Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Christoph Fröbel in Griesheim v. 26.8./2.9./5.9.1807 (Frankfurt/M.)


F. an Christoph Fröbel in Griesheim v. 26.8./2.9./5.9.1807 (Frankfurt/M.)
(KN 10,4, Brieforiginal 4 B 4° 16 S., mehrfach zit.)

Angefangen am 26en Aug. abgesandt am 5ten Septembr 7.
Mein Bruder. Mit Innigkeit danke ich Dir für Deinen letzteren liebevollen mit brüderl.
Herzen mir geschriebenen Brief. Ich habe mich recht sehnl. nach demselben
gesehnt u. ich muß Dir gestehen, daß ich wegen Eurer, besonders des Bruder[s]
Traugott ökonomischen Lagen recht sehr in Sorgen und in Wahrheit beäng-
stiget war. Dank, recht aufrichtiger Dank dem Himmel daß es nicht so
ist wie ich mir gedacht habe, daß er - Bruder Tr. - vielmehr zieml.
gute Aussichten hat. Ich freue mich außerordentl. auf den nächsten Brief
von Dir der ihm, der mir vielleicht meine schönen Hoffnungen bestätigen
wird.
Für alle die guten Nachrichten die Du mir von Dir u. Deiner Lage mitge-
theilt hast, danke ich Dir recht brüderlich, ich versichre Dir, daß sich mein
Herz darüber gefreut hat. Nimm diese Aussage in wörtl. Bedeutung wenn
Du je dieses Wonnegefühl empfunden hast.- (Ich will Dir durch dieses Wenn keines-
weges wehe thun, der Himmel behüte, es bezieht sich nicht auf die Sache,
sondern blos die Art u. Weise) Mit zartem Mitgefühl freue ich mich über
das Glück und den Segen, den Dir der gütige Vater im Himmel, als Vater hoffen
läßt.- Ich wünsche Deinem Weibe während ihrer Wonne verkündenden Lage
Ruhe der Seele, Freude u. Frohsinn. Ich bitte Sie um Vermeidung heftiger besonders
Leidenschaftlicher Bewegung ihres Gemüthes, - o möchte nimmer Ärger noch Ver-
druß ihr Seyn während diesem Zustand in Anspruch nehmen. Möchte nur
zärtliche Liebe zu ihrem Gatten u. ihrem künftigen Säugling u. das stete Andenken
an den herrlichen hohen - göttlichen Beruf, Weib - liebendes Weib u treue
Mutter zu seyn ihr reines Innere erfüllen.- Doch ich erschrecke
beinahe über das was ich niedergeschrieben habe, Gott wie leicht könnte
ich mißverstanden, werden und das was ich im herrlichen Hochgefühle, mit
meinem Reinsten höchsten Sinn niederschrieb verkannt werden. Glaube
ja nicht etwa, daß ich hier als Lehrer, als unberufner Lehrer erscheinen
wollte, der Himmel behüte, es entwischten mir hier Ideen, die mich wohl
manchmal beschäftigen wenn ich ein schwangeres Weib - ein, Ehrfurcht
einflößender Gegenstand - oder eine sorgende Mutter erblicke.
Es wahren dies Gefühle meines Herzens, die wohl einst dem Gespräche
daß ich mit meinem Weibe führen werde, Seele u. Leben geben werden.
Sollte Dein Weib diese Zeilen jene Worte lesen, so kann sie unmöglich darüber
u. über die Form wie ich sie niederschrieb böse werden - wofür
mir in Wahrheit bange ist - denn ich werde einst eben so mit
meinem Weibe, wenn mir der Himmel eines beschert - sprechen, und doch
werde ich mein Weib, einst mehr als mich selbst lieben.- /
[1R]
Du hast einige Stellen in dem was ich über meinen Plan sagte nicht deutlich
u. klar verstanden, dieß thut mir um meinetwillen leid, zumal da mei-
ne Zeit viel zu sehr beschränkt ist, als daß ich den Sinn klar u. deut.
auseinander setzen könnte, doch es thut so viel nicht, Du wirst ernst
k[l]ar und deutlich, durch helles Licht erleuchtet, den Zweck meines Strebens
Wollens u. Handelns sehen; bis dahin gedulde dich, dieß wird leicht
möglich seyn, da mein bisheriges Leben nicht zu großen Erwartungen berechtigt.
Mein Zweck, Streben u. Wollen als Lehrer u. Unterrichter (blos im
Äußern etwas verschieden vom Erzieher) der nicht aus jenem Dir Mit-
getheilten hervorgehen soll, also auch nicht darinne liegt, wird Dir klar
u. deutlich werden aus einer
Encyclopädischen Tabelle alles Unterrichts u. aller unterrichts-
Ge[gen]stände in ihrer organischen Verbindung u bedingten, abso-
luten Abhängigkeit von einander; abgeleitet vom abso-
lut einzigen
- im Seyn u Wesen des Menschen in der Erscheinung
des Menschen, (und mit dem Erscheinen des Menschen auf der Erde gegebenen)
gegründeten Princip.
Diese Arbeit ist dem Wesen nach beendigt, ihre Ausarbeitung beruht auf
Zeit. Auch der erklärende Commentar dazu ist angefangen, zu gehäufte
Geschäfte haben die Vorsetzung unterbrochen.
Wirst Du diese Arbeit - die Du auf jeden Fall von mir mitgetheilt
erhältst durchgelesen u. meine Idee aufgefaßt haben, so wirst Du
mich hoffentl. nicht mehr der Einseitigkeit noch weniger der Anerey
beschuldigen, sondern mich als denkenden, als selbstdenkenden, als nachden-
kenden Mann erkennen, welches zu seyn nur einzig der Würde des
Mannes angemessen ist.-
Recht hohe Freude hat mir Deine Theilnahme an meiner Ausbildung und
Dein Bestreben mir dabei leitender Freund zu seyn, gemacht; ich danke
Dir mit voller Seele - (Sey nur nicht böse über den kindlichen jugendl.
