Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Ludwig Friedrich Cellarius in Rudolstadt v. 25.7.1809 (Yverdon)


F. an Ludwig Friedrich Cellarius in Rudolstadt v. 25.7.1809 (Yverdon)
(ThStA Rudolstadt, Schloßarchiv D Nr.9, Bl 115-119, Abschriftfragment 2 B 4° 8 S. v. unbekannter Hand, wohl amtlich. - Das Deckblatt Bl 115 ist insofern wichtig, als nur hier der Adressat identifiziert wird. -Tw. ed. Zimmermann 1914, 70-72; gelegentliche Ergänzungen am Binderand aufgrund Ed. bzw. sekundärer Abschriften in KN möglich)

Briefwechsel der Fürstin Caroline.
Auszug aus einem Briefe Friedrich Fröbels an
den Generalsuperintendenten Cellarius in Rudolstadt
vom 25. Juli 1809. /
[115R]
[leer] /

[116]
Auszug aus einem Brief von Herrn Fröbel,
        Yverdun am 25t July 1809.
Über die Pestalozzische Methode selbst, er-
laube ich mir jetzt, da sie nun von unterrich-
teten und edelen Männern meines Vater-
landes und von einer Erhabenen Ihr Volk lie-
benden Regentin geprüft wird, nichts mehr zu
sagen: als einmal: daß ich immer heller und
bestimmter den Einfluß erkenne, den sie
auf die Bildung Aller im Volke hat; sie
erhebt die Schulen zu wahren Anstalten
zur Entwickelung und Ausbildung aller
Anlagen im Menschen; sie macht die Schule
dem Menschen theuer und ehrwürdig, da
sie ihm seine Kräfte erkennen, und mit
Bewußtseyn freithätig gebrauchen lehrt;
sie führt den Schüler zur aufmerksamen
Betrachtung der Natur, macht ihn ruhig und
still in sich, und führt ihn denkend auf
sich und sein Wesen zurück; führt ihn zur
Erkenntniß seiner Würde, und so zur Selbst-
achtung und zur Achtung Anderer, und da /
[116R]
sie ihn eben so wohl seine Unvollkommenheit
erkennen lehrt, zur Menschenliebe und Ver-
träglichkeit. Beim Jüngling und Mann
bewirkt sie, durch die Selbstthätigkeit bei
seiner früheren Bildung, und da diese eine
Bildung und ein Unterricht aus ihm selbst
heraus war (: - wo sich der Schüler, durch
den nothwendigen und bei dieser Methode
absoluten Gebrauch seiner Denkkraft,
gleichsam selbst aus sich und durch sich
unterrichtet.
[Hierhin Einfügung vom Fuß der Seiten 116R/117VR/118V; noch innerhalb der mit (: eröffneten Klammer:]
Ich bitte Sie, hier besonders das Rechnen im
Auge zu haben, wo keines weges ein mecha-
nisches Nachsprechen statt findet, sondern bloß [oder: blos]
eine absolute Nothwendigkeit und eine uner-
läßliche Aufforderung zur Selbstthätigkeit,
zum In-sich-selbst-Schaffen in sich trägt.
Auffallender ist dieß noch bei der Formen-
und Größenlehre, wo nichts als das Material
von Außen gegeben wird, und der Schüler
alles durch eigene Selbstthätigkeit und aus sich
und der Natur der Sache auffinden muß.
In der Naturbeschreibung führt sie zu einer
aufmerksamen vergleichenden (:innern:)
Betrachtung und Anschauung.-
In dem Sprachunterricht erscheint dem
Schüler die Sprache als ein merkwürdiges
Bild und Abdruck der Außenwelt; wo
ihm seine Sprache, durch jene (:die Außenwelt:)
so absolut bedingt erscheint, als die Formen
des Gemäldes durch den Gegenstand.
Dieß Gesagte muß mir hier genügen um
wenigstens anzudeuten, zu welcher vollkommenen
und allen Menschen heilbringenden Bildung
die P.-sche Methode hinführt, viel möchte ich
hier noch aussprechen, was als absolut Not[h-]
wendigkeit und als unerläßliche Folge
aus der Anwendung der P.-schen Methode, be-
sonders in Bezug auf die Umstände der Zeit
entspringt, allein Ort und Raum erlaubt
es hier nicht.
Wohin muß der Schüler der Jüngling und Mann
durch eine Unterrichts Methode geführt wer-
den, die ihn überall einfache, absolute,
unwandelbare Naturgesetze seigt [sc.: zeigt] ?
Was war z.B. Geographischer Unterricht bisher,
und wie erscheint er durch Pestalozzi?-
Als die Kenntniß eines unzertrennbaren Gan-
zen, wo jede Erscheinung durch eine andere
absolut bedingt wird.
Möchte ich Ew: überzeugen können, daß nicht jugend[-]
liche Ansicht, nicht der Trugschein des augenblik-
lichen Eindrucks mich sprechen lehrt, wie ich spreche,
daß das was ich sage, nicht der Wiederschein [sc.: Widerschein] eines
Phantasie Gemäldes ist! Nein es ist die Frucht
eines nun beinahe 4jährigen vertrauten
Umganges mit der Methode, es sind die Früch-
te meiner eigenen Erfahrung, die Folgen,
von dem, was ich täglich sehe.
(wieder 116R oben)
:), und nicht, was bisher
so oft der Fall war ein Bilden von Außen,
ein Anbilden ist, Selbstständigkeit, Zu-
friedenheit mit seinem Stande und Verhält-
