Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Henriette Wilhelmine Hoffmeister in Berlin v. 15.7.1818 (Keilhau)


F. an Henriette Wilhelmine Hoffmeister in Berlin v. 15.7.1818 (Keilhau)
(BN 444, Bl 90-98, Brieforiginal 4 ½ B 8° 17 S.)

Keilhau den 15en Julius 1818.

Meine geliebte Freundin, meine theuere Geliebte.

Ihr liebes Briefchen, durch Freund Langethalen erhalten, ver-
stehe ich zwar noch nicht ganz zu deuten, und zwar besonders
deßhalb nicht, da ich den andern Brief auf welchen er mich
vorbereitet bis jetzt noch nicht erhalten habe; doch danke
ich Ihnen recht herzlich für Ihre innige Vorsorge in und mit
welcher derselbe geschrieben ist. Ich wüßte nicht was mir
noch Wahres über meine Wahl Ihrer meine Freundin und über
unsere Einigung gesagt werden könnte, welches ich nicht schon
alles mehr und vielseitig, ja ich möchte fast sagen allseitig
erwogen habe, und Falsches Kränkendes vielleicht sogar Hämisches, was
mir nur noch gesagt werden könnte, dieß hoffe ich mit Zu-
versichtlichkeit bey allem Menschlichen meiner Natur
wird, ja kann keinen Eindruck auf mich machen.-
Unser ganzes Leben, unsere Einigung nach allen Seiten und
Formen ihrer Äußerung beruht auf einen einzigen Punkt
hat nur eine einzige Quelle, sie heißt: Vertrauen,- Ver-
trauen zu Gott;- durch Gott, gegenseitiges Vertrauen zu
uns. Ich glaube dieses Vertrauen zu Gott dieses wandellose
Vertrauen zu mir durch Gott von Ihnen schon nach und aus
Ihrer bisherigen Würdigung des Lebens. Ich weiß dieses
dieses feste Vertrauen zu Gott, dieses wandellose Vertrauen
zu mir durch Gott von Ihnen, wenn Sie Sich bemühen immer
Ihrem Wesen Ihrer Natur ganz treu zu leben. Eben so
können und werden Sie von Sich, in Bezug auf mich sprechen
Nun gibt es aber Nichts was mich von meinem Vater und
Schöpfer trennen könnte, und so giebt es auch nichts, gar nichts /
[90R]
was uns trennen könnte, wir müßten uns den[n] vorsetzen
gegen uns selbst zu handeln, uns selbst zu vernichten.
Doch ich bin heute zu schwerfällig, zu sehr angegriffen, die
äußern Verhältnisse stehen zu fo[r]dernd an mich, vor mir,
als daß ich im Stande sey, das Innere unseres Verhältnisses
ungestöhrt im Auge zu behalten. Lassen Sie mich hiervon
abbrechen.
Es ist mir bisher schon sehr oft schmerzlich gewesen, daß das
reiche schöne Frühlings[-] und reiche Sommergewand meiner Gegend so
vergehen mußte, ohne von Ihnen meine hoch Geliebte gesehen
zu werden, ohne daß es ihr möglich wurde Ihnen dadurch
dasselbe Freude zu machen. O, wie so gern hätte ich Sie Theuerste,
innig Geliebte! schon im Monat Mai, wenigstens Anfangs
Juni hier gesehen. Aber man hat mir mein Leben furchtbar
schwer gemacht und das - durch das Mißverstanden[-]
werden von - meinen Verwandten. Anstatt daß es mir möglich
wurde alle meine Kraft und Zeit dahin zu wenden, wie ich
Sie bald heimholen konnte, so mußte ich Kraft und Zeit zu[-]
sammennehmen um mich nur gegen den gewaltsamen Drang
von Außen aufrecht zu erhalten.- Während dem Ihr Leben
mit Schmerz von neuem erfüllt wurde, hatte ich mit
neuen mich zu vernichten scheinenden Druck des Mißverständ-
nisses zu kämpfen. Ich darf mit großer Wahrheit sagen:
Mein Schicksal hat Ähnlichkeit, viel Ähnlichkeit mit denen
welche um der Gottesliebe willen verfolgt wurden: man
glaubte Gott einen Dienst zu thun sie zu verfolgen, so
geht es mir bey meinem Streben; es giebt Menschen die
glauben die ersten menschlichen und vielleicht gar christlichen
Pflichten zu erfüllen, wenn man meines Strebens wegen /
[91]
(das sie nicht verstehen können und deßhalb mehr als irrig halten)
mir Lasten auf die Schultern wälzt, unter welchen sie
die Aufwälzenden, längst unterlegen wären.
