Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 24.2./26.2./27.2./28.2.1832 (Wartensee)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 24.2./26.2./27.2./28.2.1832 (Wartensee)
(KN 35,4, Brieforiginal 3 B 4° 12 S. )
(Verhältnis Originalzeile : Transkriptionszeile nicht 1 : 1)

Wartensee am 24en Tage des Monats der Klarheit
1832. früh 7 Uhr.


           Meinem lieben Hause in Keilhau
der Klarheit und des Lebens Gruß zuvor.

Geliebte! Welch ein Morgen war es heut wieder und welch einen Tag verkündet dieser Morgen wieder! Wie klar und ruhig, wie so ganz in sich selbst gewiß gieng die Sonne, strahlte die Sonne wieder über dem klaren und heiteren so ganz in sich selbst ruhenden Rigi herauf, wie still und lauschend war die weite Landschaft den ersten Blick gleichsam den ersten Laut der wiederkommenden hehren Tages- Jahres- und Lebensbegleiterin zu vernehmen; wie in sich einig und durchleuchtet stand der Mensch, wie in sich eins wie die Knospe am Baume und die Festgestalt des Reifes am Grashälmchen um das hohe Lebenssinnbild was Gott selbst dem Menschen gegeben hat zu verstehen in sich aufzunehmen und demselben sein Leben gleich zu machen. Seit wohl acht Tagen ist so jeder Morgen dem andern gleich und jeder Morgen wird so von mir begrüßet, jeder so vernommen.
Ja, doppelt vernehme und begrüße ich so jeden Morgen, denn wie ich die Königin des Tages und des Jahres die Führerin der Jahres- und ich möchte sagen Lebenszeiten hinter- und auf den Rigi heraufstrahlen sehe, so sehe ich sie in meinem Gemüthe im schönsten Lebenskreise und Lebensbunde mit Euch gemeinsam entweder von den Höhen des Culms oder in der großen grünen Lehr- und Lebensstube hinter dem Uhu und auf demselben hervorstrahlen und mein Herz und meine Seele, mein Gemüth begrüßt Euch mit guten Morgen, guten Tag - gutes - Leben.
Nachmittags. Wohl hat mein Gemüth mit vollem Rechte diesen Monat für mich und mein Leben den Monat der Klarheit genannt und auch in diesem Jahre bewährt er sich mir wieder als solcher, denn wie die reinste höchste Klarheit außer mir in der Natur mich umgiebt ich möchte sagen in Stetigkeit, Gediegenheit, sich selbst Durchsichtigkeit, so klärt, festgestalt und durchsichtiget sich auch immer mehr das Leben in mir und das Leben und die Lebensverhältnisse außer mir.
Abends. Ich kann es gar nicht scharf und bestimmt genug bezeichnen, wie sich der Charakter dieses Monats durch Jahre hindurch für mich gleichbleibt, eben so wie die Monate des Spätherbstes welche durch eine ganze Reihe von Jahren für mich immer lastend und drückend, trüb waren. Seit einigen Jahren freue ich mich dann in jenen Monaten mit Entschiedenheit auf diesen, und er hat mich noch nicht geteuscht, nun auch in diesem Jahre wieder nicht. Im Monat Oktober und November pp. sagte ich mir im Gemüthe oft wörtlich: wenn nur erst der Monat Februar kommt dann klart sich schon wieder Dein Leben! und er hat Wort gehalten. Schon vom Beginn des Monats Januar beginnt das Leben freyer und freundlicher zu werden, und ich kann von da an ganz genau die Zunahme der Klärung meines Lebens ja nachweislich wahrnehmen. Es tritt dann im Leben ein bestimmter abgeschlossener Punkt ein. Von diesem Punkte an gleichsam dem Culminationspunkte des Lebens für dieses Jahr ist alles andere dann nur Entwicklung im Fortlauf des Jahres. Ich könnte mit diesen Gleichstellungen der Lebenserscheinungen in gleichen Zeiten auch nur in den kürzesten Andeutungen leicht eine halbe Quartseite dieses Briefes füllen, doch mein Leben liegt so offen für [sc.: vor] Euch und es braucht zur Wahrnehmung des Angedeute[te]n eben kein so sehr scharf geübtes Auge daß ich Euch hier nicht mit mehreren Andeutungen aufhalten will; doch eine erlaubt mir, weil Ihr selbst ganz freythätig, dabey die Wirkenden waret.- Im December waret Ihr besonders für meine Rechtfertigung oder wie Ihr es nennen wollt thätig. Gegen Monat Januar kamen diese Briefe nach Luzern. Am 7en Januar erhielt ich diese Dokumente mit den Festgaben. Und am 18en und ohne Zweifel am 22en Februar (:denn nur die Argauer Ztg v 18n Febr liegt vor mir.) treten diese Dokumente durch die Argauer Ztg in das größere Publikum und so in ihre eigentliche Wirksamkeit. Zwischen 18en und 22en Febr liegt der 20ste in der Mitte, aber in diesen 3 dazwischen liegenden Tagen wird keine Argauer Ztg ausgegeben. Ich mag es wirklich wegen der Schärfe der Bestimmtheit gar nicht weiter /
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ausführen; Genug Ihr sehet selbst, es scheint als haben die Dokumente erst die Mitte (d. 20en) des Febr abwarten wollen und sollen ehe sie für Allgemeinheit hervortreten sollten. Ich sagte vor ein paar Tagen auch noch in einer anderen Beziehung zu Ferdinand: weder der Verf. der e.W., noch H. Herzog hätten nicht einige Tage mit ihren Aufsätzen warten dürfen, es ist alles wie abgemessen. Ich meinte nemlich wenn daraus besonders auch für die beyden Anstalten Keilhau und Wartensee für das kommende Sommerhalbjahr Wirkungen hervorgehen sollten.

Sonntags am 26en des Morgens. Ein Morgen wie der gestrige und eine in hehrer Klarheit aufgehende Sonne begrüßte heute wieder Euch wie mich - uns als Einiges.
