Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< / Henriette Wilhelmine Fröbel v. 20.7.1832 (Wartensee)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< / Henriette Wilhelmine Fröbel v. 20.7.1832 (Wartensee)
(KN 40,3, Brieforiginal 2 ½ B 16° 10 S. Am Schluß findet sich eine Nachschrift, die nur an Henriette Wilhelmine Fröbel gerichtet ist.)

Wartensee am 20en July 1832.·.

Am Jahrestage meines ersten Eintritts in Wartensee
An die Keilhauer Gemeinsamheit
des Glaubens, des Vertrauens und Schauens Gruß der
Lebenstreue zuvor!


---*---
Wenn ich nach Eingang Eurer letzteren Mittheilungen ((:Rud.
7 Jul:) deren ich zwar einige noch gar nicht im Einzelnen
zu lesen Zeit hatte, weil die Gegenwart mich ganz in Anspruch
nimmt und ich die Vergangenheit sattsam aus den Lebens-
thatsachen selbst kenne) - das Leben wie es dadurch nun kla-
rer entwickelt vor mir liegt, überschaue, so schwiege
ich bey weitem lieber, als daß ich auch nur noch ein einzi-
ges Wort spreche. Dreyfach treten mir dazu die Gründe
entgegen:
erstlich möchte ich nicht den Vorwurf auf mich laden, ja viel-
u. sogar den Schein dazu von mir entfernen, als ob ich
durch Überredung für eine Sache bestimmen, sie dadurch gleich-
sam erzwingen wollte. Dieß hat meine Seele von jeher
in ihrem tiefsten Seyn gehaßt.
Der zweyte Grund liegt so offen zu Tage, daß es nicht bedarf
ihn auszusprechen[.]
Der dritte Grund geht zwar aus dem zweyten mit hervor,
betrifft aber nur mich ganz persönlich in meinem innersten
Wesen, und kann somit auch nicht ausgesprochen werden,
bedarf es wenigstens nicht, da es nichts nutzen würde.
Also viel lieber schweigen als reden möchte ich; doch ich
habe im vorigen Briefe wiederholentlich die Fortsetzung dessel-
ben ausgesprochen, und so muß ich schon zuerst sagen, daß
die angekündigte Fortsetzung wenigstens heut nicht und
ohne Zweifel nie erfolgt; der Grund dazu ist vor allem
der oben angegebene erste. Denn wenn schon meine bi[s-]
herigen und besonders die letzteren Mittheilungen, mir /
[1R]
oben erwähnten Vorwurf zu ziehen könnten, so könnte
und würde es noch bei weitem mehr das, was ich
heut sagen wollte, heut zu sagen hatte.
Ich wollte nemlich auf Veranlassung der, wie ich schon
mittheilte, am 9en July statt gefundenen Feyer des
Jahrestages der Sempacher Schlacht, die Gründung oder
vielmehr Festhaltung und Fortentwicklung von Wartensee
mit dem eigentlichen Geiste des Schweizer Volkes - oder
besser wohl mit dem Geiste der Schweizer Geschichte - oder
am besten und eigentlichsten wohl mit dem Geiste des
Schweizer Bundes
in Verbindung oder zunächst wenig-
stens, in Vergleichung bringen. Doch wie schon gesagt, es
wären daraus gewiß nur noch größere Lebensmißverständ[-]
nisse hervorgegangen; und wie ich solche nie gewünscht habe,
so suche ich sie jetzt so weit zu vermeiden, als es meiner Sorg[-]
falt möglich ist.
Man redet stark, gewaltig, eifrig auch wohl heftig - ich ganz
besonders rede stark u.s.w. wo man im Innern, ja vielleicht
in der tiefsten Tiefe desselben eine Übereinstimmung voraussetzt,
um diese Übereinstimmung zu wecken, nicht aber um sie zu
machen
.- Ich besonders habe bisher in meinen Mittheilungen
stark gesprochen, und würde es auch noch in den beabsich[-]
tigten, nicht weil die Gründe dazu jedem gewöhnlichen oder
ungeübten Auge und Sinne eben handgreiflich vor, sondern
vielmehr, weil sie in unwiderlegbarer Wahrheit in
meinem Gemüthe lagen und liegen. Jenes oder vielmehr
dieses innere Stehen nun, kann aber nur Mißverständ[-]
nisse auf Mißverständnisse häufen, und jetzt da ich es
klar einsehe, eile ich, theils frühere aufzuklären, theils
spätere und neue zu vermeiden.
