Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v.29.2./ 1.3./ 6.3./ 7.3./ 8.3./ 9.3./ 11.3./ 12.3.1832 ( Wartensee)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v.29.2./ 1.3./ 6.3./ 7.3./ 8.3./ 9.3./ 11.3./ 12.3.1832 ( Wartensee)
(KN 36,1, Brieforiginal 10 B 4° 40 S. tw.dat. Entwurf BN 566, Bl 1-3, hier Bl 2, 8° 2 S. - Vermutlich wurde dieser Brief mit dem Schreiben vom 13.3.32 zusammen verschickt.)

a) Brieforiginal

[Bogen] 1.
Wartensee am letzten Tage des M. d. Klarheit
1832. Abends.


„Den schlechten Mann muß man verachten
“Der nie bedacht was er vollbracht.“
Der Meister in Schillers Glocke
“Es scheint von Zeit zu Zeit bedarf der Weise,
“So sehr wie and’re, daß man ihm die Güter
“Die er besitzt im rechten Lichte zeige.“
Leonore im Torquato Tasso v. Göthe. [III,4,v 2044-2046]


An mein liebes Haus in Keilhau.
Der Klarheit heilenden und tröstenden Gruß zuvor!

Ich habe es bey meinem vorletzten Brief an Euch sehr angemessen und förderlich gefunden
daß ich meine nächste Mittheilungen oder Brief sogleich begann, als ich den vorhergehenden
nur eben zur Post befördert hatte, denn man ist dann wenn die Verhältnisse die Absendung der
Briefe fordern immer bereit und vor allem besitzt man dann Zeit genug für alle die Mittheilungen
welche besonders das äußere Leben nöthig machen sollte. Deßhalb sehet Ihr mich nun mit dem
heutigen Brief eben so verfahren: gestern ist mein letzter Brief meine letzte Sendung nun an
Euch abgegangen, so beginne ich heute noch einen neuen Brief zu einer frischen Sendung. Im
Leben habe ich es, besonders auch in geistigen Mittheilungen, in Mittheilungen des innern Leben[s]
gar zu schmerzlich empfunden; wenn man meint zu Mittheilungen dieser Art habe man wohl
noch Zeit und finde sich wohl noch schicklichere bessere Zeit. Die Zeit der Entwicklung der Gedanken
scheint auch immer die schicklichste und angemessenste zur Mittheilung zu seyn. Darum komme
ich viel[-] mehrseitig und immer wiederkehrend zu dem Gedanken zurück, das Leben ist für den Men-
schen das heilsamste der Beruf ist ihm zur Erreichung seiner Bestimmung der wirksamste und beste,
welcher ihm dieß immer möglich, ihn und seine Umgebungen immer dazu geschickt und dafür empfänglich
macht; dieß ist das denkend und empfindend schaffende, Land bebauende Landleben. Und dieß ist das
erste worauf ich in dieser Mittheilung zurück kommen, womit ich hier beginnen wollte. -