Ihr könnet wohl fragen und habt Euch vielleicht schon gefragt, warum ich in dem gestern Niedergeschriebenen so besonders das gleichzeitig Wiederkehrende in meinem Leben und besonders den Charakter hervorhob welchen so oft die ersten Monate jedes neuen Jahres für mich haben; es ist dieß, damit Ihr mich in meinen Lebensäußerungen immer mehr und besser verstehen wenigstens nicht mißverstehen möget. So scheinet Ihr z.B. meine letzte Äußerung über die Wirkung H-schen Aufsatzes in der AppZtg zum größten Teil miß- wenigstens nicht ganz verstanden zu haben; denn in Euern Rückmittheilungen an mich darüber drückt sich - wie ich schon im letzteren Brief an Euch erwähnte - das nemlich dort begonnene und Angedeutete will ich nemlich jetzt hier aus- und fortführen, weil mir beym jüngsten Briefe die Zeit dazu mangelte - nemlich ein gewissen Mit-Leiden und Mitleiden aus.- Ein Grundgesetz, Grundcharakter, eine Grunderscheinung meines ganzen Lebens nemlich ist: daß ich immer die Lebenserscheinung und den Lebens-Eindruck ganz in mich einwirken lasse und in mir aufnehme, sie sey nun angenehm oder unangenehm, süß oder sauer u.s.w. jeder Abhärtungs- und Gleichgültigskeits- genug jeder Formen-Methode von Außen bin ich von meinem allerersten Empfinden und Denken an feind; das Beste und Edleste (:warum soll ich als 50jähriger Mann nicht offen reden:) - was Einzelne wie ganze Gemeinsamheiten und sey es ein ganzes Volk oder ein ganzes Zeitalter sich angewöhnt haben macht auf mich den widrigsten Eindruck während das geringste gute was frey und selbstthätig und vor allen lebendig gefühlt, klar empfunden, wohl gar denkend erkannt mich im Innersten erfreuen kann. Ich leiste also dem Bildungswege und Bildungsgange nach willig darauf Verzicht ebenso wenig weder ein Zeno, noch ein Diogenes von Laertes aber auch kein Epicur zu seyn; dazu kommt noch daß mein ganzer Körper für äußere, Natur- und Climatische Erscheinungen auf das höchste empfänglich, dagegen reizbar ist und wir und ich doch in keinem Clima von Kleinasien und auch nur von Griechenland leben. Also nur durch und nach Dur Entwicklung, Durchdringung, Durchwärmung, Durchleuchtung und so wahrhafter Erkennung und Gestaltung suche ich das Unangenehme u.s.w. das Hassende Ge- und Verhaßte von mir zu entfernen wie das Angenehme und Geliebte festzuhalten. Bey diesem Charakter meines ganzen Wesens nun empfinde Schmerz und Lust, Freuden und Leid von welchen wie mich die Erfahrung täglich immer mehr lehrt wenige andere Menschen eine Vorstellung haben. Nun war es aber schon in meiner frühen Jugend ein bestimmter und wörtlicher Wunsch meines Herzens der sich jedoch auch lang durch mein Leben hindurch zog: daß ich doch gern wissen mögte wie es doch eigentlich bestimmten Menschen g[an]z namentlich allen denen welche uns die Entwicklungsgeschichte der Menschheit als Vor- und Musterbild aufstellt sowohl im Allgemeinen in ihrem Leben als besonders in bestimmten Lagen und Verhältnissen ihres Lebens zu Muthe gewesen seyn möchte. Später sahe ich die Wichtigkeit des Wissens dieses von und bey allen Menschen ein. Diese Überzeugung nun hat mich mit geringerer und größerer Klarheit der Einsicht nun schon seit sehr langem bestimmt: wie ich die Wirkungen des Lebens hemmungslos in mir aufnehme, so auch die Eindrücke des Lebens und der Lebenserscheinungen eben so unverschleiert wieder kund und offenbar zu machen, denn ich meine und wünsche das [sc.: , daß] endlich das Leben und die Gesetze des Lebens klar erkannt werden sollen, und weil ich so denke daß auch andere Menschen von anderen Menschen in ihren Jugendjahren gleichen Wunsch wie ich dort hegen könnten, so wollte ich wenigstens mit möglichst klarer Hinstellung meines Lebens wie es nun factisch einmal wirklich ist den Anfang machen, also weder um {Mitleid / Mit-Leid[}] zu erregen noch {Mitleid / Mit-leid} zu empfangen, noch zu äußerer Beseitigung dieses Widrigen und Unangenehmen aufzufordern ist der Grund jener Mittheilungen, wohl aber zum Mit- /
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Kampf und Mitstreite gegen die Einzelheit, Einseitigkeit und so Trübung, Nacht gegen Selbstsucht pp[.]
Ich weiß recht gut, von dieser Seite meines Karakters und Handelns aus sind mir die größten Schmerzen und die widrigsten Erscheinungen meines Lebens gekommen und alles was mich jetzt nur Widriges und Schmerzliches umgiebt ist eine Nachwirkung und ein Nachhall davon, es wird auch zu seiner und zur rechten Zeit gänzlich abfallen: es umgiebt mich noch wie stachlichte und harte Rinde die Kastanie, oder die bittere und steinichte, löchrichte die Nuß, oder wie die bittere klebrichte und harte Hülse noch die schon hervorstrebende, herbrechende Knospe jetzt noch umgiebt; der neue Lebenskeim ist schon geweckt und geboren, der frische Herzpunkt hat sich schon gestaltet. Meinet darum nicht etwa aus gewissen Äußerungen in meinen Briefen ich wähne vielleicht mein Lebensschmerz würde, lebte ich jetzt in Keilhau geringer sein. Behüte, wenn ich das suchte, so dürfte ich mich wenigstens jetzt noch nicht nach Keilhau zurück sehnen; der Grund davon ist aufs Höchste leicht einzusehen: ich würde ohne Zweifel, besonders nach den jüngsten Wirkungen die von Euch in Beziehung auf mich und auf mein Lebensziel und meinen Lebenszweck ausgegangen sind, kaum jetzt noch anders können ich würde wenigstens in der Tiefe und in dem Innersten meines Gemüthes fordernd gegen Euch da stehen, schon die Wirkungen und Rückwirkungen davon würden schwerlich anders als schmerzlich seyn: umgekehrt würdet Ihr von mir ebenfalls nach den jüngsten Wirkungen, vielleicht Gaben Eures Lebens wie Ihr es wohl und mit Recht auch anschauen könnet fordernd an mich dastehen, als heraus- und eingehen sollend in Euer eigenes und Einzelnes besonders ab und namentlich aber auch äußeres Leben. Mein Leben ist aber so ganz in mich zurück gedrängt, daß auch für des Lebens äußere Gemeinsamheit nur in des Lebens Innersten des Lebens Einheit der gemeinsame Einigungspunkt seyn kann. Also dieses in der äußern Erscheinung und im äußeren Leben gänzliche Abgeschlossen- und Zurückgezogenseyn auf und in mich, weil man es nicht verstehen, im Gegentheil aber wohl anders erwarten würde, [würde] den Andern und so auch mir - was doch das Geringste wäre - wieder Schmerz machen. Sehet so bin ich denn gänzlich mit dem Leben zufrieden wie es ist; denn hier machet kein Mensch, keine Seele Forderung an mein Leben, ich mache an keines anderen Menschen Leben, an keines anderen Inneres Forderung, und meine größte Sorgfalt geht dahin sie auch durch die unbewußtestens Regungen meines Herzens und Gemüthes, meines Innersten sie nicht zu machen, Ferdinand steht in Beziehung auf Lebensentwicklung und Lebensansicht von der meinen - wie es mir erscheint auch in gleicher Alters- und Lebensstufe - so ganz verschiedenen Stufe, daß durch das Wort an gar kein Verstehen also auch an gar keine Einigung zu denken ist, ich suche und fordere also auch keine, wie ich keine erwarte und so bin ich auch von dieser Seite in mir schmerzeslos. Darum bin ich gänzlich in Beziehung auf mich mit den Lebenserscheinungen zufrieden wie sie sind, was sie mir die wirklichen Lebenserscheinungen nicht reichen, nicht gewähren dafür finde ich reichen Ersatz durch mein Gemüthe durch mein inneres Leben in der Lebenseinigung und Lebenseinheit, die nur Wenige ahnen, noch Wenigere erkennen und noch die Wenigsten wahrhaft anstreben. Es ist unmöglich in Beziehung darauf andere Forderung an die Menschen und an den Einzelnen zu machen als sie der Menschenschenschöpfer [sc.: Menschenschöpfer] und Menschenvater selbst an Einzelne, wie an ganze Geschlechter und Völker machte; es ist unmöglich in Beziehung darauf andere Forderungen an die Menschen und an den Einzelnen zu machen als sie der Menschheitserzieher, der ächte Menschensohn selbst an Einzelne, wie an ganze Geschlechter und Völker machte; kein ächter und wahrer Kinder[-], Menschen- und Völkererzieher kann andere Forderungen machen als diese beyden machten, also auch der nicht der sich wenigstens bestrebt sey es auch nur eines der letzteren drey zu werden, - warum soll ich also denn auch länger damit hinter dem Berge halten, es gleichsam nur errathen lassen nun aber nicht als ein Mann der bald ein halbes Jahrhundert lebte nicht frey und offen aussprechen - auch ich kann in Beziehung auf mein Streben keine andere Forderung machen. Wer sich von der unwandelbaren Wahrheit dieser drey durch Unmöglichkeiten, das heißt davon überzeugen will daß es um ächter und wahrhaft Mensch zu werden unmöglich ist andere Forderungen zu machen durch andere Forderungen es zu erreichen, für diesen giebt es drey Wege, erstlich Vergleichung seines eigenen Lebens und dessen Entwicklung mit dem Gang Gottes in der Entwicklung, Erziehung und Bildung des Menschengeschlechtes, oder kurz oder kurz [2x] mit der Entwicklungsgeschichte der Menschheit. Wer diesen Weg betreten will, wer auf diesem Wege zum Ziele kommen will, da kenne ich kein anderes /
