Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Christoph Fröbel in Griesheim v. 15.5.1809 (Yverdun)


F. an Christoph Fröbel in Griesheim v. 15.5.1809 (Yverdun)
(KN 12,3, Brieforiginal 2 B + 2 Bl 4° 12 S., mehrfach zit.)
(Verhältnis Originalzeile : Transkriptionszeile nicht 1:1)

Yverdum am 15ten Mai 1809.


Innig geliebter Bruder

Ich habe mich unaussprechlich gefreut als ich Deinen letzten Brief erhielt, und noch mehr habe ich mich nachdem ich ihn gelesen und wieder gelesen hatte gesehnt, Dir diesen Brief schreiben zu können.
Durch unzubeseitigende Hinderniße, unter welchen auch eine 14 tägige in der Osterzeit gehabte Krankheit ist, welche besonders meine Kopfnerven sehr angriff, wurde es mir bis jetzt unmöglich, <auch> den ersten Schritt zur Ausführung meines Vorsatzes zu thun und ein Schreiben an unsere Fürstin Regentin mit den Beilagen von hier absenden zu können. Heute endlich wird es mir möglich diesen Schritt wenigstens zum Theil zu thun, denn zugleich mit diesen Brief an Dich geht auch ein Schreiben an unsere Erhabene Fürstin und ein Brief an den Herrn Superint: Schwarz ab. Dem Schreiben an unsere Fürstin habe ich eine von mir niedergeschriebene Darstellung der Pestalozzischen Grundsätze und seiner Methode beigelegt. Leider ist durch dieß mein Plan nur zum Theil ausgeführt, da ich der Fürstin unmittelbar und zugleich mit S jenem Schreiben, die aus dem Pestalozzischen Institute selbst ausgegangenen, und Pestalozzis Unterricht rein darstellenden Bücher überreichen wollte. Aber noch sind die bessern Exemplare der neuesten Schriften über den Elementar Unterricht unter der Preße, und dadurch wird wie es nun allen Anschein hat mein Plan in Hinsicht seiner Folgen viel verliehren, wenigstens mir manches zu beseitigende Hinderniß in den Weg gelegt werden.
Ich wollte erst das Schreiben an die Fürstin und den Brief an H. Supr: Schwartz liegen lassen bis die Bücher ich zugleich mit übersenden könnte, allein wichtige Umstände geboten mir, die Fürstin Regentin als den Herrn Super: Schwartz sobald als möglich mit meinem Wunsche bekannt zu machen, denn jetzt oder nie kann und muß etwas sehr Entscheidendes in unserm Vaterlande für Erziehung gehen, für Erziehung des größten Theil d. i, der niedrigsten ärmsten und bisher am mehresten vernachläßigten Unterthanen geschehen, wenn ich unter diesen Theil der Unterthanen verstehe, kann ich jetzt /
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jetzt nicht so bestimmt aussprechen, es ist der, welchemn man im gewöhnlichen Sinne das Volk nennt.
Ich konnte jetzt Unserer (nach Deinem Briefe) ädlen hochverehrten Regentin nur im allgemeinen die Grundsätze Pestalozzis und seine Unterrichts Methode und die Möglichkeit ihrer Einführung darstellen, über die ganz spezielle E und detaillierte Einführung im Vaterlande durfte ich jetzo noch nicht sprechen. Gott im Himmel, und und die wahrhaft größte Uneigennützigkeit mit der ich das Beste des von mir so hoch geliebten Volkes will wird mir so hoffe ich Gelegenheit geben noch mal zur Fürstin spechen zu dürfen.