Am ersten Tage im Monat des Keimens und Treibens. Heute am Morgen trat es mir
erfreuend entgegend [sc.: entgegen], wie nun so meine jetzige Ansicht vom äußeren Berufsleben auch ganz
mit der in meinen frühesten Jahren wieder in Eines zusammen fällt und so mein Leben wie
es in sich sich [2x] klärt, so auch äußerlich sich immer mehr zu einem Lebganzen zu dem ganzen Leben
vollen dem Menschen seinem ganzen Wesen nach in allen Beziehungen völlig genügenden Leben
abrundet, welches von meinem frühesten Knabenalter wenn auch noch so dunkel vor meiner Seele
stand in meinem Gemüthe keimte und lebte. Bey dem hohen Vertrauen welches Ihr mir alle in
den letzten Zeiten ganz besonders so thatkräftig bewiesen ha[b]t dünkt es mich muß es Euch selbst er[-]
freuen selbst auch für die Einigkeit, Ganzheit und Stetigkeit meines äußeren Strebens und Leben
und besonders so ganz ungesuchte Beweise zu finden, und so finde ich mich denn wirklich verpflichtet
Euch mein Leben auch in dieser äußeren Rückkehr in sich selbst, und so in der Abrundung zu zeigen
wie es offen jetzt mir vorliegt.
Ihr wißt daß ich vor nun bald 25 Jahren vom 26n [März] bis 3 April 1807 mich besonders sehr ernstlich bemühete über mein Leben möglichst klar zu werden und die Einheit und Stetigkeit desselben zu erfassen. In jener Zeit schrieb ich für meinen seel. Bruder Christoph die Bogen über mein Leben nieder, die Euch bekannt sind.
In jenen Blättern wie Ihr Euch vielleicht wörtlich erinnern werdet, heißt es nun wörtlich: -
“Frühe in meinem Leben auf der Erde, wurde von meinem einstigen baldigen Leben in /
[1R]
den bürgerlichen Verhältnissen gesprochen. Frühe sollte ich mir daher ein bürgerliches Verhältniß
wählen in dem ich künftig beständig zu leben gedächte. – Ich sollte ein Verhältniß wählen
und kannte keines. Jedoch lag unbewußt in mir ein Maaßstab nach dem ich unbewußt die
wenigen und noch dazu nur mir oberflächlich bekannten bürgerlichen Verhältnisse prüfte, und
und [2x] endlich unbewußt darnach wählte. Dieser Maaßstab forderte:
Ein fortwährend stilles ruhiges Leben in mir, wo ich ungestört von Einwirkungen von Außen,
meinem innern Leben in mir leben, die Welt in mir, sich gestalten, sie nach meiner eigenen
Ansicht in mir aufnehmen, und so mich selbst ungestöhrt und in Ruhe von innen heraus aus-
bilden könne. Den Menschen – der sich selbst und seiner Ausbildung lebt achtete ich frühe, sehr
frühe am höchsten; der Mensch der dieses that war mir der achtungs <(wahrendste)> wertheste,
und das bürgerliche Verhältniß welches mir dieses erlaubte das glücklichste.
Nach diesem was dunkel in mir lag wählte ich, das mir zwar auch dunkel aber doch am mehresten
bekannte Landleben. Welches mir, ob ich es gleich von vielen seiner guten Seiten zu kennen glaubte
dennoch in einer weiten Ferne in einem mystischen Schleyer gehüllt lag, in dem ich leicht die
Erfüllung meiner Wünsche als durchschimmerndes Bild der Wirklichkeit, einweben konnte.....
....Da ich aber das Landleben idealisch, d.i. in der mir dort zu denkend möglichen Vollkommenheit
sahe, [war] natürlich daß ich auch in mir das Ideale des Landmannes Ökonom werden wollte. Dieß lag
lebendig in mir, daher faßte ich auch das Landleben und den Ökonom in seiner weitesten Bedeutung
auf....... Dieses ist eine äußerst treue Darstellung meines Innern und dessen was sich in meinem
Innern bewegte als ich gegen 15 Jahre alt war. Ich sehe mich noch recht deutlich u.s.w.“
So lange also Freunde, Brüder, Geliebte! dauert es ehe der Mensch in klarem Bewußtseyn sich selbst findet
und erkennt, so lange Ihr Männer u Frauen! Väter u Mütter dauert es ehe der Mensch erringt
was ihm doch zu erringen das Wichtigste und Kostbarste seines Lebens ist: - ein seinem Menschen
Wesen ganz genügendes und so wahrhaft menschenwürdiges werkthätiges Leben.
Es muß Euch aber dieß auch ein sprechender Beweis für der Wahrheit des Menschenwesens seyn
zu und für deren AnErkennung ich kämpfend aufgetreten bin, zu und für deren Anerkennung Ihr
alle jetzt mit [mir] kämpfend aufgetreten seyd.
Erlaubt mir hier zwey Aussprüche einzuschalten wovon der eine in meinem dießjährigen Kalender beym Mon: Februar
steht, der andere aber der eines alten Denkers und Weltweisen ist, welcher sich unter meinen Lebenssprüchen
findet. Der erste heißt: - „Wer lebenskühn der Weisheit nachjagt, und im Leben über alle Dinge
sich erhoben hat ohne sich zu vernichten, verdient ein Schüler der Weisheit zu werden.“
Wir nun haben aber wohl das erste gethan, ohne daß das Schicksal der Selbstvernichtung uns getroffen
hat; nur durch die innigste Einigung mit der Natur durch das Landleben war dieß möglich.
Der zweyte Ausspruch heißt: „sich selbst leben ist mehr, als Städte und Länder erobern u.s.w.“
Ihr sehet daraus, was diesem Manne das Ergebniß langer Lebensbetrachtung und Erfahrung war,
trat mir frühe als wahr unmittelbar im Gemüthe entgegen, und ich ahnete es frühe und strebte
es an im Land bebauenden Landleben; denn wenn Ihr es prüfend streng erwägt, so ist es eigentlich das
erste und uranfängliche patriarchale Menschenleben das uranfänglich geschlossene Familienleben
in Einigung mit Gott und Natur wie in Einverständniß und Einigung unter sich, was frühe in meinem
Innern wieder keimte und sich dasselbe so gern außer sich geschafft hätte. Dieses Leben, das Landle-
ben, wie oft bezeichnet, ist es aber auch nur einzig was dem Menschen nun auf der jetzigen Entwicklungsstufe
alles das reicht, was er, um ihr zu genügen, bedarf; denn nur in ihm und durch dasselbe kann man dem
Menschen, dem aufkeimenden, aufwachsenden, aufblühenden Menschen Freyheit der Entwicklung der Selbst-
entfaltung und Selbstgestaltung geben. Und dieß war das zweyte was ich Euch in diesem Briefe
wiederholendlich an das Herz legen wollte. Es ist für Vater, Mutter, Kinder, für Familien gar
zu wichtig. Denn drittens Zweytens
Man muß den Kindern, der Jugend das Leben, die Gesetze des Lebens, die Lebenslehren und Regeln nicht
in Worte und durchs Wort als Gabe, als Lehre geben, dieß hilft fast wenig oder nicht, sondern man muß
sie Kinder und Jugend möglichst alles und so endlich das Leben und die Gesetze, die Ähren des Lebens, ja /
[2]
zuletzt sich selbst finden lassen. Dieß ist die höchste Aufgabe der Erziehung und des Unterrichtes durch
das Leben, durch das Familienleben, durch das Familienlandleben. Hört und beachtet es: Das Leben
die GeGesetze und Lehren des Lebens müssen wie in dem Figurenerfinden u.s.w. und in der Anschauung
des Sprachgebietes von den Kindern und der Jugend in ebenso wie dort in stetig fortschreitenden Be-
dingungen gefunden werden. Ihr wißt nun zwar wohl wie es oft für eine kleine Sache schwierig
ist die schlagende nothwendige Bedingung zu geben so ist es natürlich hier im Leben und fürs Leben
noch schwieriger über das Figurenerfinden, die Bedingungen des Figuren Erfindens können Euch
im hohen Grade sicher leitend seyn bey dem Streben die Bedingungen der Lebenserfindung zu geben.
Die Gesetze und Bedingungen der Sprach Anschauung des Sprachgebietes, der Sprachanschauung können
Euch aufs höchste und beste sicher leitend seyn in der Kunst die Bedingungen zur Anschauung des
Lebensgebietes, der Lebensanschauung
zu geben. Vergeßt aber dabey die Vorübungen, die Sprach-
und Sprechübungen d.h. die Lebensübungen nicht, vergeßt die Linienziehübungen im Netz, die Lebens-
heraustretungsübungen gemessen durch senkrecht und wagrecht, das heißt der Scheitel- Kopf[-] und
der Brust- Herz- Gemüthslinie des Menschen nicht; so bekommt das griechische Ταν πανζων <?->
<?>μετρον ανζροπος [Tan pantoon <?> metron anthropos] vielleicht seine höchste d.h. elementare Bedeutung. Ihr erinnert Euch ja
wohl was ich so oft sagte: daß die Netztafel = ist der Vervielfältigung der Scheitel- und Brustlinie
des Menschen.
Wenn Ihr diese Kunst einmal verstehen und üben werdet, dann werdet Ihr sehen wie vie[l] Tau-
sende von Worten Ihr Euch erspart und wie viel Mißmuth Euch Euern Kinder- und Euren Pfle-
gebefohlenen. Nochmals gesagt unser aufgestellter Elementarunterricht namentlich in den beyden
Fächern [Sprache u. Math.] führet zur Erringung dieser Kunst. Ihr werdet nun endlich einmal doch wohl einsehen wie
ich d.h. mein Gemüthe recht hatte wenn ich auch von den Töchtern und der jetzigen Frauenwelt wünschte, [-]
denn mehr war mir nicht erlaubt – sie möchten sich mit der Lehrweise bekannt machen, sie möchten
Schülerinnen werden, leicht kann es Ihnen [sc.: ihnen] nun schon mit dem Wenigen was sie durchgemacht haben
werden, mich zu verstehen, denn mir ist es damit der höchste Ernst, denn das sogenannte Mo-
ralisiren
schlägt alles Edle im Menschen todt.
Die Erwachsenen müssen diese Kunst erst an sich und unter sich üben, wie der Erwachsene über[-]
haupt erst Kind werden muß um Kinder zu verstehen, Kinder zu erziehen, Kinder zu lehren[.]
Mit manchem von Euch ist diese Kunst von mir schon sehr streng und ernst doch zu aller Heil geübt worden. Middendorff erinnert sich vielleicht in dieser Beziehung eines öfteren Ausspruches von mir: - wenn ich
so wie ich handle, handlen würde ohne (dabey den Menschen als Selbstzweck zu wissen) ohne klar das Warum
zu wissen würde ich schlecht handeln, so aber handle ich recht. Vergeßt dabey nicht daß eine Haupt-
und durchgehende Bedingung des Figurenerfindens und des Gestaltens überhaupt unseres ganzen Lehr-
ganges ist
stets in verhältnißmäßig kleinem Raume mit wenigen einfachen und sehr beschränkten Mitteln
unerläßlich ein in sich geschlossenes Ganze darzustellen. Das letztere nun aber wird erreicht, daß man
die verbunden werdende Glieder alle stets in Beziehung zur Mitte, sichtbar oder unsichtbar setzte. Selbst
bey den ganz einseitigen Figuren, Gestalten und Gebilden tritt diese Beziehung zu einer vielleicht weit
außer der Figur liegenden Mitte hervor, und sie bekommt eigentlich dadurch nur ihre Bedeutung.
Eben so wie das Figuren- Gestalten und Gebildenerfinden zeigt, so sey das Leben des Menschen auf
jeder seiner Handelns- und Lebensstufe stets ein in sich geschlosenes Ganze, welches aber doch auch
stets das Gesetz der Fortschreitung nur bey einem ruhigen beachtenden Blick in sich trage: - nach
rechten kommen natürlich schiefe Linien; nach unverbundenen nothwendig verbundene; nach einem
Punkte gesetzmäßig 2,3 und mehr Punkte. Nach mehreren Linien nicht in sich sich geschlossen, nicht in sich zurückkehrend nothwendig in sich zurückkehrende also einen abgeschlossenen Raum einschließend u.s.w.
Dieser hier als Anschauungsmittel hervorgehobene Gegenstand ist = Raum = Gestalt und so = Empfin-
den, Fühlen d.h. immer auf die Einheit in sich beziehen. Die Zahl dagegen ist = Zeit = Vertheilen =
Denken und Erkennen; Erkennen aber heißt immer das Verhältniß der Einzelheit, Sonderheit,
Individualität zur Einheit, Ganzheit, Universalität wissen. Beydes wird geeint und ist einig im
schaffenden, darstellenden Leben. – Die Naturbetrachtung und Anschauung, führt zur Lebensbetrach[-] /
[2R]
tung zur Lebensanschauung. Alles was die Figuren-Gestaltungs- und Gebild[e]kunst zeigt,
zeigt die Naturanschauung; Auch die Natur giebt Bedingungen z.B. eine Bedingung zu
Keimen – eine folgende Bedingung – den Herzpunkt zu entfalten – einen Stamm zu treiben -
eine Bedingung nun zu Knospen – eine folgende um Blätter zu treiben – weiter um zu blühen
u.s.w. Die Natur giebt und fordert auch – besonders anschaulich in der Pflanzenwelt – zu erst die
Mitte und bezieht alles auf die Mitte. Auch die Natur bildet – wie die Figuren und Gestalten
fordern immer zugleich Entgegengesetzt-Gleiches: auch sie bildet besonders bey den Pflanzen
welche der Kinderwelt so nahe liegen: strahlend, windend, drehend u.s.w. Die Lebensanschau-
ung – Naturanschauung (: besonders in der Pflanzenwelt :) und die Formenanschauung: Figuren- und
Gestaltungskunst u.s.w. bilden Eine Große in sich geschlossene Drey, deren Seite, oder Glieder
sich gegenseitig erklären. Mein seel. Bruder Christoph führte mich nur mit 3 Worten der Natur zu,
und die Seegnungen davon kann ich meinem Bruder nie verdanken, denn dadurch bekam mein Leben frühe Klarheit, Festigkeit versteht sich in Einigung mit dem was mein Leben bot und gab.
Wie nun die Figuren- und Gestaltungskunst eigentlich mit der Darstellung des idealen Menschen
schließt – wie die Natur damit schloß und schließt, so soll auch die Lebensbetrachtungs-, Lebens-
anschauungs- Lebensgestaltungskunst damit schließen. Denn die Darstellung des Menschen
als Kind und Ebenbild Gottes
ist überall und in Allem das Letzte, das Ziel, der Zweck.
Weiter: Wie ein guter Lehrer in Formen- und Gestaltungskunst dieselbe als Schüler selbst durch-
gemacht haben muß; wie er ein um so besserer Lehrer seyn wird als er sie größten Theil[s] ganz
durch gemacht hat, wenigstens in ihrem ganzen Zusammenhang bis zu ihrem letzten Ziel und Zweck
- den freylich nur wenige erreichen – überschaut, - so muß auch ein guter Lehrer der Lebensbetrach-
tungs- und Lebensanschauungs- Lebensdarstellungskunst dieselbe wenigstens bis zu einem
großen Theil einmal als Schüler selbst durchgemacht haben und ein noch besserer Lehrer und
Mensch wird er seyn – denn jeder Mensch meint sich ja – und mit vollem Rechte – berufen Lehrer
dieser Kunst zu seyn – wenn er diese Kunst in ihrem ganzen Zusammenhang bis zu ihrem letzten
Ziel und Zweck überschaut. Mich dünkt es könnte ein Mensch und besonders ein Mann gar nicht
mit beruhigtem Gefühl, besser mit – in seinem innern Bewußtseyn gegründeten ruhigem Gesichte Vater
und noch bey weitem weniger gesteigerter Vater nach mehreren Seiten seyn, welcher nicht die Lebens-
anschauungs- und Lebensdarstellungskunst wenigstens in einem namhaften Überblick in sich trage.
Und auch der im Alter vorgerückteste Mensch und vor allem der Mann, welcher so so [2x] sehr der Vereinzelung und Veräußerlichung des Lebens Preis gegeben ist, auch der Mensch und Mann, mit der reichsten und größten Menge der Einzel- und Theil-Erfahrungen, soll es noch in dem letzten Tage – dieß
ist buchstäblich mein bestimmtester Ernst – seines Lebens nicht für zu spät halten diese Kunst zu erlernen: - ein Blick – und das vereinzelte, dunkle und unverständliche Leben steht im Nu als Einheit, klar
und verständig vor Augen. Ich habe hierüber seit meiner jetzigen Abwesenheit von Keilhau
an anderen die bestimmtesten Erfahrungen gemacht. Doch davon zu einer andern Zeit. Jetzt aber
nur eines, daß sich mir wiederkehrend – um es auszusprechen – so gewaltig entgegendrängt, daß
ich schon von dieser fordernden Seite nicht umhin kann es auszusprechen; aber auch von der andern
Seite die Verpflichtung dazu in mir fühle, weil ich mir, mit dem Beginne dieses neuen Lebens vorge-
setzt und es als nothwendig erkannt habe, alles auszusprechen, was ich als dem Ganzen heilsam in
mir erkenne, es mag nun auch von dem Ganzen oder Einzelnen aufgenommen werden wie es will
und man mag über mich selbst denken wie man will. Meine ewige Freundin, die Zeit wird mich schon rechtfertigen. Wenn auch der fünfzigjährige Mann nicht die Wahrheit wie er sie in sich erkannte aus-
sprechen soll, von wem sollen wir sie hören. Übrigens gehört mein Leben und Wirken nun schon längst
der Zukunft an, ist von der Zukunft, pflegend auf den Schoos und in die Arme genommen; die Gegenwart
kann es mit mir und in Beziehung auf mich halten wie sie will – mit der Gegenwart habe ich nichts
mehr zu theilen, denn schon ist mir die Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit geworden und die
Vergangenheit Gegenwart und Zukunft. Was ich nun nach dieser langen Einleitung meine ist dieß: -
Ich habe es, mein Bruder, von jeher ganz und gar nicht verstehen können, wie Du Dich so wenig ja /
[3]
[Bogen] 2.
ganz und gar nicht weder um das Einzelne noch um den Zusammenhang des Unterrichtes Deiner Kinder in
Keilhau bekümmertest. Wenn ich in mir von einer inneren Trennung reden könnte und sollte, und wenn
ich denn dafür einen Grund anzugeben hätte, so wäre es einzig dieser. Es stiegen dadurch halbe, unwahre
harte, tödtende Urtheile im Innern auf, die wenn auch nicht ausgesprochen doch vom empfindlichen, fühlenden
Gemüthe wohl tief wahrgenommen werden mußten. Mindestens eine alles vom Frost erstarren machen-
de Gleichgültigkeit in Beziehung auf die Gesammtheit und das Einzelne des Unterrichtes, welche Gleichgül-
tigkeit aber noch nachtheiliger wirkte als jene kaum laut werdenden ungerechten Urtheile. Bey der
Erziehung und dem Unterricht giebt es kein so oder so, da kann nichts willkührlich herausgenommen, nichts
willkührlich eingeführt und eingefügt werden; dieß einzusehen sich zu bemühen ist das nach klarem Be-
wußtseyn strebenden Vaters erste Pflicht. In der MenschenErziehung, MenschenEntwicklung, im Menschen
Unterrichte da giebt es nur Nothwendigkeit, keine Willkühr, die Gesetze können nicht vom Menschen
erdacht, wohl aber vom achtsamen Leben, Gemüthe und Geist gefunden werden. Jeder Mensch ist dazu
bestimmt und berufen sie zu finden; mindestens trägt jeder Vater einen Prüfstein in sich ob er gefunden
ist. Ich weiß gar nicht wie ich scharf und bestimmt genug und doch auch zugleich mild genug das sagen soll
was ich zu sagen habe: - Der Mensch welcher hundertmal leeres Stroh zu dreschen hat muß darum nicht
auch meinen die 101e Garbe sey darum nothwendig auch Stroh und müsse Stroh seyn, das heißt – wie man sich sonst auch mit geistiger Fortbildung abmühen und es damit ein Ernst seyn lasse – doch sich alle
Fortbildung abschneiden das Leben selbst todtschlagen und so sich und andere – Die Menschen sagen so häufig und das Gemüth des Menschen hat Recht – wenn ich das noch einmal anfing, z.B. noch einmal in die Schule auf Universitäten gienge noch einmal meine Jugend lebte so wollte ich schon alles besser u besser
machen. Gott der allwissende der ehe er Menschen schuf wußte was in des Menschenbrust vorgehen
würde – weil es Menschen waren – nothwendig vorgehen müßte, sahe und laß [sc.:l] ieß auch dießen Wunsch
in des Menschen Brust darum – gab er ihm dem Menschen Kunde daß er mit ihnen und durch sie
seine ganze erste Lebens<würde> die dunkle unbewußte – aber nun auf der Stufe des Bewußtseyns
nochmals durchleben und [z]war zu größerer Klarheit außer sich durchleben soll. Um kurz und bündig
zu seyn[: -] von jedem Vater der Fröbel heißt erwartete ich nur aus diesem einzigen und gar keinen
andern Grunde daß er mit seinen Kindern nach Möglichkeit den Elementarunterricht theilte!
warum? – Der Elementarunterricht gleicht der Luft die wir alle athmen durch die wir alle hören
vernehmen; wir athmen um so höheres Leben durch sie ein, wir vernehmen hören durch sie um so höher
je gebildeter wir sind. – Der Elementarunterricht gleicht dem Wasser durch welches alle Dinge leben und
bestehen; es gestaltet sich zu um so höheren Leben, je edler das Gewächs ist welche es einsaugt! -
Der Elementarunterrichte gleicht dem Lichte (Feuer) es bricht sich in um so schöneren Farben je edler
klarer der Gegenstand ist durch den es hindurch geht, die es festhält. – Der Elementarunterricht
gleicht der Erde, sie wird selbst zu einem Menschenleib wenn ein Menschengeist sie durchdringt.
Wir sehen also das Elementare, und der Elementarunterricht wie die Naturelemente sind überall das
wichtigste, denn durch sie mindestens erhalten wir unser Leben, gestalten uns und bestehen als daseyend.
Dieß kann und soll nun der Mensch ahnden wie er die Luft athmet, das Wasser trinkt, das Licht
einsaugt, und die Erde, den Stoff zu sich nimmt und ißt. Ich will von dieser Seite her nichts mehr sagen
als ich glaube ich werde nun wenigstens verstanden werden können; nichts tödtet mehr als die Gleich-
gültigkeit gegen eine Sache die dem andern Lebens, des Lebens, der Aufopferung und der Hingabe des Lebens
wichtig scheint; es ist hier keinesweges genug daß gesagt wird: - man achte die Sache, sondern es ist
auch nöthig daß man wisse warum man es achte, wenn die Achtung Werth u Bedeutung haben soll;
denn auch das Kind achtet das bunte Steinchen, nur der Kenner aber den edlen Stein. Doch was
nimmt sich der Mensch, der Mann, der Vater der nicht diesen Weg geht, der vielleicht den edlen
Stein wegwirft und mit Füßen tritt weil er meint solche bunte Steinchen habe er als Kind ge-
nug gehabt. Es ist auf das allerhöchste merkwürdig, daß man den Eltern, den Vätern erst zeigen
muß was es heiße Eltern und Väter zu seyn, daß manchen, die doch Eltern und Väter sind erst
die Bedeutung dessen was Eltern und Vater zu seyn eigentlich heißt, [man] erst lehren muß. Daraus
geht die Bestätigung des hochwichtigen Satzes hervor, daß es höchst wenig frey eine Sache /
[3R]
äußerlich zu besitzen, etwas äußerlich nur zu seyn, sondern daß einzig die geistige Ein- und
Durchdringung einer Sache, die Einsicht in ihr Wesen, ihr erst ihren Besitz erst Werth und Bedeutung giebt.
Wie knüpf ich aber an um schlagend, bündig, eindringlich und verständlich genug zu zeigen, was zu
sagen und zu zeigen mir als Pflicht erscheinet. - Das deutsche Vater hat ja deutsch ursprünglich
fadur, fader geheißen. Das Wort fader erinnert mich nun, wie ich schon einmal erwähnt habe seinem
Klange nach, ohne mich jetzt weiter mit Aufsuchung seines innern Zusammenhanges auf zu suchen [sc.: halten]
an Faden, also stetiges Fortleiten, stetiges Fortfahren. Daß nun der Vater der äußerliche Fort-
leiter, Fortführer des Geschlechtes, des Stammes sey dagegen hat Niemand etwas. Aber der Vater
soll nicht nur äußerlicher Fortleiter Fortführer des Geschlechtes, des Stammes seyn sondern auch Fortbil-
der und Fortentwickler des geistigen Lebens. Genug Vater bezieht sich auf die Fortentwicklung eines
geistigen Leben[s] die sich auch in der äußeren und als äußere Erscheinung kund thut. Kind bezieht sich eben so auf
die Kundmachung eines Innern. Zwischen Vater und Kind muß also ein ungestöhrtes Band für
Kundmachung und Entwicklung, Aus- und Fortbildung des Innern, des geistigen Lebens statt finden.
Die Betrachtung des Wortes Eltern führt mich auf eine ähnliche Weise zur stetigen Einigung zwischen Eltern und Kind. Eltern heißt ursprünglich Ältern, Ältern kommt von alt; alt kommt von allt.
Allt – alt ist also dasjenige was alle Mannigfaltigkeit eines All, einer gewissen Sphäre in sich
trägt oder durchlebt hat. Eltern sollen nun nicht nur altern sondern sie sollen das Leben aller
durchlebten Mannigfaltigkeit in sich aufgenommen haben. Dieses Innere der Mannnigfaltigkeit alles
Menschenleben[s] thut nun noch in ungestöhrter Einheit das Kind kund, daher Kind. Kind und Eltern
gehören also als ungetheiltes Ganze eben so stetig zusammen wie Einheit und Allheit (All-t) wie
Mitte und Umkreis (: Erfahrung, fahren = reisen; Um kreis, Umfahr; Er fahr, erfahren u.s.w. :)
Dieser und ursprünglich nun zwischen Eltern und Kind hindurch ziehende geistige Faden; diese ursprüngliche Einigung
zwischen Vater und Kind, dieses ursprüngliche Band, muß dem Vater zu pflegen höchste Sorge
seyn; muß dem Vater zum Bewußtseyn zu erheben aber nicht etwa thöricht durchs Wort, sondern durch
Pflege – Pflicht seyn.
Dieses innere Band zwischen Vater und Kind, zwischen Eltern und Kind wird aber gepflegt und erhalten, wenn
Eltern und Vater stets und stetig die innere, geistige Fortbildung und Fortentwicklung ihrer Kinder theilen
wenn sie solche nicht nur theilen, sondern sie nochmals mit ihnen leben, durchleben, erleben.
Wenn die Kinder besonders fühlen, und sie fühlen und empfinden dieß sehr bald, daß das Leben der Eltern
des Vaters mit ihnen zu dessen eigenen Forterziehung, Fortentwicklung, Fortbildung wirkt, so ist dadurch
ein ein bleibendes unzertrennliches Band der sich wechselseitig steigernden Vervollkommnung gegeben.
Nichts kettet die Kinder fester an die Eltern und den Vater, als wenn das Kind fühlt und wahrnimmt[:] der
Vater nimmt das ganze Leben der Kinder in sich auf nicht nur nach dem was es in der Erscheinung,
in der äußeren Darstellung seyn soll, sondern auch nach dem was es in sich, in
seinem Wesen schon ist, nicht nur was es dem Ergebniß, dem Resultat nach seyn soll,
sondern auch den Mitteln und den Wegen nach durch die es dasselbe werden kann.
Siehe, mein Bruder Du bist ein selten glücklicher Vater, wenn ich Dich in Deinem häuslichen und Familien Verhältniße erblicke wie es ist; ich schaue um mich und Tausende von Vätern sehe ich die nicht
so glücklich sind wie Du, aber die Anerkenntniß und Ausübung dessen was ich meine, würde Dich,
und kann Dich als gesteigerter Vater, in jedem Augenblicke noch zu einem so glücklichen Vater
machen, gegen welchen das Glück was Du jetzt schon besitzest wie ein kleiner Punkt verschwindet.
Denn es würde dadurch ein geistig lebendiger Wechselverkehr nach allen Punkten
und Richtungen Deiner vielseitigen Verhältnisse entstehen
. Ewig bleibt wahr, was
der große Menschen- und Menschheitserzieher sagte: Wollen wir erhöhetere, geistigere, voll-
kommnere Stufen der MenschheitsEntwicklung ersteigen, müssen wir die Kindheit des und der
Menschen nochmals mit erhöheterem Bewußtseyn, mit beachteten Gefühlen und Empfindungen
durchleben; also auf ihren Unterricht, ihre Lehre [achten]. Damit nun die Menschheit und die Menschen
so immer höhere Stufen der Vollkommenheit erreichen, so bestimmte Gottes Vorsehung, daß die
Menschen Väter, Eltern werden mußten. Würdest Du nun, mein Bruder die eingehen- /
[4]
de thätige Theilnahme an dem Einzelunterrichte Deiner Kinder Dir nicht so fern gestellt haben, würde
Dir die thätige Theilnahme daran nicht zu klein geschienen seyn, hättest Du nicht den Wahn gehegt
er könne Dir doch nur längst Bekanntes geben, so würde Dir diese Deine Theilnahme nicht nur alles
das gegeben haben was Dein Gemüthe u Geist ersehnte, sondern noch bey weitem mehr, solches wovon
die Ahnung nie in Deinem Geiste im Gemüthe sich frey gemacht hat. Ich hebe hier nur einiges heraus
als das Ganze zu erfassen hier nicht Raum und nicht Zweck ist. Allein zuvor würdest Du die höchste
und wichtigste aller Lebenserfahrungen gemacht haben, daß ein himmelweiter Unterschied zwischen
der Wort-, der Begriffs- der reinen puren Verstandeskenntniß u Einsicht, dem Wort- und dem
Verstandeswissen und dem Wissen und der Einsicht aus der schaffenden Selbstthat, dem schaffen-
den Selbstthun ist – dann daß es ein nicht minder großer Unterschied zwischen der einzel-
stehenden und vereinzelten Lebenserfahrung, ist und den Lebenserfahrungen die sich in einem
stetig fortlaufenden Verband befinden, sich so gegenseitig erklären und Bedeutung geben – dann
daß es nicht [sc: „nicht“ streichen] wieder ein himmelweiter Unterschied ist zwischen Lebenserfahrungen (die) wenn
auch in stetig fortlaufenden äußeren Verbande und solchen, die in steter und stetiger Be-
ziehung zur höchsten geistigen Einheit gesetzt werden. Hierdurch mein Bruder würdest
Du den Schlüssel des Lebens erhalten und das Getrennte würde sich Dir geeint haben. Nur
einiges hebe ich heraus: Du würdest z.B. [erkennen] die innere Fortentwicklung Deiner Kinder und die Deine würden in einer gewissen Beziehung stets geeinten Schritt gegangen seyn; das Ergebniß davon
wäre gewesen ein stetiger geistiger Wechselverkehr und sich gegenseitig verständliches geistiges
Leben. Wie so ein innigeres geistig lebendigeres Band mit Deinen unmittelbaren Kindern
eingetreten wäre, so vor allem auch ein innigeres geistig lebendigeres Band mit Deinen
gesteigerten Kindern und Söhnen zunächst Deinen Schwiegersöhnen. Du würdest ihr Leben
besser haben verstehen und so überwiegend mehr haben würdigen und behandeln, beurthei-
len können. Von der äußern Lebensansicht aus das innere Leben beurtheilen wollen
von dem trennenden Verstande, dem darum kältenden und so verhärtenden Ver-
stande aus, das einendewarme und erwärmende und darum nicht nur weiche, son-
dern auch erweichende Gemüthe dieß kann nie zu einem freundlichen, befriedigen-
den beruhigenden Ergebniß führen und wenn ich auch nur das Geringste von allem
heraushebe daß Dir, mein Bruder! dadurch eine <Krükke> geworden wäre, den reichen
Schatz Deiner mehr oder minder geeinten Lebenserfahrung andern mitzutheilen, sie so
für andere auch seegensreich zu machen, so ist dieß, so giebt dieß unendlich viel.
Ich bin jetzt da ich dieß schreibe und ausspreche noch nicht fünfzig Jahr; Du, mein Bruder! warest
da Du in meinen Kreis als lebendig eingreifendes Glied tratest auch noch nicht fünfzig Jahre. Du,
mein Bruder! warest praktischer und denkender Erzieher und Vater und hattest schon zwey Deiner Kinder bis
zur Einführung ins Leben erzogen, Du hattest das Leben selbst denkend erfaßt, warst ein Fröbel d.h.
an einem geistigen Lebens Baum; darum nun konnte ich wohl jene Erwartung in mir hegen.
Und, welche Folgen würden daraus hervorgegangen seyn! Äußere Achtung und Hingabe der größten
äußern Güter ist diese Folgen aufzuwiegen nicht im Stande. Der Beweis dafür, so will es nun die
Vorsehung soll offenkundig geführt werden; denn, fast 1/8el Jahrhundert älter, mit so viel
passiven Vermögen als dort activen, positiven, mit einem tief verwundeten, tief zerschnitte-
nen Herzen soll nun noch erreicht werden, was dort in der Fülle der Manneskraft angestrebt
wurde, und es wird erreicht werden, wenn die Wichtigkeit eines geistigen Bandes erkannt, an-
erkannt und demselben gemäß gehandelt wird. Mir war die Herstellung dieses ursprüng-
lichen geistigen Bandes immer höchstes Ziel meines Lebens, so die Eltern den Kinder[n], die Kinder
den Eltern zu geben, als der erste Anfang eines solchen ächt geistigen Lebganzen. Wenn
man das Werk auf an seinen Früchten erkennt, so kann ich mich auf meine Früchte, die Früchte mei-
nes Lebens von der frühesten Zeit berufen. Die Frau v. Holzhausen sagte mir, die Söhne (meine
Zöglinge) jetzt Männer sind Ihrem [sc : ihrem] Vater noch wie in ihrem Jünglingsalter treu. – Selbst die
Volkstädter zeugen, müssen für mich zeugen, unterstützen die Söhne nicht Mutter u Schwester? -/
[4R]
Beweisen nicht Leopold Teske, die drey Gebrüder Clemens in Beziehung auf Fr: v. Ahlefeld, und Felix
in Beziehung auf Fr: v. Arnim u.s.w. für mich. Aber ich erstrebte und erstrebe noch jetzt höheres
nemlich ein mehr oder minder bewußtes geistiges Band zu gegenseitiger Fortbildung und zur
Erreichung des Gesammtlebenszweckes; ein solches Band auf der Stufe des Bewußtseyns wie das
zwischen dem Marke des Stammes und dem Herzpunkte der Knospe, aus und durch deren
steten und ungestöhrten Wechselverkehr das Ergebniß – die wahrsagende Eiche von Dodona
ist. Überall wo kindliche oder elterliche Verhältnisse mein Leben berührten war die Hinstellung
und Ausführung dieses Verhältnisses mir Zweck. Du Barop selbst, kannst in Beziehung auf
Deine Verhältnisse den Beweis für mich führen, Zeugniß für mich ablegen. Barops Brief an
Dich, mein Bruder! als Verlobter Deiner Emilie, in welchem er in dem Satze: daß der Sohn, der ächte
das Werk, das geistige Wollen des Vaters aufnehme und zu seinem Ziele führe – meine Über-
zeugung ausspricht, beweiset und spricht für mich. –
Ich wandle nun, wie ich schon oben aussprach in Beziehung auf mein Wollen und Streben auf den
Saatfeldern, den grünenden Saatfeldern der Zukunft ich habe mit der Gegenwart nichts mehr
zu theilen, erstrebe in ihr nichts mehr, denn wem die Zukunft Eigenthum und Besitz, oder
Freundin und Geliebte ist, der läßt die kalte harte Gegenwart gern, - darum will ich auch
nicht etwa durch den Ausdruck: tief verwundetes u viel zerschnittenes Herz welcher{<> dort zum Ganzen
gehörte weder ein Mit-Leiden noch auch nunmehr ein Mit-Handeln erwecken. Ich will jetzt nur
nur [2x] meine Pflicht erfüllen und aussprechen was ich als Wahrheit erkenne; denn mein Leben selbst
besteht nur in der Wahrheit, und das eben wiederholt ausgesprochene beweiset selbst da<her>: -
In den frühesten Jahren meines Lebens übergab ich mit dem klarsten Bewußtseyn mein Gemüthe
und Herz dem höchsten Zweck, soll ich mich nun nicht freuen, wenn es im Kampfe dafür gleichsam
mir genommen worden ist, und mir so selbst das äußere Leben für die Wahrheit und Treue mei-
nes inneren Lebens mir den unmittelbarsten und fühlbarsten, ja sogar für andere offenkundig
da liegenden That- und Sachbeweis giebt.
Es meine auch Niemand daß ich den Wahn hege noch bis jetzt hege, es wäre möglich irgend einen
Menschen wer es auch immer sey durch das Wort, durch die Rede für die Wahrheit meiner Überzeug-
ungen zu bestimmen oder zu gewinnen; Nur einzig allein wer mein Leben lebt, wer im
Geiste desselben handelt, schafft und wirkt kann die Wahrheit desselben und aller
meiner Rede und Überzeugungen einsehen
. Daß Du nun, mein Bruder so wenig und
fast gar nicht in mein Leben – obgleich Vater und Erzieher und Dir so sehr nahe liegend – einge-
gangen bist, dieß hatte zur Folge daß Du mich und mein Leben auch in seiner Fortentwicklung
nur wenig und fast gar nicht verstanden hast. Doch dieß ist wenig und unbedeutend, ich habe zwar
von der Jugend auf das Verständniß mit den Menschen gewünscht und gesucht; da ich aber nun sehr
bald einsehen mußte daß dieß zu erreichen unmöglich war und sich mit vielen Menschen, besonders die mir am liebsten und werthesten war[en] statt des gesuchten und gewünschten Einverständnisses
nur Mißverständniß auf Mißverständniß häufte, so tröstete mich auch frühe – von der Unsterb-
lichkeit und der ewigen Fortentwicklung des menschlichen Wesens tief und lebendig überzeugt – das
klare Bewußtseyn: ist doch die Freyheit mein, in welcher sich alle Mißklänge des Lebens
in Einklange, so also auch alle Mißverständnisse in Einverständnisse auflösen werden.
Aber dasjenige, was ich jetzt schon besitze, was mir mein Glaube an die ewige Fortentwicklung
des menschlichen Geistes und so mein schon jetziges Leben in der Ewigkeit giebt, das darf
mich nicht gleichgültig machen gegen das was auch anderen und für andere jetzt schon,
in der gegenwärtigen [Zeit] Möglich ist; darf mich nicht gleichgültig machen als das für andere
und durch andere in der gegenwärtigen Zeit schon auszuführen und darzustellen-
Mögliche, auch von diesen anderen wirklich erreicht werde, ausgeführt werde; sondern
vielmehr, da die Einigkeit mein ist, so muß ich dahin wirken und streben daß den anderen
das in der Gegenwart Mögliche werde auch ein in der Gegenwart Wirkliches werde.
Nun hatte aber Euer Kreis und Leben, Dein Kreis und Leben, mein Bruder! wie er sich jetzt aus- /
[5]
[Bogen] 3. gebildet hat die Familie deren Haupt Du von und durch die Natur bist, ist ein völlig ja vollkom-
men in sich abgeschlossenes Ganze und trägt als ein solches als eine solche Familie alle Beding-
ungen in sich auch ein vollkommen in und durch sich abgeschlossenes Leben darzustellen. Soll ich diese
Vollkommenheit von der Natur aus zunächst noch vorführen, wie oft habe ich es schon gethan um
Euch in Euerm Leben selbst das Leben lesen, die Lebens Schlüssel finden zu lassen. Eint der Kreis
nicht Großeltern, Eltern, Kinder und Enkel? – Leben nicht noch GroßVater und GroßMutter
nicht noch Väter und Mütter, sind die Kinder und die Enkel nicht Söhne u Töchter, Knaben
und Mädchen? – Eint Ihr nicht der Kindheit Leben, der Jugend That und des Alters Erfahrung
Eint Ihr nicht so Wissen, Können und Leben? – Eint Ihr nicht eint Dein Kreis Deine Familie
mein Bruder nicht wohl alle Stufen der menschlichen Entwicklung? – Hat sie solche nicht
schon mehrmals von der keimenden Menschenliebe bis zu dem von neuem daraus hervorgevor-
gegangenen reifen und gereiften Menschen in sich geschlossen. Seit [sc.: Seid] Ihr denn, verzeiht mir
dieses Wort, ich meine es nicht böse, ich finde aber kein anderes was die Sache so schlagend be-
zeichnet, ich muß es darum schon nehmen: - seit [sc.: seid] Ihr den[n] blind wie seht Ihr den Wald vor
lauter Bäumen nicht daß Ihr daß Du mein Bruder als der denkend Lebenserfahrendste und
das Haupt des Ganzen dieß nicht siehest. Ist ein solches Verhältniß mit allen Gütern und Schätzen
eines ganzen Weltensystemes zu bezahlen? – Verschwindet dieser Reichthum, gegen
dieses Reichseyn nicht in Nichts? - - Was wird und soll die Zukunft einst sagen wenn sie
dieses Verhältniß und Leben in seiner abgeschlossenen Vollkommenheit überschauend vor sich
liegend sieht? - Dazu noch durch Euern Beruf Euer inniges Geeintseyn mit der Natur:
durch Euern Beruf, in Euerm Leben Lehren und Lernen Wort u Beyspiel stetig geeint. Ist
denn dieß nicht im Stande Euch und Dich mein Bruder! von der äußeren Ansicht des Lebens und
der Dinge zur innern Erfassung des Lebens zu erheben? – Laßt es mich und laß insonders Du
Bruder, es mich nicht noch weiter und ins Einzelne ausführen, es möchte sonst um Schnyder[s] Wort
in seiner langen Entgegnung an mich zu gebrauchen scheinen als wollte ich den Pädagogen machen:
Wer mich kennt weiß daß mir nichts widriger ist als dieß; allein die Wahrheit soll und
muß ich sagen, was kann es helfen darüber und deßhalb zu schweigen, ich bin dazu geboren und
man wirft mir, thue ich es nicht keck und frech genug die Lüge ins Gesicht. Ich will darum
nur wiederholen und mit dem Sinn und Geiste der vielleicht noch nicht erkannt ist, wieder holen
was ich am Grabe Carls sagte: Wo ist nun da der Grund zum Klagen, zum Murren
zum Schief- und Scheelsehen? – Was eifert und brummet Ihr über mich und heget
in Euern Herzen Gedanken die mir kund werden auch wenn Ihr Euch hütet sie laut
werden zu lassen, darüber und deßhalb daß Euch eine Vorsehung, Gott, durch mich
ein Leben ein Verhältniß giebt worinne und wodurch Ihr Euer höchstes bestes, reinstes Wesen
kund und offenbar machen könnt, worinne und wodurch Ihr sogar ein höheres und vollkommene-
res Menschenleben ausführen und darstellen könnt, was als ein wirkliches? weder Ihr selbst
noch andere ahneten. Warum murrt Ihr und zanket über mich, und wollet höchstens mit dem
Mantel der Christlichen und der Bruderliebe zu decken wo nichts zu zudecken ist – daß Gott
Euch durch mich in ein Leben und Verhältniß führet worinne Ihr höhere Kraft und höhere Wirk-
samkeit üben und zeigen sollt als Ihr Euch kaum selbst zutrautet. Warum klagt und murrt
Ihr, daß dieß nun alles auf andere und bey weitem höhere Weise geschieht als Ihr nur
ahnden konntet. Das Besondere widerspricht zwar nie dem Allgemeinen, und alles Einzelne
läßt sich aus dem Ganzen ableiten, allein das besondere und Einzelne kann nun einmal
[-] weil es das ist und als solches, wenn es nicht die Allgemeinheit und das Ganze in sich findet
und so gleichsam seine Besonderheit und Einzelheit vernichtet – nie Ganzes und allge-
meines werden. Ich will hier ein Bild gebrauchen weil ich es schon vor einigen Jahren in
einem Briefe gebrauchte damit man mir es nicht auch einmal wieder ins Gesicht werfe, daß
ich es dort und wie ich es gebraucht habe: das Leben entwickelt sich aber es webt sich nicht, das
Leben übt sich durch Hervordrängung des innern Lichtes aber es färbt sich nicht an. – Es ist wenig /
[5R]
damit gethan und gesagt, des Lebens satt und müde zu seyn, des Lebens Kampf andern zu über[-]
tragen oder was eins ist, wenn es auch gleich weniger hart klingt, das Leben selbst anderen
gleichsam abzutreten hoffend, überzeugt die jüngeren und nachwachsenden Menschen werden
das Leben schon gewinnen, des Lebens Kampf schon auskämpfen und als Sieger und das Ziel
erreicht, den Preis errungen aus demselben hervorgehen. Jede Stufe des Lebens, vom Empfängniß
des Lebens Daseyns bis zum Empfangen der Lebens Krone hat seinen Beruf seine Anforderung
zu erfüllen hat seinen Kampf und seinen Sieg auf keiner Stufe und nie sollen und dürfen
wir vom ersten bis zum letzten Herzschlag stille stehen, aus jedem muß eine Wirkung für
das Allgemeine hervorgehen jeder muß uns näher bringen den Herzpunkt des Lebens zu finden [.]
Vollkommene Greise (: abgeschlossene Kreise :) und vollkommene und darum eben geborene Kinder
(: Sichtbarwerden einer neuen Lebens Mitte :) thun, künd[en] zeigen und lehren stumm gleich Großes, jener des Lebens stets endlichen unendlichen Umkreis, dieses des Lebens stets sichtbar-unsichtbare
Mitte, darum suchen und lieben sich Kinder und Greis, wie sich Mitte und Umkreis lieben und
suchen sich wechselseitig [zu] erklären und [zu] ergänzen, damit das Leben als Ganzes und so des Lebens
Einheit erscheine und sich kundthue. das Leben als Leben, eben weil es Leben ist, so nie aufhören
zu wirken. Wäre es damit abgemacht des Lebens müde und satt zu seyn so wär mein Leben
früh abgemacht denn durch die Unnatur mindestens durch das sich gar nicht heben wollende Mißver-
ständniß meines Lebens war ich in meinem 9en oder 10en Jahre des Lebens ganz müde und satt, und
dennoch mußte ich es mir eben zum Ziel und Berufe des Lebens machen, dennoch wurde mir nun
zum Lebensziel und Lebensberufe aufgegeben, aufgetragen den Sinn, die Bedeutung, den Werth
und die Würde des Lebens hervorzufördern und kund zu thun. Darum Menschen, Freunde,
Brüder, Geliebte! sage ich mir immer in meinem Herzen und Gemüthe: - Was könnte und müßte
aus dem Menschen werden, wenn ihm frühe des Lebens Deutung und Verständniß bey ge-
bracht werden könnte, sey es auch nur in der leisesten Ahnung, doch so daß er nie in seinem
Leben wenigstens diese Deutung und Verständniß wenn auch je aus dem Gedächtniß doch in der
Ahnung wie aus dem Leben verlöhre
. Keilhau Euer und Dein Kreis ist ein – des Lebens Daseyn
empfangenes vollkommenes (in dem Sinne wie dieß Wort von eben geboren werdenden Kindern
gebraucht wird) Kind aber unter Wehen und Schmerzen geborenes gesundes, starkes Kind
möge es vom ersten bis zum letzten Herzschlag seines irdischen Daseyns nie die Ahnung der
Lebensbedeutung und des Lebensverständnisses aus dem Herzen u Gemüth aus seinem Leben verliehren, damit es einmal den wahren ächten einzigen Herzpunkt des Lebens, alles Lebens aus sich und
durch sich kund thue, denn ohne sinnliche Anschauung des Lebens glaubt doch dieses sinnliche
Geschlecht nicht an Leben, nicht ans Leben.
Diese Beachtung und Festhaltung nun Eures Lebens und der Bedeutung Eures Lebens und nun dem auch entsprechendes und genügendes Wirken das war {in an Haupt und Gliedern, besonders aber im Haupte das und dieß war es denn was dieser Brief und diese Mittheilung Euch drittens zu Gemüthe
führen und zur Prüfung vorlegen sollte. Oder wie es auf meinem Notizzenblättchen zu diesem Briefe steht: „Keilhau als Ganzes weiß gar noch nicht welches Leben es in sich und was es in demselben hat.“
Viertens. Wenn Ihr den Grund des Streites zwischen mir und andern, welcher fast allgemein
gegen mich ist nur hier und da feiner – aufsuchen wollt, so zeigt sich als einziger und letzter
Punkt nur der ich suche und will gewordene ich möchte sagen gewachsene Menschen
(: ich habe glaub ich schon einmal dieß Wort so gebraucht :) die anderen, meine Gegner, wovon
sich am Ende wenige der Lebenden Menschen der Sache nach ausscheiden, suchen gemachte Menschen. Ich betrachte den Menschen und schaue ihn an behandle ihn nach seinem ursprünglichen
Wesen, die anderen meine Gegner meinen es sehr klug zu machen, sie betrachten den Menschen seiner
Erscheinung (: auf der Erde :) nach und behandeln ihn darnach, sie erziehen den Menschen wollen den Menschen erzogen haben für die Zeit oder vielmehr nur für eine Zeit, ich aber erziehe den Menschen und
will ihn erzogen haben für die Ewigkeit oder wenn dieß zu unverständlich ist für alle Zeit
wovon die jetzige Zeit aber auch ein Theil, eine Erscheinung ist; aber nur ein Theil, nur ei- /
[6]
ne Erscheinung ist. Ich weiß nun recht gut und möchte ich es doch nie aus Gutmüthigkeit oder
Darstellungstrieb überschauen [sc.: vergessen] daß eigentlich nur höchst wenige für mich, wohl aber fast alle gegen mich sind, denn was die andern und ich auch immer der Sache nach übereinstimmend und
gleich wollen, das wollen wir jedoch beyde dem Wesen nach verschieden. Freylich kann ich auch
sagen, das was alle die Edleren und Besseren anderen wollen das will ich auch, ich will alles was
sie wollen; aber darinn liegt eben die furchtbar gefährliche Teuschung, denn sie wollen vereinzelt
was ich als Ganzes will; sie wollen es als Mannigfaltigkeit und Vielheit was ich
als Einheit will; sie wollen es für einzelne äußere Zwecke, was ich für den innern Sel[b]stzweck
Mensch
will; sie wollen es als eine unbewußte That zufrieden wenn es nur da ist unbekümmert
über das wie und wodurch, ich will ein bewußtes, empfundenes Wirken und Werk, sie wollen
alles in äußeren Absichten ich um des innern wirkenden lebendigen Grundes willen.
Es thut weh und erscheint hart sich so entgegnend entscheiden zu müssen, aber es hülft nichts soll der
Menschheit Ziel erreicht werden; weil ich mich wohl aus beyden der genannten Gründen von mir
aus immer dafür [sc.. davor] gescheuet habe, so ist es nun so rücksichtslos von anderen geschehen.
Fünftens. Ihr werdet es endlich nun wohl einsehen nur durch einen großen Lebensplan läßt sich
das Große des Lebens, läßt sich des Lebens großer Zweck erreichen. Ich habe Euch wohl der wirklichen
Zahl nach einige Hundert Mal darauf aufmerksam gemacht, Ihr wolltet mich aber nie ver-
stehen; wie nur Keilhau und unser Kreis eine gewisse Abgeschlossenheit erhielt sagte ich Euch
wörtlich und zum öftern wiederkehrend schon[:] „laßt uns die universalhistorische Bedeutung von
Keilhau erkennen, sie festhalten und ihr getreu und gemäß leben.“ Erfassen wir diesen großen
Lebensplan diese große Lebensansicht nicht so müssen wir untergehen und wir erschweren
unsern Kindern und Kindeskindern nur den Kampf. Habe ich Euch nicht oft gesagt, wir in
Keilhau leiden und tragen um der Schwäche P –s [sc: Pestalozzis] willen? – Haben nicht einfache Gewissen bemerkt, daß das junge P-sche und Yverdonsche Verhältniß sich in Keilhau wiederholt.
Du Middendorff wirst Dich dessen wohl erinnern; Hatten wir nicht einen Sch – [Schmid] und wir kön-
nen nun wohl noch mehrere Personen und Charaktere nachweisen. Also würdig der
Menschlichen Natur Wesen das Große Großartig[e] festgehalten.
Nur in einer größeren Gemeinsamheit kann sich der Mensch bis zur Vollkommenheit d. heißt
bis zur Erfassung und Darstellung seiner Individualität, seiner Sonderheit, Persönlichkeit
entwickeln; daher gieng sehr frühe, wie besonders Du Middendorff noch wissen wirst, mein
Plan dahin einen Kreis, eine innige Gemeinsamheit erziehender Familien zu bilden. Mein
Plan und mein Zweck gieng mit Bestimmtheit dahin, wie wir als ein geschlossener brüderlicher
Kreis von Zöglingen und Erziehern begonnen, so sollten wir später einst ein geschlossener Kreis erzieh-
ender Familien bleiben, aber Selbsthä[u]pter seines Lebens und seiner Lebensverhältnisse zu seyn
das fordert Verläugnung deren wenige fähig sind und so verführte der Reiz durch gemachtes
Leben und gemachte Verhältnisse mit leichterer Mühe wie auch ganz wahr das Sprüchwort
sagt ein gemachter Mann zu werden alle die welche sich nicht vom Geiste, vom Gemüthe
vom Innern führen ließen; genug! das Ergebniß kam und wurde was nun ist. Dieß hebt
aber die Wahrheit des Gedankens nicht auf im Gegentheil eben durch dieses Ergebniß
tritt er nur noch wahrer hervor: die Geschichte des Thurmbaues zu Babel wie solche Christoph
Schmidt
auffaßt zeigt Euch bildlich was ich sagen will: die Wahrheit soll und sollte sich jetzt
schnell und schneller verbreiten, wie dort sich das Menschengeschlecht schnell und schneller sich
über die Erde verbreiten sollte: - Hast Du Middendorff in Beziehung auf Deine Familie ein anderes
Schicksal gehabt als ich in Beziehung auf die meine? – Hast Du Barop in Beziehung auf Deine Familie
anderes Schicksal gehabt als Middendorff u ich in Beziehung auf die unsere? – Hast Du Langethal
wenn auch die Deine Familie bey weitem kleiner ist, also auch im kleinern Maaßstab in Beziehung
auf Deine Familie ein anderes Schicksal gehabt als wir vorhin genannten Drey; steht nicht
jeder von Euch dreyen wieder in Beziehung auf seine Familie ebenso allein als ich? – hebt
dieß aber die Wahrheit meines Gedankens auf? – ich denke und ich sehe, Nein! - /
[6R]
sehet und denket selbst: was ich und was vielleicht auch Ihr genannten jeder auf seine Weise mit
mir wollte scheint jetzt alles zerfallen, lasset es seyn oder nur scheinen gleich viel, haltet
in Euch wenigstens, wenn auch still und wortlos fest was Euch und auch mir und so uns die
Vorsehung giebt. Familien und Brüder giebt sie Euch an die Stelle jener, pfleget sie mit Über-
legung, Prüfung, vergeßt dabey vor allem nicht ich kann Euch dieß nicht tief genug einprägen
daß der Mensch und vor allem der sogenannt Gebildete oft etwas ist, was er nicht weiß daß
er es ist auch wenn er es mit dem klarsten verständlichsten Worte selbst zu Euch spricht, daß er
es nicht einmal der Thatsache nach seyn will, so sehr er sich dessen vielleicht auch mit dem Worte
rühmt, ja daß er darum aufhört es zu seyn, so bald man ihm sagt daß er es ist, wie z.B.
ein gutes wohlgezogenes, fleißiges Kind. Vergeßt ja nicht, ich bitte Euch das goldene Mährchen
vom Schatze nicht, welcher schwindet sobald man sagt: da ist der Schatz. Ich behandle Euch
wie Ihr Euch zeigtet und Ihr es verdient als Männer u Vertraute, aber bleibt dieses Ver-
trauens werth. Großes liegt jetzt in Eurer und in unserer Hand, aber es muß mit Mannes
Umsicht und Ruhe gepflegt werden. Die Vorsehung will nicht mehr daß die Entwicklung des
Menschengeschlechtes der Menschheit ein Unbewußtes sey. Aber Ihr wißt wie man mich behandelt
hat und behandelt weil nicht jeder Bewußtseyn erträgt nicht jeder bewußt seyn will. Es ist ja wohl
wahr: - wir selbst ertragen ja das Bewußtwerden und Bewußtseyn nur sehr langsam.
Alles dieses mußte ich wie immer mir erst von der Brust schaffen ehe ich sagen konnte was ich mei-
ne und dieß ist das: - In der Ahlefeld und ihren drey Schützlingen tritt Euch eine Familie und
Geschwister entgegen, sucht sie zur erziehenden Familie zu erheben das heißt strebt mit Sorgfalt
dahin ihre Erziehung zu Menschen zu vollenden; die Fr v. Ahlefeld ist edel und gut, aber meint nicht
daß sie immer wahr habe; so ist genügt mir z.B. ihre Ansicht von Kunst die sie in den Brief an Carl schreibt
gar nicht, ob sie gleich Künstlerin und Dichterin ist. -
In der Fr. v. Arnim und ihren beyden Pfleg- und Schützlingen tritt Euch eine zweyte solche Fa-
milie entgegen; (rechnet auch den kleinen Sinnling die kleine H. nicht) suchet dasselbe zu erreichen
was ich von den vorigen aussprach. Aber laßt Euch durch Blendendes nicht blenden.
Im Gustav v. B.[Bischofshofen] im Leopold T[eske] – dessen Bruder Herrmann mit eingeschlossen will will Euch und
uns die Vorsehung Brüder geben pfleget sie wie ich eben aussprach nicht zu Erziehern bildet
sie aber zu erziehenden Menschen: - jeder vollkommene Mensch ist ein positiv erziehender
Mensch; Überhaupt seit [sc.: seid] auf das höchste sorglich in der Erziehung und Pflege unserer sogenannten Pohlen; denn der Bildungsdrang, der Bildungstrieb geht von Osten nach Westen Ihr habt hier
die Mutter Natur für Euch und geht an ihrer Hand. Scheuet keinen Fleiß keine Geduld keine
Hingabe und kein persönliches Opfer das Ziel ist groß.
Unsere beyden treuen Brüder darf ich wohl auch nicht vergessen, denn sie scheinen ja auch uns
treue Brüder seyn zu wollen; ich meine die beyden Pfeiffer[.]
Ob ich auch die Familie des HErrn Geh. J.R. Dr M – [Martin] dazu rechnen darf weiß ich wirklich
noch nicht; wie mir es in der Ferne erscheinen will, so ist dieses Verhältniß besonders ruhig
und namentlich ernst zu behandeln, kann man nicht besonders des Äußeren zu viel geben? -
Verzeiht mir daß ich als in des Verhältniß Unkundiger darüber auch nur eine Frage er-
laube. Ich weiß nur daß alles was ich äußeres und äußerliches gab um Inneres dadurch
zu wollen oder zu pflegen, mir nie Blüthen nochweniger Früchte wohl aber Dornen und Disteln
brachte so rein und gut und menschlich ich es meinte. Unser Keilhauer Geben zu verstehen
dazu scheinen mir sehr starke Grundthat und klare lebenvolle Geister zu gehören.
Doch dieß hebt nicht auf was ich als hoch zu beachtend hier hervor heben wollte, Seht wie Ihr
immer mehr eine innig einige geschlossene Familie werdet, so schließen sich auch immer mehr
und inniger in sich einige Familien an; machet mit kurzem Wort durch und in Eurem
Kreise wie durch Einen Mann wahr was die Prinzessin [sc.. Leonore] im Torquatänen Göthe sagte:
“ein edler Mensch zieht edle Menschen an und weiß sie festzuhalten.“ [I,1,v 59-60]
Gebt ihnen dazu in sich feste Anhalt[s]punkte z.B. die oft ja immer wiederkehrende große Drey: Gott /
[7]
[Bogen] 4.
Natur und Menschheit; - Religion Leben und Wissenschaft; - Denken, Empfinden, Handeln[.]
So erreicht Ihr vielleicht in größerem Maaßstabe, was bis jetzt nur in kleinen zu erreichen war:
einen innig einigen Kreis erziehender Familien. Dann ist die Beschrenkung des Handeln[s] und Lebens
gegeben, welche das Kind der Knabe und das Mädchen fordert: wie am Baume in der Knospe
dann ist das weite Feld des Handelns und des Lebens gegeben, welche die Jugend und der Jüngling
selbst die Jungfrau in einer Beziehung fordert; wie am Baume die weit aus duftende Blüthe
und Blüthentraube; dann ist das sichere Feld des bleibenden Handel[n]s und Lebens gegeben, wel-
ches der Mann und selbst das Weib, welches Eltern fordern; wie an dem Baume die
Frucht. Und die Menschheit, oder vielmehr das Menschengeschlecht gleicht dann dem zugleich
grünenden, blühenden und fruchttragenden Orangenbaum; wie wir bedeutungsvoll auch mit
dem ersten Bilden unseres Kreises einen solchen uns pflanzten, ihn zu pflanzen eine solche
Frucht mir gereicht wurde.
Sechstens. Ich habe oben den Gegensatz zwischen gemachten und gewordenen Menschen hervor[-]
gehoben der Unterschied zwischen beyden ist scharf gezeichnet genug; bey den ersteren be-
merke ich wohl zum öfteren Erkennens- Wissens-, Klugheits-, und Könnens-Fortschritte, aber
nie und nimmer gesammte und gemeinsame Lebens- und Schaffens-Fortschritte nicht einmal
in der Gesammtheit auch einer einzigen Familie. Aber welche Fortschritte zeigt das gemeinsame
und gesammte Keilhauer Leben und auch wieder in jedem Einzelnen nur seit
einem einzigen Jahre. Den Unterschied zwischen diesen beyden Menschenstufen muß man
den Menschen nach und nach nicht durchs Wort wohl aber dadurch einsichtig zu machen suchen daß
man entweder ihre Kinder gleichsam unter und vor ihren Augen oder was noch wirksamer ist
nach und nach sie selbst auf diese zweyte Stufe zu erheben. Aber wahrhaftig vorliegende That-
sachen giebt es genug um es einzusehen. Ist z.B. die Erziehungsanst.[alt] in Nürnberg als Ganzes
vor[an]geschritten? – Ist es Bunsens Erziehungsanstalt? – Ist es die zu Dessau unter ihren
verschiedenen Veränderungsformen? – Ist es Blochmannsanstalt in Dresden? – obgleich
nur Doktoren – ächte Ge-lehrte daran lehren. – Ist es selbst die Weltberühmte Anstalt
zu Schnepfenthal? – Nennt u zeigt mir, laßt Euch den Menschen eine Erziehungsanstalt
zeigen die <> in sich und außer sich, im Ganzen und in ihren Gliedern und Theilen fortgeschrit-
ten sey wie Keilhau nur seit einem Jahre, und –wodurch: - durch sein Element des Lebens
- - - -? – Weil
Siebentens. Von der geistigen Mitte aus erkannt und hingestellt, gefordert von dem Kreise
und dessen Gliedern anerkannt, festgehalten und ausgeführt worden [ist]: - daß das Leben als ein
Gemeinsames, wie ein Gemeingut so als Gesammtaufgabe nicht nur zu betrachten, son-
dern auch zu behandeln und daß diese große Kunst als Thatsache aus dem ganzen Kreise
wirklich geübt wird. – Weil
Achtens, wie erkannt, so festgehalten und ausgeführt worden [ist], daß diese Gesammtaufgabe dann zu
lösen ist, wenn man wieder, wie die ersten Menschen wie die Menschen in ihren uranfänglichen Lebens
verhältnissen durch Pflege und Bebauung der Natur auch äußerlich, thatsächlich und wirkthätig zur
Natur zurückkehrt, mit ihr sich eint, durch Landbebauung Aber nun auf der Stufe der Empfindung wie
des Denkens, d.h. auf der Stufe, wo sich der Mensch selbst wieder mit der Natur zu einem,
in einem größeren Ganzen geeint fühlt, und der Mensch so eigentlich die Lösung der Lebens-
aufgabe selbst als eine Gemeinsame und Gesammtaufgabe in Einigung mit der Natur
betrachtet; und zwar so wie Vater und Kind die Lebensaufgabe einig und geeint lösen, wo
der entwickelte Geist des Vaters, den schlummernden Geist in dem Kinde pflegt und weckt,
und das Kind dann im kindlichen Unbewußtseyn, in Reinheit in Unschuld das innere
Leben, sein Wesen kund thut und somit zugleich das Wesen alles Lebens.
Neuntens. Die Natur, Welt ist aber als Schöpfung aus Gott hervorgegangen, hat durch Gott
ihre Best[immung] ford ruht so also in Gott. Der Mensch erscheint aber in jener Einigung mit der Natur
als Theil und Glied der Natur, so ist also in jener Einigung mit der Natur, in jener und /
[7R]
durch jene mit der Natur in Gemeinsamheit zu lösenden Lebensaufgabe gleichsam auch eine
äußere sichtbare Einigung mit Gott hergestellt, man könnte sie die Einigung mit Gott durch das
Daseyn nennen, d.h. in dem und durch das Daseyn wird die Einigung mit Gott erkannt; so könn-
te es also auch der äußere, sichtbare Weg zur Erkenntniß der Einigung mit Gott genannt werden.
Noch sind aber dem Menschen zwey Wege zur Wahrnehmung seiner Einigung mit Gott gegeben
und zum Leben in dieser Einigung; der eine Weg geht durch das Innere des Menschen selbst, ist
die unmittelbare Wahrnehmung der Einigung mit Gott im Gemüthe und in einem und durch, ein
dieser Einigung getreues Leben. Der andere, zweyte Weg geht durch die Menschheit hindurch.
Hier findet und erkennt sich der Mensch ebenso als Theil und Glied der Menschheit wie er sich
in Einigung mit der Natur als Theil und Glied der Natur erkannte; und wie er die Natur als
von Gott geschaffen erkannte, so findet er die Menschheit als aus Gott hervorgegangen. Diese
dreyfache Einigung mit Gott oder wenn man es entsprechender lieber will diese dreyfachen Er-
kenntnißwege der Einigung mit Gott erklären, befestigen, ergänzen und unterstützen sich gegen-
seitig dem dreyfachen Wesen des Menschen als handelnd, denkend u empfindend fühlend, und denkend
entsprechend. Also
Zehntens in dieser dreyfach und mehrfach innigen Einigung und Gemeinsamheit, und Gesammtheit
ist die Lebensaufgabe rein und vollständig zu lösen und so löset Keilhau die Lebensaufgabe, d.h.
strebt es, solche zu lösen an, daher die Erscheinung in Keilhau und den Gliedern Keilhaus welche
eben unter Sechstens hervorgehoben wurde. Dann
Eilftens. Eben durch diese mehrseitige Einigung und Gemeinsamheit ist in dem Keilhauerleben als einem
ächten Menschen- und Menschheitsleben für jedes Alter wie für jede Entwicklungs-
stufe die ächte und wahre, genügende und entsprechende Wirkungssphäre und Erkenntniß[-]
schule gegeben und gezeigt, und so ist dadurch der große Lebensorganismus in der Natur
und im GeistesReich, das große Lebganze der physischen und psychischen Welt hergestellt.
Ein jedes ist so gern und freudig an seiner Stelle wo es ist und wirkt, zum Ganzen wie in
einer großen ausgeführten Figur und Gestalt aus einfachen oder zusammengesetzten oder
mehrfach zusammengesetzten Gliedern gleich einem Sonnen- oder Weltensystem. Und eben
dadurch weil jedes ein Theil und Glied des Ganzen ist, ist jedes selbst wieder ein
Ganzes an
und für sich. Wie dieß jede einzelne Linie an einer Figur oder Gestalt zeigt
welche ich scharf als diese bestimmte (ganze) Linie, als dieses bestimmte Ganzes und kein
anderes betrachten kann.
Zwölftens. Wer also ächtes Glied vollkommenes Glied eines Ganzen wird, wird nothwendig eben
darum und dadurch selbst ein scharf bestimmtes Ganze mit Sicherung aller Sonderheit, auch Per-
sönlichkeit Individualität. Wem also darum zu thun ist eine recht bestimmt ausgebildete
sondere und Individuelle Person zu werden; derselbe muß Theil und Glied eines recht ausge-
bildeten und vollkommenen Ganzen werden. Ist nicht das kleinste Gräschen, das kleinste
Blättchen, Blümchen u Sämchen eine eben solche Sonderheit (Individualität) wie jeder Himmelskörper?
Wegen diesem großen Lebensorganismus, wegen diesem großen und ächten bewußten Lebganzen
dem sich Keilhau entgegen bildet ist in demselben jede ächte und wahre Sonderheit nicht nur ge-
schützt nein! was überwiegend mehr ist und was eigentlich als bewußte Thaterscheinung noch
nie auf der Erde als Aufgabe Gesammtaufgabe da war – sogar als solche und mit Freude ge-
pflegt, und was noch mehr ist, erzogen.
Dreyzehentens. Damit nun ein Jeder auf jeder Entwicklungsstufe selbst entscheiden und prüfen könne
ob das Wahre und Rechte durch ihn, mit ihm und für ihn geschehe habe ich für alle d.h.
für jede Stufe der Einsichts- und Wirkungssphären die Natur, als Spiegel und Buch
gegeben und verständlich gemacht, und ist darum aller Naturunterricht in Keilhau
wahrhafter Unterricht im Lesen und Verstehen des großen Naturbuches nach
sichern festen, aber so einfachen als leichtverständlichen und – aus dem Wesen
des Menschengeistes selbst hervorgehenden, wie darinn nothwendig in ihm liegenden Gesetzen. /
[8]
Vierzehentens. Als höheren Prüfstein des Erkennens und höheren Ordner des Wirkens, Handelns ist
dadurch gegeben die Trinität, DreyEinheit, des Sichtbaren, Unsichtbaren und Unsichtbarsichtbaren
(: Natur, Gott und Mensch :) In dieser Trinität ruht das Leben, Wirken und Erkennen Keilhaus; denn
Fünfzehentens Ist dadurch gegeben und gezeigt die Dreyeinigkeit von Einheit, (Mannigfaltigkeit) Allheit
Einzelheit; oder Einheit, Ganzheit, Sonderheit; von Vergangenheit, Zukunft, Gegenwart. Es ist
Sechszehentens. Dadurch dem Menschen gezeigt und möglich gemacht: stets in der Zeit , d.h. einer
bestimmten Zeit; stets in der Ewigkeit, d.h. aller Zeit; und stets in der Natur, Welt zu leben
(und die Ausführung dieser Möglichkeit streben die Einzelnen wie das Ganze in Keihau an) und zwar
mit Erfassung seines ganzen Wesens, und des Wesens aller Dinge, wie das Wesen der Einheit.
Und die Ausführung dieser Möglichkeit streben die Einzelnen wie das Ganze in Keilhau an.
Siebenzehentens. Keilhau lehrt so wie es in seinen Gliedern und als Ganzes erstrebt: In der
Zeit und in dem Raume und in dem Leben (Verhältnissen) wie es ist seine Bestimmung, seinen Beruf zu erreichen.
Achtzehentens. Dadurch bringt und giebt Keilhau den Menschen den Frieden mit sich selbst, mit Gott
mit der Natur und mit den Menschen und ich habe ihn für mich und die Meinen für Keilhau errun-
gen zum Besitz gewonnen.
Neunzehentens.       Ich und die Meinen leben so mit Gott, denn Gott verläßt uns nicht}
          Ich und die Meinen wir leben so mit der Natur, denn die Natur verläßt uns nicht}
    Ich und die Meinen wir leben so mit uns selbst, denn wir – die Menschen verlassen uns nicht.}
   } In der in dem Bereiche der Wirkungssphäre eines Jeden.
Zwanzigstens. Ich lebe mit mir, denn ich verlasse mich nicht. Ich lebe mit meinem Geiste, -
meinem Gemüthe – meinem Körper - ; mit meinem Denken, (Empfinden) Fühlen und Handeln, denn
keines verläßt mich nicht (im Bereich der Wirkungssphäre eines Jeden) alles wirkt in Eintracht und
als Ein Leb-Ganze – vollendeter Organismus in Einklang.
Wer das Gesagte gern in Bildern sehen will der sehe den gesunden lächelnden Säugling; das ge-
sunde spielende Kind; den gesunden fröhlichen Knaben und Mädchen; den gesunden und lebenden Jüngling und Jungfrau; die gesunden glücklichen Liebenden, Verlobten, Braut u Bräutigam; den gesunden schaffenden Mann und Weib; die gesunden freudvollen Eltern; den gesunden friedvollen Greis und Matrone; den gesunden heitern Sterbenden. –
Einundzwanzigstens. Dahin nun will, kann und soll der Sinn, das Leben und der Geist Keil-
haus eines jeden Menschen Leben führen und erheben, der ihm [Keilhau] vertraut wie Ihm [Fröbel] und Ihnen [Keilhauer Kreis] zu vertrauen ist. - - -
Zweyundzwanzigstens. Alles das hier ausgesprochene und darinn angedeutete muß mit
seinem äußeren Grundstein, dem denkend empfindenden Landleben von dem Keilhauer Kreise
wenigstens durch drey Generationen in stetig geistiger Fortentwicklung festgehalten werden.
Dieser genannte Grundstein des ganzen Lebens könnte vielmehr und wohl noch bezeichnender und
erfassender der Herzpunkt des Ganzen genannt werden; denn sein Gutes läßt sich nicht aus-
sagen und aussingen; weil alles was der Mensch als <Lohn> erfassen soll, in ihm und durch das-
selbe <getrübt> wird. Schon dieß dem Kreise und der Familie des Bruders errungen zu haben ist
ein unschätzbares Gut, wofür gar nicht genug zu danken ist – doch – erst die Nachkommen
werden es wahrhaft einsehen und erkennen.
---------

