehen.
Welchen Weg aber weiter von dort kannst Du wohl besser
als ich
bestimmen. Ich meyne fast am besten durch das Thal der Sur nach
Sursee. In einer Stunde also gegen 10 Uhr hoffe ich von hier
abzufahren,
im Vorbeifahren den Rheinfall zu sehen und so heute
noch bis Zurzach
oder Breul zu kommen; so können wir vielleicht
morgen zur rechten
Zeit nach Sursee in die Sonne, dort könnte
ich vielleicht Dich Barop
oder Ferdinand treffen; sonst ist mein
Vorsatz gleich auf das Schloß zu
fahren. Nun Gott befohlen bis
auf baldiges freudiges Wiedersehen
die herzlichsten Grüße von
uns allen an Euch alle.