Möchte mich diese Hoffnung nicht teuschen; wahr ist es von dem Grund meiner Seele, mit innigstem Herzen hätte ich gewünscht daß eine vollkommere würdigere Person diese Sache bei unserer Fürstin in Anregung gebracht hätte, glaube mir mein sehr geliebter Bruder ich weiß was ich unternommen habe, oft habe ich, sehr oft die Feder hingelegt und mir selbst gesagt: "Nein du darfst du kannst dieß nicht unternehmen du bist zu schwach, deine Verwendung schadet mehr als sie nützt!-" Dieß that meinen Herzen wehe; ich suchte dann einen G andern Mann zu finden der es für mich übernehmen möchte, aber ich fand keinen, dann schaute ich auf die Sache und ihre Wirkung, und dann hielte ich es für Verbrechen nicht zu sprechen. Mit welchem Gefühlen, Wünschen und mit welchen Bewußtseyn und Hoffnu[n]ge[n] ich jene Briefe niederschrieb kann und darf ich nicht aussprechen. Eines weiß ich und fühle es nur zu schmerzlich tief, das was ich sagte ist nicht die einfache gediegne Rede des Mannes des vollendeten ruhigen Mannes, ein würdigerer vollendeterer Mann hätte zur Fürstin sprechen sollen. Ein- oder zweimal wollte ich alles zernichten, dann dachte ich an alle die unter welchen ich aufgewachsen und welchen ich erzogen worden bin, ich sahe wo sie so sehr vernachlaßigt wurden, ich sahe, ich sahe und fühlte daß es doch edle sehr ädle Menschen /
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sind die mein Vaterland bewohnen, dann faßte ich wieder Muth: vielleicht nützt es doch etwas, und schaden kann es doch blos mir, so dachte ich, und so führte ich unter hoffen und Zweifel und Kampf meinen Vorsatz aus.
Doch Dir mein Inneres, die Gesinnungen genau zu schildern mit welchen ich an die Ausführung meines Vorsatzes zu schreiben ging, ist mir unmöglich, glaube mir, nur die innigste Liebe, die Zeit Umstände und das tiefe unerschütterliche Bewußtseyn der guten Sache welche durch mich spricht konnte mich bestimmen so zu handeln wie ich handelte. O mögte die Sache durch mich sprechen, möchte meine Persönlichkeit verschwinden vor der guten Sache. Wahr ist es sterben wollte ich gerne augenblicklich und so beweisen daß nichts falsches mich bestimmte so zu sprechen wie ich sprach, wenn nur durch jenes was ich sagte die Fürstinn unsere ädle Regentin bestimmt werden sollte Pestalozzi[s] Methode zu prüfen, streng zu prüfen, und sie dann, wenn sie die strenge Prüfung überstanden hat allgemein im Vaterland einführen lassen. Nicht Eitelkeit hat mich bestimmt zu einer Fürstin zu sprechen um zu einer Fürstin zu sprechen, glaube nicht dieß ist die Triebfeder meines Handelns, dann verdiente ich und das was ich that der hämischsten Verlachung, aber Fürsten sind Väter, Fürstinnen Mütter nur von Vater und Mutter kann mit Sicherheit das Wohl der Kinder ausgehen, hierinn der Grund der Trieb meines Handelns.
Du kannst mich freilich in dem was ich sage wohl kaum verstehen, denn erstlich kennst Du die Pestalozzische Methode weder ihren Wesen noch ihren Wirkungen nach, dann kannst Du Dich in den Verhältnissen wie Du lebst nicht über die Zeit erheben, die Dich mit allen ihren Folgen gefangen hält, Du weißt nicht an welchen Orte ich lebe, Du kannst Dir auch die Wirksamkeit die an diesem Orte herrscht nicht denken, Du empfindest nicht das Bewußtseyn im Horizont einer segnenden Sonne zu stehen die nach allen Räumen wärmende Strahlen sendet, und siehe täglich sich sagen zu müssen täglich zu fühlen, kein solcher segnender Strahl trift das geliebte Vaterland; dieß ist ein vernichtendes Gefühl, und dabei die Wirkungen, die segnenden Wirkungen /
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dieser Sonnenstrahlen schon auf andere viel weiter entfernte Länder zu sehen. Nur wer im leben <  ß> wahrhaft und unaussprechlich liebte, wer diesem Gegenstand der Liebe das beste höchste Glück geben möchte und doch diesen Vorsatz nicht ausführen kann, ihm diesen theuren Gegenstand dagegen leiden sieht <  > oder in einer dumpfen unwürdigen Lage weiß, nur dieser kann sich vorstellen in welcher Lage ich mich befinde.-
Die Regierung zu Baden, so wie die zu Wirtenberg haben sich bestimmt für die Einführung im ganzen Lande erklärt, ihre Einführung ist dekretirt und es wird jetzt an der Ausführung dieses Dekrets gearbeitet. Das Einzelne Dir mit zu theilen ist unmögl[ich].