Am 6en Tage im Monat des Keimens und Treibens. Ehe ich zu den mir vorgesetzten Mittheilungen
über das Äußere des Lebens fortschreite will ich Euch meine Freunde und Geliebten doch
eine Lebenserscheinung mittheilen, welche mir während dem Niederschreiben des vorstehenden
sehr lebhaft entgegengetreten ist und die mich nicht verlassen und loslassen will, bis ich
sie ganz durchdrungen und mir ihr Wesen und Bedeutung, Sinn ganz zu eigen gemacht
habe. Es ist diese.
Schon von jeher und besonders jetzt auf Veranlassung Eurer ausgesprochenen, offenkun- /
[8R]
dig hingestellten innern Ansicht meiner hat man mir und meinem Leben fast die Summe alles
dessen zum Vorwurf gemacht und zur Last gelegt was einem Streben wie das meine rein ent-
gegengesetzt ist und es vernichtet, wie kann ich sie selbst aber alle nennen ob ich sie gleich alle
besitzen soll: Stolz, Selbstsucht, Eitelkeit, Tyranney, sclavische Unterwerfung und Unterjochung anderer
Eigendünkel, Lieblosigkeit, Härte, Geringschätzung ja Verachtung der Verdienste andrer, wie auf
der einen Seite Überhebung über andere, so auf der andern niedere Kriecherey und Schmeicheley,
Habsüchtig und eigennützig äußeren Gütern und Ehren nachjagend, wie achtlos äußere Güter preis-
und hingebend [-] genug unter dem Deckmantel höherer Lebenspflege niedrigen Lebenszwecken fröh-
nend in dieser Ansicht und zu diesem Zwecke mit dem heiligsten der Lebensverhältnisse spielend [-]
denn was soll ich mich und Euch mit der Aufzählung alles dessen ermüden, denn welche Vollständigkeit
ich mich auch bemühen würde diesem Verzeichniß zu geben es würden sich doch noch Menschen finden
welche das Verzeichniß unvollständig [fänden] und mich beschuldigen würden ich habe zur Beschönigung meiner
Fehler es in dieser Unvollständigkeit gelassen. Die Beschuldigungen des Bedauerns und der Bemitt-
leidung; Schwärmerey und alles was damit zusammenhängt gar nicht zu gedenken.
Wenn ich dieß alles als ein Ganzes zusammenfasse und an einem Ganzen sehe; wenn ich mir
nun die Frucht besonders eines großen nördlichen Baumes denke z.B. einer Buche – eines Nußbaum
der Roßkastanie, der zahmen Kastanie u.s.w. u.s.w. betrachte so kann {ich man dieser Frucht und diesen Saamenkörnern, ob sie gleich die Bedingung der Edelsten Bäume in sich tragen (so auch die Tannen, Fichten das heilende, das lindernde Öl gar nicht beachtet) alles das vorwerfen was man mir und meinem Leben
zum Vorwurf macht. Versucht es nur selbst mit dem kleinen oben angedeuteten Verzeichniß. Nehmt
nun aber eine Eigenschaft dieser Früchte weg: stachliges Wesen, Härte der Steine u. s.w. kann und
wird das Saamenkorn seine Bestimmung: einen durch mehrere Menschenaltern hindurch dauernden
Baum aus sich zu treiben – aber erreichen wenn er jene Eigenschaften nicht hat? - <gut denken> Ihr
werdet mir vielleicht sagen warum wählst Du aber Beyspiele aus den Waldbäumen am meisten
und nicht lieber von Frucht[-] und eigentlichen Obstbäumen. Du willst doch wahrlich ein Frucht[-] und Obstbaum seyn, hast ja selbst in Beziehung auf Dein Leben so oft gesagt von Erquickung und Genesung gebenden Früchten gesprochen. Freunde ich wollte nur den Übergang dazu machen. Ehe die süßeste
Frucht gereift und reif ist hat sie andere Eigenschaften als die oben von Wald- und Most-
bäumen hervorgehobenen und angedeuteten? – Und habe ich je gesagt daß mein und unser Leben
ein schon gereiftes und reifes sey? – Erwartet nicht die Zeit und beißet in die unreife
Zwetsche, Kirsche, Pfirsich, Aprikose, ja sogar Apfel u Birn [-] wird es Euch nicht den Mund zu[-]
sammenziehen und werdet Ihr unbedacht jetzt schon süßes Fleisch wähnend nicht unwillig die
nicht geteuscht die Frucht wegschleudern. Und, Freunde! hat die Frucht gelogen, geteuscht wenn sie
nach Ausdauer in Hitze an Feuer pp süße, heilsame, Genesung gebende Frucht verspricht.
Wahrlich der Erwachsene Mensch ist in Masse nicht werth, daß man nur ein Wort zu ihm spricht
um ihm seine Einseitigkeit und Äußerlichkeit der Lebensansicht zu zeigen. Wie schon oft gesagt wäre
es nicht um der Menschheit als ein Ganzes willen, wäre es nicht um der noch arm gebornen
noch unerwachsenen, noch ungeborenen Kinder willen, man sollte die Menschen rein ihrem
Schicksale überlassen. Denn selbst bey den reifesten und süßesten Früchten <->den sogenann[ten]
Steinfrüchten wer hat nicht gesehen das [sc.: daß] Kinder und Menschen die däppisch hineinbissen, sich
daran die Zähne ver- und ausbissen und wie diese nun erboset die Frucht wegschleuder-
ten? – Ja selbst die schon gebrochene, vom Baume gesammelte DauerFrucht, das Dauer
Obst ist es genießbar ohne [daß ] es den harten frostigen Winter durchreift hat? - - - Ja
Freunde und (Menschen) Geliebte. Kann man den Menschen, jeden einzelnen, nicht selbst als einen
Kern einer Steinfrucht ansehen? – hat der Mensch nicht Fleisch und Knochen gleichsam Stein
wie die Steinfrucht, und schließt der Mensch nicht das heilsamste, linderndste, ja gesundmachen-
de Wort und Geist in sich. Welchen Genuß giebt die Einigung des Geistes mit dem Geiste, das
sich verstehen der Gemüther? - - Wer wird auch Menschen essen und Menschenfleisch? – Ich mag die
Worte gar nicht aussprechen die sich mir entgegen drängen. Habe ich zu einem Gastmahl auf meinen Körper, mein /
[9]
[Bogen] 5.
Fleisch pp eingeladen wenn ich vielleicht von höheren Lebensgenüssen und Lebensfreuden ge-
sprochen haben sollte; doch nicht einmal von solchen Genüssen erinnere ich mich nie ge-
sprochen zu haben, wie ich nie von Genüssen rede und spreche, wohl aber von einem höh-
eren, edleren, dem wahren Leben selbst.
Doch laßt sehen welch ein Trost welche Wahrheit für mich und für uns alle aus der oben
angedeuteten Handlungsweise anderer gegen mich und mein Leben und meiner Ansicht
desselben hervorgeht: - die als Thatsache vorliegende Handlungsweise, nein! nicht allein Hand-
lungs- sondern sogar verborgene Niemanden als nur ihnen selbst bekannte Denkweise über
mich und mein Leben, schließt eine vielfache Schale, Rinde, Haut, Stein um meinen und
unsern zarten, leichtverletzlichen Lebenskern, machen ihn immer mehr zu einem in sich abgeschlos-
senen Saamenkorn. Du Barop hast wie überhaupt Ihr Übrigen in Euren Mittheilungen an
mich ganz recht. Mein und unser Leben soll sich immer mehr aus- und abscheiden, in sich abschließen
und abrunden gegen außen um immer mehr des Lebens Ein- Mittel- und Herzpunkt in sich zu finden.
Jetzt aber wissen und sehen wir warum. Lasset uns der harten, bittern, stachlichen, steinernen Rinden
welche sie besonders um mein Leben winden nicht zürnen, keine große Gewalt mag die Steinhüllen
mancher Kerne von außen zu sprengen z.B. der Cocus der Brotfrucht und dennoch löset sie
leicht die in sich gesteigerte Lebenskraft von innen, und im Zerspalten bildet sie noch eine
schützende Haut über den zarten Herzpunkt und entfernt im Zerfallen alles, was in dessen
Nähe
ihm Nachtheil, Hinderniß der Entfaltung seyn könnte. Auf lasset uns und mich nicht
zürnen, daß durch der Menschen Ansicht meines Lebens ich und wir uns aufgefordert, ange-
trieben fühlen, gleich den Saamenkörnern großer den Stürmen zu trotzen[den] und einer langen Lebens-
dauer bestimmten Bäume – vor allem eine lange, tiefe Pfahlwurzel in die tiefe Nacht und Dunkel-
heit des Lebens zu treiben; lasset uns nicht nur deßhalb nicht zürnen sondern dafür danken. Ja loben
und danken will ich immer Den, Der mich die Naturansicht des Lebens, und die Lebensansicht der
Natur und die Einheit der Natur und des Lebens finden ließ; der sie mich nicht nur finden, sondern
sie auch erkennen und derselben getreu leben lehrte; wie ich schon in einer der ersten Religions- oder
Lebensbetrachtungen im Hänoldschen Hause sagte: man könne die Bestimmung des Menschen aus-
sprechen ewig Gott zu loben, oder zu danken, oder zu lieben, oder zu dienen u.s.w. (: über in Beziehung
auf den Menschen selbst, zu leben :) – dem Wesen nach sey dieß alles eines und eben dasselbe.
Ich habe Euch im vorigen Briefe eine Deutung der auf Felsen liegenden Burg W. [Wartensee] in Beziehung auf
mich gegeben, sehet in Beziehung auf Euch die rauhen, steinigen Berge welche Keilhau schützend
umgeben als ein Sinnbild der schützenden harten Lebensschaale und Rinde mit welcher die Vorsehung
[uns] jetzt von neuem umgeben will betrachten; lasset uns diese harte Rinde und Schaale nicht wieder zu
frühe den nachtheiligen Eindringungen und Einwirkungen von Außen öffnen, bis bis wir in uns stark
klar in uns des Lebens Herzpunkt ausgebildet haben, wie wir vielleicht zu frühe unser[e] rauhen
Berge unser abgeschlossenes Thal dem Zutritt anderer öffneten.
-----
Nach diesem Übergang nun laßt uns in die Betrachtung ganz eintreten in das äußere Leben.
Wie ich glaube und in mir überzeugt bin liegt nun nach jeder Seite hin das Leben ich mei-
ne besonders jetzt auch das Wartenseer Leben klar vor Euch wie vor mir, so klar als
es überhaupt rücksichtlich seiner Entwicklungsstufe klar vor uns liegen soll und kann.
Ich werde immer bestimmter und fester überzeugt, und die Thatsachen zur Prüfung liegen ja Euch
wie mir vor: die Begründung und Erscheinung der Erziehungs-, sey es auch äußerlich zunächst nur
der Lehr- und Schulanstalt Wartensee geht mit Nothwendigkeit aus dem gesammten Bildungs-
zustand des Kantons und vielleicht aus mehr noch hervor. Das innerste ich möchte sagen sich
selbst unbewußte Bedürfniß des Cantons will, wünscht ja ersehnt eine Erziehungsanstalt wie
Wartensee;und wünscht daher, ich möchte eben so wieder sagen sich selbst unbewußt deren Bestehen.
Da aber die hiesige Bildungsstufe nicht weiß, wenn auch dunkel ahnet, was sie bedarf, so kann
sie ihr Bedürfniß, ihr Vortheil, ihre Meinung nur durch unmittelbare Theilnahme und diese, dieß /
[9R]
haltet fest, wieder ganz nur in dem Maaße als sich die Gaben und Leistungen Warten-
sees entwickeln; damit sie dadurch und daran erst selbst sehen was sie suchen, was sie bedürfen
was ihnen mangelt. Da aber der Mensch sich in dem was er bedarf wohl gern [be]lehren und unter-
richten läßt aber es sehr ungern eingesteht, und wenn er es auch wohl gar in sich und selbst mit dem
Munde – vielleicht eben darum eingesteht daß ihm widersprochen werden mögte – er bedürfe
noch der Lehre und des Unterrichtes – es dennoch nicht will und nicht wünscht daß es ihm gesagt
ihm von andern ausgesprochen werde, daß er noch bedürfe und was er bedürfe, wegen allem
diesen nun muß man hier einen auf das höchste sorglichen Entwicklungsgang gehen: - es muß
möglichst still möglichst viel und des lebenvollsten Gemüth[-] und Geistergreifenden geleistet
werden, dieß muß einfach hingestellt werden als ein stummer Magnet und sprachloser Weg[-]
meiler
[sc.: weiser]. Das neue und sicher Hingestellte reizt die Neugier und die Theilnahme aller Halbge-
bildeten. Wird nun in dem ruhigen stillen und sinnigen Nachgehen der gegebenen wirklich
bestehenden
Verhältnisse nichts versehen so ist mir die sichere und gesiche[r]te Begründung und
die gesunde, frische [Keimung] und Entwicklung, das Wachsthum, die Blüthe und das seegensreiche Fruchten der hiesigen
Unternehmung nicht einen Augenblick zweifelhaft. Nochmals es ruhet im Ganzen eine be-
stimmte, gesunde, frische, freudige lebenvolle Stimmung nach und in mehreren Seiten und Richtungen hin für die hiesige Unternehmung; nur ruhiges sinniges Nachgehen und sicheres, zweifelloses festes Hinstellen. Nochmals sprach ich es seiner Wichtigkeit wegen aus. Dieß alles glaube ich und läßt
sich auch sehr klar und bestimmt nachweisen.
Vors erste glaube ich mir behaupten und durchführend beweisen zu können daß zwischen der hier im Allgemeinen statt findenden Bildung und dem was wir in Keilhau sind und leisten d.h. als Bildungsanstalt
sind und leisten eine gewisse – entgegengesetzte Gleichheit – herrscht. H- [Herzog] hat ganz recht
wenn er sagt den Schulen Luzerns mangelt nichts, vielleicht sogar wenn er sie an die Spitze (sogar
der Schweizerischen Schulbildung stellt, - denn – wenn man sie höret reden laut, so meint man wirk-
lich sie hätten schon erobert die Braut – d.h. wenn Du ihre Schulbücher durchliesest so hast und
findest Du alles was nach jetzigen Begriffen zunächst in eine gute Schulanstalt gehört: Religion, Sprache, Geschichte, Naturgeschichte, Erdkunde, Naturkunde, Rechnen, Sprachdarstellung u.s.w. aber alles in todten Wort sogar die Geschichte Tells – hier hast Du den Schlüssel zum Ganzen – lernen sie buchstäblich auswendig.
Also ein gewisses Wecken des Interesses für alles was dem Menschen wichtig ist und doch ein reines Todtschlagen des Geistes. Manche Kinder d.h. gehörig von Jahren, geben hierfür Beweise wovon wir in Deutschland
wie in Keilhau keinen Begriff haben sie können (die besten von ihnen) oft nur rechnen mit dem EinmalEinstäfelchen
auf dem Schooße oder durch Abzählen an den Fingern. Ferdinand hatte heute seine liebe Noth einem
ungemein geweckten, klugen ja listigen 14 Jahr alten Jungen klar zu machen wenn das Ganze 12 Theile
habe, wie viel Theile dann ¼ des Ganzen und ¾ , wie viel 1/6. Die Antworten waren zu unbegreiflich als daß ich sie [hier] hinsetzen sollte. Ihr Briefschreiben und ihre Sprachdarstellungen sind ohngefähr etwas
ähnliches wie man Tänze, Walzer durch Würfel und Würfeln componirt. – Dagegen kann man
nun, was ganz natürlich ist, auch sagen daß sie wirklich hungrig nach Gestaltenden Unterrichte
sind: einen Brief schreiben, seine Gedanken niederschreiben einen Aufsatz machen sind ihre ersten Forderungen.
Viel wird Zeichnen gefordert und die Kinder zeichnen wirklich mit unsäglicher Lust Fleiß und Aus-
dauer, zwey Stunden können sogar die noch jüngeren festsitzen; auch zeigen viele sehr namhaften
Gestaltungstrieb sehr schöne Sachen sind schon erfunden, sehr schön manches ausgeführt worden.
Deutsche Sprache forderte letztlich ein ganz gewöhnlicher Bauernjunge der schwarz wie ein Köhlerbub war auf
einem Spatziergang von mir. Neben ihm stand sein jüngerer Bruder mit ein Paar strahlenden klaren Kry-
stallAugen auf alles achtend. Ja (wenn ich es anders recht verstanden habe) sagte der Größere, für diesen wäre die Schule in W. gut. – Ich will einmal komme geh luege (: Ich will mir einmal das Ding doch ansehen)
sagte der Älteste. So bestimmt äußern sich sonst rohe Kinder. Immer wiederkehrend höre ich daß
die Kinder mit der größten Lust hieher komme[n]; an Sonn- und Festtagen ist ihr Wunsch ich mögte doch
in Wartensee heute Schule seyn. Und wenn ich es zugeben könnte hätte ich jeden Sonntag Nachmittag
eine Vollständige Schule; dennoch arbeiten zum öfteren einige selbst die kleinsten Sonntags stundenlang bey mir. - /
[10]
Eine Äußerung, die mir zum öfteren von den Kindern wieder erzählt wird ist: Wir gehen gern nach
W. – denn wir dürfen dort doch etwas machen d.h. Spielen in den ZwischenMinuten und sich bewe-
gen. Hätte ich nur erst für sie einen Barop ich glaube der würde in vieler Beziehung seine Westphalen
hier wieder finden.
Auch die Geistlichen von welchen ich – wie man sie auch sonst im Urtheile hinstelle – vermuthen muß, daß sie sich doch in dem Leben der Menschen und Familien hier <in> ihrem Einflusse wie das Mark in den Bäumen durchziehen, ja auch die Geistlichen selbst scheinen nicht nur nicht gegen mich sondern die besseren und besten sogar für mich zu seyn; ich vermeide auf das strengste jede religiöse Erziehung, Positives wird nun gar nicht erwähnt; ich lasse die Figur als Figur, die Gestalt in ihrer Gestalt und die
Zahl und die Sprache in ihrem Gesetz reden. Ja es scheinet fast als ahneten die Geistlichen, daß dieß nicht
nur den Menschen die wahre Religion nicht entfremde, sondern sie demselben, und ihn ihr zu [zu]führe.
Diese besseren und besten Geistlichen wovon ich zum Glück wohl gerad einige in der Nähe habe sind keines Weges Finsterlinge sondern aus einer guten philosophischen und theologischen Schule, ich
glaube zum großentheil von dem bekannten Sailer (: Herausgeber der Nachfolge Christo und der Er-
ziehungslehre pp pp der Rede von dem Verhalten des denkenden Mannes in Beziehung auf sein Zeitalter)
ich glaube jetzt Bischoff in Regensburg, sonst Professor in Landshut. Der Herr Pfarrer u Dekan
Siegrist
in Wohlhusen ist sein Schüler und irre ich nicht sehr, jetzt beyde sehr innige gleichstrebende
Freunde[.] Dieser Dekan Siegrist nun hat mir wie Ihr wißt früher seine Rede von dem Jahrestag der Sempacher
Schlacht gegeben. Er hat mir vor einiger Zeit Sailers Erziehungslehre die er vom Verf. geschenkt be[-]
kommen und von welchem eine eigenhändige Zuschrift darinn steht geschenkt. - Er hat mir das Mild-
heimische Liederbuch nebst Melodien (alte Ausgabe) für Wartensee versprochen und eigentlich schon ge-
schenkt. – Er hat sich viel Mühe gegeben und giebt sich noch Mühe einen jungen Menschen zu einem Art
Unterlehrer hierher zu bringen. Als er im vorigen Jahr hier war sagte er zu mir: Sie denken
“Ist’s Menschenwerk wird’s untergehn ist’s Gottes Werk so wird’s bestehen.“ - Ich erinnerte mich in
dem Augenblick gar nicht daß dieß Luthers Worte waren. Bis jetzt sehe ich wenigstens von
der eigentlichen Seite der Geistlichen keine Entgegnung. Wie Ihr Euch in meinem letzteren Briefe er-
innert hat schon ein Geistlicher in der Nähe meine Erziehungskunst gelesen. Jetzt ist sie durch Fräulein
v. H. [Hartenstein]
einer Verehrerin des HE Dekan S. in W. – nebst noch drey anderen Schriftchen an den HE Dekan Siegrist geschickt worden. Ich hoffe nun bald wahrzunehmen wie dieser die Grundsätze darinne mit seiner Überzeugung in Übereinstimmung findet.
Die Regierung und der H. Erziehungsrath erscheint thatsächlich und äußerlich weder dafür noch da-
wider; aber in sich so muß ich vermuthen ist er doch ganz seinen früheren Äußerungen treu.
Also auch von dieser Seite läßt man der Sache wenigstens Zeit und sich gewähren; wie man
auch wirklich der freyen Entwicklung selbstständiger Überzeugung hier vielen Raum giebt.
Das Ergebniß des Ganzen scheint demnach zu seyn, daß hier im Allgemeinen gleichsam ein schlummerndes
unbewußtes GemüthsBedürfniß nach klärender und gestaltender Geistesthätigkeit herrscht,
also eine gewisse Polarität des Gemüthsbedürfnisses und der Geistesbildung welche um so entschie-
dener und bestimmter sich hier ausspricht weil man eben hier die Bildung innerhalb einer gewissen
Grenze sich selbst gewähren läßt. Daher glaube ich sind hier die Bedingungen einer zu verwirk-
lichenden Volkserziehung und Volksbildung mehr als wir sie noch irgendwo [sonst] gefunden haben.
Und ein gebildeter Geist findet hier wenn auch ein un[-] oder gar nicht gebildetes, doch ein ihn
willig, achtend und pflegend aufnehmendes, in dessen Forderungen eingehendes, den Geist
in seinem Wollen, wenn auch noch so dunkel erkennendes und anerkennendes Gemüthe.
Wie auch das Leben in seinen Erscheinungen roh und mehr noch als das ist: Gemüth macht sich
doch am Ende frey und eine gewisse Guthmütigkeit zieht sich durch alle Fehler und Verirrungen
durch. Da nun aber eine die Mannigfaltigkeit einende und gestaltende Lehr- und Erziehungsweise
mit die Form durchdringende und das Todte lebendigmachende Lehr- und Unterrichtsweise das
dafür empfängliche Gemüthe sieht, so glaube ich daß unsere Erziehungs- und zunächst Lehr- und Unter-
richtsweise hier einen angemessenen wenn auch harten, steinigten, d.h. mit Steinen und Dornen /
[10R]
bedeckten – doch der zu säenden Frucht angemessenen Boden gefunden hat.
So sehe ich das Ganze und ich wollte es Euch möglichst klar und bestimmt aussprechen wie ich es
sehe. Das früher schon in Beziehung auf Natur und Geschichte ausgesprochene Allgemeine bleibt wie es sich von selbst versteht in seiner Wirksamkeit; jetzt handelt es sich nur um das ganz besondere
Örtliche und Landschaftliche.
Also geübte und gewandte, erprobte und erfahrene Manneskraft fordert der Grund und Boden
zu seiner Behandlung d.h. der Erzieher und Lehrer findet hier rauhe rohe Matten zu erziehen.
Immer fallen mir aber wenn ich Euch eine Schilderung davon geben will, Middendorff u Barop,
Eure Bilder der lieben westphälischen Jungen ein.
Da sich hier nun mehrseitig ein guter Grund zeigt der den einzustreuenden Saamen gutes
Wachsthum für Blüthe und Frucht verspricht, so glaube ich muß auch die Bearbeitung dieses
Grund und Bodens mit großer Sorgfalt geschehen, es muß ein sicherer Plan entworfen, ein
klarer Weg zum Ziele betreten und der Zweck mit Mannes Sinn und Streben festgehalten
werden. Vielleicht schlummert auch noch anderes Wichtige im Schooße der Zukunft ich habe
es schon früher einmal angedeutet, ich will es jetzt nicht nochmals hervorheben; es ruhet
in dem Verhältnisse vom Gemüthe zum Geiste.
Ich habe Euch früher schon und besonders in meinen letzteren Briefen bestimmte Pläne zur Aus-
und Fortbildung Wartensees mitgetheilt und sie Euch zur Prüfung übergeben. Hier bekommt
ihr [sc.. Ihr] noch einen, der die andern zwar nicht aufhebt aber doch vervollständigt, wie mich dünkt
das Ganze schließt ihm Gestalt giebt. Ich lege es Euch ganz unbefangen und offen zur Prüfung
vor Ihr mögt und könnt mit Bestimmtheit entscheiden mir ist Eure Wahl und Entscheidung
recht. Was ich jetzt sagen werde ist eigentlich des Erste, was ich in Beziehung auf die Aus-
und Fortbildung W.- schon in Frankfurt dachte aber aus leicht zu findenden Gründen
immer zurück drängte.
Im Herbste machte ich den Vorschlag Elisen zur Führung der Wirthschaft hieher zu lassen. Der
Gedanke schon fand große Hindernisse. Ich sage Nichts weiter es mag gut gewesen seyn weil es so
war; denn eines ist gewiß meine Mittheilungen nach Keilhau und an Euch würden denn schwerlich
diesen Charakter und diese Ausdehnung, ja ich darf wohl sagen die Abrundung und Abgeschlossenheit
in sich gehabt haben, denn ich würde wohl mehr der mündlichen und persönlichen Mittheilung und Fortbildung gelebt haben. Genug ich kann mir bey der Ausführung jenes Gedankens die jetzige Fortbil-
dung ganz und gar nicht denken; da jetzt Wartensee mit Keilhau in den regsten geistigen Verkehr
lebt so würde dort Wartensee sich früher in sich abgeschlossen haben. Überhaupt als ich
jenen Vorschlag that war der Appenzeller Ausfall auf mich, welcher das Leben und die Verhältnisse
in so vieler Hinsicht ganz anders stellte, noch nicht geschehen, dort war mir der Gedanken einer
privat Erziehungsanstalt vorherrschend, der Gedanke einer ächten Volksschul- und Volkserziehungs-
anstalt noch gar nicht aufgenommen; alle Verhältnisse anders als sie jetzt stehen.
Seit jener Zeit ist mir auch wieder ein schon früher Gedanke von mir wieder lebhaft vor die
Seele getreten, der: daß sich bey weiten leichter Jünglinge und Männer, als Jungfrauen und
Frauen gleichsam verpflanzen lassen. Vielleicht hat dieß auch dort Elisen der Mutter und allen
denen welche eine entscheidende Stimme darauf hatten geahnet; vielleicht haben sie auch gefühlt
daß es hierher doppelt schwer ist Frauen zu verpflanzen (ich weiß kein andres Wort) weil das ganze
hiesige Leben in einer Beziehung wie ich schon andeutete einen gewissen weiblichen Charakter hat
und Frauen mit Frauen sich noch schwerer verständigen als Männer mit Männern. Aus allen
diesen Gründen mache ich vor [für] jetzt und zunächst auf weibliche Unterstützung von Keilhau
keinen Anspruch ändern würde sich jedoch alsbald das Ganze als Zöglinge einträten. Als-
dann halte ich aber die Ausführung des zuletzt gemachten Vorschlages, daß Du Wilhelmine
hierher kämest
am gerathensten; wer Dich begleiten könnte, nun vielleicht wenn wir
beyde Du und ich nach Deutschland zurückkehrten, das müßten die vorliegenden Umstände
bestimmen. Von diesem allen ist also in meinem jetzigen Vorschlage nicht die Rede, sondern dieser /
[11]
[Bogen] 6.
bezieht sich nur auf die Umstände: wie sie eben jetzt sind; und ist so dieß gleichsam der Vorläufer
die Einleitung zu jenem. Was und wie ich es nun meine ist dieß:
Du Barop machst mit dem nun bald beginnenden Frühjahr eine Besuchs- und gleichsam Visitations-
oder Inspektionsreise nach Wartensee. Du nimmst den Weg über Frankfurt a.M.
Dort ist für einige Tage Dein Ziel- und Dein Ruhepunkt. Was ich nun sagen werde bezieht
sich zunächst darauf daß nach meiner Überzeugung die alte Zeit eingetroffen ist, wo wieder
die persönliche Wirksamkeit alles gilt und macht. Das Schreiben und Drucken hat, wegen
der Schreib- und Druck-Überschwemmung fast allen Werth und alle Wirksamkeit verlohren
ja wirkt oft sogar negativ wie zu vieler Regen statt den Boden zu erweichen, denselben ver-
härtet. (: Vielleicht findet Ihr sogar schon eine ähnliche Erscheinung durch meine jetzigen vielen
schriftlichen Mittheilungen; doch ich fühle es schon sie werden auch bald wieder in Abnahme kommen,
wie der Mond kleinere Kreise beschreibt je höher die Sonne steigt :) das Ergebniß von H-s [Herzogs]
früherem und jetzigem Wirken gegen mich scheint den Beweis auf plane Hand zu geben, so
selbst Thatsachen unseres eigenen Lebens; nun das Ganze, das Leben liegt ja Eurer eigenen Prüfung
vor. – Die Hauptabsicht Deiner Reise über Frankfurt ist, Dich mit Schnyder klar zu ver-
ständigen, so wohl als es die Umstände erlauben einen klaren festen Plan für die Zukunft zu
fassen, dessen Fundamentalpunkt seyn muß: Der möglichen Entwicklung durch zu positive Bestimmungen nie Hindernisse in den Weg zu legen sich selbst und dem Ganzen aber die Freyheit zu sichern und
wahren, jeder von der Vorsehung künftig gegeben und geöffnet werdenden Entwicklung ruhig und
ungehemmt nachgehen zu können. Wie dieß sogleich in einer großen vorliegenden Thatsache
in der vorliegenden Thatsache – daß das hiesige Wirken die vielleicht einstige hiesige privat-
Erziehungsanstalt in der Volksschule gleichsam Volkserziehungsanstalt gegründet ist und
daraus hervorsteigt nicht aber die Volksschul-, Volkserziehungsanstalt, wie es vielleicht erst
Absicht war zu der privatErziehungsanstalt additionall, anfügend hinzukomme. Schnyders
Geist, Charakter und Individualität liegt schon offen genug vor Euch und vor Dir Barop, und sein
langer Brief an mich wird Euch denselben noch offener darlegen, obgleich ich selbst denselben noch
bis jetzt (: heute den 7en März :) noch nicht gelesen habe, weil ich jetzt immer die größte Sorgfalt
hege das Leben frey von fremden Einfluß wie es in mir ruht und keimt sich entwickeln und
gestalten zu lassen. Genug! auf diese Weise wird auch das Ganze dann, was ihm jetzt eigentlich
doch noch mangelt – ein ächt menschliches d.i. persönliches Fundament bekommen was
zu einer allseitigen Unternehmung was Wartensee doch werden soll gehört d.h. ganz klares
Überschauen des persönlichen Einflusses und der persönlichen Ansicht der hauptsächlichen bey dem Ganzen wirkenden Glieder
. Also sich selbst Sicherung des Fundamentes und Klärung des Um- und Über-
blickes des Umkreises, der Umfläche. Dieß das eine, worauf ich wohl noch zurück kommen werde.
Das zweyte ist das Verhältniß unserer Erziehungs- und erziehenden Unternehmungs- und Wirk-
samkeit im Allgemeinen zu Frankfurt a.M. besonders zu unsern Freunden daselbst.
Vielleicht ist Euch und namentlich auch Dir Barop in dem bekannten Hauptbriefe Schnyders an mich
im Oktober v.J. die Äußerung des HE Pfarrer pp Kirchner in Frankf. am M. aufgefallen „wenn
ich eine gute Erziehungsanstalt gekannt hätte so“ pp – Nun das seit 1816 oder vielmehr 1817 bestehende
seit 1818 in der Öffentlichkeit aufgetretene, also nun 13 Jahr in Wirksamkeit gewesene Keilhau
darf sich doch zu den guten Erziehungsanstalten zählen und einem HE Pf. K. von dem das bestimmteste
critische Urtheil ja eine Kenntniß des ganzen Umfangs aller privatErziehungsanstalten erwartet
ja gefordert wird; diesem ist es wie gar nicht daseyend. Ihr seht daraus wie Schreiben und Drucken
seine ganze Wirksamkeit verlohren – der Mensch aber nicht aufgehört hat sich zum Gewohnheits-
thiere herabzuwürdigen
– (: obgleich in Beziehung auf Schnepfenthal meine Überzeugung bleibt was ich in meiner Antwort an Schnyder ausgesprochen habe :) Also in Frankfurt und für Frankfurt dünkt mich eine wiederkehrende lebendige und lebensvolle Anregung für menschenwürdige Erziehung so wich-
tig als heilsam; das Ergebniß derselben mag sich nun nach Keilhau oder Wartensee
wenden, mir und uns ganz gleich. Das Urtheil eines ihrer ersten Sprecher in diesem Fache des HE Pf. /
[11R]
Kirchners über Schnepfenthal und die Frankfurter Erziehungsanstalten ist Euch bekannt. Wein-
heim genügt in seinen Leistungen für höhere und besonders classische Bildung nicht obgleich
sonst von Frankfurt aus sehr besucht. Schon bey meiner Anwesenheit in Frankfurt wurde
mir daher gesagt daß ein gewisser Prediger [Lücke] Willens sey seinen Sohn nach der Confirmation
deßhalb von da weg und nach Keilhau zu thun. Vielleicht könnte man sich sogar stillschweigend
mit Weinheim verständigen; doch davon nachher. – Die Musterschule in Frankfurt er-
hält bis jetzt seine Elementarlehrer aus dem Seminarium von Denzel in Eßlingen; Bagge
ist mit den Leistungen dieser Anstalt nicht zufrieden die Bildung der jungen Männer ist ihm zu äußerlich
vor allem zu mechanisch. – Ihr und Du erinnert Euch ja was ich in dieser Beziehung von Frank-
furt aus schrieb, könnet es ja auch nachlesen.
Also, Barop! außer Schnyder würdest Du vor allem mit Bagge viel besuchen verkehren; dann mit den wesentlichsten Lehrern der M[uster]schule Ackermann und Groth (besuchen) welchen letzteren ich Dir auch wegen seiner einfachen lieben Familie empfehle.Mir wurde es sehr wohl in ihr. Dann suchst
Du Emil Schwarz auf, durch und mit diesem oder auf eigene Hand mit meinem Gruß gehst Du
nach Offenbach zu Dr. Becker Vorsteher einer Familienerziehungsanstalt. Hier bringst Du das Gespräch
mit dem alten [Becker] auf Sprachenunterricht, brichst aber ja keine Lanze, suchst auch ja nicht aus dem Sattel zu heben. Der Mann hat sehr viel Beachtungswerthes, hat viel darinn gearbeitet. Bey Ackermann kannst
Du dessen {großes Sprachwerk große Grammatik sehen, bey Schwarz vielleicht die kleinere Schulgrammatik. -
Dr. Groth vergißt Du so nicht. Durch Schnyder läßt Du Dich mit Dr. Wilhelm Wagner Redaction
der Didaskalia und mit Dr. Freyeisen ich glaube Redacteur der Zeitbilder bekannt machen. Bey dem
ersteren kannst Du Dich auch selbst durch u mit einem Gruß von mir einführen. Er ist ein sehr freund-
licher lieber Mann und ehemaliger Erzieher. Er ist wohl einer von denen auf welchen meine
Schriften einen entschiedenen wohlthätigen und anregenden Einfluß gehabt haben. Aus Frankfurt
schrieb ich Euch ja schon über alle diese Männer Du Barop kannst es ja nachlesen. Auch den
Kosel, von dem ich nie wieder etwas gehört habe besuchst Du natürlich und siehest wie es
ihm nun nach dem Unfall mit seiner Frau geht u was er treibt. – Willst Du so läßt Du Dich durch
Schnyder in die Singakademie oder Singverein einführen auch mit dessen Vorsteher Scheble bekannt
machen; dieß die wesentlichen einzelnen Personen. Rücksichtlich der Familien brauche ich Dir die Öde
nicht zu nennen; doch um ganz frey zu seyn lehnst Du das Wohnen daselbst mit Bestimmtheit ab. Bey
Speyers läßt Du Dich durch Schwarz versteht sich, bey Frau Speyer einführen. Könntest es wohl auch durch meine Grüße selbst thun doch ist besser Du bittest Schwarz darum. Hier bringst Du besonders allen Kindern und den Jungen meine Grüße. Und freundlichen Gruß dem Bruder der Frau Speyer, dem
Herrn Baron von Welling, oder schlechtweg HE von Welling (ein getaufter? Jude) Ein vielgereiseter Mann <-> davon nachher. Ihr werdet Euch dessen aus meinen Briefen aus Frankfurt erinnern, Du weißt
daß diese Frauen von Haus gern auf hohen Fuß stehen und auf solchem behandelt seyn wollen. –Alles
dieses machst Du nach den Umständen in wenigen oder mehreren Tagen ab. Wirst schon sehen wie sich
das Leben und wie es Dich wendet. – Auch damit Du ja den Schnyder triffst so schreibst Du ihm
von Deiner Reise über Frankfurt und der Zeit Deiner Ankunft daselbst. Schnyder wird um
diese Zeit noch keine Reise vorhaben. – Hast Du Gesellschaft bey Dir vielleicht wie ich schon ein-
mal berührte den Felix, oder den Titus oder wie es sich sonst macht, so läßt Du diese,
wenn sie sich einen Tag in Frkf. und vielleicht Offenbach umgesehen haben nach Weinheim vor-
ausgehen und dort Deiner erwarten. Es ist eine gar zu köstliche Gegend um Weinheim
wer ihr einige Tage schenken kann ist glücklich. Könnten sie auch nicht in der Anstalt selbst
wohnen, wo man sie aber gewiß freundlich aufnimmt, so könnten sie im Gasthof wohnen.
Ich fürchte nicht daß es da theuer seyn würde. Es giebt ein Panorama der Bergstraße
vom Thore zu Frankfurt bis nach Heidelberg mindestens müßt ihr [Ihr] es zur Einsicht Euch
in einer Buchhandlung
z.B. der Erdmannschen (wo ich es sahe) verschaffen. Könnte es Euer Eigen-
thum werden, desto besser. Was Du in Frankf. zu vermeiden hast wirst Du Dich an meinen 2en oder 5en Briefe v[on] dort erinnern.
Ist, Barop! Deine Mission in Frankf. beendigt so ziehst Du Deinen Vorläufern nach Weinheim /
[12]
nach und bleibst selbst nach Umständen dort. Von Weinheim ziehst Du über Heidelberg wo
Du wenn Du Lust hast, den Prof. und ConsistorialR. Schwarz den bekannten theoretischen und prakt.
Erzieher aufsuchen kannst nach Stuttgard. Ist es möglich so machst Du hier d.h. in der Um-
gegend einen längeren Aufenthalt, besuchst nemlich die Klumpsche Erziehungsanstalt in
Stetten im Remsthal. Es wäre wohl gut, Euch in Keilhau schon die Anzeigeschrift dieser Anstalt
zu verschaffen, sie führt den Titel:“Die Gründung und Eröffnung der Erziehungs- und Unter-
richtsanstalt in Stetten im Remsthale im Königreiche Würtemberg. Auf Verlangen heraus-
gegeben von den Vorstehern der Anstalt. Tübingen Gedruckt bei Ernst Traugott Eifers 1831.
8° 44 Seiten.“ Prof. Klump selbst wohnt in Stuttgard. Ihr erinnert Euch schon das [daß] Schnyder dessen
Bekanntschaft machte. – Vielleicht ist es auch wichtiger für uns Kornthal zu besuchen. Ihr wißt
Wetzstein war einmal da und der Vorsteher dessen Namen ich mich nicht erinnere dachte gut
von Keilhau, wünschte sogar von dorther Lehrer. – In der Klumpschen Anstalt scheint alles
aufs beste geordnet zu seyn – der preußische Gesandte Arnim in Luzern sprach wie Ihr Euch er-
innern werdet gegen Schnyder sehr gut von derselben. Willst Du in Eßlingen das Seminar
von Denzel aufsuchen so hat es auch vielleicht sein Gutes. Nachweisungen über Schulwesen in Stutt-
gard und deren Vorsteher kann Dir auch Scholterer Lehrer an der Mustersch. in Fr[an]kf.[urt] und ein Zögling des Eßlinger Seminars geben.
Nun geht die Reise weiter über Tübingen wo Du vielleicht den besondern Gönner und Beschützer Georg Luthers, den Prof. <Steudli> aufsuchen kannst, weiter nach Schaffhausen und Zürich. Hier suchst Du vor allem Follen auf welchen Schnyder in seinem Briefe mit ein paar Wörtern so anziehend zeichnet.
Willst Du Nägeli aufsuchen so hängt es von Dir ab, auf diesen Fall kannst Du ihm einen Gruß von mir
bringen. Von Zürich hat Dir nun Ferdinand den Weg nach Wartensee klar genug beschrieben
und mit dem Panorama des Rigi ist er auch von Ort zu Ort nachzusehen.
So wärest denn nun auch Du Barop wenigstens zunächst dem Plane nach und als Gast in W.
angelangt.
Ehe wir nun aber „guten Tag!“ und „Willkommen“ sagen noch ein paar Rückblicke.
Deine Reise von Keilhau aus werden nun freylich Deine die <Con?>anstalten bestimmen. Könnte
sie von Keilhau zunächst über Meiningen gehen und ließe sich im Vorbeygehen da ein besseres Licht
anzünden nun so wäre es wohl nicht zu verabsäumen, vielleicht könnte die Fr: v.Arnim
ein paar Wachskerzen, ein paar Verhältnisse dazu nachweisen namentlich wenn Dich Felix be-
gleitete. Führt Dich Dein Weg über Schweinfurt so vergiß ja nicht den Buchhändler Beck, von
wegen ich Euch schon von Frkf. aus schrieb, aufzusuchen, es ist ein sehr lieber, milder, eingehender,
klarer zuverlässiger Mann, und wird Dir lieb seyn ihn kennen gelernt zu haben.
Der Zweck dieser Reise ist nun aber keinesweges sich mit der Außenwelt und Einzelnem der-
selben in auflösende Ausgleichung zu setzen, sondern vielmehr ihr und ihnen gegenüber
diese klar und geschieden bestimmte Selbstständigkeit immer mehr zu erkennen, auszubilden
und festzuhalten.
Haben wir hast Du diesen Zweck nun auf dieser Reise auf einer neuen Stufe erreicht
nun dann „guten Tag!“ und „Willkommen.“ Jetzt vor allem ruhe aus von der Reise daß Du
so im Hause, im Hofe in der Umgebung Dich heimisch fühlest und heimisch werdest. – Nun
mache Dich mit dem Leben bekannt wie es besteht, mit den Kindern ihrem Wesen, ihrem Fleiß
ihren Fortschritten. Alles rufen wir in uns zurück durch Wort und durchs Auge, auf Spatzier-
gängen und Gesprächen was nur bisher immer mitgetheilt worden ist von uns vollständig
in die Mitte der Gesammtlebensverhältnisse wie sie wirklich bestehen zu versetzen.
Und nun Ihr Freunde, Brüder und Geliebte! sehet, höret wie sich das Ganze durch diese
bestehenden Gesammtverhältnisse in mir gestaltet hat, wie ich es in mir trage. Ich
theile Euch dieß alles als Männern mit offenem männlichen Vertrauen mit um vor allem
einer Frage zu begegnen die sich vielleicht in Eurem Kreise und unter Euch erheben könnte
der bestimmten Frage an mich: sage mir, sage uns nun wie sich denn eigentlich auch /
[12R]
das Ganze entwickeln, gestalten kann; wenigstens wie Du es als möglich in Dir trägst.
Weil nun der Mensch zu jedem seiner Werke den Plan den bestehenden Bedingungen
und Forderungen gemäß gleich groß und ausgebildet in sich tragen soll, wie z.B. der
Eichkern den ganzen Plan, Grund und Aufriß der Eiche in sich trägt, so trage ich den
bestehenden Verhältnissen angemessen folgenden Plan in mir. Um gleich beym Beginne seiner
Keilhau und Wartensee hat viele Ähnlichkeiten unter andern auch diese. Mittheilung für uns
einen gemeinsamen und leitenden Punkt zu finden, so knüpfe ich an die Äußerung des
Herrn Prof: Schulz in Jena gegen Langethal an; daß man jetzt wo wegen der eingeführten
Landstände und besonders wegen der auf dem Grundbesitze, dem Bauer und Grundeigenthümer
ruhende Stimmberechtigung – sein vorzügliches Augenmerk auf die Bildung der Grundeigen-
thümer richten müsse; auch ich bin selbst in der Schweiz auf das bestimmteste dazu aufgefor-
dert worden, ja hier wo (wie der Ausdruck ist) das Land so mächtig seine selbstständige
Stimme erhebt, hier scheint recht die Forderung des Herrn Prof. Schulz in Anwendung zu
kommen. Beachtet es nur ernst und wohl wie diese von außen an uns geschehende
Anforderung, ganz auch meiner und unsern inneren Ansicht von der Wichtigkeit des
und der Erziehung und Bildung fürs Landleben entspricht. Diese Übereinstimmung
der innern und äußern Anforderungen muß uns aufs höchste Aufmerksam machen. Nun
werdet Ihr Euch aber eben so zur Schärfung Eures Blickes an die Forderungen und Wege der
Vorsehung erinnern, wie ich beym Beginn meines Erziehenden Wirkens in Keilhau
der ich nicht einmal etwas mit einem Hauswesen zu thun haben wollte durch die Verhält-
nisse
von der Vorsehung zur Aneignung eines Landwesens gezwungen wurde.
Ich bitte Euch sehr diese dort stattgefundenen Verhältnisse, wie sie noch im Gedächtniß von Middendorff
und Langethal seyn müssen, zurück zu rufen. Die Absicht, die Gesinnung mit der die Andern dort
in Rud.[olstadt] und jetzt in V[o]lkst:[ädt] handelten wißt Ihr war rein um mich zu vernichten, denn der B.[ruder] in R.
hatte wie sich einige vielleicht noch erinnern von mir in dieser Beziehung gesagt: Daran muß er zu Grunde gehen. Jetzt stehen die Lebensverhältnisse gesteigert in sehr vieler Beziehung wie dortmals,
gehen wir darum still und achtsam den Verhältnissen nach – ich bitte Euch sehr – damit die Vorsehung
nicht wieder Ursache habe in einer zwingenden Form aufzutreten, und sollte sie sich einmal
auf irgend eine Weise sich durchblickend zeigen so laßt uns ihre Deutung bald verstehen
und im Buche der Vergangenheit lesen was wir in der Gegenwart zu thun haben.
Wie bey meinem Erscheinen in der Heymath Brdr [sc.: Stiefbruder Karl Poppo] und die welchen ich wohl wollte als
Gegner gegen mich auftraten, so tritt bey meinem Erscheinen hier in der Schweiz und W.
einer gegen mich auf der sich mir Fr[eun]d. nannte und dem ich nicht allein wohl wollte, sondern mehr-
fach auch that. – Ich kann nun die Fortsetzung der Vergleichung bey dem ersten Besitze oder der zweyten
Besitzerin auf[nehmen] die Sache ist am Ende gleich. Ich will bey Aug: Sch: anfangen. Wie der
auf schwachen Füßen stand und sein Gut verkaufen mußte, so steht auch der jetzige Besitzer
des Guthes Wartensee auf schwachen Füßen, man wundert sich, daß er sich so lange schon ge-
halten hat und bezweifelt es nicht daß er wird genöthigt seyn das hiesige Gut zu verkaufen.
Er der jetzige Besitzer Namens Meyer hat mir selbst gesagt daß er kurz vor meiner Ankunft Willens
gewesen sey das Guth zu verkaufen, daß er sich aber traue es nicht gethan zu haben, weil er nun
hoffe daß es durch die Nähe der Erziehungsanstalt im Preise steigen werde. Wie bey Aug: Sch:
kommt auch hier das Vermögen von der Frau oder vielmehr den Frauen, denn auch dieser hatte zwey
Frauen aber zwey Schwestern beyde reich.
Das Guth selbst ist vollkommen in sich abgerundet, alles Land, Feld, Wiese, Wald, Garten an und
in einem ungetheilten Stück, mit wohl ziemlich gleicher Länge und Breite: die Größe des Ganzen
ist, irre ich nicht sehr, 180 Juchart Land. [Rand*-*] [*] nein! wie mir der Sohn sagt, 240 Juchart, den
Juchart zu 45000 ٱ [sc.: 4500 m2] großes und 36000 ٱ [sc.: 3600 m2] kleines Maaß, ersteres vielleicht für schlechtland, letzteres für
besseres Land.[*] In diesem ganzen Lande liegen, außer dem Haupthof
Wartensee, dessen Wohnhaus und Scheuer Ihr auf dem zweyten Lithographischen Blatte sehet (auch
auf einer der Zeichnungen Ferdinands :) – noch zwey andere kleinere Höfe mit ihren Häusern, eigner
Scheuer genannt Kohlholz und Hinterbruck. Letzteres kann man von hier aus, aus sehen /
[13]
[Bogen] 7.
dem Fenster sehen; es mag 5 Minuten von hier entfernt seyn so wie das erste vielleicht 10 M.
Diese Häuser sind jetzt vermiethet. Das Land bearbeitet der Bauer aber als ein Ganzes. Er
ist in der Gegend nicht als guter Wirth bekannt, hat z.B. bey dieser Land Masse fast gar
keinen Viehstand indem er alles Land zum Graswuchs behandelt, sodaß der Ertrag des Ganzen
größtentheils in Heuverkauf besteht. – Holz giebt die Waldungen so viel mir bekannt weit
mehr als der Bedarf erträgt. Die Waldung ist größtentheils Laubwald von vortrefflichen
Wuchs. – Das Land ist wie Ihr aus meinen früheren Briefen wißt, zum Anbau aller Ge-
wächse geschickt. Die Obstbaumzucht ist hier bedeutend und auch auf dem Gute selbst stehen
viel Obstbäume. Ein kleiner Hausgarten ist schon beym Haupthof und sonst keinen Garten
nach Bedürfniß angelegt worden, versteht sich unmittelbar am Haupthause. Dieser Bauern-
hof und die Scheuer sind von Herrn Schnyders Vater ganz neu erbaut worden; wie Ihr
auf den Zeichnungen seht sehr ansehnlich, im Innern war ich nie.
Dieser Hof, dieses ganze Gut hat der jetzige Besitzer (der früher Pächter desselben war) von Herrn
Schnyder vor einigen Jahren freylich wie ich höre auf etwas krummen Wegen für 28.000 Schweizer
Franken = 7000 Brabanter oder Laubthaler erkauft. Der krumme Weg u.s.w. kostet wie mir
der Besitzer selbst sagte auch 3000 Fr[an]ken = 750 Brabanterthalern; also im Ganzen 31.000 Fr[an]ken
oder 7750 B[r]ab[an]t[e]rth[a]ler. Ob nun gleich der Bauer bedeutend Holz aus der Waldung verkauft hat
dennoch sagte er mir einmal es seyen ihm 50.000 Fr[an]ken für den ganzen Hof = 12,500 Brbtrthr
geboten worden; was ich aber nicht glaube, denn er ist in seinem Reden kein Mann von Wort.
Nun dem sey vor jetzt wie ihm wolle; Zeit und Umstände würden dieß alles klar machen.
Genug da es allgemein bekannt ist, daß der jetzige Besitzer (: welcher übrigens auch einen Hof
bey Euch – sehet Ferdinands Zeichnung – besitzt, welcher aber seinem ältesten Sohn erster Ehe zu-
geschrieben ist :) – den hiesigen Hof nicht wird halten können so hat sich nun im vorigen Herbste
in dieser Beziehung ein junger verheyratheter Ökonom aus Luzern als Wirthschafter angetragen.
Weil ich nun schon in Frankfurt am M. den Stand des Ganzen etwas überblickte, so sprach ich
schon dort Schnyder den Gedanken aus zu sehen ob es nicht möglich sey das Gut zurück zu kaufen
ehe noch von einer Erziehungsanstalt die Rede sey, weil ich wohl einsahe sobald diese Ab-
sicht hervorträte würde auch der Besitzer den Preis des Guthes erhöhen. Doch Schnyder gieng
nicht darauf ein, meinend so viel wir noch zur Vervollständigung der Anstalt bedurften
würden wir schon von dem Bauer Land bekommen.
Die Lage des Ganzen nun, der Wunsch der vollkommensten Erreichung des ErziehungsZweckes, des Prof: Schulzens Äußerung an Langethal und anderes, was ich gleich erwähnen werde, bringt mir
wiederkehrend den Gedanken zurück bey einer sich zeigenden günstigen Gelegenheit den ganzen
Hof zur vollkommensten Ausführung des Erziehungszweckes an [sc.: von] uns zu kaufen.
Ich will Euch offen darlegen wie mein Gemüthe und Geist ordnete und verband, damit Ihr klar
prüfen und entscheiden könnet. Langethal sagte mir daß sein Bruder [Christian] durch seine jetzige Wirk-
samkeit nicht befriedigt sey; was er dagegen anders will sprach Langethal freylich nicht aus.
Genug ich verband seine frühere Bildungsschule in Keilhau und seine jetzige in Jena, und so er-
halt ich durch diese äußere Verbindung leicht einen pädagogischen Landwirth. Ob dieß nun
freylich mit Christians Lebensansicht zusammentrifft weiß ich freylich nicht. Euch liegt das
Ganze klar vor und Ihr müßt als Männer rücksichtslos entscheiden. Ich will es nun
aber zunächst wenigstens zur Durchführung meiner Ansicht annehmen; denn wäre sie wa[h]r
und läge sie mit in der gesammten LebensEntwicklung so brauchte es ja eben kein Christian
Langethal
zu seyn und was und wen wir bedürften würde sich finden – der landwirthschaft-
liche Plan
würde in strenger Berathung mit und durch den HE Prof: Schulz entworfen; und
die Sache wäre dann wohl wichtig genug, daß dieser mit Langethal jun: hieher reisete
und ich glaube auch wohl daß er sich dazu verstände, nemlich in der Verbindung daß die
hier gebildeten Jungen Leute praktisch für seine theoretischpraktische Landwirthschaftliche
Lehranstalt in Jena gleichsam vorgebildet würden. So träten wir gleich schon von einer /
[13R]
Seite mit der Hochschule in organische Verbindung, so wie durch die gebildeten jungen Männer
selbst, wenn sie einst stimmberechtige Landeigenthümer würden mit dem Staate, und der
Staatsverwaltung selbst. Zürnt mir nur nicht daß ich gleich alle Richtungen bis zu Ende
führe, ich kann nicht anders, darinn besteht nun einmal mein Leben alles gleich in einem
in sich geschlossenen Organismus, in einem Lebganzen zu sehen.
Neigte nun Ferdinands Natur auch mehr zur praktischen als zur rein wissenschaftlichen Seite
so könnten sich ihm hier dann in dieser Ausbildung des Ganzen wohl mehrere Richtungen finden
unter welchen er für sich die entsprechendsten wählen könnte gleichviel welche, so daß viel-
leicht Christian Langethal und Ferdinand den besonderen Vorstand und die Leiter der Landwirth-
schaftlichen Anstalt ausmachten. Der Geist der Erziehung müßte in dem Ganzen seinen besondern
und charaktervollen durchgreifenden Repräsentanten haben.
Die erste Pflege des Gedankens einer rein menschenwürdigen Erziehung und die Ausführung dessel-
ben besonders an jüngeren deutschen Kindern und Knaben blieben ganz Keilhau anvertrauet.
Keilhaus Leben bildete sich immer mehr in dem Maaße aus als es jetzt begonnen. Der Bruder
Führer der Wirthschaft, ihm zur Hülfe heraufwachsend wer dazu in sich Beruf fühlt, ich
will nicht classifiziren. Sind junge Leute heraufgewachsen wie z.B. Gustav v. Bischoffsh.[ofen]
Felix Minerow u.s.w. so können solche ihre Fortbildung hier in Wartensee finden und wollen
sie ihre Bildung wissenschaftlich noch weiter verfolgen wie gesagt die Hochschule Jena. U.s.w.
u.s.w. Diese Andeutungen werden wohl nach jeder Seite hin genug seyn.
Die verschiedenen Höfe machen hier Trennung und doch Einigung der Anstalten möglich. Der
eine z.B. Hinterbruck könnte nur der Volksschule eingeräumt werden.
Das Guth lieferte [für] fast alle Bedürfnisse der Anstalt, wie ich oben andeutete also keine ein-
zelne Heraushebung.
Was nun das Schloß Wartensee mit seinem kleine Grundeigenthum 2 bis 3 Juchart betrifft
so bleibe dieß entweder vor der Hand ganz HE Schnyders Eigenthum – oder es würde Mitei-
genthum, oder vielleicht träte es HErr Schnyder auch ganz ab. Er hält das Ganze ohngefähr
an einen Werth von 6000 Fr[an]ken = 1,500 Br[a]b[an]terthaler. Für alles dieses ließe sich die freye
Entwicklung abwarten. Schnyder könnte dann so lang er lebte Mitstifter u Mitvorsteher derWartenseer Anstalt heißen.
Da ich nun das Ganze einmal so weit vorgeführet habe, will ich es auch zu Ende führen. Also der Schluß. Frankfurt a/m ist eine Geschäftsstadt. Ich traf viel und fast nur mit Geschäftsleuten zusammen.
Wie nun der Plan von Wartensee dort zur Sprache kam, war natürlich auch alsbald die Rede von
den Mitteln ihn auszuführen. Weil so viel denn davon gesprochen wurde, so sprach ich denn
auch einmal mit dem obengenannten Bruder der Frau Speyer, dem HErrn v.Welling (: versteht sich
selbst[als] Geschäftsmann [ :)] darüber (: der Vater war Hofbanquier bey Maximilian Joseph von
Bayern :) Dieser sagte mir nun frey heraus: Er habe Zutrauen zu mir und meiner hiesigen Un-
ternehmung, wenn zur Ausführung des Ganzen einmal Mittel nöthig wären so möchte ich ihm
das Ganze, den Stand der Verhältnisse mittheilen, dann wolle er sehen was zu thun sey.
Ob nun gleich ich mit dem Äußerlichen nach keiner Seite hin mehr etwas zu thun haben mag, so halte
ich doch diese Euch mitgetheilten Gesammtumstände zu wichtig als daß es mir nicht Pflicht gewe-
sen sey Euch das Ganze so auszusprechen wie es die Gesammtumstände es in mir gestaltet
haben. Ich selbst habe bey Eintracht, Ausdauer, Hingabe u.s.w. wenn anders der Fall des hiesi-
gen Guthsverkaufs
wirklich eintreten sollte – das vollkommenste Zutrauen zur Geling-
ung des Ganzen, ja ich meine sogar wir müssen diesen Weg ganz oder theilweise betre-
ten wenn man Wartensee so in sich selbst sichern wolle wie Keilhau in sich selbst
sicher steht. Es dünkt mich durch die Angriffe aus der Appenzeller Zeitung wollte uns die Vor-
sehung darauf aufmerksam machen. – Kurz, ich halte die vorgeschlagene Missions- und
Visitationsreise für wichtig genug daß Du Barop sie nicht nur machst, sondern mit Sorgfalt
möglich zu machen suchest. Ihr bekommt so Mittel und Wege alles zu prüfen, damit wenn
einmal der Augenblick der Entscheidung kommt, Ihr dann dazu geschickt und vorbereitet seyd. -/
[14]