Und dieß ist denn ganz namentlich der Punkt, der mich jetzt
obgleich ich gern schwiege, zu schreiben bestimmt.
Ihr habt vollkommen Recht, und ein jeder unter Euch
der es ausspricht hat Recht: - "es giebt nirgends nichts
was ächter Volksgeist, ein reiner allgemein menschlicher /
[2]
Geist zu nennen wäre["]. Wer in seinem Handeln
in seinem Wollen und Wirken auf das äußerliche Daseyn die-
ses Geistes baut und in so weit er dar-
auf baut, der baut gewiß auf Sand; - wer aber
auf das noch unentwickelte, stille, verborgene Vor-
handenseyn
dieses Geistes im Inneren des Menschen
als Menschen und Volksglieder bauet, der bauet auf
etwas festes, nicht nur auf einen Fels, sondern in so fern
man es von einer irdischen Erscheinung sagen kann, auf
etwas ewiges. Hier löset sich nun wie ich hoffe ein so
großer als fest verschlungener Knoten unserer, nament-
lich meiner Lebensmißverständnisse: durch mein bisheriges Hin-
deuten auf eine mehr oder minder große oder kleine Menge
jeder Wirkungen und Erscheinungen jenes Geistes im
Leben, und durch das öftere Hervorheben einzelner Fälle[.] Davon
wollte ich keinesweges das äußere Daseyn desselben be-
weisen, sondern das innere, wenn auch unerkannt, doch
stille und verborgene Vorhandenseyn nachweisen.
Diese Unterscheidung trif[f]t nun auch ganz besonders
alles was ich Euch namentlich noch in meinen jüngsten
Briefen - von den sich um Wartensee und im Kan-
ton regenden Volksgeiste, rein menschlichem Geiste
ausgesprochen habe. Nichts von alle dem, sähet Ihr,
bemerktet Ihr vielleicht, wenn einer von Euch hier[-]
her käme, ja ich will sogar nicht einmal widersprechen
wenn einer behauptete, Ihr oder einige von Euch
könnten und würden, wenn Ihr hier her kämet viel[-]
mehr ganz das Gegentheil von dem sehen, was ich
als vorhandenseyend ausgesprochen habe.- Sehet!
und wenn dieß auch wirklich alles so wäre, so könn[-]
te dieß doch der innern Wahrheit meiner Wahrneh-
mung keinen Abbruch thun.
Ich will es versuchen mich über diesen Punkt ganz deutlich
zu machen, denn es liegt mir sehr viel daran; und ich danke
wahrhaft Gott daß ich darauf aufmerksam geworden bin
ehe noch von Keilhau aus ein entschiedener Schritt für Wartensee geschehen ist, -
ich würde sonst ohne Zweifel nur Mißverständniß gehäuft haben[.] /
[2R]
Zuerst möge mich das Bild vom Magnetismus verständlich
machen wie ich mit dem Vorhandenseyn, oder wenn Ihr
lieber wollt mit dem Daseyn des Volksgeistes, des allgem.
menschlichen Geistes es meyne. Der Magnetismus ruht
wohl in dem Eisen (und selbst in den verschiedenen Eisenerzen)
aber er muß erst durch Kraft und Kunst geweckt, befe-
stiget, geordnet, gesteigert werden. Ist nicht ein ganzes
magnetisches Paket (:Barop wirds erklären:) was nun
geordnet und verknüpft im Stande ist, die Pole bedeutender
Magnete im Nu umzukehren vorher nur ganz gemeines
Eisen? - ja nur gewöhnliches Eisenerz?- Und ist es nicht der
Scharfblick oder wenn Ihr lieber wollt die Erfahrung des Phy-
siker welcher die darinn schlummernd ruhende Kraft zu dem
gewaltigen Magneten macht?- So sieht auch wohl der
schärfere Geistesblick in den gewöhnlichen Erscheinungen des
menschlichen Lebens, das innere still ruhende verborgene Streben
des Menschen nach höherem menschlichen Daseyn, nach höherer
menschlicher Wirksamkeit, nach höherer innigeren mensch-
licher Verknüpfung, Einigung.