Frohsinn mit dem ich dieß niederschreibe, wenn er sich Dir vielleicht
aussprechen sollte, sey nicht böse über die gewählten Prätikate, denn ich
kann ja keine anderen wählen wenn ich das ausdrücken will, was
in meiner Seele liegt) ja ich danke Dir mit voller Seele dafür
- die vorgeschlagene[n] Mittel kenne ich und besitze ich alle - nur
Garve kannte ich von dieser Seite nicht u. besitze daher auch seyne
Schriften nicht, welche zu erhalten mir aber Geschäft seyn wird.
Beschenke mich - ich bitte Dich recht herzl. darum - beschenke mich in /
[2]
Zukunft immer - wenn es Dir Zeit u. Umstände verstatten mit Deinem
Rathe u. Beihülfe.

Am 2ten Septbr. Noch besondern, recht aufrichtigen Dank sag ich Dir für die Mit-
theilung Deiner Meinung über meinen Dir zuletzt mitgetheilten Plan.
Sie, Deine Meinung hat viel Wahres, und ich freue mich daß ich mir
sagen kann, daß ich schon früher mein Verhältniß in seinem ganzen
Umfang einer ernsten Prüfung unterworfen habe. Ich freue mich beson-
ders Dir versichern zu können, daß ich nie den großen Dank den ich
der so ädlen Mutter meiner Zöglinge, für ihren Einfluß auf meine
Ausbildung schuldig bin vergessen habe, noch je vergessen werde. Ja ich
sage Dir als Bruder, und ich darf es Dir mit Recht sagen, daß nur das innig-
ste und tiefste Durchdrungenseyn von meiner Pflicht als Mensch und der des
mich gewidmeten Berufs als Erzieher, umd mein Dankgefühl für die
Mutter meiner Zöglinge, mich bestimmen konnte, den festen und unver-
brüchlichen Entschluß zu faßen: von meiner Seite, wenigstens in den näch-
sten Jahren noch nicht die ein Erziehungs von Knaben Geschäft aufzugeben, das
in den Hauptsachen von den drückendsten Verhältnissen, widrigsten Umständen
und absurtesten Meinungen beschränkt dem sogar entgegen gewirkt wird wird; die Knaben zum Gegenstand
hat, deren tiefe Verdorbenheit sich täglich immer mehr entwickelt, ob ich gleich nichts weniger sagen will als daß sie bösartig wären, dieß sind sie nicht, aber sie sind nur so un-
glaublich schwach zum Guten, selbst wenn sie es einsehen, selbst bei allem guten Willen wird es ihnen oft unmögl. gut - z.B. aufmerksam, thätig, folgsam zu seyn, und wo
- wenigstens bei dem ältesten - nie an eine ratikale Besserung
zu denken, ist sondern höchstens dem Bösen, - vielleicht aber auch nur
auf kurze Zeit die Macht zu benehmen ist.- Du verweisest mich
auch [sc.: auf] Schwarz: (diesen habe ich wirklich mit Liebe studirt) ich finde
immer mehr wahr was dieser sagt.
"Ist das Kind (der Zögling) aus den Jahren der Kindheit getreten, so
muß auch alle Erziehung beendigt seyn, je mehr sich der Zögling
von den Jahren der Kindheit entfernt, desto weniger läßt sich
noch etwas an ihm erziehen rc."
Dieß, was ich hier sagte ist nichts weniger, als die mindeste Klage, oder eine
Folge von Überdruß; denn mein Entschluß ist wankellos: Gutes zu thun
weil es Noth ist, und da wo es am nöthigsten ist; ich werde gut und edel
handeln weil ich mir es zum ersten Gesetz gemacht habe gut und edel zu
handeln.-
Durch mich siehst Du also werde ich nicht bestimmt werden das ange-
gefangene Geschäft aufzugeben, nur der Nothwendigkeit werde ich
mich fügen, sollte diese nun frühe oder späte bestimmen meinen jetzigen /
[2R]
Wirkungskreis zu verlassen, so wirst Du hoffentlich überzeugt seyn, daß
ich mit der reiflichsten Überlegung und nach der strengsten Prüfung des Ver-
standes der Nothwen jener, der Nothwendigkeit folgen werden.-
(Da ich dieses nach dem NachmittagsUnterrichte niederschrieb, so war mein
Geist dabei nicht wenig zerstreut.)
Mit Vergnügen habe ich in Deinem Briefe die Versicherung gelesen, daß Du
mir so bald Deine dringendsten Geschäft[e] beendigt sind, Luthers
Werke senden willst. Ich muß Dir gestehen, daß ich glaubte Du
hättest es vergessen. Doch hat diese Deine Versicherung einen Gedanken
und nach oftmaliger Überlegung einen Entschluß in mir hervorge-
bracht, dessen Mittheilung an Dich, die erste Veranlassung zu diesem
Brief ist.