Donnerstag am 8en März. Ich kann Euch kaum sagen wie so sehr klar wohl, beruhigt und
zufrieden mir ist, daß ich das Ganze Euch ausgesprochen, wie ich es Euch ausgesprochen und so
mit in Eure Hände gelegt habe. Ich weiß auch klar und bestimmt warum mir so wohl ist;
so wie ich mir überhaupt von jedem meiner innern Zustände, Rechenschaft geben kann: -
Ich bin nemlich in mir überzeugt, daß, wenn alle in dem dargelegten Plane betheiligten
Menschen und Gemeinsamheiten klar und bestimmt ihr ganz persönliches und Einzelwohl er-
kennen, und für Darstellung fest hielten, und sich so gegenseitig in Wahrheit verständen
und darinn in Sicherheit, Eintracht, Festigkeit und Ausdauer handelten, daß dann der Plan mit
klarem Selbstbewußtseyn und zweifelloser freyer Selbstbestimmung so ausgeführt werden
könnte wie ich ihn dargelegt und angedeutet habe. – So klar lag verhältnißmäßig der Lebensplan
in und vor mir als ich Berlin verließ und doch war nicht daran zu denken denen welche der Lebensplan
<an>griff und die sogar später wirklich durch Lebensbestimmung in denselben eintraten etwas davon
sagen zu dürfen hatten sie doch noch nicht einmal festes Vertrauen als schon der Weg zum Ziel
angebahnt war, ihre eigene Kraft schon die Bahn hätte mit brechen helfen. Verhältnißmä-
ßig lag der Lebensplan so klar in mir als ich nach Griesheim kam, nach Osterode gieng und nach
Griesheim zurückkehrte, verhältnißmäßig so klar als ich endlich in Keilhau heimisch wurde.
Fragt nun aber der der ein Kreisrund, eine Kugel machen will was er machen will, wie soll er es deut-
lich machen, was er machen und wie er es machen will, wenn ihr selbst noch kein Kreisrund
keine Kugel gesehen habt? – Versucht es nur einmal alles ist lächerlich was er vor giebt
alles Widerspruch: eine immer nach gleichem Gesetz fortlaufende Linie soll im Anfangspunkt zurück-
kehren; - gerade aus einem Punkte strahlende Linien sollen eine Kreislinie, ja sogar einen Kör-
per
eine Kugel geben; - und sogar das Vorgeben: wenn ich eine Kreislinie gebildet habe, habe
ich die Bedingungen aller nur möglichen Polygone gegeben; ja am Ende wenn ich eine Kugel
mit Klarheit des Bewußtseyns bilde habe ich die Bedingung aller nur möglichen geradflächigen
Festgestalten gegeben u.s.w. ja sie schon wirklich beschrieben u.s.w. Wo ist da Sinn und
Verständniß, also nicht einmal die Bildung eines Kreisrundes, einer Kugel versteht
man kann man verstehen (ehe) wenn man sich nicht in das Innerste, in die Mitte des
Kreises, der Kugel versetzt und das Lebensganze, den Lebenskreis, die Lebenskugel
vollkommen verstehen ohne sich in das Innerste, in die Mitte des Lebens zu versetzen.
Die Ergebnisse waren daher die, welche sie waren, ich deute sie nicht an um Unangenehmes zu sagen,
sondern damit endlich einmal das Leben verstanden, die LebensGesetze erkannt werden. Der
eine sagte ich habe zunächst noch mit mir zu thun; der andere ich kann nicht; ein anderer
was geht das mich an, da sieh du zu u.s.w. Seht Freunde, Brüder, Geliebte! Nicht etwa um wehe nach
irgend einer Seite hin zu thun, schreibe ich dieß, nein! nur um Euch einsichtig zu machen, wie ich
(: für meine Natur und meinem Wesen nach :) den größten verdumpfendsten der Lebensschmerzen tragen
mußte; dem nie schönes Leben edler, strebender Menschen, in Unbewußtseyn den rohen Natur-
gewalten Preis gegeben wie ein niederes Gewächs und Unkraut hin vegetiren mußte
welches in Klarheit des Bewußtseyns – so lag es immer in meinem Innern – hervorwachsen
hervorblühen sollte. Ihr kennet viele harte Lebenszustände aber diesen vernichtendsten kennet
Ihr nicht. Höchst selten konnte ich dieß nur gegen eines oder das andere andeuten. [1 ½ Zeilen unlesbar gestrichen] sehen, welche der Mensch zu sehen bestimmt ist Und war, und ist denn die Lebensaufgabe so schwer zu verstehen, sie lautet ganz einfach so: das wahre Menschenleben was der Mensch einmal auf der Stufe
des Unbewußtseyns – dann auf der Stufe der äußeren Verstandesumsicht – weiter auf der
Stufe innerer Gemüthswahrnehmungen – dann auf der Stufe abgezogener Geisteseinsicht gelebt
hat, dieses eine auf mehreren Bildungsstufen also schon dagewesene Leben soll der Mensch
jetzt auf der Stufe allseitigen Selbstbewußtseyns als Selbstthat leben. Kann das so schwer seyn? -
Freylich muß man so ohne ein trübes Gesicht zu machen und die Geduld zu verliehren, LebensMo-
mente <führ>gehend in sich tragen können ohne gleichsam einen Schritt näher zum Ziele zu kommen, kommt aber /
[14R]
das große geistige Gesammtfrühjahr wie wächst blühet und duftet da alles hervor. Sehet
nur einmal um Johannis das winzige Äuglein im Blattwinkel des Rosenblattes, und nun
fast dreyvierteljahr hat es wie todt geruhet – welch eine unerhört lange Zeit für ein so winziges
Pünktchen – welche Fülle der Rosen pracht und des Rosenduftes. Und Freunde ist es denn etwas Geringes
oder gar Nachtheiliges durch ein Jahrzehend und mehrere Jahrzehende Lebensmomente mit Sicherheit
in sich zu tragen. Legen wir nicht im Leben außer uns im allgemeinen Menschenleben Werth
darauf wenn nach Jahrzehenden, Jahrhunderten, ja Jahrtausenden bestimmte so lang voraus
geahnete allgemeine Lebensentwicklungsstufen wirklich in der Menschheit in dem Menschen-
geschlechte eintreten? – Ist der Einzelne Mensch, wie die einzelne Menschenfamilie nicht ein
innig einiges Glied der Menschheit und des Menschengeschlechtes! – Ist der Mensch und die
Menschenfamilie andern Gesetzen unterworfen? – Warum machen wir uns denn so arm daß
wir nicht wagen von Jahr zu Jahr, geschweige von Jahrzehend zu Jahrzehend zu leben, die wir
doch von Menschenalter zu Menschenalter von Jahrhunderten zu Jahrhunderten leben können
das heißt mit Freudigkeit jetzt schon für eine Sache zu wirken von welcher wir jedoch wissen, daß sie
erst dann eintreten werde, nicht kleinmüthig sagen: wer weiß wies dann aussieht. Manches Saamen-
korn vor fast 20 und mehr Jahren von mir ausgestreut ist so freventlich zertreten worden, und
Saamenkörner vor fast 50 Jahren und von mehreren Jahrzehenden in mein Leben gesäet beginnen treu gepflegt jetzt erst zu keimen oder was eines ist zu knospen. Darum Freunde und Brüder verwerfet
nicht gleich was Euch jetzt nicht gleich als ins Leben zu fördern möglich scheint. Verwerfet Freunde
und Brüder die Sache, den Gedanken nicht, wenn [er] etwa unter wandelnden Verhältnissen und Um-
ständen ein anderes Ansehen, eine andereForm Gestalt gewinnt. Nichts wirkt nachtheiliger
im Leben als wenn von den äußeren Sinnen das voreilig weggeworfen wird, was von dem innern
Sinn erkannt wurde. Darum bitte ich Euch haltet für Eure Prüfung fest was ich Euch vorlegte,
Überlegt es mit dem Erfahrensten unter Euch mit meinem Bruder. Wenn es Euch gar nichts
gäbe, so giebt es Euch vergleichende Punkte für die Erscheinungen des wirklichen Lebens.
Erlaubt mir Euch auf ein paar Lebensgesetze aufmerksam zu machen die plan genug liegen um ver-
standen werden zu können. Erstes Gesetz: wenn etwas aufstehen soll muß etwas untergehen.
Thatsachen: Es gieng die Einheit meiner Familie unter daß sie höher erstehen sollte. – A. Sch. gieng unter das Gut fiel in die Hände seiner vorigen Besitzerin – Diese gieng unter es kam in meine Hände.
Der Untergang jener war zum Aufgang dieser. – Wie das Ökonomische der SchnyderWartenseeschen Familie sank, wie einer der letzte der Hauptlinie war, wurde in Wartensee der Gedanke einer menschen-
würdigen Erziehung pflegend aufgenommen. Der jetzige Besitzer des Guthes Wartensee ist in einer ähn-
lichen Lage wie A. Sch. Daraus giengen zunächst schon Bedingungen für ihn hervor die Wartenseer Schule zu fördern. Durch zahllose Beyspiele mit größter Sch[l]ußfo[lgerung] konnte ich dieß darthun. Der gemeine Mensch sucht daran – an dem Untergang anderer zu arbeiten daß er sich hebe – der edle
säet in das nach Naturgesetzen Untergehende den Saamen des Edleren zum Aufgehen, darum
benutzt er das an sich Untergehende zum Aufgehen des höheren. Beachtet darum das
an sich Untergehende.
Zweytes Gesetz. Wo verschiedene Meinung[en] herrschen (religiöse oder politische pp) da kann die in
sich wahre gesicherte Meinung sich frey erheben und befestigen. Thatsachen: Den Zwiespalt
deutscher Fürsten benutzte Nap:[oleon] seinen Gedanken des Protectorates geltend zu machen u.s.w.
u.s.w. Die verschiedenen politischen und andern Meinungen in der Schweiz sind vielleicht ein Schirm
und Schutz daß der in sich klare und sicher gegründete Gedanke sich der ächten MenschenErziehung
auch außer und um sich Gestalt und Theilnahme gewinne.
Also Beachtung des Zerfallenden wo es immer nur sich zeige zur Ein- und Aussaat.
Also Beachtung des getrennten wo es immer sich nur zeige daß das Eine dann um so fester stehe.
Nun zum Schluß die Mittheilung einer großen Thatsache meines Lebens die zur innern und äußern Prüfung Euch vorliegt und die sich in mancher Beziehung an vorstehendes anschließt. Sie ist: - Wer mir trauete
blieb, blieb in den Grenzen wie er mir vertrauete und weiter noch. – wer mir nicht vertrauete, gieng unter inner-
halb der Grenzen in welchen er mir nicht vertrauete und weiter noch. - Denkt weiter darüber nach. – Der auf Euch allen
und auf Keilhau ruhende Seegen sey darum: wer Euch in Keilhau vertrau der bestehe immer in den Grenzen seines Vertrauens u weiter noch.
FrFr./