Laßt mich noch was ich sagen will, zu sagen habe an Beyspielen
aus Eurem eigenen Leben klar zeigen; macht es Euch
selbst gegenseitig weiter aus Euerm eigenen und durch
Euer eigenes Leben klar, damit mir Andeutungen ge-
nügen können.
Alle geistige Wirksamkeit, aller geistiger Wechselverkehr
beruht auf einer ursprünglichen geistigen Verwandtschaft
und unmittelbaren Verständniß also in gewisser Hinsicht
innern Einigung. Und somit beruht aller geistiger Wech-
selverkehr auf einer gewissen Art von Liebe.
Nun dünkt mich könnte Euch allen aus dem Leben sattsam
klar und einsichtig seyn; so daß Ihr es gegenseitig einander
nachweisen könnet - wie es wohl zwey Menschen geben
kann die kaum von einander etwas gehört haben; oder sich
sonst ihrem eigenen innern Gefühle nach wie Eis oder Eisen
nebeneinander bewegen, in deren innersten Lebenskern
oder Lebensbedingungen doch ein Dritter, schon den Funken /
[3]
der Liebe schlummern sieht, wie im Kieselstein der Funke
schlummert, der die beyden Kerzen auf dem Traualtar wie
die beyden Herzen am Traualtar in einander flammend
macht. Jahre können wohl verfließen ehe das eine wird
und das andere geschiehet, Schnee kann den Stein bedecken
und Frost die Kerze durchschauern, doch Jahre schwinden
und was werden sollte, das ist geworden.
Etwas Ähnliches - ein ähnliches Verhältniß tief schlummernder
nur den eigenthümlichsten Gemüthern wahrnehmbarer -
Wechselliebe findet statt zwischen Volkserzieher und Volk
zwischen Menschheitserzieher und Menschheit.- Jahre
können dort schwinden und hier wohl Jahrzehende ehe
das klare Verständniß reiner Wechselliebe und der
innige Lebensbund erfolgt. Schlagt das Buch der Lebensge-
schichte auf von dem ersten Augenblick an der unser
Herz wie vom leisesten Hauch beym Nennen eines Na-
mens getroffen wird, oder von dem Augenblick, da unser
Herz von des Herzens unbekannten Zuge leise bebend, uns
die äußre Entfernung lieber ist als äußeres Nähern
damit uns selbst unbewußt sich das Herz im Innern nähern
durch Dank wenigstens uns nähern können - und uns nicht
zu entfernen brauchen. Schlaget die Lebensgeschichte von
jenen ersten Lebens Momenten bis zu dem Sekundenschlag des
Lebensbundes im Lebensbuche vor Euch auf und Ihr findet
gar manches Blatt auf welchem vielgestaltig und viel-
farbig der Schmerz steht und die Trauer, und sey es auch
nur der des langen, bangen Sehnens. Aber was meint
Ihr wohl wenn um des Schmerzes und der Trauer, wenn um der
Jahrelangen Entfaltung und Gestaltung willen das erste Seelen[-]
wehen und das erste Herzensbeben unentwickelt geblie[-]
ben wäre, möchtet ihr wohl die gewonnene Lebensentwick[-]
lung hingeben, damit die Art und Weise der Lebensentwick[-]
lung von Euch genommen würde?-
Wo vom Verhältniß des Herzens zum Herzen die Rede ist
und sey es vom Herze des Menschen zum Herzen der Menschheit
da ist das Leben sich überall nur [{]in / nach[}] verschiedenen Maaßstäbe[n] /
[3R]
immer gleich. Mannigfach will sich mir hier die Betrachtung
wenden, doch ich halte fest was uns hier vorliegt in dem
Unscheinbaren, kaum der eigenen Seele dem eigenen Herzen
ja vielleicht gar entgegengesetzt Wahrnehmbaren und durch
Nacht und Dunkelheit hindurch mußten Leben gepflegt wer[-]
den, damit das Leben gekrönt werden könne wie es gekrönt
wird.