Meine Zeit ist so beschränkt wie sie nur im höchsten Grad beschränkt
seyn kann - (wie Dir schon beiliegendes Stunden Verzeichniß für
diesen Sommer beweisen wird, überdieß bedenke, daß die Kinder außer
jenen Stunden vom Aufstehen bis Niederlegen unter meiner Aufsicht
sind) - Doch genug.- Genug meine Zeit ist sehr beschränkt, und
meine Stelle erfordert von mir 1) als Erzieher von Kindern reicher Eltern und 2)
von Kindern, in diesen bestimmten und vielseitig bedingten
Verhältnissen lebend, wie diese meiner Zöglinge sind, und 3) nach ihrem nun ein-
maligen Seyn wie sie sind, - einen streng gründlichen, ununterbrochen
systematisch fortgehenden Unterricht, eine vielseitige, höhere Bildung mei-
ner Zöglinge, und dabei doch eine beinahe unbeschränkte Hingabe mei-
ner selbst meiner Zeit und meines ganzen Seyns und Wesens, wegen der Knaben
Seyn und Wesen. Will ich also die Forderungen die Meine Stelle
als Lehrer an mich macht, so nur einigermassen befriedigen
so muß ich im Wörtlichen Sinne, jede wenigen Minuten zu meiner
eigenen Aus- und Fortbildung benutzen; um dieses zu können muß
hauptsächlich auch meine Bibliothek gewählt und so besetzt seyn
daß sie mir keine Forderungen unbefriedigt, und mir keine Fragen
an Sie unbeantwortet läßt.- (zumal da mich meine Lage nöthigt abge-
schieden von jeder belehrenden Bekanntschaft zu leben) -
Wenigstens in zwei Jahren werde ich ernst aufgefordert werden
dem ältesten Knaben Ges[ch]ichte zu lehren ( - welches in Frankfurt ein
Mode Unterrichts Gegenstand ist) -
Ohne mich hier auf die Beantwortung der Frage: wenn und unter
welchen Umständen ist es Zeit Knaben oder vielmehr heranwachsenden /
[3]
Jünglingen Geschichte zu lehren?- einzulassen und ohne die Art und
Weise wie nach meiner Überzeugung Geschichte zu lehren sey und wie sie
gelehrt werden müsse, auseinander zu setzen, so deute ich hier nur blos
an, daß ich fest überzeugt bin, daß sie
1) ganz besonders dem moralischen, auch intellektuellen Seyn auch der
    Fassungskraft - kurz dem Bedürfnisse des Schülers angemessen,
    und in so ferne sie seine Ausbildung befördern könne, gelehrt
    werden müsse.
2) daß ihre LehrArt eine ganz andere als die der gewöhnlichen Lehrbücher
    seyn müsse, daß sie belehrend, unterhaltend, Interesse erweckend, und
    die ganze GeistesThätigkeit in Anspruch nehmend, aber auch bündig
    und zusammenhängend vorgetragen werden müsse, daß der
    Schüler zu einem Resultat komme; und daß die Spannung auf den
    Ausgang nicht vor der Entscheidung erschlaffe, und dann das eigentl.
    Bildende für Geist und Seele verlohren gehe. Kurz ich bin fest
    überzeugt, daß Geschichte im Allgemeinen, mit den Einschränkung[en]
    von Nr 1) Schülern zum ersten male Geschichte so gelehrt werden
    müsse wie Herodot sie erzählt.
Allein Geschichte so zu lehren ist eine höchst bedeutende Aufgabe
für einen Lehrer, besonders für einen dessen Zeit so beschränkt ist
wie die meinige, denn sie erfordert eine ziemlich tiefe Vertrautheit
mit ihr selbst, ein leichtes finden und ein Augenblickliches Zuhauseseyn
in allen ihren Theilen, besonders und hauptsächlich aber einen reichen
Vorrath von Materialien um das gerade jetzt Passende und Zweckmäßige
wählen zu können.
In so beschränkten Verhälthältnissen [sc.: Verhältnissen] wie die meinigen bedarf es
also wenigstens einige Jahre um mich fähig zu machen Geschichte
zweckmäßig vorzutragen. Um es mir aber auch nur in einigen
Jahren möglich zu machen, muß ich mir die Mittel so wählen vor-
theilhaft wählen, als nöthig ist, und als ich zu wählen im Stande bin.
Ich hatte daher den Gedanken:
Wie wäre es wenn Deine Brüder die Allg. W. Historie an Dich
abträten?- /
[3R]
Als ich diesen Gedanken näher und prüfender durchdachte fand ich folgendes für
ihn. 1) Würde ich durch den Besitz dieses Werkes zu den Besitz zu von etwas Ganzen
und Vollständigen über Geschichte kommen; - da 2) Geschichte in diesem
Werke doch ohne Zweifel nicht so trocken und oft wenigstens für meine
Forderungen und Ansprüche - nicht so gehaltlos vorgetragen würde, als in den
gewöhnlichen Lehrbüchern der Geschichte, so würde ich in demselben zu
meiner Erholung und zur Unterhaltung, besonders nach beendigtem
mühevollen Tagewerke lesen können und so 3) ohne zu große Geistes
Anstrengung und ohne mit Benutzung jeder freien Zeit, würde ich in
mir zu einen Schatz von Materialien kommen, der mir einst die wesent-
lichsten Dienste leisten, und einzig nur einen zweckmäßigen GeschichtsUnter-
richt möglich machen würde.- Damit dieser Schatz aber nicht in
mir zu einen Chaos würde, sondern ich vielmehr immer jedes an
seinen bestimmten Platz setzen könnte, würde ich mir erstl. Geschichte
encyclopädisch, entweder nach einem Compendium oder nach Tabellari-
schen Übersichten - zu eigen machen und besonders mit der Chronologie
festsetzen mich ganz vertraut machen. Hätte ich dieses beide vorge-
arbeitet so hoffte ich dann mit großen Nutzen, die einzelnen Abschnitte,
die ich nach meiner jedesmaligen besondern Neigung aus der allgem.
W. H. als Lektüre ausheben würde, zweckmäßig benutzen zu können.
Überdieß erwartete ich als Zugabe 4) daß die mancherlei Kupfer und
Karten einst meinen Unterricht mehr Leben und Interesse geben
würden. Von Eurer - Dir und Traugotts Seite schien für ihn zu seyn
daß Ihr 6) wohl so leicht nicht in den Stand kommen würdet sie die allgem.
W. H. benutzen zu können, warum solltet Ihr also einen großen Wunsch
haben sie bei Euch stehen zu haben.