Dieses mein jetzt durchlebtes Verhältniß, verglichen
mit Ihrer kürzlich wieder durchlebten Schmerzenzeit welche
Sie mir in Ihrem Brief andeuten, ist eines von denen
Verhältnissen von welchem ich Ihnen früher schon aus-
sprach, daß unsere Schicksale ähnlich ich möchte sagen
gleich wären nämlich so, daß die meinen männlichen
die Ihren weiblichen Charakter hätten. Ja Freundin
je mehr sich unser Leben uns gegenseitig entwickelt, je
mehr wir es prüfen, desto klarer wird es, daß un-
serm Innern nach, wir ich möchte sagen ursprünglich
für einander bestimmt waren. Wir mußten um uns
gegenseitig zu würdigen zu erkennen drückende und schmerz[-]
liche Lebensverhältnisse und ganz besonders in der jüngsten
Zeit durchleben; den Lebenskampf, die Lebenserfahrungen
durch welche ich nur seit fast 3/4 Jahren hindurch mußte, mögen
wenige in ihrem ganzen Leben durchleben. Aber ich freue mich, nun,
da er überstanden ist daß er durchlebt ist, denn ich lernte
in demselben nicht allein die Mittel kennen sondern mir auch
aneignen wodurch es mir nur einzig möglich werden kann
und wird Ihnen das Innerste meines Wesens im Leben und
Handeln und Ihnen so die höchste Achtung die innigste Liebe
zu zeigen welche mein Gemüthe für Sie erfüllt.
So zürnen Sie mir denn nicht zu sehr, daß ich schon so viele
Briefe an Sie schrieb ohne das vielleicht nächste was zu be-
sprechen war meine häusliche Lage zu erwähnen. Wüßte
ich nur was von derselben Ihnen, um so viel möglich /
[91R]
alle uns länger trennenden Hindernisse aus dem Wege
zu räumen - mitzutheilen das Nöthigste wäre.
Zunächst müssen wir, bis es mir vielleicht in diesem
Herbste noch möglich wird wenigstens den untern Stock
des Hauses auszubauen, in dem bisherigen Wirth[-]
schaftshause oder vielmehr Wohnhause des Guths
wohnen. Es ist ohngefähr 45 Fß lang u 26 Fuß breit oder tief.
es li[e]gt gegen Mittag. Das untere Stock wird
nach der jetzt durch mich erhaltenden neuen Eintheilung
aus einer Wohnstube zugleich in gewisser Hinsicht Wirth[-]
schafts Stube nebst Kammer, in einer Küche nebst einer
Speisekammer und in einer Gesindestube bestehen[.]
Sie liegen ohngefähr so geordnet neben ein ander
[links neben dem folgenden Text 2
  Grundrißzeichnungen mit Zahlen bzw.
  Buchstaben]
[die obere Zeichnung mit den Wörtern:]
Scheuer
nebst Stall
Abend, Mittag, Morgen

[die untere Zeichnung mit den Wörtern:]
Scheuer nebst Stall
Verbindung ganz mit <der ? >
1. Wohnstube welche nebst
2. der Kammer die beyden alten
   Frauen zur Mitbewohnung
   haben doch, so daß ich diese
   Stube auch als Wirthschafts[-]
   Stube mit benutzen darf-
   laut Kaufcontract.
3 Küche.
4 Speisekammer
5. Gesinde Stube d.h. für Küchen[-]
   und Hausmagd hier werden
   diese beyden auch schlafen
   müssen.
6. Hausflur
7. Treppe nach dem [sc.: den] obern <Stu[ben] / Rä[umen]>
   <a austtritt>.
Oberes Stock A u. B. Ihre Wohnstube nebst Kammer B
C ein Kamin. D eine Hausstube. E. Kammer, wie mich dünkt
zum Schlafen für Ernestinen und meine Nich 16jährige Nichte Dorchen.