Ich will die Vergleiche nicht weiter fortführen, führet sie aus:
Ein gleiches Seelenwehen und Herzensbeben ursprünglicher
Einigung findet statt zwischen Volkserzieher und Volk, zwischen
Menschheitserzieher u[n]d Menschheit, soll es unentwickelt bleiben
weil man es äußerlich - ja das Volk - das Menschengeschlecht
selbst in sich vielleicht noch gar nicht merkt? - soll es unge[-]
pflegt bleiben weil es in Nacht und Dunkel gepflegt durch
Schmerz pp. hindurch geführt werden muß[?]- Was meint
Ihr wohl wenn das Leben der oben als Bild und im Bilde
aufgestellten von dem ersten Seelenwehen und Herzens-
beben an nicht gepflegt und entwickelt worden wäre
?- Schwerlich würde eine ganze Lebenswelt sich der Nacht
entwunden haben - der Beweis liegt in Eurer Hand führt
ihn nur scharf durch, Ihr könnt es bestimmter als ich.
So nun glaube ich können wenigstens mehrere von Euch
mich verstehen und mich den andern verständlich machen,
So nun hoffe ich ist jedem Mißverständniß vorgebeugt, kann
ihm wenigsten vorgebeugt werden, denn Ihr seht nun
ja empfindet mehrfach, obgleich im Bilde, was ich sehe
und was doch noch nicht da ist; was ich wahrnehme
und wovon Andern vielleicht noch keine Spur vor-
handen ist. Ich habe früher geirrt (in einer gewissen Beziehung) wenn
ich ein solches Wahrnehmen und Sehen auch in Anderen setzte, ich trage die Folgen weil es nöthig war, will sie aber nun nicht mehr vermehren.
Durch diese offene klare Darlegung meines innersten Verhält[-]
nisses zu Volk u[n]d Menschengeschlecht oder vielmehr zum Volks-
geiste und der der Menschheit leiste ich zugleich auf jede be-
wußte Mitwirkung zur Pflege desselben Verzicht, denn
jedes ächte Zusammenwirken setzt vor allem ein unmit-
telbares und ursprüngliches Einigseyn und sich verstehen
voraus. Dieses aber muß sich zuerst beurkunden, dann erst kann /
[4]
gemeinsam über die Mittel der Ausführung berathen
werden; dieses muß innerlich daseyn, wenn auch diese, die
Ausführung nie möglich werden seyn sollte, wie wir
von Menschenherzen sagen hören die in sich einig sind ohne
daß das Leben selbst als ein einziges möglich wurde. Je[-]
nes liegt im Bereich unserer inneren Welt, dieses
außer derselben und kann oft erst nach Jahren mit
der innern zusammenfallen.
Hieraus geht also hervor, gewiß einem Jeden einleuchtend hervor,
daß das Gelingen jedes großen Unternehmens von einem dreyfachen
abhängig ist
erstlich von dem innigen in sich selbst, einig seyn des
   (1)    Unternehmenden oder der Unternehmenden
           als einer einzigen Person, eines einzigen Wesens
zweytens von dem vollkommenen Durchdringen des Gegen-
   (2)    standes; von dem völligen geistigen Überblicken
           und Durchblicken, oder vielmehr Über- und Durch-
           schauen, von dem geistigen Beherrschen des Gegen[-]
           standes
drittens von der Gewißheit der Sicherheit der Ausdauer der Wirksamkeit des Handelns
   (3)    dafür.
Jedes von diesen dreyen, so wie alles dreyes als ein Ganzes und
Einiges geht wieder aus einer dreyfachen geistigen Wahrnehmung her[-]
vor: 1) aus dem Vertrauen, 2) aus dem Glauben, 3) aus den Schauen[.]
Worinne jede dieser drey Wahrnehmungen gleichsam seine Wurzel
habe; wie alle drey wieder in sich eigentlich innig einig, wie sie so
gegenseitig sich wieder pflegen, entwickeln, steigern, klären
und zur Vollendung bringen könnt Ihr in Euerm eigenen
Leben wieder klar nachweisen, so daß also eben sowenig wie ir-
gend eine davon allein, oder auch sogar alle drey getrennt
und einzeln, sondern, daß sie nur alle drey in inniger, sich
wechselseitig steigernder Einigung die Lebensaufgabe,
jede ächte, wahre Lebensaufgabe zu lösen vermögen.