[15]
[Bogen] 8.
Am 9en Tage im Monat des Keimens und Treibens. Nun ist dieß schon der 8e Bogen
wieder und bey jedem der vorgehenden Bogen sagte ich mir immer schon wenn ich sie mir
zum Schreiben zu recht legte: [„] aber dieß wird doch der letzte seyn.“ – Ja gegen meinen Willen
ist der Brief so angewachsen; denn wie Ihr am Papier sehet, so war er mit der Reitpost an Euch abzu-
gehen bestimmt, wird sich aber nun wohl weil er so zu einer solchen Contifolie aufgeblühet
ist sich wohl gefallen lassen müssen mit der Packetpost zu fahren. -
Aber warum war denn der vorige Bogen nicht der letzte, war doch auf demselben alles
so abgeschlossen? – Darum, weil eben als er bald beendigt war Dein lieber Brief Midden-
dorff mit seinen achtbaren Begleitern den 3 Abschriften von Schnyder, von Fichte, an Schnyder mit dem
Postzeichen „Rud. den 3en März“ – Abends 6 Uhr, wie dieß gewöhnlich, bey mir eintraf. Ich mache zu
förderst nur darauf aufmerksam, daß dieser am Sonnabend von Rudolst: abgegangene Brief
schon am sechsten Tage bey mir eintraf.
Ehe ich nun auf die liebe Sendung selbst eingehe, hebe ich zunächst das Schlagweise aufeinander
der Mittheilungen, fast wie in einem mündlichen Gespräche, hervor. Eben wie von mir fast der
letzte Federzug meiner mir vorgesetzten Mittheilung geschiehet, trifft Eure liebe Sendung ein, die,
auch nur auf das Nächste eingeschränkt, schon wieder zu gar manchen neuen Mittheilungen auf-
fordert: Sehet hier wieder und machet gar manchen unter Euch darauf aufmerksam, was es eigent-
lich heißt mit der größten und ungestöhrtesten Ruhe und Sorglichkeit den inneren Lebensforderungen
nach[zu]gehen. Wie wichtig ist es daß alles was die hier vor[her]gehenden sieben Bogen enthalten nieder-
geschrieben ist. Wie gefaßt und vielleicht auch ganz anders und weniger ursprünglich würde man-
ches auf das Papier kommen; jetzt steht alles wie es steht und steht wie es ursprünglich empfunden
und gedacht worden. Gestern wie ich nach Lesung Eurer lieben Sendung, so ganz von Eurem Leben
im Innersten des Lebens durchdrungen war, da kam mir auf ein paar Sekunden, mein Leben im Äußern des Lebens mein äußeres Planmachen wovon ich gleichsam herkam – gar sonderbar vor, es schien mir im großen Contrast ja Widerspruch mit der Innerlichkeit Eures Lebens zu seyn wie mir solche Eure Mit-
theilungen vorführten ja ich fürchtete darum sogar, diese meine Mittheilung, die Mittheilung meines
äußerlichen Lebensplanes möchte Euch unangenehm berühren, und Ihr möchtet Euch dadurch in Eurem
Innern zu einem mißbilligenden Urtheil über mich und dieß mein Handeln berechtiget fühlen, so-
daß ich nun mir eine Stelle suchte wo ich die letzten Blätter von den ersteren trennen könnte und we-
nigstens vor der Hand zurück behalten. Dieß alles gieng in mir wohl kaum in einer 1/3el Minute vor.
Wie gar bald gestaltete sich aber alles ganz anders als ich von Euern Lebensmittheilungen durchdrungen
an den letzten Federstreich der meinen gieng, wozu der Schluß schon wirklich auf ein Blättchen notirt
war. Mit welcher Nothwendigkeit und wie so ganz an seinem rechten Platze trat mir nun alles
entgegen; und nun gar heute nachdem ich alle Mittheilungen nochmals ruhig gelesen habe und
jetzt wie froh bin ich und wohl ist mir daß alles beendigt ist nicht etwa nur eine Arbeit hinter
mir zu haben, sondern um nicht etwa durch einen Blick nach außen veranlaßt zu werden etwas
anders zu stellen. Ich hoffe daß Ihr darinne für Euch und im Nothfall für andere einen Fingerzeig
eine Andeutung findet, wie nothwendiges wohl im Leben überhaupt, aber besonders in meinem
Leben wie es nun einmal Gestalt gewonnen hat, ist, ungestört den Augenblick fest zu halten. Ich
kann im Ganzen so ungestört arbeiten, dennoch habe ich oft Feuer unter mir, wenn ich einen Gedanken
gern erfassen und umklammern mögte ehe ich durch irgend einen Hauch oder Fliegengeräusch vielleicht
gestöhrt werde. Erschrekken kann mich da das Klinken der Thür fürchten die Magd tritt dann zu mir
der ich dann über zwanzig und mehrmals schon dagewesenes Rede stehen muß, wie dieß so eben der Fall war.
Da ist man froh wenn man nur das rohe Element erfaßt hat, um Form u.s.w. unbekümmert[,] man
ist froh wenn nur der, sich zur Festgestaltung sehnende Stoff, - festg ungestöhrt festgestaltet an-
schließt – gefriert[;] nicht fragend welche Festgestalt, und welchem Gesetz sie angehören. Heil-
froh wenn nur erst die sich ungestöhrt gebildet habende Festgestalt da ist. Über die Art und
das Gesetz über die vollkommene Gestaltung dieses Gesetzes ist dann noch Zeit genug Untersuchung
anzustellen. Die Giganten waren auch schon ehe Prometheus (des Göthe) seine Menschen formen konnte aber /
[15R]
das übersehen die Herrn Philosophen, besonders die Herrn Kunstphilosophen, sie vergessen daß
selbst die ersten Grazien – die lieblichsten der Huldgestalten – nach Winkelmann zuerst
nur Quadersteine waren pp. pp.
Darum laßt sie nur philosophiren ob ein Fröbel pp pp bestehen könne und dürfe als Fröbel, und wenn [er] bestehe ob er zu den Menschen, wenigstens zu ihren Idealen und somit zu einem nach ihren Maßstab
edlen
und vollkommenen Menschen zu zählen sey und ob ihm darum zu leben, zu schaffen zu
wirken erlaubt ist, laßt ihn nur leben schaffen, wirken, seyn. Dieß ist er aber alles schon da-
durch, daß er nur ist, und die Herren Censoren können nichts dagegen haben denn er hat sein Seyn
nicht von ihnen.
So habe ich mir denn den Weg wieder gebahnet zu dem oben ausgeführten Plan des äußeren
Lebens und zu dem was ich noch darüber zu sagen habe.
Zu den größten und allgemeinsten universalhistorischen Wahrheiten gehört wohl: - daß
bey allen menschlichen ersten und original Unternehmungen für den Unternehmer und das Unter-
nommene bey den urtheilenden Menschen gar nichts anders entscheidet als – der Ausgang.
Wo wäre auch für ein noch nie Dagewesenes im Bereiche des Dagewesenen der Prüfstein? - -
Also erst muß etwas daseyn ehe man etwas prüfen kann. Nun ist aber mein Leben[s]ziel, und
mein Lebenszweck, äußerlich noch gar nichts Daseyendes, also auch noch nicht Dagewesenes, also
auch äußerlich und von Außen her noch gar nicht für die äußerlichen Menschen zu prüfendes.
Sie bekriteln mein Raupenleben – schon bin ich verpup[p]t; endlich geht ihnen darüber ein
Licht auf, sie suchen die Puppe und ich entsteige ihr in den klaren Äther; Sturm, Regen pp die
stumm waltenden Naturgewalten führen mich in ihre Hand, sie tödten mich; getödtet werden
lasse, löse ich des Lebens Sphären, des Lebens Kugeln im Innern – denn ich kenne das große Geheim-
niß der Selbstbefruchtung – sie sinken nieder in den Schooß der Allmutternatur die sie
pflegend aufnimmt und die unsterbliche Psyche umschwebt den Hügel wo mein Leichnam ruht.
Oder. Eben aufgebrochen von dem lebenvollen Mayregen und der lebenweckenden Frühlingssonne
tadeln sie mich den groben Kern daß ich meine zarten Herzblätter durch so unförmliche Saamen-
lappen schütze, doch indem sie noch tadeln habe ich schon aus mir den harten Stengel getrieben
und von neuem die Herzblättchen versammelt in die schützende harzige Knospe; da brummen
sie über den unbeugsamen Gesellen der nicht verstehe das Zarte zu pflegen; sie brummen noch
und ein Blätterstern im Gewandte der ewig grünen Hoffnung entfaltet sich aus der braunen Har-
zigen Knospe. Wie Wilde und Kinder die alles nur durch die Zähne und den Mund prüfen zer-
malmen sie das Blatt zwischen ihren Mühlsteinen , die besser um ihren Hals hingen als im Munde stehen
bitter <zieht es> ihnen den Mund zusammen sie spucken und schimpfen; auf stehen sie spucken und schimpfen da laß ich meine Blätter sinken, die ich durch Nacht wieder in mich aufnehme und aus der Reife erhebe zur Blüthenknospe. Jetzt meinen die Frevler gewonnenes Spiel zu haben, denn eine Knos-
pe habe sie vor sich nun philosophiren sie 2 folgt auf 1. also folgen aus der ein[en] Knospe minde-
stens 2 Blätter, aber und schon ist der Stab der Verdammniß gebrochen, da entfalten sich fünffach
und wie ein SonnenWeltensystem die Sonnen der Blüthen, gaffend steht der dumme Pöbel da und
redet mit Verstand und Erfahrung und Einsicht: wären die festen grünen Blätter nicht besser als
dieses Flatterwesen, wird [nicht] lange Bestand haben, könnte dort zur Noth seine Blöse bedecken, schon
ist das Messer gezückt, da sinkt die weiße Blüthe zur dunklen Erde, da sinkt der Tag zur
Nacht daß er die Frucht bringe; da entsteht wieder das schützende Rund. Wart denken sie
die argen Gesellen nicht sollst du uns wieder foppen, ehe du wieder ins Nichts zerflatterst
wollen wir mindestens als Capern dich capern; däppisch bringen sie die saure Frucht zum
gierigen Maul, da schreyen und laufen sie zu Helfern u Helfershelfern Äxte u Säägen
zu holen das Lug- u Truggewächs zu fällen, doch die Sonne scheint heiß, kühl sind die Nächte
mürbender Thau fällt aus dem reinen Äther, der Apfel ist gereift rothwangig, süß sonnen-
reich, da empfängt ihn aus der und durch die Hand des sinnigen Schäfers die Schönheit zum Preis; es
es [2x] empfängt ihn die ewig sich verjüngende Natur, die ewige Braut, zum sich stets aus sich erzeugenden /
[16]
Liebespfand. Da kommt der [sc.: daher] gezogen, das Heer der Schergen, der Baum fällt unter ihren mörderischen Streichen, prassend, hohnlachend daß Wald und Berg und Thal wiederhallen sinkt er; denn die Frucht ist gerettet zur Pflege der heiligsten Jungfrau.
Also – größte Lebensregel – bey allem wahrhaft und ursprünglichen Großen was der Mensch
unternimmt, muß er nie irgend ein Einzelurtheil, welches es auch sey, vor und im Auge haben
sondern nur die klare Gesichertheit des Ausganges. Darum darf uns nicht die eben neben
uns wegsterbende Mitwelt Prüfstein und Richter seyn, sondern die ewig neu geboren wer-
dende, sich in immer gesteigerten Stufen vervollkommnende Nachwelt, - ja, die unsterb-
liche Vorwelt. So also und nicht anders auch in und bey meinem und unsern menschener-
ziehenden Unternehmen. Wie aber die Vorwelt? - - - Gestern habe ich es angedeutet als
ich sagte: Dieses eine auf mehreren Bildungsstufen also (in der Vorwelt) schon dagewesene Leben soll pp.
Doch zur Sache: unser Lebenszweck ist ein, in dieser Klarheit und Bestimmtheit noch nie dage-
wesener. – Ich habe einmal gelesen, die schöne Gartenkunst sey die schwierigste der Künste, weil
man durch noch unbedeutende junge Bäume, unscheinbares Gebüsch und noch nicht sichtbare Gewächse
ein Gemälde schon viele Jahre zum Voraus entwerfen müsse, dessen Ausführung gleichsam [der]
Ausmahlung durch den [sc.: die] selbstständig wirkenden Naturkräften überlassen werden müsse.
Diesem ähnlich ist der Zweck unserer Menschenerziehung: wir erstreben durch sie ein sittliches
und eben darum vollkommen klar bewußtes Natur-Menschenleben; also das reine Menschen-
leben als ein ungestöhrtes Naturleben, im, mit und durch Bewußtseyn als ein sittliches
religiöses
und frey–selbstthätiges zu leben. Diese Aufgabe kann von der Verstandesansicht aus,
theoretisch nicht verstanden, ihre Lösung nicht begriffen werden, weil die Wirkung des Geistes und
der Kraft, die religiöse Wirksamkeit im höchsten und allgemeinsten Sinn – nicht vom Verstande
aus erfaßt werden kann und weil die Lösung ihrer Aufgabe nothwendig die innigste Einigung
mit der Natur fordert, oder ganz individuell ausgesprochen nur auf Grundeigenthum auf
Ländereybesitz pp kann ein zweytes Keilhau wachsen. Nur so einzig nur so kann es der Zukunft, der Nachwelt - zur Prüfung entgegen wie der Vergangenheit u Vorwelt nach wachsen. Deßhalb dürfen
wir keine Gelegenheit dazu aus den Augen lassen. Da nun aber die wirklich nothwendigen Bedingungen
zum Daseyn einer Sache als wirklich erscheinend oft nur leise auftreten, so muß der Mensch
wachsamen Geistes seyn damit nicht wie das Sprichwort sagt: das Glück zur Thür herein kommt
und zum Fenster hinaus fliegt. Dieß zu beachten ist besonders beym Handeln in einer Mehrheit der Fall, die sich nicht mit einem Schlag zu gleicher Absicht erheben läßt. – Dieß also noch zur
Rechtfertigung meiner obigen Darlegung, wenn es deren noch bedurft haben sollte. –
Nun zu einigen Bemerkungen über Eure jetzige Sendung der Liebe und des Wohlwollens.
Der sonst hochachtbare Fichte schreibt in seinem übrigen sehr gedachten Briefe an Schnyder: [„]Ich
erwarte von keinem Erziehungssystem an sich, überhaupt von nichts Einzelnen, eine Grundreform
der Menschheit.“ Gut! Erstlich giebt es denn nur in der Erscheinung, und als er-scheinend, im
Gebiete des Daseyenden irgend etwas anderes als Einzelnes? – Kann nur der Mensch und
das Einzelgeistige Wesen sobald es denk-t, etwas anders denken als ein Einzelwesen; Denken
wie ja auch die Gliederung des Wortes sagt heißt ja in Grenzen einschließen, entweder in
sehr enge oder höchst weite. Wenn es nun im Gebiete des Daseyenden und Erscheinenden gar
nichts als Einzelnes und Einzelheit Individualität giebt, was keine Grundreform aber nicht von
dem Einzelnen aus nicht durch das Einzelne hindurch gehen kann und darf, so ist also auch
rein jetzt und nie eine Grundreform der Menschheit zu denken; dieß dünkt mich wäre so
wirklich als klar einleuchtend. Zweytens. Man sieht diese gelehrten Herren haben nie [wie] in Keilhau eine Figur erfunden oder eine Gestalt. Ha[b]t Ihr Schüler und Lehrer und Meister der Figuren- und Gestalten[-]Erfindungskunst nicht zu Euerm Leidwesen nicht die Erfahrung gemacht, daß wenn
Ihr – eine winzige Linie nur etwas anders gezogen habt, daß dadurch die ganze Figur, Gestalt
Gebilde von Grund aus eine ganz andere geworden ist?- Doch ich will es auch organisch zeigen.
Ihr habt eine Figur aus wagrechten Linien, nun fällt es einer Linie einer einzigen ein: ich /
[16R]
habe nun doch auch lange Zeit auf dem Bauche gelegen, ich will doch auch einmal auf
meinen Füßen stehen, sagt bringt das Wollen einer einzigen mit dem übrigen zu einem
geschlossenen Ganzen verbundenen Linie, wenn ihr Wollen aus einem Willen hervorgeht
also ausgeführt wird nicht eine Grundreform in der ganzen Figur zu wege. – Oder Ihr habt
eine Figur aus lauter Halbschiefen (oder wie Ihr sonst die Bedingung setzt) von einfacher Länge und es
fiel nun nur einer einzigen Linie ein, eine halbschiefe Linie von zweyfacher Länge zu werden.
Wir giengen davon aus es sey eine als ein Ganzes in sich geschlossene Figur; meint Ihr es kann
und werde dieß auf die andern Linien ohne Wirkung bleiben? – wenn anders diese eine einzige
Linie ihren Willen nur fest hält? – Erinnert Euch nur zum Überflusse was die Dresdner Gasbe-
leuchtung vom charaktervollen Mann sagt. Auch in der Kryst Chemie in der Lehre von der Krystal-
lenbildung und KrystallenErziehung (wie sich einmal Pfaff in Kiel ausdrückte) zeigt dieß. Habt Ihr es
nicht schon an einem Bleybaume gesehen wie die kleineren Krystalle sich freywillig auflösen
um am großen gemeinsam gebildeten Krystall das Gesetz der Festgestalten um so schöner, voll-
kommener und klarer darzulegen? – Doch dieß führt sehr und zu weit, man müßte über so etwas
wenn man es besonders in Beziehung auf die Einheit fest hielt gleich ein ganzes Buch, ja
eine Bücherey schreiben, und zuletzt gieng daraus gar eine Grundreform der gesamm-
ten menschlichen Vorstellungsweise und des Menschlichen Lebens hervor. Freunde, Brüder, Geliebte.
Eben das Festhalten in Beziehung auf die Einheit und von der Einheit – Mitte – gefordert
und bedingt – das, die kleine Einzige ist es von dem alle Grundreform ausgeht (durch den Ein-
zelnen kann ich noch hinzufügen) denn dieser Einheit, die Mitte, dieses Einzige ist selbst der Grund
aller Dinge. Aber freylich vor diesem festen Festhalten des Festen, da erschrecken sie und
sagen: „Mensch ich bitte Sie um Erlaubniß wenn Sie anders Mensch seyn wollen so reden sie [sc.: Sie] doch menschlich, wenigstens deutsch, denn das deutsche ist, leider! so schon hart genug. Sie kommen ja
bald auf FriedrichFröbels in Keilhau Sprünge der sogar Kauderwelsch einen Fürsten, Bedenken Sie nur! einen Fürsten! den ‚strebendsten’ der Fürsten zu nennen wagt.“ – Aber sie wollten dem Edelhaften die
Schwingen beschneiden, daß er das streben vergessen möge und –sie haben sie ihm beschnitten.
Wer freilich wie die Spatzen von Zweig zu Zweig fliegt wo die reifesten Kirschen zu schmaußen
fand der wird freylich nie zur Ansicht und zur Idee eines Baumes kommen. Doch dieß wollen sie
darum heben sie die Anschauung der Einheit des Mittelpunktes der Menschheit hauf [sc.: auf]. Sie wollen
sie zu einem Kugelhaufen herabwürdigen und selbst da, wenn ich eine Einzige, freylich darum auch
nicht jede (: dieß verwechseln die lieben Ge-lehrten wieder und setzten verwechseln im Denken
einen und jeden :) – demnach lese ich in meinem dießjährigen LuzernerCalender: - „Keine äußere
Einwirkung auf Kinder bleibt ohne Gegenwirken.[“] Nun sind wir aber alle in gar mancher Bezieh-
ung Kinder also bleibt auch auf uns Menschen keine Wirkung ohne Gegenwirkung, folglich
muß aus allen diesen Gegen Wirkungen zuletzt ein Gegen-werk, also ein Neues Werk hervorgehen
u.s.w. Mit kurzem Worte – was soll ich länger Euch und mich ermüden: das Anrühmen und Anprei-
sen
ja fordern des Wechsels u.s.w. ist die Verführung, die Schlange des Teufels und der
leidige Satanas selbst – (: wenn er nicht mit Nothwendigkeit aus dem Festhalten der Einzigen
Einhei
t hervorgeht :) – Seht nur die Journalisten, die Almanachisten wie sie nach Wechsel jagen.
Zeigt mir nun ihre Größe und die Größe ihres Wirkens, ihr – großes Werk. – Ihr seit [sc.: seid]
<> Männer, das ist wahr sehe ich aber zu Zeiten das Einwirken der Menschen auf Euch, so wird
mir auch, verzeihet mir es bange, ich denke: werden sie sich denn vor diesem Schlangengezücht ver-
wahren können? – Doch mit Vertrauen und hohem Vertrauen hat mich [sc.: mir] da z.B. Dein Urtheil Middendorff bey
Flecks Äußerung über die Erziehenden Familien gefallten: Nur aus der Einheit kann Mannichfaltig-
keit
kommen. Haltet fest die Bahn die ihr [sc: Ihr] betreten habt und Ihr werdet das hohe Ziel erreichen.
Dir Middendorff aber aus Dankbarkeit die Gesellschaft der holden Prinzessin im Torquato Tasso v. G.[oethe] [III,2,1882-1890]
“Was ich besitze mag ich gern bewahren:
Der Wechsel unterhält doch nutzt er kaum.
Mit jugendlicher Sehnsucht griff ich nie
Begierig in den Loostopf fremder Welt,
Für mein bedürfend unerfahren Herz
Zufällig einen Gegenstand zu haschen
Ich mußt’ ihn ehren [sc.: Ihn mußt ich ehren] darum liebt’ ich ihn;
Ich mußt ihn lieben weil mit ihm mein Leben
Zum Leben ward wie ich es nie gekannt. [“]
Ja! dieß ist immer der Preis des Festhaltens des Einen. /
[17]
[Bogen] 9.
Auch mir wird mit ihm, dem Festhalten des Einzelnen, ein so, ein damit u dadurch Einzigen
mein Leben zum Leben von welchem ich am Ende jedes Jahres, jeder Woche, am Abend jedes Tages
in Beziehung auf den Morgen, am Ende jedes ganz durchlebten Gedankens sagen muß: - wie ich
es nie gekannt.
Es liegt zwar durch Eure jüngste Mittheilung wieder viel zur Durcharbeitung vor mir, doch
erlaubt mir von wegen der Einzelheit – denn wie wäre es denn wenn ich zeigte es giebt keine Einzelheit
dem Wesen nach eben weil es nur Individuen Sonderwesen giebt – ein Naturbild zu betrachten.
Nun, eine Eichel, wie es fast der Name sogar sagt, ist doch etwas Einzelnes: Diese [Tatsache] wird mir doch niemand wiederstreiten, sonst wäre ja sogar aller Streit aufgehbar. Trägt denn nun aber die
eingelegte Eichel nicht das Wesen der ganzen Eiche auf das Vollkommenste in sich! – kann
die einzel[n]ste Eiche nicht das ganze Wesen der Eiche also auf das Vollkommenste wieder aus sich
darstellen? – Wenn man ihr anders die Bedingungen dazu erfüllt Zeit, Raum, Stoffen? – Wenn
nun dieser Eichkern von einer einfach, ja allseitig beschädigten Eiche ist, wird dann die Eiche
welche aus diesem Eichkern nun ungestört im Besitz aller nothwendigen Bedingungen heran wächst
ja auch eine so vielfach, ja allseitig beschädigte Eiche seyn müssen, ja ich möchte fast sagen: seyn
können, oder würde sie im Gegentheil vollkommen und gesund in jeder Beziehung nicht sogar seyn
müssen! – Was denken sich denn nun die Herren Ge-lehrten von einer Grundreform der Menschheit.
Sollen dadurch Menschen erscheinen die den Kopf unter dem Arme tragen mit den Nägeln der Fußzehen riechen
und sich mit den Fersen die Zähne ausstochern? – Ich denke mir freylich darunter etwas sehr Einfaches:
Die Erscheinung gesunder Menschen, welche in der Gesammtheit ihres Wesen[s] für die jetzt mögliche Entwicklungsstufe der Menschheit vollkommen das sind, was sie sein können und darum sollen.
Dazu hat nun der Baum seine Bedingung in sich und der Mensch sollte sie nicht haben? – Ich glaube ich habe schon in diesen Mittheilungen irgendwo das Gleiche in anderer Beziehung, mindestens in anderer Verbindung ausgesprochen. Also der Eichkern nimmt sich erstlich vor eine gesunde Eiche zu werden, zweytens die Gesetze und Bedingungen den Hergang dabey wahrzunehmen, sich seiner also zugleich [um] menschlich zu reden vollkommen und klar bewußt zu werden. Ihr seht nun hoffentlich wohl ein, wenn er
[der Mensch] einmal das erste will, so muß ihm auch das zweyte können möglich seyn, und er muß noch über dieß das dritte können, sich nemlich vorsetzen und ausführen; nun will ich aber auch alle meine
Eichenbitterkeit zusammennehmen, daß dem wer mich anbeiset und annaget der Mund so zusammen ge-
zogen werden soll, daß er ihn nie wieder, wenigstens nicht zum Zernagen meiner öffnen soll;
meint ihr [sc.: Ihr] nicht daß die Eiche, wenn sie einmal das erste will auch in Beziehung auf das Dritte so denken und handeln könnte und so einige Eichelextracte in sich kochen könnte, wie man jetzt Kaffeeex-
tract verkauft. Und der Mensch dem man doch gleich von vorne herein das Wollen u den Willen
und das Denken und das freythtätige selbstbestimmende Handeln zu geben muß sollte schlechter als ein
Eichkern handeln wollen? – Doch noch einen Blick auf unsern Eichkern. Was meint Ihr wohl
was wird diese Eiche für Eicheln als Saamen tragen? – Nun doch hoffentlich mindestens ihr
der Eiche und ihm, ihrem Eichkern aus welchem sie hervorkeimte gleich. Was werden die
Eichkerne dieser Eiche thun, sollen sie schlechter (handeln) werden da sie nun wissen wie man eine ge-
sunde Eiche seyn und werden und bleiben kann. – Welche Eichen werden nun länger bestehen
die aus schlechten oder guten gesunden Saamen entstandenen? – Nun das Endergebniß: müssen
nicht am Ende alle kranken Eichen aussterben muß es nicht nur Wälder gesunder Eichen
geben??? - - Ist der Mensch schlechter als eine Eichel? – Es war eine Einzelne Eichel
sollte der Einzelne Mensch schlechter seyn als die einzelne Eichel? – Also Ausdauer und Fest-
halten des Einen – sey es Anfang immer Einzel-Willens nicht nur durch als EinzelWillen durch
ein Einzel Menschenleben, sondern durch das Leben ganzer Geschlechter – aber Klarheit des
Zweckes – Klarheit des Weges – Klarheit der Mittel. Zweifelt nicht das Ziel [dann] wird nicht verfehlt
der Preis wird vom Einzelnen wie vom Ganzen errungen denn – jedes Ding und Wesen will
das vollkommenste und beste in seiner Art seyn, aber wo ist die Grenze seiner Art?? – ist
der Stein und Baum u Mensch nicht Wesen gleicher Art –Geschöpfe Gottes!!! Also dadurch auch die /
[17R]
Bedingung der Fortschreitung zur Vollendung gegeben und zwar von einem einzelnen Eichkern
aus. Doch wenn Euch diese Anschauung und Andeutung nicht genügt oder un[an]gemessen ist, hier eine
andere: Was meint Ihr wohl wenn ein allereinziger Einzelner Eichkern dieß fest hielt
er einen bewußten Eichbaum, Lebensbaume aus sich entwickelte, welcher Saamen, Eichkerne
natürlich zu gleichen Eichbäumen trug, müßte das nicht zuletzt eine Veränderung hervor-
bringen welche sich über das ganze Gebiet der Natur und so auch des ganzen menschlichen Lebens
verbreitete? Nun kann man doch aber eine solche Handlungsweise wie hier der Eichel bey ge-
legt wurde dem Menschen wenigstens zunächst in der Möglichkeit gar nicht absprechen; was
nun aber nur erst möglich ist, und wieder nur eben erst die Möglichkeit erkannt ist, das
kann auch einmal wirklich werden. Was meint Ihr nun was die Folge seyn könnte und müßte
wenn ein Mensch den Gedanken, ein einzelner Mensch den Gedanken einen bewußten Lebens-
baum aus sich zu entwickeln festhielt und nun eine wenn eine ganz Einzelne Familie, denn
Einzelnes ist am Ende Einzelnes heiße es Mensch oder Familie – diesen Gedanken festhielt. –
Genügt Euch diese Anschauung noch nicht hier noch eine andere zur Andeutung eines schlagenden
möglichen Gegenbeweises gegen Fichtes Behauptung das [sc.: daß] vom Einzelnen nicht die Grundreform des ganzen ausgehen könne – (: ich muß dagegen behaupten[d] ausgehen muß; denn das Mannigfaltige, oder wie schaut er sonst die Menschheit als Daseyend oder Erkennend an: - muß
sich doch irgend worinne Einen. Dieses Eine sey nun das denkbar Geistigste (wie es denn
freylich auch am Ende ist) nun so muß es doch einen Träger ein Organ seiner Kinderahnung se-
ben?[sc.: geben] - :) – Also noch die andere Anschauung gegen Fichte: - Die Eichel ist doch das Einzelnste in Beziehung auf die Ganze Eiche ist Theil der Eiche ist Glied der Eiche wenn man lieber nun
wie nur jeder sich ausdrücken, das Verhältniß bezeichnen will. Nun zeigt aber doch die
nicht zu wiedersprechende Thatsache, daß die Eichel die ganze Eiche aus sich darstellen könne.
Was aber die Eichel zu Eiche, das ist der Einzel- SonderMensch zum Menschengeschlecht zur
Menschheit: also muß auch der Mensch die ganze Menschheit in sich aufnehmen und
aus sich entwickeln können; freylich nicht in einem Jahre, die Eiche thut es auch nicht in einem
Jahre. – Weiter der Mensch ist aber nicht allein ein Glied der Menschheit, sondern des Geistigen
an und für sich also muß er auch das ganze Gebiet des Geistigen in sich aufnehmen um aus
sich entwickeln und darstellen [zu] können u. so weiter.
Noch eine andere Anschauung dieses Gegenstandes gegen Fichtes Behauptung und gegen die hingestellte Einzelnheit. – Ich halte den obigen Vorsatz der Eichel sich mit Bewußtseyn zu entwickeln
fest gut! will sie das muß sie wie schon gesagt das Wesen und Ganze der Eiche erfassen;
will sie das Wesen der Eiche erfassen, muß sie das Wesen aller Bäume erfassen; will
sie das Wesen der Bäume erfassen, muß sie das Wesen aller Gewächse erfassen;
wo ist aber von den Gewächsen die Grenze abwärts zu den Steinen? – Wo ist von
den Gewächsen die Grenze aufwärts zu den Thieren? – Also, das ganze Gebiet der Natur
muß er durchdringen! – Gehört aber der Mensch nicht auch zur Natur? - ? – Also
wo soll der Eichkern aufhören wenn er sich mit Bewußtseyn durchdringen und erfassen
will? – Er muß alles mit Bewußtseyn und mit Beziehung auf die Einheit erfassen.
Also des Eichkerns Vorsatz Wille Thatleben festgehalten in Ausdauer muß also
nothwendig die Durchdringung aller Dinge in ihrem Ursprünglichen und Grundverhältniß zur
Einheit zum Grunde haben. – Was heißt nun aber von einer andern Seite her erkannt
und ausgesprochen: - eine Grundreform der Menschheit? – Wahrlich doch nichts
anderes als eine andere erhöhetere einfachere Ansicht der Menschheit, innerere Ansicht
des Menschen? – Was heißt: Siehe ich mache alles neu? - -Was anders als ich
zeige eine innerere, geistigere Ansicht aller Dinge in Beziehung auf ihre Einheit – was
zuletzt anders als: - ich zeige die nothwendige in dem Wesen der Dinge und
alles Seyenden liegende Einheit aller Dinge? – Ich sage nun nochmals wie oben
was ich der Eichel beylegte, kann man doch dem Menschen nicht absprechen; also? -- /
[18]
Ihr sehet also Freunde so sehr ich Fichte (und gar manche andere noch mit ihm) achte und liebe, so
wenig ich will daß der leiseste Hauch von mir oder uns ihn in seinem Vorhaben stöhren möge,
denn es ist höchst erwünscht, im Streit (: S-drey-t :) entwickelt sich das Leben –eben – dennoch
kann er in Beziehung auf [das] worinne wir unsere Weltansicht [begründen] nicht Richter seyn. Er will es ja aber auch ganz und gar nicht; dann lasset uns sein Vorhaben mit der größten Liebe und Freundlichkeit
pflegen, daß es zur Ausführung komme.
Daß aber Fichte mir nicht Richter sein kann darüber laßt mir [sc.: mich] einige Andeutungen aus seinem
eigenen Leben geben wie er uns dasselbe in seinen Brief an Schnyder giebt: Er schreibt [:] „und
darinn gleiche ich durchaus nicht meinem Vater, der in Liebe und Haß in entschiedener Zuneigung
und Abstoßung, keine Unterhandlungen kannte.“ Hierinn finde ich nun ein zweyfaches: erstlich
ein verwerfendes Mißbilligendes der Erscheinungen im Vater, zweytens ein sich dem Vater
als ein anderes und fremdes, getrenntes, ja entgegnend Gegenüberstellen. Beydes ist ganz
gegen meine Lebensansicht: Die Erscheinungen im Vater können weder verworfen noch gemißbilli-
get werden, denn sie waren schlechterdings nichts andres als ein Ergebniß der gesammten Lebens-
verhältnisse und darum an ihrer Stelle recht und nothwendig ob es gleich sehr Unrecht, sehr zu ver-
werfen und zu Mißbilligen wäre, wenn der Sohn an seiner also an einer in jeder Hinsicht ganz
andern Stelle als der Vater seyn wollte was der Vater ist. Ich will annehmen in Beziehung
auf Fichte nemlich der Vater war ein Dorn, oder Blatt, oder Blatt Knospe, und der Sohn die Rose
oder Rosen Knospe. Habt Ihr noch [je] einen Rosenstock gesehen der Rosen eher als Blätter trug? -
also geht das Blätter- und Blätterknospe[n-]haben dem Rosenknospen[-] und Rosenhaben mit Noth-
wendigkeit und als Bedingung unerläßliche Bedingung voraus, also nichts zu verwerfen nichts zu
Mißbilligen ( Mein Grund zur Klage. Worte an Karl[s] Grabe). Ich kenne die Bedeutung der Dornen
nicht; ich will einmal annehmen die Dornen contrahirten daß die Rose extrahiren und impediren
könne, also Folge und Urtheil wie oben ausgesprochen.
Das Vernichten und Aufheben oder Mißbilligen wollen von Liebe und Haß kommt mir so sehr
einseitig vor: eint die Blume welcher der Seeleneinende Kuß entschwebte, als sie vom
süßen Duft getrieben, den eignen Mund öffnete, eint diese Blume nicht Dornen und Blume Haß
und Liebe? – Und was die Natur eint will der Mensch scheiden? – Hat die Blume welche das
Sinnbild ist der Einigung des reinsten zartesten Gemüthes mit der Gottheit, eint diese Blume nicht
Haß und Liebe? – Seht wie sie am Stengel das kecke im Grünen nur aufgehende Laub zu-
rückdrängt und immer mehr zurückdrängt, daß die Blüthe[n] in ihrer Gemüthsreinheit erscheinen
können. Wenn nun das Sinnbild der reinen Gotteinigung und Gotteinigkeit sogar Liebe und
Haß eint und der Mensch will scheiden was sich geeint sogar der Gottheit nahen darf? –
Anders sehe nun ich dem Verhältniß vom Sohne zum Vater an, als es mir aus der Äußerung
Fichte’s hervorzugehen schein[t]: der Sohn soll nicht nur den Lebenszweck, sondern sogar die Handlungsweise besonders wo sie aus Grundsätzen und Lebensansicht hervorgeht, auflösen d.h. in ihren Gesammtzusammenhang zeigen. Ich will was ich meine in meinem eigenen Leben und durch meine eigene Handlungsweise klar machen. Mein Vater war wie bekannt ein strenger Mann, und ich habe
diese Strenge oft gefühlt; er führte ein zweyschneidig Schwerd und schlug damit viel Wunden, welche
wie ich mir habe erzählen lassen, meine (rechte) Mutter durch linderndes Öhl zu heilen unbemerkt
von ihm sich viel Mühe gab. So stand er auch immer mit seinen Obern im harten Kampf von welchen
er stets kräftige Unterstützung zur Ausreutung des Schlechten forderte, und so war er von diesen fast
mehr gefürchtet als geliebt; dennoch wagte ich 1809 an eben diese Obern wegen {der einer dortmals be-
absichtigten Schulverbesserung zu schreiben: „Ich werde und wolle zeigen was mein Vater ge-
wollt habe und ihn in seinem Handeln rechtfertigen.“ Es wird wohl noch bey den Acten darüber liegen.
Mag seyn daß mir jenes Wort mehr geschadet hat als ich weiß. – Genug es zeigt meine
Überzeugung hierinn; deßhalb hätte ich sie nun nicht eben so aussprechen müssen.
Woher nun diese Erscheinung in den Überzeugungen und Urtheilen der Menschen? – das erste: -
Die Menschen sehen die Erscheinungen des Lebens nicht im stetigen Zusammenhang unter sich und in der nothwendigen Beziehung /
[18R]
zur Einheit. Das letzte: Die Menschen machen entweder die Durchgangsstufen der Bildung
und Entwicklung fest oder sie verwerfen sie ganz beydes ist gleich nachtheilig und hat seinen
schädlichsten Einfluß auf die Fortentwicklung der Menschheit geäußert, mir ist nur der Mensch-
heitserzieher bekannt welcher sich dafür bewährte, welcher sprach: ich bin nicht gekommen auf-
zulösen sondern zu erfüllen. Vielleicht theilen sich alle jetzt lebenden großen Volks[-] und Men-
schenerzieher und so vielleicht auch ganz namentlich die großen durchgreifen[d] wirken wollenden
Religionslehrer in jene beyden Klassen. –
Um nun als praktischer, wirklich Frucht- und Ziel bezweckender Erzieher seinen Zöglingen
die verschiedenen Durchgangsstufen nicht nur durchwandeln, sondern ihn auch nun in jeder so
lang leben zu lassen bis er sich auf und in ihr ausgelebt hat, dazu gehört eine große, minde-
stens sehr vielgliedrige, vielstufige Erziehungssphäre, und ich komme so von etwas fremden
zur Beachtung, auf die Beachtung des eben dargelegten äußeren Lebensplanes zurück. -
Ich erlaube mir nur noch in dieser Beziehung die Bemerkung welche ich euch aber sehr zu beherzigen
bitte
– (Was im großen Lebensganzen dem einen Sprosse, Staffel, zum Emporsteigen ist und seyn
kann und ist, kann dem andern kann einem andern als Preis- Krone und Kranz am Ende seiner
Laufbahn seyn. Was gehört nur schon dazu dieß nur im Allgemeinen zu erkennen, im Allgemei-
nen festzuhalten und auszuüben? – Was gehört noch bey weitem mehr dazu dieß in jedem
besondern einzelnen Fall zu erkennen, fest- und auseinander zu halten, jeder dieser so
entgegengesetzten Lebensansichten und Lebensziele sein Recht zu geben? – Ich bitte Euch betrach-
tet mit mir nur einen Rosenstrauch und bedenkt, haltet fest was er uns, was er Euch lehrt:
- Die gleichen Säfte die der eine und ebenderselbe Strauch bildet in einem und ebendemselben Stamme
<verwande[l]n> sich hier zum Stamm, umfassenden Splint, welcher nie das Tageslicht siehet, welcher end-
lich sogar zu Holz verfärbet, und dort zu der nach Entfaltung strebenden Knospe. Sagt mir
wie sollen die Geister dieser beyden Wirkungssphären als Personen gedacht sich gegenseitig be-
trachten und beurtheilen? – Weiter die gleichen Säfte bilden sich zu Knospen, dort entfaltet
sich die Knospe zum langen Schoß reich mit Dornen und <-> zerstreuten Blättern im warmen Grün
der Natur. Hier entfaltet sich die Knospe zum kuglichen Runde mit zahllos in einem Punkte
einer Mitte versammelten Blätter im ewigen Rothe des Gemüthes. Wie sollen diese beyden
Knospen als Personen betrachtet sich nun beurtheilen? – Sollen lauter Blätter- und Schoß-
knospen oder sollen lauterBlumen- hier Rosenknospen getrieben werden? u.s.w. Meinet
Ihr es sey im Leben der Menschen anders als hier am Rosenstrauch? – Nein! wie diese
beyden Verschiedenheiten und die vorigen beyden sich an einem und eben demselben Rosenstrauch
finden so finden sich die bezeichneten oder ähnlich entgegengesetzte in einer und ebenderselben
Familie ja – oft in einer und ebenderselben Stube. Was soll nun ohne Erkenntniß,
ohne Bewußtseyn, ohne Einsicht, ohne Durch- und Überblick, wenigstens von einem Punkte aus
die Folge davon seyn[?] Ich bitte Euch fühlt und denkt es durch, lasset Euch dabey noch die Erfahrung
von Euch und andern lehren, und saget mir und Euch dann das Ergebniß. Oder meinet
Ihr die Menschheit sey weniger geringer als eine Rose und trage weniger Mannigfaltigkeit
in sich als eine Rose? - - ich denke mehr! - - Also nur ein verhältnißmäßig
und mit Stetigkeit, Sinnigkeit und Bewußtseyn entwickeltes umfassendes und somit
Großes Leben (: aber NB kein gemachtes :) kann die umfassende und erfassende Entfaltung
möglich machen. Ihr werdet daraus abnehmen welchen schon ungeheuren Beruf jedes
Familienhaupt welche Verpflichtung es hat; denn jede Familie ist bestimmt Ausüber und Dar-
steller eines solchen Menschheitsganzen zu werden. – Ihr seht mit welchem Beruf und Ver-
pflichtung schon jeder gereifte Jüngling und junger Mann (: ja selbst die Jungfrau nur ist die Dar[-]
stellungsweise anders das h. entgegengesetzt gleich :) sein Leben betrachten soll, denn er ist bestimmt
Familien Haupt (wie jene Familien Herz) zu werden: - Ihr seht weiter – diese großen, er-
und umfassenden Lebensansichten und Lebenseinsichten kann uns nicht die arme Bücher- und Wort[-]
sprache geben obgleich ihr Wesen auch einzig nur symbolischer Art ist, und sie dadurch /
[19]
[Bogen] 10.
nur ihre Wirksamkeit hat – (: deßhalb muß sie physikalisch und mathematisch-naturhistorisch, betrach[-]
tet werden :) – sondern nur einzig die unmittelbare Sachsprache der Natur.