F. mein Arbeits Zimmer. G. Verbindungs Gang mit der
neuen Scheuer in welcher noch 3 Kammern als Wirthschaftskammern
<leicht> zu benutzen sind. Die Schlafzimmer meiner Pfleglinge will ich /
[92]
jetzt unter dem Dache einrichten lassen. Bis jetzt schlafen
wir bis auf wenige in einem Bauerhause in welchem
ich bis künftige Johannis noch 1 Wohnstube nebst daran[-]
stoßende Kammer
, eine Hausstube zu ganz eigenen und
eine Küche zum Mitgebrauche habe; diese Stube
will ich dann <  > nur zum Lehrzimmer benutzen und
vielleicht zum Eßzimmer wenigstens für meine Pfleglinge[.]
Außer diesen Räumen mit welchen wir uns freylich
vorläufig behelfen müssen, will ich noch ein Wasch[-] und
Backhaus bauen lassen welchem ich ohngefähr diese
Einrichtung zu geben gedenke.
[links dem folgenden Text wieder eine
  Grundrißzeichnung mit Zahlen/Buchstaben]
[in der Zeichnung die Wörter:]
16 Fuß breit
Mittag.
Abend
40 Fuß lang
Mitternacht.
A. Raum zum Waschen
   Backen; Brauen.
   1. 2. 3. Die Bottiche zum
Brauen
   4. der Waschkessel.
   5 der Badofen.
B Stube zum Mangen
   zum Plätten der Wäsche
   auch wohl zum Trocknen
   feiner Wasche.
Dieses Gebäude soll dem Wirth-
schafts Gebäude gegen über gebaut
werden, so daß dessen Benutzung
vom Hause aus leicht wird.
E wird jedoch erst in eingen Wochen fertig werden und
wird jetzt erst das Holz dazu zugerichtet.
Durch diese hier angegebenen Zimmer und Räume hoffe ich
sollen, wenn es ja die Noth erforderte auch noch in dem
und ich nicht wie ich sehnlichst wünschte, noch in diesem Herbste
einen bedeutenden Theil meiner [sc.: meines] größern eigentlichen Wohn-
hauses ausbauen könnte - auch noch in dem nächsten
Winter unsere nöthigsten Bedürfnisse befriedigt werden. /
[92R]
Was meinen Sie meine Freundin dazu?- So wie es hier
auf dem Papiere steht so hätte ich nun gern, sehr gern alles
nicht allein in Ordnung sondern auch von einem freundlichen
Gewandte umgeben, ganz hergestelt, und wenigstens den
vordern Hofraum meines Hofes völlig geschlossen gehabt
ehe ich Sie meine innigst hochgeachte, Theuerste Freundin gebe-
ten hätte
bitten wollte mir zu folgen. Doch ich bin ganz
allein (zürnen Sie mir doch ja nicht daß ich Ihnen dieß so oft
ausspreche) und kann nur wenig jeden Tag leisten, weil
alles das innere und äußere Hauswesen und der Lehrgang
pp, pp mich persönlich in Anspruch nimmt.
Lassen Sie uns nun, meine Freundin! sehen ob es, um mir
die Freude zu machen, die hohe Freude Sie recht bald hier zu sehen,
ob es vielleicht möglich wäre, daß ich mit Ihrer nachsichtlichen
Erlaubniß, vielleicht Einiges oder das Andere bis nach Ihrer
Ankunft hier, aufschieben könnte. Ehe sich hierüber etwas
bestimmen läßt ist der wichtigste erste Punkt, welcher festzusetzen ist:
ob Jemand und wers aus Berlin Sie hieher begleiten wird.
Sie werden es gewiß nicht nur verzeihlich sondern sogar
natürlich finden, daß, wenn irgend Jemand aus Berlin
Sie hieher begleiten sollte, daß ich als dann mich lieber
noch einige Wochen plakte (:und Sie wünschen es ja auch
wie mir Freund L. sagt damit ich nicht zu muthig nach B.
