Call for Papers für „‚Aus dem Schatten treten‘. Frauen an der Seite gelehrter Männer aus Wissenschaft und Kunst“

Call for Papers für die interdisziplinäre Tagung „‚Aus dem Schatten treten‘. Frauen an der Seite gelehrter Männer aus Wissenschaft und Kunst – Historische Erkundungen und systematische Überlegungen“ am 27. Mai 2016 in der BBF. Bewerbungsschluss: Dienstag, 15. September 2015.

Im Focus der geplanten Tagung stehen Frauen vor allem des 19. und 20. Jahrhunderts, die ungeachtet des für Frauen gesellschaftlich Akzeptierten an der Seite eines bekannten Forschers oder Künstlers eigenständig wissenschaftlichen oder künstlerischen Fragen und Aufgaben nachgingen oder die wissenschaftlichen/künstlerischen Arbeiten ihrer gelehrten Männer, männlichen Bezugspersonen oder Mentoren um einen eigenen Anteil ergänzten. Das Interesse richtet sich demzufolge auf Frauen, die das historisch vorherrschende Geschlechtermodell mit Eigenem_Sinn interpretierten, sich mithin nicht in üblicher Weise auf die Rolle als Ehefrau, Mutter oder Repräsentantin der Familie beschränkten.

In den Geistes- und Kulturwissenschaften gibt es derzeit keine wissenschaftstheoretisch und empirisch unstrittige Konzeption, wie Wissenschaftsgeschichtsschreibung zu erfolgen habe (T. Kindt/H.-H. Müller). Verstanden als eine „Disziplin in Bewegung“ (M. Hagner), wird die enge Nachbarschaft zu den historisch verfahrenden Kulturwissenschaften hervorgehoben, zugleich betont, dass Wissenschaft und Kunst ein Geschlecht haben (M. Kauko u.a.), weshalb Wissenschaftsforschung inzwischen auch als Geschlechterforschung betrieben wird (u.a. A. Bothe/D. Schuh; St. Hirschauer; P. Hoffmann; S. Höhler/B. Wahrig; D. Ingrisch; Th. Wobbe). Aktuelle Beiträge zeichnen sich durch eine Vielfalt von Narrationen, methodischen Zugriffsweisen und theoretischen Bezügen aus. Häufig bevorzugt werden angesichts komplexer Forschungsfragen und neuer Forschungsgebiete Einzelfallstudien; Brückenschläge zur historischen Biografieforschung werden zwischen „Narration und Methode“ (Ch. Katz) als besonders fruchtbar zum Verständnis von Akteuren und individuellem Handeln innerhalb gesellschaftlicher Strukturen herausgestellt.

In dem gesteckten Rahmen von gender studies, Wissenschaftsgeschichte und Einzelfallstudien bzw. Biografieanalysen soll die geplante Tagung verortet sein. Sie lädt ein zu Geschichten über Frauen, aber auch historisch-systematische Beiträge und die Diskussion methodischer Zugänge sind willkommen. Im Zentrum soll die Frage stehen nach dem Zusammenhang von Lebensgeschichte, Geschlecht und Wissenschaft/Kunst, und die Frauen sollen dabei mit ihrem Bildungsgang und Lebensweg als eigenständiger Akteurin Beachtung finden. Wie stellt sich der Zusammenhang von Wissenschaft und Geschlecht in der individuellen Lebensgeschichte dar? Welche Konstruktionen von Weiblichkeit lassen sich im jeweiligen historischen, sozialen und kulturellen Kontext rekonstruieren? Gab es eigene Frauennetzwerke, welche Teilmilieus finden sich? Wo zeigen sich Änderungen, Innovationen, Grenzüberschreitungen im Denken und Handeln dieser Frauen, und wo liegen die Barrieren? Wo zeigen sich Beharrungskräfte? Zu fragen wird auch sein nach der Genese, dem Charakter und der Bedeutung der aufzuzeigenden Interessengebiete und Leistungen der Frauen im Gesamtgefüge ihrer Lebensorientierungen und Handlungsmöglichkeiten. Die Frage nach der Verschiedenheit der Subjektivität von Frauen soll als Querschnittsthema die Einzelstudien verbinden, methodisch die Frage nach Quellen, die als Zeugnis für die „Stimmen der Frauen“ (R. Voltmer) geeignet sind.

