Weil nun
doch einmal das Briefpakket so groß geworden ist, so kann ich es mir
nicht versagen auch an Euch
ganz besonders noch einige Zeilen zu
schreiben, zumal da Eure Briefe vom 29
en und
30 Juny, leider die letzten die ich bis
jetzt von Euch bekommen
habe, ganz wesentlich mit zu der Entwicklung bey getragen haben,
welche Ihr im Weit-
läuftigern aus den Briefen an Alle und an
meine Frau erfahren werdet, daß nun wenigstens der Acker zur
Aussaat einer neuen Erziehungsanstalt in Wartensee, im Geiste
und Form der Keilhauer bestellt ist. Daß auch
Saamen darauf,
darin eingestreut werde, läßt sich freudig erwarten indem mir gleich
in einem der er-
sten Besuche gesagt wurde daß sich schon manche
günstige Stimme zur möglichen Theilnahme daran bey
Familien-
vätern von Luzern geäußert habe. Es wird nur darauf
ankommen daß erst eine Familie es wage und daß ganz
namentlich
dieser erste Knabe sich bey mir und uns in Wartensee wohl fühle. Für
das erste schon dämmert
mir Hoffnung herauf in Hinsicht auf das
zweyte muß ich dem guten Geiste und dem reinen Zwecke vertrauen,
welcher dem Ganzen bisher sein Entstehen und bisher sein
Bestehen gab, und wie ich glaube sind schon Fragen mit bestimmter
Ab-
sicht in Beziehung auf Alter, Zeit und Anzahl zur Eröffnung
an mich ergangen und ich habe hierauf eben so bestimmt
er[-]
klärt, daß ich selbst mit einem und selbst jüngeren Knaben
und sey es auch noch vor Mich: [sc.: Michaelis] beginnen würde, weil
ich
nicht wünschte daß das Ganze so abgeschnitten und formell
entstehen und ins Leben eingeführt werden, sondern mehr nach
und
nach in und mit dem Leben hervor wachsen mögte. Da nun die Schwägerin
von He. Schnyder die Fräulein
Salesie
von Hartenstein unserm Unternehmen zugethan ist und da
mir ihr persönliches Wohlwollen geworden ist, so
ließe sich wohl
mit einem ja einigen Zöglingen so gleich der Anfang machen, im
letzteren Fall bedürfte
ich freylich dann bald Hülfe bedürfte.
Ich habe dazu in den Anlagen den
Wilhelm und die
Elise vorgeschlagen und ich
erwarte nun mit der
allerersten Post Eure und ihre beyderseitige Ansicht darüber. Ich
glaube es könnte besonders /
[5R]
dem Wilhelm jetzt eine
Lebensveränderung und ein Versetzen in einen neuen regeren
Wirkungskreis körperlich
und Geistig sehr zuträglich seyn;
Sollte Wilhelm nicht auf meinen Vorschlag eingehen, oder nicht
eingehen zu kön-
nen meinen, so würde ich wohl den
Ferdinand in Vorschlag bringen,
wenn er nur mehr Sinn für einen
streng geordneten
Begründungsunterricht hätte und besonders das Leben etwas innerlicher
und sinniger
erfaßte, was wir hier ganz besonders thun müssen,
wenn wir mehrere äußerliche kirchliche und religionsfor-
men
still zurücktreten lassen wollen, welche den Menschen äußerlich in
einen gewissen Zwang und Zucht nehmen.