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und besseres Hülfsmittel als die Bearbeitung der Entwicklungsgeschichte der Menschheit durch Christoph Schmidt mit dem Titel "biblische Geschichte für Kinder" also eines unserer allgemeinen Lesebücher in Keilhau. Seit 25 Jahren lese ich nun dieses Buch immer, in manchen Jahren habe ich es sogar mehrmalen gelesen und gehört, nemlich von meinen Schülern. Als ich nach Wartensee kam fand ich es, sonderbar genug in der Bücherey. Ganz ohne mein bestimmtes Wollen, ja gegen mein bestimmtes Wollen, da wir für die oberste Leseklasse Wilmsens Kinderfreund einführen wollten ist es jetzt hier allgemeines Lesebuch selbst für die Erwachsensten, geworden, weil wir nur für diese Stufe 3 Abtheilungen haben, so höre ich täglich dreymal aus diesem Buche und jeden Satz wieder mehr als 3mal lesen und finde und lerne noch so viel Wichtiges daraus, aus dem sogen: A.T. wie aus dem N.T. daß ich auch wohl noch das schon so oft Gehörte für mich wieder lese und und [2x] alles immer mit Zurücklassung von größerer Klarheit, Einsicht Festigkeit. Freylich muß man stets mit prüfender Wechselbeziehung auf das Selbstleben, das Leben des Menschengeschlechtes und anderer Gesammtheiten und auf das Leben der Menschheit lesen. Diese drey Beziehungen müssen sich immer beym Lesen durchdringen und durchdringen sich auch sobald man nur mit wahrer Achtsamkeit lieset. Ich muß wohl sagen, ich kann nicht anders, heil dem der dieses Buch besitzt und es viel und mit Anwendung lieset. Wie alles hat es zwey Seiten, es ist für den Menschen einmal das Bildendendste weil es das Leben im Spiegel des Lebens zeigt; weil nun aber viele meinen weil sie das Leben leben sie kennten und wüßten und verstünden es auch, so meinen sie denn auch dieses Buch gehöre nur für Kinder und sie können nichts mehr daraus lernen, es wäre schon genug wenn sie nur sagen könnten ich habe es auch ein[-] oder wohl gar zweymal gelesen. Wenn es übrigens um Verständniß meines Lebens durch ein anderes Mittel als mein Leben selbst zu thun ist, kann es auch nur durch ein beachtendes u vergleichendes Lesen dieses Buches finden. Es ist mir sehr bedeutungsvoll daß es eines der ersten Bücher auch war die ich nach O. [sc.: Osterode] brachte. Dieses Buch ist wegen seiner ruhigen, durchgreifenden Auffassung der stetig, gesetzmäßig fortschreitenden Entwicklung des Menschengeschlechtes von der Nothwendigkeit zur Liebe und Freyheit ein Buch einzig in seiner Art. Ich mögte und kann sagen wenn ich in gar und zu gar keinem anderen Zwecke Erzieher auf der Öde geworden sey, als um dieses Buch zu finden so wäre ich für alle jene Jahre, jene schmerzvollen Jahre meines Lebens hinlänglich belohnt. Warum? - fragt Ihr wohl. Meine Antwort ist sehr klar und hoffentlich jedem einleuchtend und verständlich: das Buch führt wie gesagt das Leben als ein stetig gesetzmäßig fortschreitendens Ganze zu seinem in ihm selbst ruhenden Ziele und für den in ihm selbst gegebenen Zweck vor, also von der Einheit ausgehend und durch die Mannigfaltigkeit und Äußerlichkeit und Einzelheit hindurch, wieder zur Einheit führend; und lehrt nun in diesem auf solche Weise alles Leben wie das eigene Leben finden, erkennen und auffassen. Ich kenne kein Buch was sich in größeren oder kleineren Kreisen in schöneren Sommer- und Sonntagsabenden zu einem stetigen Lesebuch eigne als dieß, besonders bey Festhaltung dessen was ich nach Vorführung dieser 3 Bildungswege sagen werde.
Der zweyte {Bildungsweg / Lehrweg} ist für den oben bezeichneten: Vergleichung des eigenen Lebens mit den Entwicklungs[-] und Bildungswegen in der Natur, so wohl in ihren einzelnen Erscheinungen als auch als ein Ganzes aufgefaßt, ja das Menschen- und eigene Leben selbst in einer Beziehung als Naturerscheinung aufgefaßt und festgehalten.
Der dritte Lehrweg für den welcher sich von der Wahrheit der oben angegeben[en] Unmöglichkeit unterrichten will, ist für den Menschen, die Betrachtung des eigenen Einzellebens, und zwar die Auffassung und Festhaltung der Einzelerscheinung[en] und Begegnisse des eigenen Lebens, verglichen mit den eigenen Leben selbst, dasselbe aber als ein Ganzes und eine Einheit aufgefaßt und festgehalten. Wie man aber, was ich vergessen habe herauszuheben, bey dem zweyten Bildungswege die Natur nicht als einen Haufen Chausseesteine betrachten darf; so darf man bey diesem dritten Wege nicht das Leben als Nußschaale betrachten oder vielmehr die Nußschaale des Lebens für den Kern des Leben[s] d.h. für das Leben selbst halten, so geht es freylich den meisten äußerlichen Menschen die sich mit Lebensbetrachtung beschäftigen und dann höchstens das Leben als eine taube Nuß finden ihnen aber daraus nie der Lebensbaum hervorkeimt, /
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der Lebensbaum hervorkeimt [2x]; diese meinen und sagen dann wohl: wir haben dieß alles unser ganzes Leben hindurch gethan, was bleibt uns und mir nun noch zu thun übrig. Man kann dann nur eine gewisse Antwort in einem gewissen Sinn geben, im Übrigen muß man den Menschen sich selbst überlassen, denn das Unerläßliche zu allen diesen Betrachtungen und ErkenntnißWegen und Mitteln ist ein in sich einiges, lebendiges und belebendes, einendes und liebendes Gemüth.- Wer nun aber diese drey Wege zugleich betritt, der ist um so mehr für Irrungen gesichert und wird sich von der Wahrheit des Ausgesprochenen um so schneller als allseitiger überzeugen. Der dritte Weg allein und einzeln betreten ist von einer Seite der Gefahrvollste und der schmerzenreichste, wie aber darum auch von der andern Seite der am eindringlichsten lehrende.
Es ist auf das höchste auffallend wie sich jetzt bey einer durchgreifenden und weitgreifenden Lebensbetrachtung doch alles eint, ordnet, rundet. Eben indem ich das letztere obige schreibe fiel es mir auf daß eben auch die ersten Bücher die ich den Osteroder Kindern dermals natürlich nur Albertine und Emilie mitbrachte den drey eben ausgesprochenen Bedingung[en] ganz entsprechen[:] 1. das erste Buch sind die eben genannten biblischen Geschichten. 2. das zweyte in Beziehung auf die Natur irre ich nicht Bücher von Löhr und Schatz. 3. in Beziehung auf Selbstbeachtung, das kleine Märchenbuch so z.B. die rothe Wunderblume.- Ich leugne es nicht, es ist für mich höchst erfreulich jetzt im Leben einer großen Menge solcher, ich möchte sie natürliche Lebenseinklänge nennen - zu begegnen, ja am Ende zu finden und zu erkennen, dieser hohe Einklang des Lebens zog sich unbeachtet also noch mehr unbewußt durch das ganze Leben hindurch. Wie wichtig können so das Leben als ein Ganzes betrachtet auch selbst Kleinigkeiten noch werden, und wie gut ist es sie sich zu erhalten, zu bewahren - zu beachten.
Noch könnet Ihr daraus sehen wie ein einfaches sich selbst treues Leben, sich in allen Lebensstufen sich mit sich selbst im Einklang äußert.