Das Resultat dieser Prüfung brachte mich daher auf den Entschluß euch zu
"Die A. W. H. von Euch zu kaufen, wenn Ihr mir dieselbe abtreten wolltet.
Wo ich nicht irre haben beide Christian und Carl, (und so auch längst schon ich)
ihre Antheile an Euch - Dir und Traugotten abgetreten; es käme also
nur noch darauf an, ob Ihr noch entschieden wäret sie zu behalten; ist
dieß, gut so bleibts beim Alten; seit Ihr aber noch nicht entschieden,
und wollt Euch auch jetzt nicht entscheiden so will ich Euch unten noch
einen zweiten Vorschlag thun. Jetzt will ich einstweilen annehmen ihr wäret /
[4]
entschieden sie zu verkaufen.
Wie ich mich erinnere habt ihr sie im R. A. für 60 rth. ausgebothen. Ich
gebe euch incl. meines Antheils 100 Rheinl. Gulden, (59 rth 1 gr. 4 d.) oder was gleich
ist 60 rth. dafür. Glaubt mir, vieles Geld! denn in Wahrheit, ich kann sie hier
eben so vollständig hier jeden Augenblick für 50 Rhei[n]l. G. erhalten; allein
erstlich mögte ich gerne etwas vom Vater haben; wobei er mir immer
recht lebhaft vor Augen träte, 2) glaubte ich wirklich dem Vater wehe zu
thun wenn ich eine geringere Summe dafür bieten wollte, wozu ich mich
auch in Wahrheit nicht entschließen könnte. 3) ist ja auch mein Antheil
dabei wo denn auch 12 rth. abgehen 4) glaubte ich daß ihr mir erlauben
würdet den Kaufpreis gelegentlich abzutragen, doch hoffe ich daß er
bis Michaelis künftiges Jahr ganz abgetragen seyn würde.
Überlegt nun was Ihr thun wollt; aus den oben angeführten Gründen
wäre es mir dann, wenn ihr meinem Gesuche beystimmtet, lieb, wenn ich
die Bücher mit D. Luthers Werken und noch vor dem Winter erhielte.
Solltet ihr sie aber - Du und Traugott, sie gerne als Eigenthum behalten wollen
so habe ich einen anderen Vorschlag: wie wäre es dann, wenn ihr mir
sie auf einige Jahre lehntet, wenn ich sie benutzt hätte gäbe ich sie Euch
dann zurück?
Doch entscheidet Euch wofür ihr wollt, und gebt mir, wenn es nöthig ist
von Eurem Entschlusse Nachricht, und Du sey so gut und theile mir Deine
Meinung über meinen Plan die allgem. W. H. für mich zu benutzen mit
, dieß
wird mir außerordentlich lieb seyn.
Der Schwager in Kochberg ist böse darüber, daß ich Ihm nicht die Verän-
derung meiner Lage voriges Jahr bekannt gemacht habe, in dem er mir
schreibt: Ob sie gleich nicht, für gut gefunden haben den Plan ihres
Bestrebens uns
zu entdecken, so sind wir rc.- Welches Bestrebens?-
Doch dieß thut nichts zur Sache; in meinen Verhältnissen in die ich bis
jetzt immer vom Schicksal gesetzt worden bin, helfen nicht Worte, sondern
Thaten, durch Sprechen kommt man nicht zum Ziel aber durch die Flamme
des Denkens und die Kraft des Handelns
sagt Pestal. zu mir in meinem
Stammbuche, und so denke ich denn auch seit dem ich diesen, meinen vielge-
liebten alternden Vater verlassen habe. Gelegentlich versichere doch /
[4R]
d[en] He. Schwager, daß ich selbst Du erst spät von der Veränderung meiner
Lage benachrichtigt worden wärest, und daß ich mir ganz gewiß nicht
die Zeit genommen hätte, dieß so weitläufig zu thun, wenn ich nicht
Deiner Hülfe und Deinen Beistand bedurft hätte.- Sey über dieses offen-
herzige Geständniß lieber Bruder! ja nicht böse allein es ist so, und
die Ursache daß es so ist, kann Dir wohl nicht wehe thun.- Auch
jetzt laß kann ich dem He. Schw. nicht schreiben, denn ich weis [sc.: weiß] in Wahr-
heit nicht was, daß ich noch Hofmeister bin ist sehr wenig, daß ich
noch gesund bin, wer zweifelt daran, wenn jemand 25 Jahr alt ist, kurz
was ich d[em] He. ja schreiben könnte politsche Nachrichten rc. hat kein
Interesse für mich und was ihn [sc.: ich] wohl schreiben mögte, hat kein Interesse
für ihn. Grüße den Schwager u. die Schwester oder lasse sie durch
den Bruder gelegentl. Brüderlich von mir grüßen.- Doch ein Herz-
klopfen sagt mir doch eben, daß dieß doch wohl nicht so recht brüderlich
und die herzliche Theilnahme des Schwagers belohnend sey: ich werde also
bestimmt nächstens an den Schwager und die Schwester, wenn auch nur
einige Zeilen schreiben.
An den Br. Christian habe ich vor mehreren Tagen geschrieben, und
ihm das für ihn interessante aus Deinem Briefe mitgetheilt, besonders
wörtl. einen Theil dessen was Du mir von Br. Tr. Angelegenheit ge-
schrieben hast. Ja ich habe ihn sogar geschrieben - sey nur nicht böse
mit mir, - daß Du wegen der Zahlungen an ihn in Verlegenheit wärest,
und daß Du noch nicht wüßtest wenn Du ihn würdest befriedigen können.
Wir haben diesen Sommer hier schreckliche Hitze ausgestanden; der Baro-
meter
hat immer auf 24 u. 25 Grad gestanden, ja er soll sogar 27 u. 28
Grad gestanden haben.- Meine Knaben waren so von der Wärme ange-
griffen, daß sie immer wie im Traume sprachen, fast beständig schliefen u.
gar nichts thun konnten; ich konnte daher fast in 3 Wochen keinen ordentl.