Am mehresten ist geschieht in der preusischen Monarchie dafür die Pestalozzische Methode wird im ganzen Königreiche unmittelbar als Sache der Regierung eingeführt. Zu B Um die Ausgaben die damit verbunden sind [zu decken,] hat der König für das erste Jahr 11000 rth und für die künftigen Jahre 16 000 rth dekretirt und angewiesen. In den nächsten Monaden werden erst 3 dann sogleich noch 12 junge Männer aus Preußen gesandt, um auf königl. Kosten die Methode hier zu erlernen, und so werden immer von Zeit zu Zeit welche nachfolgen, jeder hat Erlaubniß so lange hier zu bleiben als bis der die Methode in jeder Hinsicht sich zu eigen gemacht hat und sie darzustellen im Stande ist. Aus Schwaben hat man einen gewissen Edukations Rath Zeller nach Preusen berufen der schon viel im [sc.: in] Volksschulen nach Pestalozzischer Methode lehrte und im Wirtembergischen vielen Landschullehrern Unterricht in derselben ertheilte, so wie jetzt 18 der thätigsten Landgeistliche Unterrichtet. Diesen Unternehmen steht der im Königreiche Preusen steht der Staats Minister Nicolovius nebst mehreren der ersten Männern Preusens an der Spitze. Die Einführung wird aus einer Provinz in die andere fortschreiten. He. Zeller wird die U unmittelbare Einführung der Methode, die Organisation der Schulen rc: übertragen; Um Zellern in nichts zu hindern wird ihm Sitz und Stimme in jedem Consistorium in dessen Provinz er sich eben aufhält Sitz ertheilt und /
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und St ertheilt, Er berichtet immer unmittelbar an das Ministerium, und zwar an die Sektion für Erziehung und Unterricht. In der Hauptstadt wird jeder Provinz wird d eine Normalschule errichtet und das Waisenhaus jedes dieser Städte wird zum Central Institut erhoben, in diesem Central Institut werden 5 immer 50 Landschullehrer rc unterrichtet und dazu die fähigsten aus dem Lande einberufen, die dann wenn sie als fähig befunden werden in ihre Stelle zurück gehen und durch andere im Central Institut ersetzt werden; die ältern unfähigen Lehrer werden Pensionärs, u.s.w. Mit Königsberg wird der Anfang gemacht. Herr Zeller der bisher in Heilbronn auf königlichen Befehl Erwachsene und Kinder lehrte, reist im Monat Jun[i] von dort ab nach Königsberg, er nimmt von hier einen von Pest[alozz]i gebildeten Lehrer mit der ihn unterstützt.- Er reist über Dettmold wo er die Schulen des Grafen von Lippe Dettmold Organisirt und den Lehrern Anweisung giebt die von Pestalozzi herausgegebenen Unterrichts Mittel zu gebrauchen.
In preußen werden die ernstesten Maasregeln ergriffen, es ist fest bestimmt daß die Pestalozzische Methode in einigen Jahren unausschließend, im ganzen Königreiche eingeführt werden seyn soll, und daß keine andere Lehranstalt fürs Volk als nach Pestalozzischer Methode existiren darf.
Heute ist vom Minister des Innern des Königs von Holland Westphale ein Schreiben an Pest: gekommen, welches meldet, daß zwei Holländer auf dem Wege sind, die nach des Königs ausdrückln Befehle P-s Methode studieren sollen um sie im ganzen Königreiche einzuführen.
Auch vom Minister Joh: v. Müller wird für die Einführung der Pestalozzischen Methode im Königreich Westphale gehandelt.
Dieß ist das Wesentlichste was ich Dir in Bezug auf die Einführung der P-schen Methode zu sagen habe. Doch fällt mir noch ein auch in Rußland nimmt die Einführung der P-schen Methode ein sehr ernstes Ansehen, Männer vom ersten Rage Range, /
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die oft lange hier waren verwenden sich sehr ernst dafür.
Und in unserm Vaterlande ??- Gott da will man man noch Paliatirmittel anwenden.