Abends. Nun zu dem zurück wovon eigentlich dieser Brief ausgieng, und wovon alles übrige nur nach einer Seite hin Fortentwicklung und Ausführung war, nemlich zu den das innerste Wesen erregenden Lebenseindrücken, wozu die frühere Mittheilung des H-schen Eindrucks des H-schen Aufsatzes in der App. Ztg die Veranlassung war. Meine Absicht und mein Zweck ist, diese ganze Seite meines Lebens zu erfassen und Euch klar darzustellen. Keinesweges macht etwa blos das Unangenehme und Widrige so ergreifende Eindrücke auf mein Inneres, sondern überhaupt alles was auf inneres Leben Bezug hat. Ich will Euch hier einen schlagenden Thatbeweis geben: - Ihr habt mich kürzlich wieder, Eure Liebe hat mich kürzlich wieder mit Briefen erfreut. Du liebe Wilhelmine und Du Middendorff und Barop, Ihr thatet dieß in der bestimmten Absicht um mich zu erfreuen und deßhalb legtet Ihr auch die wörtliche Abschrift der bey Euch für mich eingegangenen Briefe bey.- Ich konnte diesen Brief jetzt von Euch keinesweges und ganz und gar nicht erwarten denn ich hatte zu erst ganz kurz vorher den Brief mit Euern Gesuch an den He. Prof. Fröhlich in Arau u.s.w. erhalten; auch sahe ich sonst keinem Briefe entgegen; dennoch gab ich in mir getrieben der Marie, die eben in andern Geschäften zur Postablage gieng den bestimmten Auftrag nach Briefen zu fragen, jedoch ihr und mir sagend, es werde wohl nichts da seyn. Wie die Marie nun zurück kam und ich das Hofpförtchen verschließen hörte, so wurde ich sehr stark erwartend erregt. Ich sagte wörtlich zu mir, wie kannst du nur so erregt seyn, welche Briefe kannst du erwarten, von Keilhau keinen u.s.w. Da trat Marie ins Haus und verschloß die Hausthür; ich wurde nun noch mehr erregt. Ich sagte dem vorigen Ähnliches zu mir, indem trat Marie in die Stube und sagte: heut hab ich nicht umsonst gefragt hier sind zwey Briefe, es war der von Euch und ein Abdruck der Argauer Ztg. No. 18. Meine Erregung stieg doch besonders dadurch, daß ich gleich die Aufschrift las und sah daß der Brief von Keilhau war. Nun kam aber zufällig noch ein äußerer Schreck hinzu, der jedoch nicht mehr in die innere Fortentwicklung gehört: der Brief war schwarz gesiegelt. Ihr hattet mir kurz vorher von Krankseyn geschrieben, was combiniert nicht schnell die Einbildung; Ihr könnt Euch denken mit welchen Gefühlen ich den Brief öffnete und wie manche klare Sonne mir nun aus demselben hervorging besonders da es mir gleich in die Augen fiel daß es mit der Gesundheit um vieles besser gehe, und nun die genannten drey Briefe von Euch und durch die Argauer Zeitg zugleich die Thatsache, Eures in die Öffentlichkeit getretene[n] /
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in die Öffentlichkeit getretenen [2x] Urtheils über mich. Diese beyden Thatsachen waren also der Grund der Erregung - (:keinesweges aber das später nur äußerlich hinzu kommende schwarze Siegel obgleich dieß eine Erhöhung der Erregung natürlich noch hervorbrachte:) - Ihr sehet nun daraus wie überhaupt die Lebenserscheinungen die auf Entwicklung und Lebensfortbildung bezug haben, so scharf in meinen Lebensorganismus eingreifen. Doch ist es wahr die Empfindung im Körper war ganz anders als die Euch früher mitgetheilte, nicht zerschlagend, lähmend oder wie ich mich dort ausdrückte vergiftend sondern nur lebenserregend und erhöhend. Ich habe mich nun bey dieser Veranlassung ähnlicher Erscheinungen aus meinem Leben erinnert z.B[.] den Eindruck eines Briefes meines verstorbenen sel. Bruders aus Griesheim 1805 nach Mecklenburg welcher mir die Entscheidung meiner Reise nach Frkfurt a/M brachte; sehr lang trug ich jenen Brief bey mir ehe ich mich entschließen konnte ihn zu lesen. Jener Brief gab mir die Entscheidung zu einem großen Wendepunkt meines Lebens; der Inhalt Eurer beyden jetzigen Briefe Middendorff u Barop, so wie das Treten Eures Urtheils über mich in die Öffentlichkeit kann nicht minder die Entscheidung zu einem großen Wendelpunkt meines Lebens seyn u.s.w. Mich dünken darum solche Lebenserscheinungen wie Winke der Vorsehung diese Lebens-Momente besonders beachtend fest zu halten und man sieht daraus wie Unrecht es ist, sich gleichsam über solche Lebenserscheinungen hinwegzusetzen und sich gegen sie abzuhärten; indem es vielmehr nöthig und Forderung ist, sie zu erkennen; zu durchleuchten.- Der Sinn oder die Bedeutung einer hohen Lebenserregbarkeit ist überhaupt für mich und in meinem Leben wie soll ich es anders bezeichnen als warnender Natur: der erste Eindruck von Menschen auf mich ist fast, ja immer für das ganze Leben entscheidend, und ich kann sagen das spätere Eingreifen, die Wirkung des späteren Eingreifens dieser Menschen ist dem ersten Eindruck derselben auf mich gleich. Ja wenn ich nur den Namen gewisser Menschen nennen oder von ihnen erzählen höre. Zu den auffallendsten Beyspielen dieser Art gehört Nonne für mich. Von diesem hörte ich schon während meines zweyten (?) oder gar ersten Aufenthaltes in der Schweiz reden, und der Eindruck davon ist genau dem gleich welchen sein Eingreifen in mein Leben hervorbrachte. Ich habe mir später wohl oft gesagt der Grund davon läge in mir ich müßte mich überwinden, ich habe mich dann mehrfach überwunden und das Ergebniß war und ist das was es ist. Andere äußerten sich nach dem er einmal bey uns war über ihn auf eine gleiche Weise; es geht also daraus hervor: daß die Erscheinung nicht einzel persönlich ist. Ich könnte bis in die neueste Zeit herauf viele Beyspiele hierfür aus meinem Leben anführen; doch es ist für dieses jahrelange und aus der Ferne voraus Wirken genug. Darum weiß ich von vielen Menschen wie sie in ihrem Urtheile über mich und mein Leben stehen z.B. die nur äußerliche Ansicht des kürzlich bey uns gewesenen Prof: W. von unserm Leben.- Jetzt suche ich daher solche Eindrücke nicht zu überwinden, was mir im Leben so großen Nachtheil gebracht hat, sondern ihnen nachzugehen, sie zu durchdringen, zu durchleuchten. So früh als es möglich ist soll man gewiß den Menschen, den Jüngling und wohl auch die Jungfrau - welche jedoch darin wohl treuer ist - zu dieser Durchleuchtung, Durchdringung des Lebens hinführen daß man Lebenseindrücke mit ihnen gemeinsam in ihre Bedingungen auflöset. Überhaupt ist es gewiß auf das höchste wichtig das Leben mehr physikalisch und chemisch d.h. an der Hand der Physik und Chemie zu betrachten wie ich mir in der frühen Jugend das Wort Metaphysik, als gesteigerte, vergeistigte Physik übersetzte. Hierfür noch einen besonderen Beleg aus meinem Leben und der Erregbarkeit desselben: wenn mich Menschen welche besondern mit mir entgegengesetzter - äußerer - Lebensansichten sind unerwartet und mir unbemerkbar berühren so bekomme ich durch den Körper einen Schlag der ähnlich einem electrischen Schlage ist, und in jedem einzelnen Fall um so stärker als eben der Zustand oder die Stufe unseres inneren Stehens verschiedener ist. Wie gesagt jetzt gehe ich allen diesen Erscheinungen ruhig nach, um ihre Gesetze, um das Leben und seine Gesetze zu erfassen. Ihr könnt daraus nur wohl sehen wie mir oft zu Muthe seyn muß wo eine Mehrheit solcher Eindrücke in mir wirkend ist, ehe ich sie erfasse in ihrer Bedeutung erkenne und durchdringe z.B. während meines 10 wöchentlichen Aufenthaltes in Frkfrt.- Bey dieser großen Erregbarkeit meines ganzen Wesens, besonders in der jetzigen Zeit welche jedoch mit dem Gefühl vollkommenster Gesundheit verknüpft ist ist es natürlich daß ich auf das höchste sorglich mit meinem Leben umgehe und mich sehr /