Unterricht geben. Allein ich war in der drückendsten Verlegenheit von der
Welt, da die Kinder immer bei mir waren, und ich diese Krankheit gar
nicht zu deuten wußte, in meiner Angst hielt ich es für einen Anfall von
Verrücktheit besonders beim Ältesten, sogar die Meinung eines sehr geschulten
Arztes, der es für eine Wirkung der großen Hitze und des ganz ungewöhnl.
schnellen Wachsens des ältesten Knaben hielt, konnte mir jene Idee nicht unter- /
[5]
drücken. Jetzt, dem Himmel sey aufrichtigster Dank, ist alles wieder gut.-
Auf den Wiesen in der Nähe des Gutes sind Sprünge - ich habe sie heute
gesehen - 3 Querfinger breit und breiter ob es gleich schon öfterer des Nachts und Morgens geregnet hat -
Die Kartoffeln unsers des hiesigen Pächters stehen unbeschreibl. schlecht, ich glaube
4-6 an einem Stock, u die noch kleine.
Daß der Wein im Rheingau ganz vorzüglich gedeihet wirst Du aus
den Zeitungen wissen, der Vater meiner Zöglinge macht in Schirnstein ohn-
weit dem berühmten Johannisberg, eine der vorzüglichsten Weinlesen
so wie alle Weinbergbesitzer; der Wein selbst soll einer der allerbesten
Jahrgänge werden.
Diesen Sommer habe ich mit meinen beiden ältesten Zöglingen eine
kleine Reise auf dem Rhein bis Bingen, in die Nähe von Bacherach
und Wiesbaden gemacht. In Schirnstein, dem Gute d[es] He. v. Holzhausen
und der umliegenden Gegend z.B. Johannisberg sind wir einige Tage geblieben.- Bei Durchwanderung jener lieblichen
Gegenden, und jener im hohen hehren erhabenen Style, bei dem Anblicke
der überraschendsten Aussichten, wo auf einmal die schönste und frucht-
barste Gegend wie im Nu sich vor den Augen ausbreitet, so überrasch-
end und so erhaben ernst stimmend, daß ich mehrere Minuten vom Erstaunen
ergriffen unbeweglich stand und dann mich kaum halten konnte nieder zu
sinken auf meine Knie und zu beten zu dem, der alles so herrlich geschaffen
hatte - da, da habe ich Dich recht sehnlich zu mir gewünscht; o! es würde
für mich ein herrliches Fest gewesen seyn, hätten jene so innigsten Wünsche
erfüllt werden können.
Du bist nun einmal von mir gewohnt mein geliebter Bruder, daß jeder
Brief an Dich eine Bitte enthält; auch dieser Brief ist nicht frei davon,
ja er enthält sogar eine sehr Bitte herzliche Bitte, deren Erfüllung ich von Dir
gewiß erwarte.
Vor ohngefähr einem Jahre ist die Haushaltungs Mamsell der Fr. v. H.
die 8 Jahre bei ihr war abgegangen, weil ihr das Hauswesen für ihr Alter
etwas zu weitläufig war. Seit jener Zeit hat die Fr. v. H. schon einige
Personen bei sich gehabt um diese Stelle wieder zu besetzen, aber
sie waren in mehrerer Hinsicht traurige Subjekte. Auch gegenwärtig /
[5R]
ist dies wieder der Fall, und die Frau von H. würde gerne diese Person mit
einer anderen Person vertauschen, wenn sich hier nur eine taugliche finden
ließe; allein Du kannst nicht glauben wie schwer es in einer großen
Stadt, wo besonders der Luxus so herrschend ist als in Frankfurt, ist eine überhaupt
taugliche Personen für die dienenden Stellen, besonders aber
für diese Geschäfte zu finden, und ich muß Dir aufrichtig gestehen daß ich schon
oft die Fr. v. H.- bedauert habe, wenn ich mir sie mit diesen Personen
lebend und in Verbindung stehend gedacht habe. Vor ein paar Tagen führte
ein seltener Zufall das Gespräch auf diesen Gegenstand, und die Fr. v.
H.
sagte mir nur wenig von den Betragen u. Seyn ihrer jetzigen Mamsell
und ich muß gestehen daß ich die Nachsicht u. die Gedult der Fr. v. H,
mit dieser Person noch länger zu leben, bewunderte. Natürlich ent-
stand bald in mir der Wunsch, der Fr. v. H- eine bessere Person vorschlagen
zu können, und in demselben Augenblick erinnerte ich mich der Dem.
Rudolphi
die ehedessen einmal einige Zeit in Deinem Hause gelebt
hat. Freilich kenne ich Sie nur wenig, und gerade am wenigsten
von den Seiten auf welche hier am mehresten gesehen wird; allein
sie scheint mir für ein solches Verhältniß hinlänglich gebildet, zu
und dabei bescheiden und ohne Prätention zu seyn; sie schien mir ein
solches Verhältniß gehörig zu kennen um sich in demselben mit Würde
jedoch ohne beleidigend zu seyn zu betragen, sie schien mir zu wissen
welche Forderungen man mit Recht in einer solchen Lage zu machen,
und, welche Wünsche man zu unterdrücken habe, kurz sie schien
mir es zu verstehen mit sich und andern zu seyn und um sich die Zu-
friedenheit anderer zu erwerben - wie man es anzufangen habe
um immer heiter und froh zu leben.
Dieß alles ging schnell durch meinen Kopf und ich konnte mich
nicht enthalten der Frau v. H. meine Idee, die Du errathen wirst
nebst allen andern was ich von der Dem. R- wußte mitzutheilen.
Die Frau v. H. bat mich hierauf, mich doch bei Dir zu erkundigen.