Bruder lieber Bruder ich bitte Dich, wirke was Du kannst zur Verbreitung zur Einführung der Pestalozzischen Methode besonders in den Landschulen diese werden sich bald über die Stadtschulen erheben und jenen zum Muster dienen; Du weißt jetzt noch nicht wofür Du wirkst aber Du wirkst für das unvergängliche und höchste Gut der jetzt w lebenden und der künftigen Generationen, Du wirst in Kurzen die Früchte Deiner Thätigkeit sehen und <  > den Augenblick preisen wo Du für diesen Zweck wirktest, Du hast Kinder - Knaben, bald wird der Bruder Vater Vate werden, Eure Kinder werden ich [sc.: Euch] danken und werden eure Bemühungen mit unvergängliche Liebe strahlenden Augen ihren Kindern erzählen.
O theuerster Bruder, wirf auf einige Tage die drückenden Sorgen des Lebens von Dir, und handle für die gute Sache so gut Du kannst, reise zu He. Sup: Schwartz nach Königsee, wider wiederhole und unterstütze wenigstens meine Bitte um strenge Prüfung der Methode, sprich recht deutlich aus: daß man sie doch wenigstens im Waisenhauße einf in Rudolstadt anwenden möge. (:im Waisenhaus zu Stuttgardt wird sie von einem schon 50zig Jährigen aber sehr thätigen Mann dem Inspector Rigi und seinem Gehülfen seit langer Zeit mit dem größten Vortheil angewand:) Welche That- sehr sachen !! -
Sage daß ich wenig weiß, daß ich unvollkommen gebildet bin aber dieß kann doch der Sache nicht schaden, ich habe ja keinen Theil an der Methode; aber dennoch kann ich sie doch zu würdigen verstehen.- Ich habe mir es oft gesagt, daß man alles dieß sagen, daß man es sogar gegen die Fürstin aussprechen wird: ich habe keine Bildung erhalten, ich sey ungebildet, ich habe kein deßhalb kein Urtheil, aber mein Urtheil soll ja auch nichts gelten, ich wünsche nur daß man prüfe, selbst /
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urtheile. Meine Persönlichkeit möge verschwinden, g o möchte sie verschwinden! Denn ich wollte nichts für mich, hätte ich es den Zufall überlassen hätte ich durch den Namen einer andern Person wirken können gern hätte ich es gethan.
Weil Ich weiß nur zu gut weiß, es wäre Sache des vollendet gebildeten, des ruhig denkenden Mannes gewesen vor einer Fürstin und für diesen Zweck aufzutreten, ich fand keinen solchen der Pestalozzi[s] Methode kannte, und der mein Vaterland auch das seine nannte, allein mir diese Bildung diese Vollendung zu geben war zu spät, die Zeit dazu verflossen unmögl[ich] jetzt das mir fehlende zu ersetzen, denn ehe <  > ich die Bildung des Mannes vollendet hätte, wären einige Generationen ausgestorben andere den Zeitpunkt der Erziehung entwachsen. Nichts konnte mich trösten als das Bewußtseyn, die Sache würde siegen sprechen ohne mich meine Persönlichkeit bedürfe sie nicht als zum Mittel, so gab ich mich zum Organ hin da ich kein anderes fand.
Ich wollte einiges von dem was ich hier aussprach auch gegen Unsere verehrte Fürstin Regentin aussprechen, allein ich wagte es nicht, zeige mich den HE. S. Schwartz wie ich bin, nur verhüte, daß mann nicht Fehler der Darstellung auf die Sache übertrage, die doch einzig mich treften.
Was ich von Dir jetzt wünsche ist:
Einmal: nach Königsee, und zwar so bald als nur immer möglich ist, zu reisen (:Du könntest erst ein Knaben senden u fragen lassen wenn Du ihn träfest daß Du nicht vergeblich reisest:) und den He. Superint: recht sehr zu bitten die Pestalozzische Methode zu prüfen, streng in Bezug auf die Einführung im Vaterlande zu prüfen, und dabei, daß ich für die Pest: Methode gesprochen habe ganz zu vergessen.
Dann: um eine gründliche Prüfung möglich zu machen wenigstens vor der Hand die Anwendung im Waisenhaus in Rudolstadt zu möglich zu machen.
Drittens: Ihn zu bitten: an mich alle die Forderungen zu machen die ich in meiner beschränkten und bestimmten Lage (die Du kennst) nur immer erfüllen kan[n], gieb ihm die feste Versicherung, daß ich wenn es die Einführung der Methode betrift arbeiten will was /
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ich nur immer kann, arbeiten kann ich, und so will ich wenigstens treu mit dem dienen was ich kann; ich will möglich machen, was nur immer in dem Verhältniße wie ich lebe, möglich zu machen ist, und jede Frucht jede Blüthe jeder Schimmer der aus dem fernen Vaterlande mir <  > herüberscheint wird meine Kraft erhöhen.