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vor jeden Überreiz und heftigen Erregung hüten muß und hüte, weil die Rückwirkung für lange stöhrend und schwächend für mich ist. Ich gebe mir jetzt die größte Mühe und bin auf das sorglichste achtsam mich gar nicht erregen zu lassen, wenigstens die Erregung nicht heraus- und hervortreten zu lassen. Ich sehe schon den Preis klar vor Augen der mir werden wird, wenn mir es gelingen wird. Es ist allso die Bedingung das Ziel höchste Beweglichkeit, Empfindbarkeit im Innern bey größter Gestalteter und gestaltender Ruhe im Äußeren; ähnlich der jetzigen Erscheinung in der Natur:- welche eine Ruhe, eine Klarheit welcher Friede im äußeren der Natur und welches rege Leben, welche Thätigkeit nur schon in der erwärmten Luft welches man an den Wänden und bey geöffneten Fenstern wahrnimmt. Dieß die eine Seite meines Lebens nun die zweyte dieser äußerlich rein entgegengesetzt im Innern in seinen Grundbedingungen aber wohl entgegengesetzt gleich. Es ist dieß die gestaltende, also beruhigende, befestigende Seite meines Lebens. Ich habe Euch davon schon oft Thatsachen vorgeführt so besonders Dir liebe Frau im Herbste v. J. in meiner Lebensdarstellung; auch finden sich Angaben davon in meinen von der Fr. v. H. mir zurück erbetenen Briefe. Ich hebe hier nur eine solche Erscheinung vom Jahre 1805 herauf. Ihr kennt solche wohl alle. Es ist die wo ich im Frühfrühjahr in einem kleinen Walde spazieren gieng und eine Art kleinen See fand in dessen klarem Spiegel sich die Umgebung wiederspiegelte so auch ein Weg der im Äußeren gewunden pp im Wasserspiegel aber gerad erschien und ich mir dabey buchstäblich die Worte sagte als ich es nur eben erblickte: "Dieß das Bild deines Lebens; äußerlich wirr aber im Innern gerad." Später habe ich Euch Beyspiele von reinen freyen Gemüthsgestaltungen vorgeführt z.B. von Blumengestaltungen im Innern, im Gemüth. Diese, der vorigen erregenden Erscheinung, ganz entgegengesetzte, begleitet mich nun ganz durch mein Leben und tritt besonders seit meinem hiesigen Leben sehr stark hervor hiervon will ich Euch nun aus diesem meinem jüngsten Leben mehrere Beyspiele der verschiedenen Arten vorführen. Mein Leben als Knabe und beginnender Jüngling hatte ähnliche Erscheinungen, ich habe dort in mir sehr mit ihnen gespielt ohne ihre Bedeutung nur zu ahnen, geschweige zu erkennen. Doch davon vielleicht auch später noch einmal. Jetzt zu der jetzigen gestaltenden Thätigkeit meines Innern. Diese gestaltende Thätigkeit des Innern tritt nun in allen Stufen und Formen hervor. Eine dieser Formen ist: ich fühle mich sehr müde, während ich nun so und dadurch gezwungen bin dem Körper Ruhe und Erholung zu geben, entwickeln sich im Geiste und Gemüthe die sehr thätig in sich Gedanken und Ideen zu immer größerer Klarheit; wenn sie nur für mich in mir die größte Klarheit errungen haben, so ist die Müdigkeit verschwunden, ich fühle mich frisch gestärkt und leicht und ich kann heiter und stetig das Erkannte niederschreiben. Dieß war bei mehreren der Fall was ich Euch vor der Erscheinung der e. W. in der AppZtg mittheilte z.B. bey der Lebensdarstellung.- Eine zweyte dieser Formen ist: ich fühle mich unbestimmt sehr unruhig, unheimlich, fast ängstlich, es ist mir als suchte ich etwas und ich suche zuletzt auch wirklich etwas außer mir, und außer meiner Wohnung daher ist das letzte Ergebniß dieser meiner innern Unruhe gewöhnlich eine größere oder kleinere Reise ein größerer oder kleinerer Spatziergang. Äußerlich erreiche ich nicht was ich will ich denke darüber nach; es erzeugt sich, entwickelt sich, gebiert sich dadurch ein Hauptgedanke und nun schlingen sich stetig ununterbrochen eine große Reihe von Gedanken daran an, bis endlich ein ganzer Gedankenbaum sich gestaltet, ein ganzes Gedankensystem sich entwickelt hat. Dieß war z.B. bey den einzelnen Sätzen "Durchgreifende Erziehung ist das Gr[un]d- und Quellbedürfniß d. deutsch[en] Volkes" der Fall; welche zu finden ich nach Erfurt getrieben wurde und die ich dann fast alle auf dem Rückweg auf einem Felsstein hinter Remda am Bache niederschrieb; wie ich wohl einigen von Euch schon gesagt und gezeigt habe. Mit jenen Sätzen bekam aber mein erziehendes Wirken erst sein theoretisches Fundament. Dasselbe war der Fall im October 1830. Wo ich zu einem großen Spaziergang nach der Blankenburg getrieben wurde wo ich über Mittag ausblieb und ich dort jene Sätze über deutsche Erziehung schrieb, die ich nach Münch[en] an Oken und an die Red: des Allgem. Anz. d. Deutschen schickte von beyden aber ungebraucht zurück erhielt. ein [sc.: Ein] Exemplar davon liegt jetzt im Archiv des hoh: Erz. Rathes v. Luz[ern] eines besitze ich noch; und mich dünkt wenn einmal (alls) das seit dem Appenz. Anlaß von <mir> Niedergeschriebene zu größeren, oder kleineren Theile durch den Druck bekannt werden sollte, so findet jene Abhandlung oder vielmehr jene einzelne Sätze gewiß ihren richtigen Platz /
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und [wird ihren] richtigen Ort finden und es kann dadurch und daran den Deutschen zu irgend einer Zeit bis auf einen sehr nahmhaften Punkt sehr klar werden, was ich und was wir in Keilhau durch unsere Erziehung ihnen geben wollte. Daher hatte ich schon längst den Gedanken Euch auch dieses Manuscript zurück zu schicken damit Ihr recht hübsch alles dieser Art beisammen hättet. Doch dieße Bemerkung hier nur nebensächlich. Zuletzt nun trat diese zweyte Form des Gestaltens bey mir hier in den ersten Tagen des Oktobers vorigen Jahres ein. Ich mußte unbestimmt und unbehaglich in mir getrieben ins Freye. Ich knüpfte dieses Drängen an eine Kleinigkeit an die ich mir von Luzern zu besorgen hatte. Als ich eine Stunde gegangen war und in einen Wald kam, wurde in diesen hineingegangen und das Ergebniß davon war eine Reihe von Sätzen welche ich schon einigemal gegen Euch erwähnte und welchen ich den Namen Lebensgesetze, die Gesetze des Lebens gegeben habe und gebe, weil sie für mich in denselben enthalten sind;- nun einmal begonnen schrieb ich nun wohl während acht Tagen immer auf diesen Gegenstand: die Erkennung Erfassung, Er und Beherrschung des Lebens bezug habende Sätze nieder. Das Merkwürdigste dabei war und ist nun das; der letzte Satz welchen ich so in Beziehung auf die Erkennung der Lebensgesetze aussprach war und ist noch bis jetzt - (:denn seit jener Zeit habe ich nichts mehr daran fortgesetzt und ein jeder kann sich daher von der Wahrheit des eben zu sagenden durchs Auge überzeugen:) - "Nach einzelstehenden hervorragenden Punkten, hohen Bäumen und Bergspitzen ziehen sich die Dünste, bilden dort Gewitter und schlagen in sie ein." Das ganz Wörtliche thut hier nichts zur Sache, doch werden wenige Worte anders seyn. (Ich kam vom Spatziergang wo ich dieß gedacht und ich glaube noch nicht einmal niedergeschrieben hatte nach Hause). Ich hatte diesen Satz mehr und vielseitiger als andere und besonders auch noch an einem Spatziergang Tags vorher in mir und mit Anwendung auf mich und die Erscheinungen meines Lebens bearbeitet, da wurde ich von den e.W. in der App. Ztg 153. 154. benachrichtiget. Ganz offen will ich es gestehen es war mir dieß dortmals eine bestimmte Art von Trost ich sahe es so an, faßte es so auf und sehe es noch so an und fasse es noch so auf als eine Vorbereitung von der Vorsehung in meinem Geiste und Gemüthe auf das, was es und er bald erfahren sollte. Der Satz selbst der mich so gleichsam vorbereitete sprach sich im Bild und gestaltet aus.-