Sonntag am 11en Tage desselben Monats. Ich habe zwar schon, gleich mit dem Beginne des Morgens
in das ganze Leben versetzt, heute schon fast die ganze vorstehende Seite niedergeschrieben, allein
ich kann doch nicht umhin Euch Ehe ich fortfahre, heut einen eben solchen sonnigen Sonntag mit solcher
Begrüßung von Drossel Gesang zu wünschen mit (Paukenschlag) unserm Vogelgekos, schmerzvoll sehnendem Gympelrufe u der Goldammer keckem [„]sitz ich da[“] und dem Wogen des Glockengetöns
von allen Seiten als ich mich heut erfreue.
Nun weiter auf der vorgezeichneten Bahn zum endlichen Ziele.
Fichte schreibt in seinem Briefe an Schn[yder] weiter: -„von keinem menschlich erdachten Mittel“ pp
Dieß bringt mich auf den Gedanken: dem Fichte, welchem es doch um eine gründliche Darlegung
des Ganzen zu thun zu seyn scheint doch auch doch auch noch einige handschriftliche Mitth Aus-
arbeitungen und Darlegungen unseres erziehenden Lebens und Wirkens zukommen zu lassen;
ich meine hier vor allem die Ausarbeitung im Oktober 1830 für den Allgem: Anz: und für die
Isis dortmals bestimmt, über Menschenerziehung, wo ich von der unseren sage: „sie ist wohl
ge-lebt aber noch nicht er-lebt“ – „sie ist wohl ge-funden, aber nicht er-funden“ – so könnte
ich um zum gleichen Worte mit Fichte zu kommen, hinzufügen: - sie ist wohl ge-dacht, aber nicht
er-dacht. – Vielleicht auch selbst einiges aus dem Echo z.B. das Bild des Erziehers; die Entwicklungs[-]
und Bildungsgeschichte ganz oder zum Theil. Denn bedenkt nur seit dem zum letzteren Maale etwas
von unserer Erziehungsansicht gedruckt worden ist, sind nun schon mehr als sechs Jahre verflossen
welche Fortschritte in der Entwicklung, Ausbildung und Darlegung seit jener Zeit! - - Dieß bringt
mich auch wiederkehrend zu dem Gedanken zurück: ob es nicht wirklich zweckmäßig sey, wenn
manches von der jüngsten Ausarbeitung wie das auch wohl sonst geschiehet – als Manuscript
für unsere Freunde gedruckt würde, damit das leichtere und allgemeinere Verständniß wenig-
stens unter diesen leichter gefördert würde: es ließe sich dann z.B. mittheilen an Fr. v. Arnim -
Fr: von AhlefeldLeopold TeskeGustav v. B.[ischofshofen]Dr. MartinDr. FleckGen: Sup. Zeh – HE Adj. Burkhard in Remda - Dr. Bagge in Frkf. – Em:[il] SchwarzFr: v. Holzh. – HE Schnyder -
Emile Sommer in Rud. – HE v. Witzleben das. – Pfarrer Kandler – dem Kapp in Hamm - Christian L[an]geth[a]l. Sup: Lommler in Saalf. – Sup: Hermann in Hildburgh. gewes: Pf. in Möhra – An Georg Luther. – Selbst
für Euch sämmtlich untereinander zum augenblicklichen Nachschlagen und Prüfen wie es das innere
Bedürfniß giebt und fordert. – Ich kann noch hinzufügen – Pfarrer Korn – Pfarrer Lumberstädt in B--
Blasche in Waltersh. – Kosel in Frkfurt u.s.w. u.s.w. je nachdem man sich den Kreis groß oder
klein stecken will z.B. noch Wilhelm Wagner Red. Der Didaskalia in Frk. – Dr. Freyeisen in Frkf.
doch – jemehr man sich ausbreitet desto fester, geschlossener, sich mit sich selbst und in sich selbst ver-
stehender dessen in sich muß man da stehen; desto tiefer muß in Nacht und Dunkelheit getriebene Pfahlwurzel
z.B. der Eiche seyn. Ich sage dieß nicht Euch, sondern mir, damit Ihr selbst finden möget was ich
sage ist vorschlagend nicht fordernd. Das Dawider, wie das Dafür liegt selbst vor Euch da, daß
es nichts weiter von mir bedarf.
Die Hauptsache bleibt immer die – welche sich auch auf meiner ganzen jetzigen Lebensreise – wenn ich
mein Abwesendseyn von K. – so nennen will – bestätigt -, unsere Leistungen bestimmen das
Urtheil der Welt, der Menge des Publikums – nicht die Grundsätze um die man sich eben so
wenig bekümmert als um den Einfluß unserer Leistungen auf höheres und allgemeineres Men-
schenwohl. Nochmals ich sage das mir, weil ich es mir nicht oft genug zur Festhaltung wiederholen kann, und ich es doch wohl am Ende selbst fest halten muß; wenn ich es andern zum Festhalten aus-
spreche. Aber für uns, für unsern Kreis, den wir uns enger und ganz eng, oder weiter und
weiter wie oben angedeutet worden abstecken können ist die größte Klarheit Durchdring-
ung und Lebendigmachung, Verallgemeinerung der Grundsätze, der und des Grund-
gedankens
nöthig. – Also auch von dieser Seite wieder die Forderung, möglichst allseitige
und genügende, möglichst vollkommen ausgebildete Darlegung des Lebensplanes im angemesse-
nen Raum am angemessenen Stoff pp. denn schaffend, übend bildend, erkennt, durchdringt, eint man. /
[19R]
Jetzt noch einige Worte über Schn: [Schnyders] Brief an Euch.- Gut daß dieser Brief an Euch geschrieben
war und nicht an mich, mich hätte er gleich wieder in Harnisch gebracht, und gut daß der Bär
ihm gleich ein paar klare Töne entgegen gebrummt hat; ich kann doch das Wichtig machen des
Feindes und der Gefahr im Tod nicht leiden, und dann doch wieder das am Ende furchtsame und hasen-
füßige aufsetzende Anreizen. Dieß ist eines von den 3 oder 4 oder mehr Stücken die ich in [den] Tod hasse.
Ein die Gefahr in seine Theile auflösender ruhiger Über- und Durchblick, der kann stärken und den Sieg
bringen aber alles so in einen Pot werfen das [ist] häßlich. Es kommt mir immer vor wie ein gewöhnlich
schwacher Junge der einen Packan [Hund] anhetzt, wenn sich dieser Packan aber gegen den Anhetzenden
kehrte könnte es bald mit seinem Muthe am Ende seyn. Giebt man ihnen nun etwas auf den an-
hetzenden Finger oder Mund, so reden sie von „erbosten Pädagogen“ denen nur wohl ist, oder [sc.. aber] nichts anders können als „den St...s“ [Steiß] ihrer Schüler mit der Ruthe abzukehren; aber so vieles ist der Mann
sich selbst zu nehmen im Stande, daß er nicht einmal ein zu ihm gesprochenes Mannes Wort für
ein männliches Kampfes Wort halten kann, wie denn auch Schn. wie ich nur eben erst aus einem
flüchtigen Blick in den Schluß seines langen Rückschreibens an mich sehe meinen Wehrbrief gar nicht
versteht auch mich nicht. Der mir zur Last zu legende Fehler (: wenn anders er so zu nennen ist weil
ihm schwerlich hätte zu säen gewagt werden können was zu säen von mir gewagt worden ist :) -
ist nicht, daß ich andere und die andern mir mindestens ebenbürtig stelle; sondern er ist
daß ich andere nicht nur mindestens mir ebenbürtig, sondern sie wegen ihrer äußeren Erfahrung
und Er-lernten Kenntniß weit überordnend über mich hinstelle wenigstens hingestellt habe.
Hieraus ist mir unsägliches Leid hervorgegangen und ich könnte wohl ein ganzes Buch darüber schrei-
ben so wie auch diese Thatsache selbst eine der wichtigsten zum Verständnisse meines Lebens wie
meiner Schicksale gehört – (: ich mußte mich nehmlich mir selbst hingegeben und überlassen durch alle
Stufen des Unbewußtseyns oder was gleich ist des Bewußtwerdens zum Bewußtseyn empor-
ringen und bis jetzt ist dieß fast noch mein einziges, mindestens Hauptgeschäfte :) – Achte du
nun einen Schlechten, weil du ihn nicht kennst, und beweise ihm diese Achtung, so lacht er dich
noch aus und verspottet dich, daß du so dumm seyn kannst [ihn] für etwas Tüchtiges zu halten, denn
sein Gewissen sagt ihm ja daß er nicht achtungswerth ist und nicht Achtungsbeweise verdient,
oder sieht dich eben so dumm an wie der dumpfe Thiermensch welchen du als Menschenmenschen begrüßst.
Ich habe in diesen Mittheilungen schon zum öfteren Schmidts Geschichten erwähnt, oder vielmehr
Schmidts Bearbeitung der Menschheitsgeschichte (bibl. Gesch:) ich will mir doch auch noch erlauben
eine dieser Geschichten als Gegenstück zu dem eben von mir getadelten Verfahren selbst in des so
wackeren und achtungsvollen Schnyders Briefen herausheben. Es ist dieß Gideons Sieg (zu Anfang
der Richter) Was brachte den Sieg? – ruhend in der geistigen Einheit – (nicht aber gestützt auf
äußere Mannigfaltigkeit, selbst nicht auf die Macht des eigenen Arms) – gaben sie Sprache dem
Toden [Toten] und brachten Licht in die Nacht, .u.s.w.
Endlich auch noch ein Wörtchen auf Veranlassung Eurer Antwort auf Schn: Brief: zu der
köstlichen Stelle desselben: - „die nicht vermochten sich unter die Wahrheit zu beugen und ihr zu huldigen sie kommen von wem es sey, von irgend einem Menschen, von einem Stein, oder einer Pflanze
oder auch in welcher Kot süß oder sauer u.s.w.“ Dieß Wörtchen ist nemlich die Bildungsgeschichte
des Erziehers in der Steinsammlung und durch den Steinkrystall, welches gleich das Gegenstück
ist, endlich aus ders zwar aus früher Kindheit aber niedergeschrieben in derselben z.B. das
Ruprechtsblümchen
.
Zuletzt noch Euern ganzen Brief betrachtet und verglichen mit meinem Brief an Schnyder
und andern ähnlichen so wie weiter ausgedehnt mit allen und jedem meiner Schüler und Zöglinge verglichen und daraus ein Ergebniß von und über meine Erziehungsfähigkeit gefolgert und gezogen
welches ist es nun? – daß sich jeder meiner Zöglinge und überhaupt ein jeder unter mir oder durch mich
zu alle dem entwickelt und ausbildet, was ich nicht bin, nun bin ich aber Nichts also können sich alle
und jede[r] durch mich zu allem, was ihnen möglich ist entwickeln und ausbildet [sc.: ausbilden]. Dieß könnt Ihr allen und
jedem aussprechen welcher [sc.: welche] mich, oder Euch als mir vertrauend durch mein Nichtseyn schlagen pp wollen. /
[20]
Ich habe freylich, wie wohl nicht anders als billig ist für mich auch einen Trost und vielleicht noch einen:
Ich tröste mich mit dem Wasser, welches keine Eiche ist und doch Eichen nährt u.s.w. und mit dem
Lichte welches keine Rose ist und doch Rosen u.s.w. ihre Farbe giebt.
Überhaupt sehe ich die Menschen haben eine panische Furcht dafür [vor] – aufzuhören Etwas zu seyn
das Erregen und Verbreiten dieser Furcht gehört nun auch zu dem was ich noch weit mehr als
die Sünde hasse, denn es führt zur Sünde und giebt doch nicht[s] was so ansteckend wirkt wie jene
Furcht, dennoch wollen Menschen die sich mir Freunde nennen und mir ihre Freundschaft recht
eindringlich und unzweydeutig beweisen wollen, mich sogern mit jener Furcht erfüllen, in-
dem sie jeder schreye: „er wird in den Koth getreten! Du wirst in den Koth getreten!“ - -
Mein lieber Gott ist denn das ein so großes Unglück? – vergessen denn diese Menschen daß
Du Schöpfer Deine ersten Menschen aus einem Kothklumpen formtest, und ihnen dennoch Deinen Lebenshauch einbliesest? – Vergessen denn diese daß der welcher einst so vielen den Staar stach und
jetzt wieder ein ordentliches Heer Blinder auf der lieben Erde finden würde – durch einen Kothklumpen
sogar den Blindgebornen sehend machte. Ich dächte nun sie sollten zunächst wenigstens
froh seyn wenn sich einer zu Koth treten ließ, dann hätten sie doch Hoffnung sehend zu werden, vor
der Hand wäre doch wenigstens der Koth dazu da.
Was nun übrigens mich betrifft so gestehe ich ganz unbefangen, daß ich weit lieber der
Kothklumpen seyn möchte aus welchem Gott den ersten Menschen schuf, oder die Kothkugel
mit welcher Jener den Blindgebornen sehend machte als selbst ein Herzog und als alle die zu seinem Heere ziehen pp denn dann empfände ich doch wenigstens, - um in der Sprache derer zu
reden die nicht oder selten im Leben die Wirkung des Gottes Geistes empfinden – die unmittel-
bare Wirkung des Gottesgeistes. Und wäre ich wenigstens die Kothkugel durch welche der
Blindgeborne sehend wurde, so könnte ich vielleicht schon allein dadurch einen durch Jahrtausende
hindurch geführten Krieg und Entzweyung schlichten und den Frieden bringen welchen die Mensch-
heit und so sehr bedarf damit sie endlich Ruhe zur Selbstentwicklung erhalte.
Aber eines habe ich oben doch bey Schn – Brief noch zu erwähnen vergessen, nemlich
dessen sonderbare Verwunderung daß man mich in der Schweiz für einen Aristokraten
hält, ob ich ihm in meinem Brief an Schwartz es bestimmt genug angedeutet habe.
Ich verdanke dieß mit langem Worte dem Hochwohlgebornen Herrn. Freylich will
sich nun auch; meines Bedünkens für einen freyen Schweizer nicht recht passen, besonders jetzt
wo in der Schweiz und ganz namentlich hier im Kanton ein Jeder welcher in dem Fall ist dieß
und alles was ihm anhängt vermeidet. Zumal da in der Schweiz wie in Frankfurt ein Jeder
nur einen Herrn Schn – kennt. Daß Ihr nun auch jetzt Euern Brief Hochwohlgeboren
stempelt nehme ich Euch nicht übel, es gieng nicht wohl anders vor wegen der unmittel-
baren Beylage. Allein im Verfolg halte ich es nicht für gut, denn jeder solcher Brief wie
auch der Eure muß sich – was er auch wenn es eine Ehre ist so sehr verdient – gefaßt ma-
chen gedruckt zu werden; auch werdet Ihr am Schlusse seines langen Briefes sehen daß er
sich selbst
mir also uns gewöhnlichen Menschen ebenbürdig nennt und erkennt, also lasset
in der Folge den Stempel weg. Er schrieb an mich an den Mitstifter, dann an den Mitvor-
steher
der Wartenseer Erziehungsanstalt; da ging mir bald ein Licht auf: jetzt schreibe
ich HE X. Sch. v. W. Mitstifter u Mitvorsteher der W – Erziehungsanstalt gegenwärtig in Frkfrt.
Nun dieser doppelte Doppelklang von W u W, M u M. hat auch seine Reize, warum soll man
nicht auch Philosophen sich erlauben sich an Klängen zu erfreuen, besonders einem Philosophen der Klänge. Übrigens soll dieß meinen edlen, klaren, männlichen Schnyder nicht das kleinste Fünkchen
an ihm und in seinem Leben trüben. Es ist auch nur damit man über alles im Reinen ist und die Sache
ist wahr: man hat hier gesagt ich habe es Euch hier schon geschrieben die Aristokr.[aten] haben mich eingeschmuggelt pp.
Wie ich jetzt so für das Ganze überlege da fällt mir etwas ein woran ich – sonderbar genug – gar
nicht wieder gedacht habe. Nemlich daß ich gegen H- [Herzog] gleich in der ersten Zeit geäußert habe: Durch ihn den Schweizer vermittelt könne wohl einmal eine Tochteranstalt von K. in der Schw. gegründet werden. /
[20R]
Wie so gar sonderbar und besonders nach vieljährigen ganz abwärts zu führen scheinenden Zwi-
schenspielen verwirklichen sich fast nur aufblitzend hingeworfene Ideen. Es gehört aber auch zu
den Thatsachen meines Lebens, daß ich zu und für Ausführung jeder von mir gehegten und andern
zur Ausführung hingegebenen Idee, ganz persönlich und selbstthätig auf den Platz und Plan
treten mußte mit völliger persönlicher Hingabe. Vielleicht geht es noch einmal mit
einem großen Plane – die Deutsche Erziehung als einendes Deutsches Gesammtwerk
ebenso. (Vergl. meine kl. Schriften)
Und nun denn da Ihr Euch unter einander und mit einander so viele Mühe gebt, Euch über
über [2x] unsern Gesammtzweck besonders aber über mich und mein Leben zu verständigen, so
erlaubt mir Euch wie ich meine zum Schlusse dieser langen vielseitigen und vielartigen
Mittheilung gleichsam als Hauptschlusses* zu unzähligen Erscheinungen meines Empfindens
Denkens und Handelns d.h. der Gesammtheit meines Lebens – einen Ausspruch unseres deutschen
August Mahlmann herzusetzen welche[n] ich mir im Jahr 1805 wenige Tage vorher aus[sc: auf]zeichnete
ehe mir die Ahnung kam einmal Erzieher zu werden. Der Ausspruch heißt:
„Strebe hoch empor, aber die Liebe gebe Deinem Streben die Richtung. Reißt das
Band entzwey zwischen Dir und der Menschheit so schwebst Du in unendlicher Leere;
der Himmel spricht ich kenne Dich nicht und die Erde sagt, Du bist nicht mein, denn
Du hast kein Herz für meine Kinder.“
Dieses Suchen nun des eigenen Herzens und der Herzen „für meine Kinder“ war die Sehnsucht das
Leben und Streben meines Herzens.
[Rand*-*] * Wartensee tritt dann vor den Augen der Welt, achtbar mit Keilh. in Verbindung. Ferdinand ist dazu nicht genug. Ein anderes wirkt zunächst mehr trennend und die Blitze auf. W. leitend. – Herzog selbst erscheint dieß zu ahnen denn mit L. mag er bekanntlich nicht anbinden.[*]