Doch könnt Ihr und
vielleicht auch er es überlegen, wenn nemlich Wilhelm nicht kommen
könnte oder wollte,
und mir unbefangen Eure Ansicht darüber
mittheilen. Ich würde auch wohl zur Hülfe den Titus vor-
schlagen
von dessen lebendigen Unterricht mir meine Frau Gutes schreibt, wenn
er mir doch in seinen
Leistungen für den Anfang noch zu schwach
besonders im Französischen wäre, und ich ihn aus seinen
mit Dir
Middendorff begonnenen streng
systematischen Unterricht im Französischen nicht gern heraus reisen
möchte. Bey jedem aber welcher hieher kommt wünsche ich daß er
sich möglichst genau mit Middendorffs
Lehrgang in dem
Französischen bekannt mache und sich wo möglich dessen Heft
abschreibe. Für Ferdinand
halte ich es sehr gut wenn er wieder
wenigstens ½ Jahr im häuslichen Kreise lebe und wo möglich
Un-
terricht in der Anstalt namentlich in den sich nun bewährten
sichern Lehrweisen des mathematischen
den Zeichen- und des
deutschen Sprach- auch des Musik[-] und Geographischen- rc, rc
Unterrichtes. Es ist
merkwürdig welch ein Urtheil sich hier
innen bey den einfachsten Menschen im Publikum findet, man
unterscheidet sehr bestimmt den Lehrgang von den Leistungen, man
weiß sehr gut daß der eine letztere
schneller in die Augen
fallender, der andere, der unsere aber dieß langsamer aber sicherer
und für die
Anwendung selbstthätiger und lebendiger gäbe. Unser
Lehrgang nun hat, so oft ich ihn namentlich in den genannten
Fächern vorzulegen Aufforderung hatte in Beziehung auf seinen
Geist und seine Leistungen immer allge-
mein genügt und wir
sollen das treu pflegen, wohl verbessern, abkürzen, immer organischer
machen
was uns das Zutrauen des Menschengeistes und Gemüthes
erworben hat, aber ja nicht wegwerfen
Steine sind fest und doch
geben sie lebenden Pflanzen Daseyn und Nahrung; Pflanzen sind ohne
willkührliche Bewegung
und doch erzeugen sie, selbstständiges
Leben und willkührliche Bewegung in sich tragende Thiere; nehmt die
Steine weg und wir haben weder Pflanzen noch Thiere. Das grüne
geheimnisvolle Moos umkleidet
mit weichem Gewandte und
rundlichen Formen die starren eckigen Steine und Felsen aber <
doch> diese bleiben und doch giebt
diese innige Einigung, Paarung des Milden mit dem festen diesen
Parthien das unwiderstehliche Reizende.
Pestalozzi hat, wie ich schon zum Öftern
bemerkte, hierin sehr gefehlt. Man muß den Grundgedanken einer Sache
nie aufgeben
so bald es uns ihn selbstständig durchzuführen,
durch persönliche Selbstständigkeit möglich
wird, wohl aber entwickeln.
Es ist nun kein Grund vorhanden
warum unser hiesiges Unternehmen nicht auch bey Euch und selbst
in Eurer
nähern und fernen Umgebung könnte frey besprochen
werden[.] Ihr könnt darum auch das Ganze so wie
Ihr es
mit der Frau zweckmäßig findet den
Zöglingen u.s.w. mittheilen. Die Herrn Pfarrer in Remda,
Obernitz u. so namentlich den unsern in Eichfeld nebst dessen
Familie bitte ich zu grüßen[.] Hat der /
[6]
kleine
Wilhelm diesen Sommer in Keilhau an den Unterricht Antheil genommen.
Ich wünsche daß diese Kinder
so ganz namentlich auch Bernhard
und Friedrich ganz gründlich und tüchtig beschult werden, wer kann
wissen
wie sich noch das Ganze entwickelt und wie sie einst zu
ihrer eigenen völligen Befriedigung ersprieslich wirken
können.
Vielleicht schreibe ich später einmal persönlich an den Herrn Pfarrer
hierüber. Auch den Herrn Schullehrer
grüße ich.- Habt Ihr
Nachricht von
Joh. Schmidt?-
Sollten
Wilhelm und
Elise nicht auf meinen Antrag
eingehen und sich es mit
Ferdinand auch nicht machen so wünschte ich wohl zu
hören wie es dem Johann Schmidt geht
und welche Aussichten und
Pläne er hat, es könnte dann von Eurer Seite diese Fragen an ihn
gestellt werden.
