Praktiken des Schreiben- und Lesenlernens in der Schule der Moderne

Bericht über die Tagung am 15. November 2013 in der BBF

Am 15. November 2013 luden Prof. Dr. Sabine Reh (Direktorin der BBF) und Denise Wilde (Berlin) zu der Tagung mit dem Titel „Praktiken des Schreiben- und Lesenlernens in der Schule der Moderne“ Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Disziplinen wie der Historischen Bildungsforschung, der allgemeinen Erziehungswissenschaft, der Kulturanthropologie und Kunstgeschichte ein.

Im Rahmen der Tagung, die den Abschluss der BBF-Ausstellung „Von der Fibel zum Smartboard. Praktiken des Schreiben- und Lesenlernens in der Schule der Moderne“ bildete, diskutierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die vielfältigen Praktiken und Medien des schulischen Lernens und auch Lehrens von Lesen und Schreiben sowie die Frage nach der Materialität in solchen Prozessen und ihren langsamen historischen Wandel. Die Bestandsaufnahme bot eine erweiterte Perspektive auf die Geschichte der modernen Schule und leistete somit einen Beitrag zur bildungshistorischen Erforschung dessen, was sich im Klassenraum vollzieht.

Tagung Praktiken des Lesen- und Schreibenlernens in der Schule der ModerneProf. Dr. Sabine Reh stellte in ihrer Begrüßung unter dem Titel „Zur Bedeutung einer historischen Erforschung von Praktiken des Unterrichtens“ heraus, wie das Lesen- und Schreibenlernen in der Schule neben den Aspekten der Kultivierung und Ästhetisierung als Akte der Weltaneignung und Wissensproduktion jeweils historisch in spezifischer Weise Subjektivierungsprozesse in Gang setzt. Prof. Dr. Alfred Messerli (Universität Zürich) widmete sich in seinem Vortrag der „Durchsetzung der Literalität“ als triumphierende Norm in Mitteleuropa zwischen 1700 und 1900 und ihren Devianzen. Mit dem Blick auf konkrete Praktiken des Lesen- und Schreibenlernens gerichtet, befasste sich Prof. Dr. Marcelo Caruso (Humboldt-Universität zu Berlin) mit der Nachahmung beim Schreibenlernen im spanischen Kulturraum der Spätaufklärung durch Formen stummer, künstlerischer oder formal-regulativer Weitergabe, während sich Dr. Bettina Reimers (BBF, Berlin) in ihrem Beitrag mit der vom Grafiker und Schriftgestalter Ludwig Sütterlin entwickelten Sütterlin-Schrift und ihren pädagogisch-praktischen Erprobungen in der Schule Anfang des 20. Jahrhunderts beschäftigte. Dr. Wendelin Sroka (Essen) referierte gemeinsam mit Prof. Dr. Gert Geißler (BBF, Berlin) in einer international vergleichenden bildungsmediengeschichtlichen Perspektive über Praktiken des Schrifterwerbs am Beispiel von Fibeln für die deutschsprachige Bevölkerung in Polen. Mit dem Vortrag von Dr. Beate Klostermann-Reimers (Berlin) zu einer hebräischen Fibel von 1929 in ihrer visuellen und inhaltlichen Gestaltung und den Überlegungen von Denise Wilde (Berlin) zum Einsatz des Füllfederhalters in der Schule der Nachkriegszeit wurde der Fokus noch einmal explizit auf die Materialität des Lesen- und Schreibenlernens gerichtet. 

Abschließend diskutierten die Tagungsteilnehmerinnen und Tagungsteilnehmer über die erziehungswissenschaftliche und bildungstheoretische Bedeutung sowie sozial- und kulturgeschichtliche Einordnung sich verstetigender und wandelnder Praktiken des Schreibens und Lesens in der modernen Schule sowie über die damit verbundene Notwendigkeit ihrer weiteren wissenschaftlichen Erforschung. 

Die Gastgeberinnen Prof. Dr. Sabine Reh und Denise Wilde planen für 2014 eine Publikation zum Thema, die über die Dokumentation der Ausstellung und der Tagungsergebnisse hinaus weitere Beiträge zur Erforschung schulischer Praktiken des Lesens und Schreibens umfassen wird. Neben den Referentinnen und Referenten der Tagung haben u.a. Prof. Dr. Annedore Prengel und Prof. Dr. Hanno Schmitt (beide Universität Potsdam) sowie Dr. Verena Stürmer (Julius-Maximilians-Universität Würzburg) bereits als weitere Autorinnen bzw. Autor zugesagt.