Viertens bitte ihn die Sache so ernst als möglich zu nehmen[.]
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Folgende Schriften sind zum Studium der Pestalozzischen Methode und einzelner <  > ausgearbeiteter Fächer unumgänglich nöthig[.]
Von dem Institut selbst sind folgende ausgegangen[:]
1) Elementarbücher   6 Hefte    (:die Du besitzt, sollte dieselben
H. S.Schwartz nicht haben, so
bitte ich Dich sie ihm zu leihen:)
2, Pestalozzi Wochenschrift für Menschenbildung. Arau bei Sau-
     erländer 2 Bändchen gr: 8. 1807 u. 1808. Arau bei Sauerländer.
3 Pestalozzi Journal für Erziehung ersten Bandes erstes Heft
     Leipzig bei Heinrich Graff gr: 8. 1797 1807
4) Die Elemente des Zeichnens nach Pestalozzis Grundsätzen be-
     arbeitet von Joseph Schmidt einem Zöglinge und Lehrer am
     Pestalozzischen Institut zu Iferten (:Yverdun:) Bern 1809 gr: 8.
     auf Kosten des Instituts.
5) Die Elemente der Form u Größe 2 Bände. gr. 8 1809 Ebendas:
     N. 4 u. 5 sind noch nicht im Buchhandel.
Künftigen Mittwoch (:den 17ten Mai:) sende ich N. 4, 5 und 2 mit der Post von hier an Dich ab und für Dich ab; He. S. Schwartz werde ich seine Exemplare nicht so frühe senden können, mache daher guten Gebrauch von den Deinen, da
Zum Verständniß und zum Gründlichen Studium der Pestalozzischen Methode sind folgende wichtige Schriften nöthig[:]
1) Kritik der P-schen Erziehungs- Methode und Unterrichts
Methode nebst Erörterung der Hauptbegriffe der Erziehungs
Wissenschaft. von Friedrich Johannsen. Jena u. Leipzig
bei Christ: Ernst Gabler 8. 1804.
2) Reden an die deutsche Nation durch Johann Gottlieb Fichte
Berlin 1808. In der Realschulbuchhandlung. /
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Ich fordere Dich ernstlich auf alles zu versuchen die letzte Schrift zum lesen zu erhalten. Ehe Du es liesest gehe das Buch erst durch, durchlaufe es blos, damit Du meine Bitte verstehst.
Versuche es den He. S. Schwartz dahin zu bewegen dieß Buch zu verschreiben, es ist für seinem Zweck wichtig daß er es habe, und wenn er es sich nicht anschaft verdient er die gerechtesten Vorwürfe, denn es betrift die Erziehung der Deutschen im Allgemeinen.- Nochmals fordere ich Dich auf alles zu versuchen es zum lesen zu erhalten, da es das wichtigste Buch ist was der Deutsche jetzt lesen kann, keiner der ein wirkendes Glied im Staat ist sollte bekennen müssen: ich habe die Reden an meine Nation, der Nation zu der ich auch ich gehöre nicht gelesen. Kosteten sie nicht mehrere Gulden so würde ich Dich ersuchen sie zu kaufen, sie verdienten es. Gern schickte ich sie Dir morgen allein ich kann sie nicht entbehren. Sind mehre gute Deutsche unter euern Bekannten so tretet zusammen und kauft sie, gewiß ihr freut euch meinen Rath gefolgt zu haben und dankt mir dafür.
Und nun noch einige Bitten an Dich[:]
Erstlich:   mache von dem was ich Dir aus Frankfurt schickte nur mit Aus
<   > strenger Auswahl Gebrauch, weil es theils noch gar
zu unvolkommen, theils zu diesem Zweck nicht gut genug ist.
Zweitens: erlaube Dir jetzt noch nicht ein bestimmtes Urtheil über die
Pestalozzische Methode zu fällen, denn sie kostet angestrengtes
Studium und viele praktische Erfahrung. Fest bin ich überzeugt
hättest Du nur die halben Erfahrungen die ich habe, oder es hätte
ein vollkommnerer als ich Dir darüber geschrieben, gewiß würdest
Du jede Gelegenheit und jede Dir übrige Kraft benutzen um
für ihre Einführung thätigst zu wirken.