Ferdinand, den ich besonders grüße, soll
gelegentlich die Nachricht von dem hiesigen
Unternehmen an Julius in
Weimar persönlich mittheilen,
f vielleicht auch erst später wenn er
etwas Gedrucktes darüber in Händen
hat, und mir ganz unumwunden
den Eindruck mittheilen den das Ganze auf den Julius gemacht hat und
dessen Äußerungen darüber.-
Herrn
Herzog will man mehrseitig hier sehr wohl, man wünscht ihn
zurück,
doch weiß und fühlt man auch hier daß er eigentlich
durch seine für ihn zu frühe Heyrath sein Leben gehemmt
hat.-
Habt Ihr Nachricht von
Dr Keck?- Wenn es ist so theilt sie mir mit.-
Vielleicht könnte ich ihn
später seiner Sprachkenntniß wegen
gebrauchen was vielleicht auch [für] ihn heilsam seyn könnte.-
Sind von Frankfurt aus vielleicht durch
Bagge Anfragen wegen der Aufnahme von
Zöglingen an
Euch geschehen?-
Bagge wünscht sehr
daß wenigstens ein junger Mensch für die Musterschule
in
Frankfurt während des Aufenthaltes von einigen Jahren in Keilhau
gebildet werde. Er hat mit mir
darüber sehr bestimmt
gesprochen.- Ist zur rechten Zeit die Zahlung nach Frankfurt a/m an
Koselgeschehen; es hat mir zwar leid
gethan diese Forderung an Euch machen zu müssen, doch hoffe ich meine
Reise soll durch ihre Rückwirkung auf Keilhau durch Sicherung
und Erhebung desselben wieder zurück
zahlen was es, was sie zur
Ausführung derselben von Keilhau erhalten hat. Überhaupt glaube ich
müssen wir zum gegenseitigen Heil als treue Mutter und Tochter
uns gegenseitig mit Rath u That
Kraft und
Mitteln unterstützen. Wie geht es seit Euren
letzten Briefen und besonders
seit der
Verhey-rathung Barops in Keilhau,
schreitet alles noch gut fort? - schreibt mir ja bald, schreibt aber
recht klein noch kleiner als ich, besonder[s] Du
Langethal und Du
Middendorff, daß Ihr mir auf
wenigen Raum
viel schreiben könnet und legt diesen Brief vor
Euch, damit ich alle Fragen beantwortet erhalte. Alle
d.h. auch
Eure Frauen und Elise soll mir jede wenn auch nur ein Paar Zeilen
schreiben. Sobald ich nun Muße habe
will ich auch allen
schreiben auch an die Knaben jeden Einzelnen, wenn ich nemlich
Drucksachen überschicke[.] Wilhelm und Elise üben sich doch - wenn
sie anders in meinen Vorschlag eingehen, <im> französischen
Sprechen?-
Schreibt mir doch ja auch
wie man das Ganze in der Heymath und der Umgebung namentlich in
Rudol[-]
stadt aufnimmt und besonders welche Rückwirkung es auf
Keilhau hat; namentlich schreibt mir welchen
Eindruck später die
gedruckte Anzeige macht. Grüßt alle die Leute, sind sie brav gewesen
so freute
ich mich darüber und sie möchten es ferner seyn, es
solle von mir nicht unbeachtet bleiben. Catharina
hat einmal
d[urc]h mich dem <Ganzen> 1 Rth pr: Ct. gegeben; er wird ihr
aber noch nicht zu gute geschrieben seyn. /
Ich schreibe dieses Alles
in der Stube welche auf der Vignette dieses Briefes auf dem ersten
Hause
linker Rand
über dem Fenster in
der 3
en Reihe von unten mit einem Punkt
bezeichnet ist; leider
aber ist auf der Zeichnung durch die
großen Gebäude rechts namentlich die Jesuiter Kirche meine
schöne Aussicht nach den großartigen Alpen bedeckt; auch sieht
man weder das Wogen noch
weniger hört man das Rauschen der so
lebendig als klar vorüberströhmenden Reus. Hoffentlich wer-
den
nach Umständen
diese drey Briefe Euer aller
Gemeingut werden. Nochmals die herz[-]
innigsten Grüße an allen
und jeden namentlich und einzeln. In jedem klarem Abendstern und in
jedem strahlenden Jupiter lese ich Eure Grüße und sende ich Euch
die meinen.
Schnyder läßt
Euch alle und besonders die Frau recht innig und herzlich
grüßen; es wäre wohl möglich
daß er nach seiner baldigen
Rückkehr nach Frankfurt Euch einmal in Keilhau besuchte,
weil er
ja von Frkf. mit der Eilpost ganz bequem in 2 Tagen in Keilhau sein
kann, und es ihm
schon leid gethan hat, daß wir nicht zu
Emiliens u Barops Hochzeit einen Blick nach Keilhau
gethan
haben. Ich wünschte dann mir daß wir ein recht vorzügliches
Instrument und Elise
und Wilhelm recht viel eingeübt hätten. Er
könnte dann vielleicht in dem Zimmer nächst dem
Saale ich meine
in dem
rothen u.
grünen schlafen. Zwey Sachen will ich da gleich
sagen; erst trinkt
er keinen Wein, sondern nur Wasser, zweytens
keinen Kaffe[e] sondern ist [sc.: ißt] eine Art Milchsuppe
zum
Frühstücke über dessen Zubereitung man sich bey ihm Rath erholen
kann, ich weiß nur so viel
daß die Semmel darinne in großen
Schnitten weicht. Nun lebt recht wohl, schreibt mir recht
bald
ich sehne mich sehr nach Briefen besonders auch von meiner Frau. Gott
sey mit Euch
mit dem Ganzen und jedem Einzeln und mit mir. In
unveränderter Liebe und Treue