Die Tagung findet am Freitag, 27. Mai 2016 in der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung in Berlin statt. Beitragsangebote in Form eines Exposés von ca. einer Seite erbitten wir bis zum Dienstag, 15. September 2015 an:

Prof. Dr. Sonja Häder
TU Dresden
Fakultät Erziehungswissenschaften
Institut für Erziehungswissenschaft
01062 Dresden

oder
Prof. Dr. Ulrich Wiegmann
Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung
Warschauer Str. 34-38
10243 Berlin

Literatur:

Alina Bothe/Dominik Schuh (Hg.): Geschlecht in der Geschichte. Integriert oder separiert? Gender als historische Forschungskategorie. Bielefeld 2014.

Michael Hagner: Ansichten der Wissenschaftsgeschichte. In: ders. (Hg.): Ansichten der Wissenschaftsgeschichte. Frankfurt a.M. 2001, S. 7-39.

Stefan Hirschauer: Social Studies of Sexual Difference. Geschlechtsdifferenzierung im wissenschaftlichen Wissen. In: Therese Frey Steffen/Caroline Rosenthal/Anke Väth (Hg.): Gender Studies. Wissenschaftstheorien und Gesellschaftskritik. Würzburg 2004, S. 19-41.

Sabine Höhler/Bettina Wahrig: Geschlechterforschung ist Wissenschaftsforschung – Wissenschaftsforschung ist Geschlechterforschung. Einführung in den Themenschwerpunkt „Wissenschaftsgeschichte als Geschlechtergeschichte“. In: NTM. Internationale Zeitschrift für Geschichte und Ethik der Naturwissenschaften, Technik und Medizin 14 (2006) 4, S. 201-211 (= Themenheft Wissenschaftsgeschichte als Geschlechtergeschichte).

Petra Hoffmann: Weibliche Arbeitswelten in der Wissenschaft. Frauen an der Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin 1890-1945. Bielefeld 2011.

Doris Ingrisch: Wissenschaft, Kunst und Gender. Bielefeld 2012.

Christiane Katz: Tagungsbericht ‚Zwischen Narration und Methode.‘ Neue Impulse in der historischen Biographieforschung. 5. Tag der Wissenschaftsgeschichte. H-Soz-Kult 29.02.2012.

Tom Kindt/Hans-Harald Müller: Konstruierte Ahnen. Forschungsprogramme und ihre ›Vorläufer‹. Dargestellt am Beispiel des Verhältnisses der geistesgeschichtlichen Literaturwissenschaft zu Wilhelm Dilthey. In: Jörg Schönert (Hg.): Literaturwissenschaft und Wissenschaftsforschung. Stuttgart/Weimar 2000, S. 150-173.

Miriam Kauko/Sylvia Mieszkowski/Alexandra Tischel (Hg.): Gendered Academia. Wissenschaft und Geschlechterdifferenz 1890-1945. Göttingen 2005.

Rita Voltmer: Stimmen der Frauen? Gerichtsakten und Gender Studies am Beispiel der „Hexenforschung“. Vortrag auf der Tagung „Wie weiter mit der Geschlechterforschung?“ veranstaltet vom Arbeitskreis Historische Frauen- und Geschlechterforschung 31.01.2014-02.02.14. H-Soz-Kult 16.05.2014.

Theresa Wobbe (Hg.): Zwischen Vorderbühne und Hinterbühne. Beiträge zum Wandel der Geschlechterbeziehungen in der Wissenschaft vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Bielefeld 2003.