Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 5.8.1831 (Luzern)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 5.8.1831 (Luzern)
(KN 28,7, Bl 5-6, Brieforiginal 1 B 4° 4 S. - Der Brief wird in KN zusammen mit dem v. 29.7./4.8.1831 an die >Keilhauer Gemeinschaft< als ein Stück angesehen; beide Briefe wurden sicher zusammen mit dem an Wilhelmine Fröbel v. 4.8.1831 versandt.)

[Briefkopf: Lithographie Luzerns mit Überschrift:
"Lucerne vers le mont Righi."]
           Luzern am 5en August 1831.


Geliebte, Theure Freunde!

Weil nun doch einmal das Briefpakket so groß geworden ist, so kann ich es mir nicht versagen auch an Euch
ganz besonders noch einige Zeilen zu schreiben, zumal da Eure Briefe vom 29en und 30 Juny, leider die letzten die ich bis
jetzt von Euch bekommen habe, ganz wesentlich mit zu der Entwicklung bey getragen haben, welche Ihr im Weit-
läuftigern aus den Briefen an Alle und an meine Frau erfahren werdet, daß nun wenigstens der Acker zur
Aussaat einer neuen Erziehungsanstalt in Wartensee, im Geiste und Form der Keilhauer bestellt ist. Daß auch
Saamen darauf, darin eingestreut werde, läßt sich freudig erwarten indem mir gleich in einem der er-
sten Besuche gesagt wurde daß sich schon manche günstige Stimme zur möglichen Theilnahme daran bey Familien-
vätern von Luzern geäußert habe. Es wird nur darauf ankommen daß erst eine Familie es wage und daß ganz
namentlich dieser erste Knabe sich bey mir und uns in Wartensee wohl fühle. Für das erste schon dämmert
mir Hoffnung herauf in Hinsicht auf das zweyte muß ich dem guten Geiste und dem reinen Zwecke vertrauen,
welcher dem Ganzen bisher sein Entstehen und bisher sein Bestehen gab, und wie ich glaube sind schon Fragen mit bestimmter Ab-
sicht in Beziehung auf Alter, Zeit und Anzahl zur Eröffnung an mich ergangen und ich habe hierauf eben so bestimmt er[-]
klärt, daß ich selbst mit einem und selbst jüngeren Knaben und sey es auch noch vor Mich: [sc.: Michaelis] beginnen würde, weil ich
nicht wünschte daß das Ganze so abgeschnitten und formell entstehen und ins Leben eingeführt werden, sondern mehr nach
und nach in und mit dem Leben hervor wachsen mögte. Da nun die Schwägerin von He. Schnyder die Fräulein Salesie
von Hartenstein
unserm Unternehmen zugethan ist und da mir ihr persönliches Wohlwollen geworden ist, so
ließe sich wohl mit einem ja einigen Zöglingen so gleich der Anfang machen, im letzteren Fall bedürfte
ich freylich dann bald Hülfe bedürfte. Ich habe dazu in den Anlagen den Wilhelm und die Elise vorgeschlagen und ich
erwarte nun mit der allerersten Post Eure und ihre beyderseitige Ansicht darüber. Ich glaube es könnte besonders /
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dem Wilhelm jetzt eine Lebensveränderung und ein Versetzen in einen neuen regeren Wirkungskreis körperlich
und Geistig sehr zuträglich seyn; Sollte Wilhelm nicht auf meinen Vorschlag eingehen, oder nicht eingehen zu kön-
nen meinen, so würde ich wohl den Ferdinand in Vorschlag bringen, wenn er nur mehr Sinn für einen
streng geordneten Begründungsunterricht hätte und besonders das Leben etwas innerlicher und sinniger
erfaßte, was wir hier ganz besonders thun müssen, wenn wir mehrere äußerliche kirchliche und religionsfor-
men still zurücktreten lassen wollen, welche den Menschen äußerlich in einen gewissen Zwang und Zucht nehmen.