1., ob die Dem. R- die Hauswirthschaft verstehe, näml.
a.) Rechnung über Einnahmen und Ausgaben zu führen. /
[6]
b.) Weißzeug in Ordnung zu erhalten.
c.) Das Kochen hinlänglich verstehe, so, daß sie eine Köchen [sc.: Köchin] unter
Aufsicht und Leitung und alles dazu gehörige in Verschluß nehmen
könne.
d.) Domestiquen und hauptsächlich die weibl. eine Köchin - eine Küch[en]-
eine Haus- und eine StubenMagd zu dirigiren verstehe; und
2.) ob die Dem. Rudolphi, wenn alles dieses der Fall wäre, wohl in diese
Stelle annehmen könne und würde?-
So weit, das was die Frau v. H.- auf meine Ideen Mittheilung
äußerte. Ich füge noch hinzu, sollte der Gedanke mit der D. Rud. nicht
ausführbar seyn, so bin ich überzeugt, würdest Du der Fr. v. H. eine[n] sehr
angenehmen Dienst erzeigen, wenn Du ihr vielleicht eine andere Person
die Du genau kennst, durch mich, zu dieser Stelle empfehlen könntest.
Auch ich bitte Dich recht sehr, dieß, wenn Du es kannst, zu thun; weil
die Frau v. H.- genöthigt wird, durch das Seyn ihrer jetzigen Mamsell,
viel der pflegenden Sorge für ihre 2 jüngsten Kinder, 2 Mädchen, häus-
lichen Geschäften auf zu opfern, die ihr, ihrem Stand und Verhältnisse
gemäß doch zu ferne liegen. Von diesen beiden gedachten Mädchen ist eines
6½ Jahr und das andere 8 Monate alt. Du wirst mit mir überzeugt
seyn, daß besonders Mädchen haupt[säch]lich blos von den Müttern erzogen
werden, und immer in ihrem Kreise leben sollten. Ebenso wirst Du mit
mit [sc.: mir] überzeugt seyn, daß überhaupt schon sehr frühe besonders aber
bei Mädchen leicht viel, sehr viel verdorben werden kann, was nach-
her zu verbessern ganz unmöglich ist. Dieß sind einige Andeutungen
der Gründe welche mich bestimmen recht herzlich zu wünschen, daß
der Frau v. H.- die Verhältnisse so günstig als nur immer möglich
wären um recht viel sich mit der Erziehung ihrer Mädchen beschäftigen
zu können, denn nicht allein hat die Frau v. H. sehr viel für Sinn für,
und Tackt und Gefühl in der Erziehung, sondern auch einen seltenen
richtigen Verstand, über dieß zeigt sich das jüngste Mädchen,
obgleich erst 8 Monate alt, doch als ein Wesen von sehr
harmonischen und glücklichen Anlagen. Du wirst
Dir aus diesen Andeutungen leicht erklären können /
[6R]
wie ich mich mit so großem Interesse für etwas verwenden könne, was
eigentlich außer der Sphäre meines Wirkens liegt.- Allein bedenke,
alles bezieht sich zurück, auf Erziehung, auf Erziehung von Mädchen -
einst Jungfrauen, durch die vielleicht mancher Jüngling Schwung und
Interesse für ein höheres Leben, ein ihm und der Menschheit würdiges
Leben erhält - einst Gattinnen, die einem für das Wohl der Menschen
arbeitenden Gatten das Leben angenehm machen sollen - einst Müttern,
den von Gott bestimmten die ersten Erzieher der neugebornen Menschen
zu werden.------ Bedenke dieß und was alles an dieses sich
anschließt, kannst Du mir böse wegen meiner Bitte wegen meinem
Wunsche seyn, kannst Du böse seyn, wenn Du mich in meinem Berufe
als Erzieher erblickst?-
Doch ich gehe zurück.
Mit dem gegründetesten Recht kannst Du aber auch jeder fähigen Person
die Stelle im Hause der Fr. v. H.- empfehlen, denn sie behandelt ihre
Leute mit der strengsten Billigkeit, und so schonend und sanft, daß ich
mich sehr oft im Stillen über ihre Aufopferung und Gedult gewundert
habe.- So weil ich sie als Erzieher ihrer Kinder seit 5/4 Jahren zu
erkennen Gelegenheit gehabt habe, so ist sie mir als eine sehr vollkom-
mene Hausfrau erschienen. Ich dächte, eine Person, die sich einmal
solchen Geschäften hingiebt, und sich dadurch schon auf so manches vielleicht
damit verbundene Unangenehme vorbereitet und gefaßt gemacht haben muß
könne sich in einem solchen Verhältniß nicht andern als wohl befinden. Wie könnte ich auch sonst auf die Idee
kommen, der Dem. R- die ich als ein achtungwerthes Frauenzimmer
kenne den Vorschlag zu thun hieher zu kommen?- Dieß Vorstehend[e]
habe ich Dir besonders geschrieben wenn Du einer andern Person den
Vorschlag thun wolltest hieher zu gehen.
Du würdest mir einen sehr angenehmen Dienst erzeigen und Dir ganz
bestimmt auch den Dank der Fr. v. H. erwerben wenn Du mir auf
die drüben ausgezeichneten Fragen, und ehe sich weiter etwas bestimmen läßt
hauptsächlich auf Nr. 2) antwortetest, recht bald antwor-
tetest; ich dächte in eben dem Maße ich weitläufig dar- /
[7]
über geschrieben hätte, könntest Du kurz darüber schreiben.
Nicht wahr mein Bruder Du antwortest mir auf meine Fragen, so
bald als es Deine Geschäfte etwas erlauben? und sey ja nicht böse
mit mir, daß ich Dich immer mit Bitten beschwere.