Drittens: und dieß ist die Hauptbitte, schreibe mir so bald
Du nur den irgend etwas hörst, schreibe mir was zu hoffen
oder zu fürchten ist, schreibe mir so bald Du nur kannst, so
bald Du He. S. Schwartz gesprochen hast, ich erwarte mit
der größten Sehnsucht einen Brief von Dir. Schreibe mir
direkte unter der deutschen Adreße, bemerke nur auf
dem Briefe: Chez Mr Fr. Landry près de l'Eglise, /
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Willst Du und findest Du es zweckmäßig so kannst Du He. Schwartz sagen wie lange es schon mein Wunsch ist die Methode im Vaterlande eingeführt zu sehen, ließ meine Briefe in diesem Bezug noch mals durch und bemerke Dir was zu diesen Zweck gut seyn könnte; ich erinnere mich dunkel daß ich einmal etwas in Bezug auf die Stadtilmer Schule geschrieben habe.
Ich bitte Dich wirke für die Sache wo und wie Du kannst gewiß Bruder, glaube es dem Dich innig liebenden Bruder Du kannst keine schönere That auf der Welt thun, Du kannst als Volkslehrer Deine Pflicht nicht besser erfüllen; es sind schwere Worte die ich Dir schreibe ich habe jedes gewogen ehe ich es schrieb, denke Deiner Kinder und Deiner Nachkommen, sey Ihnen indem Du dem Lande hilfst segnender Vater für alle Zukunft, laß diese Worte Dein Herz treffen, lasse Dich dieselben stärken zur warmen feurigen That, Bruder ich sage Dir dieß mit ruhigem Gemüth, aber mein Höchstes und Bestes hat diese Bitte an Dich gebohren. Laß Deinen Augen geliebter Bruder die Form mit der ich Dich bitte schwinden, prüfe die Ursache. Immer habe ich gewünscht, recht thätig für das Wohl meiner Familie und zu ihrem Glück, zum Heil und Glück Deiner und des Bruders Kinder wirken zu können, so würde denn auch jener hohe Wunsch mir erfüllt indem aller meiner Mitunterthanen Heil und Wohl befördert würden. Man wird sonderbare Urtheile über mich fällen lasse es geschehen, Du bist Mann und kannst trage[n], ich kenne nur ein Leben das Gutes zu wirken alles andere liegt mir drüber hinaus und trift mich nur insofern es Hinderniß für jenen Zweck ist, vertheidige entschuldige mich nicht, sage die Wahrheit: daß es Dir selbst leid wäre daß ich der Sache das Wort spräche, aber vertheidige die Sache mit Mannes Rede, benutze die Zweifel zur Prüfung der Sache.
Schreibe mir in den nächsten Brief die Adreße an den Waisenhaus Inspektor und eine Charakteristik desselben. /
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Ob ich gleich nicht glaube daß es mit der Auswahl der Subjekte die hieher geschickt werden sollen schnell gehen wird, so ist höchst wesentlich zu < > vermeithen, daß keine oberflächlich gebildete junge Menschen, sondern unverbildete junge Männer mit natürlich gutem Verstande von Geistes u. Körperkraft und liebendem Gemüth gewählt werden, junge Männer die um dieser Liebe im Busen willen gerne Aufopferungen und Anstrengung übernehmen. Behüte uns der Himmel für einen Hoffmann in Schwarzburg, jetzt bedarf es der angestrengten Arbeit der rastlosen Thätigkeit da sind solche Menschen nicht zu brauchen der[en] höchstes Ziel ein OWacher [sc.: Oberweißbacher ?] oder Böhlner Pfarre[r] ist.