Doch könnt Ihr und vielleicht auch er es überlegen, wenn nemlich Wilhelm nicht kommen könnte oder wollte,
und mir unbefangen Eure Ansicht darüber mittheilen. Ich würde auch wohl zur Hülfe den Titus vor-
schlagen von dessen lebendigen Unterricht mir meine Frau Gutes schreibt, wenn er mir doch in seinen
Leistungen für den Anfang noch zu schwach besonders im Französischen wäre, und ich ihn aus seinen
mit Dir Middendorff begonnenen streng systematischen Unterricht im Französischen nicht gern heraus reisen
möchte. Bey jedem aber welcher hieher kommt wünsche ich daß er sich möglichst genau mit Middendorffs
Lehrgang in dem Französischen bekannt mache und sich wo möglich dessen Heft abschreibe. Für Ferdinand
halte ich es sehr gut wenn er wieder wenigstens ½ Jahr im häuslichen Kreise lebe und wo möglich Un-
terricht in der Anstalt namentlich in den sich nun bewährten sichern Lehrweisen des mathematischen
den Zeichen- und des deutschen Sprach- auch des Musik[-] und Geographischen- rc, rc Unterrichtes. Es ist
merkwürdig welch ein Urtheil sich hier innen bey den einfachsten Menschen im Publikum findet, man
unterscheidet sehr bestimmt den Lehrgang von den Leistungen, man weiß sehr gut daß der eine letztere
schneller in die Augen fallender, der andere, der unsere aber dieß langsamer aber sicherer und für die
Anwendung selbstthätiger und lebendiger gäbe. Unser Lehrgang nun hat, so oft ich ihn namentlich in den genannten
Fächern vorzulegen Aufforderung hatte in Beziehung auf seinen Geist und seine Leistungen immer allge-
mein genügt und wir sollen das treu pflegen, wohl verbessern, abkürzen, immer organischer machen
was uns das Zutrauen des Menschengeistes und Gemüthes erworben hat, aber ja nicht wegwerfen
Steine sind fest und doch geben sie lebenden Pflanzen Daseyn und Nahrung; Pflanzen sind ohne willkührliche Bewegung
und doch erzeugen sie, selbstständiges Leben und willkührliche Bewegung in sich tragende Thiere; nehmt die
Steine weg und wir haben weder Pflanzen noch Thiere. Das grüne geheimnisvolle Moos umkleidet
mit weichem Gewandte und rundlichen Formen die starren eckigen Steine und Felsen aber <doch> diese bleiben und doch giebt
diese innige Einigung, Paarung des Milden mit dem festen diesen Parthien das unwiderstehliche Reizende. Pestalozzi
hat, wie ich schon zum Öftern bemerkte, hierin sehr gefehlt. Man muß den Grundgedanken einer Sache nie aufgeben
so bald es uns ihn selbstständig durchzuführen, durch persönliche Selbstständigkeit möglich wird, wohl aber entwickeln.
Es ist nun kein Grund vorhanden warum unser hiesiges Unternehmen nicht auch bey Euch und selbst
in Eurer
nähern und fernen Umgebung könnte frey besprochen werden[.] Ihr könnt darum auch das Ganze so wie
Ihr es mit der Frau zweckmäßig findet den Zöglingen u.s.w. mittheilen. Die Herrn Pfarrer in Remda,
Obernitz u. so namentlich den unsern in Eichfeld nebst dessen Familie bitte ich zu grüßen[.] Hat der /
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kleine Wilhelm diesen Sommer in Keilhau an den Unterricht Antheil genommen. Ich wünsche daß diese Kinder
so ganz namentlich auch Bernhard und Friedrich ganz gründlich und tüchtig beschult werden, wer kann wissen
wie sich noch das Ganze entwickelt und wie sie einst zu ihrer eigenen völligen Befriedigung ersprieslich wirken
können. Vielleicht schreibe ich später einmal persönlich an den Herrn Pfarrer hierüber. Auch den Herrn Schullehrer
grüße ich.- Habt Ihr Nachricht von Joh. Schmidt?- Sollten Wilhelm und Elise nicht auf meinen Antrag
eingehen und sich es mit Ferdinand auch nicht machen so wünschte ich wohl zu hören wie es dem Johann Schmidt geht
und welche Aussichten und Pläne er hat, es könnte dann von Eurer Seite diese Fragen an ihn gestellt werden.
Ferdinand, den ich besonders grüße, soll gelegentlich die Nachricht von dem hiesigen Unternehmen an Julius in
Weimar persönlich mittheilen, f vielleicht auch erst später wenn er etwas Gedrucktes darüber in Händen
hat, und mir ganz unumwunden den Eindruck mittheilen den das Ganze auf den Julius gemacht hat und
dessen Äußerungen darüber.- Herrn Herzog will man mehrseitig hier sehr wohl, man wünscht ihn zurück,
doch weiß und fühlt man auch hier daß er eigentlich durch seine für ihn zu frühe Heyrath sein Leben gehemmt
hat.- Habt Ihr Nachricht von Dr Keck?- Wenn es ist so theilt sie mir mit.- Vielleicht könnte ich ihn
später seiner Sprachkenntniß wegen gebrauchen was vielleicht auch [für] ihn heilsam seyn könnte.-
Sind von Frankfurt aus vielleicht durch Bagge Anfragen wegen der Aufnahme von Zöglingen an
Euch geschehen?- Bagge wünscht sehr daß wenigstens ein junger Mensch für die Musterschule