kommen mögte; nun Ihnen zu Gefallen will ich wohl noch manche
Plackereyen gerne ertragen; aber, meine besorgte Freundin! ob nun
dadurch eben mein Muth sinken wird, weiß ich nicht, wissen Sie nicht
das [sc.: daß] Gebrauch der Kraft die Kraft erhöht?- Wissen Sie nicht, daß die
Wirkung des Magnets wächst je mehr man ihm nach und nach zu tra[-]
gen giebt?- Ihr Mittel mich muthlos zu machen dürfte daher wohl
nicht ganz entsprechend seyn. Nun hoffentlich ist Ihnen das Sinken meines
Muthes kein ernstlicher Wunsch gewesen, denn was ist denn ein Mann ohne
Muth?-:) Ja würde also Jemand von Berlin Sie hieher begleiten /
[93]
so würde ich recht gerne alle die mannichfachen Sorgen
auch die für das innere Hauswesen pp gern noch einige
Wochen tragen, damit auch äußerlich alles so vollendet
wäre, als ich es nur wünsche, daß es seyn mögte und als
darzustellen mein Streben ist. Es ist zwar wahr, und
ich will es Ihnen nur ganz aufrichtig gestehen, wären Sie
schon hier, erfreute ich mich Ihres Rathes schon, so geschähe
wenigstens in halber Zeit was jetzt in ganzen kaum geschieht,
denn da umgiebt mich jetzt Niemand der mir hülfreiche Hand
leiste, - dürfte ich es wagen ihre scherzende Äußerung ernstlich
anzuwenden, so könnte ich sagen: auch die mich Umgebenden
glauben, man müsse, um meine[n] Muth zu dämpfen, mir immer das
Leben etwas lastend machen. Ich mag nun wohl ein wenig daran
schuld seyn, weil ich meine Ohren gar zu sehr gegen den Innhalt-
leeren und Thaten- armen Wort- und Mund- rath verschließe;
aber was hilft denn auch ein ewiges leeres Reden und eine Halb[-]
That zu deren Verbesserung man nun zwiefache Zeit ge-
braucht? - Zürnen Sie doch ja nicht, daß ich Ihnen so oft
ausspreche daß wie ich mich innigst nach Ihnen sehne, nicht
etwas daß Sie mir weil ich dann eingreifendes Helfen
von Ihnen fo[r]derte, o! Freundin, wenn Sie dieses einen
Augenblick denken könnten, dann kennten Sie mich noch
nicht; aber die Stärkung, der Muth, welcher aus der Mittheil-
ung hervorgeht, die wünsche, die hoffe ich von Ihnen. Ein Wort
ein Blick von Ihnen wie könnte mich der erheben!- Sagen
Sie mir nicht: "wie mögen Sie Freund dieses zu einem Weibe
sagen kennst Du nicht höhern Rath u Trost?"- O Freundin! Gott
redet u spricht, ja ich möchte sagen er sieht durch Menschen
und das ächte Verhältniß des Gatten zur Gattin ist ein w wenn beyde
wahr sind, ist ein unaussprechliches, ein wunderbares
ist das göttlichstemenschliche oder das menschlichste göttliche Verhältniß. /
[93R]
Also besser würde ich werden, viel besser als ich jetzt bin
sähe ich Sie, fühlte ich Sie mein.
Wie wäre es also, meine Geliebteste, wenn Sie, im
Fall Niemand aus Berlin als Ernestine Sie hieher begleitete,
wenn Sie dann einige Wochen mit meinem Äußern, wie
ich es jetzt nur darstellen kann liebevolle und gütige
Nachsicht hätten?- In 2 oder 3 Wochen geschähe
dann gewiß mehr als jetzt in 4 oder 6 Wochen. Sehen
Sie Freundin! was ich noch nicht in den nächsten Wochen herstellen
lassen kann, das ist: die Schließung und Ebnung auch nur des vor-
der Hofes; dann sehe ich noch nicht ein ob
es mir möglich werden wird das Haus äußerlich bewer-
fen oder berappen zu lassen, und drittens weiß ich nicht
ob ich mit dem Bau des vorhin erwähnten Wasch- und
Backhauses so wie ich wünsche fertig werde, denn ein-
mal ist mir, weil ich nicht früher an die Ausführung
desselben denken konnte und durfte die Zeit dazu etwas
kurz geworden und dann fehlt es mir zur Beschleunigung
an Arbeitern da solche wegen einiger Brände in hiesi-
ger Gegend rar sind.
Dürfte und könnte ich also für die erste Zeit einige gütige
und nachsichtsvolle Beurtheilung des Äußern von Ihnen er-
warten, so glaube ich
den 9en August, zum spätesten Tage meiner Abreise von hier
festsetzen zu können, so daß ich
den 13en August gegen Abend in Berlin ankäme.
