Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Christian Samuel Weiß in Berlin v. 8.10.1813 (Hohensdorf)


F. an Christian Samuel Weiß in Berlin v. 8.10.1813 (Hohensdorf)
(BlM II,9, Bl 52-53, Brieforiginal 1 B 4° 3 ¼ S., ed. Neuhaus 1913, 135-137 ohne Briefanfang)

Hohensdorf an der Elbe, Lauenburg gegenüber den 8. 8br 1813.
Es ist zwar noch gar nicht lange, daß ich mir das Vergnügen machte Ihnen hoch-
verehrter Freund zu schreiben; allein es ist dieß der einzige Genuß den ich
in unserm thatenlosen Zustand habe, daß ich mich mich immer freue wenn eine
bestimmte Zahl von Tagen verflossen ist durch welche ich wieder berechtigt
bin Ihnen zu schreiben. - Wie ich Ihnen das letztere Mal aus Dannen-
berg schrieb öffneten sich uns herrliche Aussichten; – 3 Wochen sind fast
seit jener Zeit verflossen und wo glaubte ich daß wir nach Verlauf
so vieler Wochen seyn würden, doch wir sind noch an der Elbe, und haben
uns auch kaum von derselben entfernt, denn sämtliche detaschirte
Mannschaft unseres Korps hat größten Theils bis vor wenigen Tagen
erst um in Dahlenburg gestanden, nur 2 Kompagnien waren in den letzten
Tagen nach Winsen abgegangen. Seit Dienstag den 5ten d. ist nun unser ganzes deta-
schirtes Bataillon wieder dicht an der Elbe nämlich hier. Der Zweck unseres Hier-
seyns ist dem Feinde welcher Lauenburg u. s. w. jenseits der Elbe besetzt hält
den Übergang über diesen Strom zu verhindern, im Fall besonders derselbe auf
jener Seite von uns angegriffen werden sollte, was Plan seyn soll, was
aber bis jetzt noch nicht geschehen ist; zur Ausführung des gedachten Planes ist
Beutzenburg wie ich höre ziemlich stark und zwar mit Artillerie und Kavalle-
rie rc von uns besetzt. Auch wir sind hier stark genug um den Übergang
zu verhindern indem unsere ganz detaschirte Mannschaft Infanterie ohngefähr 500 Mann
inclusive 100 Büchsenjägern ganz hier, und zwar Kompagnien weise in Allarmhäusern
liegt; wenn uns nur der Feind nicht in Masse im Rücken oder der Flanke
d.h. von Winsen oder Lüneburg her angreift, dann freylich könnte[n] wir
es sehr schlimm haben und wohl in Gefahr kommen entweder gänzlich aufge-
rieben oder gefangen zu werden, denn wir stehen ganz isolirt auf dem
äußersten Punkte. Doch bis jetzt scheinen wir in dieser Hinsicht noch nichts
zu fürchten zu haben denn nach den heutigen Nachrichten ist Schimmelpfennig
mit 300 500 Kosaken in Lüneburg eingerückt. - Tettenborn steht in
Boitzenburg. Unser Staab d.h. Petersdorf stand am 3en d. M. noch in
Winschow [Neuhaus: Wewchow] im Mecklenburgischen, so wie überhaupt der andere Theil unseres
Korps im Lauen- und Mecklenburgischen zerstreut liegt, denn es liegen
auch welche vom Korps in Boizenburg, so wie andere noch bey Zarren-
thin stehen. Leider, leider! ist unser Korps wie Sie schon aus diesem Wenigen /
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sehen, ganz zerstückelt, und nicht alleine Bataillon- und Kompagnien-
weise, sondern – denken Sie sich jedes Dataschement besteht aus mehreren
kleinen Massen die man aus den einzelnen Bataillons und Kompagnien
herausgehoben hat, so z.B. besteht unser diesseits der Elbe detaschirtes Bataillon (die 5-600
Mann, aus Leuten aller Bataillons und fast aller Kompag-
nien, ausgenommen unsere Büchsenjäger Kompagnie ist ganz, und diese soll
auch im ganzen Korps die einzige seyn welche noch unzertrennt ist. Daß hier[-]
durch die Einheit und Sicherheit im Handeln und so das Handeln selbst erschwert
wird, sehen Sie gewiß leicht ein. So ist denn auch unser detaschirtes Bat:
in Hinsicht eines Hauptes und sichern festen Haltungspunktes ganz verwais[t].