Nun aber die dritte Art und Form wie mein Geist und Gemüth sich gestaltend äußert. Was ich jetzt mittheile geschahe auch in mir um die Zeit der ersten Tage des Monats Oktober. An einem irre ich nicht, sehr heiteren ruhigen Morgen als ich noch ruhete entstiegen meinem Gemüthe drey Bilder: das erste Bild: ich trat in ein Bergthal ein, es hatte Ähnlichkeit mit dem Keilhauer, der ganze Grund und Boden war weißer Steinfels (Marmor) ich gieng in demselben fort und an einigen Punkten glaubte ich eingesprengte rothe Granaten zu bemerken.- Dieß Bild schwand es kam das zweyte Bild: ich ging in einem großen glaube 3 Stock hohen Hause die große Haupttreppe hinauf, wie ich die Treppe und die Mauern des Gebäudes betrachtete, da war alles aus Einem Stück gegossen so wie z.B. gegossener Gips oder künstlicher Marmor. Auch das zweyte Bild schwand und es erschien bald das dritte Bild. Ich sahe von hier aus ohngefähr in der Gegend nach Luzern am Himmel zugleich drey kreisförmig ganz geschlossene Regenbogen, jeden von der Größe eines kleinen mittleren Mühlrades. Wie ich auf solche Erscheinungen Anfangs fast nie Werth lege, so freute ich mich wohl über die klaren Bilder besonders über die sehr bestimmten und klaren drey kreisförmigen Regenbogen, hatte aber sonst keine besondere Achtsamkeit darauf, zumal da ich dort eben sehr geistig und denkend beschäftigt war. Erst nachdem man aus der App. Ztg über mich hergefallen war, erinnerte ich mich einmal zufällig wieder dieser drey Bilder. Und ich läugne es nicht auch für mich wieder zu einem erfreuenden Troste. Warum?- Weil ich mir sage diese Bilder sind Erzeugnisse des in sich ruhigen, friedlichen wahren Gemüthes, es sind die Empfindungen die Gefühle des Ge die Selbstwahrnehmungen des Gemüthes die Gedanken des Geistes die sich frey gestalten. Und ich habe schon frühe besonders 1811/12 bemerkt daß ganz in dem Maaße wie der Geist denkend und erkennend beschäftigt ist, ist zur Ausgleichung nach einiger Zeit das Gemüth empfindend und gestaltend beschäftigt; wenn nun der Geist in sich das Wahre denkt u erkennt, warum soll das Gemüth nicht in sich das Wahre (zugleich als Schönes) wahrnehmen empfinden u gestalten. Jene Bilder sind gestalteten Gedanken gleichsam Parabeln. Vielleicht /
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Gedanken, gleichsam Parabeln die das Gemüthe freithätig schafft. Vielleicht daß dadurch die Ideen der Alten ihre sehr bestimmte Bedeutung bekommen. Überhaupt werde ich wohl noch irgend einmal Veranlassung finden mich über den Künstler, das Wesen und Leben des Künstlers und über den Menschen als Künstler an sich und über das Leben als Kunst und als Kunstwerk auszusprechen. So viel scheint sich zu ergeben daß alle diese Bilder und Erscheinungen in das Gebiet der freithätigen Kunst der Menschen gehören, oder wie man es sonst bezeichnen will, der freithätigen Kunstanlagen.
Die vierte Art und Form nun worinne sich diese gestaltende Thätigkeit meines Innern und Gemüthes zeigt ist die, wo sie den schon geformten Stoff aus der Wirklichkeit außer sich nimmt aber darinn einen bestimmten Gedanken eine bestimmte Empfindung schon gleichsam vorgestaltet erblickt und dahin gehört das vorhin erwähnte Bild im Frühfrühling 1805 in Milzow. Aus meinem jetzigen Leben gehört hieher ein Bild was mir ganz jüngst entgegen getreten ist. Ihr erinnert Euch vielleicht daß ich Euch einmal geschrieben habe: die Fräulein Salesie habe Wartensee Wartenburg genannt. Wie nun Wartensee überhaupt wohl früher einmal gar keine unbedeutende Burg war, so rechtfertigt sich jetzt noch der Gebrauch dieses Namens durch die ganze Lage und das Äußere von Schloß Wartensee. Vor einiger Zeit sprach ich noch mit Ferdin: darüber, daß doch Wartensee recht das Ansehen einer kleinen in sich abgeschlossenen Burg habe. Es ruhet aber auch von seiner schützenden Ringmauer umgeben ganz auf Felsen. So, in allem diesem und durch alles dieses sahe nun vor einigen Tagen das Gemüth den Trostgedanken gleichsam außer sich in der Wirklichkeit gestaltet, gleichsam in der Wirklichkeit bewährt: "Herr, meine Burg, mein Fels, mein Hord Fels des Ruhen[s] auf dem Festen; Hord des Umgeben seyns vom Festen; Burg des Bedecktseyn[s] vom Festen dem Herrn["].
Nochmals, warum soll ich es läugnen daß in diesen freyen Gemüthsgestaltungen die ich gar nicht suche die mir unerwartet und schnell entgegenblitzen, die ich oft nicht einmal Zeit habe gleich fest zu halten eine hohe Lebensberuhigung und einen mir sprechenden Beweis der Lebenswahrheit finde.
Die fünfte Art und Form ist die wo sich meine gestaltende Thätigkeit an blose Buchstaben und Zeichen anknüpft z.B. Namenbetrachtungen wie die in einem der letzteren Briefe angeführte; es ist das Sinnbild in weiterer Sphäre. Ein Beyspiel aus den jüngsten Tagen wird weiter erklären was ich meine. Als ich die letzten hier für Euch mitfolgenden Bogen des Echo niederschrieb deutete ich wie es mir so eben in die Feder fiel vom Verf: d. e. W. aus die Unterschrift A*** V. S. - r. Gleich darauf trat mir eine Deutung dieser Unterschrift von uns aus und für uns entgegen. Sie ist diese: A*** V. S. - r. Aus der {<in Kindlichkeit / Äußerlichkeit} u Materialität (:A:) und durch dieselbe wird sich die in sich selbst treue Wahrheit in Himmelsklarheit, Sternenklarheit (:***:) als Vollkommener Sieger r erheben: (:V. S. - r.). Wie gesagt ich freue mich dieser Geistes[-] und Gemüthsspiele, sie sind mir Gänseblümchen, auch wohl Himmelfahrtsblümchen und Mayglöckchen am Wege des Lebens[.] Warum soll ich mich ihrer nicht erfreuen, da sie mich erfreuen und sie mich nicht abhalten streng und fest den ernsten Lebensweg zu wandeln, damit das Leben ihnen Bedeutung gebe, nicht aber sie dem Leben. Das ist ja das Wesen alles Sinnbildes, daß es die Gesinnung, den Geist, das Gemüth und somit das Leben es ist was es erschafft.
Ihr findet hier nun ein ganzes System einen ganzen Lebensbaum, ein Lebganzes von freyen besonders Gemüths auch Geistes Gestaltungen (:einer früheren vom Jahr 1814 gar nicht gedacht:) - wo aber solche freye bewußte gestaltende Geistestätigkeit ist, da kann nur Gesundheit seyn, und so fühle ich mich denn auch, wie ich es auch glaub ich schon ausssprach ganz gesund. Ihr seht daraus wie Gemüth und Geist auch dem Einsiedler (:so nannte mich Schnyder einmal im Briefe nach Luzern:) zur Lebenserfrischung Lebensgestaltungen vorführen ich hätte sie noch mit einigen vermehren können doch zu diesem Zweck sind es deren eben genug.