Wissen möchte ich nun noch von Ihnen, Geliebteste, wie
lang mein Aufenthalt in Berlin nöthig seyn möchte; wären
es wie ich, da meine Gegenwart in B wohl Niemand Ihrer
lieben Verwandten Freude machen würde, nur wenige Tage, so konn-
ten wir dann den 22sten August in Keilhau vielleicht eintreffen. /
[94]
Da nun aber, wie ich es leider nicht ändern kann, in
den ersten Tagen, Sie manche Unruhe wegen der Einrich-
tung des innern Hauswesens hier erwartet, denn
weil ich leider keine verständige und wie ich wünschte
sinnige weibliche Hülfe jetzt zur Seite habe, so muß
ich mich darin fügen Ihnen zu gestehen daß mein inneres
Hauswesen seine ganze Gestalt noch erst von Ihnen er-
wartet, und wie ich wohl als Ausdruck meiner innigsten
Hochachtung Ihrer theuerste Geliebte möchte, daß Sie in
ein ganz eingerichtetes Hauswesen kommen möchten, welches
auch wohl früher mein Wunsch war, diese Freude muß
ich mir entsagen. Es mag nun wohl möglich seyn, daß
mir hierinne doch manches zu thun möglich gewesen
wäre, allein da doch mein erster, mein liebster Wunsch
und Streben seyn muß und ist, daß bis in das Kleinste
herab alles und Alles nach Ihrem Wunsche und zu
Ihrer Freude, Ihnen angenehm seyn möchte, so bin ich
schon einigemal in der Wahl meiner Entscheidung unsicher
gewesen und es hat mich gedünkt daß es besser
sey, wenn auch die Wahl dieser Geräthschaften Ihnen
überlassen bliebe. Was Rudolstadt nicht geben könnte,
so ist ja Erfurth nicht weit von hier, und läßt sich gewiß
von daher besorgen, vielleicht fänden Sie es sogar für ge-
rathen, daß wir über Erfurt reiseten.
Da also Sie meine Freundin, gleich in den ersten Tagen
hier manche Unruhe erwartet, so ist mein Wunsch um
diese wenigstens so viel als möglich zu vermindern,
daß dann sogleich nach unserer Ankunft meine Pfleglinge
bis auf die beyden Luther eine Reise auf ohngefähr 14 Tagen /
[94R]
nach der Harz Gegend machen. Während dieser Zeit,
würde es Ihnen dann doch vergönnt werden mit einiger
Muße das innere Hauswesen nach Ihrem Wunsche ein-
richten zu können. Wen Sie hier zur Unterstützung
dazu finden, ist meine 16jährige Nichte, die gewiß manches
Gute hat und Ihnen wenigstens ein liebendes Herz und willigen
Sinn entgegen bringt, Reinlichkeits und Ordnungssinn hat sie ge-
wiß, nur mag ihr wohl die Anleitung zum richtigen Gebrauche
beyder so wie die Übung in der thätigen fö[r]dernden Anwendung
derselben fehlen. So viel weiß ich daß sie gewiß sehnend
Ihnen und in Ihnen einer herzlicheren Behandlung entge-
gensieht, als deren sie sich bis jetzt erfreute. Dann finden
Sie noch eine Köchin von der ich erwarte daß sie, sobald
sie eine gediegene Hausfrau in der Mitte des Haus-
wesens sieht, die ihr zu kommenden Geschäfte, und die ihr von
Ihnen übertragen werdenden Geschäfte pünktlich, reinlich
und schnell vollführen wird. Willig dünkt mich wer-
den Sie dieselbe finden, so wie, daß sie in der Wahl
der Arbeiten nicht wähl[er]isch ist; und beides scheinen mir
schon gute Eigenschaften. Einer ihr vorgeschriebenen Ord-
nung und von ihr gefo[r]dert werdenden Reinlichkeit, glaube ich
auch nicht daß sie entgegen wirkt.
Mit der Hausmagd habe ich vielleicht weniger Ur-
sache zu frieden zu seyn; man sagt sie soll nicht ordentlich
genug in der Besorgung des Viehes seyn. Sie ist nur bis
Weihnachten gemiethet und nach Ihrer Ankunft ist hoffent-
lich noch Zeit eine tüchtige Person nach Ihrem Wunsche zu
bekommen.