Am 12en T. Montags. Jetzt da ich auf Veranlassung meines Briefes an die hochgeliebten Mütter in
Berlin das Ganze wieder vor meiner Seele vorüber gehen lasse entsteigt dem Innern eine Bitte
und eine Aufforderung an Euch, welche ich Euch doch auch gleich niederschreibend aussprechen will wie
er [sc.: der Gedanke] sich im Gemüthe bildete, sie heißt: - Ich bitte Euch seyd fest in Keilhau und so sinnig als ruhig nach-
gehend den Forderungen im großen Ganzen; Ihr wißt gar nicht was jetzt von dieser Festigkeit, von
Keilhau abhängt; es ist mir auch ganz unmöglich Euch alles auszusprechen; selbst wenn ich als Einzelner
unterläge, müßte Keilhau als Gemeinsamheit bestehen. Ihr wißt nun ich habe es ja auch im Echo wieder
erwähnt, wie früher Knaben und Kinder wenn sie von Keilhau hörten, freudig dahin blickten; so möchte
ich fast sagen sind jetzt die Erscheinungen bey Erwachsenen und – Gebildeten, Hoffenden, Strebenden. Ausgedrückt liegt in einer Äußerung des HE Dr. Siegrist in Beziehung auf den App:Z. Aufsatz und die meine Entgegnung welche wohl ich Euch schon mittheilte: - „Nun so erfahren wir dadurch doch auch etwas von Keilhau[“].
So geht auch aus dem Ganzen hervor, daß man nun schlechterdings nur will, daß alle Hülfe welcher
ich hier bedarf - (: ob sich mir solche in der Nähe immer von neuem selbst fürs Hauswesen anträgt :) – mir von Keilhau komme.
Da der oben ausgesprochene Gedanke in Beziehung auf Barop mich ununterbrochen beschäftigt und mir immer
in größerer innerer Wahrheit und Nothwendigkeit entgegentritt, weil er mir den hiesigen Grundbau, Grundgewölbe, den Schlußstein einzusetzen scheint, so will ich es auch doch nur auch nochmals aussprechen. Ihr dürft etwa Euch nicht an der Ausführung durch den Gedanken abhalten lassen, daß Ba-
rop eine längere, wenigstens eine zu lange Zeit hier bleiben müßte, dieß Hierbleiben ist gar nicht
nöthig, kann wenigstens alles erst abgewartet werden. Schon sein Hierherkommen ist genug und der Gegenpartey wird gewiß – verzeiht mir den Ausdruck ich meine es sonst mit dem Kommen nicht bös – der
tödlichste Streich versetzt; denn das Bestehen von Wartensee erscheint dann ganz unabhängig von mei-
ner Person
, um die sich es den Gegnern scheinbar und ihrem nun schon zu viel zu fest hingestellten Erklärungen nur einzig handelt [geht], - ich werde ein Schatten oder – ein Geist; dagegen werden sie sich bald wieder fassen
aber die Dornen im Auge, Keilhau und Wartensee stehen und stechen ihnen in die Augen. Glaubt auch
an die Wichtigkeit und Nothwendigkeit des Wirklichen; alles löset sich dann trefflich; Soll ich unser oder
was eins ist mein Leben aus dem innersten Geiste darstellen – so erhalte ich dazu Zeit, - denn jetzt wäre es mir im Drange der äußeren Geschäfte unmögl[ich] denn das äußere Leben fordert hier stets seinen geharnischten Mann. Mit
diesen rohen Naturkindern ist Schulhalten kein Spiel, denkt an Westphalen. – Theilt mir recht offen alle Einklänge, Mitklänge und Wider- Gegenklänge mit, welche mein Vorschlag in Euerm Kreise weckt. – Persönlich kostet /
[Rand] es mir sehr viel Überwindung ihn zu machen und ich habe mich lang dagegen gesträubt,
warum weiß nur ich. – Aber ich kenne mein Loos immer gegen mich handeln zu müssen – [*]