Wie wir aus Zarrenthin weg gingen war Lützow der Chef des Ganzen und
Hauptmann Staak als Kommandeur der Infanterie bey uns. Beyde gingen
durch ihre Verwundung bey der Göhrde für uns verlohren. – Jahn eigentl.[ich] Chef des 3en Bataillons welcher
dem detaschirten Bataillons als Freywilliger gefolgt war
wurde jetzt Chef der Infanterie, übertrug aber das Komman-
do unsern Lieut: Müller; - HE. Maj. von Reiche Chef des bek: Frey-
korps bekam den Befehl über das Ganze. So standen die Sachen in
den ersten Tagen da wir in und um Dahlenburg cantonirten und es ging
gut da sich Jahn unserer annahm und für uns sorgte so viel als in seinen
Kräften lag. Der Staab unseres Korps (Petersdorf welcher wohl nicht ein be-
sonderer Freund Jahns ist) fand aber, wer weiß aus welchen Gründen nicht
für gut Jahn als Chef der ganzen detaschirten Infanterie zu lassen, sondern
übertrug das Kommando der sämtlichen detaschirten Mannschaft dem Rittmei-
ster Fischer, Jahn welcher sich dadurch zurück gesetzt und besonders außer
alle legale (worauf so viel ankam) außer alle legale Thätigkeit gesetzt
fühlte, sagte ging fort und übertrug unsern Lieut: Müllern einen wie Sie
wissen an sich recht guten aber schwachen und ängstlichen Mann wenigstens
ohne Übung in Geschäften das Kommando über die sämtliche Infanterie
wieder. – Rittmeister Fischer zeigte durch einige Tagesbefehle daß er das
Kommando über das Ganze hatte ohne daß er sich jedoch um uns bekümmerte,
so hatten wir denn zu einer Zeit 3-4 Kommandeurs. – Rei Tettenborn
Rei (denn auch dieser wandte sich unmittelbar an unsern nächsten Kommandeur)
ReicheFischer - MüllerJahn, die einander nicht bestimmt neben- /
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noch untergeordnet waren, und unsere Chefs jenseits der Elbe wollten
doch auch einen Theil noch an uns haben; Wie es uns bey so vielen Befehls-
habern erging können Sie sich leicht denken – schlecht genug es fehlte uns (so
wie noch jetzt an fast darf ich sagen allem, und keiner fühlte die Verpflich-
tung, für uns zu sorgen, jeder schob diese Last auf den andern. Jetzt sind
zwey unserer Kommandeurs, v. Reiche und Fischer verstummt, und Müller der interimistische
Kommandeur der detaschirten Infanterie wendet sich jetzt
unmittelbar an Tettenborn und empfängt von diesem unmittelbar die Befehle
wenigstens kommt so in einer Hinsicht mehr Einheit und Bestimmtheit in unser
Handeln ob uns selbst, gleich nichts dadurch verbessert ist. - Wo Jahn ist
weiß Gott; er ging mit dem festen Vorsatz weg wieder mit aller Kraft
für die Wiedervereinigung und Wiedererlangung des selbstständigen Wirken
des Korps zu wirken und in dieser Hinsicht wenn es nöthig wäre selbst zum
Kronprinz oder König zu reisen. Was er wirklich gethan hat und thut da-
von haben wir gar keine Nachricht; vielleicht haben Sie ihn in den letzten
Tagen in B- gesehen. – Da für die Sicherung der Subsistenz unseres
Korps – (indem es leider, wie man allgem: sagt aus Unzufriedenheit
vom Könige gänzlich verlassen ist) – wenig ode[r] fast nichts geschieht, so
sieht es traurig mit uns aus, und mit unsern Kameraden jenseits der
Elbe, welche noch länger und schlechter als wir bivouakirten soll es noch
weit trauriger aussehen. Der Winter rückt heran, viele von uns sind schon
sehr abgerissen besonders mangelt es an warmen und ganzen Beinkleidern
und noch ist keine Aussicht da, woher unsere Bedürfnisse befriedigt wer[den]
soll[en], requirirt darf in hiesigen Landen – als einer für den König von Engl.[and]
eroberten Provinz nichts werden, d.h. nichts nahmhaftes und die Bedürf-
nisse des Augenblick[s] übersteigendes, und mit Vielem was besonders in
Mecklenburg gegeben worden ist, ist unredlich umgegangen worden, Sold
bekommen wir nicht, so eröffnet sich uns denn wenn wir nicht bald selbst-
ständig auftreten und uns unser Genius tiefer nach Deutschland führt, wo
die Menschen durch den öfteren Wechsel noch nicht so lau als hier geworden
sind eine traurige Aussicht. – England gab uns warme Mäntel und zu
einer Zeit gute Schu[h]e, hätten wir besonders erstere nicht erhalten ich wüßte
nicht wie wir bisher hätten ausdauern können. – Daß bey einer Mannschaft
mit der es von allen Seiten her so steht die Mannszucht auch nicht exemplarisch
seyn kann versteht sich wohl von selbst. In dem Gefechte bey der Göhrde ist wohl /
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im Allgemeinen von unserm Korps, so sehr thätigen und wesentlichen Antheil es an
demselben auch nahm wenig und von unserer Kompagnie wohl gar keine Beute
gemacht worden weil diese doch das Niedrige und Widernatürliche welches darin-
ne liegt, so sehr es auch der Krieg rechtfertigt, fühlte; also auch von die-
ser Seite ist dem Einzelnen nichts geworden, die dringendsten seiner Bedürf-
nisse zu befriedigen.