Ortloff wird, wenn ich vom Vater auf den Sohn schließe und wenn ich mir ein dunkles Bild zu beleben suchen viele zu machende Forderungen in sich vereinigen. Rudolph in Unterweisbach wäre gut, denn er ist arbeitsam und denkt ist menschenfreundlich liebreich und gut, dieß sind die Eigenschaften worauf und gut ihr sehen müßt. Sendet keine junge Candidaten der Theol. es bedarf der Menschen, bedenke es ist um praktische mit Aufopferung und Anstreng verbundene Darstellung, Ausübung zu thun, es gielt zuerst die Bildung des Volkes der Niedern der Land- und Waldbewohner.- Karl in Rudolstadt kann Dir nicht rathen, zu diesem habe ich nicht das mindeste Zutrauen, dieser ist eine Frucht der Zeit mit allen ihren Gebrechen. Karl ist seit er verheirathet ist für etwas besseres verlohren. Karl hat sich den Studium von Sprachen gewidmet durch die wir nicht beglückt werden, Karls Brust durchglüht nicht eine Liebe die ewige Liebe die ihm fähig macht für das Wohl seiner Brüder sich selbst hinzugeben. Egoismus ist sein Gott. Er muß uns fremd bleiben. O wäre Karl was er seyn könnte!-
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In den nächsten Stücken der in Leipzig bei Breitkopf herauskommenden Musikalischen Zeitung wird ein wichtiger Aufsatz über Pestalozzis Gesangbildungslehre, verfaßt von dem He. Nägeli den Du bald kennen lernen wirst, erscheinen, ich mache Dich darauf aufmerksam und ersuche Dich Dich zu bemühen jene Stücke derselben zu erhalten. Der Eingang ist wissenschaftlich, lasse Dich durch die Kunstsprache nicht abhalten, gönne was Dich als Volkslehrer interressirt Deiner beson- /
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dern Aufmerksamkeit. Mit den Büchern erhälst Du Ankündigungen dieser Gesangsbildungslehre, Theile sie mit versuche es ob Du jemanden z. B. in Rudolstadt findest der Subscribenten sammelt vielleicht Langbein u. Klüger, der Waisenhaus-Inspector oder He. Cantor Hundins. Diesem Gegenstand soll ein anderer Brief gewidmet werden.
Du hast vergessen mir den Namen der Fürstin zu schreiben ich konnte daher das Schreiben blos unter der Adresse
der Durchl. Fürstin, Fürstin Regentin von Schw: Rudolstadt zu Rudolstadt,
auf die Post geben, ich hoffe daß dieß seiner Ankunt nichts schadet.
Jetzt schließ ich mit dem Wunsche daß Du mir recht bald, gute Nachricht schreibst. Nochmals bitte ich Dich dießmals ja nicht wie bei dem letzten Briefe so lange mit Deiner Antwort zu warten denn es hängt viel von der baldigen Antwort von Dir ab, wie die Umstände jetzt stehen sehr viel.
Noch muß ich bemerken, und Du kannst diese Bemerkung <sacht> aussprechen. Mann muß die Pest: Unterrichts Methode nicht einzig nach dem Pest: Institute beurtheilen, denn dieß ist ein armes Institut wo täglich 200 und mehr Personen gespeißt werden müssen wo man also bei dem besten Willem und Einsichten nicht alles darstellen kann was man wohl wünschte und sollte; die Methode ist ihrer Idee nach und nach den bearbeiteten Unterrichts Gegenständen um vieles weiter fortgerückt als es wirklich im Institute dargestellt werden kann. Die Folgen und Wirkungen wer der P-schen Methode werden außer dem Institute immer weit größer seyn als in demselben, weil die Forderungen die an das Institut gemacht werden außerordentlich sind, und weil mann sich deßhalb zertheilen und seine Kraft vereinzeln muß. Wo dieß nicht der Fall ist z.B. in Landschulen, in der Stadtilmer Schule, da werden die Wirkungen ungeahndet seyn. Überhaupt wer nach Yverdun kommt braucht nur Wochen um sich zu orientiren und zu finden denn die Thätigkeit hier ist außerordentlich, und dem wer nicht in derselben lebt ein Gewirre.- Dieß zum Bescheid für He. Hoffmann der sich hier als aufgeblasenen Manne gezeigt hatte und schon alles wußte ehe er es nur sahe.- Grüße Deine Gattin u. Kinder herzlich von mir u. Bruder Traugotten nebst seiner Verlobten, wenn wird dieser mir schreiben?- Ich lebe glücklich sehr glücklich habe Frieden im Herzen mit Gott und der Welt - Nur kümmerts mich oftmals daß ich dem Vaterland nicht dienen kann.
A Fröbel.