in Frankfurt während des Aufenthaltes von einigen Jahren in Keilhau gebildet werde. Er hat mit mir
darüber sehr bestimmt gesprochen.- Ist zur rechten Zeit die Zahlung nach Frankfurt a/m an Kosel
geschehen; es hat mir zwar leid gethan diese Forderung an Euch machen zu müssen, doch hoffe ich meine
Reise soll durch ihre Rückwirkung auf Keilhau durch Sicherung und Erhebung desselben wieder zurück
zahlen was es, was sie zur Ausführung derselben von Keilhau erhalten hat. Überhaupt glaube ich
müssen wir zum gegenseitigen Heil als treue Mutter und Tochter uns gegenseitig mit Rath u That
Kraft und Mitteln unterstützen. Wie geht es seit Euren letzten Briefen und besonders seit der Verhey-
rathung Barops in Keilhau, schreitet alles noch gut fort? - schreibt mir ja bald, schreibt aber
recht klein noch kleiner als ich, besonder[s] Du Langethal und Du Middendorff, daß Ihr mir auf wenigen Raum
viel schreiben könnet und legt diesen Brief vor Euch, damit ich alle Fragen beantwortet erhalte. Alle
d.h. auch Eure Frauen und Elise soll mir jede wenn auch nur ein Paar Zeilen schreiben. Sobald ich nun Muße habe
will ich auch allen schreiben auch an die Knaben jeden Einzelnen, wenn ich nemlich Drucksachen überschicke[.] Wilhelm und Elise üben sich doch - wenn sie anders in meinen Vorschlag eingehen, <im> französischen Sprechen?-
Schreibt mir doch ja auch wie man das Ganze in der Heymath und der Umgebung namentlich in Rudol[-]
stadt aufnimmt und besonders welche Rückwirkung es auf Keilhau hat; namentlich schreibt mir welchen
Eindruck später die gedruckte Anzeige macht. Grüßt alle die Leute, sind sie brav gewesen so freute
ich mich darüber und sie möchten es ferner seyn, es solle von mir nicht unbeachtet bleiben. Catharina
hat einmal d[urc]h mich dem <Ganzen> 1 Rth pr: Ct. gegeben; er wird ihr aber noch nicht zu gute geschrieben seyn. /
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Dem Project Gustavs von Bischoffshausen wegen Erlernung der Wirtschaft bey meinen Bruder kann ich
nicht recht bey pflichten da ja unsere Wirtschaft viel zu unbedeutend ist als daß er da den
Landbau - von welchem jetzt gar außerordentlich viel besonders in Hinsicht auf Viehzucht
gefordert wird - in seinem ganzen Umfange lernen könnte. Doch sein Vater wird Euch gewiß
selbst schon hierüber seine Zweifel ausgesprochen und Ihr Euch so alle verständigt haben[.]
Wie sieht es mit Albert aus, hat er wacker alte Sprachen getrieben? - glaubt Ihr dem Vater
das Zeugniß schicken zu können was er Ausgangs dieses Monats von Euch <erw>, von der An-
stalt erwartet?- Es würde mir höchst erfreulich seyn.
Ich schreibe dieses Alles in der Stube welche auf der Vignette dieses Briefes auf dem ersten Hause
linker Rand über dem Fenster in der 3en Reihe von unten mit einem Punkt bezeichnet ist; leider
aber ist auf der Zeichnung durch die großen Gebäude rechts namentlich die Jesuiter Kirche meine
schöne Aussicht nach den großartigen Alpen bedeckt; auch sieht man weder das Wogen noch
weniger hört man das Rauschen der so lebendig als klar vorüberströhmenden Reus. Hoffentlich wer-
den nach Umständen diese drey Briefe Euer aller Gemeingut werden. Nochmals die herz[-]
innigsten Grüße an allen und jeden namentlich und einzeln. In jedem klarem Abendstern und in
jedem strahlenden Jupiter lese ich Eure Grüße und sende ich Euch die meinen. Schnyder läßt
Euch alle und besonders die Frau recht innig und herzlich grüßen; es wäre wohl möglich
daß er nach seiner baldigen Rückkehr nach Frankfurt Euch einmal in Keilhau besuchte,
weil er ja von Frkf. mit der Eilpost ganz bequem in 2 Tagen in Keilhau sein kann, und es ihm
schon leid gethan hat, daß wir nicht zu Emiliens u Barops Hochzeit einen Blick nach Keilhau
gethan haben. Ich wünschte dann mir daß wir ein recht vorzügliches Instrument und Elise
und Wilhelm recht viel eingeübt hätten. Er könnte dann vielleicht in dem Zimmer nächst dem
Saale ich meine in dem rothen u. grünen schlafen. Zwey Sachen will ich da gleich sagen; erst trinkt
er keinen Wein, sondern nur Wasser, zweytens keinen Kaffe[e] sondern ist [sc.: ißt] eine Art Milchsuppe
zum Frühstücke über dessen Zubereitung man sich bey ihm Rath erholen kann, ich weiß nur so viel
daß die Semmel darinne in großen Schnitten weicht. Nun lebt recht wohl, schreibt mir recht
bald ich sehne mich sehr nach Briefen besonders auch von meiner Frau. Gott sey mit Euch
mit dem Ganzen und jedem Einzeln und mit mir. In unveränderter Liebe und Treue
der Eurige
FrFröbel.
Meine Adresse ist
An den Director Fr Fröbel
auf Schloß Wartensee <auf>
bey
       Luzern.