Auch bringen mir diese kleinen Bilder in manches Bild aus der dämmernden Vorzeit Sinn, und sie bilden so ein größeres festeres Band als man ihnen auf den ersten Augenblick ansieht. Ich gebe ihnen mit kurzen Worten, weil sie freythätig aus dem Gemüthe auftauchen, den Werth wahrer (in sich wahrer) Bilder des Gemüthslebens; und ich betrachte sie als ein Mittel zur Selbst- und Lebenskenntniß.
Ich schien Euch diese Mittheilungen schuldig zu seyn, weil Ihr mich besonders in dem einen Briefe an Euch - weil indem ich mich in diesen Briefe völlig frey und unbefangen gebe - vor der erregten und zu erregbaren /
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Seite des Lebens habt kennen lernen, daß Ihr mich und mein Inneres auch von der gestaltenden Seite kennen lernt, wie dort von der Seite des Mit-Leidens, so nun auch von der Seite des Mit-Freuens; denn noch gar manches liebliche Lebensbild hätte ich als mich begleitend andeuten können; doch wie ich schon sagte heut mußte mir genügen. In den Briefen an die Kinder Allwina, ChristianFrd: u.s.w. sind einige die in mein Leben gehören.- So Gestaltenreich ist mein Leben daß ich mich höchst selten allein fühle, nie nie habe ich lange Weile, immer wird mir die Zeit nur zu kurz. Wenn Ihr die Ausdrücke der Sehnsucht leset so ist dieß ganz natürlich aus Gegensätzen besteht das Leben, bestehet aus ihrer Ausgleichung. Ich finde und erkenne immer mehr meine Bestimmung meinen Beruf - und so beruhige ich mich immer mehr über alle Erfahrungen des Lebens. Darum könntet Ihr zu meinem Bilde oder meiner Erklärung eines Erziehers im Echo noch hinzufügen: -"der ächte Erzieher muß alle Gegensätze in sich tragen und auflösen um sie in andern seinen Zögling[en] auffinden, erkennen und auflösen zu können." Wenn Ihr wollt könnt Ihr es thun es gehört noch dorthin die rechte Stelle werdet Ihr schon finden.
Das Echo erhaltet Ihr hier nun voll beendet werdet wohl sehen wozu es taucht [sc.: taugt].
Zu einer Mittheilung in früheren Briefen habe ich noch etwas hinzuzufügen, daß es nemlich sehr belehrend ist wenn man wie einzelne Menschen, so auch ganze Gemeinsamheiten, Gesellschaften mit und nach den Stufen der Naturgegenstände vergleicht.
Nun bin ich so weit ich mich erinnere mit alle dem fertig zu schreiben was ich mir vor Empfang Eurer letzteren und jüngsten Briefe, euch mitzutheilen vorgesetzt hatte.
Herzinnigen Dank nun nochmals für Eure lieben am 15en Febr (Mittwochs) zur Post gegebenen drey Briefe nebst Beylage; ich habe ihn (sie) am 23en Febr (Donnerstags[)] Abends 6 Uhr erhalten. Diesen Brief bekamen wir also erst am 9en Tag. Den vorigen am Montag aufgegeben[en] Brief bekamen wir wie Ihr wißt schon am 7en Tag.
Dieser Brief war für die Reit[-] oder Briefpost bestimmt darum dieß schwache Papier.
Am Sonnabend aber habe ich endlich den versprochenen großen Brief von Schnyder aus Frkfurt erhalten <noch> liegt er bis diesen Augenblick uneröffnet, weil ich ungestöhrt Euch das vorstehende mittheilen wollte. Mit alle dem was ich Euch über das Äußere des hiesigen Lebens mitzutheilen habe habe ich billig gewartet bis ich Schnyders Brief gelesen habe, da ich ja nicht weiß welche Bestimmungen daraus hervorgehen können.

Jetzt Montags den 27en Februar Abends 9 Uhr will ich gehen und Schnyders Brief holen und eröffnen. Wollen nun sehen welche Lebenswendung daraus hervorgehen wird.---
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Ich habe den Brief an Schnyder eröffnet, die eigentliche Antwort auf meinen Brief 8¼ Bogen lang. Mein Gedanke und Vorsatz war erst auch diese seine Antwort Euch jetzt sogleich mit zu schicken, doch aus den sie begleitenden Zeilen - welche hierbey von Ferdinands Hand in Abschrift folgen - so wie aus dem Schluße des Hauptbriefes sehe ich daß es jetzt so nothwendig nicht ist, will ihn darum doch einige Zeit bis ich ihn durchlesen habe hier behalten, es ist auch wohl gut wenn Ihr ungestöhrt erst das eine, ich meine, meine Antwort auf den App: Angriff und meine sich darinn aussprechenden Überzeu[gun]gen und Lebensdarstellungen zur Prüfung aufnehmt. Doch werde ich eilen Euch auch Schnyders Ansicht meiner welcher, wie ich aus einigen Blicken sehe, sehr meint über und gegen mich im Vortheil zu seyn - zukommen zu lassen; damit das Leben nach jeder Seite offen vor Euch liege und Ihr Euch mit fremden Augen sehet.
Herr Schnyder hat mir wie Ihr lesen werdet die Anzeigeschrift von der Eröffnung einer Erziehungsanstalt zu Stetten im Remsthale im Wittenbergischen beigelegt.- Ich leugne es nicht ich komme mir immer sehr eigen vor wenn ich in solchen Schriften lese. Ich möchte fragen wie kann und will nur dagegen ein Keilhau und Wartensee bestehen, und doch scheint es ein Keilhau und Wartensee soll bestehen. Du hast recht l. Barop es besteht dadurch daß es nichts und keinen Zweck außer sich sucht. Vielleicht beantworte ich Eure Briefe besonders. Jetzt bitte ich nur mir so oft es angeht Briefe und Mittheilungen von Euch auch in den kürzesten Andeutungen zu schicken; sie sind sehr fördernd für mein Leben, gewähren mir nach jeder Seite hin sehr viel. Also nochmals Dank dafür. /
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Nun von dem Äußern des hiesigen Lebens.
Ich muß in dieser Beziehung noch immer sagen, wie ich schon im vorigen Jahre in einem Brief an Schnyder aussprach: es scheint sich das hiesige Leben sehr langsam aber sicher zu entwickeln.- Die liebe Wilhelmine vergleicht oft das Keilhauer Erziehungsleben mit dem Keilhauer Garten[-] und Landbau; so möchte ich auch von der Wartenseer Anstalt sagen: sie scheint dem sie umwachsenden Epheu gleichen zu wollen, der in Mauern und Felsen und an den härtesten Bäumen sich fest wurzelt.
Der Frühling rückt an, die Entscheidung kann nun nicht mehr fern seyn.
Ihr wißt wir haben sehr erwachsene Schüler bey welchen gleich Anfangs nur eine Theilnahme bis Ostern bestimmt war.- Wie es scheint werden wir von unsern 17 Schüler[n] für nächsten Sommer wenigstens 12 behalten; dagegen scheint es als wenn die neu hinzukommenden auch wenigstens 12 betragen würden.