Mit der Vertheilung der Bücher bin ich ganz zufrieden, warum
hast Du aber d[em] He. Pfarrer Fischer kein Exemplar gegeben?- Doch
ich will keinesweges dieses Warum beantwortet wissen, Du hattest Deine Gründe
dazu und dieß ist gut.- Dem Bruder Christian sende jenes Exemplar
nicht; er hat mir über die Erziehung und den Unterricht seiner Kinder
geschrieben. Ich habe ihm schriftl. einige leitende Ideen besonders
über den Schreibunterricht mitgetheilt. Im Ganzen befolgt er Salzmanns
Schriften und dieß ist gut; ich mag ihn daher nicht in seinem Handeln
durch Mittheilung anderer Unterrichts Mittel u. Methoden irre machen
finde ich es für gut, besonders wegen dem Rechnen u. dem Betrachten von
Gegenständen (nach Anleitung des Buchs der Mütter) daß Christian
mit Pest. Schriften bekannter wird, so will ich mir das Vergnügen
machen sie ihm zu senden.-
Welches Gestern fiel mir wieder die Stelle Deines Briefes worinne
Du schreibst:
"Ich glaube, daß Du jetzt in einer der günstigsten Lagen bist, die
Du nur für Deinen Zweck hättest wählen können?["] - in die Augen[.]
Diese Stelle habe ich mit dem innigsten Vergnügen gelesen, weil sie mir
Deine uneingeschränkte Beistimmung zur Verlassung meiner Schullehrer
Stelle zusichert, und Deine Zufriedenheit mit meinem Handeln mir
zeigt, welches immer sehr hohen Werth für mich hat.
Ich unterschreibe das, was Du sagst mit der vollkommendsten Über-
zeugung. Zwar ist mir jetzt die Zeit viel zu beschränkt die Gründe
dazu auseinanderzusetzen, ich will hier nur anführen, daß mich mein Ver-
hältniß und Lage in jedem Moment auffordert mit Ruhe und Kaltblütigkeit
zu handeln, welches bei dem Seyn meiner Knaben wirklich keine kleine Auf-
gabe ist, sondern vielmehr die ganze Kraft des Verstandes erfordert.
Ich habe schon recht oft meinem Geschick gedankt, daß es mich in eine
Lage versetzt hat, wo es nöthig ist mit der strengsten Aufmerksamkeit
über mein Seyn zu wachen, und besonders mein Gefühl streng dem Verstand zu unterwerfen. /
[7R]
Doch eben fällt mir ein, daß ich Dir noch etwas zu schreiben habe in Bezug
auf das was ich im Anfang und der Mitte dieses Briefes sagte: - Ich
Den Stundenpl glaube Du wirst den richtigen GesichtsPunkt zur Be-
urtheilung meines Verhältnisses als Erzieher auffassen, wenn
Du Dich vielleicht Deines Wirkens im Brackmannischen Hause erin-
nerst; so wenig auch überhaupt Dein Verhältniß als Erzieher jener
Kinder mir bekannt wurde, und so manches ich vielleicht auch wieder
vergessen habe, so scheint es mir doch als wenn Deine Fr. Brackmann
einige Ähnlichkeit, wenigstens im Effekt mit dem Vater meiner
Zöglinge habe, insoweit nämlich bei dem verschiedenen Stand rc
Ähnlichkeit möglich ist. Du wirst Dir manche meiner Lagen in zieml.
Annäherung denken können, wenn Du Dich erinnerst wie oft in jener
Lage Dir Grundsätze bestritten, wenigstens bei deren Ausführung Dir viele
Hindernisse im Weg gelegt wurden, ob Du gleich jene von der innern Vor-
trefflichkeit und den bestimmt guten Effeck[t] Deines Wollen über tief über-
zeugt warest.-
Ich habe zwar den Stundenplan für dieses Sommerhalbe Jahr beigelegt
allein blos um Dir einen Begriff meiner Beschäftig[t]heit zu geben.
Du darfst ihn daher keinesweges einer prüfenden Kritik unterwerfen,
da seine Entstehung abhängig von dem Seyn der Kinder und den
Verhältnissen und den Einwirkungen war, die nur anzudeuten viel
zu weitläufig wäre.
Jetzt noch eine kurze Bekanntmachung mit den wichtigsten Hülf[s]mitteln welche ich besitze.
1. Geschichte a. Politz allgem. Weltgeschichte für die Jugend. b. Possolts Geschichte der Deut-
      schen so wie jenes 3 Bdn. c. Herodots Geschichte von Max. Jacobi übersetzt
      3 Bände.- Hüblers Synchronistische Tabellen der alten u. neuern Geschichte
      bis zum Lüneviller Frieden, nebst dem Handbuch zu den ersten 5 Bänden.
      c. Herders Ideen der Philos. der Geschichte 4 Bde.- Germanien u. Europa
      von Arndt.- e. Hegewisch Geschichte der Grachischen Unruhen. f. Voyage Du jeune Anacharsia 9 Vol. avec 31 planches.
2. Sprache. 1. Deutsch.- a. Bernhardti (in Berlin) philosophische Sprachlehre. b. dessen
      Sprachwissenschaft - c. de Sacy Sprachlehre übersetzt von Vater. e. Hein-
      sius
(in Berlin) Sprachlehre.- 2. franz. Hallisches Dictionair. rc
3. Pädagogik - 1. Schwarz. 2. Herbart's. 3. Sailer Pädagogik. 4. Jan Peaul Levana 5. Arndt über
      Menschenbildg. 6. Salzmanns Erziehung der Erzieher, ohne die Bücher von
      und über Pest. Methode, und phisische Erziehung.