Nun noch ein Punkt, meine Freundin. Er betrifft meine
die Möbeln. Hier erlauben Sie mir zuerst daß ich Ihnen /
[95]
zuerst sagen darf wie ich über die Möblirung eines
Hauses denke. Es dünkt mich die ganze Möblirung eines
Hauses müsse
1. den Charakter und die Gesinnungen der Hausbewohner, ich möchte
sagen das Wesen derselben aus- wenigstens demselben
entsprechen. Der Mensch strebt aber seiner Natur nach, nach
Zweckmäßigkeit, Einheit (Übereinstimmung) und Darstellung
seiner Würde; so soll also auch dünkt mich
2. alles was dem Menschen umgiebt und so ganz besonders
das Hausgeräth, das Gepräge der Zweckmäßigkeit, Ein-
heit (Übereinstimmung) und edle, schöne Formen haben.
3. Der Geist spricht sich in der Form, nicht in dem Stoffe, der
Materie aus; und durch die Form wird der Stoff die
Materie veredelt; deßhalb so dünkt mich kann Haus-
geräthe von weniger kostbarem Stoff und Materie, braucht
nicht von dem kostbarsten Stoff und Materie in jedem
Falle zu seyn, und kann doch durch seine Form einen
sehr edeln, gebildeten Geist aussprechen.
Die Familie nun welche besonders erziehend wirken will,
hat nach meiner festen Überzeugung auf diese 3 Punkte
wesentlich zu sehen, da Nichts auf den Menschen, das
junge Gemüthe, auf das Kind, wie die Jugend (Knaben-
und Mädchenalter) und das Jünglingsalter (Jüngling
und Jungfrau) mehr und bestimmter, sicherer bildend
wirkt als die Umgebung, deßhalb dünkt mich hat
eine Familie die erziehend wirken will, gewiß wesent-
lich auf den Charakter des sie umgebenden Hausge-
räthes zu sehen[.]
Wir meine Geliebteste, meines Lebens Seele, so scheint sind,
so scheint es mir, so glücklich, daß wir nach diesen /
[95R]
hier angedeuteten Fo[r]derungen unser Haus (:welches
sich ja zu den darinne wohnenden Menschen verhält
wie der Körper des Menschen zu seiner Seele:) im
Innern einrichten können, wenn wir uns nur ver-
stehen, wenn wir uns nur wenige Zeit über äußeres
Urtheil hinweg setzen wollen. Sehen Sie meine Freundin
wir sind so glücklich ein ganz neues Hauswesen, so wie
es Fo[r]derung unseres Charakters und Wirkens ist, um uns
her zu schaffen, wenn wir nur gegenseitig Selbstüber-
windung haben nur noch wenige Zeit mit weniger edle-
rem Hausgeräth uns zu genügen.
Ich kann sagen daß ich bis jetzt von Hausgeräth fast
gar nichts oder doch nur weniges eigenthümlich besitze,
so an Stühlen, Tischen, Kommoden Sekretäre pp. und ich freue
mich dieses sagen zu können, allein das Nöthigste dieser
Art obgleich von sehr niederm Werthe und Form steht zu
meinem Gebrauche mir frey, ohne daß es mir gehört
und ich kann mich desselben entledigen sobald ich zweck-
mäßigeres an dessen Stelle setzen will. Da ich nun
was die Wahl des Hausgeräthes betri der Möbeln be-
trifft auch nichts ohne Sie, ohne Ihren Rath und Ihre Be-
stimmung wählen möchte, wie wäre es denn meine
Freundin wenn Sie Sich überwänden: und meine Bitte
zu erfüllen, in den ersten Wochen mit den Möbeln
wie ich solche nun eben besitz jetzt im Gebrauche habe
vorlieb zu nehmen. Vielleicht könnten wir dann schon
während meiner Anwesenheit in Berlin etwas Genau-
eres darüber bestimmen. Da Sie mir, schon bey meiner /
[96]
letztern Anwesenheit in Berlin erlaubt haben, auf die
Möbeln welche Sie schon besitzen, Rücksicht zu nehmen, so
würden diese auch hier wieder, wenigstens zunächst
bis ich Ihnen, wie es mir gebürt, eine Ihnen angenehme
nächste Umgebung geben könnte, Ihre nächste Umgebung
seyn.