b) Entwurfsfragment

[1]
[vakat]
[1R]
übersehen die Herren Philosophen – besonders die Herren
Kunstphilosophen – sie vergessen daß die ersten Grazien
(die lieblichsten Huldigungsstätten) noch Muskeln zeigt[en]
Wor[t]fluß Stimme <Meinung> pp pp.
Darum laßt Sie [sc. sie] philosophiren ob es denn ein Fröbel pp wirkl
zu geben mögl ist und ob ihm zu leben u zu schaffen erlaubt ist
laßt ihn nur leben schaffen wirken.
So habe ich fürnur den Übergang wiedergebahnt zu dem was ich
noch sagen wollte näml zu dem oben ohngedeut[eten] Plan des
äußerl. Lebens.
Die größte <fpiloiviren>solchstärkste Wahrheit ist näml
das bey allen menschlichen ersten u original[en] Unterneh[mungen] für die Menschen u bey denen gar
nichts anderes entscheidet als der Ausgang; wo wäre
auch für ein noch nie Dagewesenes ein anderer Prüfstein[.]
Also – größte Lebensregel – bey allem wahrhaft großen was
der Mensch träumt muß er nie das Einzelurtheil
vor u im Auge haben sondern nur die Klarheit
Sicherheit des Ausgangs. Gehe
Also nicht in die eben wegsterbende Mitwelt [sie] darf
uns [nicht] Prüfstein u <?> seyn, sondern die ewig geben[de] wer[-]
dende Nachwelt – ja die ja die unsterbl. Vorwelt.
So also auch in u eben mein und unser Unternehmen
Wie aber die Vorwelt? – – –
Gestern habe ich es angedeutet als ich sagte leicht u
Einfach – –
Doch nun zur Sache. /
[2R]
Rsp. Damit man in allem u jedem das Gleichgesetzige in u bey den
schnellen Wechseln wahrnehme.
1.Umkehrung. Entwicklung ------ Machen
         Pflege des Guten ---Abfallenlassen d Schlechten
2a.Die Schlechten halten zusammen, warum nicht auch die Guten
2b.fremde suchen verwandt fremde Früchte hervor
3.Achten auf das gleich gleichzeitige Leben
4a.Ein ist ein Naturleben.
4b.f.Äußerung bey S.Brief. F.würde bestimmt in sein[em] Urtheil <gütig> seyn
sobald nur die Verhältnisse erkennbar anders.

Am 29 Januar
5.) Entwicklung – der Thatkraft – der Empfindung – des Denkens
6.) Ausbildung der Einbildungskraft.
7.) Man muß nicht Lehren – sondern Pflegen = 1.oben
8.) Man muß die umgebenden Menschen in sich auf keiner höhere Stufe der Entwicklung
stellen, auf keiner höhern Entwicklungsstufe sehen als sie wirkl
stehen; ich muß nicht mehr (aber wohl auch nicht minder) von ihnen
fordern u verlangen als sie vermögen dieser Bildungsstufe bestehen
können zu leisten im Stande sind
9. Ausbildung des <eigenen> Lebens, Glaube an das <Eigene> Leben, Wissen
können, erkennen, behandeln, Gebrauchen, (Darstellen) gestalten
des eigenen Lebens in sich u aus sich u durch sich Allein All-ein
NB das Alles u das Eine, das Eine u das All liegt im Allein
10. Man muß den Schatten, seinen Glauben an sein Bestehen in sich
u durch sich fassen bis er auf irgend eine Weise zur Einsicht seines <Seyns> erhebt denn er hat ja sonst gar nichts wodurch er bestände, so
dahin gehört auch das schon früher besonders auf Reisen von mir beobachtete: Man muß sich wieder von einem Jeden nehmen lassen für das für was er uns nimmt.
man ihm also den Glauben /
[2]
an das Selbstbestehen nähme würde er in sein Nichts verfall[en]
so nächtl. endigen[der] Mensch F. H.[Friedrich Hölderlin]
11. Adresse an Fellen in Zürich
12. Adresse an Flury;
13. Brief an Wendt in Genf;
11. Schon 1810 habe ich gesagt, daß es Stein – Pflanzen – Thier –
MenschenMenschen giebt pflegen entwickeln daß es das <Schlechte> u
bey überwachen u dieß <verdauen> – – – –
bleibe ich beim PflanzenMenschen stehen, es giebt entweder
DistelMenschen – NesselMenschen – DornenMenschen – RosenMenschen
LilienMenschen – EicheMenschen – BuchenMenschen – LindeMenschen
Jedes G KleeMenschen – ErdäpfelMenschen HanfMenschen -
Korallemenschen. <wenn>
wir nun, jedes Gewächs fordert auf seine Weise u seiner
Natur nach gebraucht zu werden, so auch die verschiede-
nen Arten der Menschen – keines mag aber – so wenig
nun aber der Mensch jedes u alle als eine Gottesoffen-
barung Naturgegenstand <Wahrheit> betrachtet so wenig betrachtet auch der Mensch
sich selbst als Naturgegenstand schlechthin als
Gottoffenbarung – So wenig weiter ich mich beklagen
darf wenn dieder Nessel u derdie Dornbusch mich sticht
so wenig darf ich es thun wenn mich der Nessel[-] u der
DornMensch sticht. So mit den Steinen Marmor Edelstein Lehmspat
rc. Diese Ansicht der Menschen führt zur ächten Menschenkenntniß
u zeigt macht die Menschen als G[an]zes zu einer Ausdrucks ja auch wohl
Anmuthsvollen Landschaft.
12. Daher auch der frühere Satz, man müsse von keinem Menschen mehr
fordern was er leisten und nur das was er leisten kann.
Dieser Zeit kann ich Äußerungen wie die von gerade nun leicht ertragen, ja ich sehe was eine ächte Menschenerziehungsanstalt muß nach glücklichen Grundsätzen wirken
in dem bisherigen angedeutete Lebensansicht die in mir sich selbstständig geklärte
geworden ist, <setzte> ich klar [um] ein hoher und ächter Menschen[-] u Menschh[eits-]
erzieher zu seyn muß man das Schlechte u Böse nicht bekämpfen sondern stehen
lassen, daßs Gute über [bricht ab]/

Brief Notizen

[3]
Am 29en Tage des Monats der Klarheit 1832.
22. Man muß den Kindern das Leben die Gesetze des Lebens, dieLebens[-]
lehren und Regeln nicht als Gabe, als Lehre, als Geschenk geben, sondern
man muß sie alles, so endlich das Leben, die Gesetze, die Lehren
des Lebens u so endlich sich selbst finden lassen[;] höchste Aufgabe der
Erziehung u des Unterrichtes dieß besonders an Middendorff zu
schreiben NB Figuren Erfinden im Klein[en] Raum mit Wenigem ein in sich ge-
schlossenes G[an]ze darzustellen – das Leben des Menschen sey selbst jeder = Stufe
ein in sich geschlossenes Ganze wie Figurenerfindung zeigt; dieser
Lehrgegenstd = Raum = Gestaltung = Empfindung d.h. immer auf die Einheit in sich
u die Zahl = Zeit = Denken = erkennen
beziehen; Erkennen d.h. immer den Ort in der Mannigfaltigkeit
wissen d.h. die Sonderheit Individualität wissen.
23. Ich meinte in meiner letzten Nachschrift doch die Abschrift
der H-schen Drohung in der App. Z. an Georg u nach W-r [sc.: Weimar]
zu an die 3 Volkstädter Br[ü]der zu schicken u nicht den Abdruck aus
der Argauer Zeitung; in Eil hatte ich mich versehen
24. Norddtschl u Mitteldeutschland. Bayern (Bayern) <-> Allgem. Ztg
25. Festhalten des denk[enden] empfinden[den] Landlebens wenigstens durch s.<Gemeinsame>
Anlegung u <Ausbrechen> zur Colonie. Es läßt sich das Gute daran
nicht entsagen, aber was zu lernen wird gelebt. –Nun schon
dieß die Familie des Bruders errungen zu haben ist ein unschätzbares
Gut – erst die Nachkommen werden es einsehen[.]
Mir ist sehr wohl klar beruhigt u zufrieden daß ich das Gze Euch
ausgesprochen und so nun in Eure Hände gelegt habe. Überlegt
es mit dem Erfahren[d]sten <besprecht> Euch mit dem Bruder. Die
Reise müßtest Du Barop gleich nach Ostern anzutreten
suchen. Werfet Eines nicht vor [:] Ich ehre keine Verhältnisse ich
muß sagen wie ich es erkenn das Handeln darnach liegt in
Eurer Hand. Auch Deine Frau mag Ihr Urtheil geltend machen! - /
[3R]
Ich werde Euch von nun an wichtiges schleunigst mittheilen damit
Ihr immer im Überblick des Gzen bleibet.
Nur auf Grundeigenthum Grundbesitz kann ein zweytes Keilhau
wachsen.
Auch HE G.v.H. [sc.: Georg v.Holzhausen] ist mit dem betreff. Geschäfte bl[ei]b[end] vertraut.
<Erfurt> ist im <?> Urtheile sehr gesunken.
{Große Thatsache / Großes Gesetz} des Lebens[.] Wer vertrauete blieb, blieb in den
Grenzen u weiter noch als er vertrau[ete]
Wer so vertrauete gegen <Gott> gegen <Gott> in
dem <Ganzen> <warum er <? > vertrauete u weiter [Text bricht ab]