Obgleich erst kaum 3 Wochen verflossen seyn werden,
seitdem
Sie d[urc]h Ihren Sohn
Leopold
von Ihrem Sohn
Hermann u
dessen Genossen Nachricht erhalten haben werden u ob
ich gleich
Ihnen jetzt noch nicht mehr von Ihrem Sohne zu schreiben
weiß
als was ich schon im vorigen Brief aussprach,
so will ich doch
durch diesen Brief mein Versprechen er-
füllen. Hermann u seine
Genossen sind noch voll-
kommen gesund, völlig zufrieden u
freudig. Ich
könnte nicht sagen, etwas bemerkt zu haben, daß
sie etwas für ihr Leben hier vermißten. Die
Individualität
u Eigenthümlichkeit eines jeden
Knaben entwickelt sich schon
sehr bestimmt, u
so verschieden dieselbe auch bey einem jeden
ist; so
zeigen sie doch ganz bestimmt nicht allein, wie gut,
sond.[ern] überhaupt wie wichtig u nothwendig es sey, daß
besonders die Mütter, wenn ihre Söhne u Knaben
ein
bestimmtes Alter erreicht haben, sich überwinden
u entschließen
können, dieselben einer bestimmten Er-
ziehung zu übergeben, u
dieß besonders in dem Fall, /
[7]
wenn die Mutterliebe
den jüngsten der Söhne, gleich-
sam den
letzten trifft der ja als letzter trifft
der zuletzt als der Gegenstand ihrer Liebe
übrig bleibt. Es
ist mir, da ich oft darin
unangenehme Erfahrungen zu machen
habe,
immer unbegreiflich, wie Mütter, die sonst
so einen
richtigen Tact u ein so klares Auge haben,
gerade in diesem
allerwichtigsten Punkte der
Knabenerziehung so sehr schwer vom
Rechten zu
überzeugen sind. Möchten doch die lieben Mütter
einmal sehen, wie wohl sich die Knaben befinden,
wenn sie
aus dem zu warmen
Sonne Schatten der
mütterlichen Ängstlichkeit in
den
Schatten die Sonne des männl[ichen]
Ernstes kommen u dieß
um so mehr, als eine größere
Entfernung vom elterlichen Hause
sie nicht einem
schwächenden Wechsel aussetzt. Die größer[e]
Entfernung
sollte also bey eingetretenem Alter mehr ein
Entlassungs[-]
grund aus dem elterl[ichen] Hause als ein
Hemmungsgrund seyn.
Verzeihen Sie (mir) daß nun grade dieß in
die Feder fließt
indem ich an Sie schreibe. Allein ich werde von
den ver-
schiedensten Gegenden und von Männern 3 Vätern
immer wiederkehrend darauf aufmerksam gemacht /
[7R]
u gerade bey den jüngeren Söhnen, die doch am
meisten
der Erstarkung bedürfen[.] – Da es nun wohl
seyn könnte, daß
auch in Zukunft Ihnen oder den
andern mir
Iihr Vertrauen geschenkt habenden
Väter die
<hart> ankommen
könnte, daß
bey doch einem
eingetreten[en] völlig eingetretnen
Knabenalter die noch zu
große Jugend u Zartheit dKnaben hemmen
könnten
den Müttern als ein Hinderniß erschien[e],
so
wollte ich auch das nun hier Niedergeschrie-
bene nicht wieder
zurück nehmen. Mögen
Sie darin ein Zeichen finden, wie gerne
ich mich den Vätern u 3 Eltern über meine
Erziehungs-
einsicht und ihrem Grunde wohl aussprechen möchte
wenn es dZeit nur verstattete. u
als
ein
Zeichen meiner persönl[ichen] Hochachtung mit
welcher ich
bleibend bin