Zürnen Sie mir doch ja und ja nicht meine theuerste Freun-
din, daß Sie in Bezug auf mein inneres Hauswesen
hier noch alles so unbestimmt hingestellt finden. Es ist
wohl wahr, ich hätte dieses und jenes wohl wählen und
bestimmen können; aber, erlauben Sie mir es Ihnen zu ge-
stehen, es hielt mich immer die Sorge zurück, daß es Ihnen nicht
lieb seyn mögte; und im innern Hauswesen soll sich
ja nicht der Geist des Mannes sondern das Gemüth, die
Seele des Weibes der Hausfrau aussprechen; so dünkte
mich es denn immer als ein Eingriff in Ihre Rechte, die
ich mir zur Freude, mir zum reinsten Genuß so un[-]
verletzt als möglich halten möchte, wenn ich eine Bestimmung
machen wollte, die eigentlich nur Ihnen zukommt.
So wüßte ich nun im Wesentlichen diesem Briefe in
diesen Beziehungen Nichts mehr hinzufügen zu müssen,
als daß ich wünsche möglichst bald auch von Ihrer Seite
das Papier zu erhalten ohne welche hier das Aufgeboth nicht
geschehen kann. Wenn Sie es dann innigst Geliebte mir
erlauben, so werde ich alsdann das Aufgeboth, welches
hier 3 mal geschehen muß sogleich besorgen. Seyn
Sie dann so gütig mir noch zu schreiben
ob dann zur /
[96R]
Trauung von Seiten der hiesigen Geistlichkeit irgend
noch etwas zu besorgen nöthig ist, und in welcher Form
damit ich es wenigstens persönlich mit bringen kann.
Sollte in Berlin auch das 3 malige Aufgeboth nöthig
seyn, so dünkt es mich es wäre gut, wenn mit Ihrer
Zufriedenheit Sonntags den 26 Jul: damit der Anfang
gemacht würde. Kann das Aufgeboth ein für allemal
geschehen nun so dürfte damit weniger geeilt werden.
Über alles dieses erbitte ich mir und hoffe ich von
Ihnen in dem nächsten Briefe nähere Bestimmung.
Was die Hieherreise selbst betrift, so ist es wohl
nach Allem was mir darüber bekannt ist, am besten
wenn solche mit Extrapost geschieht, der Vortheile
sind dabey, so bald Ihnen schnelles Fahren nicht un-
angenehm ist, mancherley, und der Kostenaufwand
im Ganzen genommen nicht viel größer. Doch fällt mir
eben ein, daß die mannichfachen Vortheile der Extrapost
erst dann eintreten wenn man mit eigenem Wagen
fahren kann und <   > leider
kann ich Ihnen keinen anbiethen. Dieser Punkt bleibt also
noch zu berathen.
Unangenehm, sehr unlieb ist es mir, daß ich Ihnen beym
Einpacken Ihrer Sachen, meine theure Freundin nicht behülflich
seyn kann; doch glaube ich, ist es gut wenn das Meiste, bey
meiner Ankunft in Berlin, besonders wenn meine Anwesen-
heit wie ich wünsche nur einige Tage nöthig wäre, schon
verpackt wäre. Irre ich nicht so wohnt in der nähe des alten /
[97]
Backhofes [sc.: Bahnhofes / Packhofes ?], oder ist wenigstens alle Tage auf demselben ein
Gütherschaffner zu finden, welcher gern Arbeiter nachweist
welche mit dem Verpacken von Fracht gut umgehen können.
Was das Einpacken der Möbel betrifft, so sind Männer
welche damit gut umgehen können leicht in MöbelMagazinen
zu finden so z.B. in dem welches sich in der Oberwallstraße
ohnweit dem Palais der Königl. Kinder und an der Seite
desselben wenigsten[s] vor einigen 7/4 Jahren sich befand.