niße, Berufstreue und Familienglück.
[117]
Dann zweitens: daß so sehr sich auch schon für
den, mit dem Erziehungs- und Unterrichtsfache
Vertrauten und tiefen in die Schriften Pesta-
lozzis
Eindringenden, das Wesen und die Wir-
kung der Pestalozzischen Methode aus den
Schriften selbst erkennen läßt, so liegt es
doch eigentlich in dem Wesen derselben, als
einer praktischen Methode, daß sie sich haupt-
sächlich durch und in der Anwendung prü-
fen läßt, dort aber zu Resultaten führt,
die wohl kaum der geübteste und vorurtheil-
freiste Mann aus den Schriften ahnden wird.
Möchte im Vaterlande diese Prüfung der Me-
thode, die Prüfung und in und durch die An-
wendung möglich werden, so wie sie an so /
[117R]
vielen Orten möglich wurde. In Stuttgard,
wurde sie z.B. längst schon theilweise an
dem dortigen Waisenhause durch die Leitung
des Schulinspectors und Waisenhausvorstehers
Herrn Rieke angewandt. Seit länger als
einem halben Jahr waren die Zöglinge des
Waisenhauses in zwei Abtheilungen (:in Bezug
auf Unterricht:) zur Prüfung der Pestalozzi-
schen Methode getheilt. Die eine Abtheilung
hieß die Rochowsche, die zweite die Pestalozzische,
jede bestand ohngefähr aus 50 Kindern.
In der ersten oder der Rochowschen wurden
die Kinder nach den beßern bisher bekann-
ten Unterrichts Mitteln unterrichtet, in der
zweiten, nach Pestalozzis Vorschrift. /
[118]
Vor einem Monat wurde eine Prüfung beider
Abtheilungen unter Vorsiz des Herrn Prälaten
und Konsistorial Raths Griesinger
als Kon-
sistorial Deputirter gehalten. Noch wurden
die Zöglinge in Gegenwart des Ministers des
Innern, Grafen von Normann Ehrenfels
,
des Kultusministers von Mandelslohe, und des
Ministers von Jasmund geprüft. Bei der
Vergleichung beider Abtheilungen waren die
sprechendsten und unerwartetsten Resultate
für die Pestalozzische Methode. Nach ihren eigenen
Äußerungen waren sie ungemein ver-
wundert; auch zog der Gesangunterricht be-
sonders die Aufmerksamkeit dieser Herren auf sich. /
[118R]
Jezt wird nun die Pestalozzische Methode
im ganzen Waisenhause eingeführt, und in weni-
gen Wochen reist ein Deutscher der sich hier
ein Jahr in der Methode unterrichtete, zu die-
sem Zweck dahin, als Lehrer ab.
Noch ist durch einen Kabinets Befehl des
Königs von Würtenberg die Einführung der Pesta-
lozzischen Methode in allen Schulen des Lan-
des, dekretirt. Fünfzig Geistliche mußten
sich auf Königs Befehl von einem - jezt
zur Organisation aller Schulen des Königreich
Preußens nach Preußen berufenen Ober-
Schulinspektor Zeller
in Heilbronn in der
Methode unterrichten laßen, und diese sind
wieder verpflichtet die fähigen Schullehrer
ihrer Pfarrspiele und Distrikte zu unterrichten.
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Ich bitte Ew: wie ich noch nie einen Menschen
bat, prüfen Sie streng die Pestalozzische Me-
thode, laßen Sie sich nicht durch die Unvoll-
kommenheit der Pestalozzischen und besonders
auch jetzt der Schmidtschen Schriften zu
einem ungünstigen Urtheil für die Me-
thode bestimmen, sehen Sie bei Ihrer Prüfung
auf den Geist und das Wesen derselben. /
[119]
Laßen Sie besonders nicht, durch die ängst-
lichen steifen und zwingenden Formen,
die sich besonders noch in den ältern Schrif-
ten Pestalozzis aussprechen, Ihr Urtheil be-
stimmen. Jener Zwang herrscht jezt nur
noch in jenen Schriften, er ist in der An-
wendung aufgehoben; die Menschenkraft
entwikelt sich jezt frei und selbstthätig in
jeden Schüler. Innig freuen würde ich
mich, wäre meine Zeit nicht so außeror-
dentlich beschränkt, um Ihnen auch zur
Prüfung vorlegen zu können auf welcher
Stufe man jezt hier im Rechnen als Bil-
dungs Mittel und als Wißenschaft steht.
Noch zwei Bemerkungen erlauben Sie mir
auszusprechen: Erstlich wünschte ich sehr
daß bei einer möglichen Einführung
oder wenigstens praktischen Prüfung der
Methode, besonders der Gesang berücksich-
tigt würde, nicht nur, um ein Ganzes zu
haben, sondern hauptsächlich wegen der
sprechenden Vorzüglichkeit der Gesang-
Bildungslehre der drei Freunde:
[119R]
Ich erlaube mir zu den Büchern einige Ankün-
digungen jener Gesangbildungslehre zu
Ihrem Gebrauche beizulegen. Wäre es mög-
lich daß von einer Behörde aus unter eben
so günstigen Bedingungen eines Drittels
Rabbat auf 50-100 Exemplare für die
Schulen und Kirchen im Lande subscribirt
werden könnte, so wird es gewiß vorzüg-
lich seyn: [Text bricht ab]