5. Physiologie. Görres. 6. Schulphilosophie. Fichtes fast sämmtliche Schriften - Kant. Krug in Königsberg. rc. /
[8]
Es würde mich zu sehr aufhalten Dir noch Schriften über Naturge-
schichte, Naturlehre u Mathem. herzusetzen, diese Fächer habe ich
für mein Bedürfniß hinlängl. besetzt.- Besonders um mir
Bücherkenntniß zu erwerben bin ich in die gr. Frankfurter Lese-
gesellschaft getreten, worinnen der größte Theil aller wenigstens
alle die Bedeutendsten Journale, Litteraturzeitungen, und Zeitschriften
Deutschlands und mehrere ausländische zu finden sind.- Ich lasse
mir die Schriften auf die ich lesen will u. kann aufs Gut kommen.
Da mir die Zeit jetzt nicht erlaubt die Auszüge daraus, die ich mir zu
machen wünsche selbst zu machen, so halte ich mir jetzt wöchtenl.
3 Vormittage einen Knaben jungen Menschen der für mich mir schreiben
muß.- Der Beitrag zum Lesekabinet ist zwar mit Douceur den
Sekretär 20 <rth> allein ich habe schon sehr vielen Nutzen davon
gehabt, das ich beigetreten bin.
Noch stehe ich mit einer der angesehensten Buchhandlungen Frkfs
in Verbindung wo ich jedes neue und auch ältere Buch zum Durchsehen
erhalten kann, so bald es in Frankfurt zu bekommen ist. So
habe ich schon die von He. v. Humboldt heraus gegebenen Werke,-
den Cours historique et élémentaire de peinture ou galerie
complette du Musée Napoleon
, welches 300 Copien der schönsten
Gemälte aller Meister und Schulen enthält, und mehreres andere
erhalten. Nur schade daß mir die Zeit mangelt so mancherley
Gelegenheit die sich mir zu meiner Ausbildung darbiethet gehörig u zweckmäßig benutzen
zu können.
Doch ich sehe, daß es endlich im Ernst Zeit ist an das Ende dieses Briefes
zu denken, der unter der Feder zu einer solchen Voluminösität ge-
wachsen ist.- Sey über den verschiedenen Gehalt der Stücke woraus
er besteht nicht böse. Mein Geist war eigentlich beym Niederschreiben
desselben nie in seiner ungehinderten u. frei sich bewegenden Kraft,
vielmehr waren häufig meine Kopfnerven so sehr gespannt, daß die
Empfindung davon an Kopfschmerzen gränzten. Ein hohes Leben des
Geistes und die Leichtigkeit womit er sich so gerne bewegt wenn er fessel-
los ist spricht sich freilich nicht aus demselben aus, dagegen aber glaube ich /
[8R]
daß Du Dir aus demselben ein so ziemlich treues Bild meines gewöhnl.
Lebens das ich führe daraus zusammen setzen kannst - und ist dieß
so freue ich mich herzlich so habe ich mir einen Lieblings Wunsch erfüllt.
Aber über allem Schreiben über mich und meine Lage hatt[e] ich
bald vergessen Dir zu sagen daß ich mich recht innig theilnehmend
über den guten Fortgang Deiner Obstzucht gefreut habe. Ich danke
Dir recht sehr für die Mittheilung dieser Nachricht. Willst Du mir aber
noch ein größeres Vergnügen [bereiten], so gieb mir recht bald wieder Gelegenh[ei]t
Dir wieder gefällig zu seyn. Du kennst ja den Reichthum d[es] He. Pfarrer
Christ - alles was Du von demselben brauchen kannst u. zu haben wünschst
laß mich, zu meiner Freude, für Dich besorgen.- Du bist in Sorgen
wegen der Ausgaben die Du mir dadurch machst, laße diese, sie sind unnöthig
Du hast leider so andere u größere die ich Dir nicht zu heben - wenigstens
jetzt nicht zu heben im Stande bin; und wenn es mir ja auch eine kleine
Aufopferung kosten sollte, so bezahle ich ja dadurch kaum die Interessen für
das Kapital das ich Dir schuldig bin, denn ich habe ja schon auch manche Zeit
des Himmels Gabe mit Dir getheilt; überdieß mein Bruder hoffe ich
ja mit der Zeit u. zwar schon nächste Ostern in bessern ökonomischen Verhält-
nissen zu seyn, dann kann ich immer eine kleine Summe zu meinem Vergnügen
anwenden, gieb mir also dann immer wieder einen kleinen Auftrag
etwas für Dich zu besorgen - dieß wird für mich das größte Vergnügen
seyn daß ich mir machen kann. Bist Du ein Freund von sogen. ausländischen
Gesträuche?- hast Du Robinia pseudo Accatia (gem. Acc.) und ist es
bei Dir nicht zu kalt so will ich Dir Zweige von R. Hispida senden, um sie darauf
zu pfropfen. Dieser Baum trägt in großen Büschen prachtvoll rosenrothe Blüthen
ähnl. den der spanischen Wicke oder Zucker Erbse.- Kannst Du Weinfexer brauchen?-
Blumensämerey habe ich nicht vergessen. Meine Knaben sammeln aus
ihrem Garten - den sie durch mein großes Bitten an den Vater dieses Jahr erhalten haben
- allerhand Kleinigkeiten für Dich, die wenigstens schön sehen, wenn auch
an sich keinen Werth haben.
- Hast Du keine Silhouette von Dir übrig?- Du würdest mir eine
Gefälligkeit erzeigen, wenn Du sie mir schicktest - Eben dieß bitte ich Br. Traug.
den ich in Wahrheit auch recht sehr liebe. Grüße ihn u. sage ihm daß ich den seelen-
vollsten Antheil daran nehme wenn es ihm recht wohl gehe. Ich freue mich daß er ein Mann bei der Stadt
worden ist so etwas ist immer in den jetzigen Zeiten sehr gut, ich rathe ihn nicht es leicht hinzugeben. A[ugust]
Bald kann ich nicht einmal mehr einen Gruß, einen recht herzl. Gruß an Deine Frau u. Kinder herbringen.- Erzieht Dorchen zu einem guten Weibe!-