Das Vertrauen allein kann zurücktreten, <erkal> schwinden
der Glaube allein kann wanken, erkalten
das Schauen allein kann dem Handeln oft nicht Muth nicht Ausdauer geben[.]
Nur alle drey in einiger Einigung bewahren treu den innersten Kern /
[4R]
des Lebens erzeugen wahrhaft wahre Lebenstreue.
Die Liebe die alles löset und lehret, kann Euch auch hier wieder
alles lehren und lehren, und weil jedes menschliche Herz sie em-
pfunden hat und empfindet, weil das Leben aller Menschen sie
ergriff und bewegte, - so kann ich mich schon auf sie beziehen
und sie zur klärerern Verkündigerin und Lehrerin dessen machen
was Zeit und Raum auszuführen mich hindert. Und noch mehr
würden wir ihre, der Liebe, Verkündigung und Lehren mehr verstehen wenn
wir das Wesen der Liebe mehr beobachtet, wenn
wir ihre Wirksamkeit und Wege mehr zum Bewußtseyn gebracht
und uns so eigentlich die Kunst zu lieben angeeignet hätten;
denn sie ist der Schlüssel zur Lebenskunst[.]
Lieben und Leben meint man verdiene eben sowenig eine
besondere Beachtung wie das Fallen eines Steines und
doch lehrt uns das Fallen, die Gesetze des Falles - den Welten-
bau die Gesetze des Weltenbaues kennen.
Handlungen, Thaten, Erscheinungen (denn was sind Erscheinungen
     anders als Handlungen Thaten?-) erwecken Vertrauen
Vertrauen weckt das Ahnen in seinen leisesten wie in
     seinen stärksten Wirkungen, weckt Glauben
Glauben geprüft in Wechselbunde mit Vertrauen
     genährt gestärkt durch wiedergekehrtes Vertrauen
     steigert sich zum Schauen,
das Schauen bewährt das Vertrauen, bestätigt den Glauben
     indem es das immer einige Leben aller drey durch-
     schauet und erzeugt so Lebenstreue.
Lebenstreue aber überwindet alles, giebt alles, schafft
     alles ganz alles ist allem denn es ist das sich
     selbst wissend und ausübend besitzende
     Leben selbst.
Geht nur von der Thatsache aus: wie das Vertrauen, durch die
Handlungen u Thatsachen wächst, die uns des andern Wohlwollen zu
uns kund thun. Wie uns aber diese Thatsachen doch nicht sicher stellen
immer gleich fest im Vertrauen zum andern zu stehen, und daher
immer Thatsachen auf Thatsachen - fortgehende Beweise der Liebe
wünschen, bis unser Glaube fest erwacht ist, doch diesen befestigt endlich doch
nur geistiges Schauen.
[5]
Wie nun aber die Liebe das Leben erkennen pp. lehrt, (:wo[-]
zu mir hier freylich nur leise Schattenrisse zu geben möglich
wurde denn das Leben drängt:) - so lehrt wieder das Leben
die Lebensführung - die Vorsehung - Gott kennen; Es lehrt
uns den Gang Gottes in der Entwicklung einzelner Menschen
(sein Selbst) wie ganzer Geschlechter (des jetzigen Men-
schengeschlechtes) wie der ganzen Menschheit
vertrauensvoll nachgehen
gläubig festhalten u[n]d
schauend (als dem selbstgewählten) leben.