Wie Ihr nun auch aus Ferdinands Briefe und dem anliegenden des He. Pf. Schmidli ersehet, so haben wir schon eine Art Vis[it]ation oder Prüfung gehabt - der Herr GroßRath Rietschi war nemlich von dem hohen Erz: Rath ausdrücklich beauftragt Wartensee zu besuchen, und ist dieser Rietschi für den Kanton Luzern ohngefähr das für das Schulwesen was N. [sc.: Nonne] im Meiningschen ist. Ohne von einem Resultate dieses Besuches schon etwas sagen zu wollen erwähne ich nur daß er sich sehr zufrieden äußerte und auch von einem jungen Seminaristen sprach welchen er heraus schicken würde um sich mit einigen besonders bekannt zu machen. Er sprach von einer baldigen Wiederholung des Besuches, so wie von einem sich genaueren Kennenlernen und einem künftigen engeren Wechselverkehr. Er sagte mir noch ausdrücklich er würde mir noch seine Wünsche schriftlich bestimmt aussprechen. Von 8½ bis 12 Uhr war er bey uns er eilte sehr indem er sagte er müsse um 4 Uhr schon wieder in Luzern im Erz: Rathe seyn um von seinem Auftrage dem Erz. Rathe Bericht zu erstatten. Auf die Appenzeller Entgegnungen legte er gar keinen Werth. Werden ja sehen, muß sich nun doch bald entscheiden.
Wie die einsichtigen Geistlichen gegen Wartensee u mich stehen könnet Ihr wohl gut aus den Zeilen des He. Pfarrer Schmidli sehen, weshalb ich sie abschriftlich beylegen lassen.
Nach meinem Ermessen müssen wir nun doch wegen künftigen Sommer nun bald ernste und bestimmte Entschlüsse fasse[n].
Wie die Umstände vor mir liegen und ich solche überschaue muß ich - wenn es anders die Umstände nur einigermaßen es erlauben und möglich machen - es für das gerathenste halten wenn Du liebe Wilhelmine mit nächsten Halbjahr hierher kommst, ob mit den beyden kleinen Mädchen oder ohne dieselben dieß würde freylich noch Nebenbestimmungen nöthig machen. Dieß überlasse ich alles den Umständen und dem Gesamtermessen in Keilhau.
Wenn die Anzahl der Kinder sich hier bedeutend vermehren sollte so wäre mir freylich zur ersten Begründung eine durchgreifende, kräftige, männliche Hülfe lieb. Könnte nun Barop Wartensee nächstes Sommerhalbjahr besuchen, so würden gewiß heilsame Früchte nach vielen Seiten daraus hervorgehen. Wäre nun noch in Ausführung zu bringen was ich früher schon erwähnte daß Titus und Felix die Reise mitmachten, so käme dadurch vielleicht einige Erleichterung in den Unterricht. Ich bitte Euch mir darüber recht klar und bestimmt Eure Meinung zu schreiben. Schön wäre es wenn eine ganze kleine Colonie von Keilhau einige Monate hierher wandern könnte um nur erst hier ein Keilhauer leben zu wecken. Ich glaube es würden sich gar manche anklingende Punkte und besonders auch unter den Schülern finden. Genug ich stelle alles Eurem Ermessen anheim, das Ganze liegt vor Euch wie vor mir. Ferdinand sagt mir und es geht auch aus den jüngsten Briefen hervor, daß Wilhelm für schwerlich als Hülfe hieher nach W. kommen kann. Sollte er nun doch aber gern zu seiner Gesundheit die Reise machen können, und wollen, so wäre es - da er wie mir Ferdin: sagt die Reise unmöglich zu Fuß machen kann - vielleicht möglich daß er mit Dir liebe Frau reisete - denn immer halte ich das Beste, daß Du mit Miethkutschern <führest / fahrest>. Doch darüber noch ausführlicher später. Ich bitte Euch macht mir nur ausführbare Vorschläge, ich füge mich willig in jede Bestimmung. Im Verfolg werde ich Euch auf das genaueste von allem
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unterrichten.
Ich lege einige ältere Briefe von der v. H-schen Familie in Frkf besonders für Barop o Middendorff bey damit ihnen auch das Stehen dieses Kreises immer klarer werde.
Herzinnig u dankend grüße ich Euch alle besonders Dich mein liebes Weib und Deine treuen Pflegekinder. Es schmerzt mich wirklich daß ich den Brief nach Berlin noch nicht wie ich doch wünschte bey legen kann doch soll er nun mein erstes seyn was ich ausführen werde.
Vielleicht ist es gut daß sich vorher hier noch alles mehr kläre und befestige.
Seit länger als 8 Tagen haben wir das ausgezeichnetste heitere und warme Wetter. Jeden dieser Morgen habe ich die Sonne klar aufgehen und fast jeden dieser Abende sie in ihrer Klarheit untergehen sehen. Immer gedachte ich dann Euer, wie ich Euer immer
in Liebe und Treue gedenke,
                   Euer
Grüße an Alle und Jedes.
Friedrich Fröbel.
Am 28en Febr: vor Abgang des Briefes.

N.S. Veranlasset durch He. Schnyders Zeilen wollte ich Euch doch darauf aufmerksam machen ob man es nicht der Gesamtheit und der Größe und Menge der Verhältnisse schuldig ist den Julius Fröbel in Waimar (vielleicht durch Fr: von Ahlefeld) und dem Georg Luther in Wittenberg Abschriften Abdrücke von Herzogs Aufsatzes in der AppZtg und seines Briefes an Euch zu überschicken, damit sie entscheiden können ob sie Herzogen als Verfechter ihrer Sachen anerkennen wollen.- Diese eine Meinung hebt übrigens die Wahrheit und Gültigkeit Deiner allgemeinen und besonderen Lebensansichten Barop nicht auf.- Auch ich theile sie an sich und in der Anwendung ganz und daß der Mensch über die Verhältnisse und Bedeutung des Lebens klar werden muß; allein dieß hebt auch meine jetzigen, welche ich Euch übrigens zur Berathung gebe, in {ihrer /seiner[}] Gültigkeit und Anwendung wohl nicht auf. Hoffentlich bekommt Ihr noch dazu zeitig genug die Abdrücke aus Arau.
Was übrigens das Verhältniß der Grießh. Fröbel zu mir betrifft: so habe ich sie, wenn sie es eine Verbannung nennen nicht verbannt, sondern sie sich selbst. Julius kann zu jederzeit gefragt werden ob ich ihn nicht wörtlich {den / meinen } bekannten Brief an Michaelis, wovon noch eine Abschrift unter Michaelis Briefen rechts in meinem in meinem Schreibtischschranke zu finden ist - vorgelesen habe, in welchem Briefe ich ihm ja das jetzige Verhältniß als kommend ausgesprochen habe, er konnte ja wählen; ein Mensch in seinem dortmaligen Alter hat alle Bedingungen zur Selbstwahl; er wählte ja auch, und glaubte sehr weise und recht zu wählen. Schon an und für sich scheint mir dieser Fröbel oder auch nur Julius jetziges Kommen nur ein anleimendes, was zu gar nichts führen kann als daß es Fessel, Band wird; aber jetzt wär auch gar nicht der Zeitpunnkt dazu, Herzog würde es sogleich so auffassen, als läge eine Scheu vor seinen Drohungen von unserer Seite dabey im Hintergrunde.- Herzog mag kommen ich werde die Verhältnisse so rein und so wahr vortragen, als ich sie in mir selbst trage; ich bin mir auf keiner Seite hin einer trüben Absicht wie einer trüben Handlungsweise bewußt.
Den Volkstädtern war ja der H. lieber und galt ihnen mehr als ihr Oheim jetzt können sie sehen worann sie sich hielten. Übrigens habe ich gegen die wiederkommende Verbindung mit den 3 Brüdern gar nichts und ich gehe jeden Augenblick darauf ein sobald ich nur überzeugt werde daß es ihnen heilsam und nützlich ist und daß dadurch die Gesammtheit der Lebensverhältnisse gefördert, der Zweck des Lebens mehr erreicht - das Ziel einer reinen Lebensdarstellung aber nicht auch mehr entfernt wird. Ich persönlich will für mich nichts. Ich kann wenn ich es für heilsam halte mit allen Menschen leben muß es können habe ja eben aber erst noch eine Beyfügung zu meiner Erklärung vom Erzieher ausgesprochen, daß er Gegensätze einen muß. Und so liegt das Ganze noch wie immer in Eurem Herzen, Eurem Geiste, Eurer Hand. Ich gebiete über keines von diesen Dreyn.
Mein Leben, das geht wohl klar genug aus allem hervor gehört längst nicht mehr mir.
Laßt uns Gott befohlen seyn.

Der Obige.