Lassen Sie Sich meine hochgeachtetste Freundin! ja nicht ab-
durch meine vorstehende Äußerungen ja und ja nicht ab-
halten, mir ganz freymüthig Ihre Ansicht über meine
Reise nach Berlin, besonders über die nöthige Zeit meines
Aufenthaltes daselbst und über die vielleicht daselbst
zu Ihrer Erleichterung daselbst besorgen könnende Ge-
schäfte, mitzutheilen. Ich fühle jetzt daß ich im Vorigen ge-
gewiß etwas ausgesprochen habe, was Ihnen wehe thut; allein
ich würde den Gedanken daß mein Aufenthalt in B. so
kurz als möglich seyn möchte gewiß nicht gedacht und
noch weniger ausgesprochen haben, wenn ich nicht zu sehr
fürchten müßte, daß mein längerer Aufenthalt in B.-
Ihren lieben Eltern zu unangenehm seyn wird. Doch
nochmals die aufrichtigste Bitte an Sie: Seyn Sie so gütig
in jeder dieser Beziehungen Ihren Wunsch und Ihre Meinung
so bestimmt als möglich auszusprechen; daß es mir herz-
lichster Wunsch ist in diesen wenigen Tagen meines Auf-
enthaltes in B. alles zu vermeiden, was Ihren mir sehr
lieben und theuern Eltern unangenehm ist, brauche ich Ihnen
gewiß nicht auszusprechen. Sie wissen aber auch wie leicht
mir es geschehen kann Etwas zu übersehen, woraus [sc.: worauf] Andere /
[97R]
Werth und worin sie Bedeutung legen, deßhalb bitte ich
Sie aufrichtigst mir je bestimmter Sie wollen um so lieber
auszusprechen, was ich besonders zu thun oder zu meiden habe
um Ihnen durch meine Handlungsweise und besonders Ihren
l. Eltern keinen Schmerz zu machen.
Mein voriger und dieser Brief werden Ihnen wohl
schwerlich einige Freude machen; der wesentlichste Grund
dazu mag darinne liegen, daß ich beyde unter gar
zu vielen Stöhrungen und umgeben von den mich unzählig
unterbrechenden Knaben pp niederschrieb und was besonders
den Innhalt des vorigen oder vorletzten betrifft so möchte
ich in Bezug auf denselben dasselbe erwiedern was
Sie mir in Ihrem letztern Briefe schrieben: "Gern
hätte ich gegen Sie die Stimmung nicht laut werden
lassen in welcher er, durch welche verursacht wurde,
allein ich mußte fürchten daß die Folgen davon, wenn
auch noch so unmittelbar auch Sie berühren würden;
doch jetzt ist, was ich freylich hätte voraus sehen können
es auch überwunden, und ich hätte nicht Ursache gehabt
Ihnen durch den Ausdruck meiner Schwäche Schmerz zu
machen, denn eigentlich soll der Mann alles ertragen
alles durchkämpfen ohne einen Ausdruck der Schwäche
von sich hören zu lassen. Nun haben Sie dadurch auch
erfahren wie sehr Ihr sich stark dünkender Freund, doch
noch der Nachsicht seiner, sich bescheiden schwach nennenden
Freundin betarf. Verzeihen Sie mir den Schmerz welchen ich
Ihnen durch meine letzteren Briefe gemacht habe, vielleicht wie-
der durch den heutigen. Seyn Sie so gütig mir recht bald
zu beantworten was mir vor meiner Abreise von /
[98]
hier noch zu wissen nöthig ist.
Wie herrlich stehen Sie vor mir, wenn ich be-
sonders Ihren letztern Brief ruhigen Brief wie-
der durchlese.-
Darf ich Sie leise bitten mir Ihre Hand mir Ihre
Lippen zu reichen?- Erlauben Sie mir Ihrem Sie
sehr vermissendem Freunde, daß ich Ihnen an die
treue Brust sinken darf.
Sind Ihre theuren Verwandten nicht unwillig
wenn ich sie grüßen, herzlich grüßen lasse?-
Wie glücklich bin ich daß Sie die Meine, daß ich
der Ihre für immer bin.
FWAFröbel

Ernestinen grüßen Sie.
Sie haben Freund Langethalen durch Ihren Brief
sehr hoch erfreut. Der Gedanke daß das Leben
meiner Freunde L. u M. durch Ihre Ankunft neuen
Schwung gewinnen wird, ist mir sehr lieb[.] Ich hoffe nicht
von Ihnen mißverstanden zu werden, daß ich bis
jetzt hierüber ganz schwieg; doch dünkte es mich, es
ließe sich dieses besser mündlich als schriftlich besprechen.
Möchten unsere leisesten Wünsche sich begegnen wenn
ich Ihnen ausspreche: reichen wir uns die Hand
unsere Freunde zu Männern im vollsten Sinne des
Wortes zu erheben, auszubilden!- Ob meine Freunde
Sie grüßen lassen?- Wohl mag jeden meiner Briefe
ihr Gruß begleiten auch wenn er von mir nicht aus-
gesprochen ist.- Ja Freundin! es zeigt sich uns doch ein schönes
Leben!-