Aus diesen Andeutungen geht nun hoffentlich bestimmt genug her[-]
vor, kann wenigstens auch klar hervorgehen, was nun
mir, wenigstens dem Erkennenden von allem diesen zu thun
in den jetztigen und augenblicklichen Lebensverhältnissen
nöthig, was mir gerad jetzt zu lösende oder zu erfüllende
Lebensaufgabe ist, - es ist die Einigung, Ausübung und Darle-
bung der oben angegebenen Doppel (1), (2), (3), und das ruhige
Zurücktreten {und / oder} auch Sinkenlassen alles andern, und zu-
nächst also wenigstens noch - bis vielleicht auf einer an-
dern Stufe der Entwicklung wieder - auch jedes gemeinsame
Wirken, denn Ihr seht groß ja schwer und schwierig ist schon die
Forderung ächten, menschlichen Wirkens an den Einzelnen, nehmt
nur eines, er soll einig in sich seyn, wie viel schwerer und
schwieriger noch an eine Gemeinsamheit und sey sie die größt[-]
mögliche, sey sie nur eine Zwey.
Noch ein starker Ausdruck im vorigen Brief, eigentlich nur
in einer im Fluge hingeworfenen Bemerkung nöthigt mich
zu diesen Zeilen. Ich sage nemlich als Randglosse auf dem
beygefügten Blättchen: nur schnelle That kann uns retten.
Der Ausdruck "uns retten" ist hier aber keinesweges ein Angst[-]
ruf sondern es heißt blos: - wenn wir das als festzuhal-
ten im vorhergehenden hingestellte, wirklich im Leben fest-
halten wollen in Gemeinsamheit fest halten wollen, so müssen
wir uns in uns schnell und bestimmt mit Ja oder Nein entscheiden
damit nur zuerst der immer gefährliche Zustand der schwankenden
Entscheidung aufhöre. Nur Bestimmtheit sey es dafür, sey es dawider, so /
[5R]
so meynte ich dort.
Diese Zeilen, so unvollkommen in sich und zerstückt hin-
geworfen sie sind, (:da ich glaube, daß sie mögen an Euch
abgehen und ich sie heut fast 24 Stunden früher schon zur
Post abgeben muß:) - diese Zeilen werden hoffentlich uns
die uns allen so nöthige Bestimmung endlich geben
und den gewiß für alle und alles so nachtheiligen schwan[-]
kenden Zustand entlich ganz vernichten.
Und so bleibt mir denn auch für jetzt und für lang nichts
mehr zu sagen übrig, denn von nun an habe ich Euch nur die
wirklichen Thatsachen, die Ereignisse des Lebens mitzutheilen
und auch diese nur in so weit sie auf das bestehende Leben
in Keilhau einwirken werden oder doch könnten.
Ich werde sehen was ich zu thun haben werde, und es aus[-]
zuführen suchen und dieß wird meine ganze Kraft ganz
in Anspruch nehmen.
Die Briefe der Einzelnen werde ich beantworten sobald
mein Leben sich wieder dem Einzelnen hingeben darf.-
Ob ich auf Herzogs mir angekündigten neuen Angriff
antworten werde, fast zweifle ich ich habe weder Zeit
noch Geld dazu. Zwar kam mir gleich eine Antwort
in die Feder ähnlich meiner früheren gedruckten, die ich
sogleich fleißig niederschrieb; vielleicht theile ich sie Euch
wenn es nöthig sein sollte zur Prüfung mit.-
Herrn Michaelis Thätigkeit hat für einige Zeit in Arau
Beschäftigung gefunden, wohin er abgegangen ist.
Sollten meine drey letzteren Briefen Euch zu Schritten
veranlasset haben, so sind sie wohl leichter wieder zurück
als weiter vorwärts gethan[.]
Nun lebt recht wohl! - wir sind wohl! - mir ist wohl
sehr wohl. In Liebe und Treue wie immer
FrFr.

Meine liebe treue Frau!
Es war Dir für heute auch ein Briefchen bestimmt, jetzt kann
ich da mich die Zeit übereilt Dir nur herzlich für Deine Zeilen danken[.]
Wer von uns beyden es nöthig findet wird den andern zuerst schreiben. Dein
FrFr.

Mein Gemüthe ist Dir der treuen Mutter sehr dankbar, rathe wofür?- /

[1V]
[Nachschrift:]
Herzinnig grüße ich meine lieben Kinder wie alle und jeden. Auch Ferdinand grüßt alle[.] /
[6]
[Adresse auf Umschlag:]
Der
allgemeinen Deutschen Erziehungsanstalt
     in
     Keilhau
bey Rudolstadt in Thüringen